| 16. Juli 2008
Ökonomische Kaffeesatzleserei
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Die Stunde der öffentlichen Blamage ist gekommen
und mit ihr die bekannten Camouflage-Übungen der Deutungsmeister in
den Medien und bei der Finanzberatung.
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Die vierte Welle der Finanzkrise rollte gerade heran und
blamiert jene, die nach der zweiten und dritten Pleitewelle das Ende der
Krise verkündet hatten – nicht ohne Eigennutz, denn man will ja weiter
Finanzgeschäfte mit gutgläubigen Anlegern machen.
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Analysten hatten für die Jahresmitte 2008 Börsenhochs
verkündet und sehen derzeit die Indizes beim Absturz. Ich spreche
nicht von windigen ›Finanzexperten‹, sondern von angesehenen Fachleuten.
Wie verwirrt sie sind, kann man im Finanzteil eines sog. Qualitätsblattes
vom 16. Juli 2008 lesen. Auf Seite 21 war stand: ›Jetzt einsteigen am Aktienmarkt?‹
Auf der Rückseite lautete die Überschrift: ›Die Baisse hat gerade
erst begannen.‹ Das ›Handelsblatt‹ ließ sich am 5. Mai 2008 zu der
Prognose hinreißen: ›Die Bären sind auf dem Rückzug.‹ Vielleicht
sollten sich die Bärenvisionäre vom Geschäft zurückziehen.
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Seit Monaten verbreiten Wirtschaftsexperten die Mär,
die deutsche Wirtschaft sei robust genug, um die Finanzkrise schadlos zu
überstehen. Nun beginnt gerade der Export einzubrechen, weil infolge
der US-Finanzkrise der Dollar inflationiert und gegenüber dem Euro
an Wert so stark verloren hat, daß die deutsche Exportwirtschaft
gerade einbricht. Ohne ideologische Scheuklappen konnte man diese Entwicklung
schon lange erkennen.
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Staatsschulden: »Unser funktionierender Staat steht
auf dem Spiel«, ließ sich der BW-MP Günther Oettinger
am 7. Juli 2008 vernehmen, wenn nicht die Staatsschulden abgebaut würden.
Man staunt nicht wenig über die Späteinsicht und über den
Sprachgebrauch. Nicht der Staat, sondern der Parteienstaat steht auf dem
Spiel, wenn eines Tages die öffentliche Hand zahlungsunfähig
wird. Es geht also nicht um die Gefährdung der Demokratie, sondern
um die Gefährdung von Parteienmacht, die den Bürger weitgehend
entmündigt hat (keine Abstimmung über den Lissabon-Vertrag u.v.a.m.).
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Die Währungshüter suchen die Finanzkrise durch
Geldvermehrung und damit inflationär zu sanieren, was zu gigantischen
Einkommens- und Vermögensverlusten führt. Die Medien und
die Politik feiern diese ›Löscharbeiten‹ auf Kosten des Bürgers
als Großtat. Kaum jemand durchschaut den ökonomischen Mechanismus.
Dazu: 1997 führte ein Gesetz in den USA die Steuerfreiheit von Wertgewinnen
aus Immobiliengeschäften ein. Daraufhin kauften Millionen Amerikaner
Häuser auf Kredit in der Hoffnung, die Schulden mit den Wertsteigerungsgewinnen
alsbald abtragen zu können. Die Immobilienblase wurde dazu durch billige
Kredite geschürt, so daß sich das System von innen her aufschaukelte.
Nach der Wealth Creation Theory war so Reichtum für viele zu schaffen.
Als die finanziellen Luftgeschäfte auf den Prüfstand der Realwirtschaft
gestellt, d.h. eine massenhafte Realisierung der Buchgewinne versucht wurde,
stürzten die Immobilienpreise ab und vernichteten die Scheingewinne.
Der Ausgang ist bekannt: Häuser wurden massenhaft versteigert, Banken
gingen Pleite usw. Ganze Heerscharen von Finanzexperten gingen dem Risk-Management-System
auf den Leim und stehen nun wie Könige ohne Kleider (und Jobs) da.
In kaum einem anderen Beschäftigungssegment tummeln
sich so viele Kaffeesatzleser und Irrläufer wie in der Finanzwirtschaft.
Es wird wild spekuliert und dem Publikum schamlos vieles vorgegaukelt.
Wie kann man z.B. bei der absehbaren Krise der Weltkonjunktur neue Börsenhochs
›in Bälde‹ vorhersagen? Die sog. Zwischenhochs sind die Lockspeise,
mit der man das Publikum bei Laune halten kann.
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