Walthari
 

Archiv zu Beruf-Wirtschaft-Humankapital


23. Januar 2008

Verratene Ökonomie 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Kursverfall. Die Täuschungsneigung auf den Finanzmärkten übertrifft diejenige in der Politik. Noch wenige Tage vor dem größten Kursabsturz seit Jahren (am 21. Januar) sprach man Kaufempfehlungen aus, obschon es für einen baldigen Absturz handfeste Gründe seit Monaten gab (vgl. die Hinweise auch in diesem WALTHARI-Portal). Die Anleger wurden an einem einzigen Tag um sechzig Milliarden Euro ärmer. Das Täuschungsspiel geht ungestraft weiter.

Mindestlöhne. Für die Mehrheit der Ökonomen, die nicht auf Drittmittel aus politischen Händen angewiesen sind, besteht kein Zweifel: Mindestlöhne sind einzig als Stimmungshelfer in Wahlkämpfen tauglich, aber nicht zur Armutsbekämpfung, weil sie Arbeitsplätze vernichten (vgl. Pin-Gruppe). Dennoch hat sich die SPD eine flächendeckende Einführung auf ihre Fahne geschrieben. 

Tarifautonomie. Das einzige Rechtsgebiet, welches außerparlamentarisch zugelassen ist, das Arbeitsrecht, wird z. Z. von den Gewerkschaften dem Staat angedient: durch die gesetzliche Regelung von Mindestlöhnen, die in das Hoheitsgebiet der Tarifparteien fallen. Die Genossen werden es noch bereuen.

Managergehälter. Auch sie werden staatsfrei ausgehandelt, schießen aber in nicht wenigen Fällen über das vertretbare Maß hinaus. Den abgehobenen Entscheidern ist wohl nicht bewußt, welche verheerende Stimmung sie nicht nur unter Arbeitslosen und Geringverdienern erzeugen. Der innere Zusammenhalt eines Gemeinwesens ist auf Augenmaß angewiesen, aber wem liegt das noch am Herzen.

Finanzaufsicht. Erst die Blamage der Ratingagenturen, die den Banken zu gute Noten und damit eine zu hohe Kreditwürdigkeit bescheinigten, dann die Beinahe-Pleiten unter Banken und jetzt die Börsenkrise. Da fragt man sich, ob die Aufsichtsbehörden ihren Job professionell erfüllen. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) verlangt harte Strafen für Kreditjongleure, um offensichtlich von eigenen Versäumnissen abzulenken. 

Arbeitslosenstatistik. Schon wieder suchen Politiker diesen Ausweis für die Qualität der Wirtschaftspolitik zu manipulieren, indem ältere Arbeitslose nicht mehr aufgeführt werden sollen.

Globalisierung. Über zahlreiche deutsche Großfirmen herrschen ausländische Eigner. Damit lassen sich verläßlich Ängste schüren, wenn man unerwähnt läßt, wie hoch die ausländische Investitionsquote deutscher Anleger ist. Der Großteil unseres Wohlstandes beruht auf einer intelligenten globalen Arbeitsteilung. Den weltweiten Kapitalverzahnungen verdanken wir zudem ein friedliches Miteinander, weil niemand sein Geld im Ausland verlieren will. Bei alledem sind natürlich die Schattenseiten nicht zu übersehen: Umweltschäden durch unsinnigen Warentourismus; Gefahr der Abhängigkeit von ausländischen Staatsfonds, die Böses im Schild führen können u.a.m. Die pfiffigen Schweizer machen mal wieder vor, wie man seine Vorteile optimiert. Einst behinderten sie ausländische Investoren mit vinkulierten Namensaktien, während sie selber kräftig im Ausland investierten. Diesmal...

Nokia-Lärm. Es hilft alles nichts: Unser Hochlohnland kann im globalen Wettbewerb nur bestehen, wenn es sich auf Produkte konzentriert, die ein hohes Geistkapital voraussetzen. Mit einfachen Arbeiten (Handys bloß zusammensetzen usw.) sind wir nicht konkurrenzfähig. Das verlangt ständige und rechtzeitige Umstellungen und Neuentwicklungen, wozu die Politik die Rahmenbedingungen zu schaffen hätte. Mit noch so vielen Subventionen sind ›Einfach‹-Produktionen hierzulande nicht zu halten. Bei Werkzeugmaschinen sind wir (noch) unschlagbar, bei Korbmöbel dagegen chancenlos. Wenn Politiker bei der Nokia-Affäre (es ist eine Affäre wegen der Falschsubventionierung) sich als Retter in der Not aufspielen, täuschen sie die Betroffenen. 

Das alles läuft auf die bittere Erkenntnis hinaus, daß es an ökonomischer Bildung unter den Bürgern und bis hinauf zu Spitzenpolitikern fehlt, sonst würde es nicht zu diesen Fehleinschätzungen und Täuschungen kommen können.
© WALTHARI.  Aus: www.walthari.com

Empfohlene Literatur: 
- Müller, H.: Wirtschaftsfaktor Patriotismus, Frankfurt/M. 2006;
- Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien, Münchweiler 2000 (Näheres in diesem WALTHARI-Portal unter ›Sachbücher‹). 


23. November 2007

Die EU: volksfern, demokratiedefizitär, 
verschwenderisch, korruptionsanfällig, unsanierbar

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 1
1

Die ganz überwiegende Mehrheit der Medienberichte und Bürgeräußerungen (im Internet, als Leserbriefe usw.) stimmt in dem Urteil überein: Ein föderativ gebündeltes Europa ist nicht nur wünschenswert, sondern aus Gründen des inneren Befriedungsdrucks, der Konkurrenzstärkung und der äußeren Abwehr von Gefahren notwendig, doch in der Brüsseler Fassung eine schlimme, weil verhängnisvolle, unheilbare Fehlgeburt. Dafür lieferte die EU in der Vergangenheit unzählige Belege, die sich weiterhin tagtäglich vermehren. Eine politische Klasse aus 27 Mitgliedsstaaten hat sich »am Volk vorbei« (NZZ) ein Betätigungsfeld geschaffen, das von Grund auf falsch angelegt wurde. Von den Bürgern wird die EU als kafkaeskes Bürokratiemonster wahrgenommen und als gigantische Umverteilungsmaschine, die verschwenderisch und korruptionsanfällig agiert. Für die politische Klasse ist die EU eine Art interner Arbeitsmarkt für eigene Leute, ohne wirksame, bürgernahe Kontrolle. Die Lage ähnelt in manchem den Zeiten der Adelsherrschaft mit ihrer volksfernen luxuriösen Betriebsamkeit und mit... Es geht nicht einfach nur um schleichende Zentralisierung und Kompetenzanhäufung zulasten der Subsidiarität, was revidierbar wäre. Das EU-System läuft aufgrund seiner Grundkonzeption in die falsche Richtung und ist infolge der institutionell abgesicherten politischen Klasse nicht sanierbar. 

2

Dazu zwei aktuelle Medienstimmen:
»Man könnte den Leuten auch gleich ins Gesicht sagen, daß sie nichts zu melden haben... Das ist Legitimitätspolitik der verbrannten Erde. Und es passiert wieder und wieder und wieder. Was sich wiederholt, hat System. An der Apfelwein-Causa ist es einfach dingfest zu machen: Wer das verzapft hat, muß die Folgen nicht selbst ausbaden. Das bleibt anderen überlassen. In diesen dürren Worten ist auch schon ein Grundprinzip oder vielmehr: der grundlegende Mangel in der Konstruktion der gemeinschaftlichen europäischen Institutionen beschrieben. Da wird viel entschieden und wenig verantwortet... Und indem man über die Jahrzehnte eine babylonische Intransparenz – übrigens der Indikator für Verantwortungslosigkeit – heranwachsen ließ, die Kontrolle unmöglich macht« ( V. Zastrow, in : FAS Nr. 45/07, S. 14).
»Der europäische Traum ist ausgeträumt... Selbst die Idee einer von Bürgern und Eliten getragenen demokratischen Gemeinschaft wird wohl bleiben, was sie in 50 Jahren europäischer Einigung immer war: eine schöne Idee. Das ist kein pessimistischer Abgesang, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Der Verfassungsprozess, mit dem sich die größten Hoffnungen auf ein neues Europa verbanden, ist gescheitert. Schon der 2004 vorgelegte Verfassungsvertrag war mit seinen 500 Seiten ein schwerverständliches Kompendium, das mit dem deutschen Grundgesetz oder der US-Verfassung kaum mehr als den Namen gemein hatte... Wirtschaftliche Integration führt nicht länger zu politischer Annäherung, im Gegenteil. Deutschland und Frankreich rivalisieren mehr denn je um Unternehmen und Strategien, was immer öfter zu politischen Problemen führt...  Die Brüsseler Maschine läuft ins Leere; Orientierung oder gar Sinn vermittelt sie nicht« (E. Bonse, in: HB Nr. 199/2007, S. 9). 

3

Selbst Finanzwissenschaftler, an große Zahlenwerke gewohnt, halten den Atem an, wenn sie an den verschwenderischen Gigantismus der EU denken. Für den Brüsseler Haushalt der Jahre 2007 bis 2013 sind sage und schreibe 866,4 Milliarden Euro angesetzt. Die Verwaltung kostet allein 50,3 Mrd. 80 Prozent der Agrarsubventionen, die 40 Prozent des Haushaltes ausmachen, fließen an nur 20 Prozent der Betriebe, meist industriell bewirtschaftete Agrargroßbetriebe, die auf Subventionen gar nicht angewiesen sind. Subventioniert werden Eisenbahnkonzerne, Golfclubs, Reitervereine und nicht existierende Olivenplantagen. Wer den gerade vorgelegten Kontrollbericht des Europäischen Rechnungshofes liest, sollte eine anschließende Erholungskur ernsthaft in Erwägung ziehen. Die Fehlerquote bei den Ausgaben lag im Jahr 2006 bei rd. 10 Prozent, das ergibt bei einem Gesamthaushalt in Höhe von 106,6 Mrd. Euro eine Verschwendungssumme von mehr als zehn Mrd. Euro. Mit der Rückrechnung über die Jahrzehnte der bestehenden EU zeigt sich erst das ganze Skandalausmaß: Die Brüsseler Umverteilungsmaschine dürfte seit ihrem Bestehen mindestens 100 (einhundert) Mrd., eher das Doppelte an eingesammelten Steuergeldern in den Sand gesetzt haben, nicht nur im Agrarbereich, auch bei der Nahrungsmittelhilfe, bei den Fonds und selbst bei der humanitären Hilfe, wo der Rechnungshof sogar eine »wesentliche Fehlerquote« festgestellt hat. Welcher EU-Bürger weiß schon, daß selbst Nichtregierungsorganisationen und Lobbyclubs aus der Gemeinschaftskasse subventioniert werden? Daß spanische, italienische und griechische Olivenbauern 2006 wieder einmal, wie seit Jahrzehnten, kräftig überhöhte Baumzahlen nach Brüssel gemeldet und damit betrogen haben, kann man seit fünfzig Jahren und ist in dem Subventionsdschungel auch nicht abstellbar. Zynisch heißt es, das sei nun mal der Preis für den Frieden in Europa. Daß aber...

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Mit der EU ist der Turmbau von Babel in Megagestalt neu errichtet worden. Bekanntlich hat nach der biblischen Erzählung Gott den Übermut der Menschen mit einer Sprachverwirrung bestraft und damit ihren Untergang in Babylon eingeleitet. Im Jahre 2007 gab es 22 Amtssprachen, darunter die gälische, maltesische und katalanische (!). Für Dolmetscher und Übersetzer ergeben sich daraus 506 mögliche Kombinationen. Der Sprachendienst kostet die EU über eine Milliarde Euro jährlich. Drei Millionen Seiten im Jahr müssen für die Kommission, den Rat und das Parlament übersetzt werden. Der Gipfel des unsinnigen EU-Betriebs: Parlamentarier müssen zwischen Brüssel und Straßburg pendeln und mit ihnen ein gewaltiger Troß von Bürokraten und Dolmetschern. Ein eigener Fahrdienst transportiert zentnerschwere Aktencontainer hin und her. Während z.B. an deutschen Universitäten sog. Doppelfächer in Standortnahbereichen aus Spargründen aufgelöst werden, leistet sich die politische Klasse in der EU den luxuriösesten Doppelbetrieb der Welt: zwei Standorte mit gleicher Funktion, überflüssige Zweitbüros usw., und das alles nur, weil Frankreich...

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Es ist keiner der spottvollen EU-Witze, sondern Zahlenrealität: Die pferdepflegerische Agrarwirtschaft der superreichen britischen Krone wird mit zwei Millionen Euro jährlich aus der EU-Kasse subventioniert. Aber die Verschwendung läßt sich noch steigern: Der Fürst von Lichtenstein, obschon kein EU-Bürger und ebenfalls superreich, erhält jährlich die gleiche Summe. Das europäische Bürgertum...
© WALTHARI® – Aus:www.walthari.com
Wird fortgesetzt


26. November 2006

Aufbau Ost - endlos, teilweise rechtsverletzend 
und extremismusfördernd?

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

In einem WALTHARI-Beitrag vom 7. April 2004 wurde faktenbelegt festgestellt: »Der Aufbau Ost ist in beträchtlichem Ausmaße zu einem Milliardengrab geworden.« Schon damals wurden die »Ergebnisse des Großtransfers von 1,2 Billionen Euro« von Fachleuten als katastrophal bezeichnet, gemessen an der skandalös hoch gebliebenen Arbeitslosigkeit, an der Entvölkerung ganzer Landstriche, an den sozialen, kulturellen und politischen Verödungen.

Hat sich daran wesentlich etwas geändert? Mitnichten. Nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit ungleich höher als in Westdeutschland, unverändert existieren soziale und kulturelle Brachen. Politisch ist die Lage nicht nur höchst bedenklich geblieben, sie hat sich sogar verschlechtert: 1. Bekannten sich im Jahre 1998 zwei Drittel der Deutschen in den neuen Ländern zur Marktwirtschaft, so ist die Zustimmungsquote im Jahre 2006 auf 48 Prozent gesunken. 2. Die PDS, die Nachfolgeorganisation der ehemals kommunistischen Einheitspartei (SED), hat sich vielerorts zur mitregierenden Volkspartei entwickelt. 3. Die rechtsextreme Bewegung hat nicht weniger, sondern mehr Zuläufe bekommen.

Deprimierend ist nicht allein diese Lage, schlimmer noch erscheint eine Zukunft ohne Hoffnung auf Besserungen. Natürlich gibt es Teilerfolge in der Wirtschaft und auch im kommunalen Bereich. Dresden z.B. hat sich im alten Glanz herausgeputzt, wenn auch mit beträchtlichen Westgeldern und durch Substanzverkäufe. Dieser und andere Transfers in haben sich gelohnt, doch hinter der Schauseite läßt sich der triste Zustand insgesamt nicht verbergen. Für Kenner hurtiger Transfersalvierungen kann der weitgehend mißlungene Aufbau Ost allerdings keine Überraschung sein. Wer 1990 naiverweise geglaubt hatte, daß eine West-Angleichung in zehn, spätestens fünfzehn Jahren zu schaffen sei, unterschätzte die desaströsen Verhältnisse (auch im Mentalen) und hatte das Beispiel des Saarlandes verdrängt. Auch nach einem halben Jahrhundert der Angliederung hängt der öffentliche Saarhaushalt in einem erschreckend hohen Ausmaß am bundesdeutschen Transfereuter. Dabei waren die wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Ausgangsverhältnisse unvergleichlich besser, ja im Gegensatz zu den benachbarten Pfälzern mußten die französisch besetzten Saarländer nach 1945 nicht hungern. Wer sich politisch nichts vormachen läßt, wird eingestehen: Endlos scheint ein erheblicher Transferbedarf weiterzubestehen; der Solizwang wird zum politischen Daueroktroy – obschon die Effekte mehr als zweifelhaft sind. Aber nicht allein die augenscheinliche Erfolglosigkeit, nicht einmal die Kontra-Effekte (wachsender Links- und Rechtsextremismus) haben die politische Klasse zu Reformen veranlaßt. 

Völlig inakzeptabel sind auch die Schäden, die bei der Soliverwendung der Rechtskultur in ganz Deutschland zugefügt wurden und immer noch werden. Ein Großteil der Solidarpaketgelder fließt nämlich nicht dem dafür gesetzlich (!) bestimmten Zweck zu (Investitionen), sie werden zweckentfremdet für laufende Ausgaben (Personal, Schuldenzahlung u.a.) in den öffentlichen Haushalten umgebucht. »Wir tun das, was machbar ist«, kommentierte kaltschnäuzig ein Finanzminister. Sein Kollege aus Brandenburg treibt es noch ärger: »Es gibt gar keine Verwendungsbeschränkung.« Es ist nicht allein dieser Gesetzesbruch der Exekutive, welcher die Rechtskultur beschädigt, es ist auch das Versäumnis der Legislative, die in das Transfergesetz keinerlei  Sanktionen für Rechtsbrüche eingebaut hat.  So wird die Bürgerverachtung auf eine doppelte Spitze getrieben: Schwere Rechtsmißachtungen von Landesregierungen (es geht schließlich um Milliarden Euro jährlich) werden im Gegensatz zu vergleichsweise geringen Gesetzesverletzungen von Bürgern (sagen wir ein Versäumnis bei der Zinsversteuerung) nicht geahndet; und noch dreister: Die Steuerzahler, die seit Jahr und Tag brav ihren Soli bezahlen, der nachweislich auch zweckentfremdet wird, haben keinerlei Klagerecht. Man hat Mühe, die Sachlage zu begreifen: Derjenige, dem man Zwangsgelder abfordert, muß ohne eigene Rechtsmittel schwere Fehlverwendung seiner Gelder hinnehmen – und dies seit Jahren und mindestens bis 2019 (solange dauert der Solidarpakt II; Nr. III ff. werden folgen).

Bis Ende 2006 werden, 1,4 Billionen (!) Euro vom Westen in den Osten Deutschlands geflossen sein. Unter Berücksichtigung aller Vergünstigungen waren es allein 2005 rd. 145 Milliarden Euro (nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft). Dennoch ist der Osten, im Unterschied z.B. zu Slowenien, das 1990 ebenfalls von vorn anfangen mußte, ein finanzielles Massengrab geblieben – für Ökonomen keine Überraschung, wie die Kieler feststellten: »...denn der Staat (hat sich) in Aufgaben eingemischt, die originär marktwirtschaftlich sind«. Im Klartext: Alle Subventionen jenseits von Investitionen in Rahmenbereichen (Infrastruktur usw.) lähmen den Wiederaufbau aus eigenen Kräften. Wie im Falle Slowenien ist es keine Schande, vielmehr eine Notwendigkeit, für eine bestimmte Frist hinter ›vergleichbaren Lebensverhältnissen‹ (eine kontraproduktive Formel auch im EU-Rahmen) zurückzubleiben, um schöpferische Eigenleistungen zu erzwingen. Dafür war und ist die Überdosis an Subventionen Gift.
Wenn dies trotzdem geschah und geschieht, dann aus politischen Gründen, die der Parteienstaat zu vertreten hat. Anfangs wollte man neue Wählerstimmen gewinnen, heute dient die Subventionitis auch dazu, Extremisten abwehren zu wollen – doch genau das Gegenteil wird sich fortsetzen. Schon im Jahre 2000 stellte der Leiter des Ifo-Instituts in München fest: Der Aufbau Ost »ist ökonomisch mißlungen«. Wird man bald hinzufügen müssen: auch politisch mißlungen? In Thüringen haben bei der letzten Landtagswahl mehr als ein Viertel die Linkspartei gewählt, die NPD-Stimmen haben zugenommen. Ein Drittel hält den Sozialismus für die beste Staatsform, rund ein Viertel will zum SED-Sozialismus zurückkehren – dramatische Verschlechterungen im Vergleich zu den ersten 90er Jahren. Der wachsende Extremismus und die zunehmenden Vorbehalte gegenüber Demokratie und Marktwirtschaft belegen es. Wer daran zweifelt, studiere die sinkenden Wahlbeteiligungen und die Zusammensetzung der Landtage im Osten Deutschlands. Die »gigantische Umverteilungsmaschine« (NZZ Nr. 228/2000, S. 3) hat nicht nur wenig gebracht, sie produziert zunehmend Kontra-Effekte – auch im Westen. Die politische Klasse übt sich derweil in falschen Schuldzuweisungen und im punktuellen Alarmismus nach Wahlen. Verwegen gibt sie die Parole aus: Es gebe »keine Alternative« - die bekannte Totschlagformel zur Sicherung der eigenen Diskursherrschaft. Um die zahlenden Westbürger zu beruhigen, werden die Transferströme leicht zurückgefahren, ohne den Grundfehler abzustellen. »Das beste wäre es«, schreib Heike Göbel in der FAZ Nr. 137/06, »die Gelder des Solidarpakts II unverzüglich zu kürzen«, um die Fehlallokationen und Verschwendung endlich abzustellen. Die verlorenen staatlichen Fördermittel für Betriebe, die später Insolvenz angemeldet haben oder liquidierten, dürften seit 1991 die Milliardengrenze überschritten haben. Bei zwei Drittel der Transfergelder könnte man mit Kürzungen sofort ansetzen, wenn die Parteien es nur wollten. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wurden im Jahre 2004  teilweise  nur 39 Prozent der Zuschüsse gesetzes- und sachgerecht verwendet; man beließ es bei einem rügenden Gutachten. Wie lange wird sich der zahlende, aber entmündigte Steuerzahler diese gigantische, staatlich gedeckte Verschwendung noch gefallen lassen?
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com



2. Juli 2007

Zur aktuellen Krise der Ökonomie 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

1

Das wirtschaftliche Ungleichgewicht in der Eurozone nimmt zu und könnte zu einer Zerreißprobe führen. Wie bedrohlich die Entwicklung geworden ist, erkennt man am nervösen Aktivismus in Frankreich. Als Deutschland noch über seine eigene DM verfügte, waren die Ungleichgewichte gut am Wechselkurs der Währungen erkennbar. Frankreich musste den Franken mehrfach abwerten, um seinen Export zu stützen, während Deutschland als Exportweltmeister aufwertete und den notleidenden Nationalbanken in Paris, London u.a. über die Bundesbank unter die Arme griff. Mit der Euroeinführung sind Ungleichgewichte nicht mehr über Wechselkurse auszugleichen. Was tun, wenn Frankreich u.a. im Wachstum und Export zurückbleiben, während Deutschland gigantische Exportüberschüsse erzielt? Vorschlag aus Frankreich: Die Preisstabilitätspolitik der EZB politisch zu unterlaufen. Während die deutsche Exportwirtschaft mit höheren Zinsen und einem starken Euro gut leben kann (infolge besserer Wettbewerbsfähigkeit), setzen andere Euroländer auf eine schwache Währung, um den Import zu drosseln und den Export zu erleichtern. Darin liegt eine politisch unterschätzte Sprengkraft, die ›eurointern‹ nicht lösbar ist. Denn einerseits ist die EZB zwingend auf Preisstabilität festgelegt, andererseits driften die Länder immer weiter auseinander. Auf diesen Systemfehler des Euro wird an dieser Stelle seit Jahren in Ökonomie-Artikeln hingewiesen (vgl. u.a. den WALTHARI-Beitrag ›Deutschland wird die Währungsunion verlassen‹). Im Monatsbericht 4/2007 (S. 79-91) der EZB wird das Strukturproblem wie gewohnt verharmlost. Es handele sich um unterschiedliche Aufholprozesse und Ergebnisse »einer unangemessenen nationalen Wirtschaftspolitik« (S. 79). Doch das dicke Ende kommt bestimmt. Man lese dazu die ›Finanzarchitektur‹ im Mut-Heft 1/2000 (S. 6-17) von Wilhelm Hankel.

2

Unverantwortlich ist auch das Herunterspielen der Teuerungsrate im Euroraum. Thorsten Polleit von Barclays Capital: »Die Zentralbanken versichern, der Geldwert bleibe erhalten, wenn die Konsumentenpreise ungefähr um 2 Prozent im Jahr steigen. Doch Inflation anhand der Veränderung von Konsumentenpreisindizes zu bemessen ist trügerisch. Sparer, die auf den Erhalt ihres Geldvermögens aus sind, sollten sich mit einem solchen Versprechen kritisch auseinandersetzen. Seit Mitte der neunziger Jahre zeigt sich die Geldentwertung verstärkt in den Preissteigerungen des Bestandsvermögens (Häuser, Grundstücke, Aktien und Rentenpapiere), sie wird aber in den Konsumgüterpreisen nicht adäquat erfasst. Eine solche Vermögenspreisinflation zersetzt die Kaufkraft des Geldes wie klassische Konsumgüterpreisinflation auch.« Demgegenüber legt die EZB unverdrossen einen trügerischen HVPI (Harmonisierter Verbraucherpreis-Index) vor und unterscheidet in ihrem Juni-Bericht 2007 erneut zwischen tatsächlicher und gefühlter Inflation (S. 12 ff.). Ist den Frankfurter Experten wirklich entgangen, wie sich die Preise für Grundstücke, Häuser, Kunstgegenstände usw. seit der Euroeinführung entwickelt haben? Die Häuserpreise sind in den letzten sieben Jahren um 63 Prozent gestiegen, also um 9 Prozent jährlich. Natürlich kennt die EZB die reale Inflation, dennoch verharmlost sie die wahre Datenlage: »Da die Kosten für eigengenutzte Wohnungen derzeit nicht im HVPI-Korb erfasst werden, könnte außerdem auch der kräftige Anstieg der Preise für Wohnimmobilien in einigen EU-9-Ländern die Abweichung erklären« (S. 15). 

3

Angriffe auf die soziale Marktwirtschaft mehren sich und finden Unterstützung auch bei den Sozialdemokraten. Ihr Vorsitzender Kurt Beck erklärt den Neoliberalismus zum Feindbild, der SPD-Arbeitsminister Müntefering hat in der großen Koalition den Mindestlohn in Teilen der Wirtschaft durchgesetzt, und die SPD insgesamt macht sich für eine Mitarbeiterbeteiligung an Betrieben stark, indem sie einen Deutschlandfonds einrichten will. Alle drei Punkte sind Programmteile einer Planwirtschaft, von denen sich die SPD im Godesberger Programm verabschiedet hatte. Es ist mehr als Ignoranz, die Neoliberalen zu Quasi-Volksfeinden abzustempeln. Es war gerade ihr Modell (von Hayek, Röpke, Eucken u.a.), das der Bundesrepublik den Wohlstand und sozialen Standard beschert hat. Politiker haben offenbar zu wenig Zeit, um sich mit den historischen Fakten zu beschäftigen und die ökonomische Realität verstehen zu lernen. Das gilt auch für Mindestlöhne, die noch mehr Ungelernte vom Arbeitsmarkt ausschließen werden, als es schon der Fall ist. Der Deutschlandfonds (schon die Wortwahl ist Propaganda) ist so recht nach dem Geschmack von Parteifunktionären: da kann man fremdes Geld und eigene Pöstchen verteilen. Für Mitarbeiterbeteiligung, die ich schon in den achtziger Jahren in einem Lehrprogramm vorgestellt habe, gibt es bessere Lösungen. Die Financial Times (vom 27.06.07) spielt denn auch ironisch als Aufmacher auf die marxistische Volksausgabe des ›Kapital‹ von Kautsky an. Der sich bieder gebende Kurt Beck entpuppt sich allmählich auch auf Bundesebene, woran er in Rheinland-Pfalz schon seit Jahren erkennbar ist. Sein FAZ-Großaufsatz ›Das soziale Deutschland‹ ist voller Klischees und ökonomischer Unbedarftheiten. Die nachgereichten FAZ-Kommentare vermitteln den Eindruck, als hätte das liberalkonservative Blatt den volkspädagogischen ›Kapital‹-Verfasser Beck ins Messer laufen lassen.

 4

Auch innerhalb der Ökonomenzunft rumort es derzeit gewaltig. Dem Sachverständigenrat wird politische Nähe (kein Wunder: man denke an die Ernennungspraxis), Gutachtenüberlänge und -ineffizienz vorgehalten. Auch den Instituten kreidet man schwere Prognosefehler an. Der Nobelpreisträger J. M. Buchanan warf seinen Ökonomiekollegen vor, die weichen Faktoren in ihren Modellen zu wenig zu berücksichtigen. In Deutschland hat sich eine Frontstellung zwischen den Professoren Lauterbach und Bofinger einerseits und Sinn und Wiegand andererseits herausgebildet. Auch ansonsten vermittelt die professorale Ökonomenzunft ein chaotisches Bild: Richard Layard (London School of Economics) plädiert für weniger Arbeit, die Mehrheit seiner Kollegen für das Gegenteil, um den Wohlstand und die Sozialsysteme zu erhalten. Zentrale Analyseinstrumente wie die Mathematik verlieren an Erklärungswert (vgl. Goldschmidt et al.), weil die soziale Wirklichkeit unerwartete Sprünge macht und damit in mathematischen Modellen nicht zureichend abgebildet werden kann. Mit Freakonomics scheint die Zunft den Karneval des Quodlibet eröffnet zu haben, worauf sich bereits Philosophen u.a. ihren ökonomischen Reim machen: mit dem »Paradigma einer ökonomischen Theologie‹ (Giorgio Agamben), mit einer ›ästhetischen Ökonomie‹ (Gernot Böhme) und mit einer ›ironischen Wirtschaftstheorie‹ (Dirk Baeker). Walter Eucken dreht sich darob im Grabe herum.

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Einen Schock ganz anderer Art erleben die Neoliberalen durch den Sturz eines ihrer Säulenheiligen. Ludwig Erhard, seit der Währungsreform 1948 ein Vorzeigeliberaler, war mitnichten einer der geistigen Schöpfer der Marktwirtschaft. Der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim fand heraus, daß es die US-Besatzer waren, die den Christdemokraten ihre Sozialisierungsgesinnung (im Ahlener Programm 1947) erst austreiben mussten, bevor Erhard die marktwirtschaftlichen Anfangsbedingungen vorfand, die er dann zum Erfolg führte. Schlimmer ist die Entdeckung, daß nicht Erhard es war, der die Währungsreform betrieb, sondern wiederum die Amerikaner. Buchheim spricht von einem »alliierten Oktroi«. Nach dem sog. Homburger Plan der Deutschen (unter ihnen Erhard) war eine ganz andere Abschöpfungslösung für den Geldüberhang der Reichsmark geplant. Am schlimmsten ist wohl der dritte Stoß: Erhard hatte die Unabhängigkeit der Bank deutscher Länder gar nicht gewollt. »Noch im Herbst 1949 plädierte er (Erhard) dafür«, daß der »Wirtschafts- und Finanzminister« und andere »nicht nur Sitz, sondern auch Stimmrecht haben (bei der BdL) sollten«, schrieb Buchheim. Sturz eines Idols, das soziale Gedächtnis umpflügend. Ein Fundamentstück der alten Bundesrepublik muß umbenannt werden: Geistig hatten Röpke, Eucken & Co. die soziale Marktwirtschaft in den Kriegsjahren vorbereitet, politisch haben sie die Amerikaner durchgesetzt. 
© WALTHARI, , ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


Erich Dauenhauer
 
 

Das veruntreute Land 
Wohin driftet Deutschland?
 
 

2. Auflage
1998
 
 
 
 
 

WALTHARI

Aus dem Inhalt
  • Amerikanisierung: Importierte Lebens-und Medienstile
  • Anglifizierung: Sprachfalle
  • Ausländer: Angst vor Überfremdung oder Ausländerfeindlichkeit?
  • Bekanntmachungsrituale: Alle mal herhören!
  • Bildungsreformen: Pädagogische Wendehälse
  • Bürgersouveränität: Eingeschränkte Mündigkeit
  • Bürgerhinrichtung: Wie man schlichte Bürger medienöffentlich hinrichtet
  • Events: Städtische Genußparadiese
  • Gemeinde: Schröpfgebühren der Gemeinden
  • Geschichtsverengung: Fixierung auf das schwärzeste deutsche Geschichtsloch
  • Gurus: Deutschland im Zerrspiegel ausländischer Scheltgurus
  • Interessensverleugnung: Rückwärts im gebückten Gang
  • Nationalstolz: Dürfen Deutsche patriotisch sein?
  • Quotengequengel: Gleichheit kontra Qualität

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170 Seiten, Fadenbindung, flexibler Einband

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Postfach 100019, 66979 Münchweiler oder E-Mail:
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