Glossen II
24. März 2012
Instrumentalisierte Geschichtsdeutungen:
Nun soll auch die Türkei am
Holocaust der Nazis mitschuldig sein. In Frankreich meldet sich eine Stimme
(die FAZ nennt sie »Scharfmacher«) mit der Behauptung: »Ohne den
Armenier-Genozid hätte es die Schoa nicht gegeben.« Hitler habe sein Vorgehen
gegen die Juden auch damit begründet, »daß sich niemand mehr an die
Armenier-Massaker erinnert«. »Nur Druck von außen bringt Resultate«, so auch
nach 1945 gegenüber den Deutschen: »Die Amerikaner, Engländer und Franzosen
mußten Deutschland erst umerziehen, damit sie den Holocaust anerkennen.«
Wirklich? Und ausgerechnet die drei Siegermächte, die den Völkermord an den
Indianern (USA) und die Kolonialverbrechen (England und Frankreich) bis heute
nur halbherzig aufgearbeitet haben, sollen gute Umerzieher gewesen sein? Für
Deutsche sind solche Rückfragen keineswegs bedeutungslos, es tobt nämlich immer noch ein erbitterter Kampf um historische
Deutungshoheiten. Sieger schreiben nicht für alle Zeiten die Geschichte.
Austriazistischer Gentleman: Er sei »ziemlich witzig, zynisch und mit allen
Wassern gewaschen«, beschreibt der österreichische Literat Franz Schuh einen
Landsmann-Typ, der als ›Herr Karl‹ in die Literaturgeschichte eingegangen ist.
Der Alpengentleman halte die Welt für unverbesserlich und passe sich deshalb
geschmeidig an. Nur der ›Herr Karl‹?
Deutscher Opernsegen: Hierzulande
gibt es fast so viele Opernhäuser wie in den restlichen Ländern der Welt. Wer
im Ausland als Sänger oder Sängerin auftritt, hat ausnahmslos eine Schleife
durch Deutschland genommen. Bayreuth gehört zum nationalen Mythos.
Wer zu spät kommt, den…: Nach
mehr als zwei Jahren setzt sich in den deutschen Medien eine deutliche Sprache
über das Euroabenteuer durch: die Bundesbank als Bad Bank, die Südländer mit
»Club-Med-Notenbanken«, »tonnenweise Giftmüll« in den Tressoren der Buba usw.
Zu spät, wie am Handeln der Bundesregierung und des Bundestages abzulesen ist.
EZB-Bilanz: Anstelle alberner
Talkshows sollte man einen Fernsehabend reservieren, um die aktuelle Seite 6 im
statistischen Teil der EZB-Monatsberichte von Fachleuten erläutern zu lassen.
Wut- und Ohnmachtsanfälle wären bundesweit sicher. Die Geldschwemme der EZB geht
in die Billionen und wird von den sog. Südbanken extensiv genutzt. Italienische
Banken haben rd. 300 Milliarden Euro billigst abgerufen (Leihzins unter einem
Prozent), nicht so sehr um die Unternehmen zu finanzieren, sondern um im
Interbankenverkehr zu bestehen, da ihnen die sog. Nordbanken mißtrauen. Sie
kaufen mit dem billigen Geld auch Staatsanleihen, für deren Sicherung sie kein
Kapital vorhalten müssen (Nullgewichtung im EZB-Jargon). »Auf diesem Weg
stabilisiert die EZB die Staatsanleihenmärkte Italiens und Spaniens, ohne ihre
Käufe dieser Titel ausweiten zu müssen. Zugleich verschafft sie den Banken
dieser Länder subventionierte Zinserträge« (Markus Frühauf). Wann endlich legt man diesem
betrugsverdächtigen Treiben der EZB das Draghi-Handwerk? ©Univ.-Prof.
Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
------------------------------------------------------------------------------------------------- 20. März 2012
Schäuble verhöhnt Steuerzahler: »Er sollte aufhören, den Steuerzahler zu verhöhnen und nicht länger so
tun, als koste seine Retterei kein Geld«, schreibt die FAZ (Nr. 61/012, S.
11) und findet endlich so starke Worte wie in diesem Walthari-Portal schon
lange: » Schäuble - eine Gefahr für Deutschland?«, konnte man vor Monaten hier
lesen.
Massenschlächter Napoleon: Das Rußlandabenteuer (von
1812 – 1814) war dem Kaiser der Franzosen rund eine Million Menschenleben wert.
Als die Sache verloren war, floh er und ließ seine »Feiglinge« zurück, wie in
Waterloo, wo er ebenfalls, als die Schlacht absehbar verloren war, noch 100.000 (einhunderttausend) Soldaten militärisch
sinnlos opferte, bevor er sich aus dem Staub machte. In Frankreich ist er bis
heute… Man faßt es nicht.
Die Systemfrage stellt dieses Walthari-Portal schon lange, nun auch die
ersten Großmedien.
Idolatrischer Masochismus: Mit Lust und Quotensucht
feiert man im Sport, in der Wirtschaft und im Schaugeschäft die Stars, um sich
danach erschrocken zu zeigen, wenn diese sich störende Freiheiten herausnehmen
und unanständig hohe Einkommen erzielen. Rennfahrer, Wirtschaftsbosse,
Sportidole und Showmaster kassieren zweistellige Millionenbeträge jährlich und
lösen Empörung in der Gesellschaft aus, deren soziale Solidarität ohnehin harten Proben ausgesetzt ist.
Das verkaufte Ich. Drei dramatische
Epochenbrüche laufen seit Jahren geräuschlos ab: die globale Finanzindustrie,
die bürgerliche Entrechtung durch die Parteienstaaten und die personalisierten
Zugriffe der Suchmaschinen. Die zuletzt genannte Machtergreifung ergänzt die
beiden anderen und wird zum fremdgesteuerten Ich führen, das sich zuvor
leichtfertig verkauft hat: in den sozialen Netzen und mit jeder Suche im Internet
(nach Bahnverbindungen, Büchern usw.). Jedes
Einklinken ins Netz wird von den global agierenden Suchmaschinen abgefangen, um
daraus Personalprofile zu erstellen, die zu Werbezwecken (und später auch zu
mehr) mißbraucht werden. Irgendwann übermannt das Spiegel-Ich das lebende
Ich und raubt ihm seine Identität.
Medienmacht und
Politik: Die Causa Wulff hat wieder einmal gezeigt, wer
der erste Herr im republikanischen Hause ist: die Großmedien, die mit Kampagnen jeden Bürger öffentlich steinigen
können. Der zweite Herr ist die Politik. Auf die Frage, wie sie den Einfluß
der Politik auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beurteile, antwortete die derzeitige
SPD-Schatzmeisterin, das sei » nicht schlimm, das Bundesverfassungsgericht hat
es als richtig beschrieben…« Das Netz funktioniert
bis in die Spitze der Justiz.
Geschlechterkampf: »Männer und Frauen sind nicht füreinander
geschaffen«, liest man ganzseitig wohlwollend in der NZZ (Nr. 21/2012, S. 14) und
vernimmt einen unsäglichen Trendton in Alphornstärke.
Leugnung holocaustischer Verbrechen: Die Rechtslage ist
verwirrend. In Frankreich bleibt die Leugnung des Genozids an den Armeniern
unbestraft, die Holocaustleugnung bleibt aber als »Sonderfall« strafbar. Haben Völkermorde verschiedenes rechtliches
Gewicht, je nachdem, um welche Völker es sich handelt und wo sie geschehen
sind? Auf diese gespaltene Rechtslage trifft man in Frankreich und
Deutschland. In Großbritannien, Italien und Spanien hingegen zählt man das
Leugnen zur verfassungsrechtlich geschützten Meinungsfreiheit. Man kann sich
dabei auf Artikel 19 des Internationalen Pakts über zivile und politische
Rechte berufen, der auf der 102. Tagung des UN-Menschenrechtsausschusses 2011
beschlossen wurde und das Bestrafen irriger
historischer Äußerungen verbietet. Auch Historiker und Rechtsphilosophen
halten strafbewehrte Geschichtsinterpretationen, mögen diese noch so absurd
sein, für falsch. Mit Leugnungsverboten zieren sich diktatorische Staaten etwa
in der islamischen Welt. Sobald der Staat sich anheischt, Gesinnungen zu
erforschen und zu bestrafen, will er indirekt Anerkennung erzwingen, was nichts
weniger als ein Eingriff in das
persönliche Bewußtsein und damit eine Freiheitsbeschränkung bedeutet. »Vor diesem Hintergrund ist es abwegig, dem einzelnen Bürger
zwangsrechtlich vorzuschreiben, welche Meinung zu dieser Wirrnis aus
Jurisprudenz, Geschichte und Politik ihm erlaubt und welche bei Strafe verboten
sei. Das wird nicht besser, wenn ihm das Ergebnis seines Räsonnements per Parlamentsbeschluss
aufgenötigt wird« (Reinhard Merkel, Strafrechtler und Rechtsphilosoph an
der Universität Hamburg, in: FAZ Nr. 22/2012, S. 8). ©Univ.-Prof.
Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
1. Februar 2012
Gefährliches Kauder-Welsch
Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Deutschen Bundestag,
Volker Kauder, belehrte Ende 2011 seine Parlamentskollegen: Europa sei
deutscher geworden. Ließ schon diese politisch unkluge Aussage halb
Europa die Ohren spitzen, so steigerte Kauder dieser Tage seine politische
Unklugheit mit der Anregung, die EU möge doch einen Überwachungskommisar
nach Griechenland schicken, um dort die Reformmaßnahmen zu begleiten.
Das schreckte nun ganz Europa (auch weiterdenkende Deutsche) auf und bescherte
der Bundeskanzlerin auf dem jüngsten Brüssel-Gipfel gehörige
Schelte.
Mit dem Kauder-Welsch hat der Unionsmann einen historischen
Resonanzboden zum Schwingen gebracht: Da marschieren sie wieder, die verrückten
Deutschen, diesmal nicht militärisch, sondern staatskommisarisch.
Man sollte Kauder durch ein kaudinisches Joch laufen lassen.
Die Bewohner der Stadt Caudium (Italien) demütigten im 4. Jh. v. Chr.
römische Soldaten, indem sie…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer.
Aus: www.walthari.com
6. Dezember 2011
Altkanzler Schmidt als bedauernswerte Ikone
Er läßt sich gerne herumreichen, in Talkshows,
auf Symposien und zuletzt auf dem SPD-Parteitag in Berlin. In seinem Alter
(92) wäre das rundum bewundernswert, wären da nicht die grellen
Selbstwidersprüche in seinen staatsmännisch vorgetragenen Aussagen.
Schmidt am 4. Juni 1987: Die europäische Währungsunion werde
sich als »große Strategie zur Integration Europas« erweisen.
Dagegen
wirkt der Euro als Spalter Europas. Schmidt am 4. Dezember 2011: Er
trug die Vision von einem einigen Europa als einem »dynamisch sich
entwickelnden Verbundes« vor wie er (der Verbund) »in der Menschheitsgeschichte
kein Vorbild« habe. Erinnert sei an Schmidts eigene Verbalschleuder:
Wer Visionen habe, solle zum Psychiater gehen. Schmidt warb am 4. Dezember
2011 auch für eine europäische Transferunion und beklagt gleichzeitig
den »Abbau der Demokratie«.
Eine Transferunion ist demokratisch
nicht legitimiert (bei einer Volksabstimmung würde sie mit Sicherheit
nicht nur in Deutschland abgeschmettert). Schmidt beim gleichen Parteitag:
Deutschland möge sich im Interesse der europäischen Einigung
verschulden. Gleichzeitig gibt der Altkanzler den Staatsverschuldungen
die Hauptschuld für die Eurokrise. Schmidt: Griechenland solle
man mitfühlend retten. Mitgefühl gibt es nur unter Menschen,
nicht unter Staaten, schon gar nicht im Falle Griechenlands, das hauptsächlich
auf deutsche Kosten über Jahrzehnte gut lebte und die Spender dennoch
verunglimpft.
Schmidt, Schmidt in vielen Sackgassen. Auch dieser politische
Altprofi will sein ›Lebenswerk‹ durch zweifelhafte Auftritte retten. Nicht
nur die Genossen, auch die meisten Medien…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
Interpretationen
Tagebuchnotizen
|