| 19. April 2008
Schwere Glaubwürdigkeitskrise
der Marktwirtschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 5
Entfaltungs-, Demokratie- und Wohlstandsimpulse des
Marktmechanismus’ erweisen sich als allen anderen Wirtschaftsformen überlegen
– immer unter den drei genannten Voraussetzungen (vgl. Teil 1). Es
gehört zur Tragik der Marktwirtschaft, daß ihre Potenz vom Mißbrauch
der drei Aprioris abhängt und daß deren Verletzungen dem Marktsystem
angelastet werden. Bundeskanzlerin Merkel lieferte unlängst dafür
ein Beispiel, als sie ihr Mißtrauen gegenüber der Marktwirtschaft
ausdrückte und dabei die Prämissenebene mit der Systemebene (wieder
mal) verwechselte (sie findet nämlich an planwirtschaftlichen Regulierungen
durchaus Gefallen; vgl. den Beitrag in diesem WALTHARI-Portal).
Die Hauptgefahrenquellen für die fünf genannten positiven,
marktwirtschaftlich verursachten Effekte liegen (1) in der planwirtschaftlichen
Neigung des Staates (genauer: der Parteien), (2) in der Kartellierungsneigung
wettbewerbsscheuer Marktteilnehmer und i(3) n der Fairneßverachtung.
Es ist in der Tat schwer begreiflich zu machen, daß zwei dieser Störungen
nur in Grenzen gesetzlich beherrschbar sind, nämlich die Planwirtschafts-
und Kartellierungsneigung und daß die dritte Störung (Fairneßverletzungen)
so gut wie gar nicht gesetzlich zu beseitigen ist, weil sie auf der Spielregelebene
abläuft. Das ahnte schon Platon, als er in seinem Dialog ›Politikos‹
(Ziff. 284 b – d) die Frage der Angemessenheit erörterte und dabei
zwei Maßstäbe unterschied, deren einer (die relationslose Angemessenheit)
zum Tiefenkern der Fairneßproblematik zählt (vgl. ›Wirtschaftskategorien‹,
S. 62 u. 142 f.). Mit legislativen Zugriffen kann Fairneßverhalten
nicht erzwungen werden. Wenn Manager oder Fußballprofis absurde Honorierungen
erzielen, erschöpfen sich die öffentlichen und politischen Reaktionen
in Empörungen, wobei zu bedenk ist, daß auf dem politischen
Feld selber unsägliche Überhonorierungen zu verzeichnen sind
(man denke aktuelle an den ›Fall‹ der SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier
als KfW-Chefin: trotz ihres offensichtlichen Versagens wird sie auch
nach ihrem Ausscheiden fürstlich entlohnt, obschon die Staatsbank
Milliardenverluste zu verzeichnen hat, die letztlich der Steuerzahler tragen
muß). Mit Marktwirtschaft haben solche Fälle wenig zu tun.
Angemessenheit war schon bei Platon der Schlüssel zur Gerechtigkeit
und Glaubwürdigkeit. Der Marktwirtschaft ergeht es wie dem Staat:
Beide ruhen auf Voraussetzungen auf, die sie selber nicht schaffen können,
darunter verantwortungsethisches Handeln.
Wenn der Parteienstaat bei marktlichen Asymmetrien den
Selbstregulierungs- und Heilungskräften so sehr mißtraut, daß
er sich bürokratisch-planwirtschaftlich einmischt (wie im Gesundheits-
und Bildungswesen), opfert er Freiheits- und Wohlstandsgewinn (um z.B.
Wahlen zu gewinnen). Wenn Polit- und Konzernmanager horrend ›überzahlt‹
werden, geht das auf Kosten der sozialen Akzeptanz des Staates und der
Marktwirtschaft. Ökonomen sprechen in diesen Fällen von Negativeffekten
im Sozialkapital, eine sensible Prämisse aller Staatlichkeit und marktgesteuerter
Wirtschaftsformen. Weil Marktwirtschaften allzeit prämissengefährdet
sind, flüchtet man leichterhand in planwirtschaftliche Regulierungen,
man denke an die Agrarwirtschaft in der EU, die sich zur gigantischen marktfernen,
ressourcenvergeudenden Transformationseinrichtung entwickelt hat, mit katastrophalen
Fehlsteuerungen durch Subventionierungen. Ähnlich steht es mit sozialromantischen
Modellen. Den ersten ›Ausweg‹ habe ich in ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹,
Bd. II, S. 238 ff. ausführlich kritisiert.
Ein Beispiel für sozialromantische Ausflucht liefert
H.-M. Gutmann mit seinem Beitrag ›Der gute und der schlechte Tausch. Das
Heilige und das Geld – gegensätzliche ökonomische Beziehungen‹
(in: Ebach, J. u.a. [Hrsg.]: ›Legt Anmut in das Geben. Zum Verhältnis
von Ökonomie und Theologie‹, Gütersloh 2001, S. 162 ff.). Gutmann
nimmt sich die Globalisierung und Weltarmut zur Vorlage, um ein Modell
der »Gabenökonomie« zu entwerfen. Er nennt sie auch
»Ökonomie der Religion«, die er in schroffem Gegensatz
zur Geldökonomie sieht, der er »zerstörerische Konsequenzen«
anlastet (S. 210). Er beklagt, daß selbst die Kirchen sich der »Marktgesellschaft«
auslieferten und fordert eine Wirtschaft nach biblischem Maß,
nämlich eine »Ökonomie der Gabe« (S. 201), in der
Geld (Mammon) keine Rolle spielen dürfe. Eine Analyse der Modellelemente
und -systematik ist bei Gutmann insofern geradezu aufregend, als sein Modell
von den historisch durchgespielten geldlosen Wirtschaften in der Neuzeit,
die sämtlich gescheitert sind, in einem zentralen Punkt abweicht.
Lenin hatte es mit dem geldlosen Kommunismus probiert, gab aber schnell
auf, weil er erkannte, daß Geld kein spezieller Systemmarker des
Kapitalismus ist, sondern eine geniale Erfindung, welche schon in antiken
Zeiten die Negativeffekte des Naturaltausches beseitigen half. Weil aber
am Geld menschliche Verhaltensstörungen so leicht festzumachen sind,
dient es als Mammonschreck. Doch nicht das Geld, sondern der Umgang
mit ihm, kann ein Problem werden. Den Ökonomen kommt die Geldschelte
so vor, als müßte man auch die Luft zum Atmen dafür verantwortlich
machen, daß man sie mit Schadstoffen angereichert hat.
Doch die Geldaversion in Gutmanns Gütertauschökonomie
ist nur das eine aufregend Neue. Noch mehr in Erstaunen versetzt sein nietzscheanisches
Verschwendungstheorem, das er in einem Gegensatz zur marxistischen Akkumulation
sieht. »Luxus und Verschwendung« abzuschaffen, hält er
infolge der »Charakterstruktur des Menschen« für nicht
machbar. Ganz im Sinne Nietzsches plädiert er für eine »Ökonomie
der Verausgabung«, allerdings nicht mit Berufung auf den Philosophen,
sondern auf die Bibel.
»Akkumulieren, Sparen, Selbstkontrolle, Abwendung von Luxus
und Verschwendung: Dies sind die Maximen des kapitalistischen Wirtschaftens,
aber es sind gerade nicht die Maximen der Religion. In der Religion ist
vielmehr die Ökonomie der Verausgabung, der Verschwendung, der Sorglosigkeit
aufgehoben: Leben würde veröden, wenn es auf Akkumulation abstrakten
Werts eingegrenzt würde. Jeder Versuch, den unermeßlichen überschüssigen
Reichtum an Lebensenergie vollständig in Wachstum zu übersetzen,
muß scheitern. Die Lebensenergie wird die Ordnungen der Akkumulation,
der Kontrolle, des Sparens von einem bestimmten Punkt an überfluten.
Deshalb gehören Verausgabung, Luxus, Verschwendung, freigiebiges Geben
notwendig zum Lebensvollzug hinzu. Gesellschaften, in denen versucht würde,
diese notwendige Seite des Lebens vollständig zu verdrängen und
auszuschalten, sind zum Scheitern verurteilt.
In der Bergpredigt hat Jesus von Nazareth die Entgegensetzung von
Gott und Gegengott – Mammon – ausdrücklich mit der Entgegensetzung
einer Ökonomie der Sorglosigkeit/Freigebigkeit und einer Ökonomie
der Akkumulation verbunden (Mt 6,19 ff.). Jesus bring damit präzise
die Weisheit einer allgemeinen, unabhängig von den spezifischen Eigentumsordnungen
wirksamen Ökonomie zum Ausdruck, die in den verengenden und speziellen
Ökonomien des kapitalistischen, aber auch des planwirtschaftlichen
wachstumsorientierten ökonomischen Handelns verdrängt und vergessen
wird.
Ihr könnt nicht zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott
dienen und dem Mammon. Jesus stellt in der Bergpredigt die Lebensorientierung
des Evangeliums, des Reiches Gottes, gegen die Lebensorientierung des Zurücklegens,
Sorgens, Sparens, des Akkumulierens. Sorgt nicht. Lebt euer Leben heute.
Verschenkt Euch freigiebig und laßt Euch beschenken. Das, was ihr
zum Leben nötig habt, wird Euch der Vater im Himmel geben. Die Lilien
auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel: Sie zeigen den überschwenglichen
Reichtum von Gottes Schöpfung und Erhaltung des Lebens. Dagegen ist
der Mammon-Gott, das Geld, die Ordnung des Sorgens, des Vorausberechnens,
des Aufhäufens und Bei-Sich-Behaltens. Mammon ist der Gott, der Menschen
zu selbstsüchtigen, in sich selbst verkrümmten, eben nicht freigiebigen
Wesen werden läßt« (S. 199 f.).
Ausdrücklich also wendet sich Gutmann gegen Geld,
Sparen, Wachstum und gegen die »Äquivalenz des Warentausches«
(S. 203), also gegen zentrale Elemente der Marktwirtschaft. In seiner
›Ökonomie des Heiligen« (S. 201) regelt allein die Gabe alles
wirtschaftliche Geschehen, der er eine »Beziehungs- und Reproduktionsarbeit«
(S. 200) beimißt, die zum Leben ausreiche. Der Äquivalenz der
»Warenökonomie« traut er ethisch nichts zu, weil sie »den
Charakter von Totalität« annehme, und zwar über das Geld.
Theologische Versuche, Geld und Gott zu versöhnen, hält er
für abwegig. Religiöse Kommunikation müsse allein von
der »nicht-geldabhängigen, nicht-äquivalenten Ökonomie«
– der »Gabentauschökonomie« – »bestimmt« werden
(S. 206). Er verweist »auf die sozial polarisierenden Wirkungen der
Geldökonomie« und hält geradezu dogmatisch fest: »Das
Geld ist die eigentliche Gefahr für die Gottesbeziehung des Menschen
und damit für das Zentrum seiner Selbstvergewisserung wie seines Zusammenlebens
mit anderen Menschen« (S. 207 f.).
Man muß nicht viel von (der gewiß komplizierten)
Ökonomie verstehen, um den Utopiegehalt des »Gabentauschmodells«
zu erkennen. Es ist nicht nur realitätsfern, sondern auch in sich
widersprüchlich. Allen Ernstes behauptet Gutmann, es gehe ihm »nicht
darum, ›die Bibel‹ oder ›die Religion‹ oder ›die Theologie‹ gegen die Rationalität
des kapitalistischen Marktes zu stellen« (S. 206) – aber was sonst
denkt er sich aus? Ich will hier nicht die vielen Ungereimtheiten von Gutmanns
Wirtschaftsmodell darlegen, doch zwei ergänzende Hinweise halte ich
für angebracht. Er sieht die zentrale Wirtschaftskategorie der Knappheit
im Widerspruch zu dem Jesuswort »Sorgt nicht!« Das sei »nicht
irgendeine beiläufige Parole, sondern zielt auf die Mitte der christlichen
Existenz, sie ist eine bündige Zusammenfassung der biblischen ökonomischen
(!) Logik« (S. 211). Wirklich? Noch zugespitzter meint Gutmann, daß
»das Bewußtsein des Mangels« ein »Gegenbild christlicher
Existenz« sei – als ob der Mensch nicht in allen Belangen (auch religiös)
ein Mängelwesen (A. Gehlen) sei. Den »Lebensstil individueller
Vorsorge« im Widerspruch zum »Glauben an den Gott der Fülle«
zu sehen (S. 211) macht nicht allein Ökonomen vor so viel Weltfremdheit
ratlos. »Gott oder Geld« als »unhintergehbare und nicht
harmonisierbare Alternative« zu betrachten, damit versperrt sich
Gutmann dogmatisch den Weg zu anderen Lösungen (vgl. unten).
Eine grobe Fehleinschätzung liegt auch Gutmanns Annahme
zugrunde, daß nur die Gabenökonomie ethisch gerechtfertigte
Beziehungen unter den Menschen bewirke. Es ist schlicht falsch zu behaupten,
die »Warenökonomie (stelle) zwischen den Beteiligten keine verpflichtende
Beziehung her«. Haben nicht gabenökonomische (also geschenkte)
Lebensmittellieferungen fast den ganzen schwarzafrikanischen Kontinent
ruiniert, in die Armut und Abhängigkeit getrieben? (Vgl. dazu: Fedowski,
M. A. u.a.: Afrika – ein verlorener Kontinent?, 2. Auflage, München
2008). Warum drängt wohl die neuere Entwicklungspolitik energisch
auf warenökonomische Gegenseitigkeit? Es sind gerade ›Gaben‹,
welche die Menschen unmündig halten und abhängig machen können
(vgl. dazu meine Kritik an der herkömmlichen Entwicklungspolitik in:
›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, Bd. II, S. 89 ff.). Gutmann geht
von einem falschen Menschenbild aus, wenn er den verantwortungsethischen
Druck im Warentausch grundsätzlich mit einer »Machtverschiebung
vom Geber auf den Nehmer« unterstellt (S. 211).
Gutmanns »Ökonomie des Heiligen« verpaßt
infolge verwirrender und widersprüchlicher Aussagen die Chance, das
Heilige im Ökonomischen auszumachen (vgl. den Beitrag über
Agambens ökonomische Theologie in diesem WALTHARI-Portal).
Er versperrt sich den Zugang mit Aussagen von der Art: »Während
in der Warenwelt alle Dinge und tendenziell auch alle Menschen gleich
werden, nämlich im Geld als abstraktem Wert austauschbar werden, wird
in der biblischen Erzählung von der Beziehung zwischen Gott und seinen
Menschen immer auf die Eigentümlichkeit und Differenz
allen Lebens geachtet, von Anfang an bis zum Ende: Gott schafft alles Leben
nach seiner Art, und auch Gericht und Erlösung treffen die Geschöpfe
in ihrer einzigartigen, in Lebensvollzug und Umfeld nicht austauschbaren
Gestalt« (S. 212).
Ist es wirklich verwerflich, wenn über elegante,
d.h. geldvermittelte Tauschverfahren »alle Menschen gleich werden«,
will sagen: auf gleicher Augenhöhe einander gegenübertreten?
Wofür Gutmann letztlich keinen Blick hat, findet sich in Ansätzen
bei Rainer Marten in: ›Die Möglichkeit der Unmöglichkeit. Zur
Poesie in Philosophie und Religion‹ (vgl. dazu meine Rezension in diesem
WALTHARI -Portal). Der Anfang könnte mit
einem Modell gewagt werden, das ich in ›Aktive Bürgergesellschaft
in einem gebändigten Staat‹ ausführlich beschrieben habe. (Näheres
dazu in WALTHARI -Fenster Sachbücher)
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die
Originalzitate. Aus: www.walthari.com
Wird fortgesetzt
15. April 2008:
Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 4
Besondere Problemfelder: Wirtschaftsethische Aspekte
der sozialen Marktwirtschaft. Obschon wirtschaftsethische Fragen von
jeher Teil der Wirtschaftsphilosophie sind und in nahezu allen wirtschaftswissenschaftlichen
Überlegungen eine Rolle spielen (1) , ist die Wirtschaftsethik in
den letzten Jahren neben der Ökologie, der Sozialpolitik und der »Kultur
der Wirtschaft« zum herausgehobenen Gegenstand der Erörterungen
aufgestiegen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, daß ausgerechnet
in einer Zeit, in welcher eine effiziente Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft)
den höchsten Volkswohlstand in der Geschichte geschaffen hat, eine
ethische Legitimationskrise Konjunktur hat. Fragen der Wirtschaftsethik
können hier nicht systematisch beantwortet werden. (2) Ich will
mich auf fünf ethische Aspekte der sozialen Marktwirtschaft beschränken,
weil an ihnen nicht nur der Grad an Unaufgeklärtheit, sondern auch
eine Taktik der Verunglimpfung zum Vorschein kommt. Die Fragen lauten:
-
Warum geht der Vorwurf ins Leere, hinter Wettbewerbsdenken
verberge sich eine Ellenbogengesinnung?
-
Welcher Irrtum steckt hinter der Gleichsetzung des Gewinnstrebens
mit Profitgier?
-
Warum kann man das Markt-Preis-System mit Machtstreben
allein nicht erklären?
-
Warum wird das Egoismusprinzip als moralisch verwerflich
bewertet?
-
Welche ethische Gesinnung trägt die freiheitlich-soziale
Wirtschaftsordnung?
Zu 1 -...
Zu 2 -...
Zu 3 -...
Zu 4 - Seit Adam Smith das Egoismusprinzip zum
Motor wirtschaftlichen Tuns erklärt hat, ist alles Wirtschaften unter
den Verdacht ethischer Minderwertigkeit, ja Verwerflichkeit geraten. A.
Smith schrieb 1776: (3) »Nicht vom Wohlwollen des Metzgers,
Bauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern
davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns
nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen
nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.«
Smiths Lehre gründet auf folgende Erkenntnis: Wirtschaften ist ein
rationales Geschäft, das nicht auf Wohlwollen oder gar Mitleid aufgebaut
werden kann. Das Geschäft funktioniert dann zum Wohle aller am besten,
wenn jeder herauszufinden versucht, welche Nutzenvorteile andere Menschen
begehren. Diese begehrten Nutzenvorteile anderer trachtet ein kluger Marktteilnehmer
zu erfüllen, indem er die entsprechenden Waren und Dienstleistungen
anbietet. Damit verschafft er anderen und zugleich sich selber einen Vorteil,
denn indem er ein Fremdinteresse (Kaufwunsch) erfüllt, dient er seinen
eigenen Interessen (Einkommen, Gewinn). Durch die beiderseitige Vorteilsverschaffung
macht jeder ein gutes Geschäft.
Dieser plausible und im wirtschaftlichen Alltag millionenfach
praktizierte Gedanke ist unter dem Stichwort »Egoismusprinzip«
in die Geschichtsschreibung der Wirtschaftswissenschaften eingegangen und
hat bis zum heutigen Tag zu Mißdeutungen geführt.
Zwar sind die »eigenen Interessen«,
die »Eigenliebe« und die Befriedigung der »eigenen Bedürfnisse«
die Primärmotivationen für wirtschaftliches Handeln, aber unterschlagen
wird gerne der altruistische Teil der Idee. Nicht ausbeuterische Selbstsucht
oder einseitige Vorteilnahme sind die Grundlagen des Wirtschaftens, sondern
die kluge Bedienung von Fremdinteressen.
Daraus entspringt sozusagen automatisch ein eigener Vorteil.
Der Gedanke ist beileibe nicht neu: Seit der Antike wissen Kaufleute aus
Erfahrung, daß Tauschgeschäfte nur dann von Bestand sind, wenn
beide Parteien einen Vorteil aus ihnen ziehen; sog. einseitige Geschäfte
verstießen zu allen Zeiten gegen die Moral der ehrbaren Kaufmannschaft,
und zwar aus egoistischen Motiven! Denn nur eine dauernde Vorteilsverschaffung
für andere hält die Geschäfte in Gang und bringt eigenen
Gewinn.(4)
Das Egoismusprinzip ist ein gutes Beispiel für die
häufig dialektische Struktur (5) der Wirtschaftsethik. Ein im
Selbstinteresse handelndes Wirtschaftssubjekt ist »grundsätzlich«
(also vom oben geschilderten kaufmännischen Grundsatz her) kein moralischer
Bösewicht, sondern im Gegenteil die ethische Leitfigur für ein
Wirtschaften, das die Wohlfahrt aller im Auge hat. Voraussetzung ist allerdings
die Vorteilsbedienung anderer - ein selbstverständliches Beimotiv
des Egoismusprinzips. In den beiden Kapiteln über die Weltwirtschaft
kam eine weitere, dialektisch angelegte wirtschaftsethische Kategorie zur
Sprache: Hilfe zur Selbsthilfe. Dort wurde ausgeführt, daß
Wohltätigkeitsprogramme in der Regel den Entwicklungsländern
mehr schaden als nützen. Aus moralischen Gründen erscheint es
auf den ersten Blick unbegreiflich, warum es falsch sein soll, z.B. europäischen
»Überflußweizen« geradewegs dorthin zu transportieren,
wo Menschen hungern.
Die Ökonomie sieht ihre Aufgabe darin, auf die Folgewirkungen
in den Entwicklungsländern hinzuweisen, und diese können verheerend
sein - aus falsch verstandenem Mitleid! Dazu sei auf ein Erfahrungsbericht
der Deutschen Welthungerhilfe aus Gambia verwiesen. Statt auf Nahrungsmittelhilfe
aus Europa und auf ein prestigeträchtiges Staudammprojekt setzten
dortige Entwicklungshelfer auf den Ausbau der Infrastruktur (Wegebau usw.),
auf die Erziehung zur Wirtschaftsgesinnung (Entlohnungsprojekt) und auf
die Selbstversorgung durch Reisanbau. (6) Daß diese nicht auf
Mitleid, sondern auf Hilfe zur Selbsthilfe ausgerichtete Wirtschaftsethik
den Ländern ökonomisch und auch ökologische Vorteile bringt,
ist vielfach empirisch durchgespielt.
Zu 5 - Die Realität der sozialen Marktwirtschaft
gibt weder Anlaß zur Glorifizierung noch zur Verunglimpfung. Eine
rational-nüchterne Betrachtung und ein Vergleich mit anderen Systemen
in Geschichte und Gegenwart kommt, trotz berechtigter Kritik (über
Kapitalkonzentration, Protektionismus, Subventionsunwesen usw.) zu dem
Ergebnis: Der dezentrale Koordinationsmechanismus hat selbst in seiner
von Mängeln behafteten Gestalt den Wohlstand und die Freiheit aller
Bevölkerungsschichten in einer Weise gesteigert, aus der ein schlüssiger
Überlegenheitsbeweis abgeleitet werden kann. Nicht umsonst beeilten
sich die meisten der ehemaligen Ostblockstaaten, »Marktelemente«
in ihr Wirtschaftssystem einzubauen, nachdem ihre zentralistischen Befehlswirtschaften
über Jahrzehnte doppelt versagt haben: Sie brachten den Menschen weder
Freiheit noch Wohlstand. Beide Werte hängen nachweislich eng zusammen,
wie an der Reisefreiheit leicht zu zeigen ist. Das formale Grundrecht der
Freizügigkeit kann materiell nur genutzt werden, wenn die Menschen
über ausreichend Devisen verfügen. Genau daran mangelt es in
allen Wirtschaftssystemen, die einer dezentralen Koordination auf freien
Märkten nicht vertrauen und im Gefolge davon mehr oder weniger sämtliche
Kategorien der Wirtschaftsvernunft mißachten: Wettbewerb, Vertragsfreiheit,
Privateigentum, Kostenverantwortung, Gewinnstreben, freie Preisbildung
usw. Bei ihrer Mißachtung bleibt nicht nur eine effiziente Wirtschaftsweise
auf der Strecke, sondern auch demokratische Grundrechte. Die Geschichte
der Staaten im 20. Jahrhundert liefert dafür eine Legion von Beweisen.
Woran liegt es, wenn Menschen in marktwirtschaftlichen
Ordnungen zu mehr Wohlstand und Demokratie gelangen? Als Antwort könnte
ich auf alle Kategorien und Struktureinsichten der vorangegangenen Kapitel
und auf die Kategoriale Wirtschaftsdidaktik, Teil I, 3. Auflage,2001 verweisen.
Im Zentrum dieser Gerüststrukturen stehen ein »technisches«
Prinzip und ein ethisches Apriori. Die mit einer freien Koordination auf
offenen Märkten einhergehenden Wirkkategorien (Wettbewerb usw.) führen
systembedingt zu Ziel-Mittel-Effizienzen, die letztlich von Entscheidungen
(Wertschätzungen) nutzenbegehrender Individuen gesteuert werden. An
diese mit Freiheit und Selbstverantwortung ausgestalteten Individuen stellen
Marktwirtschaften und ihr politisches Pendant (Demokratien) keine moralische
Überforderungen. Die Realausgabe des homo oeconomicus darf hier ganz
menschlich sein: nach Gewinn streben, Löhne frei aushandeln, überhaupt
nach dem Prinzip des Eigennutzens handeln, ohne moralisch ein schlechtes
Gewissen zu haben; denn ein Handeln nach wirtschaftlichem Eigeninteresse
ist wohlstandsfördernd für alle und daher ethisch erwünscht.
Während zentralistische Wirtschaftsordnungen
die Menschen ideologisch und moralisch permanent überfordern, schaffen
Marktwirtschaften einen Rahmen für pragmatische Humanität. Dieses
Basisvertrauen des Systems ist die Voraussetzung für Entfaltungswillen,
Ideenreichtum und Allokationsgelingen (durch die unsichtbare Hand des Marktes)
sowie - das »zweite Wunder« einer freiheitlichen Ordnung -
für den Willen zum sozialen Ausgleich.
Karl Popper hat in seinem Züricher Vortrag (1988) zurecht
ausgeführt: (7) »Es hat niemals vorher in der Geschichte
Staaten gegeben, in denen die Menschen so frei leben konnten und in denen
sie die Möglichkeit hatten, ein ebenso gutes oder besseres Leben zu
führen. Ich weiß, daß viel zu wenige Menschen diese Meinung
teilen. Ich weiß, daß es auch dunkle Seiten des Lebens in unserer
Welt gibt: Verbrecher, Grausamkeiten, Drogen. Wir machen viele Fehler;
und obwohl viele von uns aus ihren Fehlern lernen, so bleiben leider manche
in ihnen stecken. So ist die Welt. Sie stellt uns Aufgaben. Wir können
zufrieden in ihr sein und glücklich. Aber das muß man auch aussprechen!
Ich höre es fast nie. Statt dessen hört man täglich Gejammer
und Geraunze über die angeblich so schlechte Welt, in der wir zu leben
verdammt sind. Ich halte die Verbreitung dieser Lügen für das
größte Verbrachen unserer Zeit, denn es bedroht die Jugend und
versucht, sie ihres Rechtes auf Hoffnung und Optimismus zu berauben.«
Aus: ›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, Band II,
7. Auflage, a.a.O., S. 114 ff.
© WALTHARI. Aus: www.walthari.com
-
Vgl. die unermüdlichen Gerechtigkeitsreflexionen in Geschichte
und Gegenwart etwa bei Lohnfragen, Gewinn- und Vermögensverteilungen.
-
Dazu: Rich, A.: Wirtschaftsethik. Grundlagen in theoretischer Perspektive,
Gütersloh 1987. Enderle, G. (Hrsg.): Ethik und Wirtschaftswissenschaft,
Berlin 1985.
-
Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, deutsche Ausgabe: München
1982, S. 17.
-
Romano Guardini sieht zu Recht Altruismus und Egoismus als formale Handlungsstrukturen
ohne ethischen Wert oder Unwert. Die Frage, ob ein Christ »ein wesentlich
altruistischer Mensch« sei, beantwortet er mit der Feststellung:
»Man neigt wohl zu dieser Ansicht, sieht aber dann bald, daß
es sich auch hier um eine Struktur handelt. Und zwar um eine, die nicht
einmal mit ethischer Selbstlosigkeit gleichgesetzt werden darf; gibt es
doch auch die Selbstsucht der Fremdliebe und den Selbstgenuß des
Aufgehens im Anderen. Der natürliche Altruismus steht als solcher
noch ganz diesseits von Gut und Böse - ebenso wie der Egoismus, sobald
wir auch ihn nicht ethisch, sondern als Struktur verstehen. Beide können
sittlich positiv oder negativ werden« (Aus: Guardini, R.: Welt und
Person, Mainz 1988, S. Hervorhebungen: 163; E.D.).
-
Vgl. meinen Grundsatzartikel »Widerspruch« in: WALTHARI. Zeitschrift
für Literatur, Heft 20/1993, S. 80 ff.
-
Henselder-Barzel, H.: Nahrung sichern aus eigener Kraft, in: FAZ Nr. 7
vom 9.1.1988, S. 13.
-
Zitiert nach: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 23 vom 29./30.01.1989, S.
23.
12. April 2008:
Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 3
Nach Ziffer 2 in Teil 2 sind Märkte von einem rechtlichen
Rahmenwerk (Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb u.v.a.) eingefaßt
und werden von Spielregeln geleitet. Das Recht spielt dabei die notwendige,
die Spielregelung (Usancen) die hinreichende Rolle. Marktteilnehmer
verständigen sich weit häufiger über Usancen als mit Berufung
auf das Recht. Das gilt nicht nur für die Zeichensprache an der
Börse, auch im Alltag und in der Wirtschaft generell regieren Spielregeln
das Geschehen. Beim Kleiderkauf zitiert niemand das BGB, es kann still
anprobiert werden und durch Nicken ein Kaufvertrag zustande kommen. Es
wird umgetauscht, ohne daß der Verkäufer nach bürgerlichem
Recht dazu verpflichtet wäre. Bei der Anlieferung von Losgrößen
wäre der Käufer rechtlich verpflichtet, jedes einzelne Stück
unverzüglich zu prüfen, doch das geschieht kaum, weil man darauf
vertraut, daß man bei späterer Mängelfeststellung noch
untereinander einig wird. Spielregeln sind das eigentliche Vertrauenskapital
in der Marktwirtschaft. Sie ergänzen den Rechtsrahmen, der nicht ausreicht,
damit Märkte funktionieren. Hauptmotiv für Usancen
ist ein reibungsloser Interessenausgleich. Wer eine Spielregel verletzt,
macht sich zum Ausscheidungskandidaten.
Nach Ziffer 3 in Teil 2 sind Märkte störanfällig.
Dafür gibt es zahlreiche Ursachen: logistische Engpässe, politische
Einflüsse, Rohstoffmangel, Panikkäufe usw. Es handelt sich also
um äußere und innere Faktoren, die zu Ungleichgewichten führen.
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es für sog. Premiumautos
lange Lieferfristen. Zwanzig Jahre später wurden diese Autos
mit Rabatten zum Sofortkauf angedient. Neben realwirtschaftlichen Gründen
spielen finanzielle und psychologische eine große Rolle bei Marktungleichgewichten.
Schon bloße Nachrichten können Märkte leerfegen oder zusammenbrechen
lassen. Solche großen Schwankungen sind ebenso unausräumbare
Systemmerkmale von Märkten wie die täglichen Verfehlungen optimalen
Ausgleichs. Denn Märkte organisieren Abstimmungsverfahren, die nicht
allein von den Teilnehmern bestimmt werden, sondern auch von externen Einflüssen
(vom Wetter bis zu Kriegsausbrüchen). Die Wirtschafts-, Finanzpolitik
usw. versucht, extreme Ausschläge abzumildern (wie gegenwärtig
während der Kreditkrise), doch ganz vermeiden lassen sich wirtschaftliche
Krisenlagen deshalb nicht, weil sie selten vorhersehbar und die Wucht der
einmal in Gang geratenen Kräfte eine Eigendynamik annimmt, die nur
in Grenzen noch steuerbar ist. An Konjunkturverläufen und extremen
Börsenausschlägen läßt sich das Phänomen eigendynamischer
Märkte gut studieren. Nicht allein das faktische Angebot und die
Faktische Nachfrage bewegen die Märkte, bedeutsamer sind die dahinterstehenden
Erwartungen (vgl. ›Wirtschaftskategorien‹, a.a.O., S. 53 f.). Selbst
in Krisenlagen sind Märkte die meist besseren Befriedigungsmechanismen
im Vergleich zu planwirtschaftlichen Eingriffen. Wenn beispielsweise Energie
›zu teuer‹ wird, bremst der höhere Preis die Nachfrage und beflügelt
die Anbieterkonkurrenz (unter bestimmten Voraussetzungen: kein Monopol,
keine Kartellierung usw.).
Nach Ziffer 4 in Teil 2 sind Asymmetrien auf Märkten
nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Ungleiche Marktpositionen
müssen freilich nicht notwendig zu Ungleichgewichtslagen führen,
d.h. verhindern, daß eine möglichst große Zahl von Tauschfällen
zustande kommt. Beispiel: Der Automarkt ist auf der Angebotsseite ein Oligopol
(wenige Anbieter), auf der Nachfrageseite ein Polypol (viele Käufer).
Die Anbieter können ihre Marktmacht deshalb nicht ganz ausspielen,
weil oligopolistische Konkurrenz zu den schärfsten Wettbewerbsformen
zählt. Erst ein Kartell (Absprache unter den Autokonzernen) würde
infolge von deren Marktmacht zu Abschöpfungspreisen führen. Aber
auch im täglichen Wirtschaftsleben sind ungleiche Marktpartner die
normalste Sache von der Welt, und zwar auf beiden Marktseiten. Ein Millionär
muß freilich für ein bestimmtes Hemd nicht mehr bezahlen als
ein Arbeitsloser, weil nämlich Tauschvorgänge auf Märkten
anonym ablaufen. Kein Käufer muß sein Einkommen oder Vermögen
offenlegen, wenn er ein Anzug ersteht. Asymmetrien sind auch deshalb
normal, weil die Marktteilnehmer unterschiedlich informiert sind und ein
spezifisches Verhalten zeigen. Wer sich auf Märkten besser auskennt,
heimst Vorteile ein. Wer sich antizyklilsch verhält, kann billiger
einkaufen. Beispiel: Die Nachfrage nach Autos ist im Frühjahr größer
als in den Wintermonaten; wer sich darauf einstellt, hat als Käufer
eine bessere Verhandlungsposition.
Nach Ziffer 5 in Teil 2 versagen Märkte in bestimmten
Fällen. Es muß allerdings zwischen Marktversagen und Meritorisierung
unterschieden werden.
»Marktversagen: Bei Gütern, deren Tausch, Wertfindung
und Allokation nicht über den Marktmechanismus regelbar sind, spricht
man von Marktversagen. Dies ist u.a. bei solchen Gütern der Fall,
die jedermann beanspruchen kann, ohne daß der individuelle Ge- und
Verbrauch direkt bezahlt werden muß. Es handelt sich also um Güter,
die durch die Prinzipien der Nicht-Ausschließbarkeit und des nichtkonkurrierenden
Konsums (Nicht-Rivalität) gekennzeichnet sind. Beispiel: Luft;
das Gut wird von jedermann begehrt, ist also kostbar und in guter Qualität
sogar knapp, hat aber dennoch keinen Preis, den die Verbraucher entrichten
müßten. Die Nutzung ist öffentlich, weil niemand ausgeschlossen
werden kann und keiner einen Atempreis zu zahlen hat. Daß ein kollektives
Zugangsrecht allein nicht ausreicht, um von Marktversagen zu sprechen,
beweist der Trinkwassermarkt: hier muß jeder Verbraucher einen Preis
entrichten, mit dem die Knappheit geregelt werden kann. Ebensowenig genügt
allein die Nicht-Rivalität, um dem Markt ein Versagen vorzuhalten:
Wenn sich einer Touristengruppe, die gegen Bezahlung durch ein Museum geführt
wird, zwei weitere Besucher anschließen, ohne einen Preis zu bezahlen,
muß weder ein zusätzliches Führungsangebot hinzugefügt
werden, noch erleiden die Zahler eine Nutzenminderung durch die Trittbrettfahrer.
In diesem Fall ist das Dienstleistungsgut nur quasi-öffentlich und
ein Mißbrauch durch Rahmenänderungen durchaus vermeidbar; es
liegt also kein Marktversagen, sondern lediglich ein vermeidbarer Marktrahmenfehler
vor. Öffentliche Güter, bei denen der Markt aus unvermeidbaren
Gründen versagt, sind äußerst rar: Rechtsprechung,
innere und äußere Sicherheit, Geldversorgung u.a. Zwar verlangt
die Justiz für ihre Dienstleistung Kostenersatz, es würde jedoch
ihre Unabhängigkeit tangieren, räumte man streitenden Parteien
das Recht ein, einen Richter bestellen zu können; bei einer Honorierung
über den Markt würden Bezahlungsinteressen und Wahrheitssuche
in Widerstreit geraten.«
Aus: ›Wirtschaftskategorien‹. a.a.O., S. 125 f.
Nach Ziffer 6 in Teil 2 sind Fälle von Meritorisierung
ebenfalls aufklärungsbedürftig:
»Meritorisierung: Damit bezeichnet man Güter,
die zwar von Privaten hergestellt und angeboten werden (können), bei
denen aber der Staat der Auffassung ist, dies geschehe bei gegebenen Marktverhältnissen
nicht ausreichend und/oder nicht zu ›sozialen‹ Preisen. Öffentliche
Hände meritorisieren (d.h. werten höher) solche Güter, die
sie für besonders wichtig und/oder für sozial sonst nicht genug
zugänglich halten. Der freie Marktpreis wird dann entweder durch Subventionen
korrigiert, oder aber der Staat selber betätigt sich als Hersteller
und Anbieter. Beispiel: das Studium an Hochschulen; für dieses teure
Bildungsgut müssen die Nachfrager an staatlichen Hochschulen keinen
Preis (Studiengebühren) bezahlen. Daß hier kein Marktversagen
vorliegt, läßt sich daran erkennen, daß private Hochschulen
kostendeckend arbeiten können. Meritorisierungen entspringen demnach
dem Werturteil des Meritors, der in den Marktmechanismus eingreift und
damit die Nachfrager- und Anbietersouveränität einschränkt:
denn an die Stelle von frei spielenden Marktpräferenzen setzt der
Staat seine ›politischen‹ Sozialpreise, deren Kosten er über Steuern
eintreiben muß. Da Markt- und Staatspräferenzen selten übereinstimmen,
ist bei jeder Meritorisierung eine Ressourcenvergeudung unvermeidlich.
›Politische‹ Korrekturpreise sind auch alle Fälle von Demeritorisierung,
d.h.
der Abwertung eines Gutes durch Besteuerung, die den Preis in die Höhe
treibt. Dadurch sollen z.B. der Tabak- und Alkoholkonsum niedrig gehalten
werden. Auch hierbei mißtrauen die politischen Akteure den privaten
Präferenzen (was in den beiden Fällen legitim ist, weil die Kosten
für die ›Reparatur‹ des privat zerstörten Gesundheitsgutes häufig
die Allgemeinheit mittragen muß). Das wirtschaftspolitische Instrument
der Meritorisierung wird aus wahltaktischen und weltanschaulichen Gründen
häufig mißbraucht; im Kern entspringt es den Wertvorstellungen
der politischen Führungskräfte, wobei auch die Wiederwahl
als begehrter Wert fungiert. Neben den wenigen unstreitigen Demeritorisierungsfällen
sind auch nur wenige meritorisierungswürdige Güter auszumachen,
so etwa beim kulturellen Erbe (historische Bausubstanzen, Künstlernachlässe
u.a.).«
Aus: ›Wirtschaftskategorien‹. a.a.O., S. 126 f.
© WALTHARI. Aus: www.walthari.com
17. März 2008
Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 2
Dabei werden nicht allein die fünf genannten positiven
Markteffekte gemindert. Mit jeder Marktschädigung geht ein politischer
Schaden einher, denn mit der Abschaffung oder Veränderung fairer Märkte
wird ein staatlicher Dirigismus (Planwirtschaft) erzwungen, dessen Geist
auch politische Freiheiten einschränkt, und zwar zwangsläufig.
Beispiel: Die drei Hauptantriebskräfte der Marktwirtschaft sind Wettbewerb,
Eigentum und Erwerbsstreben. Der marktwirtschaftliche Motor kommt in Gang,
wenn Unternehmer Arbeitnehmer und Verbraucher frei entscheiden können:
bei ihren Investitionen, Arbeitsplatzwahlen, Konsumgüterwahlen usw.
Sobald man in diese Wirtschaftsfreiheiten eingreift, werden automatisch
auch Grundrechte davon betroffen. Investitionshemmnisse z.B. berühren
die Gewährleistung der Eigentumsfreiheit (Art. 14 Grundgesetz), Berufswahlhindernisse
das Recht der freien Berufswahl (Art. 12 GG) und Konsumeingriffe das Recht
auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 GG). Funktionierende
Marktwirtschaften setzen also Freiheitsgarantien voraus, weit über
den bloß wirtschaftlichen Bereich hinaus. Freiheitsgarantien sind
aber das Kernstück jeder Demokratie, woraus sich ein zwingender Zusammenhang
zwischen Marktwirtschaft und Demokratie ergibt. Übergänge
von Plan- zu Marktwirtschaften waren auf Dauer nur erfolgreich, wenn der
Staatsdirigismus (meist im Gewande des Sozialismus) durch demokratische
Verhältnisse abgelöst werden konnte. Deutschland nach 1945 liefert
dafür ein gutes Beispiel. Der Parallelprozeß kann sich verzögern
(wie derzeit in China), doch ist nicht auf ihn zu verzichten, wenn Marktwirtschaften
die fünf genannten positiven Effekte zeitigen sollen. So wenig es
kleine Schwangerschaften gibt, so wenig läßt sich Freiheit ohne
Gesamtschaden einschränken. Einer der Gründe liegt darin, daß
das Steuerungs- und Entscheidungswissen an der Basis (beim Unternehmer,
Arbeitnehmer und Verbraucher) dem Lenkungs- und Zuordnungswissen kollektiver
Organe (Staat, Verbände usw.) in der Regel weit überlegen ist.
In polnischen Kaufhäusern zur Zeit des Kommunismus sah ich zwischen
meist leeren Regalen hohe Stapel von Filzpantoffeln, die niemand kaufen
wollte. Die zentrale Planbehörde in Warschau war sichtlich überfordert
vorauszusehen, welche Warengruppen eine Nachfrage finden werden. In
Planwirtschaften wird auf blinden Verdacht und nach politischem Willen
produziert und deshalb an den Verbraucherwünschen vorbei. Der
vom Markt aufgenötigten Flexibilität eines Unternehmers hat ein
staatliches Planbüro nichts entgegenzusetzen, außer gravierende
negative Effekte: Mangelwirtschaft und Freiheitsverluste.
Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum Marktwirtschaften
dennoch heftig attackiert werden (neoliberaler Kältebetrieb, Turbokapitalismus
usw.), muß sauber differenziert werden, Generell gilt: Nicht die
Märkte als Orte gewünschten Austauschs sind für Fehlleistungen
verantwortlich zu machen, sondern Menschen, die den freiheitlichen Tauschmechanismus
mißbrauchen.
Wenn ein betrunkener Fahrer mit dem Auto einen Unfall
verursacht, muß nicht das Auto schuld sein. Es kann daher als unredlich
bezeichnet werden, auf »die Märkte« einzudreschen, statt
auf die Marktteilnehmer zu achten. Denn faire und frei Märkte, hatten
wir gesagt, stellen ideale Austauschorte dar. Wer den Marktmechanismus
aufhebt, muß sich im Klaren darüber sein, daß er es mit
dem demokratischsten aller Verfahren zu tun hat. Die meisten Kritiker haben
sich den falschen Adressaten ausgesucht: Nicht der Marktmechanismus an
sich, vielmehr dessen Mißbrauch ist in der Tat zu kritisieren. Wenn
z.B. Managergehälter über’s Ziel hinausschießen, stimmt
etwas nicht unter den Menschen , die auf diesem Spezialmarkt agieren.
-
In Teil 1 habe ich das Idealmodell der Marktwirtschaft
beschrieben. In der Realität sind Märkte selten ganz frei
und noch seltener ganz fair. Bedenkt man, daß das dritte Apriori
(staatliche Rahmengebung) häufig planwirtschaftlich überzogen
wird, erhält man jenes Bild, das als Karikatur des Ideals zu sehen
ist. Kritik ist angebracht, doch sollte sie differenziert und adressatengerecht
ausfallen. Dieses Vorhaben, d.h. die Beschreibung der Marktrealität
auf der Hintergrundfolie der ›reinen‹ Marktwirtschaft, wie sie oben beschrieben
wurde, erweist sich als hochkomplex und uferlos. Ich will mich hier auf
einige Hauptlinien beschränkten, die ich unter folgende thesenhaften
Aussagen stelle:
-
Märkte sind sensible soziale Verhaltenskonstrukte
auf der Basis eines rechtlichen und Spielregelwerkes, das von Interessen
beherrscht wird.
-
Aufgrund des offenen und interessengeleiteten Verhaltens
der Teilnehmer sind Märkte (mehr noch als das Recht) störanfällig.
Ungleichgewichte (optimale Abstimmungsverfehlungen) resultieren aus innerem
Fehlverhalten und aus äußeren Einflüssen.
-
Asymmetrien infolge unterschiedlicher Informationslagen,
Machtpositionen, Verhaltensmuster u.a. sind auf Märkten nicht die
Ausnahme, sondern der Normalfall. Bei marktwirtschaftlichen Steuerungen
geht es in der Praxis demnach darum, die Asymmetrien mit ordnungspolitischen
Mitteln in der Nähe des Idealmodells zu halten. Die Politik beschreitet
statt dessen lieber den planwirtschaftlichen Weg, womit sie schon mittelfristig
die Ungleichgewichte noch verstärkt.
-
Der Marktmechanismus ist in bestimmten relativ wenigen
Fällen nicht geeignet, wirtschaftlichen Operationen befriedigend zu
steuern. Man spricht hierbei von Marktversagen. Beispiel: saubere
Luft. Jeder verbraucht sie (Prinzip der Nichtausschließbarkeit),
muß aber die Kosten für die Sauberhaltung nicht direkt
bezahlen (öffentliches Gut).
-
Die Fälle der Meritorisierung hingegen sind marktwirtschaftlich
zugänglich (vgl. unten).
© WALTHARI. Aus: www.walthari.com
21. Februar 2008
Schwere Glaubwürdigkeitskrise der Marktwirtschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Teil 1
Der sog. Zumwinkel-Skandal ist das lange herbeigesehnte
Sturzwasser auf die Mühlen der wachsenden Schar von Kritikern, die
›dem Markt‹ alle Probleme dieser Welt anlasten, vom Elend in den Entwicklungsländern
bis zur wachsenden Armut in Deutschland. Der böse Markt: In Wahrheit
ist er nichts anderes als eine Plattform für die Anstauwünsche
der Bürger, also eine von Menschen gewünschte Einrichtung, über
die sich schon Herodot lobend geäußert hatte. Drei Bedingungen
müssen erfüllt sein, damit er optimal funktioniert (vgl.
›Kategoriale Wirtschaftswissenschaft‹, 2 Bde., siebte Auflage, 2002; Näheres
unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal):
(1)
Er ist einzubetten in ein staatliches Rahmenwerk, das Fehlverhalten sanktioniert,
(2) er muß offen sein für jedermanns Eintritt und für Wettbewerb
und (3) er setzt Fairneßverhalten voraus, das der nichtstaatlichen
Spielregelebene angehört. Unter diesen drei Voraussetzungen
sind Märkte wohlstandssteigernd wie keine andere Wirtschaftsform sonst.
Und nicht weniger wichtig: Märkte sind die urdemokratischste Form
im menschlichen Verkehr, weil sie das Miteinander horizontal, also basisdemokratisch
organisieren, nicht vertikal mit oberen Besserwissern und Befehlshabern
wie in Planwirtschaften. Neben Wohlstand und gelebter Demokratie bewirken
Märkte – immer nur unter den drei genannten Aprioris – ein selbstverantwortliches
Verhalten der Teilnehmer, denn ein Güteraustausch kommt nur zustande,
wenn jeder Teilnehmer etwas zu bieten hat, das andere wollen und dafür
selber etwas Gewolltes bieten. Das heißt: Jeder Marktteilnehmer muß
dafür sorgen (durch eigene Arbeit), Güter herzustellen, die auf
der Wunschliste anderer Teilnehmer stehen. Damit kommt ein vierter Vorteil
von Marktwirtschaft ins Spiel: der ständige Blick auf potenzielle
Nachfrager, genauer gesagt: die Sorge um deren wirtschaftlichem Wohlergehen.
Schließlich ein fünfter nützlicher Effekt: der Blick auf
Mitbewerber, welche Beine machen und zur Ausschöpfung des eigenen
Potenzials anregen. Wettbewerb liegt im Programm der Evolution, ist
also auch der menschlichen Natur so gemäß wie Solidarität.
Gegen alle drei Voraussetzungen wird auch in Deutschland
massiv verstoßen. Rund die Hälfte aller Wirtschaftsströme
läuft über den Staat oder wird von ihm planwirtschaftlich befohlen
(so das Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch große Teile der
Medienwirtschaft in Gestalt der ARD und des ZDF). Kein Wunder, daß
die fünf erwünschten Effekte (Wohlstandsmehrung, demokratisches
Miteinander, Stärkung der Selbstverantwortung, Angebotssensibilität
und Wettbewerb) bei weitem nicht erreicht werden.
Beweisstücke für die wachsende Planwirtschaft
und damit Nutzenverfehlung gibt es zuhauf: Gesetzesflut, überbordende
Bürokratie, hohe Steuer- und Abgabenlast, Subventionismus, hohe Arbeitslosigkeit
usw. Schlimmer noch als die Aprioriverletzungen und Nutzenverfehlungen
sind die hämischen Verunglimpfungen durch Marktverächter. Sie
benehmen sich wie Till Eulenspiegel, der seine Großmutter die Treppe
hinunterstieß und ihr spöttisch nachgerufen hat: »Warum
läufst du denn so schnell?« Wer den apriorisch gebändigten
Märkten nichts Gutes zutraut, mißtraut damit der Urdemokratie,
die es schon gab (als Warenaustausch unter Gleichen), bevor überhaupt
staatliche Gebilde entstanden. In dieser Zeit sorgte das Fairneßprinzip,
d.h. die Spielregel, daß keiner den anderen übervorteilen darf,
für funktionierende Märkte. Bei Verstößen brechen
Märkte sofort zusammen, wie es Herodot in seinem Afrikabeispiel beschrieb.
Es gilt nämlich folgendes Axiom:
Staatliche Rahmenwerke genügen
nicht, auch nicht im Verbund mit offenem Zugang zu Märkten. Faireß
ist das unsubstituierbare Apriori für funktionierende Märkte.
Nichts kann die Spielregeln extra legem ersetzen, auch nicht eine
sog. Verschärfung der Gesetze. Genau diesem Irrtum unterliegt derzeit
die politische Klasse. Und genau darin besteht der schwere Schaden, den
Manager und Politiker verursachen, wenn sie sich mit Dotierungen selber
maßlos bedienen. Im sog. Zumwinkelskandal wirken nicht Gesetzesverstöße
am verheerendsten, es sind Spielregelverstöße, darunter das
fehlende Augenmaß, das den tiefen Schaden anrichtet. Unter Millionen
Menschen bricht das Vertrauen in die Wirtschaftselite weg, angefeuert vom
wachsenden Heer der Marktverächter, die im sog. demokratischen Sozialismus
und im grünen Ökologismus ihre planwirtschaftlichen Heimstätten
gefunden haben.
© WALTHARI. Aus: www.walthari.com
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