Walthari
 
 

Archiv zu Persönlichkeitsmanagement


6. Dezember 2007

Hayek, Fr. A.: Der Weg zur Knechtschaft
Olzog Verlag, München 2007, 323 Seiten, 39,- Euro 

Es handelt sich um die Prachtausgabe eines Jahrhundertbuches, dessen Herausgabe von der Friedrich-Naumann-Stiftung gefördert wurde. Hayek war ein scharfer Gegner aller sozialistischen Varianten und ein Antipode zu John M. Keynes, der dem Staat auch ökonomische Lenkungsaufgaben über die Rahmensetzung hinaus zubilligte. Das Buch wurde 1944 verfaßt und ist allein schon deshalb aktuell geblieben, weil planwirtschaftliche Gesinnungen die politische Szene nicht nur in Deutschland beherrscht. »Den Sozialisten in allen Parteien«, dieses Motto schrieb der Nobelpreisträger ins befleckte Stammbuch der Staatsgläubigen. Für Hayek wäre die gegenwärtige Bundeskanzlerin und ihr gesamtes Kabinett ein ›sozialistischer Haufen‹, der vergessen habe, daß (1) jeder Planwirtschaft die Tendenz zum Totalitarismus innewohne und (2) daß staatlicher Dirigismus (so im Gesundheits-, Bildungswesen usw. auch heute wieder) bestenfalls drittbeste Ergebnisse zeitigt, meistens aber auf desaströse Ressourcenvergeudung hinauslaufe. Man lese die aktuellen Parteiprogramme der CDU und SPD und zwischendurch in Hayeks Klassiker: Den ›Weg zur Knechtschaft‹ hat das feige und denkfaule Bürgertum (vgl. I. Kant) erneut angetreten, unter Verhältnissen des Überwachungsstaates, dessen Greifarme bald auch private Rechner erfassen werden. Fünfzehn Kapitel laden zum Lesen ein, darunter ›Die große Illusion‹, ›Die angebliche Zwanghaftigkeit der Planwirtschaft‹, ›Planwirtschaft und Demokratie‹, ›Planwirtschaft und Totalitarismus‹ (besonders lesenswert) und ›Sicherheit und Freiheit‹. Für Hayek gehört es zum politischen Täuschungskanon, den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsdirigismus und politischer Diktatur zu bestreiten. Nur in einer Übergangsphase sehe es so aus, als ob das Politische unberührt bleibe. Hayek hat alle historischen und aktuellen Belege auf seiner Seite, wenn er feststellt, »daß alles, was sich, wie die Planwirtschaft, nur auf unsere wirtschaftlichen Interessen auswirkt, die höheren Lebenswerte nicht ernstlich in Mitleidenschaft ziehen könne« (122). Für Deutschland verheißt das nichts Gutes. Ich habe dem politischen Konzept Hayeks in ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (2007; vgl. Fenster Sachbücher) ein eigenes Kapitel gewidmet. Was besonders betrübt: Trotz aller Erkenntnisse und Erfahrungen macht die Politik die alten Fehler, und das feige Bürgertum (vgl. WALTHARI-Heft 32) fällt darauf herein.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


29. Januar 2007

Teil 13
Klugheit

1

Friedrich Schiller hat in seinen ›Ästhetischen Briefen‹ das Modell eines Bürgerstaates entworfen, worin dem anmaßenden »Kaltsinn« repräsentativer Herrschaft dadurch vorgebeugt werden sollte, daß die Bürger mit festem Charakter, also selbstbewußt und tugendhaft, auftreten sollen. Keine republikanische Gesinnung ohne Charakterbildung – so die politische Botschaft in seinen ›Ästhetischen Briefen‹. Damit lebt, ganz im Sinne der Aufklärung, das ganze Programm der Tugendhaftigkeit auf, das in der griechischen Antike schon breit dargelegt (so in der ›Nikomachischen Ethik‹ von Aristoteles) und über die Jahrhunderte weitergetragen wurde. Wenn beispielsweise in unseren Tagen ein Buch mit dem provokanten Titel ›Disziplin‹ auf den Bestsellerlisten ganz oben steht, zeugt das indirekt von einer Tugendlücke, die nicht nur in Schulen als besonders schmerzlich empfunden wird. Der altgriechische Ursprungssinn von Askese (übende Tüchtigkeit, Selbstdisziplin) wies bereits auf die große Bedeutung dieser charakterlichen Seite hin, ohne welche die Polisgemeinschaften nicht hätten überleben können. 

2

Am 19. Juni 2003 ist unter dem Titel ›Privatheit und Askese‹ diese Tugendseite hier vorgestellt worden. Zuvor beschäftigten sich die Beiträge in diesem WALTHARI-Fenster mit Gelassenheit, Redlichkeit, Bescheidenheit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Dankbarkeit und Ma’at (tiefer Richtungssinn). In den Jahren 2004 und 2005 waren Hochherzigkeit, Dezenz und nochmals Askese die Themen. Heute nun eine weitere Kardinaltugend: Klugheit. Die Griechen nannten sie Phronesis oder Sophrosyne und die Römer Prudentia. Im Mittelhochdeutschen taucht sie als ›Kluchheit‹ auf. Mit der Wendung ›kluoc‹ deckte um das Jahr 1150 der Dichter Wolfram von Eschenbach eine breite Sinnpalette ab: (1) fein, zierlich und zart, (2) aber auch gewandt und glatt, (3) schließlich listig und gescheit. Begriffsgeschichtlich sind davon bis heute die beiden letzten Sinnstränge übrig geblieben. Klugheit ist zwischen verständigem Wissen um das Richtige und weisheitlicher Übersicht angesiedelt. Der Kluge weiß sich durchzuschlagen, er kann sich ebenso gewandt wie gescheit geben und kennt durchaus die Versuchung der List. Die Ethiklehren lassen allerdings keinen Zweifel: Keine sittliche Grundhaltung ohne Klugheit, denn mit ethisch-naivem Purismus ist nicht durch die Welt zu kommen. Dem Gutgesinnten ist also aufgetragen, klug, d.h. ebenso prinzipienfest wie situativ-gewandt, seine Ziele zu verfolgen. 

3

Darauf hat schon Aristoteles (a.a.O.) hingewiesen, wenn er die Klugheit über alle Verstandestugenden stellte und sie zur Handlungsmaxime erhob. Sie sei weder mit Gerissenheit noch mit reiner Verstandestätigkeit zu verwechseln, vielmehr ein praktischer Lebenssinn (Sophrosyne) »mit Bezug auf menschliches Gut und Übel«. Im Unterschied zur Schlauheit, die auch rein Böses anstreben könne, orientiere sich Klugheit stets am Guten. Diesen sittlichen Hintergrund sieht auch Thomas von Aquin: »Prudentia dicitur genetrix virtutum« (die Klugheit ist die Gebärerin aller Tugenden). Das bedeutet nichts weniger, als daß keine andere Tugend (Gerechtigkeit, Standhaftigkeit usw.) ohne Klugheit praktikabel ist: »Omnes virtus moralis debet esse prudens«, jede Tugend ist notwendig klug - oder stumpf, möchte man hinzufügen. Das liegt am Augenmaß und Wissen, die zum Kern der Klugheit gehören. Nur deren Ratio practica läßt den Menschen nicht an der widrigen Wirklichkeit scheitern. Thomas hat eine ausgefeilte Tugendlehre entwickelt, zu deren festem Bestand u.a. Gedächtnis (memoria), Umsicht (circumspectio), Gelehrigkeit (docilitas), Geschicklichkeit (sollertia) und Vorsicht (cautio) rechnet. Der Kluge sinnt stets über die richtigen Mittel und Wege nach, läßt sich beraten und handelt mit Scharfsinn. 

4

Das Klugheitsbild war mit Thomas von Aquin faktisch ausgemessen. Was folgte, waren Variationen und Farbverschiebungen der Pudentia, so bei N. Machiavelli, dessen kluger fürstlicher Machtgebrauch ins Verwegene gleitete, so auch bei den französischen Moralisten (Chamfort u.a.), die zur schlauen Galanterie neigten. Erst Chr. Thomasius knüpfte an den antiken und thomistischen Klugheitsbegriff wieder an, wenn er forderte, Klugheit sei an das Gute zu binden und lehre die Wahl der rechten und gerechtfertigten Mittel. Selbst die Liebe hat bei Thomasius klug zu sein (»amor est prudentia«). Bei Kant zählt die Klugheit zu den Postulaten der praktischen Vernunft. Klugheit erteile Ratschläge zum persönlichen und sozialen Glücklichsein (Eudämonie). »Das Wort Klugheit wird in zwiefachem Sinn genommen, einmal kann es den Namen Welt-Klugheit, im zweiten den der Privat-Klugheit führen. Die erste ist die Geschicklichkeit eines Menschen, auf andere Einfluß zu haben, um sie zu seinen Absichten zu gebrauchen. Die zweite [ist] die Einsicht, alle diese Absichten zu seinem eigenen dauernden Vorteil zu vereinigen. Die letztere ist eigentlich diejenige, worauf selbst der Wert der ersteren zurückgeführt wird, und wer in der erstern Art klug ist, nicht aber in der zweiten, von dem könnte man besser sagen: er ist gescheit und verschlagen, im Ganzen aber doch unklug« (›Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‹, 2. Abschnitt, Fußnote).

5

Im Laufe der Moderne und vor allem aber in der Nachmoderne hat der Klugheitsbegriff eine dramatische Abwertung erfahren. Schon bei M. Scheler fand eine Verschiebung von der ethischen Tugendhaftigkeit zur bloßen Situationsgewandtheit statt (vgl. Pieper, J.: ›Traktat über die Klugheit‹, 6. Auflage, 1960). Endgültig moralisch abgewirtschaftet hat ein Klugheitsverständnis, das eine gewitzte Cleverneß und Gerissenheit als klug ausgibt. Damit wird jede Verbindung mit dem Guten und Vornehmen, mit Wahrhaftigkeit und Dezenz gekappt. Die moralische Verdunkelung der Nachmoderne (überbordende Kriminalität, Korruption usw.) hat den Verlust der Tugenden zur Ursache, angeführt von der utilitaristischen Aushöhlung der im Gutsinn verwurzelten Klugheit. Sie ist zur abzockenden Vorteilsverschaffung mißraten und kann dafür sogar öffentliche Anerkennung ernten. Was sind das für Zeiten, da der Gerechte für dumm, der Dezente für naiv-schüchtern und der Dankbare für altväterlich angesehen wird? Doch auch dieser verwilderten Dekadenz (vgl. WALTHARI-Heft 48) schlägt irgendwann die finale Stunde. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 


24. Oktober 2005

Das verachtete Tugendquartett
- Bescheidenheit, Dezenz, Bedürfnisbeschränkung, Askese -

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Obschon dieses Tugendquartett zum Überlebensprogramm in einer entfesselten Postmoderne gehört, wird es weit häufiger verachtet als geschätzt und noch seltener praktiziert. Ob im Privaten, in Unternehmen oder im öffentlichen Raum der Medien und Politik: wer in bescheidenem und dezentem Stil auftritt, gilt als Schwächling, als unterentwickelte Figur aus der Vormoderne. Im Privaten schon fegen die Du-Seuche und die lauttönende Rabulistik alles beiseite, was aus dem kostbaren Magazin der Dezenz zum geistvollen und eleganten Lebensstil angeboten wird. In Unternehmen dominieren die sog. Durchsetzungstypen; bereits Trainingsprogramme für Vorstellungsgespräche stellen auf Egostärke ab, auf ein Selbstbewußtsein also ohne Schwächezugeständnis. Was sich schließlich im medialen und politischen Raum öffentlich präsentiert, kann geradezu als alltägliches Verachtungsspektakel vor den Toren des Tugendquartetts bezeichnet werden. Der kläglich gescheiterte Bundeskanzler Gerhard Schröder, Gitterrüttler und auch sonst mit tribunenlautem Gehabe, darf als aktuelle Aufgipfelung eines unbescheidenen Politikstils betrachtet werden, der mit Dauergeklapper von seiner Maß- und Realitätsferne ablenken wollte. Schröderistische Indezenz gilt als schick und ist erfolgreich, zumal die Medien dem pathologischen ›Charme der Überdehnung‹ einen hohen Unterhaltungswert zubilligen. Im Sport gar beherrschen Schreihälse weitgehend die Szene, und selbst in Wissenschaft und Kunst wird Bescheidenheit bestraft: durch Nichtbeachtung. Die Kultur der gekonnten Andeutungen und des gehaltvollen Stils kann in der rasenden Postmoderne der schweren Substanz einer Sache keine Geltung mehr verschaffen. Darin liegt die Hauptkrankheit der westlichen Spätneuzeit. Denn Substanzialität gedeiht am prächtigsten im stillen Garten des Tugendquartetts. Es ist mehr als nur ein lebensphilosophisches Mißverständnis, wenn Bescheidenheit, Dezenz, Bedürfnisbeschränkung und Askese als Schwächeprogramm gebrandmarkt werden. Schon die dramatisch unbescheidene Auszehrung von Umwelt und Natur sollte die Verächter der Tugendquadriga in Scham versinken lassen (das Tugendquartett ist durchaus auch als Quadriga zu sehen: die vier Tugenden ziehen den gleichen Substanzwagen).

Bescheidenheit: Unter den drei begriffsgeschichtlichen Bedeutungen ist der Sinn von discretio (fein gebildet, von höfischem Takt) ebenso verloren gegangen wie der Sinn von Bescheidwissen, Einsicht und Erkenntnis ((Luther übersetzte noch das griechische Gnosis mit Bescheidenheit: in 2. Petr. 1,5.6). ...     Bescheidenheit als bürgerliche Tugend, ohne die das Gemeinwesen keinen Bestand haben kann. Für Bollnow zählt die Bescheidenheit zur »einfachen Sittlichkeit« (so auch sein Buchtitel 1947), die von jedem verlangt werden könne. Diese Bedeutung knüpft an Ciceros modestia und an die frühbürgerliche Auffassung an, wonach Ansehen und Glück sich aus geziemender Zurückhaltung speisen, welcher jede Übertreibung fremd ist (vgl. Schwenk: ›Bescheidenheit‹, in: Hist. Wb. d. Ph., Bd. 1, Sp. 837 f.). 

Dezenz: Der lateinische Ursinn hat sich bis heute erhalten. Decens bedeutet schicklich, anständig, reizend und anmutig; es leitet sich von dem Verb decedere ab, das auch den Sinn von sich zurückziehen, sich zurückhalten oder zurückstehen haben kann. Dezenz gehört zu den knappsten und damit kostbarsten Lebensstilmerkmalen, die auf einen gefestigten Charakter und kontrollierten Geist schließen lassen.  Äußere Signale sind an (dezenter) Kleidung und Wortwahl sowie an souveräner Geduld erkennbar. Dezente Naturen haben den Blick frei für das Wesentliche.  Es sind zugleich Meister im stillen Beobachten von (angeblichen) Nebensächlichkeiten und von Verdrängtem. Als unaufdringliche Zeitgenossen wissen sie genau, wann sie schweigen und was sie reden müssen sowie wann es sich schickt zu gehen. Schon aus dieser Kurzcharakterisierung ergibt sich: Dezente Geister sind Gegentypen der gängigen Ego- und Medialtrommler und schon als bloße Erscheinung das schlechte Gewissen der tellurischen Schandbetreiber. 

Bedürfnisbeschränkung: Bedürfnisse sind sowohl das Movens der biologischen Evolution als auch der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Zur Bedürfnislehre tragen die Philosophie und mehrere Wissenschaften (Psychologie, Ökonomie u.a.) wertvolle Erkenntnisse bei. So etwa vermittelte die historische Schule der Nationalökonomie die Einsicht, daß Bedürfnisse keine absoluten Größen sind, vielmehr vom »Klima, der Landessitte, dem Kulturstand, der gesellschaftlichen Stellung« abhängen (Karl Bücher: ›Die Entstehung der Volkswirtschaft‹, Bd. 2, 8. Auflage, 1925, S. 339). Nach Nietzsche sind es »unsere Bedürfnisse, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider«. Nun entspricht es schon der bloßen Lebenserfahrung, daß unsere Bedürfnisse ins Grenzenlose steigen können; beschränkt wird diese Neigung z.B. durch mangelnde Kaufkraft. Seit Anfang der Kulturentwicklung ist Bedürfnisbeschränkung ein Hauptanliegen von Religionen, Gesetzen, sozialen Regeln und Lebensphilosophien. ...
     Schon Aristoteles hat solche Kasteiungen verurteilt und mit seiner Mesoteslehre für das rechte Maß plädiert (in: ›Nikomachische Ethik‹). Diese Linie der kontrollierten Bedürfnisentfaltung übernahm die römische Stoa (besonders Seneca: vgl. seine kurzgefaßte Lehre in: ›Weisheitliche Lebensführung‹, S. 118-122; Bibliographisches dazu unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal). Beherrschungsversuche der grenzenlosen Bedürfnisneigungen durchziehen als kulturelles Anliegen die gesamte Menschheitsgeschichte und kennzeichnen als mißlungene Anstrengungen die postmoderne Gegenwart. Der westliche Wohlstand beruht zweifellos auf einer bedürfnisentgrenzten Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die in Teilen nicht erneuerbar sind. Mißlungene Bedürfnisbeherrschungen sind neben dem Materiellen zuhauf auch im kulturellen, sozialen, medialen und psychischen Bereich zu beobachten. Die sog. sexuelle Befreiung ab dem letzten Jahrhundertdrittel hat gewiß auch zur Entgrenzung in Ehe und Familie beigetragen. Seinen Bedürfnissen freien Lauf zu lassen gilt als persönliche Reife und Ausdruck wahrer Freiheit. Demgegenüber erweisen sich Bedürfnisbeschränkungen im Bereich der Umwelt und Natur, in der wirtschaftlichen, persönlichen usw. Entfaltung nicht allein aus Knappheitsgründen als notwendig, sie sichern auch als freiwillige Maß-Gabe das kulturelle Fundament im privaten und öffentlichen Raum.  Es sind die Überschreitungen dieser selbstgewählten Maß-Gabe, welche die Moderne und Postmoderne bis ins Mark erschüttern und zu den bekannten Aus-Wüchsen und Verwilderungen führen. Jede bedürfnisentgrenzte Zeit trägt den Keim einer vorzeitigen Selbstauflösung in sich.

Askese: Dieser Teil des Tugendquartetts wird am meisten mißverstanden, weil im modernen Wortsinn der ursprünglich semantische Raum verkürzt bleibt. Das griechische askeo bedeutete: bearbeiten, sich technisch oder künstlerisch verfeinern. Bei Xenophon, Platon und Epiktet wurde daraus: sich leiblich und geistig ertüchtigen durch gymnastische Übungen und zuchtvolle Lebensweise. Im Weisheitsverständnis Platons war jede Tugend (1) tief zu begreifen und (2) beständig zu üben (Gorgias, Ziff. 527). Besonders der Übungsaspekt, die Askese also i.w.S., prägte das Vorbereitungsprogramm der Athleten für die Olympischen Spiele, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken konnten:  In der athletischen Lebensweise drückte sich Askese im zugespitzten Sinne aus, sie bedeutete nicht einfach Verzicht auf übliche Gewohnheiten wie Weingenuß, vielmehr bestand sie aus einem körperlichen und mentalen Übungsprogramm, das auch eine stärkende Ernährung mit einschloß. Aus der athletischen Askese hat dann die Stoa eine ganze Lebensphilosophie gezimmert: Weisheitliches Leben gelingt danach nur in der Beherrschung der Gedanken und Triebe, was ohne beständiges Üben nicht möglich ist. ...     Bei Nietzsche führt der Weg zur »goldenen Natur« des Übermenschen über Beherrschung (egkrateia); und Bemühung (askäsis); vgl. WALTHARI-Heft 45: Zagreus-Mythos). Die neuzeitliche Begriffskarriere schlechthin geht auf Max Webers innerweltliche Askese zurück: Der Geist des globalisierenden Kapitalismus ist danach calvinistischen Ursprungs; tüchtiger Erwerb und Sparsamkeit gelten als Erweis gnadenhaften Auserwähltseins (›Wirtschaft und Gesellschaft‹, 4. Auflage, 1956, S. 315). Sieht man von religiös motivierten Vereinseitigungen (vor allem im Christentum und Hinduismus) ab, so beinhalten lebensphilosophische Askese-Auffassungen durchgängig folgende Elemente: zuchtvolles (!), beständiges Training von Geist und Körper zum Zweck eines erfüllten Daseins im privaten und öffentlichen Raum. Die erwünschte Stärkung erfolgt über maßvolle Bescheidung (Verzicht auf alles Überflüssige) und tapferes Bemühen.  Eine asketische Lebensweise in diesem Sinne ist also keineswegs mit Weltabgewandtheit oder plagebeladener Kasteiung zu verwechseln. Durch die delirierende Postmoderne waten lebensphilosophisch eingestellte Asketen als dezente Kämpfer gegen den Bedürfnisrausch und die Hybris. 
© WALTHARI®   Aus: www.walthari.com



28. Juni 2005

Rückfälligkeiten – eine unterschätzte Verhaltenskonstante

Vor Jahren wurde in diesem WALTHARI -Portal die Ansicht geäußert, daß es für Kenner der menschlichen Psyche und Zivilisation nicht verwunderlich wäre, wenn zu öffentlichen Ehren und Staatsämtern gelangte einstige Sozialrevolutionäre nach dem Verlust ihrer ergatterten Stellung in alte Verhaltensweisen und Gesinnungen zurückfallen würden. Frühe, nur mühesam überdeckte Muster leben bekanntlich schon bei drohendem Machtverlust leicht wieder auf. Dieser Psychosozio-Mechanismus erklärt die Wiederkehr von 68er Mustern mit geändertem Vokabular, aber mit verwandter Gesinnung (statt marxistische Kapitalismuskritik nun neosozialistische Reiche-Kritik usw.). Das Erscheinungsbild der regierenden SPD und der Grünen wird wahrscheinlich nach einem Machtwechsel grundlegend anders sein. Man nennt das euphemistisch die Rückbesinnung auf die Quellen.
Auch in anderen Bereichen ist das Phänomen der Rückfälligkeit als Verhaltenskonstante zu beobachten. Davon wissen nicht allein Strafrichter und Psychiater zu berichten, sondern auch Sozialforscher. Vor mehr als dreihundert Jahren hat Samuel Pufendorf (1636-1694), Professor in Heidelberg, die Menschenrechte der Freiheit, Gleichheit und Solidarität (socialitas) verkündet, also lange vor den Amerikanern (1776) und den Franzosen (1789). Seine welthistorische Leistung (vgl. die Literaturzeitschrift WALTHARI, Heft 24/1995) wird öffentlich so wenig gewürdigt wie seine Korporationslehre. Voraussetzung für Frieden und menschliche Wohlfahrt sind für Pufendorf vertragliche Vereinbarungen auf allen Ebenen: für die Familie, Gemeinde, den Territorialstaat und das Imperium. Bevor Menschen sich vertraglich binden, leben sie, so der Begründer der Menschenrechte, in einem Naturzustand, wo die Stärkeren sich durchsetzen. Erst im Recht (unter Verträgen) unterwerfen sich die Menschen Regeln und Bindungen und gewinnen im Gegenzug Schutz, Wohlfahrt und Freiheit. Typisch für das vor- bzw. außervertragliche Leben seien Streit, Furcht, Armut, Einsamkeit und Zügellosigkeit. Im pactum dagegen, darunter auch der Ehevertrag, erlange man Ehre und Handlungsfreiheit (vgl. De officio hominis et civis, 1673). Der Prozeß der modernen Zivilisation verdankt seine soziale Stabilität wesentlich der Durchsetzung dieser pufendorfschen Vertragstheorie. Bindungen an das Recht, sei es auf der Ebene der Ehe, der Gemeinde oder sonstwo, verschaffen Sicherheit und Freiheit. 
Der bis heute unterschätzte Zivilisationsbruch ereignete sich im Gefolge der 68er Wirren. Im pufendorfschen Sinne hat sich seither ein gesellschaftlich und politisch breiter Rückfall in ›rohe Naturzustände‹ ereignet, also in bindungsfreie Formen und Rechtsverachtungen. Der Rückgang der bürgerlichen Ehe infolge Lebenspartnerschaften u.ä. ist dafür ebenso einer der vielen Beweise wie der unfaßbare, auf Unwahrhaftigkeit und Verfassungsverachtung beruhende Antrag eines Kanzlers, ihm nach Art. 68 GG das Vertrauen auszusprechen – mit der öffentlich erklärten Absicht, die Abstimmung zu verlieren! Das ist unwahrhaftig und ein grober Mißbrauch des Art. 68 GG. Nach dem pufendorfschen Rechtskodex bewegen sich die gegenwärtigen Gesellschaften und Staaten zurück in ihre Naturzustände. Zur Bindungsscheu gesellen sich Zukunftsblindheit (etwa durch Kinderlosigkeit). Rückfälligkeiten  - eine unterschätzte Verhaltensneigung.
Waltharius
© WALTHARI, Aus: www.walthari.com

Ergänzungstext: Samuel Pufendorf. Ein vergessener Menschenrechtsdenker, 
in: WALTHARI-Portal v. 1. Nov. 2003, Fenster Wissenschaftsforum im  Archiv.


27. Februar 2005

Gabriel, M. A.:  Islam und Terrorismus.
Was der Koran wirklich über Christentum, 
Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt 
Resch-Verlag, Gräfelfing 2004, 269 Seiten, 14,90 Euro 

Der Toleranzbegriff westlicher Multikultis macht blind gegenüber existenzbedrohenden Gefahren. Schon vor Jahren wurde in diesem WALTHARI-Portal die Frage gestellt, warum man den Koran so wenig lese und wie man nach gründlicher Lektüre noch annehmen könne, daß Demokratie und Menschenwürde einerseits und der Islam und seine Lebens- und Ausbreitungspraktiken andererseits vereinbar seien. Weil der Koran auch Toleranzstellen aufweist, der Islam keine Einheit darstellt und auch friedliche Richtungen kennt (z.B. die Sufisten), neigen westliche Intellektuelle, Politiker u.a. zu Verharmlosungen und zur Hoffnung auf eine Demokratisierung und koranische Aufklärung. Die Erkenntnis, daß die islamischen Offenbarungstexte, die allerdings als unabänderlich, weil von Gott gegeben angesehen werden, umgeschrieben werden müßten oder einem aufklärerischen Reinigungsprozeß unterworfen werden müßten, wenn Islam und Demokratie kompatibel ›gemacht‹ werden sollen, diese Erkenntnis wird permanent unterdrückt: aus Textblindheit, aus Angst vor politischen Folgen usw.  Der Konflikt erweist sich bei gebotener Ehrlichkeit als unauflösbar, weil weder die als gottgegeben betrachteten Texte noch die Fundamentalwerte der Menschenwürde zur Disposition gestellt werden können. Genau davon handelt das angezeigt Buch. Der Autor war Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar Universität in Kairo, ist also eine authetische Lehrautorität aus der islamischen Welt, die er für unreformierbar hält  und deren Gefahrenpotenzial er quellengenau nachweist. Selbst Leser, die sich mit der islamischen Gefahr, die keineswegs nur von Seiten der Fundamentalisten droht, schon näher beschäftigt haben, fallen von einem Schrecken in den nächsten, wenn sie mit fortschreitender Lektüre die Binnenansicht des ehemaligen islamischen Geistlichen, der mit zwölf Jahren den gesamten Koran auswendig wußte und als gelehrter Kritiker später Folter, Gefängnis und Morddrohungen ertragen mußte und enttäuscht zum Christentum übertrag, in aller Offenheit kennenlernen. Gabriel kommt zu dem Ergebnis: Die Djihadstellen des Koran heben die Toleranzsuren mehr als auf; Mohammeds Heiliger Krieg dauert heute noch an; und die Islamisierung der Welt bleibt oberstes Ziel. In 26 Kapiteln wird ein biografisches und islamische Bild gezeichnet, das allen Toleranzutopisten die Augen öffnen sollte; wie sich der kämpferische Islam in Gestalt nicht allein des Terrorismus, sondern auch in der Unterwanderung westlicher Gesellschaften (durch saudi-arabische u.a. Finanzquellen, also aus Geldern westlicher Autofahrer) zeigt, läßt sich fugenlos in die Tradition und die Textgestalt einordnen. Am erschütterndsten sind die Erlebnisberichte des Autors, so etwa wenn er im Kapitel ›Menschenrechte unter dem Islam‹ einen ahnungslosen ehemaligen Baptistenpastor, der zum Islam konvertierte, vor Studenten regelrecht vorführte. Dem Eroberungs- und Missionsziel ist, wie Geschichte und Gegenwart, aber auch Textstellen lehren, kein Mittel fremd: Krieg und Steinigung, Täuschung und Lüge. Solange orthodoxe Muslime in der Minderheit sind, wird ihnen Anpassung bis zur Lehrverleugnung nahegelegt, dürfen und sollen sie täuschen. »Mit Christen und Juden gehen sie um, als wären sie Brüder. Den Islam präsentieren sie diesen Ländern als Antwort auf alle Probleme der Menschheit. Diese verwestlichten Muslime stellen ihre Religion so dar, als stünde sie für Barmherzigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung. Sie porträtieren den Islam als eine Religion, die keine Vorurteile gegenüber Rassen oder Kulturen kennt... Muslimische Gruppen nutzen Friedensgespräche oder Friedensvereinbarungen, um sich Zeit zu verschaffen, damit sie neue Pläne schmieden, Vorbereitungen treffen und sich für den Sieg positionieren können. Muslimische Militärführer sagen der anderen Seite, was immer sie hören will, um Zeit zu gewinnen, doch wenn es dann darum geht, die Zusagen einzulösen, sieht die Geschichte ganz anders aus...  Schauen wir uns an, wie Mohamed mit Lügen umging, denn sein Verhalten ist Teil der Grundlage des islamischen Gesetzes... Der Erste, dem der Prophet Mohammed erlaubte, den Islam oder ihn als Propheten zu verleugnen, war Amar Bin Jassir. Jassir, der ein Freund Mohammeds war, wurde vom Stamm der Quraisch gefangen genommen und als Geisel festgehalten. Als die Quraisch Jassir folterten, verleugnete er Mohammed und den Islam, um freizukommen« (S. 116 ff.). 
Was in deutschen Intellektuellenkreisen davon wahrgenommen wird, läßt sich exemplarisch im ›Merkur‹ (Nr. 6/2004) nachlesen. Am stärksten dürfte es die aufgeklärten Muslime bedrücken, die ihre mehr oder weniger gelebte Religion unter dem Gezerre der Schriftauslegung praktizieren müssen. Am liebsten würden sie diejenigen Koranstellen, die unzweideutig gegen die Menschenwürde (der Frauen, Andersgläubigen usw.) verstoßen, ungehört und ungelesen machen, doch in den Moscheen wird strenggläubig gepredigt.
© WALTHARI®,  ausgenommen die Originalzitate. Aus:www.walthari.com



1. Dezember 2004

Telepathogene Dauervisagen 
– Persönlichkeitsmanagement im idolatrischen Fernsehzeitalter - 

Immer die gleichen Gesichter, die täglich in Millionen von Wohnzimmern hineinschaukeln, nein, zwangsverordnet werden, denn man kann ihnen selbst beim Programmhüpfen nicht ausweichen. Ihre Gesichter sind längst zu Visagen degeneriert, zu hautfaltigen Landkarten in Großaufnahme, zu aufmaskierten Mentalitätsträgern, zu Stereotypen fernsehköchelnder Langeweile. Es mögen um die zweihundert Visagisten sein, die sich seit Jahr und Tag öffentlich vorführen lassen, munter daherplappernde Sprechfiguren aus Politik und den Medien, aus dem Unterhaltungszirkus und aus den Verbänden, dazu einige Versprengte aus den Wissenschaften und Künsten. Unsäglich ihre langweilige Dauerpräsenz,  weiß man doch schon, was sie von sich geben werden, ehe sie den Mund aufmachen. Sie haben es ja schon hundertmal gesagt, immer dasselbe, ja häufig das Wortgleiche.
Die tägliche telepathogene Vorführung halten die Visagisten für nutzbringende Persönlichkeitspflege, wohingegen der ausgeleierte TV-Betrieb mit dieser Maskerade einen Beitrag zur informellen Grundversorgung zu leisten glaubt. Wozu sonst die Zwangsgebühren für die Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Abrufkartei mit behördlicher Bequemlichkeit durchspielen. Es prandelt und blümelt, daß es nur so dröhnt im telestereotypen Wortgetöse. Pathogen: krankheitserregend, weil idolatrisch. TV-Idole liegen einem demokratischen Gemeinwesen wie Steine im Magen.
Wer wirklich was zu sagen hätte, verbirgt sein Gesicht vor dem geistlosen Fernsehbetrieb. Mit den Namen Karl Heinz Bohrer oder Michael Theuinissen z.B. verbindet man kein bekanntes Fernsehgesicht. Dezenz und Geist sind eben knappe Güter in der Hoppelepoche um sich kreisender Quotenbetreiber.

Waltharius
© WALTHARI, Aus: www.walthari.com
 



20. Oktober 2004

Deutsche werden sich zunehmend fremd

Dieser Befund ergibt sich unschwer aus der zugespitzten Identitätskrise in den letzten Jahren. Die Nachkriegsgenerationen bezogen ihr Selbstbild aus einem ungewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg. Das erlaubte es der politischen Klasse, nach außen Deutschland mit dem Scheckbuch von den Realitäten weitgehend fernzuhalten und im Innern das Volk mit sozialstaatlicher Rundumversorgung einzulullen. Zu den Realitäten, die nun mit Wucht über Deutschland hereinbrechen, gehören nationale und persönliche Risiken. Erstmals erleben die Deutschen, daß Globalisierung zwar der Mehrheit Vorteile bringt, eine beträchtliche Minderheit aber auch arbeitslos machen kann und selbst Traditionsunternehmen zum Verschwinden bringt, und zwar deshalb, weil der wuchernde Steuer-, Sozial- und Tarifstaat sich verrechnet, d.h. die wirtschaftlichen Realitäten falsch einschätzt: Zu überdreht ist die Steuerschraube, zu lähmend sind die bürokratischen Fesselungen, zu hoch (im internationalen Vergleich) die Löhne, zu luxuriös der Freizeit- und Urlaubsstil, zu üppig die Sozialleistungen, zu meritorisch das Bildungssystem usw. Da das alles unhaltbar geworden ist, blicken die Deutschen erschrocken in ihren zerbrochenen Wirtschaftsspiegel und bemerken spät, daß sie etwas versäumt haben: nämlich ihre Identität auch kulturell, gesellschaftlich-sozial und auch ›mythos‹-haft zu verwurzeln. Nimmt man die Erschütterungen der europäischen Identität hinzu (durch die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU; durch das volksfernes Brüsselregiment usw.), so fühlen sich die Deutschen zunehmend fremd im eigenen Land, erst recht in Europa. Ihrer politischen Klasse bringt sie kaum noch Vertrauen entgegen (vgl. sinkende Wahlbeteiligungen u.a.m.). Auch anderen Orientierungsmächten (Kirche, Verbände, Medien usw.) trauen sie wenig zu. Schon die kleinsten Ansätze einer aufmunternden Selbstwertendeckung sehen sie flugs vergangenheitstrübe eingeschwärzt. Was sollen sie schon mit einem Vaterland anfangen, dessen Wirtschaft dauerhafte Massenarbeitslosigkeit produziert, dessen Muttersprache zunehmend verdenglischt wird, dessen politische Klasse sich den Staat teilweise zur Beute gemacht hat und dessen Identität (nach dem Willen eines einst turnschuhbewehrten, heute weltpolitisch agierenden Ministers) vornehmlich im Holocaustbild verwurzelt sein soll, einer Grundeinfärbung aller Gedanken und Gefühle also, die nach den ›Gesetzen‹ der Psychoanalyse unaufhaltsam in eine nationale Psychose führt und in Dauerdepressionen schon geführt hat? Wer nur hat ein Interesse am nachhaltigen Patientenstatus der Deutschen?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com


29. Mai 2004

Wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte 

Was der hippokratische Eid für Ärzte (niedergeschrieben etwa 400 v. Chr., in aktualisierter Fassung: vgl. Deutsches Ärzteblatt 1/2/94, S. B 39), das sollte eine wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte sein. Beiden Eliten ist ein jeweils hohes Gut anvertraut: bei Ärzten die Gesundheit und bei Managern die Wohlstandsbereitung. Führungskräfte sollten sich stets bewußt bleiben, daß es bei ihrer Aufgabenerfüllung nicht allein auf Leistungen, sondern auch auf moralische und kulturelle Standards ankommt, die zu mißachten schwere Schäden beim Einzelnen, bei der Betriebsgemeinschaft und auch in der Gesellschaft verursacht. Ein Managereid käme zudem einem persönlichen Qualitätssiegel gleich und besäße eine Ansporn- und Zähmungsfunktion zugleich. Angesichts des anhaltenden Ansehensverlustes von Managern wäre ein Verhaltenskodex, wie er im folgenden Eidestext zum Ausdruck kommt, für alle Seiten von unschätzbarem Wert: Er trägt letztlich zum sozialen Frieden bei und regt zum Vorbildverhalten an, so daß Unternehmenswohl und Gemeinwohl sich nicht fremd bleiben. Wenn Selbstverpflichtungen einmal zur Ehrensache geworden sind, erhält die Fortentwicklung von der reinen Leistungsgesellschaft zur solidarischen Kulturgemeinschaft eine wirkliche Chance. Bekanntlich sind Vertrauen, Motivation und Solidarität die wichtigsten Aktivposten in der betrieblichen Sozialkapital-Bilanz, die auf die Qualität der Arbeit einwirkt. In Zeiten zunehmender parteien- und staatsdirigistischer Eingriffe können moralisch integre Führungskräfte die bedrohten unternehmerischen Freiheiten besser verteidigen als ›Profitbosse‹, denen es an Glaubwürdigkeit gebricht. Ein hohes betriebliches und gesellschaftliches Ansehen der Führungskräfte läge schließlich in ihrem eigenen Interesse, mindert es doch die  körperlichen und  psychischen Belastungen, steigert die Arbeitsfreude u.v.m. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com , Mai 2004

Manager-Eid
WALTHARI-Fassung

§ 1 Generalklausel
...

§ 2 Oberste Handlungsziele
... 

§ 3 Fordern und fördern
...
§ 4 Leistungs- und Unternehmenskultur
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§ 5 Unternehmens- und Gemeinwohl
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§ 6 Schonender Ressourcenverbrauch
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§ 7 Ehrlicher Makler
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© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com , Mai 2004
 



15. Juni 2004
Hochherzigkeit
- Zugleich eine Verteidigung des humanen Utilitarismus’ -

1 – Wortverwandtschaft. Mag auch Hochherzigkeit in der Moderne zum seltenen Wortgänger geworden sein (weil die Gesinnung dafür dünn geworden ist), in der zweieinhalbtausendjährigen Tugendlehre stand sie zumeist in hohem Ansehen und in nächster Verwandtschaft zu Hochgesinntheit, Hochsinn, Hochgemutheit, Großmut, Seelengröße, Freigebigkeit, Großzügigkeit, Edelmut und Generosität. Hinter dieser Wortfamilie halten sich neben Weitsicht, Zuneigung und einem reinen und weiten Herzen auch soziale Tapferkeit und Zutrauen verborgen.  Wer hochherzig denkt und handelt, will den besseren oder zumindest den sich bessernden Mitmenschen, dem er fast alles verzeiht, außer (so Baltasar Graciàn, in: ›Der kluge Weltmann‹) Gemeinheit und Schändlichkeit, »denn Schandmale lassen sich durch keinen Kunstgriff beseitigen«.

2 – In der Tugendlehre macht die Hochherzigkeit (Megalopsychia) seit der ›Nikomachischen Ethik‹ des Aristoteles eine moralische Karriere. Der Platonschüler rechnet sie zur Idealform menschlichen Verhaltens und sieht sie in Gesellschaft zum Ehrgeiz auf Ehre (!), zur Freigebigkeit und Großzügigkeit. Die Megalopsychia justiere den Menschen auf die rechte Mitte zwischen Aufgeblasenheit und Kleinmut (Mikropsychia). Der Megalopsychos sei mutig, gerecht und erstrebe das Große und Hohe. Als Tugend setze Hochherzigkeit andere Tugenden voraus und schmücke deren Vollendung. – Auch die Stoa sieht die Magnanimitas im Verbund mit Tapferkeit und Hochsinn (magnitudo animi), was von Cicero fortgeschrieben wird: Bei ihm rangiert die Magnanimitas sogar unter den vier Kardinaltugenden; er verbindet sie mit Tapferkeit (fortiutudo), Standhaftigkeit (constantia), Geduld (patientia) und Nachsicht (indulgentia; in: ›De officio‹, I, 152). – Mit Thomas von Aquin nimmt Hochherzigkeit eine Sinnwendung zur christlichen Nächstenliebe und zur Gnadenabhängigkeit des Menschen (in: ›Summa theologica‹, II). ...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

Weiterführende Literatur: Weisheitliche Lebensführung

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