| Endläufe: Vaginale Potenzen
Nicht gerade den Größten Angenommenen Unfall, aber
einen GAU der markerschütternden Sorte hatte Roberta zu verdauen.
In ihrer Ehe, diesem altbürgerlichen Zweierboot, dessen Insassen im
Takt zu rudern gezwungen sind, mehr oder weniger, in diesem Zweier ohne
Steuermann war sie glücklich, nicht nur im großen und ganzen.
Sie fand das Glück fast täglich und um so mehr, je länger
sie mit Huang zusammenlebte. Drei Ehejahre haben diesem Zustand nichts
anhaben können, drei Jahre mit dem gleichen Mann im selben Boot, am
gleichen Tisch - und noch keine Spur von Ermüdung oder Abnutzung.
Wer hat schon so viel Dusel! Sie sagte es sich jeden Tag und hatte diesen
Gedanken noch wenige Minuten, bevor Hu die Tür hinausgeschoben worden
war - dann stand sie wie vor einem Abgrund.
Mit Hu hatte sie öfter über die Gefahren gesprochen, die
von seiner Beratertätigkeit ausgingen, aber die Gefahren lagen immer
in weiter Ferne. Wieder einmal war im Westen eine Chinaeuphorie ausgebrochen,
Manager und Politiker ließen sich von Experten wie Huang Feng begierig
beraten. Aus rotgardistischen Zeiten kannte Huang zahlreiche Provinzen
Chinas, besonders diejenigen im Westen und Süden seines Landes, wo
Straßen und Fabriken mit einer Eile gebaut wurden, als wolle das
Reich der Mitte den industriellen Vorsprung Japans, seines Dauerkonkurrenten,
in wenigen Jahren aufholen.
Ein Jahr lang war Huang als Jungrevolutionär umhergezogen, sprach
mit Bauern und Arbeitern und wußte aus Verhören, wie die Feinde
der Revolution, darunter Kaufleute und Verwaltungsbeamte, insgeheim dachten
und beim Geschäftemachen vorgingen. Was ihn außerdem vor den
meisten anderen Chinaberatern auszeichnete, war das Ausmaß seiner
Verwestlichung, die ihm jenen inneren Abstand zu seinen Landsleuten verschaffte,
auf den die Fabrikherren in Europa und Amerika so großen Wert legten.
Diese und andere Vorzüge ließen ihn als kompetenten und glaubwürdigen
Berater erscheinen - erstaunlicherweise nicht allein in den Chefetagen
des Westens; auch die Planbüros Pekings, Shanghais und Kantons lockten
mit Angeboten.
Den Verlockungen aus seinem Heimatland widerstand er allerdings hartnäckig.
Sie waren erstens nicht lukrativ genug, zweitens zu doppelbödig und
drittens aus meist schmutzigen Mündern, wie man in China sagt. Immer
noch herrschte das alte System, das ihm seine Jugendjahre geraubt hatte.
Da erschien es ihm nur logisch, die kapitalistische Seite zu beraten. Seit
er es gewagt hatte, nicht nur hinter den Kulissen, sondern in Verhandlungsdelegationen
offen in Erscheinung zu treten, seit dieser Zeit mußte er jedoch
damit rechnen, als Verräter am chinesischen Volk angesehen zu werden.
Verräter konnten jederzeit ›bestraft‹ werden - wenn nicht aus ›regierungsamtlicher
Veranlassung‹, so im Auftrag der noch mächtigeren chinesischen Geheimbünde,
die an all den Plätzen der Welt ihre Horchposten hatten, wo chinesische
Clans ihren Geschäften nachgingen. Es war längst kein Geheimnis
mehr, daß bei jedem größeren Geschäft zwei oder drei
Netzpatriarchen die Finger im Spiele hatten, manchmal mit Wissen und sogar
im Auftrag hoher Regierungsstellen. Selten, daß sich die Offiziellen
aus der Deckung wagten - Peking beispielsweise hatte die Stirn: Die Regierung
scheute sich nicht, ausgebürgerte oder geflohene Landsleute, die als
ausländische Staatsbürger zu ihren Verwandten ins Land kamen,
kurzerhand zu verhaften und sie nicht einmal dann freizulassen, wenn auswärtige
Regierungen energisch dagegen protestierten. Warum also sollten die Mächtigen
ihn, den kleinen Huang, mehr schonen als die einsitzenden Menschenrechtler
aus den USA und Europa? Ausgerechnet ihn, den Kapitalistenberater, der
landestypische Verhandlungspraktiken preisgab und somit großen ökonomischen
Schaden anrichten konnte?
Mit Roberta hatte Huang alle möglichen Strafaktionen vorsichtshalber
durchgespielt, vor allem solche, die am wahrscheinlichsten waren. Nein,
Mordanschläge waren auszuschließen, wenigstens solange, wie
auf dem ›Verräterkonto‹ Huangs nichts Außergewöhnliches
verbucht werden mußte - ein Gesichtsverlust zum Beispiel, das wäre
so ein Fall. Huang riet daher jedem seiner Klienten eindringlich, ihre
chinesischen Verhandlungspartner niemals in eine ausweglose Lage zu manövrieren
- man müsse ihnen, trotz aller Härte in der Sache, immer einen
Ausweg lassen. Millionenschwere Übervorteilung oder ein Gesichtsverlust
- diese beiden Fälle würden eine ›Liquidierung‹ Huangs geradezu
provozieren. Nicht ohne Grund riet er vor jeder Sitzung zur harmonischen
Verhandlungsatmosphäre. Nach chinesischer Sitte hat man einander höflich
garzukochen: man aß und trank am runden Tisch, bevor man zum Geschäft
kam, und dabei ließ man den Gästen diskret jene Freuden zukommen,
die sie wünschten.
Nein, keine Liquidierung, viel wahrscheinlicher war, daß man
ihn zu erpressen versuchte. Das Zuspielen verleumderischer Informationen
an Huangs Auftraggeber war eine weitere denkbare Strafvariante. Deutlich
härter und daher auszuschließen waren gezielte Unfälle
auf der Straße oder im Fahrstuhl. Und gar nicht so ungewöhnlich:
eine zeitweilige Entführung, mit der man gehörig einschüchtert,
damit die Geisel über die Gegenseite ausplaudere. Wenn überhaupt
eine Strafaktion, so war nach aller Erfahrung anzunehmen, daß eine
telefonische Vorwarnung vorausgehen würde. Erst drohen, dann spürbar
anpacken, schließlich vernichtend zuschlagen. Eine Liquidierung also
erst ganz am Ende - so das alte Gesetz der Netzpatriarchen, an dem nicht
zu zweifeln war.
Daß es anders lief, war weniger für Roberta als für
Huang eine Überraschung. Keine anonyme Stimme hat telefonisch vorgewarnt,
kein Clanchef hat eine langsame Steigerung der Druckmittel angeordnet,
vielmehr begann es mit der Entführung - die Vorstufe zu allem Möglichen.
Hatte Huang vielleicht unbemerkt oder ungewollt ›dem chinesischen Volk
schweren Schaden zugefügt‹? Waren am Ende alte Rechnungen aus seiner
Rotgardistenzeit zu begleichen? ›Den Gegner in Räume der Ungewißheit
einsperren‹ - dieses alte chinesische Sprichwort wurde hier perfekt praktiziert.
Vergeblich grübelte Roberta darüber nach, ob Hu irgendein Fehlverhalten
irgendwann angedeutet hat - nichts, sie konnte sich an nichts dergleichen
erinnern.
Obschon ihr beider Verhalten für den Ernstfall genau abgesprochen
war, dauerte es Stunden, bis Roberta die Schocklähmung überwunden
hatte. Erst gegen Ende der Schreckensnacht - sie war eingenickt, aber aus
schweren Träumen immer wieder aufgeschreckt - hatte sie sich gefaßt
und konnte wieder so klar denken, daß sie die verabredete Strategie
befolgte. Als kurz nach acht Uhr Memu seinen aufmunternden Morgenspruch
zum Tage ausspuckte, sah sich Roberta von einer Morgenhelle umflutet, die
ihr gespenstisch vorkam. Welche Realität galt in diesem Augenblick?
Die geträumte, die noch schwer nachhing? Oder die grausame von gestern
Abend? Oder die nicht weniger faßbare Helle dieses Morgens? Waren
am Ende Memus virtuelle Räume wirklicher? Vor ihr baute sich die Realität
eines anbrechenden Tages auf, der unter der vereinbarten Devise stand:
absolute Funkstille am Vormittag, keine Hilferufe nach draußen, kein
Nachrichtenempfang von draußen, sich totstellen, um mögliche
Horcher und Beobachter zu verunsichern. Und am Nachmittag einen Ort aufsuchen,
der nur schwerlich auszuspionieren war.
Wenn Männer missionarisch reden, vermehren sie den Wortmüll
aus Unverstand und schaden ihrer Sache. Frauen betreiben in vergleichbaren
Fällen den Ruin ihrer Identität. Was an diesem späten Vormittag
die Hauptrednerin von sich gab, war maskuliner Wortmüll und weiblicher
Identitätsverlust in einem. Das Fraueninstitut der örtlichen
Universität sah es seit Jahren als seine gesellschaftspolitische Pflicht
an, zweimal wöchentlich ein offenes Frauenforum anzubieten, mit semesterweise
wechselnder Thematik und unter der Obhut etablierter Frauenvereinigungen.
Im laufenden Wintersemester ging es um brennende Fragen der Vaginistinnenbewegung.
Hybride Welten: »Aus diesem Gedankengefängnis, verehrte
Schwestern, müssen wir heraus! Die Gebärfähigkeit der Frau
wurde in der Vergangenheit von den Männern so interpretiert, als sei
der weibliche Körper vornehmlich eine Regenerationsmaschine - ein
trickreiches Verfahren, um die Frau zu domestizieren. Dem männlichen
Macht- und Aggressionsstreben, genauer gesagt: der Herrschaft der Männer
über unsere Vagina ist bekanntlich Lysistrata sehr wirkungsvoll entgegengetreten,
indem sie ...«
Werden sie ihn nur einschüchtern und ihn dann wieder freilassen?
Oder foltern? Vielleicht gerade in diesem Augenblick? Er wird, wie ich
ihn kenne, auf die Zähne beißen und sich was einfallen lassen,
um die Zwangslage zu verkürzen. Vielleicht begnügen sie sich
damit, seinen Klienten verleumderische Informationen zustecken zu lassen,
um ihm das Beratergeschäft zu vermasseln. Brennendster Grübelpunkt:
Wie wahrscheinlich ist der schlimmste aller denkbaren Fälle - nein,
nicht weiterdenken, nicht ausdenken - es wäre wie ein freier Fall
ins Leere.
»... war die Pille, diese listige Erfindung der Männer,
letztlich doch ein Scheinsieg der Phallusträger. Aber reingefallen
sind sie, liebe Schwestern! In die eigene Lustfalle getappt! Hatten sie
doch geglaubt, sich in unserer Scheide ganz risikolos austoben zu können!
Und nach Lust und Macholaune noch den Zeitpunkt zu bestimmen, wann unser
Bauch zu schwellen beginnt. Wir sind die Opfer einer fehlgeleiteten Evolution!
Wir wehren uns entschieden gegen das Schicksal der Schwangerschaft - mit
allen Mitteln!«
Ein Spitzlippchen der missionarischen Sorte, eine von jenen Stechfliegen,
die den Wohlstandsgürtel der Erde mit ideologischer Malaria verseuchen,
macht sich zur Rede bereit.
Hu hat mir beteuert, keinem chinesischen Netz anzugehören - und
nie angehört zu haben. Vielleicht ködern sie ihn jetzt...
»Zwischenruf: Wirst du, Ellen, etwa zum Gebärstreik aufrufen?
Das wäre schon deshalb unsinnig, weil die Männer längst
etwas erfunden haben, das uns überflüssig macht.« Die Frau
in der letzten Sitzreihe ist aufgestanden und redet mit strenger Raucherstimme.
Spitzlippchen fällt ihr ungehalten ins Wort.
»Ein Irrweg, Schwesterchen! Du meinst die Klonierung, ich kann
mir’s schon denken, aber damit setzt das Patriarchat lauter Monster in
die Welt! Gefühllose Zuchtwesen, wie wir sie aus schlechten Science-Fiction-Filmen
kennen. Ein Verbrechen! Das muß man den Vernunftbegabten unter den
Männern klarmachen. Sie schaden letztlich sich selber!«
Letztlich ist ihr Lieblingswort. Letztlich weiß sie alles
und letztlich sind die Phallusträger an allem schuld. Nicht eine
Stunde Liebesglück haben diese gackernden Vaginistinnen je wirklich
erlebt, sonst würden sie nicht...
»Laß doch die Männer zu euch ins Bett steigen! Wie
anders wollt ihr sie zähmen? Außerdem könnt ihr natürliche
Kinder gebären - wenn ihr es wollt!« Die Dame mit rotem
Hut hat das gebärfähige Alter überschritten. Sie sitzt in
der zweiten Reihe und sagt es mit zum Publikum gewendeten Oberkörper.
»Ti. Würde den Machos so passen! Ich bin für Streik!
Und zwar auf der ganzen Linie! In der Küche sowieso, warum nicht auch
im Bett? Wir Frauen sind doch immer nur die Opfer!« Die es herausschleudert,
ist schätzungsweise dreißig und verliebt in Empörungsgesten.
Silberschmuck an jedem Finger, gut zu erkennen an den fuchtelnden Armen.
»Aber Gitta! So’n Beischlaf kann doch was sehr Schönes sein
- durchaus was Angenehmes, auch für eine Frau! Ist ja auch von der
Evolution so gewollt - oder? Sonst säßen wir alle nicht hier!«
Wie kann sich ein Muttertyp nur hierher verirren?
»Fehlt nur noch, daß wir stillen sollen!« Ein anonym
bleibender Protestruf. Unruhe im Saal.
»Darf ich endlich zu meiner Kernthese kommen, liebe Schwestern.«
Spitzlippchens Stimme klingt mahnend. »Um es rundheraus zu sagen:
Dem Penisneid der Frauen entspricht der Gebärneid der Männer.«
Und lauter in das schäumende Auditorium hinein: »Im Unterschied...
« Nur langsam schrumpft die Lärmsäule. »Im Unterschied
zur Samenspende der Phallusträger ist die Menschwerdung in der Vagina
ein demiurgischer Schöpferakt!«
Bravorufe.
»Ein Akt, um den uns die Männer beneiden!«
Anschwellendes Stimmengewirr.
»Daher wäre ein Gebärstreik...«
Es war Hu’s Idee. ›Geh im Ernstfall entweder in ein Lesben-Café
oder zu den Vaginistinnen!‹ Verrückt, dachte ich im ersten Augenblick,
änderte aber schnell mein Urteil, als Hu hinzufügte: ›Solchen
Weiberzirkus meiden die Chinesen wie der Teufel das Weihwasser. Auch die
Totschläger unter ihnen halten solche Frauen für böse Geister,
die zur Tarnung in Weiberkleider geschlüpft seien. Für einige
Stunden kannst du dich dort einer Überwachung entziehen und in Ruhe
nachdenken.‹
Wie Recht er hat - hierher, ins vaginistische Tollhaus, wird sich mit
Sicherheit kein Spitzel verirren. Aber in Ruhe nachdenken? In diesem Zirkus?
»Hört mir mal zu, Schwestern!« Ein Amazonentyp betritt
den Kampfplatz. »Mit meiner Vorrednerin bin ich mehr als einverstanden!
Daß ein breiter Gebärstreik unserer Bewegung schaden würde,
wissen einige von euch aus persönlicher Erfahrung. Wir sind nun mal
von der Natur zu Vaginaträgerinnen bestimmt ...«
Der Satz geht in lauten Protesten unter. Jetzt zieht die Amazone ihr
Schwert:
»Was habt ihr bloß! Wenn ihr schon Gebärneid und Penisneid
gegeneinander ausspielt, dann entspricht dem Phallusträger die Vaginaträgerin!
Logisch - oder?«
Atemlose Stille. Die junge Frau im Lederdreß einer Motorradfahrerin
macht wirklich eine gute Figur. Nichts wirkt verschrägt oder aufgesetzt.
»Ich bin stolz, mich von den Männern durch meine Gebärmutter
unterscheiden zu können. Ich kann Kinder austragen! Versteht ihr das
überhaupt noch?«
»Das können Brutmaschinen auch!« Störfeuer aus
einer feixenden Ecke.
»Jaja, aber zwischen dem Ausbrüten von Hühnereiern
und menschlichen Embryos bestehen gewisse Unterschiede! Für mich jedenfalls.
Und soll ich euch sagen, welche? In meinem Bauch hängt das Kind nicht
einfach an Ernährungssträngen - es wird auch mit Mutterwärme
versorgt - ist eingepackt in eine mütterliche Seele und wird damit
auch psychisch versorgt. Daher halte ich das Austragen und Gebären
für einen Schöpfungsakt, wie er nur Gott und den Frauen vorbehalten
ist. Wer da von biologischem Zwang spricht oder vom Schleppbauch, hat nichts
kapiert! Eine solche Einstellung steht quer zur Evolution und verschenkt
eine Machtposition, wie sie im biologischen Kosmos kein zweites Mal vorkommt!
Ich nenne das die vaginale Potenz. Keine noch so perfekte Klonierung wird
jemals ...«
Eigentlich wollte ich hier über den Gefühlsraum des Schreckens
nachdenken, hier, wo ich nichts zu befürchten habe. Seit gestern abend
bin ich eine ›Erlebnisspezialistin‹ im ›Raum der Enge‹, wie es in der Gefühlstheorie
heißt. Doch diese vaginistischen Potenzweiber lassen es nicht zu.
Mal belustigt mich die Gaudi, mal fesseln mich Argumente.
Nicht übel, was diese Amazone gerade von sich gab.
Hu wirkte gefaßt. Ich muß die ganze Zeit ängstlich
zu ihm hingeschaut haben. Seine Hände bewegten sich kaum. Bei Chinesen
verraten die Hände mehr als ihr Gesichtsausdruck. Schon als Kind lernen
sie, das Gesicht einfrieren zu lassen, spätestens mit zwanzig beherrschen
sie alle Ausdrucksvariationen, von der Lachmaske bis zum Pokergesicht.
Um so mehr verraten die Hände.
»Ich muß schon sagen, in diesem geistigen Antiquitätenladen
fehlt kein verstaubtes Stück! Von Lysistrata bis zur Sancta Clonia
wird hier jeder Unsinn propagiert. Wenn ihr so weiter...«
»Stellt bitte das Mikrofon ab! Sofort, ja!« Eine Dame in
wehendem Sackkleid schleppt sich nach vorn. »Hab’ ich sechzig Jahre
dafür gekämpft, daß ihr Frischlinge...«
Sofort verkeilen sich helle Frauenstimmen. Über das zweite Mikrofon
mahnt eine Dame im Rollstuhl zur Ruhe. Nachdem der Protest sich gelegt
hat, fährt die Seniorin im Sackkleid fort: »Jawohl, ich bleibe
dabei, angesichts der altehrwürdigen Frauenbewegung seid ihr alle
Frischlinge! Und wißt ihr, was ihr noch seid? Wollt ihr es wirklich
wissen? Ganz ungeschminkt aus dem Munde einer ergrauten Frauenrechtlerin?
Die meisten von euch könnten nämlich dem Alter nach meine Enkelinnen
sein - daher sage ich es ganz ungeniert: Gender-Gänse! So benehmt
ihr euch nämlich.« Sie spricht im Tonfall der Speakerin im englischen
Unterhaus - laut, formell, sehr energisch.
Von welcher emotionalen Farbe ist dieser Saal eingetönt? Sicher
nicht von blauer intellektueller Kühle - eher von bunter Gereiztheit.
Auf keinen Fall von der hoffnungsvollen Stimmung der historischen Frauenbewegung.
Wenn Hühner sich vergackern, haben Habichte leichtes Spiel. Männer
würden schallend hinauslachen, säßen sie hier. Eine Nonnenausgabe
hat ihr metaphysisches Stimmchen suggestiv über den Saal gelegt und
feiert ihren Belehrungsgipfel mit dem Satz: »Euer Leib gehört
nach dem Willen Gottes nicht euch!«
Wo bleibt der Schlachtruf ›Mein Bauch gehört mir‹? Unwillkürlich
fällt Roberta das Zitat ein:. ›Der Leib ist der Angriffspunkt der
Gefühle, der Resonanzkörper für emotionale Wellen, die von
Situationen ausgehen und die Gefühlsfarbe des Raumes bestimmen.‹
Ein Basissatz der Gefühlstheorie, dutzendmal gelesen und überdacht.
Kreist wörtlich in ihrem Kopf, sobald eines der Wörter in dem
Schlüsselsatz fällt. Kann man damit die vielarmige Wirklichkeit
in diesem Raum erklären? Zwischen chaotischem Palaver und unheimlicher
Stille ist keine dominante Gefühlsfarbe auszumachen - es gibt eben
sehr viele vaginistische Potenzen, beischlafwillige und gebärfreudige,
schwangerschaftsfeindliche und bedingt phallusabgeneigte.
Um eine Greisin, die auf dem Weg zum Rednerpult plötzlich zusammengesunken
ist, bildet sich hastig ein Kranz von Helferinnen und Schaulustigen. Über
ein tragbares Telefon fordert jemand ärztliche Hilfe an. Gedämpftes
Gemurmel im Saal. ›Im Schreck zuckt Enge auf, seine Plötzlichkeit
durchfährt den Körper wie ein Blitz und treibt ihn entweder in
Panik oder in ratlose Leere.‹ Auch dies ein Basissatz der Gefühlstheorie
- paßgenau.
Notplan: Memu auf SOS stellen, nicht die Polizei verständigen,
nachtsüber sich in den eigenen vier Wänden verbunkern, tagsüber
an Orten aufhalten, die den Dunkelmännern unzugänglich sind.
Nach Hu ist ein solcher peinigender Zustand geduldig zu ertragen. ›Wenn
wir aus unserem alltäglichen Dahinwesen durch eine schlimme Krankheit,
durch den Tod eines nahen Menschen, durch einen schweren Unfall usw. plötzlich
aufgeschreckt werden, blicken wir in eine aufgerissene Spalte unserer Existenz,
die sich mit Angst füllt, vielfach aber, besonders bei genialischen
Menschen, in einen verborgenen Ort für urgewaltige Antriebskräfte
verwandelt.‹
»Na, Schwester, willst du nicht nach Hause gehen? Die Hühner
haben ausgegackert.«
Roberta war sitzen geblieben und wollte als letzte den Saal verlassen.
Aus der abziehenden Vaginistinnenschar löste sich eine Hosenfrau und
flüsterte nahschwesterlich in Robertas Ohr: »Kummer? Bedrückt
dich was?«
»Mein Mann ist mir abhanden gekommen.« Weil die Hosenfrau
so mild wie eine Wöchnerin dreinschaute, war es Roberta herausgerutscht.
»Wie bitte? Dein Mann? Und deshalb läßt du dich hängen?
Du solltest froh sein, den Dominanzling loszusein! Komm, ich lade dich
zum Pushing ein. Das wird dir guttun.«
Beim Hinausgehen verwandelt sich die milde Wöchnerin ungeniert
in eine Fummlerin. Sie hakt sich unter und läßt ihrem Mundwerk
wohllüstig freien Lauf. Wie den Lesbensack loswerden? - »Ich
steh auf Männer.«
Roberta sagt es trocken und mit einer Bestimmtheit, die den angestauten
Drang der Hosenfrau sichtbar abkühlt.
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