20. Februar 2002
Unsäglicher Günter Grass – devote Literaturkritiker
Seit Jahrzehnten zieht Günter Grass über alles her, was auch
nur den Anschein eines deutschen Identitätswillens aufweist. Kein
Wunder, daß der Großautor die Geschichte und Gegenwart Deutschlands
extrem selektiv wahrnimmt. Noch gut in Erinnerung ist, wie der Nobelpreisträger
über die Wiedervereinigung Deutschlands urteilte: Seinen Landsleuten
sprach er die Fähigkeit ab, mit ihrem vereinigten Vaterland politisch
verantwortlich umgehen zu können. Das Grass’sche aktionistische PR-Muster
ist sich stets treu geblieben: kaum ein öffentliches Großthema,
zu dem es den sozialdemokratischen Wahlhelfer nicht nach dringlicher Äußerung
verlangt(e), auch dann, wenn es ihm sichtlich an Sachverstand fehlt(e);
kein nationaler Identitätsversuch, hinter dem er nicht Deutschtümelei
und Schlimmeres vermutet(e); ein Heer unverbesserlicher Bösewichte
ortet(e) er im konservativen Lager; hurtig fuchtelt(e) er mit der antifaschistischen
Keule, um seine Gegner zu Unpersonen herabzuwürdigen.
Diese Strategie war seit den Tagen seiner ›Windhühner‹ (1956) höchst
erfolgreich, hielt sie doch den Namen Grass in der Öffentlichkeit
auch dann wach, wenn es literarisch nichts oder nur Unbedeutendes von ihm
zu berichten gab. Grass hat sich sozusagen zur dauerpubliken Kulturgestalt
stilisiert, im In- und Ausland, mit unzähligen Zeitungsartikeln und
Interviews, mit Signierstunden und Festreden. Als Großautor praktiziert(e)
er ein Verfahren, das die Großindustrie ebenfalls erfolgreich anwendet:
allerorten und alleweil präsent sein, sozusagen eine literarische
Globalisierungsstrategie.
Dafür hat er allerdings einen doppelten Preis bezahlt: (1) Sein
Kerngeschäft, das literarische Schaffen auf höchstem Niveau,
war und ist als Folge seiner Dauerumtriebigkeit nicht mehr zu halten; das
Niveau von ›Das Treffen in Telgte‹ (1979) hat er nie mehr erreicht; ganz
offensichtlich fehlt ihm die Zeit, um sich mit neuen ästhetischen
Kompositionsverfahren gründlicher zu beschäftigen. (2) Aber auch
thematisch wirken die ›neueren‹ Grassbücher ›leer‹ und langweilig.
Gekauft wurden und werden sie dennoch, allerdings weil der Name Grass auf
der Titelseite prangt, wobei der Inhalt nur von sekundärer Bedeutung
ist.
Einem drohenden Wahrnehmungsverlust sucht nun der Nobelpreisträger
in bewährter kapitalistischer Marktetingmanier vorzubeugen. Was niemand
aufgrund der thematischen Grass-Landkarte erwartet hatte, ist eingetreten:
Grass entdeckt (für sich) deutsche Kriegsopfer und Vertriebenenschicksale,
an denen er über vier Jahrzehnte literarisch vorbeigeschaut hatte.
Plötzlich nimmt er die Leiden von fünfzehn Millionen deutscher
Vertriebener, die Schreie der sinnlos bombardierten Zivilbevölkerung,
den Massenmord an Deutschen in den befreiten Ländern des Ostens usw.
wahr. Ausgerechnet der Danziger Grass geniert sich nicht, eine Novelle
über den Untergang der ›Wilhelm Gustloff‹ zu veröffentlichen,
die, voll beladen mit Flüchtlingen, im Januar 1945 von Danzig aus
startete und von einem russischen U-Boot versenkt wurde. Das Alter ego
des Novellisten, der ›Alte‹, der sich bezeichnenderweise »müdegeschrieben«
(!) hat, ist zu einem weiteren Eingeständnis breit, das über
der deutschen Nachkriegsliteratur wie ein Damoklesschwert hängt: »Eigentlich,
sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der
ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben... Niemals, sagt
er, hätte man über soviel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig
und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen,
das gemiedne Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen.«
Über diesen Wahrnehmungswandel von Günter Grass höhnt
Freya Klier: »In Erinnerung sind aufdringliche Wortmeldungen ohne
Sachkenntnis, ist vor allem jener Roman über die Treuhand, der so
schlecht recherchiert war, daß die 70 Prozent Ost-Genossen in dieser
Einrichtung gar nicht vorkamen, was die PDS zu Begeisterungsstürmen
hinriß und Grass zum Lieblinsautor Nummer zwei der Partei gleich
hinter Gregor Gysi avancieren ließ. Nun ist es wieder soweit, ganz
Deutschland ist dazu verurteilt, die überwundene Verdrängungsleistung
des Autors schriftlich ausgebreitet zu finden. ›... Mochte doch keiner
was davon hören, hier im Westen nicht und im Osten schon gar nicht‹,
resümiert Autor Grass über die totgeschwiegene sowjetische
Gustloff-Versenkung. Das ist schon wieder falsch, kippt Realität in
die Schieflage... Wäre es nicht an der Zeit, endlich jene Autoren
zu würdigen, die – wie Walter Kempowski oder Arno Surminski – während
einer jahrzehntelangen Verdrängung den Mut zur Wahrheit aufbrachten
und dafür an den publizistischen Rand gedrängt wurden? Das hieße
wohl, den ersten wirklichen Tabubruch im noch immer politisch korrekten
Mediengeschäft zu riskieren, hieße die überfällige
Entschuldigung gegenüber jenen, denen genüßlich Verletzungen
zugefügt wurden, weil sie es wagten, nicht im deutschen Mainstream
mitzuschwimmen. Statt dessen greift wieder das alte Muster deutscher
Autoritätshörigkeit, und das ist reflektionsresistent: Ob Richard
von Weizsäcker, Friedrich Schorlemmer oder Günter Grass - ›mal
sehen, was sie uns heute wieder Kluges zu sagen haben‹... Fernsehjournalisten,
die sich vor kurzem noch ängstlich vor dem Vertriebenenthema wegduckten,
präsentieren sich per Totale als Pioniere; Schriftsteller besetzen
noch schnell den Bug eines Schiffes, dessen Versenkung sie jahrzehntelang
für nicht themenwürdig hielten.« Und Freya Klier weiter
in der FASZ v. 10. Febr. 02: »Der große Zambano« Grass
blase ins Horn, und schon seien die Feuilletons aus dem Häuschen.
Nun, da die geistige Wende zur historischen Wahrheit geschafft sei, werde
auch die Bombardierung Dresdens bald ihren Romanautor finden.
Hat Günter Grass diesen Hohn und Spott verdient? Mehr als das,
denn als eine der idolatrischen Leitfiguren der Nachkriegsepoche drängte
er die wenigen mutigen Literaten, die früh auch das Leid der Deutschen
und den Schuldanteil der Kriegsgegner thematisierten, öffentlichkeitsbombastisch
an den Rand. Gegen den Daueraktivisten Grass kam selbst ein Arno
Schmidt nicht an. Der aus Schlesien geflohene, öffentlichkeitsscheue
Schriftsteller legte bereits 1953 den Kurzroman ›Die Umsiedler‹ vor, der
das Elend deutscher Flüchtlinge nach 1945 schildert – ohne größere
Resonanz in den Feuilletons und bei den Lesern; ebenso geschah es mit den
Erzählungen ›Kaff‹ und ›Zählergesang‹. Die tonangebende Böll-Grass-Fraktion
hat alle und alles überschattet und der Nachkriegsliteratur die schwere
Hypothek des Verschweigens hinterlassen. Hätten doch die führenden
Literaten die einmalige Chance wahrnehmen müssen, der noch nahen Geschichte
ins Gesicht zu blicken. Literarisch wegschauen und vordrängen,
das war die gängige Schreibdevise. Daß auch Deutschen auf
mörderische Weise zugesetzt worden war, stand unter Tabu.
Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Wendenovelle ›Im Krebsgang‹ von
Grass wenig glaubwürdig aus. Wie linksideologisch der Großautor
und Kollegenüberblender seinen Salto rückwärts weiterhin
einfärbt, geht aus der Rechtfertigung der Figur des ›Alten‹ hervor:
Um der »bekennenden Reue« willen habe man zwar die Verbrechen
an den Deutschen ausgeblendet, nun (!) aber dürfe man nicht »das
gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen«.
Damit
überblendet der mediengierige Nobelpreisträger auch noch nachträglich
die verzweifelten Versuche des linken Kollegen Arno Schmidt, der das Flüchtlingsdrama
ins literarische Wahrnehmungszentrum vergeblich zu befördern versucht
hatte. Wenn es um die Grass-AG geht, kennt der Chef des PR-Unternehmens
keine Gnade.
Bei seinen geräuschvollen Auftritten kann er mit einer wohlwollenden
Begleitreklame vieler Feuilletonisten und Literaturkritiker rechnen. Das
Muster einer respektbeflissenen Besprechung bot die FAZ v. 9. Febr. 02.
Der Leiter der Literaturredaktion, Hubert Spiegel, wußte nichts
von einer Schieflage, vielmehr bescheinigte er Grass, daß er gründlich
recherchiert habe (als ob die Datenlage nicht leicht zugänglich wäre).
»Gut vertäut ruht die Novelle im Netzwerk der Verweise...«
Ganz im Sinne des Novellisten kommt Hubert Spiegel nicht ohne warnende
Hinweise auf den rechtsradikalen Mißbrauch des Gustloff-Themas aus.
»Grass vergißt nichts«, lobte der FAZ-Redakteur, der
sich vor allem an der Heizerperspektive stört. Die jahrzehntelange
Ausblendung deutschen Leidens entschuldigt H. Spiegel allen Ernstes so:
»Es war bundesrepublikanischer Konsens, daß deutsches Leid
und das an Deutschen begangene Unrecht nicht gegen die Verbrechen der Nazis
in Anschlag und zur Aufrechnung gebracht werden dürften. Wer ihn,
in welcher Form auch immer, in Frage stellte, lief Gefahr, als Revisionist
gebrandmarkt zu werden. Daß Günter Grass diesen Konsens mit
seiner Novelle aufkündigt (!), wird ihm viel Beifall, aber auch Kritik
eintragen. Man wird ihm, wie bereits geschehen, vorwerfen, daß er
zu spät kommt, nämlich zu einem Zeitpunkt, da es kein großes
Wagnis mehr bedeute, an deutsches Leid im Zweiten Weltkrieg zu erinnern.
In dieser Kritik werden sich die Gestrigen beider Seiten, die Altrechten
ebenso wie die Altlinken, einig finden« (FAZ v. 9. Febr. 02). Das
ist nicht ohne gewisse Infamie und historisch ebenso halbwahr (s.
A. Schmidt) wie für Literaten beschämend: Als ob sie nicht stets
Gefahr laufen
müßten, wenn ihnen politische Korrektheit
weniger bedeutet als ihre dichterische Wahrnehmungsobsession. Grass gehörte
über Jahrzehnte zu den literarisch Korrekten in diesem Lande und tobt
nun seine selbstkultische Leidenschaft an einem historischen Thema aus,
das politisch und medial zum Trendthema zu werden beginnt. Dabeisein ist
auch hier fast alles. Die frühen mutigen Thematisierer sind die
›neuen‹ vergessenen Opfer solcher Taktiererei. Grass versteht es wie kaum
ein zweiter, medial und in der Lesergunst stets obenauf zu sein, auch wenn
er nur variiert, was andere längst geschrieben haben. Und devote Feuilletonisten
tragen den literarischen Szenenkönig in einer Senfte durch die Menge
animierter Claqueure. Wäre es vorstellbar, daß Grass die
Forderung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen öffentlich
unterstützt, in Berlin ein ›Zentrum gegen Vertreibung‹ zu errichten?
Copyright by Erich Dauenhauer – Aus: www.walthari.com
4. März 2002
Wie zum bestellten Beweis der obigen Kritik entdeckt man im ›Handelsblatt‹
einer Wochenendausgabe im Februar die Rezension der Grass’schen Krebsgang-Novelle.
»Endlich ist es erlaubt«, schreibt Jörg Magenau, »auch
über das den Deutschen zugefügte Leid zu sprechen, ohne sofort
unter Revanchismusverdacht zu geraten.« Das ist blanker Zynismus
und widerliche Kritikerignoranz (warum: vgl. oben), waren es doch die
heutigen Wendehals-Linken, die über Jahrzehnte genau diesen Verleumdungsmechanismus
öffentlichkeitswirksam in Gang hielten. Kein »anderer wäre
geeigneter gewesen«, so der HB-Devotist weiter, »dieses Thema
aus der rechten Schmuddelecke herauszuholen«.
Arno Schmidt in der rechten Schmuddelecke der Nachkriegszeit? Jawohl,
die Grass’sche Volte »darf, ja muß gelobt werden«, auch
wenn »alles ziemlich kalkuliert« wirke.
Hermann Lenz vor Jahren: Die Literatur blühe, während die
Literaturkritik längst tot sei. Kein Wunder, wenn beim Kampf um
Aufmerksamkeit beinahe alles erlaubt ist: Ignoranz und Beliebigkeit,
Exhibitionismus (ein bekannter deutscher Verlag präsentiert Autorinnen
in Nacktfotos) und Kaspereien der seichtesten Sorte.
In der Kritikerszene waren Eitelkeit und Geschmacksverirrungen gewiß
niemals knappe ›Güter‹; was freilich neuerdings im aufgeregten und
aufgepeitschten Allianzgeschäft zwischen Verlagen, Medien und ›Kritik‹
dem Publikum zugemutet wird, trägt Züge brunftiger Schamlosigkeit.
Feuilletonistische Schwadronierer tragen ihre Unbildung und Leserverachtung
zur Schau, als gelte es, Juvenals Spießergesellen leibhaftig vorzuführen.
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Aus: WALTHARI, Heft 39/2003, S. 47
Ein kündender Dichter
Es gibt sie noch, die kündenden Autoren, die im Pathos altgriechischer
Sänger den ›Schrek-ken‹ prophetisch in Sprache fassen und dafür
von Kollegen und der Literaturkritik belächelt werden. Als V.S. Naipaul
den Nobelpreis für Literatur erhielt rümpfte
G. Grass
die Nase: Er, Grass, hätte sich einen würdigeren Laureaten vor-stellen
können. Grass, der technische Sprachmeister und gelegentliche Parteigänger
einer politischen Ideologie, ist weit entfernt vom ›Schrecken‹ und Schellingschen
Ab-grund. Naipaul hingegen scheut sich nicht vor dem Pathos der Leere,
dem Horror vacui, der für ihn zum Terror vacui wird, wenn er durch
die Welt reist und die Heimatlosigkeit der Menschen beschreibt. Enigma
und Kerygma, Rätselhaf-tigkeit und Prophetie werden bei ihm zu Schlüsselphäno-menen.
Das Aufblühen des islamischen Terrorismus und dessen New Yorker Apokalypse
waren für ihn so wenig eine Überraschung wie das Aufflammen des
rassistischen Fanatismus und des ideologischen Terrors.
Naipaul hat
»ein gewisses Gespür«, wie er selber sagt, für die
verräterischen Untertöne der Sprache...
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12. November 2006
Von Grass zu Grass: ein Desaster ohne Ende
Von Erich Dauenhauer
Längst ist nicht alles gesagt zum System Grass und zu seiner Implosion.
Der moralische Absturze des Nobelpreisträgers nach seinem Eingeständnis,
Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, wird seine restliche Lebenszeit
überschatten und sein kunstvoll gewebtes Präsentationssystem,
über viele Jahrzehnte weltweit ausgelegt, Stück um Stück
zum Einsturz bringen. Wie gewaltig und einflußreich das System Grass,
dessen letzte Namensbuchstaben wie runenförmig hochgesprungen erscheinen,
sich öffentlichkeitswirksam installiert hatte, belegen die nicht abreißenden
Wortmeldungen. Zur Zeit ist die Empörung in Israel besonders groß:
Die Verleihung einer Ehrendoktorwürde wurde dort ›verschoben‹, weil
Grass noch zwei Wochen vor seinem Geständnis dem israelischen ›Vorfühler‹
seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS verschwiegen hatte. Erschien schon
sein spätes Bekenntnis kalkuliert (weil gleichzeitig mit einer Buchankündigung),
so nimmt sich sein Verschweigen beim Gespräch über die akademische
Ehrung geradezu provokant aus. Gemessen am anhaltenden Medienrauschen,
verfügte Grass bisher über eine mächtige Resonanzmaschine.
Keine
andere Kunstfigur in Deutschland hat die Öffentlichkeit, die Schulen
und Hochschulen, die offizielle Politik (nicht nur unter Brandt), das allgemeine
Lesepublikum und das Ausland so stark in seinen Dienst zu stellen gewußt
wie Günter Grass. Keine Kulturredaktion, keine Schule, keine Buchhandlung
und keine Hausbibliothek ohne kräftigen Grass-Einschlag.
Rund um den Erdball melden sich unaufhörlich Kritiker und Verteidiger.
Die Reaktionen hierzulande schwanken zwischen Aufschrei und zünftigem
Beschwichtigen. Zu Wort meldete sich sogar das Bundespräsidialamt,
dessen Hausherr sich mit einem Mahnfinger auf Grass’ Seite schlug. Denn
das späte SS-Bekenntnis, der krachende Sturz vom Olymp des sich besser
wähnenden Moraldeutschen, hat nicht nur ein Idol unheilbar beschädigt,
der Fall Grass hat auch dem Ansehen Deutschlands schwer geschadet:
Wenn schon, so die vielfache Meinung im Ausland, diese Lichtgestalt eines
besseren Deutschland nicht frei ist von Nazischwärze, wie tief muß
das Land noch insgeheim in brauner Stinkmasse stecken, die nicht einmal
investigativ, vielmehr erst selbstbekennerisch ihren Geruch freigibt? Deutschlandverächter
stellen genießerisch diese Frage und wärmen damit, wieder für
lange Zeit, den braunen Generalverdacht auf, einen Generalverdacht, den
auszuräumen Millionen redlicher Landsleute seit 1945 sich alle Mühe
gegeben haben.
Lauterkeit gegen das Raffinement eines Verlautbarungssystems, das kaum
einen Monat unbeschallt und ungescholten vorübergehen ließ und
in dessen Kalkül eine bisher geheim gehaltene Nazivergangenheit bis
zuletzt zur stillen Reserve gehörte. Das System rechnete sich bis
zu seinem Leerstand.
Oh ja: Einem wirrköpfigen Siebzehnjährigen, ob verführt
oder aus eigenem Entschluß, ist der Beitritt zur Waffen-SS schwerlich
anzulasten, obschon es unzählige Fälle mutigen Widerstands von
Gleichaltrigen gegeben hat. Von Grass in diesem Alter verlangt niemand
heldenhafter Widerstand. Daß es aber bis zum bald achtzigsten Lebensjahr
dauerte, ehe ein mit höchstem moralischem Anspruch daherkommender
Literat seine Lebenslüge offenbarte, grenzt an Perfidie. Denn die
Öffentlichkeit und das Lesepublikum müssen sich schwer getäuscht
fühlen, wenn einer exakt darin selber verstrickt war, was in seinem
literarischen Anklagezentrum steht. Was wunder, daß die ›NZZ am Sonntag‹
vom 20. August 2006 zum Vernichtungsschlag ausholte mit dem Urteil: Es
»zeugt von niederen Instinkten«.
Der Causa Grass haftet nämlich ein Gesinnungszug an, der noch beim
Sprung in den Abgrund auf Selbstinszenierung nicht verzichten will. Über
Jahrzehnte hat er unwidersprochen die Mär verbreiten lassen, er sei
als Flakjunge lediglich Luftwaffenhelfer gewesen. Diese Täuschungsgesinnung
wird von einem Denken unterfüttert, das seine demokratische Gesinnung
mehr als nur infrage stellt. »Wir hatten Adenauer, grauenhaft, mit
all den Lügen, mit dem ganzen katholischen Mief. Die damals propagierte
Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die
es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte. Die Nazis hatten auf oberflächliche
Weise eine Art Volksgemeinschaft etabliert. Klassenunterschiede oder religiöser
Dünkel durften da keine vorherrschende Rolle spielen.« Und weiter
bei dem Autodafé: »Gleichaltrige meiner Generation, Christa
Wolf etwa oder Erich Loest« seien »im Osten des Landes sofort
mit einer neuen und glaubhaften (!) Ideologie versorgt« gewesen (im
FAZ-Interview vom 12. Aug. 2006). Im Gesinnungshaushalt bis heute war
bei diesem Nobelpreisträger die Adenauerzeit also grauenhafter als
die Nazizeit und die kommunistische DDR-Ideologie glaubhafter als die Freiheiten
der neuen Bundesrepublik. Kommentierte die FTD am 16. August 2006 (S.
24): Grass ist ein »unerträglicher Doppelmoralist und, schlimmer
noch, ein Gegner freiheitlich-demokratischer Politik... Grass’ Geschichte
spiegelt die Lebenslüge der deutschen Linken«. Er sei ein »Vordenker
des Antiamerikanismus«; wer »heute am linken politischen Rand
gegen Amerika pöbelt«, könnte »irgendwann von der
rechten Seite her gegen Amerika« kämpfen« (Hervorhebung:
E.D.). »Es ist der letzte Akt eines menschlichen Dramas. Die Götterdämmerung
ist angebrochen«, schließt der FTD-Kommentator Wolfgang Münchau
seinen Verriß.
Damit aber immer noch lange nicht genug: Hinter dem moralischen und
politischen Gesinnungsdebakel verbirgt sich ein Ego, dem die Tugend der
Demut völlig fremd ist. In gewohnter Selbstgerechtigkeit will er seinem
Publikum glauben machen, über die Waffen-SS nicht recht Bescheid gewußt
zu haben. Mit direktem Rassismus habe er erst in amerikanischer Gefangenschaft
ein Erlebnis gehabt. Holterdipolder, Grass! Unwissenheit und Selbstmitleid
ausgerechnet bei jemandem, der über Jahrzehnte die Mitwisserschaft
anderer heftig anklagte. Wo immer die Schuldfrage und das Schuldigsein
zum öffentlichen Thema wurde (und das war gleichsam der gesellschaftliche
und politische Dauerton), war der einstige ›Frunsberger‹ mit verbalen Hieben
zur Stelle. Hat er sich nie gefragt, ob die öffentliche Beschädigungsmaschinerie,
die auch zur sozialen Vernichtung führen konnte, nicht nur Schuldige
traf, sondern auch Menschen, die z.B. den Political-Correctness-Redeton
verfehlten – wie Jenninger vor Jahren im Bundestag? War Grass nicht
die Anklageautorität schlechthin? Ist er nicht über Kurt Georg
Kiesingers NSDAP-Mitgliedschaft hergefallen, um »vor einer neuen
Einschwärzung der Republik« zu warnen? »Es ist heute peinlich,
Grass’ Essays und Reden nachzulesen«, notiert Nils Minkmar in der
FAS v. 20. Aug. 2006 (S. 23) und fährt fort: »Grass ist bis
zu diesem Sommer seiner... Linie treu geblieben: Einfach leugnen.«
Was seine Verteidiger vorzubringen haben, überzeugt nicht:
-
Ein Nobelpreiskollege meinte allen Ernstes, daß die verborgene Scham
ein Hauptantrieb für das Schreiben gewesen sei. Man wagt den Gedanken
kaum zuende zu denken: Die Caravaggiothese als ästhetisch-karthardische
Erklärungsakrobatik?
-
Bischöfe sprechen von einer Jugendsünde, welche Nachsicht und
christliche Vergebung verdiene. Haben sie das Grass-Interview und die darin
geäußerten Unsäglichkeiten nicht zur Kenntnis genommen?
-
Verniedlichend nennt Adolf Muschg seinen Schreibkollegen »den Kindersoldaten
Grass«, der Scham empfinde und dem »seine Verleumder jetzt
auf den Leib rücken«. Verleumdet wirklich, wer sich an Fakten,
besonders an späte, hält?
-
Auf einer noch tieferen Linie verteidigt Walter Jens den »Meister
der Feder«, der »Einkehr« halte »und überlegt...:
Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan und
verdient mein Respekt.« Mein Gott, Jens: Ihre NS-Mitgliedschaft haben
Sie bis vor drei Jahren, trotz eindeutiger Unterlagen, bestritten. Grass
hatte Sie damals heldenmutig in Schutz genommen: »Damit kann man
nicht ein Leben zudecken.« Jetzt bedanken Sie sich artigst unter
Ihresgleichen.
-
Die unsägliche Moral beschädige nicht sein großartiges
literarisches Werk. Viele Schriftsteller seien moralische und charakterliche
Lumpen gewesen und hätten dennoch Weltliteratur zustande gebracht.
Doch selbst wenn man annimmt, daß Moral und Ästhetik nichts
miteinander zu tun haben (Kant, Schelling u.v.a. würden heftig widersprechen),
so überzeugt diese Entlastung zumindest diejenigen Verteidiger nicht,
die in anderen Fällen exakt das Werk lebensmoralisch beschädigt
sehen und es verurteilen. Was Knut Hamsun und Ernst Jünger in der
Literatur, sind Pfitzner und selbst Wagner für die Musik. Aktuell
steht der in den Nationalsozialismus involvierte Breker für das totale
Abmoralisieren seiner Skulpturen (vgl. den Beitrag in diesem WALTHARI-Portal:
›Werner Spiess übergibt sich‹).
-
Hellmuth Karasek lieferte bei den Grass-Tumulten eine erneute Probe seiner
wechseltollen Literaturkritik. Hat er schon mal das nämliche Buch
an einer Stelle zerrissen und an einer anderen gelobt (vgl. die WALTHARI-Notiz),
so hält er Grass jetzt vor, den Nobelpreis »erschlichen«
zu haben, während er noch vor Jahren lobend vom »unbequemen
Mahner« sprach. Hauptsache, man hat eine öffentliche Stimme.
-
Nach dem gleichen Motto verfährt offenbar die FAZ, die den Grass-Skandal
ins Rollen brachte und sich zugleich als Forum für das neue Grassbuch
zur Verfügung stellt: mit einer dreizehnseitigen Tiefdruckbeilage
am 19. Aug. 06, »ein Kunstwerk und Sammlerstück« unter
Mitwirkung des Beworbenen. Während Hubert Spiegel den ›Zwiebel‹-Autor
schonend rezensiert (in: FAZ Nr. 198/06, S. 42), holen andere Redakteure
im gleichen Hause und Gastkommentare zu wuchtigen Schlägen aus. Hauptsache,
das Medienfeuer brennt weithin erkennbar. Auch sog. Qualitätszeitungen
verbiegen sich zuweilen, um die Auflage zu steigern.
Wie steht es mit der literarischen Qualität des Grass’schen Werkes?
Nach ganz überwiegend herrschender Meinung von Literaturwissenschaftlern
und Literaturkritikern schwanke zwar die Qualität, sie habe gewiß
mit den Jahren auch abgenommen, doch der Autor der ›Blechtrommel‹ dürfe
einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte, ja in der Weltliteratur
des 20. Jahrhunderts beanspruchen. Daran zweifelte schon vor Jahren Karl
Heinz Bohrer: Grass sei ein Vertreter des bloß »Kunsthandwerkhaften«
auch im Literarischen, mit dem man das Publikum beeindrucken könne.
Im Qualitätsspiegel der Bohrer’schen poetischen Negativität (vgl.
WALTHARI-Hefte
Nr. 37, 38 u.a.) hat Grass weiß Gott keinen Platz. Und Johannes Groß
in seinem ›Notizbuch‹ (FAZ-Magazin, Heft 880): »Am Ende des Jahrhunderts
kann den großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur wie Böll
und Grass die gleiche Zukunft vorhergesagt werden, wie sie Paul Heyse oder
Carl Spitteler vom Beginn des Jahrhunderts beschieden war.«
Was von Grass literarischen Bestand haben wird, kann hier offenbleiben.
Was
er angerichtet hat, läßt dagegen keinen Zweifel aufkommen: Er
hat, als gestürzte Ikone des angeblich besseren Deutschland, seinen
Landsleuten noch mehr geschadet als sich selbst. Ein ganzes Land ist wieder
unter Generalverdacht geraten. Genüßlich hört man es
aus der Schweiz: Grass habe »sich vom Angehörigen einer Elite-Truppen
(Waffen-SS) zum Herrenmenschen des Kulturbetriebes hinaufgedient«
(›Weltwoche‹). Herrenmensch – die Springvokabel zur Wiederbelebung der
antideutschen Szene.
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
Zitate
»Herr Grass, Sie gehören noch zur sogenannten Flakhelfergeneration.
In welcher Weise sind Sie durch ihre Kriegserfahrungen geprägt worden?
– Ich verdanke den wenigen Monaten, in denen ich noch zum kriegerischen
Einsatz gekommen bin, d.h. mich auf dem Rückzug befand und in der
Nähe von Berlin auch verwundet wurde, eine bestimmte Kenntnis: Ich
weiß seitdem, was Angst ist. Und ich weiß, wenn ich mich daran
erinnere, wie viele von diesen 16-/17jährigen übriggeblieben
sind, als meine Einheit unter diesen sogenannten Stalinorgelangriff geriet,
daß ich zufällig überlebt habe. Und diese Einsicht ist
mir geblieben. Das relativiert vieles. Das andere ist der bei mir erst
nach Kriegsende einsetzende Schock, als ich mit gezwungen sah, gegen innere
Widerstände die von Deutschen begangenen Verbrechen zur Kenntnis zu
nehmen.«
Wolf Scheller, in: HB Nr. 195 v. 10./.11. 10. 1009, S.
G 7.
»Wenn sogar ein Vorzeige-Deutscher wie Grass sich nachträglich
als SS-Mann entpuppt, was bedeutet das dann für die Generation der
Kriegsteilnehmer insgesamt?«
Joachim Güntner, in: NZZ Nr. 195 v. 24.08.2006,
S. 25.
»Der frühe Ruhm war ihm sofort zu Kopfe gestiegen. Außerdem
nahm in dem Maße, in dem seine literarische Bedeutung in späteren
Jahren, Jahrzehnten, nachließ, seine politische Rechthaberei immer
mehr zu. Grass entwickelte ungehemmt eine beträchtliche Neigung, sich
unmäßig zu verbiestern, weltfremd zu verbohren. Seine Landsleute
fanden vor seinem kritischen Blick selten Gnade. Er mag die Deutschen
nicht, traut ihnen noch immer alles erdenklich Schlimme zu...
Mit Hilfe der beträchtlichen Resonanz, über die er nun einmal
verfügt, die er immer wieder mobilisieren kann, hat er im In-und
Ausland, oft maßlos, Ängste uns Deutschen gegenüber geschürt.
Den Höhepunkt grotesker Bekehrungen erreichte Grass zur Zeit der Wiedervereinigung,
als er ernstlich eine Wiederkehr des verblichenen Reiches und mit ihm ein
erneut mögliches Auschwitz befürchtete...«
Arnulf Baring, in: Welt am Sonntag, Nr. 40 vom 3. Okt.
1999, S. 45; Hervorhebungen: E.D.
»Grass, so bekennt er spät in seinen Memoiren, war nicht
der harmlose Flakhelfer, als der er sich bisher ausgewiesen hat; er diente
als Freiwilliger in der Waffen-SS. Er war, im Alter von siebzehn Jahren,
ein antibürgerlicher Ausbrecher, begeistert vom Schneid der brutalen
Truppe, gläubig in der Erwartung des Endsiegs... Er galt bis
dato als moralische Instanz... warb um Sympathien für die
DDR, demonstrierte seine Verachtung der USA und geißelte den
global ausgreifenden Kapitalismus. Hierbei verfuhr er ganz unzimperlich;
auch genoß er sichtlich die Resonanz seiner Invektiven.«
Martin Meyer, in: NZZ Nr. 191 v. 19./20. Aug. 2006, S.
25; Hervorhebungen: E.D.
»Sentimental war Grass nie, mehr oder weniger anarchisch immer
schon. Wo er seiner ›durchtanzten Jugend‹ lapidar gedenkt, wird nichts
beschönigt.«
Marcel Reich-Ranicki, in: FAZ Nr. 201 v. 30. Aug. 2003,
S. 42.
»Das weitverzweigte Versteckspiel der Erinnerung im Werk von Günter
Grass«
Dorothea Dieckmann, in: NZZ Nr. 198 v. 28. Aug. 2006,
S. 26.
»Günter Grass hat also nicht nur seine SS-Vergangenheit lange
verschwiegen, sondern auch das Elend des eigenen Volkes, die Leiden der
Deutschen im Krieg. Aber solche traurigen Wahrheiten paßte neben
nicht ins linke Klischee der antifaschistisch umerzogenen jungen Menschen.«
Arno Lustiger, in: FAS Nr. 36 v. 10. Sept. 2006, Feuilleton
S. 28.
21. Februar 2001
Vertreibung aus Politik und Gesellschaft
Schurkenstücke, Schaugeschäfte, Systemmaschinen
Aus: WALTHARI, Zeitschrift
für Literatur, Heft 33/2000
Emigration, innere. Jeder Gesellschafts-
und Völkerkundler weiß es: Das wertvollste Kapital, über
das menschliche Gemeinschaften verfügen können, ist ein stabiles
Vertrauensnetz, dessen horizontale und vertikale Verstrebungen erst alle
Teile zum Ganzen machen. Die Netzstränge haben sich in fast allen
westlichen Hochkonsumstaaten sichtbar gelockert oder sind sogar gekappt
worden, nirgendwo aber so abrupt wie in Deutschland. Zwei Belege unter
vielen: geringe Wahlbeteiligungen und Hinnahme anhaltend hoher Kriminalität.
Der
Wohlstandsbürger hat die innere Emigration angetreten, kaum ein
Wort der Regierenden glaubt er noch, und mit der jeweiligen Opposition
hat er ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht: Sobald sie regieren kann,
gilt auch bei ihr das gebrochene Wort. Schaltet er das Fernsehen
an oder liest er die Presse, glaubt er in ein Theatrum politicum der
immerwährenden Schurkenstücke zu blicken: Andersdenkende
werden niedergemacht, ausgetrickst und als gesellschaftsfeindlich hingestellt,
während man selber »immer schon gesagt hat...« Derweil
der Herr Bundespräsident landauf und -ab seine hochmoralischen Reden
wohlfeil anbietet und selbstberufene Wächtertrupps über jeden
Vorstoß herfallen, der nach Fluchtwegen aus dem Gefängnis
der Political Correctness sucht. In einem Brief stellte Goethe schon
1791 resignierend fest, in einer Welt zu leben, »wo die leidige Politik...
alle freundschaftlichen Verhältnisse aufzuheben und alle wissenschaftlichen
Verbindungen zu zerstören droht«. Alle! Warum, so fragt sich
der Bürger, warum sich am politischen Betrieb beteiligen, wenn darin
die Mindeststandards zivilen Umgangs und bürgerlicher Moral so wenig
gelten? Wenn die Akteure und Aktricen über den Wählerwillen und
den Verfassungsauftrag ihre heilige politische Dreifaltigkeit stellen:
Macht, Ruhm und materielle Selbstversorgung aus Steuerkassen? Dem Bürger
genügt ein kurzes Hinschauen, kürzer als beim Wetterbericht:
halb wird man vertrieben, halb emigriert man aus eigenem Entschluß.
Gelangweilt und zuweilen angewidert von den abstrusen Einfällen der
politischen Regisseure und ihrer medialen Multiplikatoren. Das Subventionstheater
des Parteienstaates hat vom literarischen Subventionstheater abgeschaut
- verstümmelte Schillerfiguren hier, die längst nicht mehr die
Welt deuten, zerfledderte Mythen dort.
Polarisierungen. Auseinanderdriften kennzeichnet
wohl am treffendsten die Lage. Immer weiter weg rücken die Kirchen
von ihren Gläubigen, die Regierungen vom Volk(1)
die Parlamente vom Wählerwillen, die Behörden von ihren Kunden,
die Gerichte vom gemeinen Rechtsempfinden, das Fernsehen von seinen Zuschauern,
die Verbände (einschließlich der Parteien) von ihrem begrenzten
Verfassungsauftrag, die Wissenschaften von den Standards der Verständlichkeit
und der Conditio humana. Die Heroen spinnen sich zunehmend ein - jenseits
des Grabens (vgl. WALTHARI, Heft 31/1999,
S. 81 f.). Die hermetisch operierenden Herrschaften kümmert es wenig,
daß sie ihre Auftraggeber aus den Augen verlieren, solange der Vorrat
an bürgerlicher Feigheit reicht (vgl. WALTHARI,
Heft 32/1999: Feiges Bürgertum) und das betäubende Futter
des Sozialstaates die Menschen diesseits des Grabens ruhigstellt. Doch
die Geschichte lehrt, daß im sozialen Kosmos die zentrifugalen
Kräfte keinen unendlichen Freilauf haben wie im Universum. Die
Schwerkräfte liegen diesseits des Grabens, und sie korrigieren Überdehnungen
notfalls erdbebenhart, indem sie selber die Vertreiber handgreiflich vertreiben.
Noch nehmen die Grabenspringer die Tretminenopfer nicht ernst - der Versorgungsstaat
und eine Legion papp-ideologischer Wegweiser geleiten vorläufig noch
durch das verminte Gelände. Indes hat noch kein Menschenwerk der Wiederkehr
des großen Regens standgehalten. Nein, keine apokalyptische Sintflut
aus Gottes oder des Satans Willkür, die Rede ist von hausgemachten
Sturmfluten. Manche Menschen und Ideologien leben von Ausreden bis zu ihrem
bitteren Ende.
Exitus et caedes. Zwei gängige altrömische
Vokabeln für Vertreibung und Mord, höhnische Brandmale am Leib
der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Auch an der Schwelle zum dritten
Jahrtausend präsentieren sie sich als globale Signaturen, vor allem
in Afrika, selbst noch im ›feinkulturellen‹ Europa, wo der Balkanwahn sich
in multi-ethnischen Konflikten austobt. Den südlicheren kontinentalen
Kummerkoloß zerhacken Diktatoren mit Stammesstab und im Leopardenfell.
Schon eine Auswahl afrikanischer Kriegsopfer zwischen 1990 und 1995
erschreckt: Algerien: 50.000; Angola: über eine Million; Burundi:
100.000; Liberia: 150.000; Ruanda: zwischen 500.000 und einer Million;
Sudan: zwei Millionen. Um den vorläufig letzten europäischen
Diktator loszuwerden, zahlt die Völkergemeinschaft den bekannten hohen
Preis, darunter eine Demaskierung westlicher Demokratien durch die Wiederkehr
der Geschichte: Während die ehemaligen Siegermächte USA, England,
Frankreich, UdSSR und die damals mitsiegenden Begleitstaaten wie Norwegen,
Dänemark und die Niederlanden die Vertreibungen auf dem Balkan herzergreifend
verurteilten, nahmen sie 1945ff. den morddurchtränkten Exotus von
zwölf Millionen Deutschen aus ihren östlichen Heimatregionen
schweigend und insgeheim auch billigend hin. Das Volk und die Regierung
Tschechiens weigern sich heute noch, auch nur das Wort Vertreibung zu gebrauchen
für das, was sie seinerzeit betrieben: ethnische Säuberungen.
Vom Eingestehen eigener Schuld, von Reue oder Wiedergutmachung keine Spur.
Selbst das sonst ideenfixe Frankreich benötigte Jahrzehnte, um Vichy
ins Gesicht zu blicken, und lehnt die bewiesene Mitschuld am Völkermord
in Ruanda (mindestens eine halbe Million Tutsi wurden ermordet) mit trotzig-gallischem
Stolz ab, obschon die Menschenrechtskommission Human Rights Watch
auf achthundert Berichtsseiten eine erdrückende Beweislast vorgelegt
hat. Amerika, so die Historiker nach vierjähriger Untersuchung, habe
aus finanziellen Interessen in Ruanda nicht eingegriffen, die Belgier wollten
ihr Gesicht wahren und die besonders kolonie-erfahrenen Franzosen ließen
die »planmäßigen Killer« gewähren, um einen
alten Verbündeten zu schützen, der so viele französischen
Waffen gekauft hatte. Wie Verdrängungsgesten wirken medienöffentliche
französische Erinnerungszeremonien, die offenbar auch darauf abzielen,
die Schuld anderer, besonders der Deutschen, in den Vordergrund zu schieben.
Bohrende Fragen. Warum, so fragen sich seit
Menschengedenken die Bürger, können Machthaber solange und auch
dann noch an ihren ›wahl-beliehenen‹ Positionen festhalten, wenn die ›Leihgeber‹
(das Wahlvolk) durch mißbräuchliche oder unfähige Geschäftsführung
erkennbaren Schaden erleiden? Warum dürfen die Inhaber treuhänderisch
überlassener Macht ihr Wort brechen, ja sogar wissentlich Halb- und
Unwahrheiten verbreiten, ohne belangt zu werden? Woher nehmen sie die Dreistigkeiten,
so zu tun, als ob die ihnen überantworteten Ämter auf Zeit ihr
eigenes Hofgut wäre, mit ausladender Dienerschaft wie einst bei der
absolutistischen Adelskaste, die sich von einem Demos aushalten ließ,
der ihr lästig war, weil er, gelegentlich wenigstens, gegen die Launen
der Gottesgnadentümler protestierte? In alten Zeiten jedoch konnte
die Obrigkeit frei schalten und walten, denn es gab noch keine Gewaltenteilung
und also keine unabhängigen Kontrollinstanzen wie etwa die Gerichtsbarkeit.
Und heute? Wie demokratisch ist ein Staatswesen, dessen Regierung von
der Parlamentsmehrheit nicht wirklich kontrolliert, sondern im Stile einer
machterhaltenden Hilfstruppe nach allen Richtungen und auch bei schwersten
Fehlentscheidungen verteidigt wird? Wie steht es mit der Gewaltenteilung,
dem Freiheitsbewahrungssiegel aller aufgeklärten Verfassungen, wenn
oberste Richter nach Parteienproporz ausgewählt werden, von den gleichen
Parteien, welche die Exekutive so fest wie die Legislative in ihren Händen
halten? Tut man diesem Parteienstaat Unrecht, wenn einer ihrer intimen
Kenner (Peter Gauweiler) urteilt: »Wir leben günstigstensfalls
in einer Art ›repräsentativem Absolutismus‹«?
Schlimme Antworten. »Um das Volk ist
es also schlecht bestellt in der Diskursdemokratie. Ins gläserne Gehäuse
der Diskursdisziplin eingesperrt und von den Advokaten und Beckmessern
der Rationalität mißtrauisch bewacht, hat es nichts zu lachen,
geschweige denn zu herrschen. In der Diskursethik kommt das Volk nicht
mehr vor. Seine Souveränität hat es an das Verfahren abgeben
müssen, rationale Kommunikation läßt sich nur auf dem Rücken
eines geknebelten Populus entfesseln. Wenn die Volkssouveränität
derart als Verfahren ausgelegt wird, dann ist damit auch eine politische
Enteignung, eine politische Entmachtung verbunden. Nichts ist die Diskursethik
weniger als populistisch. Diese Verachtung des Volks hat eine lange Tradition«
(Wolfgang Kersting, Philosoph in Kiel, FAZ v. 11.03. 1999,
S. 50). »Das eigentliche Wahlvolk wird zur Farce; von Freiheit und
Unmittelbarkeit kann keine Rede sein. Auf diese Weise immunisieren sich
Berufspolitiker gegen eine Abwahl durch die Bürger... Hinzu kommt,
daß die amtierenden Abgeordneten den von ihnen beherrschten Staatsapparat
nutzen, um das Risiko einer Abwahl zu minimieren und Seiteneinsteigern
den Weg vollends zu verlegen. Auf diese Weise blockieren die Eigeninteressen
der politischen Klasse ihre eigene Erneuerung noch weiter... In der von
Berufspolitikern beherrschten Verfassungswirklichkeit sind zwei Motive
elementar: Das eine ist das Interesse an der Macht, um welche Regierung
und Opposition konkurrieren. Das andere, vitale Interesse ist, von der
Politik leben zu können, und zwar möglichst gut, möglichst
auf Dauer... In Wahrheit geht der langfristig-hintergründige Einfluß
der politischen Klasse noch viel weiter: Wer den Staat beherrscht, legt
die gültigen ideologischen Grundvorstellungen fest und bestimmt, wie
der französische Soziologe Pierre Bourdieu überzeugend dargelegt
hat, letztlich die Denkkategorien, nach denen Politik überhaupt wahrgenommen
und beurteilt wird. Die politische Klasse hat die Einrichtungen, die das
Denken prägen, insbesondere die gesamte politische Bildung, fest im
Griff... Führungskräfte der öffentlich-rechtlichen Medien
werden nach Parteibuch bestellt. Die politische Klasse vergibt Ämter
mit dem höchsten Ansehen bis hin zu den Bundesverfassungsrichtern.
Sie verleiht alle Arten von Orden und Ehrenzeichen und verpflichtet sich
so fast alle zur Dankbarkeit, die öffentlich etwas zu sagen haben.
Das erleichtert es ihr umgekehrt, diejenigen, die gegen den Stachel löcken,
als politisch inkorrekt zu brandmarken, sie persönlich zu diffamieren
und ins politische Abseits zu stellen« (Hans Herbert von Arnim,
WamS v. 23.05.1999, S. 36). Wie hilflos nimmt sich dagegen die Jubiläumsrede
(anläßlich des 50jährigen Bestehens der Bundesrepublik)
eines ehemaligen Bundespräsidenten aus, der im politischen Kastenwesen
Karriere gemacht hat: »Heute ist Deutschland eine gefestigte freiheitliche
Demokratie... Unser Staat ist zuallererst ein freiheitlicher Rechtsstaat,
der die Rechte und Würde seiner Bürger gewährt und sichert«
(Bulletin der Bundesregierung, Nr. 32/1999, S. 345). Beim »Staatsakt
im Reichtagsgebäude zu Berlin« erinnert der gleiche Festredner
die anwesende politische Oberklasse daran, auf welch dünnem Eis sie
ihr Herrschaftshaus errichtet hat: »Wir sollten es überhaupt
wieder mehr zur Kenntnis nehmen: Die Zustimmung der Bürger zu unserem
freiheitlichen Gesellschaftssystem ist keine Selbstverständlichkeit,
gerade nicht in einer Zeit, in der dieses aufhört, immer neue Wohltaten
zu produzieren. Die Zustimmung zu Freiheit und Demokratie hängt auch
mit dem Grundgefühl der Bürger zusammen, ob es ihnen ›gut geht‹
oder ob sie ›gerecht‹ behandelt werden, und dieses ist wiederum eng mit
dem Vertrauen verknüpft, das man den politischen Institutionen entgegenbringt.«
Wir
ist das verräterische Wörtchen, das die Volksferne der politischen
Klasse signalisiert. Die Redepassagen legen zudem das Mißtrauen offen,
das Machthaber ohne Mehrheitszustimmung seit je dem Volk entgegenbrachten.
Dann der Satz: »Wir Politiker müssen die Menschen auf die globale
Soziale Marktwirtschaft vorbereiten.« Da schimmert sie wieder durch,
diese Selbstüberschätzung der Obrigkeit: Wir, die Erwählten
von Verfassungs und ehemals von Gottes Gnaden, wir müssen das unbedarfte
Volk aufklären. Als ob die Mehrheit der Bürger nicht längst
das Spiel durchschaut hätte! Bei der katastrophischen Europawahl 1999
suchten die wundgescheuerten Parteien die Gründe nicht etwa bei sich
selber und in ihren volksfernen Programmen, nein, die Wähler von Sizilien
bis zum finnischen Polarkreis waren nicht aufgeklärt genug. An Wendungen
wie »Unsere Botschaft konnten wir nicht genug rüberbringen«
wird
das hermetische Illusionsspiel der Abgehobenen nur allzu deutlich.
Eine politische Partei gibt sich eben prinzipiell immer recht; sich zu
irren oder etwas nicht zu begreifen ist das Schicksal der anderen, also
muß man diese aufklären und wenn notwendig (und es ist oft notwendig)
trickreich in vorbereitete Gatter schubsen. Der Bürger als Nick-
und Lastesel im System des repräsentativen Absolutismus.
Systemmaschinen. Die absolutistischen Repräsentanten
haben sich ein Systemnetz geschaffen, das vom steuergeldfinanzierten Wahlkampf
privatrechtlicher Vereine (diesen Status haben politische Parteien inne)
bis zur Selbstdotierung der gewählten Repräsentanten reicht.
Eigenmächtig werden Wahlperioden verlängert, Sinekuren massenhaft
eingerichtet und unzählige weitere Bürgerentmächtigungsmaßnahmen
durchgesetzt. Das Systemnetz sichert die politische Klasse und ihre Nutznießer
nach allen Seiten wirksam gegen den Bürger ab (vgl. oben: Schlimme
Antworten). Tief haben sich die Netzwurzeln im reichhaltigen Humusboden
der Staatsbürokratie eingegraben und beginnen neuerdings auch eine
der letzten parteifreien Areale zu umwuchern, die Universitäten. Hinter
einer Kastendemokratie verbirgt sich offenbar der satanische Widergeist
einer mechanistischen Sozialrationalität: »Die Maschine (genauer:
das mechanische Räderwerk einer Uhr) ist eine Leitvorstellung des
neuzeitlichen Rationalismus... Sie liefert als Urbild planmäßiger
Herstellung, gesetzmäßiger Bewegung der Teile im Raum, gleichförmigen
Ablaufs und strenger Funktionalität das Modell für die Welt,
den lebendigen Körper, das methodische Schließen und schließlich
für den Staat. Die Metapher ›Staatsmaschine‹ nimmt die traditionelle
Metapher des politischen Körpers auf, um sie mechanistisch zu reformulieren«
(Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10/1999, Spalte 63).
Erfüllungsbetrieb. Arnold Gehlen: Der
Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (Erstausgabe Berlin
1940): Homo sapiens (das zweite sapiens muß er sich noch verdienen)
als offenes, disloziertes Wesen, das seine Daseinsstabilisierung nicht
mehr in der Religion und auch nicht mehr in der Kultur findet, sondern
in selbstgeschaffenen Institutionen. Ist das der Schlüssel? Die Leitkaste
hat sich institutionell eingerichtet, überall hängen ihre Kokons
an den Fruchtbäumen des Systems, während das Schollenvölkchen
auf profane Weise ›institutionell‹ stabilisiert wird: panem et circenses.
Nicht ohne Gründe das aufschäumende, häufig ohrenbetäubende
Sport- und Medienrauschen. Alles süß überzuckert mit
den reichhaltigen Gaben sozialer Tranquilizer. Gehlen weiter: Der Mensch
als Mängelwesen, dem es, im Unterschied zu nicht domestizierten Tieren,
an angeborenen Überlebensinstinkten und an der hochgradigen Spezialisierungen
seiner Organe mangelt. Grundfrage: Wie kann sich ein so mangelhaft
ausgestattetes Wesen am Leben erhalten? Gehlens Antwort: Erstens
indem man die bedrohliche Umwelt durch Arbeit und Technik ins Lebensdienliche
umschafft; mit dem hochentwickelten technischen Arm wehrt der Mensch mittlerweile
nicht so sehr die bedrohliche Natur ab, er bedroht sie selber bis zum Verschwinden
vieler Arten. Zweitens indem der Homo sapiens seinen durch technische Entlastung
gewonnenen ›Antriebsüberschuß‹ binnensteuern lernt, d.h. durch
Kultivierung seines Bewußtseins, seiner Phantasie und Sprache. Drittens
indem
man ihn an Institutionen bindet, die ihm Orientierung und Sinn spenden.
Bei der ersten Mängelbekämpfung ist der Mensch bereits über
das Ziel hinausgeschossen, ebenso bei der dritten: Zwar haben institutionelle
Halterungen wie Religion, Familie und Muttersprache beträchtlich an
Orientierungsfunktion verloren, die Lücken der geschwächten Traditionsformen
werden aber durch ›neue‹ Institutionen (Medien, Sport, Event-Kulte, Netz-
und Techno-Gigantismus u.a.) mehr als ausgeglichen. Zu Fuß aus Erntedank
wallfahren - wie fern. Zur Berliner Raver-Großparty pilgern - nie
nah. Statt zur Kirche oder zum Familiensonntag taucht man in Technoszenen
ein. Körperkult statt Meditationskult, schaustellerische Busen-, Po-
und e-vibrations statt gottesfürchtige Einkehr. Laute und bunte
Massenproduktion maschineller Bewegungen und tonnenschwer hinterlassener
Müll. Was der jungen, ersten Generation in fast emergenter Selbstorganisation
›institutionell‹ gelingt, müssen professionelle Sinnspender für
die zweite (zwischen 30 und 60 Jahren) und für die dritte (ab 60 aufwärts)
Lebensgeneration marketinggerecht besorgen:
das tägliche Medien-,
Sport- und Politspektakel als jene Institutionen, die den Massen ›Orientierung‹
bieten und somit deren Mängelzustand vergessen läßt.
Bleibt noch der dritte Anker in Gehlens Anthropologie, die bewußtseinsmäßige
Selbstkontrolle über den freigesetzten Antriebsüberschuß.
Wie weit die Menschen darin gekommen sind, belegt der Verlust an Muttersprachlichkeit
und an kultureller Identität. Man ist globalisierend überall
zuhause, beim Konsum, beim elektronischen Kommunizieren, beim Spaß-Sport
an australischen Steilküsten und bei ökologischen Ausgleichsprotesten.
Gehlens Hoffnung auf »Hemmbarkeit der Antriebe«: eine postmoderne
Fortsetzung von Grimm’s Märchen. Zwischen Verlangen und erfüllendem
Ereignis wird kein Spalt geduldet. Der Erfüllungsbetrieb läuft
so geschmiert wie die Systemmaschine, solange der Vorrat an An-Trieben
und Betäubungsgenera reicht.
(1) In der Regierungserklärung vom
10. Nov. 1998 heißt es z.B. im Stile gesinnungsethischer Treuherzigkeit:
»Diese Bundesregierung will keinen Bevormundungsstaat...«.
Copyright by Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, aus:www.walthari.com
28. Dezember 2003
Börsenschrott: Analysten, Gurus und Betrüger
Wer glaubt, daß nach den gigantischen Vermögensverlusten,
welche analysehörige Anleger in den letzten zehn Jahren durch Fehlprognosen,
Falschberatungen und Betrügereien haben hinnehmen müssen, die
Schrottriege für immer von der Bildschirmfläche und vom Parkett
verschwunden sei, irrt gewaltig. Wie in der Politik setzt man auf Vergeßlichkeit
und Ratlosigkeit des Publikums, das bei Finanzanlagen dem undurchsichtigsten
aller Märkte gegenübersteht. Es grenzt schon ans Psychopathologische,
wie sich derzeit wieder eine Legion von Irregleiteten und Betrogenen aufs
Minenfeld der Börse locken läßt. Keineswegs sind es
nur schwarze Schafe, die sich wie in keinem anderen Berufsstand blamiert
haben, es sind dubiose Instrumente, die Berechenbarkeit und Erfolg vortäuschen.
»Nehmen Sie Pfeile und werfen Sie diese auf den Kursteil Ihrer Zeitung«,
empfahl unlängst ein Professor für Wirtschaftsstatistik allen,
die Aktien kaufen wollen. Als gelernter Statistiker weiß er, wovon
er redet.
Die Schrottriege arbeitet mit allen Tricks, um dem Publikum das
Geld aus der Tasche zu locken. Am raffiniertesten sind sog. Geheimtips
spezieller und allgemeiner Art. Empfohlen werden z.B. verkannte Potenzialwerte,
mit denen sich die Empfehler zuvor (bei noch niedrigem Kurs) selber eingedeckt
haben können. Auch die allgemeine Empfehlung, Aktien seien am besten
nach stark gefallenen Kursen zu kaufen, erwies sich meist als Falle. Das
mußten die Analysten des DG Capital Management im Jahre 1991 nach
verlustreichen Jahren öffentlich eingestehen. Und auch im Jahre 1992
blamierten sich die meisten Analysten gleich mehrfach. ›Renten statt Aktien‹
raunten sie, doch die Börse reagierte gegenläufig: Ab dem Sommer
empfahlen sog. Börsenexperten wieder ›Aktien kaufen‹ und lagen wiederum
schief. Es folgte ein langer Kursverfall mit schweren Vermögensverlusten.
Die
Serie falscher Prognosen ist beeindruckend. Aber noch beeindruckender die
Naivität vieler Anleger. Die Analysten der Investmentbank Goldmann
Sachs z.B. wechselte ab April 1999 mehrfach die Kauf/Verkaufsseiten, wodurch
ein Vermögensverlust von 94 % derjenige erlitt, der diesen Empfehlungen
gefolgt ist. Reihenweise stürzten Börsengurus über ihre
Wünschelruten, so die Internet-Analystin Mary Meeker, die selbst dann
noch High-Tech-Werte empfahl, als deren katastrophaler Absturz kurz bevorstand.
Wissenschaftliche
Untersuchungen entlarven immer wieder das unseriöse Geschäftsgebaren.
So bestätigte Prof. W. Gerke von der Universität Nürnberg,
daß die Finanzprofis im Jahr 2000 häufiger falsch lagen als
richtig. Am 23. Oktober 1997, kurz vor einem gewaltigen Einbruch, der in
den Folgejahren den Dax auf rd. 2.300 Punkte fallen ließ und dem
vor allem der Nemax später zum Opfer fiel (mit Verlusten bis 98 %
bei manchen ›Hoffnungswerten‹), sprach die Finanzwelt noch von einem Haltetest
bei 4.200 Punkten. Am 29 Oktober 1997, als die Talfahrt schon begonnen
hatte, gaben die Analysten das Motto aus: »Nur keine Panik«
(vgl. HB Nr. 208/97, S. 25). Die Experten von Sal. Oppenheim sahen eine
Bodenlandung bei 3.300 Punkten und verkündeten: »Das Schlimmste
ist vorbei«, was ja wohl als Kaufempfehlung zu verstehen war. Das
Bankhaus Schröder Münchmeyer Hengst (SMH) glaubte, daß
der Crash in ein bis zwei Monaten verdaut sei (HB, dito).
Ob im guten
Glauben oder nicht: Die Einschätzungen von Analysten und Gurus unterscheiden
sich in ihrer Treffsicherheit wenig von morgenländischer Kaffeesatzleserei.
»Ganze Heerscharen von Analysten« (HB Nr. 123/99, S. 27) stochern
im Börsennebel und preisen ihre ›Funde‹ als Gewinnbringer. Prof. Dr.
H.-P. Müller von RWTH Aachen hat 3.000 Gewinnprognosen professioneller
Finanzanalysten für den Zeitraum von 1988 bis 1993 untersucht. Im
Vergleich zu den tatsächlich eingetretenen Werten lagen die Schätzungen
der Analysten um 28 DM je Aktie zu hoch. Es sei nicht von der Hand zu weisen,
so sein weiteres Ergebnis, daß Analysten von ihren Auftraggebern
(Banken, Brokerfirmen) abhängig seien. Längst ist nach Angaben
der NZZ (Nr. 176/2000, S. 10) nachgewiesen, daß »Analytiker
Aktien systematisch (!) verzerrt beurteilen«.
Vom unseriösen Geschäft von Finanzanalysten bis zu kriminellen
Handlungsweisen ist es gelegentlich nur ein kleiner Schritt. Im November
2003 ließ der New Yorker Generalstaatsanwalt nicht weniger als 48
Devisenhändler wegen Betrügerein verhaften. Immer wieder wird
die Börsenwelt von Betrugsskandalen (Insidergeschäfte, Market-Timing
usw.) erschüttert, ohne daß das verunsicherte Anlegerpublikum
daraus Konsequenzen zöge. Mit Genuß listet man nach schweren
Reinfällen sog. typische Anleger-Fehler auf, etwa den, bei anhaltender
Talfahrt zu spät verkauft zu haben, wobei auch dieser Analyse die
unsägliche Täuschung zugrund liegt, vorher gewußt zu haben,
daß die Talfahrt weitergehen würde.
Gibt es für Anleger keinerlei verläßliche Strategien?Doch,
sagen seriöse Berater, deren Qualitätsmerkmal ausgeprägte
Vorsicht ist. Über Jahrzehnte hat sich z.B. die Erfahrung herausgeschält,
daß eine Orientierung am Substanzwert (value stocks) höhere
Rendite abwirft als ein Vertrauen in Wachstumswerte (grow stocks). Weiterhin
machen sich sechs Anlagekriterien buchstäblich ›bezahlt‹: ...
Copyright by Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, aus:
www.walthari.com
13. November 2004
Blutspuren der Multikulti-Verblendung
Ein Nekrolog auf künftige Opfer
lebensverachtender Toleranzutopien
›Theo van Gogh, holländischer Regisseur mit durchgeschnittener
Kehle und mit einem Spottzettel am Messerschaft‹: Schreibt Euch diese Mahnworte
in Euer Notizbuch, Ihr Verkünder multikultureller Utopien. Nein, Ihr
seid nicht einfach blind gegenüber dem Haß, wie er aus unangepaßten
und unanpaßbaren Parallelgesellschaften quillt. Ihr seid auch nicht
böswillig oder naiv-aufklärungsmanisch. Das alles seid Ihr nicht,
weil Ihr es besser wissen könntet und müßtet. Lebens- und
Rechtsverachtung bescheren dem friedlich gewordenen Europa eine haßerfüllte
Gegenwart und werden es höchstwahrscheinlich in eine blutige Zukunft
führen.
Um dies vorherzusehen, muß man keine Prophetengabe
besitzen, man muß nur durch Europas Städte gehen und Polizeireviere
aufsuchen. Dramatisch wächst die Zahl der rechtsfreien Räume
und der Arbeitslosen in Vierteln, in denen kaum noch die Landessprache
gesprochen wird, wo einheimische Lehrer daher ihre Schüler nicht mehr
verstehen und Polizisten sich nur noch schwerbewaffnet in ghettohafte Quartiere
wagen, weil etwa jeder zehnte Quartierbewohner gewaltbereit ist oder Gewaltakte
deckt. Ob in England, Holland, Frankreich, Belgien, Spanien, Italien oder
Deutschland, in all diesen und in anderen Ländern spitzen sich multikulturelle
Konflikte bedrohlich zu. Doch nur wenige Politiker nennen die wahren Ursachen
der »epochalen Bedrohung« und fordern einen »Schutz unserer
Bevölkerung«. Jörg Schönbohm weiter: »Effektiver«
als staatliche Abwehrmaßnahmen »wäre es, wenn Rot-Grün
endlich dem ersehnten Aufbau einer multikulturellen Gesellschaft eine klare
Absage erteilte« (FASZ, Nr. 13/04). Nur die Schweiz wähnt sich
auf einer Insel mit durchweg friedlichen Immigranten und fragte mit der
lehrmeisterlichen NZZ-Stimme am 26. August 2003: »Werden die Niederlande
ausländerfeindlich?« Das war vor der Ermordung Theo van Goghs.
Neun von zehn Konflikte in der Welt haben multikulturelle
Ursachen. Ob in Thailand, Rußland, auf dem Balkan, im Nahen Osten,
in ganz Afrika – wo immer gebrandschatzt und gemordet wird, kann man sicher
sein, daß religiöse und rassische Gegensätze fast ausnahmslos
dahinterstecken. Was man aus der Geschichte zudem wissen kann: Kaum
einer dieser Gegensätze ist bisher dauerhaft befriedet worden. Wer
daran zweifelt, reise durch den Balkan oder nach Nordirland, durch Nordspanien
oder Burma und in zweihundert weitere Weltgegenden, wo es seit Jahrzehnten
oder gar Jahrhunderten brodelt. Man sollte daher endlich anerkennen, was
die Geschichte unabweisbar lehrt:
-
Multikulturelle Gesellschaften bleiben, wenn überhaupt,
nur solange friedlich, wie allseitiger Wohlstand herrscht; mit der Not
kommen die Konflikte (Sündenbocksyndrom).
-
Multikulturelle Gesellschaften, in denen monomythische
Gesinnungen sich gegenüberstehen (z.B. im Islam: wie grausam man mit
Ungläubige verfährt, lehrt der Koran), sind jederzeit gewaltbereit.
-
Selbst in aufgeklärtesten Gesellschaften gibt es
eine Verträglichkeitsgrenze, bei deren Überschreitung das Konfliktpotenzial
nicht mehr beherrschbar ist.
-
Es ist ein katastrophaler Denkfehler, das Funktionieren
in multikulturellen Elitegruppen (Forscher, Sportmannschaften, Konzertmitglieder
u.a.) zum Vorbild für Alltagslagen zu erklären; Eliten finden
unter der Regie eines strengen Regelwerks (Forschungsmethode, Sportregeln,
Partitur usw.) zum beglückenden Gleichklang und ordnen ihre Gegensätze
(religiöse u.a.) ihrem Oberziel bedingungslos unter. In
einer Fußballmannschaft vertragen sich Christen, Muslime und Atheisten
unter dem gegebenen Leistungsdruck. Normalbürger mit gleichen Unterschieden
geraten in bedrängten Lagen dagegen leicht aneinander.
Das alles kann man seit langem wissen, spätestens seit
der Veröffentlichung des Bandes II der ›Kultur- und Kunstökonomie‹
(1993; vgl. Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal).
Theo von Gogh könnte nach allem Ermessen noch leben und die weltweite
Konfliktwelle wäre vermutlich geringer, hätten die politischen
Klassen nicht den Kontakt zu ihren Völkern weitgehend verloren. Um
Politikern die wachsende Gefahr zu verdeutlichen, gäbe es ein einfaches
Mittel: Sie sollten ihren Personenschutz selber bezahlen. Allein diese
Opportunitätskosten würden...
© WALTHARIUS, Aus: www.walthari.com
5. Oktober 2005
Tagebuchnotizen
Geübte Deutschland-Beschämer bejubeln
plötzlich das Vaterland
Wieder einmal reiben sich nüchterne Beobachter der
Politszene die Augen: Hurtig reiht sich auch derjenige Teil der politischen
und Medienklasse, der über Jahrzehnte die Deutschen zum dauergebückten
Gang angehalten hat, in die derzeitige Jubelkampagne ein (›Du bist Deutschland‹
samt Kommentarschweif). Jammern müsse endlich aufhören, tönt
es aus allen Medienrohren und Politikermündern, auch aus solchen,
die sich bisher zur fortwährenden Vaterlandsbeschämung berufen
fühlten. »Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein«,
galt lange Zeit als schicker Partyspruch, der zuweilen auch ins Mikrofon
gesprochen wurde. Ein grüner Minister z.B. war sichtlich stolz auf
sein Bekenntnis, niemals in die deutsche Nationalhymne (bei offiziellen
Anlässen) miteingestimmt zu haben. Wendebeflissen gibt einer seiner
Farbkollegen, der ›Auschwitz‹ zum Gründungsmythos der Bundesrepublik
erklärt hat, gab zu Protokoll, er liebe sein Land. Wendegeister auch
andernorts, und man fragt sich: Was steckt dahinter?
Einen aufrechten Gesinnungswechsel darf man nicht vermuten,
das wäre zuviel verlangt im meist denk- und moralschwachen politischen
Machtgeschäft. Aufgeschreckt hat vermutlich ein schwerwiegender
pathologischer Befund: die tiefsitzende Deutschlanddepression, welche gravierende
Auswirkungen zeitigt. Wie verhalten sich Menschen, denen man über
ein halbes Jahrhundert permanent eingeredet hat, daß sie vornehmlich
und auf ewig schuldbeladen ihr Dasein zu fristen hätten, weil zwölf
schwarze Jahre (NS-Verbrecherzeit) schwerer wögen als all die großen
Leistungen in der eineinhalbtausendjährigen Vorvätergeschichte?
Unter der niederdrückenden Wucht einer überdrehten Schuld- und
Gedenkpraxis sind die bewundernswerten Taten der Reformatoren, Aufklärer,
Romantiker, Musiker und anderen Künstlern, der Wissenschaftler und
Philosophen usw. am Horizont des Erinnerns und des Stolzes verschwunden.
Der mentale Druck hatte zeitweise eine Atmosphäre erzeugt, in der
auch leiseste Anflüge von Patriotismus mit der NS-Keule niedermacht
wurden. Die Wächter des depressiven Geistes züchtigen immer
noch jeden, der den pathologischen Kanon verletzt - unerbittlich, bis zur
öffentlichen Hinrichtung in der Presse und in Fernsehmagazinen.Indexierungen
reichen bis in den täglichen Wortgebrauch und beschäftigten immer
wieder die Justiz, die sich an Vorschriften des Strafgesetzbuches zu halten
hat (vgl. die Kritiken dazu in diesem WALTHARI-Portal).
Über
dieses einseitig gesinnungsimprägnierte und vergangenheitsgefesselte
Land hat sich die schwere Krankheit der Selbstpreisgabe und Identitätsverfransung
ausgebreitet, wie an der gescheiterten Debatte über die Leitkultur
beispielhaft zu erleben war. Abertausende Eliten (Wissenschaftler, Künstler,
Unternehmer u.a.) kehren jährlich einem für verloren gehaltenen
Deutschland den Rücken. Unter den Gebliebenen herrscht nicht allein
Ratlosigkeit und Angst, welche letztere im Ausland schon das Made in Germany
zu ersetzen droht (vgl. die zynische Anspielung in einer Rede des englischen
Premierministers).
Die depressive Befindlichkeit in Deutschland schlägt
sich, wen wundert’s, in harten Fakten nieder: viele Paare, ob verheiratet
oder nicht, bleiben ohne Kinder (»Wozu Kinder in einem Land ohne
Zukunft?«); die Staatsschulden nähern sich dem Bankrott (nach
uns die Sintflut); durchweg herrscht demokratiegefährdende Politikverdrossenheit
(u.a. erkennbar an der sinkenden Wahlbeteiligungen); skandalös hoch
bleibt der Stand der Arbeitslosigkeit infolge anhaltender Wachstumsschwäche
und entfaltungshinderlicher Bürokratisierung u.v.a.m.
Dieser desolate Zustand des Landes, der zu einem Dauerzustand
zu werden droht, hat die politische Klasse aufgeschreckt und bei den Medien
zu dem erwähnten Kommentar- und Kampagneneifer geführt. Wer angesichts
dieser nationalen Animationsveranstaltung auf das schlimme Krankheitsbild
hierzulande dennoch hinzuweisen wagt, gilt plötzlich als Nörgler
und Landesfeind – eine geradezu atemberaubende Wendehalsigkeit und Dreistigkeit,
die beide von eigener Landesbeschämung in der Vergangenheit ablenken
sollen und sich machbarkeitsfröhlich herausnehmen, das Land je nach
Lust und Laune mal schlecht-, mal schönzureden. Doch der Teufel, den
man jahrzehntelang mea-culpa-versessen an die Wand gemalt hat, steht herbeigeredet
leibhaftig unter der Tür und läßt sich nicht mehr so schnell
verscheuchen; denn das GAMM’sche Gesetz der trägen sozialen Wirklichkeit...
Waltharia
© WALTHARI® Aus: www.walthari.com
3. August 2005
Sendschreiben
an die Bürger eines zunehmend
(ver-)fassungslosen Landes
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
kennen Sie das Verfassungsspiel, das unsere politischen
Eliten zusammen mit den Hütern der Verfassung betreiben? In einem
aktuellen Fall geht das so: Der Chef eines Verfassungsorgans verkehrt den
eindeutigen Sinn eines Grundgesetzartikels (hier Artikel 68 GG) in sein
Gegenteil, läßt die Verkehrung von einem zweiten Verfassungsorgan
absegnen und veranlaßt ein drittes Verfassungsorgan, die unzweifelhafte
Sinnverdrehung quasi-notariell zu beglaubigen. Dieses Spiel hat jüngst
der Bundeskanzler zusammen mit dem Bundestag und dem Bundespräsidenten
einer erstaunten Öffentlichkeit vorgeführt, woran die Medien,
skandalsüchtig wie sie nun mal sind, ihren besonderen Gefallen fanden.
Das Spiel ist noch nicht zuende, denn ein viertes Verfassungsorgan wurde
von zwei Spielverderbern um die Einhaltung des Originalsinns des Art. 68
GG gebeten, doch der oberste Hüter der Verfassung, das Bundesverfassungsgericht,
hat bereits in einem ähnlichen Fall eine Verfassungsreparatur mit
dem Argument verweigert, »es ist der Beginn einer Staatspraxis, die
einem neuen besonderen politischen Sachverhalt gerecht zu werden versuchte
und auf diesem Wege die Krise löste«. Bleiben die Karlsruher
Richter bei dieser Entscheidungslinie, werden sie die Spielverderber abweisen
und ihnen sowie dem Verfassungssouverän (dem Volk) den Glauben an
die strikte Geltung des Grundgesetzes ein weiteres Mal rauben.
Wissen Sie, was hier gespielt wird? Um es zugespitzt zu
sagen: Mit einer getürkten, von den Parteien gewünschten Staatspraxis
wird ein weiteres Stück des Grundgesetzes ausgehebelt. Es kommt nicht
mehr auf den eindeutigen Verfassungssinn an, sondern allein auf »das
Gewicht dieser Überzeugung auf höchster Ebene«, d.h. auf
die bloße Ansicht des Bundeskanzlers, des Bundestages und des Bundespräsidenten,
die man »nicht unbeachtet lassen« kann, wie die Karlsruher
Richter in ihrem 83er Urteil ausführten (BVerfG E 62, 1,49). Staatspraxis,
die von den Parteien ausgeht und die den machtpolitischen Ansichten (Kalkülen)
der Parteien unterliegt, geht also der Verfassung vor. Diese Staatspraxis
wird selbst vom Bundespräsidenten und dem Bundesverfassungsgericht
über das Grundgesetzt gestellt.
Das ist zweifellos ein Vorgang, der die Grundfesten unseres
Gemeinwesens erschüttert. Man stelle sich vor: Das Bundesverfassungsgericht,
das über die nicht immer willkürfreie Staatspraxis der Parteien
zu wachen hat, stellt eine hier eindeutige verfassungswidrige Staatspraxis
über das Grundgesetz. Es bedarf also nur einer »einhelligen
Überzeugung auf höchster Ebene« (gemeint sind die von den
Parteien beherrschten Verfassungsorgane), und schon winken die Karlsruher
Verfassungshüter eine grundgesetzwidrige Staatspraxis durch. Ein Schelm,
wer bei dieser Entscheidungspraxis daran denkt, daß auch Richterernennungen
von Parteieneinflüssen (über Richterwahlausschüsse)
nicht frei sind. Der Parteienstaat leistet also nicht allein in Sachen
bankrottnaher Staatsverschuldung, Abwehr von mehr direktdemokratischen
Elementen u.v.a. eine bemerkenswerte Arbeit. Ist den Richtern bewußt,
daß nicht einmal sie sich über das Grundgesetz stellen dürfen?
In ihrer Fassungslosigkeit verfallen manche Bürger
in autistische und zynische Schnipselspiele. Sie schneiden mit der Schere
jene Grundgesetzartikel aus und hängen sie an die Wand, die von staatspraktischen
Zugriffen und Uminterpretationen bisher nicht verschont wurden. Das ist
insofern reiner Autismus, als es ein bloßes Papierspiel ist, also
nach außen nichts bewirkt, lediglich die Ohnmacht des Verfassungssouveräns
(der Bürger) vor Augen führt. Zynische Spieler betrachten neben
der wachsenden Zahl von Grundgesetzänderungen vor allem die Artikeluminterpretationen
und -mißachtungen. Wer das Grundgesetz einmal gründlich
daraufhin überprüft, wird mehr als nur erschrecken; er wird sich
alle Mühe geben müssen, seinen Glauben an das Grund-Gesetz zu
bewahren und sich fragen: Stimmt noch die hehre Souveränitätsverkündung
in Art. 20, Abs. 2 GG: »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus«?
Mehrere dutzende Male wurde das GG geändert, und
zwar ohne den Verfassungssouverän (das Volk) direkt zu befragen. Erstaunlicher
noch als die erkennbaren Änderungen sind Uminterpretationen und glatte
Mißachtungen. Nehmen wir z.B. die Vorschrift, daß die Abgeordneten
des Deutschen Bundestages in »unmittelbarer... Wahl gewählt«
werden müssen. Unmittelbar, d.h. nicht über Listen, auf die der
Wähler noch weniger Einfluß hat als bei der Aufstellung von
Direktkandidaten (auch sie geschieht parteienintern). Ausgerechnet der
Listenwahl aber fällt ein größeres Gewicht zu als der Direktwahl,
bei der die Stimmen der Minderheit bekanntlich unter den Tisch fallen.
Diese volksferne Staatspraxis wird noch dadurch gesteigert, daß die
Parteien nicht, wie es Art. 21 Abs. 1 GG vorschreibt, »bei der politischen
Willensbildung« nur mitwirken sollen, sie haben die gesamte Legislative
und weitgehend auch die Exekutive im Griff und wirken sogar bei Richterernennungen
beträchtlichen Einfluß aus. Was, so fragt sich der Bürger,
bleibt von der Gewaltenteilung übrig?
Den Vogel schießt freilich die Umdeutung des Art.
146 GG ab. Wer sein Staunen über den herrschenden Parteienstaat zu
einem Erschrecken steigern will, lese diesen Abschlußartikel des
Grundgesetzes und die juristischen Kommentare dazu. Die hermeneutischen
Meisterspiele schaffen es, den Ersatz des nur vorläufig geltenden
Grundgesetzes durch eine endgültige Verfassung für überflüssig
zu erklären, obschon Art. 146 unmißverständlich vorschreibt,
»nach Vollendung der Einheit und Freiheit für das gesamte deutsche
Volk« (geschehen 1990) eine »Verfassung in Kraft« treten
zu lassen, »die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen
worden ist«. Wohlgemerkt: »von dem deutschen Volk« selber,
nicht von seinen Repräsentanten im abgehobenen Parteienstaat.
Wie lebt sich’s in einem zunehmend (ver-)fassungslosen
Land? Wer nicht zum Autisten und Zyniker werden will...
In mitbürgerlicher Nachdenklichkeit
Ihre
Waltharia
©WALTHARI® – Aus:
www.walthari.com
6. Juli 2005
Gestalten des Bösen
Aus: WALTHARI-Heft 44/2005
Das Böse als literarische Vorlage, S. 30
ff.
»Das Böse nimmt vielerlei Gestalten an, es
kann im Verborgenen wirken und in leibhaftigen Formen auftreten,
wobei das leibhaftig gewordene Böse sowohl als gedachte und gespielte
als auch in realer Personalität auftreten kann. Am personellen Ende
der Erscheinungsskala des Malum agieren die Figuren der theologischen Teufelslehren
(vgl. Vorgrimmler, H.: ›Die Geschichte der Hölle‹, München 1994),
Goethes Mephisto (vgl. den folgenden Beitrag über literarische Bösewichte)
und die sattsam bekannten, abgrundtief verrohten Menschenschlächter
und -schinder (darunter die Vertreiber von Menschen aus ihrer Heimat).
Das
Satanische als personifizierte Gestalt ist also nicht auf die Teufelsfigur
und auf Großtyrannen beschränkt, es tritt als vielköpfige
Hydra in Erscheinung und trägt zuweilen auch Priesterkragen
(wie in Polen nach 1945) und geweihte Bärte (wenn Imame zum Mord aufrufen).
Am anderen Ende der Erscheinungsskala lauert das Böse
als Prinzip und Potenz. Prinzipiell Böses, das keine personelle
Gestalt annimmt, ergießt sich aus Systemen, deren Neigung es
ist, im ›maschinenhaft‹-kalten Ablauf den Menschen zum bloßen Objekt
zu machen und ihn damit in seiner Würde und Freiheit einzuschränken.
Diese verwerfliche Gestaltform ist keineswegs nur in politischen, religiösen
u. a. Diktaturen anzutreffen, man begegnet ihr in jeder Form menschlicher
Gemeinschaft, in denen Normierungen mehr gelten als Spiel-Räume für
freie Entscheidungen. Unterstellt man, daß Freiheitsbeschränkungen
wider Willen der Betroffenen stets ›böse Züge‹ tragen, so kann
das Böse als Prinzip immanenter Bestandteil aller sozialen Formationen
sein, von der Familie über Institutionen bis zu demokratisch sich
wähnender Staaten. Dieses Systemböse (und nicht das personifizierte
Böse) ist die ›satanische‹ Hauptgestalt der Postmoderne. Wenn
Parteiendemokratien mit einer Gesetzesflut den Bürger zu entmündigen
versuchen; wenn an Universitäten die Freiheit von Forschung und Lehre
hochschulpolitisch bedroht wird; wenn die Staatsschulden sozialpolitisch
kriminelle Ausmaße annehmen (kriminell: weil ungefragte Dritte, nämlich
künftige Generationen, die Schulden begleichen müssen, die aus
jeweils maßlosem Gegenwartsverbrauch entstanden sind); wenn bewährte
gewachsene Traditionen ideologisch zerstört werden, so hat man es
mit Bösem zu tun, das systembedingt am Werk ist. Kennzeichen
dieses Systembösen sind seine personale Anonymität, seine schleichende
Wirkung und seine Unausweichlichkeit im Gewande geschützter Rechtfertigungen.
Der überzogene Sozialstaat mit seinen verwerflichen Auswirkungen ist
dafür ein klassisches Beispiel: Die Sozialkassen werden anonym ausgebeutet,
und es dauert Jahre und Jahrzehnte, bis das Verwerfliche allgemein erkannt
wird; all dies geschieht unter dem Legitimitätsdach einer verfassungsrechtlich
geschützten Sozialgesetzgebung; am Ende hinterläßt die
Parteiendemokratie (als Hauptverantwortliche: Sozialdotierungen garantieren
Wählbarkeit) nicht allein einen fiskalischen Bankrott, schlimmer noch
sind die mentalen und gesellschaftlichen Verwerfungen, wofür Deutschland
gegenwärtig ein trauriges Beispiel abgibt.
Um das Böse als Potenz auszumachen, muß
man nicht erst Theologie und Geschichte bemühen, es ist immanenter
Bestandteil der menschlichen Natur (Kant). Schon Kinder können,
trotz mühevoller Erziehung, untereinander grausam sein; die Versuchung
zur bösen Tat im Erwachsenenalter sind Legion. Dabei ist die Disposition
zum verwerflichen Denken und Handeln keineswegs auf pathologische Naturen
beschränkt und auch kein Privileg von Herrschenden. Von Macht allerdings
gehen so starke böse Versuchungen aus, daß ihnen nur wenige
Menschen widerstehen können. Es scheint, daß im Machtgebrauch
die größte Potenz des Bösen (als Prinzip) liegt (vgl.
dazu WALTHARI-Heft 43 mit dem Schwerpunktthema:
›Machtmasken und literarische Komik‹).
Zwischen den beiden aufgezeigten Polen der Formen des
Bösen (als Personifizierung und Prinzip bzw. Potenz) breitet sich
ein weites Feld weiterer Erscheinungsweisen aus. Ins Auge fallen verwerfliche
Verhaltensweisen zwischen Lüge und Folter, Verleumdung und Mobbing
und was an Varianten der Niedertracht noch alles auf der Bühne des
Lebens vorgeführt werden kann. Wie schon bei den Gehalten wird
der Blick auch bei den Gestalten allzu leicht auf die Extreme (Folter usw.)
verengt und damit von den alltäglichen Verkleidungen menschlicher
Schäbigkeiten abgelenkt. Von Mobbing und Verleumdung können
psychische Leiden und soziale Schäden ausgehen, die an Brutalität
einer Folterdrohung in nichts nachstehen. Den Schritt von erträglichen
Bosheiten zu Bösartigkeiten, Kränkungen und Abscheulichkeiten
mag man als ethischen Hiatus betrachten, als Schritt von verzeihlicher
Schwäche zu unverzeihlicher Niedertracht. Doch unter der Maske
der Harmlosigkeit erschleicht sich Böses nur zu leicht ein Verstehenwollen
und mildernde Umstände. Sowenig es eine kleine Schwangerschaft
gibt, so wenig sind Minorgestalten des Bösen ethisch zu verharmlosen.
Sie gehören zwar zum Alltagsgepäck menschlichen Daseins, öffnen
aber handkehrum die Büchse der Pandora.«
© WALTHARI® – Aus:
www.walthari.com
8. Dezember 2004
Kunst als Widerlager zum System
In einem neuerlichen Interview sagte der Regisseur Hans
Neuenfels den denkwürdigen Satz: »Es besteht immer die Gefahr,
daß man sich mit dem System verbindet...« Dabei berief er sich
auf Sergej Eisensteins berühmten Ausspruch: »Es gibt keine Kunst
ohne Konflikt.« In gut heideggerscher Manier arbeitet Neuenfels gegen
die Tendenz, »den Menschen in seinem Sein zu verdrängen«.
Dieser Dauerkonflikt könne »mit einer Diktatur« ebenso
ausgetragen werden wie »mit einer liberalen Gesellschaft«,
die in einen Pseudoliberalismus abgerutscht sei. Der Theatermann findet
es daher »grauenhaft«, wenn jemand das Theater mit seinem Wohnzimmer
verwechselt. Neuenfels geht es um den »Moment, an dem wir wieder
zu uns kommen«. Damit wird der Kunst die Dauerrolle eines Widerlagers
zum ›System‹ zugedacht, zu den großen und kleinen Maschinerien der
Gesellschaft und des Staates. Damit wird aber auch ein Mißverständnis
aktualisiert, dem nur derjenige nicht unterliegt, der mit der ›Antimaterie‹
philosophischer und poetischer Negativitäten vertraut ist (vgl. dazu
die WALTHARI-Hefte Nr. 36-43). Neuenfels mokiert
sich über die »Kanapee-Oper«, die er »an der Wiener
Staatsoper und an drei Vierteln der deutschen Theater« installiert
sieht. Statt Haltung zu zeigen, biete man Unterhaltung (WamS 46/04, S.
72).
Das trifft mitten ins Herz der sog. Eventkultur,
die nicht nur in den Medien und Vereinen, im Sport und in der Politik das
Zepter übernommen hat. Diese Krankheit zum Primitiven hat auch die
Kirchen und selbst die Universitäten erfaßt, die sog. Eventtage
veranstalten (›Kinderuniversität‹ usw.) und dabei ihre Arbeit am verschütteten
Humanum vernachlässigen. Recht verstandenes Theater kann daher wie
überhaupt alle Kunst nur als Widerlager funktionieren, das den Konflikt
nicht erst suchen muß, weil das eingefahrene System selber das Problem
darstellt. Die ›Arbeit am Widerstand‹ im Sinne der philosophisch-poetischen
Negativität (sie ist übrigens nichts ›Negatives‹) kann in heitere
Zonen eintreten, wenn die Kunst sich mit der Philosophie und den Wissenschaften
verbündet. Wie drei Musketiere florettieren sie sich dann durch...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:
www.walthari.com
11. April 2005
Belgien erinnert sich
mal wieder nur
halbherzig seiner Kongo-Greuel
Im Schloß Tervuren vor den Toren Brüssels ist
bis zum 9. Oktober 2005 eine Ausstellung zu sehen, die dem 175. Bestehen
des Belgischen Staates gewidmet ist und die sich dabei gezwungenermaßen
der schrecklichen Kolonialvergangenheit des Landes stellen muß. Doch
die Ausstellungsmacher in dem Art-déco-Schloß, das z. T. mit
dem Blutgeld der Kongo-Ausbeutung errichtet wurde, konnten sich nicht entschließen,
sich der Geschichte voll zu stellen. Nicht Leopold II., der Großvater
des heutigen Königs, wird zur Verantwortung gezogen, so der Eindruck,
es sollen vornehmlich kapitalistische Kautschukunternehmen gewesen sein,
die eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte auf
dem Gewissen haben. Die Ausstellung wagt es sogar, von edlen Motiven für
das belgische Kolonialwirken zu sprechen. Schon 1876 hatte Leopold II.
auf einer Geographenkonferenz in Brüssel den Kongo als »einzigen
Teil unseres Globus« bezeichnet, »der bisher noch nicht berührt
worden ist«, um ihn »für die Zivilisation zu öffnen,
die Finsternis zu heben«. Der Kongo sei eines »Kreuzzuges...
würdig«. Joseph Conrad hat die Finsternis-Metapher ein Vierteljahrhundert
danach aufgegriffen (in seinem Roman ›Herz der Finsternis‹).
In Heft 35/2001 hatte die Literaturzeitschrift WALTHARI
aus gegebenem Anlaß die verdrängten Kongo-Greuel aufgegriffen.
Zur Erinnerung und wiederum aus gegebenem Anlaß hier der gekürzte
Text.
Belgische Kongo-Greuel
Fünf bis acht Millionen Menschen starben
- Eines der größten Menschheitsverbrechen
bleibt ohne literarischen und politischen Nachhall
-
Greueldaten
Hauptquartier der Verbrechensplanung: Brüssel
Ort der Handlung: der Kongo
Zeit der Kongo-Greuel: zwischen 1885 - 1910
Hauptverantwortlicher: Leopold II, König der Belgier, Großvater
des heutigen Königs Baudouin.
Haupttäter im Kongo: Henry Morton Stanley, ›berühmter‹
Afrikaforscher
Mitverantwortliche: Staaten wie Frankreich, Niederlande, England,
Portugal und die USA
Opferzahl: mindestens fünf, wahrscheinlicher sind acht
Millionen Schwarze.
Anklage
Erste Ankläger: der Afroamerikaner George W. Williams, den
Leopold II. öffentlich verleumden ließ; der Engländer Edmund
D. Morel, der in seiner Zeitung auf die „Geheimgesellschaft von Mördern
mit einem König als Oberhalunken“ hinwies und dafür ins Gefängnis
geworfen wurde.
Heutiger Ankläger: der amerikanische Essayist Adam Hochschild
in: „Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der größten,
fast vergessenen Menschheitsverbrechen“, Klett-Cotta-Verlag, 2. Auflage,
Stuttgart 2000, 494 Seiten.
Prunkvolle ‚Mahnmale‘ des Völkermordes in Brüssel
Die königlichen Schlösser in Brüssel samt Gewächshäuser,
Japanischem Turm, Triumphbogen im Parc du Ciquantenaise und der Museumspalast
für Zentralafrika sind teils erbaut, teils umgebaut und teils eingerichtet
worden mit Raubgeldern aus den Kongo-Massakern. In den Gebäulichkeiten
findet sich kein einziger Hinweis auf die großkriminelle Finanzierungsquelle
und auf den königlichen Holocaustus.
Staatlicher Zynismus
Im Frühjahr eines jeden Jahres wird die Büste Leopolds II. in
der königlichen Residenz Schloß Laeken mit Kamelien und Azaleen
aus den Gewächshäusern geschmückt und das Schloß für
das Publikum geöffnet. Tausende von Besuchern strömen an dem
staatlich in Ehren gehaltenen Massenmörder vorbei.
Ablenkende Hetzjagd aus Brüssel
Bekanntlich war die Regierung des multikulturellen und identitätsunsicheren
Belgien eine Hauptbetreiberin der Isolierung Österreichs innerhalb
der EU in den Jahren 1999/2000. Belgische Politiker wollten ihr Land „auf
der internationalen Bühne als ‘Modellstaat’ präsentieren“. Und
selbst belgische Intellektuelle, die öffentlich die Österreichpolitik
ihrer Regierung kritisierten, zogen Vergleiche zwischen Haider und Hitler
und erwähnten Leopold II. mit keinem Wort; nicht einmal beim Vorwurf
der Heuchelei, den sie darin sahen, daß der belgische Außenminister
Louis Michel zwar dem kongolesischen Diktator Kabila die Hand schüttelte,
„zur gleichen Zeit aber gegen Österreich fulminierte, ein Land, in
dem nicht ein einziges Verbrechen gegen die Menschheit begangen worden“
ist, nicht einmal diese regierungskritischen belgischen Kritiker brachten
den naheliegenden Namen Leopold II., immerhin einer der größten
Verbrecher der Neuzeit, ins eigene Gedankenspiel (Zitate aus: Rochtus,
D.: Belgische Hysterie wegen Österreich, in: Politische Studien,
Heft 370, März /April 2000, S. 109 ff.).
Zur Vorgeschichte
...
1665 ff.: Die Portugiesen besiegen den letzten Mani-Herrscher
und enthaupten ihn. Danach setzt ein Sklavenhandel gigantischen Ausmaßes
ein, an dem Franzosen, Holländer, Briten und Belgier kräftig
mitwirkten. Ungezählte Millionen von Afrikanern werden nach Mittel-
und Südamerika verschleppt, vor allem nach der portugiesischen Kolonie
Brasilien.
1838 ff.: Der Sklavenhandel wird verboten, doch die Ausplünderung
Schwarzafrikas geht weiter.
Zur Hauptgeschichte
1884: Henry M. Stanley, der in den Jahren zuvor den Kontinent mordend
und brandschatzend durchstreift und dabei den verschollenen Missionar und
Arzt
David Livingstone aufgespürt hat, überbringt Leopold
II. Verträge, in denen afrikanische Häuptlinge angeblich ihr
Land an den belgischen König übereignen - der kriminelle Anfangsakt
der Kongo-Greuel, die von Afrikakennern (Missionare, Händler) sofort
durchschaut werden; denn so wenig wie Indianer kannten Neger ein Landeigentum,
es war daher auch nicht übertragbar. Dennoch läßt sich
Leopold II. in europäischen und amerikanischen Zeitungen als humanitärer
Zivilisationsbringer feiern, wofür Journalisten Bestechungsgelder
entgegennehmen.
1885 ff.: Auf der Berliner Konferenz erreicht Leopold II. durch
Taktieren und Intrigen, daß ihm der Kongo als Privateigentum (!)
zugesprochen wird. Die Kongo-Greuel der Moderne beginnen: Fünf
bis acht Millionen Afrikaner verlieren als Arbeitssklaven, bei militärischen
Jagdzügen und durch grausame Strafaktionen ihr Leben.
1890/91: George W. Williams umschifft den afrikanischen Kontinent
und bereist sechs Monate lang den Kongo. Danach verfaßt er einen
„Offenen Brief an den König“ (Leopold II.), in dem er den Genozid
und das dahinter stehende Ausbeutungssystem detailliert beschreibt (auf
zwölf Druckseiten). Als er den König in Zeitungsartikeln der
„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ anklagt, läßt ihn der
königliche Massenschlächter in bezahlten Artikeln öffentlich
als „geistesgestörten Neger“ diffamieren.
Aus dem „Offenen Brief an den König“ Leopold
II.
Am 14. April 1891 veröffentlicht der New York Herold, der G.
W. Williams nach Afrika entsandt hat, den Offenen Brief von Williams unter
der Überschrift: „Amerikanischer Staatsbürger erklärt Regierung
des Freistaates (Kongo) für barbarisch.“
„Diese räuberischen und freibeuterischen Garnisonstruppen nötigen
die Eingeborenen mit vorgehaltener Muskete, sie mit Fisch, Ziegen, Geflügel
und Gemüse zu versorgen, und wenn die Eingeborenen sich weigern...,
kommen weiße Offiziere mit einem Expeditionskorps und brennen die
Hütten der Eingeborenen ab... Euer Majestät Verwaltungsapparat
ist übertrieben grausam zu Häftlingen, die bereits für die
geringsten Vergehen in Ketten gelegt werden... Häufig fressen sich
diese Ochsenketten in den Nacken der Häftlinge ein und reißen
Wunden, über denen sich Fliegen sammeln, was die eitrige Wundstelle
noch verschlimmert.“
Massenmörder Leopold II. gibt sich als Philanthrop
Der belgische König war ein Meister der Verstellung und Bestechung,
der Intrige und Verleumdung. Gegen Bezahlung ließ er über Williams
öffentlich verbreiten: Er sei überhaupt kein Oberst in der Armee
der Vereinigten Staaten und offensichtlich geistesgestört u.v.a.m.
Während sich Leopold II. persönlich mit Milliarden bereicherte,
gab er sich als Philanthrop: „Was ich dort (im Kongo) tue, tue ich in christlicher
Pflichterfüllung für die armen Afrikaner.“ Er setzte den britischen
Gesandten unter Druck und ließ sich vom belgischen Ministerpräsident
im Parlament verteidigen. Er veranlaßte einen Bericht vom „Unabhängigen
Kongostaat“, der die Anschuldigungen Williams zurückwies.
Hochschilds Urteil
„Hier handelt es sich um die erste große internationale Greueltat
und Skandalgeschichte im Zeitalter des Telegrafen und des Fotoapparats.
In der Art, wie sich industriell betriebenes Blutvergießen, Königshaus,
Sex und Persönlichkeitskult mit konkurrierenden lobbyistischen Aktivitäten
und mit Medienkampagnen mischten, die in einem halben Dutzend Ländern
auf beiden Seiten des Atlantik tobten, wirkt das Ereignis überraschend
modern. Hinzu kommt, daß König Leopold II. im Unterschied zu
anderen historischen Räubern wie Dschingis Khan oder den spanischen
Konquistadoren keinen einzigen Tropfen mutwillig vergossenes Blut fließen
sah. Er setzte nie einen Fuß in den Kongo. Auch das mutet höchst
modern an, so modern wie der Bomberpilot in der Stratosphäre über
den Wolken, der keine Schreie hört und nie die zertrümmerten
Häuser und zerfetzten Leiber zu sehen bekommt“ (Hochschild, A.:
a.a.O.,
S. 11).
„Geheimgesellschaft von Mördern“
Doch Williams war nicht der Einzige, der frühen Mut bewies. Edmund
D. Morel, der für das Ent- und Beladen von Schiffen der Kongo-Route
verantwortlich war, fiel auf, daß für die eintreffenden Waren
(Elfenbein und Kautschuk) Waffen und Munition eingeschifft wurden, die
unmöglich für die Eingeborenen bestimmt sein konnten, eher für
das Söldnerheer des Königs. Er recherchierte und stieß
„auf eine Geheimgesellschaft von Mördern mit dem König als Oberhalunken“.
Er
entlarvte auch die Bestechungspraktiken des Königs, mit denen Journalisten
und Verleger im In- und Ausland als Fürsprecher eingespannt wurden.
Morel schrieb: „Die... im Kongo-Handel eingesetzten Dampfschiffe hatten
in den letzten Jahren regelmäßig Unmengen von Vollpatronen und
Tausende von Gewehren sowie Zündhütchenbüchsen geladen,
die entweder für den Staat selbst oder für diverse belgische
‘Adelsgesellschaften’ bestimmt waren... Welche Verwendung haben diese Waffen
gefunden?“ - „Nur mit Zwangsarbeit in einer ganz schrecklichen und kontinuierlich
betriebenen Form ließen sich diese ungeheuren Profite erklären...
Zwangsarbeit, die von den engsten Mitarbeitern des Königs angeordnet
wurde... Mir wurde schwindelig, und ich war entsetzt über die horrende
Bedeutung meiner Entdeckungen. Es muß schon schlimm sein, wenn man
zufällig auf einen Mord stößt. Ich war auf eine Geheimgesellschaft
von Mördern mit einem König als Oberhalunken gestoßen“
(zitiert nach Hochschild, A.: a.a.O., S. 257 und 258 f.).
Belgiens Vergangenheitsbewußtsein
Als 1908 der Kongo, als Folge des öffentlichen Drucks, vom Privateigentum
Leopolds II. auf den belgischen Staat überging, war die Bevölkerung
des Kongo um zehn Millionen Menschen geschrumpft. Auch danach änderte
sich die Lage nur unwesentlich. Im Jahre 1960 wurde der Kongo, nach
blutig niedergeschlagenen Aufständen, von der belgischen Kolonialherrschaft
befreit. Zur Unabhängigkeitsfeier reiste König Baudouin in das
ausgebeutete Land und sagte herablassend: „Jetzt liegt es bei Ihnen, meine
Herren, sich unseres Vertrauens (!) würdig zu erweisen.“ Der
in Brüssel zu Stein und Prunk gewordene Zynismus hält bis heute
an. Keinerlei Bußfertigkeit oder Wiedergutmachung ist zu erkennen.
Leopold II. war um das Jahr 1900 einer der reichsten Männer der Welt.
Um
das Jahr 2000 zehrt die belgische Monarchie und das Land Belgien reuelos
von einem Reichtum, der mittels millionenfacher Menschenopfer zustande
kam.
Belgische Heuchelei bis in die Gegenwart
Ganz in der Tradition Leopolds II. beschränkt sich das offizielle
belgische Kolonialbewußtsein auf die humanitären Leistungen
des Landes (Bau von Krankenhäusern, Schulen u.a.). Doch bis
in die Gegenwart sind Politik und Militär Belgiens in schwerste Verbrechen
verstrickt. Erst kürzlich hat sich das Parlament des Landes
gezwungen gesehen, einen Untersuchungsausschuß einzusetzen, um die
Liquidierung des ersten und bis heute einzigen frei gewählten Ministerpräsidenten
Kongos, Lumumba, aufzuklären. Ein Buch des Soziologen Ludo de Witte
hat die Beteiligung von belgischen Militärs nachgewiesen und damit
die offizielle Version (die eine eigene Schuld am Flugzeugabsturz bestreitet)
widerlegt. Ein belgischer Soldat gab dem schwer verletzten Lumumba den
‘Gnadenschuß’, und selbst die Leiche des Ministerpräsidenten
wurde auf Bitten Belgiens in Säure aufgelöst, um eine Grabverehrung
zu vermeiden. Das geschah im Jahre 1961. Lumumba hatte gegen belgische
und amerikanische Interessen verstoßen, weil er Russen ins Land holte,
um vom Westen unabhängiger zu werden. Auch 1994 war Belgien
(zusammen mit Frankreich) in einen afrikanischen Genozid verwickelt, der
in Ruanda mehr als achthunderttausend Afrikanern das Leben kostete.
Wiederum ging es um Machteinfluß und Rohstoffe. Die Mitschuld auch
Belgiens wurde von zwei internationalen Untersuchungskommissionen (der
UNO und OAU) eindeutig nachgewiesen...
© WALTHARI® – Aus:
www.walthari.com
23. November 2004
Genußvolle Kinderlosigkeit
Rede vor dem Akademikerinnen-Bund
›Lebensglück durch freiwillige Kinderlosigkeit‹
Liebe Schwestern im Glück,
meine Vorrednerin hat richtig gerechnet: Sechzig Prozent
aller studierten Frauen bleiben kinderlos, dreißig Prozent entscheiden
sich für ein Kind, die restlichen zehn Prozent haben mehrere
Kinder. Uns interessieren unter den sechzig Prozent aber nur diejenigen
Juristinnen, Professorinnen, Medizinerinnen usw., die freiwillig auf Nachwuchs
verzichten, weil Kinder nun mal karrierehinderlich sind und auch sonst
einer Selbstverwirklichung von uns Frauen im Wege stehen. Akademikerinnen
nämlich, die gerne Kinder hätten, aber keine kriegen können
(Gründe dafür gibt es genug), dürfen wir schon rein satzungsbedingt
nicht aufnehmen. Diese Frauengruppe paßt aber auch mental nicht zu
uns, denn verhinderte Mütter sehnen sich insgeheim ein Lebenlang nach
Kindern, wir hingegen ausdrücklich nicht.
Das ist unser gutes Recht, ist doch der Wunsch nach Kindern
eine höchstpersönliche Entscheidung, eine solche vor allem von
Frauen, die ja die Belastungen und Behinderungen von den ersten Schwangerschaftswochen
bis zum vollendeten 27. Lebensjahr des Abkömmlings fast alleine zu
tragen haben. Ja, ich habe mich nicht versprochen: Kinder können einem
bis zum vollendeten 27. Lebensjahr auf der Tasche liegen, wenn sie ihre
Ausbildung vorher nicht beendet haben. So entschieden es die Gerichte.
Welche
gebildete Frau mit starkem Emanzipationsdrang will denn unter diesem Oboluszwang
noch Kinder in die Welt setzen? Das überlassen wir anderen, die
ohnehin auf Kinder stehen. Mit unseren Steuern machen wir deren Los überdies
erträglicher.
Laßt euch von niemandem davon abbringen: Unsere
Bäuche gehören uns ganz allein. Unsere Karriere lassen wir uns
durch nichts einschränken, weder von Kindern noch übrigens von
unseren Eltern, die beim betreuten Wohnen ganz gut versorgt sind. Unser
Lebenskonzept lautet nun mal: Wir wollen ohne Anhang einkaufen, reisen,
die Abende unter Freunden verbringen und unserem Beruf nachgehen. Das ist
unser gutes Recht! Was daran soll verwerflich sein? Wozu haben wir studiert?
Um das Wissen aus den langen Studienjahren zu verpampern? Als Frau, die
im Beruf voll ihren Mann stehen muß, hat man genug mit sich selber
zu tun, und ist mit den betrieblichen Aufgaben voll ausgelastet. Mir war
es immer unbegreiflich, woher beispielsweise eine Dolmetscherin die Zeit
für Kinder nimmt.
Lassen wir uns also nicht mit dummen Sprüchen in
die Defensive drängen. Genetische Verschwendung hat man uns
vorgehalten. Aber wenn schon, durch Zuwanderung kann man genug frisches
genetisches Erbgut ins Land holen. Wir lebten in einer antigenerativen
Ausbeuterwelt, liest man. Ich Frage: Was hat die Selbstverwirklichung
von Frauen mit Ausbeutung zu tun? Antigenerativ ist unsere Kinderlosigkeit
schon deshalb nicht, weil wir uns im Alter problemlos von Inderinnen und
anderen Pflegerinnen aus der Dritten Welt betreuen lassen können.
Punkt für Punkt lassen sich so alle Anwürfe
abwehren. Ich vermute, man neidet uns einfach unsere Freiheit. Es macht
ja auch einen Unterschied, ob man mit Sack und Pack mal gerade in den Bayerischen
Wald fahren oder aber in einer Luxuskabine in der Karibik umherschippern
kann. Um nichts in der Welt möchte ich die Rollen tauschen, zumal
kinderlose Erfolgsmenschen sowohl in den Medien als auch in der Gesellschaft
angesehener sind als Mütterchen zwischen Herd, Beruf und Kinderkrippe.
Über uns dagegen berichtet man voller Bewunderung, weil wir es meist
bis ziemlich nach oben schaffen – dank unserer Kinderlosigkeit. Wir können
uns stets nach der neuesten Mode kleiden, ohne befürchten zu müssen,
daß wir versabbert werden. Der ganze Wellness- und Schönheitsbetrieb
steht uns ungehindert offen, von Ayurveda bis zum Lifting. Das alles können
sich Mütter einfach nicht leisten. Ich denke mal, sie vermissen es
auch nicht, gehen sie doch in der ersehnten Mutterschaft völlig auf.
Wenn’s ganz heiß wird mit Vorwürfen, greife
ich gerne zum Frauenschild. Dabei muß ich mich gar nicht erst verstellen,
mir tut nämlich, wie vermutlich den meisten Frauen, immer etwas weh.
Mal ist es das Golfteufelchen im Rücken, mal ein Tennisärmchen,
immer aber die Füße. Diese ewigen Fußschmerzen! Darauf
kann man sich in Notfällen wunderbar berufen. Frausein verschafft
in unserer Gesellschaft gewisse Privilegien - im Gegensatz zum frauenfeindlichen
Islam. Laut Koran können noch so viele Frauenbeteuerungen keine einzige
Männerstimme aufwiegen. Das ist hierzulande gottseidank anders, bei
uns fördert man Frauen stärker als Männer.
Was den Genuß unserer freiwilligen Kinderlosigkeit
leider stört, ist erstens das mangelnde Interesse vieler gleichgesinnter
Frauen an unserer Vereinigung. Schwierig ist zweitens der in unserer Satzung
vorgeschriebene Nachweis, daß die bestehende Kinderlosigkeit freiwilliger
Natur sein muß. Eine verschwiegene Mutterschaft geht uns zwar nicht
durch, denn vor unserem Frauennetz läßt sich so was nicht lange
verheimlichen, aber dürfen wir eidesstattlich versichern lassen, daß...?
Drittens macht uns das neue Antidiskriminierungsgesetz zu schaffen. Eine
ganz neue Gefahr: Wie wehren wir kinderlose Männer ab? Udo von Lindenberg
(ich bewundere ihn so sehr, daß ich ihn privat adelige) hat sich
unlängst wie folgt geoutet: »Kinder muß ich nicht haben,
jedenfalls keine eigenen. Ein betriebseigenes Bordkind würde mich
in meiner mobilen Lebensart wohl auch zu sehr einschränken.«
In der Sache stimmen wir ihm ja voll zu, aber wie verhalten wir uns, wenn
Herr von Lindenberg bei uns einen Aufnahmeantrag stellt und sich auf das
AntiDikriG beruft? Als Transvestit hätte er vielleicht... Jeder dritte
Mann in Deutschland will ohne Kinder leben. Da könnte was auf uns
zukommen, wenn diese Ausläufer der Evolution...
... wäre letztlich kein guter Gedanke.
Waltharia
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
10. Januar 2005
Mastermeile im Bachelor-Revier
Tragikomödie aus dem universitären Reformstadl
2. Akt, 3. Szene
Vor dem Untersuchungsausschuß zur Klärung
unakademischer Umtriebe
Einstieg in die laufende Befragung:
-
Großinquisitor Und das wollen Sie wirklich
nicht bemerkt haben?
-
Forpa Bräsig Das Gespräch war sehr
empathisch, überaus angenehm, ausgesprochen nett. Da kann einem manche
Einzelheit schon entgehen.
-
Großinquisitor Man hat mir berichtet,
daß man Sie zur Qualifikationsbreite dieser ganz speziellen Stelle
kaum gefragt hat. War es so?
-
Forpa Bräsig Wie gesagt, es war ein nettes
Gespräch, ausgesprochen nett.
-
Großinquisitor ungehalten: Sie
weichen mir schon wieder aus! Mit Nettigkeit allein kommt man im harten
Wettbewerb der Wissenschaften nicht weit.
-
Forpa Bräsig Mit meinen Sympathieaktionen
mache ich ganz andere Erfahrungen. Diesen Softfaktor darf man nicht unterschätzen.
-
Großinquisitor Jaja, von einer fachfremden
Sympathiewelle an Land gespült zu werden, meinen Sie das?
-
Forpa Bräsig Und wenn schon, so was kann sehr
angenehm sein.
-
Großinquisitor kühl: Ich muß
schon sagen, entweder Sie verstehen mich wirklich nicht oder... naja, lassen
wir das vorerst. Vielleicht kann uns Herr Trabusta weiterhelfen.
-
Trabusta Wenn Sie Ihre Frage bitte wiederholen
- gerne.
-
Großinquisitor Ist es richtig, was man
im Hause kolportiert und worüber wir gerade geredet haben?
-
Trabusta Es wird so vieles kolportiert, Herr
Großinquisitor.
-
Großinquisitor Dann frage ich Sie direkt:
War Ihnen nicht klar, was für die Studierenden auf dem Spiel stand?
Von den Folgen für das Fach gar nicht zu reden!
-
Trabusta Es paßte halt alles so schön
in unser Konzept.
-
Großinquisitor Sie wollen im Ernst nicht
erkannt haben, an welchem Fachwunder Sie mitgewirkt haben?!
-
Trabusta Wir denken immer sehr interdisziplinär,
Herr Großinquisitor. Mit dem Luhmann’schen Emergenztheorem hofften
wir auf einen Qualitätssprung, nicht unbedingt auf ein Wunder im theologischen
Sinne.
-
Großinquisitor Aha, buntes Exzellenzgehabe
im Gemeinschaftsboot - ein werbeträchtiger Faktor, ich verstehe. Aber
aus den Emergenzblüten werden zuweilen bittere Früchte, nicht
wahr? Und um eine solche neue Frucht geht es zur Zeit wieder. Sie wollen
Ihr interdisziplinäres Netz ein zweites Mal erweitern, ja?
-
Forpa Bräsig Dringend erforderlich, wenn
ich mir diese Zwischenbemerkung erlauben darf. Unsere Kundschaft hat sich
verdoppelt.
-
Großinquisitor Das Kundschaften aber auch,
wie ich höre.
-
Schieblich Wie meinen Sie das, Herr Großinquisitor?
-
Großinquisitor Haben Sie sich bei Ihrer
neuerlichen Netzerweiterung mal die Frage gestellt, die sehr wichtige Frage,
die jeder Consultant stellen muß, wenn er was taugt: Wie viele in
der engeren Wahl sind persönlich bekannt? Daraus kann man bekanntlich
die Alpha-Korrelation aus interner und externer Menge ableiten.
-
Schieblich Verstehe ich nicht, Herr Großinquisitor,
ich bin nicht vom statistischen Fach. Aber vielleicht treiben Sie nur ein
Späßchen mit uns. Wenn ja, dann will ich gerne was dazu beisteuern.
-
Großinquisitor Ach so ist das! Sie meinen,
es sei spaßig, danach zu fragen, wie objektiv Sie auswählen?
-
Schieblich So gesehen natürlich nicht.
Aber von einer Alpha-Korrelation hab’ ich noch nie was gehört.
-
Großinquisitor Dann will ich es Ihnen
kurz erklären. Nehmen wir an, der Bekanntenanteil im kleinen ausgewählten
Kreis lag im aktuellen Fall bei über achtzig Prozent, derjenige bei
der ausgeschiedenen Restmenge, immerhin eine stattliche Zahl, bei zehn
Prozent. Hätte Sie das stutzig gemacht?
-
Schieblich Wenn es so gewesen wäre – auf
alle Fälle!
-
Großinquisitor Und woher wollen Sie wissen,
daß es nicht so gewesen ist?
-
Trabusta Verzeihen Sie, Herr Großinquisitor,
diese Frage verwirrt mich einigermaßen. Sie wollen uns doch nicht
eine Seilschaft unterstellen!
-
Großinquisitor Ich unterstelle hier gar
nichts, sondern frage nach Fakten, zu denen Sie leider wenig beitragen,
außer der Tatsache, daß Sie bestimmte Fragen nicht gestellt
haben. Zum Beispiel auch diese nicht: Wer stand und steht mit wem in einem
Du-auf-Du? Personalberater fragen das als erstes, wenn sie in Unternehmen
gerufen werden.
-
Schieblich Daran haben wir überhaupt nicht
gedacht! Für meinen Teil kann ich aber versichern: mir waren alle
fremd.
-
Trabusta Mir auch.
-
Großinquisitor Und Sie sind sicher, daß
für sonst niemanden diese Frage peinlich gewesen wäre?
-
Schieblich Wie gesagt, diese Prüffrage
ist uns gar nicht eingefallen.
-
Großinquisitor Und Sie wollen keinerlei
Anzeichen dafür bemerkt haben?
-
Schieblich Woran hätten wir denn das bemerken
sollen?
-
Großinquisitor Das fragen Sie mich?
Sie
waren doch dabei, nicht ich!
-
Trabusta Herr Großinquisitor, wir haben
den Eindruck, Sie wissen von Amts wegen mehr, als es hier den Anschein
hat. Ihre Fragen laufen offenbar darauf hinaus... zögert.
-
Großinquisitor Na, worauf?
-
Schieblich Als wollten Sie uns klarmachen,
irgend jemand hätte uns hinters Licht geführt.
-
Großinquisitor Soso, irgend jemand.
-
Trabusta Unvorstellbar, sowas.
-
Großinquisitor zu Forpa Bräsig:
Ihnen hat es offenbar die Sprache verschlagen. Sie sind doch sonst so kommunikativ
– was sagen Sie dazu?
-
Forpa Bräsig Kein nettes Gespräch
heute. Da schweige ich lieber.
-
Großinquisitor Ein Untersuchungsausschuß
zur Klärung unakademischer Umtriebe ist nun mal kein Kaffeekränzchen.
Schließlich steht das Berufsschicksal vieler junger Menschen auf
dem Spiel.
-
Trabusta faßt Mut: Herr Großinquisitor,
in aller Form möchte ich protestieren gegen die Art, wie wir hier
behandelt werden!
-
Großinquisitor Auch das noch! Sie fühlen
sich womöglich noch als Opfer.
-
Schieblich Mit unakademischen Umtrieben
haben wir auf jeden Fall nichts zu tun.
-
Forpa Bräsig Alles nur Vermutungen und
Unterstellungen!
-
Großinquisitor Soso, alles aus der Luft
gegriffen? Sie werden sich vielleicht noch wundern.
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com,
Fenster Literaturzeitschrift
15. Januar 2005
Drei Vorschläge, wie man »unnütze
Kinder und Alte«
gemeinwohlsteigernd verwerten kann
Das Feuilleton der FAZ vom 13. Januar 2005 widmete seine
volle Eröffnungsseite der Entdeckung eines literarischen Skandaltextes.
Der schwedische Literat Carl-Henning Wijkmark hatte im Jahre 1978 ein Büchlein
unter dem Titel ›Der moderne Tod‹ veröffentlicht (dt. 2001), in welchem
eine Expertenrunde darüber berät, wie man unproduktive Alte und
»monströse und total lebensuntaugliche Kinder« zur Anhebung
des Gemeinwohls umbringt. Weil die Bevölkerungspyramide bald wie ein
Pilz aussehen werde und die Sozialkosten für den wachsenden nichtproduktiven
Bevölkerungsteil nicht mehr ausreichten, »brauchen (wir) eine
neue Haltung zum Tode und zum Altern... Es muß wieder natürlich
werden zu sterben, wenn die aktive Zeit vorbei ist«, sagt der Moderator
der Expertenrunde. Und ein Professor für medizinische Ethik fügt
hinzu: »Alle (Menschen) müßten im Prinzip die gleiche
Lebensdauer haben, wir sollten auch hier die Natur korrigieren, um zu einer
gerechteren Gesellschaft zu kommen.«
In seinem Vorspann hält es der Textentdecker Hans
Magnus Enzensberger zwar für »sonderbar«, aber nicht für
»unerklärlich«, daß die »skandalöse Prognose
über die Zukunft der sogenannten Sterbehilfe« seinerzeit kaum
auf ein Echo stieß. Wijkmark rührte an ein Tabu, das inzwischen
mit der Realität konfrontiert wird und die hergebrachte Ethik infrage
stellt. Um den Mord an Alten und Kindern zu rechtfertigen, müsse man
an »das gesellschaftliche Interesse« appellieren, heißt
es in der Expertenrunde. »Die große Aufgabe für das nächste
Dezenium wird sein – davon bin ich überzeugt -, diese neue Lebens-
und Todesethik einzuführen, die, richtig verstanden, den Respekt für
den Menschenwert nicht verringert, sondern vergrößert, den Menschenwert
anderer.«
Die große Aufmachung im FAZ-Feuilleton verschweigt,
daß die grimmige Attacke Wijkmarks eine berühmte Vorläuferin
in der Weltliteratur hat. Im Jahre 1729 unterbreitete nämlich kein
geringerer als Jonathan Swift (1667-1745) seinen Vorschlag »Wie man
Kinder der Armen hindern kann, ihren Eltern oder dem Lande zur Last zu
fallen, und wie sie vielmehr eine Wohltat für die Öffentlichkeit
werden können.« Swift will Kleinkinder so mästen lassen,
»daß ein junges, gesundes, gutgenährtes einjähriges
Kind eine sehr wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise ist,
einerlei, ob man es dämpft, brät, bäckt oder kocht, und
ich zweifle nicht, daß es auch in einem Frikassee oder einem Ragout
in gleicher Weise seinen Dienst tun wird«. Damit könnte man
die Hungersnot lindern.
Trüge die deutsche Literaturszene nicht Züge
eines Kartells, wäre sie eher eine offene Kommunität, hätte
der umtriebige Enzensberger und das Frankfurter Großfeuilleton auch
wissen können, daß in Heft 32/1999 der Literaturzeitschrift
WALTHARI
ein Vorschlag mit dem Titel unterbreitet wurde: »Wie man verarmte
Alte hindern kann, ihren Kindern oder unserem Lande zur Last zu fallen,
wie sie vielmehr eine Wohltat für die Öffentlichkeit werden können.«
Darin werden Swifts Vorschlag über den Kinderverzehr und der Vorschlag
zur Ressourcenverwertung wohlhabender Alter (für die sog. Dritte und
Vierte Welt) spiegelbildlich gegenübergestellt. »Ich präzisiere
zur wohlmeinenden öffentlichen Erwägung meinen Vorschlag dahingehend,
von den gegenwärtig etwa siebzig Millionen Alt- und Uralteuropäern
die letzte Gruppe, sagen wir die Neunzigjährigen und älteren,
die ohnehin der Allgemeinheit und den betroffenen Familien eine schwere
Last sind, alsbald auf ein humanes Ableben vorzubereiten, währenddessen
die erforderlichen Recyclingeinrichtungen und Organbanken aufgebaut werden
können, die zweifellos gewaltig sein müssen, um die genannte
große Zahl sachgerecht auswerten zu können. Dabei mag man den
Betreuern raten, die Uralten reichlich, wenn notwendig künstlich zu
ernähren, damit ihre Körper materialergiebig bleiben oder es
alsbald wieder werden... Ich versichere aufrichtig, daß ich nicht
das geringste persönliche Interesse verfolge, wenn ich das notwendig
gewordene Werk mit dem Titel ›Wohlstandsalte helfen Armutskindern‹ einer
reformfreudigen Weltöffentlichkeit unterbreite. Ich habe nichts weiter
im Auge als das Wohl der Menschheit. Den Alten müßte mein Vorschlag
besonders gut gefallen, ersparte er ihnen doch die würdeloseste, weil
unaufhaltsam gebrechlichste Strecke des Lebens, und dies meist noch verstoßen
aus ihren Familien. Indem sie ihr Leben hingeben, reichen sie es an die
Ärmsten und Wehrlosesten dieser Welt glieder- und materialspendabel
weiter« (WALTHARI 32/1999, S. 63 und
65 sowie im Internetportal www.walthari.com ab April 1999).
So ist es nun mal im deutschen Literaturbetrieb: Der
Suchblick der Szenenkönige geht rund um den Globus und ist häufig
blind für Vorhandenes im eigenen Lande. Es ist wie in der Gastronomie,
wie mit der Mode, ja wie mit unserer Sprache selber: das Eigene wird weniger
goutiert als das Fremde. Was Enzensberger großformatig als Entdeckung
feiert, ist auf der Insel schon vor Jahrhunderten und hierzulande immerhin
auch vor Jahren heimisch geworden. Den ethisch-satirischen Tabubrüchen
folgt in der Szene kein Kartellbruch, man muß ihm öffentlich
ein wenig nachhelfen.
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
28. Mai 2005
Literaturbrief
an ein aufgeschreckt politisierendes Feuilleton
Verehrte Herrschaften,
nun hat auch Sie, die Sie so lustvoll im Stil unhintergehbarer
Letzturteile Ihre Kollegen von der politischen und wirtschaftlichen Redaktion
aushebeln können, jetzt also hat auch Sie die fiebrige Wendestimmung
erfaßt, die nach der NRW-Wahl wie Kairos über die Republik huscht
und welche die Sendemedien zum aufgeregten Dauerpalavern animiert. Die
Talkshows kochen regelrecht über, und auch die schreibende Bruderschaft
weiß vor Kommentarlust kaum an sich zu halten. Qualitätsfeuilletons
belassen es in solchen aufgewühlten politischen Zeiten gewöhnlich
bei ironischen Glossen, mit gebührendem zeitlichem Abstand und im
Geiste eines besseren Wissens aus den Räumen des Kunst- und Literaturverstandes.
Daran hat sich nun der für das ›Blättchen‹ in
Ihrem Blatt zuständige Herausgeber nicht gehalten: Mit schneller Geste
will er den Lesern klarmachen, welche letzte Chance ihnen angesichts des
angelaufenen politischen und wirtschaftlichen Konkursverfahrens noch verbleibt.
Für die heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen »ist
es nach allem Ermessen die letzte Wahl, in der sie von Reformen noch profitieren
können. Was jetzt nicht geschieht, kommt für sie lebensgeschichtlich
zu spät.« Für die Generation der Babyboomer sei es »die
letzte Chance, den Lauf der Dinge nachhaltig zu verändern«.
Steht es wirklich so schlimm? Es steht noch viel schlimmer,
und es ist mehr als nur erstaunlich, daß er seine und Ihre mentale
Gefangenschaft und partielle Faktenblindheit nicht durchschaut. Ihre Redaktion
befindet sich damit freilich in guter Gesellschaft, etwa in derjenigen
Enzensbergers, dessen Verblüffung über das liberale deutsche
Bürgertum zitiert wird: Es (das Bürgertum) habe »seit Jahrzehnten
gegen seine eigenen Interessen gedacht oder gewählt... Das Ergebnis
dieser Haltung haben wir vor Augen«: ein »Desaster des Projekts«
der Rot-Grünen, denen »Generationen-Irrtümer« zur
Last gelegt werden. Was die Reformzeit »des ganzen Landes«
betreffe, so ähnele »die heutige Republik ein wenig der späten
DDR«. Zehn Legislaturperioden, »also vierzig Jahre«,
seien erforderlich, um die herbeigeführten »demographisch induzierten
sozialen und medizinischen Probleme« Deutschlands zu lösen.
Verantwortlich gemacht wird dafür die »Stimmungsdemokratie«,
zu der sich »ein historisch verwundetes Bürgertum« habe
verleiten lassen, indem es »ästhetisch wählen« gegangen
sei und die »Sozialstaatsrhetorik« dabei nicht durchschaut
habe.
Hätte er es doch bei Andeutungen nicht belassen und
konsequent weitergedacht: Mit »ästhetisch« meint er wohl
den Frauenwahlfänger der Spitzengenossen; mit »historisch verwundet«
spielt er auf die öffentlich eingeübte Schuldpathologie der
Deutschen an, denen jeder Nationalstolz und nüchterne Blicke auf Fakten
abhanden gekommen sind, womit die angeprangerte Stimmungsdemokratie
gut erklärbar wird: idolatrische Gefühlsduseleien statt politischer
Sachverstand, moralisierendes Gutmenschentum anstelle kritischer Selbstbezüglichkeit
usw. Den Vergleich mit »der späten DDR« kann sich
nur ein Großfeuilleton leisten: Obschon dieses parallele Sehen keineswegs
abwegig ist, macht das moralische Milieu in Deutschland jedwedes Vergleichen
zu einem riskanten Denkgeschäft, das zur sozialen Vernichtung führen
und sogar juristische Schritte zur Folge haben kann.
Stimmungsdemokratie, Schuldpathologie und Moralisierung
sind freilich nur Begleitphänomene der desaströsen Lage, nicht
deren eigentliche Ursachen. In metaphorischer Selbsttröstung hält
es ihr Feuilleton für »eine Befreiung... über die Parteipolitik
hinaus«, den schrägen Blicken abgewirtschafteter Politiker endlich
entkommen zu sein. Warum richten Sie Ihre Blicke nicht auf den inneren
Mechanismus der Parteiendemokratie, der für den bevorstehenden Staatsbankrott,
die wachsende Politikverdrossenheit (Wahlenthaltungen), die himmelschreiende
Arbeitslosigkeit und all das andere, was Deutschland an den Abgrund geführt
hat, im wesentlichen verantwortlich zu machen ist? ›Die vierzig Hauptsünden
des Parteienkartells‹ in diesem WALTHARI-Portal
rollt seit Jahren das Ursachenregister auf. Warum fragen Sie sich nicht,
wie es kommen kann, daß zweifelhafte Figuren so leicht politische
Karriere machen können – in einem System, das schon bei der Kandidatenauswahl
den mündigen Bürger faktisch ausschließt und über
staatliche Parteienfinanzierung die Machtkartelle quasi immunisiert? Stört
es Sie wirklich nicht, daß die Parteiendemokratie den Artikel 21
GG, der eine bloße Mitwirkung der Parteien an der politischen Willensbildung
vorschreibt, fast total unterlaufen hat? Daß auch andere Verfassungsvorschriften
halb zur Makulatur geworden sind, so die Vorschrift einer unmittelbaren
Wahl nach Artikel 38 GG (also keine Listenwahl), so die zwingende Haushaltsvorschrift
in Artikel 115 GG, so die Verstöße gegen das freie Mandat (nach
Artikel 38) durch den praktizierten Fraktionszwang? Diese Mechanismen der
Parteiendemokratie machen erklärlich, warum die politische Klasse
gegen den eindeutigen Mehrheitswillen des Verfassungssouveräns (des
Volkes) unsere Landeswährung abschaffen und EU-Erweiterungen vornehmen
konnte, die unsere Arbeitslosenzahl um jährlich etwa 100.000 erhöhen.
Unfaßbar und wütend stehen die meisten Deutschen vor dem Husarenstreich
eines Kanzlers, der der Türkei die Aufnahme in die EU in Aussicht
gestellt hat.
Ihr Feuilleton animiert die Leser mittleren Alters, »mit
Papier und Bleistift auszurechnen, welche Regierung sie sich leisten können.«
Genau damit signalisieren Sie ihre Gefangenschaft in einer Parteiendemokratie,
die doch für das verantwortlich zu machen ist, was Sie beklagen. Glauben
Sie wirklich, daß der beschriebene Mechanismus, der gesellschaftlich,
verfassungsrechtlich und politisch auf höchst bedenkliche Weise deroutiert,
systemimmanent heilbar ist? Sind es nur Defekte oder nicht doch Systemfehler,
die ohne direktdemokratische Kontrolle nicht ins Gleichgewicht zu bringen
sind? Wer solche Fragen stellt, gerät in Zeiten der Parteienherrschaft
und der mitspielenden Medien leicht in schlimmen Verdacht. Nein, Anhänger
einer Bürgergesellschaft, welche nicht mit Utopia gleichzusetzen ist,
wollen die Parteien nicht abschaffen, wohl aber ihre Allmacht begrenzen,
die sich als »repräsentativer Absolutismus« (Peter Gauweiler)
eingerichtet hat. Sie lehnen ein Europa der verzahnten Kulturen nicht
ab, wohl aber den bürgerfernen Zentralismus nach Brüsseler Art.
Sie sind Verteidiger repräsentativer Organe, die aber nach dem Muster
alter Demokratien in zentralen Fragen dem direkten Volkswillen unterworfen
werden müssen. Ohne plebiszitäre Korrektive kann die demokratische
Repräsentation nicht überleben. Darauf verwies jüngst
auch der französische Philosoph Jean Baudrillard, der in westlichen
Demokratien eine Tendenz kollektiven Souveränitätsverlustes konstatiert
hat, ein Verlust, der das Volk zu bloßen Zuschauern degradiere. Die
nur parlamentarische und bundesrätliche Zustimmung zur EU-Verfassung
in Deutschland liefert ein historisches Beispiel für die Wirkungsdifferenz:
90 Prozent der Franzosen beteiligten sich an der Diskussion über die
EU-Verfassung, weil sie direkt darüber zu befinden hatten, während
90 Prozent der Deutschen nicht einmal wissen (es wurde ja öffentlich
kaum darüber debattiert), daß der Bundestag und Bundesrat das
Papier verabschiedet hat! Baudrillard: Der Staatsbürger wird »zur
Geisel des Machtspiels« gemacht, und da »Geiselnahme nun einmal
zum Inbegriff des Terrorismus« geworden ist, zu einem Objekt einer
– demokratischen – Form von Staatsterrorismus«.
Gibt es einen
aktuelleren Beweis für die Volksferne der Parteiendemokratie als deren
hurtige Verabschiedung der EU-Verfassung?
Unter dieser Perspektive reicht es nicht aus, zu behaupten,
Deutschland sei in eine rot-grüne Falle geraten, die stimmungsdemokratisch
die Fakten vernebelt habe. Wir haben uns im Revier einer Parteiendemokratie
verlaufen, deren Gelände nicht frei von Parteispendesümpfen ist.
Und was die Stimmungsdemokratie betrifft: Wer macht leichter und leichtfertiger
Stimmungen als der allgegenwärtige Medienbetrieb? Der politische
›Gespensterbetrieb‹, der nun hoffentlich bald ein Ende finden wird, stand
zuweilen in der höchsten Gunst der Presse, die ja Meinungsbildung
als einen ihrer Aufträge versteht – zurecht. Aber die Effekte zu geißeln,
die sie selber mit herbeigeführt hat, gleicht einer medialen Schelmerei.
Hoffentlich wird es nicht vierzig Jahre dauern, bis Meinungsmacher
und Machtinhaber begreifen, was bürgergesellschaftlich zu justieren
ist. Nicht Neuwahlen, wie Sie schreiben, sind die letzte Chance, um »endlich
zu einer Selbstverständigung zu gelangen«. Es wäre weit
mehr zu wagen: dem Bürger öfter aufs Maul schauen und ihm die
Folgen seiner direkten Entscheidungen in öffentlicher Willensbildung
unmittelbar vor Augen führen. Dann...
Erich Dauenhauer
Herausgeber der Literaturzeitschrift WALTHARI
©WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
29. Mai 2005
Ein antiker Satiriker in Zeiten des Sittenverfalls
»Si natura negat, facit indignatio versum«
- wenn die Natur (will sagen: die Verhältnisse) es verwehrt, schafft
die Entrüstung sich Verse. Nach diesem Motto schrieb sich ein jugendlich
wirkender, hochgebildete Römer seine Abscheu von der Seele. Um nicht
sein Leben aufs Spiel zu setzen, gab er vor, nur aus Schlaflosigkeit und
wegen seiner »unverschämten Milz« Verse geschmiedet zu
haben; er vermied auch zeitgenössische Bezüge, um nicht in eine
Anklagefalle zu geraten. Doch die zitierten Belege und Verweise wurden
von den Zeitgenossen unschwer auf die aktuellen Verhältnisse bezogen.
Mit kühner Offenheit und in einem ungewöhnlichen ironisch-aggressiven
Ton spießte der Satiriker Laster um Laster auf und entwarf ein
gigantisches Sittengemälde, in welchem sich auch die Postmoderne durchaus
erkennen kann. »Heute dagegen bereitet das Speisen den Reichen
keinerlei Lust, weder der Steinbutt noch das Reh schmecken, zu stinken
scheinen Parfüm und Rosen, falls nicht die breiten Tischplatten mächtiges
Elfenbein trägt, ein mit offenem Rachen sich hochreckender Panther
aus den Stoßzähnen...« Und zum Kontrast: »Die Schlichtheit
des Lebens hat einst die Latinerinnen keusch bewahrt, eine Befleckung durch
Laster ließen die kleinen Hütten nicht zu, die Arbeit, der kurze
Schlaf und die von etruskischer Wolle geplagten und harten Hände,
dazu die Nähe Hannibals vor der Stadt und die auf dem Collinischen
Turm stehenden Ehemänner. Jetzt leiden wir unter den Übeln des
langen Friedens, grausamer als die Waffen hat uns der Luxus überkommen
und rächt die besiegte Welt. Kein Verbrechen fehlt und keine Untat
aus Begierde, seit die Armut Roms vergangen ist.« Mit beißendem
Spott empfiehlt er Müttern, ihre Töchter »zur Unmoral zu
erziehen«, um den Herren in »purpurnem Athletenmantel«
zu gefallen. Zwar gebe es vieles, »was Menschen mit löchrigem
Mantel nicht zu sagen wagen«, aber das rechtfertige Feigheit nicht:
»falls du alles zu ertragen vermagst, verdienst du es auch.«
Die
Lasterkette scheint endlos: Unzucht, Ehebruch, ungezügelter Luxus,
bürgerliche Feigheit, Betrug, Bestechung, Geld- und Ruhmgier, Heuchelei,
Perversionen u.v.a. »Wäre ich doch nur ein Lügner!«,
ruft er verzweifelt aus, da er erkennen muß: »Delicias hominis!«
Welch einen Spleen hat der Mensch! Da wünscht sich eine Frau, »durch
den Tod ihres Mannes das Leben ihres Hündchens zu retten«. »Die
ganze Nation besteht aus Komödianten«, stellt er resigniert
fest und verweist auf die Lügenpraxis und Redesucht der Mächtigen.
Ein
verarmter Ritter namens Naevolus dient seinem Patron als Homosexueller
und zeugt in dessen Auftrag mit der Ehefrau seines Herrn zwei Kinder, wird
aber dennoch verstoßen und zum Schweigen gezwungen. Naevolus hat
die unmoralischen Verhältnisse derart verinnerlicht, daß er
ein Fall von Unbelehrbarkeit wird, worauf die entarteten Mores allgemein
hinauslaufen. In einem anderen Fall fristet ein gewisser Trebius ein Parasitendasein
am Tisch des reichen Vorro, der ihn ständig demütigt. Für
selbstverschuldete Entwürdigungen läßt der Satiriker freilich
keine Ausrede gelten, er schlägt sich keineswegs auf die Seite williger
Opfer, vielmehr verspottet er mangelnden Mut und fehlende Besinnung auf
das Eigene und tugendhaft Einfache. Im grellen Kultgetue zu Ehren der Bona
Dea werden Ehen unter Homosexuellen (und Lesben) geschlossen und ins Gegenlicht
der vergilischen Heroenwelt gestellt. Luxuria erscheint wichtiger als Abwehr
von Landesfeinden. Was unser Satiriker über die korrupte Staatsführung
schreibt, ist einzeitloses Lehrstück: Dem skrupellosen Parvenü
Crispinus ist die geschmacksgerechte Zubereitung eines Riesenfisches im
kaiserlichen Palast wichtiger als die Sicherung der Reichsgrenze. Alle
eilen sie zum Festmahl des Crispinus, »der schon am Morgen soviel
Parfüm verströmte, wie kaum zwei Leichen an Duft verbreiten«.
Schlachten werden in der Marmorvilla geplant, nicht in kargen Heereszelten
wie einst bei Caesar. Verschwendungssucht und Machtdünkel zeichnen
die Führungsschicht Roms aus. Sie verachten das Recht und gefährden
damit die gesellschaftliche und staatliche Ordnung – eine höchst moderne
Anmahnung der Mächtigen lange vor dem demokratischen Element der Rechtsstaatlichkeit.
Wer nicht als »Anhänger der Gerechtigkeiten zu gelten«
gewillt sei, tauge nicht für Staatsgeschäfte. Wesentlich sei
»ein redlicher Richter« (»arbiter idem integer«).
Der
Größenwahn des Imperiums ist dem Satiriker ein Greuel. »Wenn
dich blindlings Ehrgeiz und Willkür dahinreißen...« (»quod
si praecipitem repit ambitio atque libido...«). Kritisiert werden
religiöser Fanatismus und – ein besonderes Wagnis im Militärstaat
Rom – das Verhalten von Soldaten gegenüber Besiegten und römischen
Bürgern.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:
www.walthari.com
16. April 2001
Anakreon verlacht Pindar
Nein, die Geschichte wiederholt sich nicht, wohl aber
einzelne Entwicklungstendenzen, so etwa – als Indizien für kulturelle
Krisen – Systemerstarrungen und Entsolidarisierungen gegenüber Traditionen,
Randgruppen u.a. Ursachen für solche historischen Universalien sind
anthropologische Konstanten, darunter Luxus- und Herrschsucht, Zukunfts-
und Seinsvergessenheit. Der jeweilige Niedergang selbst glänzender
Hochkulturen und mächtiger Weltreiche ist relativ gut erforscht, man
lese dazu etwa Das Ende der Weltreiche. Von den Persern bis zur Sowjetunion
von
A. Demandt (1997). Die Untergangsmuster unterscheiden sich zeitlich und
auch in der Faktorendominanz; manches stolze Herrschaftssystem (wie das
Frankenreich) konnte nur wenige Jahrhunderte seine Identität aufrechterhalten,
andere bewahren sie über Jahrtausende (wie Indien und China). Doch
in allen Niedergangsphasen sind u.a. folgende Faktoren weit stärker
als in der Aufstiegs- und Hochphase ausgeprägt: nachlassender Wehrwille
(im
späten Rom war gängige Praxis: »Römer zahlten lieber
Wehrsteuer [aurum tironicum] als zu kämpfen«, A. Demandt, S.
43); das Entstehen eines Söldnertums (»Die Römer
zahlten und die Germanen kämpften«, M. Waas: Germanen im römischen
Dienst im 4. Jh. n. Chr., 1971); übersteigerter Luxusbetrieb der
Oberschicht (Byzantinismus); extremer Spielbetrieb der Massen; schwindendes
Vertrauen in Regierung und Religion.
Frühe Warnsignale sind i.d.R. aus dem Geistesleben
zu vernehmen. Cato der Ältere (234-149 v.Chr.) und Cicero (106-43
v.Chr.) ahnten lange vor den römischen Reichskrisen (im 4. Jh. n.Chr.)
die Gefahren, die von der anschwellenden Panem-et-circenses-Bewegung
ausgingen.
Zu Zeiten des Satirikers Juvenal (60-140 n.Chr.) war der Sittenverfall
Roms bereits in vollem Gange; in seinen berühmten Satiren spießte
er den Tafelluxus, den Sexismus, die Militärarroganz, den Zirkusbetrieb,
kurz: die römische Spaßgesellschaft schonungslos auf.
Eine paradigmatische Konstellation entdeckt man auch
in Altgriechenland. Der Lyriker Anakreon (*550 v. Chr. – 465?) besang in
Liedern, Oden und Elegien die Freuden des Lebens, das er an Fürstenhöfen
kennengelernt hatte, ehe er sich im Stadtstaat Athen niederließ.
Die nach ihm benannte Anakreontik bezeichnet eine Lyrik, die sich im Motivkreis
von Liebe, Geselligkeit und heiterem Lebensgenuß bewegt und als Poesie
der Empfindsamkeit bis ins 19. Jh. weiterwirkt (bei Liliencron u.a.). Der
anakreontisch leichte Ton ist der reine Gegentyp zum pindarischen Grollen:
Anmut und Lebensgenuß einerseits gegen Erhabenheit und Daseinserschrecken
andererseits. »War (seit dem 17. Jh.) die pindarische Ode groß,
leidenschaftlich bewegt, erhaben, enthusiastisch, naturhaft-unregelmäßig,
so war die anakreontische Ode klein, anmutig, glatt und regelmäßig.
Bevorzugt die pindarische Ode Götter, Helden, große Natureindrücke
wie Stürme, Ströme, Meer und Gebirge, so hält sich die anakreontische
Ode (deren Typus Hölderlin im Brief an Wilmans meint, indem er vom
müden Flug der ›Liebeslieder‹ spricht) an die Liebe und den Wein,
an kleine ländliche Vergnügungen und den leichten Genuß.
Nicht zuletzt gehört zur pindarischen Ode das Dunkle und Schwierige,
zur anakreontischen Ode das leicht Faßliche« (Schmidt, J.:
Kommentar
zu Hölderlins Gedichte, in: derselbe, Hrsg.: Friedrich Hölderlin,
Sämtliche Werke und Briefe, Bd. I, Frankfurt/M. 1992, S. 511).
Pindar lebte zwischen 518 und 476 v.Chr. und wirkte als Chormeister in
Athen. Seine Oden, die nach den Orten der vier Nationalspielen olympisch,
pythisch, nemeisch und isthmisch genannt werden, dienten insbesondere Hölderlin
als Vorlagen.
Wozu diese gegenüberstellenden Erinnerungen? Unter
dem Vielen, was sich daraus ableiten ließe, sei lediglich die Beobachtung
erwähnt:
Nichts wird in der Dichtung der Moderne mehr verabscheut
als der hohe pindarische Ton. Wer es dennoch wagt, wie Stefan George
vor hundert Jahren oder Peter Handtke in unseren Tagen, wird der Lächerlichkeit
preisgegeben.
Das Anakreontische, postmodern Spaßverpackte beherrscht
die literarische Szene. Schon beim leisesten pindarisierenden Pathos bekreuzigen
sich die Szenenwächter aus der Literaturkritik. Doch Pindars Zeitgrollen
hat stille Konjunktur (vgl. WALTHARI, Heft
36/2001).
© Erich Dauenhauer, aus: www.walthari.com
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