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Aktuelle Fachbeiträge

 
19. April 2008

Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Teil 5

Entfaltungs-, Demokratie- und Wohlstandsimpulse des Marktmechanismus’ erweisen sich als allen anderen Wirtschaftsformen überlegen – immer unter den drei genannten Voraussetzungen (vgl. Teil 1). Es gehört zur Tragik der Marktwirtschaft, daß ihre Potenz vom Mißbrauch der drei Aprioris abhängt und daß deren Verletzungen dem Marktsystem angelastet werden. Bundeskanzlerin Merkel lieferte unlängst dafür ein Beispiel, als sie ihr Mißtrauen gegenüber der Marktwirtschaft ausdrückte und dabei die Prämissenebene mit der Systemebene (wieder mal) verwechselte (sie findet nämlich an planwirtschaftlichen Regulierungen durchaus Gefallen; vgl. den Beitrag in diesem WALTHARI-Portal).  Die Hauptgefahrenquellen für die fünf genannten positiven, marktwirtschaftlich verursachten Effekte liegen (1) in der planwirtschaftlichen Neigung des Staates (genauer: der Parteien), (2) in der Kartellierungsneigung wettbewerbsscheuer Marktteilnehmer und i(3) n der Fairneßverachtung. Es ist in der Tat schwer begreiflich zu machen, daß zwei dieser Störungen nur in Grenzen gesetzlich beherrschbar sind, nämlich die Planwirtschafts- und Kartellierungsneigung und daß die dritte Störung (Fairneßverletzungen) so gut wie gar nicht gesetzlich zu beseitigen ist, weil sie auf der Spielregelebene abläuft. Das ahnte schon Platon, als er in seinem Dialog ›Politikos‹ (Ziff. 284 b – d) die Frage der Angemessenheit erörterte und dabei zwei Maßstäbe unterschied, deren einer (die relationslose Angemessenheit) zum Tiefenkern der Fairneßproblematik zählt (vgl. ›Wirtschaftskategorien‹, S. 62 u. 142 f.). Mit legislativen Zugriffen kann Fairneßverhalten nicht erzwungen werden. Wenn Manager oder Fußballprofis absurde Honorierungen erzielen, erschöpfen sich die öffentlichen und politischen Reaktionen in Empörungen, wobei zu bedenk ist, daß auf dem politischen Feld selber unsägliche Überhonorierungen zu verzeichnen sind (man denke aktuelle an den ›Fall‹ der SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier als KfW-Chefin: trotz  ihres offensichtlichen Versagens wird sie auch nach ihrem Ausscheiden fürstlich entlohnt, obschon die Staatsbank Milliardenverluste zu verzeichnen hat, die letztlich der Steuerzahler tragen muß). Mit Marktwirtschaft haben solche Fälle wenig zu tun. Angemessenheit war schon bei Platon der Schlüssel zur Gerechtigkeit und Glaubwürdigkeit. Der Marktwirtschaft ergeht es wie dem Staat: Beide ruhen auf Voraussetzungen auf, die sie selber nicht schaffen können, darunter verantwortungsethisches Handeln. 

Wenn der Parteienstaat bei marktlichen Asymmetrien den Selbstregulierungs- und Heilungskräften so sehr mißtraut, daß er sich bürokratisch-planwirtschaftlich einmischt (wie im Gesundheits- und Bildungswesen), opfert er Freiheits- und Wohlstandsgewinn (um z.B. Wahlen zu gewinnen). Wenn Polit- und Konzernmanager horrend ›überzahlt‹ werden, geht das auf Kosten der sozialen Akzeptanz des Staates und der Marktwirtschaft. Ökonomen sprechen in diesen Fällen von Negativeffekten im Sozialkapital, eine sensible Prämisse aller Staatlichkeit und marktgesteuerter Wirtschaftsformen. Weil Marktwirtschaften allzeit prämissengefährdet sind, flüchtet man leichterhand in planwirtschaftliche Regulierungen, man denke an die Agrarwirtschaft in der EU, die sich zur gigantischen marktfernen, ressourcenvergeudenden Transformationseinrichtung entwickelt hat, mit katastrophalen Fehlsteuerungen durch Subventionierungen. Ähnlich steht es mit sozialromantischen Modellen. Den ersten ›Ausweg‹ habe ich in ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, Bd. II, S. 238 ff. ausführlich kritisiert. 

Ein Beispiel für sozialromantische Ausflucht liefert H.-M. Gutmann mit seinem Beitrag ›Der gute und der schlechte Tausch. Das Heilige und das Geld – gegensätzliche ökonomische Beziehungen‹ (in: Ebach, J. u.a. [Hrsg.]: ›Legt Anmut in das Geben. Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie‹, Gütersloh 2001, S. 162 ff.). Gutmann nimmt sich die Globalisierung und Weltarmut zur Vorlage, um ein Modell der »Gabenökonomie« zu entwerfen. Er nennt sie auch »Ökonomie der Religion«, die er in schroffem Gegensatz zur Geldökonomie sieht, der er »zerstörerische Konsequenzen« anlastet (S. 210). Er beklagt, daß selbst die Kirchen sich der »Marktgesellschaft« auslieferten und fordert eine Wirtschaft nach biblischem Maß, nämlich eine »Ökonomie der Gabe« (S. 201), in der Geld (Mammon) keine Rolle spielen dürfe. Eine Analyse der Modellelemente und -systematik ist bei Gutmann insofern geradezu aufregend, als sein Modell von den historisch durchgespielten geldlosen Wirtschaften in der Neuzeit, die sämtlich gescheitert sind, in einem zentralen Punkt abweicht. Lenin hatte es mit dem geldlosen Kommunismus probiert, gab aber schnell auf, weil er erkannte, daß Geld kein spezieller Systemmarker des Kapitalismus ist, sondern eine geniale Erfindung, welche schon in antiken Zeiten die Negativeffekte des Naturaltausches beseitigen half. Weil aber am Geld menschliche Verhaltensstörungen so leicht festzumachen sind, dient es als Mammonschreck. Doch nicht das Geld, sondern der Umgang mit ihm, kann ein Problem werden. Den Ökonomen kommt die Geldschelte so vor, als müßte man auch die Luft zum Atmen dafür verantwortlich machen, daß man sie mit Schadstoffen angereichert hat.

Doch die Geldaversion in Gutmanns Gütertauschökonomie ist nur das eine aufregend Neue. Noch mehr in Erstaunen versetzt sein nietzscheanisches Verschwendungstheorem, das er in einem Gegensatz zur marxistischen Akkumulation sieht. »Luxus und Verschwendung« abzuschaffen, hält er infolge der »Charakterstruktur des Menschen« für nicht machbar. Ganz im Sinne Nietzsches plädiert er für eine »Ökonomie der Verausgabung«, allerdings nicht mit Berufung auf den Philosophen, sondern auf die Bibel. 
»Akkumulieren, Sparen, Selbstkontrolle, Abwendung von Luxus und Verschwendung: Dies sind die Maximen des kapitalistischen Wirtschaftens, aber es sind gerade nicht die Maximen der Religion. In der Religion ist vielmehr die Ökonomie der Verausgabung, der Verschwendung, der Sorglosigkeit aufgehoben: Leben würde veröden, wenn es auf Akkumulation abstrakten Werts eingegrenzt würde. Jeder Versuch, den unermeßlichen überschüssigen Reichtum an Lebensenergie vollständig in Wachstum zu übersetzen, muß scheitern. Die Lebensenergie wird die Ordnungen der Akkumulation, der Kontrolle, des Sparens von einem bestimmten Punkt an überfluten. Deshalb gehören Verausgabung, Luxus, Verschwendung, freigiebiges Geben notwendig zum Lebensvollzug hinzu. Gesellschaften, in denen versucht würde, diese notwendige Seite des Lebens vollständig zu verdrängen und auszuschalten, sind zum Scheitern verurteilt.
In der Bergpredigt hat Jesus von Nazareth die Entgegensetzung von Gott und Gegengott – Mammon – ausdrücklich mit der Entgegensetzung einer Ökonomie der Sorglosigkeit/Freigebigkeit und einer Ökonomie der Akkumulation verbunden (Mt 6,19 ff.). Jesus bring damit präzise die Weisheit einer allgemeinen, unabhängig von den spezifischen Eigentumsordnungen wirksamen Ökonomie zum Ausdruck, die in den verengenden und speziellen Ökonomien des kapitalistischen, aber auch des planwirtschaftlichen wachstumsorientierten ökonomischen Handelns verdrängt und vergessen wird.
Ihr könnt nicht zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Jesus stellt in der Bergpredigt die Lebensorientierung des Evangeliums, des Reiches Gottes, gegen die Lebensorientierung des Zurücklegens, Sorgens, Sparens, des Akkumulierens. Sorgt nicht. Lebt euer Leben heute. Verschenkt Euch freigiebig und laßt Euch beschenken. Das, was ihr zum Leben nötig habt, wird Euch der Vater im Himmel geben. Die Lilien auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel: Sie zeigen den überschwenglichen Reichtum von Gottes Schöpfung und Erhaltung des Lebens. Dagegen ist der Mammon-Gott, das Geld, die Ordnung des Sorgens, des Vorausberechnens, des Aufhäufens und Bei-Sich-Behaltens. Mammon ist der Gott, der Menschen zu selbstsüchtigen, in sich selbst verkrümmten, eben nicht freigiebigen Wesen werden läßt« (S. 199 f.). 

Ausdrücklich also wendet sich Gutmann gegen Geld, Sparen, Wachstum und gegen die »Äquivalenz des Warentausches« (S. 203), also gegen zentrale Elemente der Marktwirtschaft. In seiner ›Ökonomie des Heiligen« (S. 201) regelt allein die Gabe alles wirtschaftliche Geschehen, der er eine »Beziehungs- und Reproduktionsarbeit« (S. 200) beimißt, die zum Leben ausreiche. Der Äquivalenz der »Warenökonomie« traut er ethisch nichts zu, weil sie »den Charakter von Totalität« annehme, und zwar über das Geld. Theologische Versuche, Geld und Gott zu versöhnen, hält er für abwegig. Religiöse Kommunikation müsse allein von der »nicht-geldabhängigen, nicht-äquivalenten Ökonomie« – der »Gabentauschökonomie« – »bestimmt« werden (S. 206). Er verweist »auf die sozial polarisierenden Wirkungen der Geldökonomie« und hält geradezu dogmatisch fest: »Das Geld ist die eigentliche Gefahr für die Gottesbeziehung des Menschen und damit für das Zentrum seiner Selbstvergewisserung wie seines Zusammenlebens mit anderen Menschen« (S. 207 f.). 

Man muß nicht viel von (der gewiß komplizierten) Ökonomie verstehen, um den Utopiegehalt des »Gabentauschmodells« zu erkennen. Es ist nicht nur realitätsfern, sondern auch in sich widersprüchlich. Allen Ernstes behauptet Gutmann, es gehe ihm »nicht darum, ›die Bibel‹ oder ›die Religion‹ oder ›die Theologie‹ gegen die Rationalität des kapitalistischen Marktes zu stellen« (S. 206) – aber was sonst denkt er sich aus? Ich will hier nicht die vielen Ungereimtheiten von Gutmanns Wirtschaftsmodell darlegen, doch zwei ergänzende Hinweise halte ich für angebracht. Er sieht die zentrale Wirtschaftskategorie der Knappheit im Widerspruch zu dem Jesuswort »Sorgt nicht!« Das sei »nicht irgendeine beiläufige Parole, sondern zielt auf die Mitte der christlichen Existenz, sie ist eine bündige Zusammenfassung der biblischen ökonomischen (!) Logik« (S. 211). Wirklich? Noch zugespitzter meint Gutmann, daß »das Bewußtsein des Mangels« ein »Gegenbild christlicher Existenz« sei – als ob der Mensch nicht in allen Belangen (auch religiös) ein Mängelwesen (A. Gehlen) sei. Den »Lebensstil individueller Vorsorge« im Widerspruch zum »Glauben an den Gott der Fülle« zu sehen (S. 211) macht nicht allein Ökonomen vor so viel Weltfremdheit ratlos. »Gott oder Geld« als »unhintergehbare und nicht harmonisierbare Alternative« zu betrachten, damit versperrt sich Gutmann dogmatisch den Weg zu anderen Lösungen (vgl. unten). 

Eine grobe Fehleinschätzung liegt auch Gutmanns Annahme zugrunde, daß nur die Gabenökonomie ethisch gerechtfertigte Beziehungen unter den Menschen bewirke. Es ist schlicht falsch zu behaupten, die »Warenökonomie (stelle) zwischen den Beteiligten keine verpflichtende Beziehung her«. Haben nicht gabenökonomische (also geschenkte) Lebensmittellieferungen fast den ganzen schwarzafrikanischen Kontinent ruiniert, in die Armut und Abhängigkeit getrieben? (Vgl. dazu: Fedowski, M. A. u.a.: Afrika – ein verlorener Kontinent?, 2. Auflage, München 2008). Warum drängt wohl die neuere Entwicklungspolitik energisch auf warenökonomische Gegenseitigkeit? Es sind gerade ›Gaben‹, welche die Menschen unmündig halten und abhängig machen können (vgl. dazu meine Kritik an der herkömmlichen Entwicklungspolitik in: ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, Bd. II, S. 89 ff.). Gutmann geht von einem falschen Menschenbild aus, wenn er den verantwortungsethischen Druck im Warentausch grundsätzlich mit einer »Machtverschiebung vom Geber auf den Nehmer« unterstellt (S. 211).

Gutmanns »Ökonomie des Heiligen« verpaßt infolge verwirrender und widersprüchlicher Aussagen die Chance, das Heilige im Ökonomischen auszumachen (vgl. den Beitrag über Agambens ökonomische Theologie in diesem WALTHARI-Portal). Er versperrt sich den Zugang mit Aussagen von der Art: »Während in der Warenwelt alle Dinge und tendenziell auch alle Menschen gleich werden, nämlich im Geld als abstraktem Wert austauschbar werden, wird in der biblischen Erzählung von der Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen immer auf die Eigentümlichkeit und Differenz allen Lebens geachtet, von Anfang an bis zum Ende: Gott schafft alles Leben nach seiner Art, und auch Gericht und Erlösung treffen die Geschöpfe in ihrer einzigartigen, in Lebensvollzug und Umfeld  nicht austauschbaren Gestalt« (S. 212). 

Ist es wirklich verwerflich, wenn über elegante, d.h. geldvermittelte Tauschverfahren »alle Menschen gleich werden«, will sagen: auf gleicher Augenhöhe einander gegenübertreten? Wofür Gutmann letztlich keinen Blick hat, findet sich in Ansätzen bei Rainer Marten in: ›Die Möglichkeit der Unmöglichkeit. Zur Poesie in Philosophie und Religion‹ (vgl. dazu meine Rezension in diesem WALTHARI -Portal). Der Anfang könnte mit einem Modell gewagt werden, das ich in ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ ausführlich beschrieben habe. (Näheres dazu in WALTHARI -Fenster Sachbücher
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com

Wird fortgesetzt


15. April 2008: 

Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Teil 4

Besondere Problemfelder: Wirtschaftsethische Aspekte der sozialen Marktwirtschaft. Obschon wirtschaftsethische Fragen von jeher Teil der Wirtschaftsphilosophie sind und in nahezu allen wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen eine Rolle spielen (1) , ist die Wirtschaftsethik in den letzten Jahren neben der Ökologie, der Sozialpolitik und der »Kultur der Wirtschaft« zum herausgehobenen Gegenstand der Erörterungen aufgestiegen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, daß ausgerechnet in einer Zeit, in welcher eine effiziente Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft) den höchsten Volkswohlstand in der Geschichte geschaffen hat, eine ethische Legitimationskrise Konjunktur hat. Fragen der Wirtschaftsethik können hier nicht systematisch beantwortet werden. (2)  Ich will mich auf fünf ethische Aspekte der sozialen Marktwirtschaft beschränken, weil an ihnen nicht nur der Grad an Unaufgeklärtheit, sondern auch eine Taktik der Verunglimpfung zum Vorschein kommt. Die Fragen lauten:

  1. Warum geht der Vorwurf ins Leere, hinter Wettbewerbsdenken verberge sich eine Ellenbogengesinnung?
  2. Welcher Irrtum steckt hinter der Gleichsetzung des Gewinnstrebens mit Profitgier?
  3. Warum kann man das Markt-Preis-System mit Machtstreben allein nicht erklären?
  4. Warum wird das Egoismusprinzip als moralisch verwerflich bewertet?
  5. Welche ethische Gesinnung trägt die freiheitlich-soziale Wirtschaftsordnung?
Zu 1 -...
Zu 2 -...
Zu 3 -...

Zu 4 - Seit Adam Smith das Egoismusprinzip zum Motor wirtschaftlichen Tuns erklärt hat, ist alles Wirtschaften unter den Verdacht ethischer Minderwertigkeit, ja Verwerflichkeit geraten. A. Smith schrieb 1776:  (3) »Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.« Smiths Lehre gründet auf folgende Erkenntnis: Wirtschaften ist ein rationales Geschäft, das nicht auf Wohlwollen oder gar Mitleid aufgebaut werden kann. Das Geschäft funktioniert dann zum Wohle aller am besten, wenn jeder herauszufinden versucht, welche Nutzenvorteile andere Menschen begehren. Diese begehrten Nutzenvorteile anderer trachtet ein kluger Marktteilnehmer zu erfüllen, indem er die entsprechenden Waren und Dienstleistungen anbietet. Damit verschafft er anderen und zugleich sich selber einen Vorteil, denn indem er ein Fremdinteresse (Kaufwunsch) erfüllt, dient er seinen eigenen Interessen (Einkommen, Gewinn). Durch die beiderseitige Vorteilsverschaffung macht jeder ein gutes Geschäft.
Dieser plausible und im wirtschaftlichen Alltag millionenfach praktizierte Gedanke ist unter dem Stichwort »Egoismusprinzip« in die Geschichtsschreibung der Wirtschaftswissenschaften eingegangen und hat bis zum heutigen Tag zu Mißdeutungen geführt. 

Zwar sind die »eigenen Interessen«, die »Eigenliebe« und die Befriedigung der »eigenen Bedürfnisse« die Primärmotivationen für wirtschaftliches Handeln, aber unterschlagen wird gerne der altruistische Teil der Idee. Nicht ausbeuterische Selbstsucht oder einseitige Vorteilnahme sind die Grundlagen des Wirtschaftens, sondern die kluge Bedienung von Fremdinteressen
Daraus entspringt sozusagen automatisch ein eigener Vorteil. Der Gedanke ist beileibe nicht neu: Seit der Antike wissen Kaufleute aus Erfahrung, daß Tauschgeschäfte nur dann von Bestand sind, wenn beide Parteien einen Vorteil aus ihnen ziehen; sog. einseitige Geschäfte verstießen zu allen Zeiten gegen die Moral der ehrbaren Kaufmannschaft, und zwar aus egoistischen Motiven! Denn nur eine dauernde Vorteilsverschaffung für andere hält die Geschäfte in Gang und bringt eigenen Gewinn.(4)
Das Egoismusprinzip ist ein gutes Beispiel für die häufig dialektische Struktur (5)  der Wirtschaftsethik. Ein im Selbstinteresse handelndes Wirtschaftssubjekt ist »grundsätzlich« (also vom oben geschilderten kaufmännischen Grundsatz her) kein moralischer Bösewicht, sondern im Gegenteil die ethische Leitfigur für ein Wirtschaften, das die Wohlfahrt aller im Auge hat. Voraussetzung ist allerdings die Vorteilsbedienung anderer - ein selbstverständliches Beimotiv des Egoismusprinzips. In den beiden Kapiteln über die Weltwirtschaft kam eine weitere, dialektisch angelegte wirtschaftsethische Kategorie zur Sprache: Hilfe zur Selbsthilfe. Dort wurde ausgeführt, daß Wohltätigkeitsprogramme in der Regel den Entwicklungsländern mehr schaden als nützen. Aus moralischen Gründen erscheint es auf den ersten Blick unbegreiflich, warum es falsch sein soll, z.B. europäischen »Überflußweizen« geradewegs dorthin zu transportieren, wo Menschen hungern.
Die Ökonomie sieht ihre Aufgabe darin, auf die Folgewirkungen in den Entwicklungsländern hinzuweisen, und diese können verheerend sein - aus falsch verstandenem Mitleid! Dazu sei auf ein Erfahrungsbericht der Deutschen Welthungerhilfe aus Gambia verwiesen. Statt auf Nahrungsmittelhilfe aus Europa und auf ein prestigeträchtiges Staudammprojekt setzten dortige Entwicklungshelfer auf den Ausbau der Infrastruktur (Wegebau usw.), auf die Erziehung zur Wirtschaftsgesinnung (Entlohnungsprojekt) und auf die Selbstversorgung durch Reisanbau. (6)  Daß diese nicht auf Mitleid, sondern auf Hilfe zur Selbsthilfe ausgerichtete Wirtschaftsethik den Ländern ökonomisch und auch ökologische Vorteile bringt, ist vielfach empirisch durchgespielt. 

Zu 5 - Die Realität der sozialen Marktwirtschaft gibt weder Anlaß zur Glorifizierung noch zur Verunglimpfung. Eine rational-nüchterne Betrachtung und ein Vergleich mit anderen Systemen in Geschichte und Gegenwart kommt, trotz berechtigter Kritik (über Kapitalkonzentration, Protektionismus, Subventionsunwesen usw.) zu dem Ergebnis: Der dezentrale Koordinationsmechanismus hat selbst in seiner von Mängeln behafteten Gestalt den Wohlstand und die Freiheit aller Bevölkerungsschichten in einer Weise gesteigert, aus der ein schlüssiger Überlegenheitsbeweis abgeleitet werden kann. Nicht umsonst beeilten sich die meisten der ehemaligen Ostblockstaaten, »Marktelemente« in ihr Wirtschaftssystem einzubauen, nachdem ihre zentralistischen Befehlswirtschaften über Jahrzehnte doppelt versagt haben: Sie brachten den Menschen weder Freiheit noch Wohlstand. Beide Werte hängen nachweislich eng zusammen, wie an der Reisefreiheit leicht zu zeigen ist. Das formale Grundrecht der Freizügigkeit kann materiell nur genutzt werden, wenn die Menschen über ausreichend Devisen verfügen. Genau daran mangelt es in allen Wirtschaftssystemen, die einer dezentralen Koordination auf freien Märkten nicht vertrauen und im Gefolge davon mehr oder weniger sämtliche Kategorien der Wirtschaftsvernunft mißachten: Wettbewerb, Vertragsfreiheit, Privateigentum, Kostenverantwortung, Gewinnstreben, freie Preisbildung usw. Bei ihrer Mißachtung bleibt nicht nur eine effiziente Wirtschaftsweise auf der Strecke, sondern auch demokratische Grundrechte. Die Geschichte der Staaten im 20. Jahrhundert liefert dafür eine Legion von Beweisen.

Woran liegt es, wenn Menschen in marktwirtschaftlichen Ordnungen zu mehr Wohlstand und Demokratie gelangen? Als Antwort könnte ich auf alle Kategorien und Struktureinsichten der vorangegangenen Kapitel und auf die Kategoriale Wirtschaftsdidaktik, Teil I, 3. Auflage,2001 verweisen. Im Zentrum dieser Gerüststrukturen stehen ein »technisches« Prinzip und ein ethisches Apriori. Die mit einer freien Koordination auf offenen Märkten einhergehenden Wirkkategorien (Wettbewerb usw.) führen systembedingt zu Ziel-Mittel-Effizienzen, die letztlich von Entscheidungen (Wertschätzungen) nutzenbegehrender Individuen gesteuert werden. An diese mit Freiheit und Selbstverantwortung ausgestalteten Individuen stellen Marktwirtschaften und ihr politisches Pendant (Demokratien) keine moralische Überforderungen. Die Realausgabe des homo oeconomicus darf hier ganz menschlich sein: nach Gewinn streben, Löhne frei aushandeln, überhaupt nach dem Prinzip des Eigennutzens handeln, ohne moralisch ein schlechtes Gewissen zu haben; denn ein Handeln nach wirtschaftlichem Eigeninteresse ist wohlstandsfördernd für alle und daher ethisch erwünscht.

Während zentralistische Wirtschaftsordnungen die Menschen ideologisch und moralisch permanent überfordern, schaffen Marktwirtschaften einen Rahmen für pragmatische Humanität. Dieses Basisvertrauen des Systems ist die Voraussetzung für Entfaltungswillen, Ideenreichtum und Allokationsgelingen (durch die unsichtbare Hand des Marktes) sowie - das »zweite Wunder« einer freiheitlichen Ordnung - für den Willen zum sozialen Ausgleich.
Karl Popper hat in seinem Züricher Vortrag (1988) zurecht ausgeführt: (7)  »Es hat niemals vorher in der Geschichte Staaten gegeben, in denen die Menschen so frei leben konnten und in denen sie die Möglichkeit hatten, ein ebenso gutes oder besseres Leben zu führen. Ich weiß, daß viel zu wenige Menschen diese Meinung teilen. Ich weiß, daß es auch dunkle Seiten des Lebens in unserer Welt gibt: Verbrecher, Grausamkeiten, Drogen. Wir machen viele Fehler; und obwohl viele von uns aus ihren Fehlern lernen, so bleiben leider manche in ihnen stecken. So ist die Welt. Sie stellt uns Aufgaben. Wir können zufrieden in ihr sein und glücklich. Aber das muß man auch aussprechen! Ich höre es fast nie. Statt dessen hört man täglich Gejammer und Geraunze über die angeblich so schlechte Welt, in der wir zu leben verdammt sind. Ich halte die Verbreitung dieser Lügen für das größte Verbrachen unserer Zeit, denn es bedroht die Jugend und versucht, sie ihres Rechtes auf Hoffnung und Optimismus zu berauben.«
Aus: ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, Band II, 7. Auflage, a.a.O., S. 114 ff.
© WALTHARI.  Aus: www.walthari.com
 

  1.  Vgl. die unermüdlichen Gerechtigkeitsreflexionen in Geschichte und Gegenwart etwa bei Lohnfragen, Gewinn- und Vermögensverteilungen.
  2. Dazu: Rich, A.: Wirtschaftsethik. Grundlagen in theoretischer Perspektive, Gütersloh 1987. Enderle, G. (Hrsg.): Ethik und Wirtschaftswissenschaft, Berlin 1985.
  3. Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, deutsche Ausgabe: München 1982, S. 17.
  4. Romano Guardini sieht zu Recht Altruismus und Egoismus als formale Handlungsstrukturen ohne ethischen Wert oder Unwert. Die Frage, ob ein Christ »ein wesentlich altruistischer Mensch« sei, beantwortet er mit der Feststellung: »Man neigt wohl zu dieser Ansicht, sieht aber dann bald, daß es sich auch hier um eine Struktur handelt. Und zwar um eine, die nicht einmal mit ethischer Selbstlosigkeit gleichgesetzt werden darf; gibt es doch auch die Selbstsucht der Fremdliebe und den Selbstgenuß des Aufgehens im Anderen. Der natürliche Altruismus steht als solcher noch ganz diesseits von Gut und Böse - ebenso wie der Egoismus, sobald wir auch ihn nicht ethisch, sondern als Struktur verstehen. Beide können sittlich positiv oder negativ werden« (Aus: Guardini, R.: Welt und Person, Mainz 1988, S. Hervorhebungen: 163; E.D.).
  5. Vgl. meinen Grundsatzartikel »Widerspruch« in: WALTHARI. Zeitschrift für Literatur, Heft 20/1993, S. 80 ff.
  6. Henselder-Barzel, H.: Nahrung sichern aus eigener Kraft, in: FAZ Nr. 7 vom 9.1.1988, S. 13.
  7. Zitiert nach: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 23 vom 29./30.01.1989, S. 23.


12. April 2008: 

Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Teil 3

Nach Ziffer 2 in Teil 2 sind Märkte von einem rechtlichen Rahmenwerk (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb u.v.a.) eingefaßt und werden von Spielregeln geleitet. Das Recht spielt dabei die notwendige, die Spielregelung (Usancen) die hinreichende Rolle. Marktteilnehmer verständigen sich weit häufiger über Usancen als mit Berufung auf das Recht. Das gilt nicht nur für die Zeichensprache an der Börse, auch im Alltag und in der Wirtschaft generell regieren Spielregeln das Geschehen. Beim Kleiderkauf zitiert niemand das BGB, es kann still anprobiert werden und durch Nicken ein Kaufvertrag zustande kommen. Es wird umgetauscht, ohne daß der Verkäufer nach bürgerlichem Recht dazu verpflichtet wäre. Bei der Anlieferung von Losgrößen wäre der Käufer rechtlich verpflichtet, jedes einzelne Stück unverzüglich zu prüfen, doch das geschieht kaum, weil man darauf vertraut, daß man bei späterer Mängelfeststellung noch untereinander einig wird. Spielregeln sind das eigentliche Vertrauenskapital in der Marktwirtschaft. Sie ergänzen den Rechtsrahmen, der nicht ausreicht, damit Märkte funktionieren. Hauptmotiv für Usancen  ist ein reibungsloser Interessenausgleich. Wer eine Spielregel verletzt, macht sich zum Ausscheidungskandidaten. 

Nach Ziffer 3 in Teil 2 sind Märkte störanfällig. Dafür gibt es zahlreiche Ursachen: logistische Engpässe, politische Einflüsse, Rohstoffmangel, Panikkäufe usw. Es handelt sich also um äußere und innere Faktoren, die zu Ungleichgewichten führen. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es für sog. Premiumautos lange Lieferfristen. Zwanzig Jahre später wurden  diese Autos mit Rabatten zum Sofortkauf angedient. Neben realwirtschaftlichen Gründen spielen finanzielle und psychologische eine große Rolle bei Marktungleichgewichten. Schon bloße Nachrichten können Märkte leerfegen oder zusammenbrechen lassen. Solche großen Schwankungen sind ebenso unausräumbare Systemmerkmale von Märkten wie die täglichen Verfehlungen optimalen Ausgleichs. Denn Märkte organisieren Abstimmungsverfahren, die nicht allein von den Teilnehmern bestimmt werden, sondern auch von externen Einflüssen (vom Wetter bis zu Kriegsausbrüchen). Die Wirtschafts-, Finanzpolitik usw. versucht, extreme Ausschläge abzumildern (wie gegenwärtig während der Kreditkrise), doch ganz vermeiden lassen sich wirtschaftliche Krisenlagen deshalb nicht, weil sie selten vorhersehbar und die Wucht der einmal in Gang geratenen Kräfte eine Eigendynamik annimmt, die nur in Grenzen noch steuerbar ist. An Konjunkturverläufen und extremen Börsenausschlägen läßt sich das Phänomen eigendynamischer Märkte gut studieren. Nicht allein das faktische Angebot und die Faktische Nachfrage bewegen die Märkte, bedeutsamer sind die dahinterstehenden Erwartungen (vgl. ›Wirtschaftskategorien‹, a.a.O., S. 53 f.). Selbst in Krisenlagen sind Märkte die meist besseren Befriedigungsmechanismen im Vergleich zu planwirtschaftlichen Eingriffen. Wenn beispielsweise Energie ›zu teuer‹ wird, bremst der höhere Preis die Nachfrage und beflügelt die Anbieterkonkurrenz (unter bestimmten Voraussetzungen: kein Monopol, keine Kartellierung usw.). 

Nach Ziffer 4 in Teil 2 sind Asymmetrien auf Märkten nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Ungleiche Marktpositionen müssen freilich nicht notwendig zu Ungleichgewichtslagen führen, d.h. verhindern, daß eine möglichst große Zahl von Tauschfällen zustande kommt. Beispiel: Der Automarkt ist auf der Angebotsseite ein Oligopol (wenige Anbieter), auf der Nachfrageseite ein Polypol (viele Käufer). Die Anbieter können ihre Marktmacht deshalb nicht ganz ausspielen, weil oligopolistische Konkurrenz zu den schärfsten Wettbewerbsformen zählt. Erst ein Kartell (Absprache unter den Autokonzernen) würde infolge von deren Marktmacht zu Abschöpfungspreisen führen. Aber auch im täglichen Wirtschaftsleben sind ungleiche Marktpartner die normalste Sache von der Welt, und zwar auf beiden Marktseiten. Ein Millionär muß freilich für ein bestimmtes Hemd nicht mehr bezahlen als ein Arbeitsloser, weil nämlich Tauschvorgänge auf Märkten anonym ablaufen. Kein Käufer muß sein Einkommen oder Vermögen offenlegen, wenn er ein Anzug ersteht. Asymmetrien sind auch deshalb normal, weil die Marktteilnehmer unterschiedlich informiert sind und ein spezifisches Verhalten zeigen. Wer sich auf Märkten besser auskennt, heimst Vorteile ein. Wer sich antizyklilsch verhält, kann billiger einkaufen. Beispiel: Die Nachfrage nach Autos ist im Frühjahr größer als in den Wintermonaten; wer sich darauf einstellt, hat als Käufer eine bessere Verhandlungsposition.

Nach Ziffer 5 in Teil 2 versagen Märkte in bestimmten Fällen. Es muß allerdings zwischen Marktversagen und Meritorisierung unterschieden werden.

»Marktversagen: Bei Gütern, deren Tausch, Wertfindung und Allokation nicht über den Marktmechanismus regelbar sind, spricht man von Marktversagen. Dies ist u.a. bei solchen Gütern der Fall, die jedermann beanspruchen kann, ohne daß der individuelle Ge- und Verbrauch direkt bezahlt werden muß. Es handelt sich also um Güter, die durch die Prinzipien der Nicht-Ausschließbarkeit und des nichtkonkurrierenden Konsums (Nicht-Rivalität) gekennzeichnet sind. Beispiel: Luft; das Gut wird von jedermann begehrt, ist also kostbar und in guter Qualität sogar knapp, hat aber dennoch keinen Preis, den die Verbraucher entrichten müßten. Die Nutzung ist öffentlich, weil niemand ausgeschlossen werden kann und keiner einen Atempreis zu zahlen hat. Daß ein kollektives Zugangsrecht allein nicht ausreicht, um von Marktversagen zu sprechen, beweist der Trinkwassermarkt: hier muß jeder Verbraucher einen Preis entrichten, mit dem die Knappheit geregelt werden kann. Ebensowenig genügt allein die Nicht-Rivalität, um dem Markt ein Versagen vorzuhalten: Wenn sich einer Touristengruppe, die gegen Bezahlung durch ein Museum geführt wird, zwei weitere Besucher anschließen, ohne einen Preis zu bezahlen, muß weder ein zusätzliches Führungsangebot hinzugefügt werden, noch erleiden die Zahler eine Nutzenminderung durch die Trittbrettfahrer. In diesem Fall ist das Dienstleistungsgut nur quasi-öffentlich und ein Mißbrauch durch Rahmenänderungen durchaus vermeidbar; es liegt also kein Marktversagen, sondern lediglich ein vermeidbarer Marktrahmenfehler vor. Öffentliche Güter, bei denen der Markt aus unvermeidbaren Gründen versagt, sind äußerst rar: Rechtsprechung, innere und äußere Sicherheit, Geldversorgung u.a. Zwar verlangt die Justiz für ihre Dienstleistung Kostenersatz, es würde jedoch ihre Unabhängigkeit tangieren, räumte man streitenden Parteien das Recht ein, einen Richter bestellen zu können; bei einer Honorierung über den Markt würden Bezahlungsinteressen und Wahrheitssuche in Widerstreit geraten.«
Aus: ›Wirtschaftskategorien‹. a.a.O., S. 125 f.

Nach Ziffer 6 in Teil 2 sind Fälle von Meritorisierung ebenfalls aufklärungsbedürftig: 

»Meritorisierung: Damit bezeichnet man Güter, die zwar von Privaten hergestellt und angeboten werden (können), bei denen aber der Staat der Auffassung ist, dies geschehe bei gegebenen Marktverhältnissen nicht ausreichend und/oder nicht zu ›sozialen‹ Preisen. Öffentliche Hände meritorisieren (d.h. werten höher) solche Güter, die sie für besonders wichtig und/oder für sozial sonst nicht genug zugänglich halten. Der freie Marktpreis wird dann entweder durch Subventionen korrigiert, oder aber der Staat selber betätigt sich als Hersteller und Anbieter. Beispiel: das Studium an Hochschulen; für dieses teure Bildungsgut müssen die Nachfrager an staatlichen Hochschulen keinen Preis (Studiengebühren) bezahlen. Daß hier kein Marktversagen vorliegt, läßt sich daran erkennen, daß private Hochschulen kostendeckend arbeiten können. Meritorisierungen entspringen demnach dem Werturteil des Meritors, der in den Marktmechanismus eingreift und damit die Nachfrager- und Anbietersouveränität einschränkt: denn an die Stelle von frei spielenden Marktpräferenzen setzt der Staat seine ›politischen‹ Sozialpreise, deren Kosten er über Steuern eintreiben muß. Da Markt- und Staatspräferenzen selten übereinstimmen, ist bei jeder Meritorisierung eine Ressourcenvergeudung unvermeidlich. ›Politische‹ Korrekturpreise sind auch alle Fälle von Demeritorisierung, d.h. der Abwertung eines Gutes durch Besteuerung, die den Preis in die Höhe treibt. Dadurch sollen z.B. der Tabak- und Alkoholkonsum niedrig gehalten werden. Auch hierbei mißtrauen die politischen Akteure den privaten Präferenzen (was in den beiden Fällen legitim ist, weil die Kosten für die ›Reparatur‹ des privat zerstörten Gesundheitsgutes häufig die Allgemeinheit mittragen muß). Das wirtschaftspolitische Instrument der Meritorisierung wird aus wahltaktischen und weltanschaulichen Gründen häufig mißbraucht; im Kern entspringt es den Wertvorstellungen der politischen Führungskräfte, wobei auch die Wiederwahl als begehrter Wert fungiert. Neben den wenigen unstreitigen Demeritorisierungsfällen sind auch nur wenige meritorisierungswürdige Güter auszumachen, so etwa beim kulturellen Erbe (historische Bausubstanzen, Künstlernachlässe u.a.).«
Aus: ›Wirtschaftskategorien‹. a.a.O., S. 126 f.
© WALTHARI.  Aus: www.walthari.com


17. März 2008

Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Teil 2

Dabei werden nicht allein die fünf genannten positiven Markteffekte gemindert. Mit jeder Marktschädigung geht ein politischer Schaden einher, denn mit der Abschaffung oder Veränderung fairer Märkte wird ein staatlicher Dirigismus (Planwirtschaft) erzwungen, dessen Geist auch politische Freiheiten einschränkt, und zwar zwangsläufig. Beispiel: Die drei Hauptantriebskräfte der Marktwirtschaft sind Wettbewerb, Eigentum und Erwerbsstreben. Der marktwirtschaftliche Motor kommt in Gang, wenn Unternehmer Arbeitnehmer und Verbraucher frei entscheiden können: bei ihren Investitionen, Arbeitsplatzwahlen, Konsumgüterwahlen usw. Sobald man in diese Wirtschaftsfreiheiten eingreift, werden automatisch auch Grundrechte davon betroffen. Investitionshemmnisse z.B. berühren die Gewährleistung der Eigentumsfreiheit (Art. 14 Grundgesetz), Berufswahlhindernisse das Recht der freien Berufswahl (Art. 12 GG) und Konsumeingriffe das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 GG). Funktionierende Marktwirtschaften setzen also Freiheitsgarantien voraus, weit über den bloß wirtschaftlichen Bereich hinaus. Freiheitsgarantien sind aber das Kernstück jeder Demokratie, woraus sich ein zwingender Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft und Demokratie ergibt. Übergänge von Plan- zu Marktwirtschaften waren auf Dauer nur erfolgreich, wenn der Staatsdirigismus (meist im Gewande des Sozialismus) durch demokratische Verhältnisse abgelöst werden konnte. Deutschland nach 1945 liefert dafür ein gutes Beispiel. Der Parallelprozeß kann sich verzögern (wie derzeit in China), doch ist nicht auf ihn zu verzichten, wenn Marktwirtschaften die fünf genannten positiven Effekte zeitigen sollen. So wenig es kleine Schwangerschaften gibt, so wenig läßt sich Freiheit ohne Gesamtschaden einschränken. Einer der Gründe liegt darin, daß das Steuerungs- und Entscheidungswissen an der Basis (beim Unternehmer, Arbeitnehmer und Verbraucher) dem Lenkungs- und Zuordnungswissen kollektiver Organe (Staat, Verbände usw.) in der Regel weit überlegen ist. In polnischen Kaufhäusern zur Zeit des Kommunismus sah ich zwischen meist leeren Regalen hohe Stapel von Filzpantoffeln, die niemand kaufen wollte. Die zentrale Planbehörde in Warschau war sichtlich überfordert vorauszusehen, welche Warengruppen eine Nachfrage finden werden. In Planwirtschaften wird auf blinden Verdacht und nach politischem Willen produziert und deshalb an den Verbraucherwünschen vorbei. Der vom Markt aufgenötigten Flexibilität eines Unternehmers hat ein staatliches Planbüro nichts entgegenzusetzen, außer gravierende negative Effekte: Mangelwirtschaft und Freiheitsverluste.

Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Marktwirtschaften dennoch heftig attackiert werden (neoliberaler Kältebetrieb, Turbokapitalismus usw.), muß sauber differenziert werden, Generell gilt: Nicht die Märkte als Orte gewünschten Austauschs sind für Fehlleistungen verantwortlich zu machen, sondern Menschen, die den freiheitlichen Tauschmechanismus mißbrauchen.

Wenn ein betrunkener Fahrer mit dem Auto einen Unfall verursacht, muß nicht das Auto schuld sein. Es kann daher als unredlich bezeichnet werden, auf »die Märkte« einzudreschen, statt auf die Marktteilnehmer zu achten. Denn faire und frei Märkte, hatten wir gesagt, stellen ideale Austauschorte dar. Wer den Marktmechanismus aufhebt, muß sich im Klaren darüber sein, daß er es mit dem demokratischsten aller Verfahren zu tun hat. Die meisten Kritiker haben sich den falschen Adressaten ausgesucht: Nicht der Marktmechanismus an sich, vielmehr dessen Mißbrauch ist in der Tat zu kritisieren. Wenn z.B. Managergehälter über’s Ziel hinausschießen, stimmt etwas nicht unter den Menschen , die auf diesem Spezialmarkt agieren. 

  1. In Teil 1 habe ich das Idealmodell der Marktwirtschaft beschrieben. In der Realität sind Märkte selten ganz frei und noch seltener ganz fair. Bedenkt man, daß das dritte Apriori (staatliche Rahmengebung) häufig planwirtschaftlich überzogen wird, erhält man jenes Bild, das als Karikatur des Ideals zu sehen ist. Kritik ist angebracht, doch sollte sie differenziert und adressatengerecht ausfallen. Dieses Vorhaben, d.h. die Beschreibung der Marktrealität auf der Hintergrundfolie der ›reinen‹ Marktwirtschaft, wie sie oben beschrieben wurde, erweist sich als hochkomplex und uferlos. Ich will mich hier auf einige Hauptlinien beschränkten, die ich unter folgende thesenhaften Aussagen stelle:
  2. Märkte sind sensible soziale Verhaltenskonstrukte auf der Basis eines rechtlichen und Spielregelwerkes, das von Interessen beherrscht wird.
  3. Aufgrund des offenen und interessengeleiteten Verhaltens der Teilnehmer sind Märkte (mehr noch als das Recht) störanfällig. Ungleichgewichte (optimale Abstimmungsverfehlungen) resultieren aus innerem Fehlverhalten und aus äußeren Einflüssen. 
  4.  Asymmetrien infolge unterschiedlicher Informationslagen, Machtpositionen, Verhaltensmuster u.a. sind auf Märkten nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Bei marktwirtschaftlichen Steuerungen geht es in der Praxis demnach darum, die Asymmetrien mit ordnungspolitischen Mitteln in der Nähe des Idealmodells zu halten. Die Politik beschreitet statt dessen lieber den planwirtschaftlichen Weg, womit sie schon mittelfristig die Ungleichgewichte noch verstärkt. 
  5. Der Marktmechanismus ist in bestimmten relativ wenigen Fällen nicht geeignet, wirtschaftlichen Operationen befriedigend zu steuern. Man spricht hierbei von Marktversagen. Beispiel: saubere Luft. Jeder verbraucht sie (Prinzip der Nichtausschließbarkeit), muß aber die  Kosten für die Sauberhaltung nicht direkt bezahlen (öffentliches Gut).
  6. Die Fälle der Meritorisierung hingegen sind marktwirtschaftlich zugänglich (vgl. unten).

  7. © WALTHARI.  Aus: www.walthari.com

21. Februar 2008

Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Teil 1

Der sog. Zumwinkel-Skandal ist das lange herbeigesehnte Sturzwasser auf die Mühlen der wachsenden Schar von Kritikern, die ›dem Markt‹ alle Probleme dieser Welt anlasten, vom Elend in den Entwicklungsländern bis zur wachsenden Armut in Deutschland. Der böse Markt: In Wahrheit ist er nichts anderes als eine Plattform für die Anstauwünsche der Bürger, also eine von Menschen gewünschte Einrichtung, über die sich schon Herodot lobend geäußert hatte. Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit er optimal funktioniert (vgl. ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, 2 Bde., siebte Auflage, 2002; Näheres unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal): (1) Er ist einzubetten in ein staatliches Rahmenwerk, das Fehlverhalten sanktioniert, (2) er muß offen sein für jedermanns Eintritt und für Wettbewerb und (3) er setzt Fairneßverhalten voraus, das der nichtstaatlichen Spielregelebene angehört. Unter diesen drei Voraussetzungen  sind Märkte wohlstandssteigernd wie keine andere Wirtschaftsform sonst. Und nicht weniger wichtig: Märkte sind die urdemokratischste Form im menschlichen Verkehr, weil sie das Miteinander horizontal, also basisdemokratisch organisieren, nicht vertikal mit oberen Besserwissern und Befehlshabern wie in Planwirtschaften. Neben Wohlstand und gelebter Demokratie bewirken Märkte – immer nur unter den drei genannten Aprioris – ein selbstverantwortliches Verhalten der Teilnehmer, denn ein Güteraustausch kommt nur zustande, wenn jeder Teilnehmer etwas zu bieten hat, das andere wollen und dafür selber etwas Gewolltes bieten. Das heißt: Jeder Marktteilnehmer muß dafür sorgen (durch eigene Arbeit), Güter herzustellen, die auf der Wunschliste anderer Teilnehmer stehen. Damit kommt ein vierter Vorteil von Marktwirtschaft ins Spiel: der ständige Blick auf potenzielle Nachfrager, genauer gesagt: die Sorge um deren wirtschaftlichem Wohlergehen. Schließlich ein fünfter nützlicher Effekt: der Blick auf Mitbewerber, welche Beine machen und zur Ausschöpfung des eigenen Potenzials anregen.  Wettbewerb liegt im Programm der Evolution, ist also auch der menschlichen Natur so gemäß wie Solidarität.

Gegen alle drei Voraussetzungen wird auch in Deutschland massiv verstoßen. Rund die Hälfte aller Wirtschaftsströme läuft über den Staat oder wird von ihm planwirtschaftlich befohlen (so das Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch große Teile der Medienwirtschaft in Gestalt der ARD und des ZDF). Kein Wunder, daß die fünf erwünschten Effekte (Wohlstandsmehrung, demokratisches Miteinander, Stärkung der Selbstverantwortung, Angebotssensibilität und Wettbewerb) bei weitem nicht erreicht werden. 

Beweisstücke für die wachsende Planwirtschaft und damit Nutzenverfehlung gibt es zuhauf: Gesetzesflut, überbordende Bürokratie, hohe Steuer- und Abgabenlast, Subventionismus, hohe Arbeitslosigkeit usw. Schlimmer noch als die Aprioriverletzungen und Nutzenverfehlungen sind die hämischen Verunglimpfungen durch Marktverächter. Sie benehmen sich wie Till Eulenspiegel, der seine Großmutter die Treppe hinunterstieß und ihr spöttisch nachgerufen hat: »Warum läufst du denn so schnell?« Wer den apriorisch gebändigten Märkten nichts Gutes zutraut, mißtraut damit der Urdemokratie, die es schon gab  (als Warenaustausch unter Gleichen), bevor überhaupt staatliche Gebilde entstanden. In dieser Zeit sorgte das Fairneßprinzip, d.h. die Spielregel, daß keiner den anderen übervorteilen darf, für funktionierende Märkte. Bei Verstößen brechen Märkte sofort zusammen, wie es Herodot in seinem Afrikabeispiel beschrieb. Es gilt nämlich folgendes Axiom: Staatliche Rahmenwerke genügen nicht, auch nicht im Verbund mit offenem Zugang zu Märkten. Faireß ist das unsubstituierbare Apriori für funktionierende Märkte. Nichts kann die Spielregeln extra legem ersetzen, auch  nicht eine sog. Verschärfung der Gesetze. Genau diesem Irrtum unterliegt derzeit die politische Klasse. Und genau darin besteht der schwere Schaden, den Manager und Politiker verursachen, wenn sie sich mit Dotierungen selber maßlos bedienen. Im sog. Zumwinkelskandal wirken nicht Gesetzesverstöße am verheerendsten, es sind Spielregelverstöße, darunter das fehlende Augenmaß, das den tiefen Schaden anrichtet. Unter Millionen Menschen bricht das Vertrauen in die Wirtschaftselite weg, angefeuert vom wachsenden Heer der Marktverächter, die im sog. demokratischen Sozialismus und im grünen Ökologismus ihre planwirtschaftlichen Heimstätten gefunden haben.
© WALTHARI.  Aus: www.walthari.com
 

1. Dezember 2007

Zum aktuellen ökonomischen Szenario: 
unterbelichtet und voller Risiken 

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
 
 

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