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Gallische Treibjagd auf den deutschen Michel Attalien Ihr seid das China Europas! Ein Störenfried auf der ganzen Linie. Deutscher Michel (DM) Wie das? Regt sich mal wieder die gallische Unruhe mit wöchentlich was Neuem? Sarkozysmus nennt man das wohl. Attalien Euch muß man eben antreiben und ständig überwachen. Gerade tantzt ihr mal wieder aus der Reihe. DM Wer tanzt, kann so lahm nicht sein. Sie spielen auf eine Angst der deutschen politischen Klasse an: um Himmelswillen keine Sonderrolle, koste es, was es wolle. Der höchste Preis war die Preisgabe der D-Mark. Attalien Solche Sonderrollen wollt ihr gerade wieder spielen. Erstens mit eurer hohen Sparquote, woraus sich eine zu niedrige Inhaltnachfrage ergibt. DM Als ob Sparen nicht eine Tugend wäre! Attalien Deutscher Michel, begreif doch! In Zeiten der Konjunkturschwäche ist Sparen eine Untugend. DM Als Altersvorsorge aber eine veritable Tugend, nicht wahr? Attalien Ach was! Zweitens treibt ihr mit euren Exportüberschüssen Dutzende Länder in die Verschuldung, weil diese mehr importieren als exportieren. DM Und warum? Wer wird gezwungen, deutsche Waren zu kaufen? Attalien Indirekt schon, denn ihr betreibt Lohndumping. Eure Löhne sind zu niedrig und daher eure Exportwaren zu billig. DM Unsere Löhne gehören zu den höchsten der Welt! Und dennoch kauft man gerne deutsche Waren. Haben Sie sich mal gefragt, warum? Attalien Weil ihr zu billig anbietet. DM Ein Märchen. In Wahrheit sind deutsche Waren teuer und werden dennoch gekauft, weil sie meist besser sind als Konkurrenzprodukte. Attalien Das mag ja sein, aber… DM Verzeihung, es ist so, nachweislich. Attalien Nur mit stark steigenden Löhnen läßt sich nun mal euer Export wirksam bremsen. Außerdem beflügeln hohe Einkommen die Inlandsnachfrage und damit die Importe. Kapierst du das überhaupt? DM Nach diesem Rezept verfahren Frankreich und viele andere Länder und sind prompt in die Schuldenfalle geraten. Ökonomisch heißt das nämlich, man lebt über seine Verhältnisse, weil man mehr Geld ausgibt, als man sich leisten könnte. Also kauft man auf Pump und verlangt höhere Löhne. Inlandsprodukte werden gegenüber importierten Waren dann weniger konkurrenzfähig. Können Sie mir folgen? Attalien Es hilft alles nichts. So kann es nicht weitergehen. Ihr sitzt nun mal auf der Anklagebank. DM Wo man uns seit Jahrzehnten gerne sieht. Wir haben uns schwächer zu machen um des lieben Friedens willen. Auf diese Art wurde die Mark geopfert und auch ansonsten uns viele Fesseln angelegt. Jetzt mutet man uns zu, im Export nicht mehr zu tüchtig zu sein. Weil das Spiel ewig so weitergehen soll, hat man schon vor Jahren vorgeschlagen, jedes neugeborene deutsche Baby gleich nach der Geburt anatomisch so zurechtzustutzen, daß kein Tüchtigkeitsvorsprung mehr möglich ist. Attalien Bösartig, was du da sagst. Paßt zu deiner Tölpelhaftigkeit. DM Die habt ihr weidlich ausgenutzt. Denk ich an die EU in der Nacht, werde ich um den Schlaf gebracht. Ihr verlangt eine europäische Wirtschaftsregierung, die selbstverständlich von den Franzosen beherrscht sein würde. Irgendwie muß man die Deutschen enger an die Leine legen, denken eure Eliten. Einer ihrer Kritiker ließ dieser Tage die gallische Katze aus dem Sack: »Im Volk gibt es längst keine Ressentiments mehr. Aber in den Fusionsgelüsten der Eliten steckt sehr wohl auch der Wunsch, Deutschland zum Verschwinden zu bringen.« Attalien So verleumderisch denkt man vielleicht in Berlin. DM Emmanuel Todd schrieb es, ein Landsmann von Ihnen. Attalien Verschwinden sollt ihr nicht, aber überwachen muß man euch schon. Das rät uns die Geschichte. DM Wo doch die Franzosen doppelt so viele Kriege geführt haben als die Deutschen, diejenigen nach 1945 nicht einmal mitgerechnet. Attalien Eure Kriege waren dafür um so verheerender. DM Jetzt gleich noch die Nazikeule. Als ob wir uns nicht über Jahrzehnte reumütig und höchst dotierungswillig gezeigt hätten – im Gegensatz zur Grande Nation, die sich spät und bis heute nur halbherzig zu Vichy und ihren Kolonialverbrechen bekannt hat. Attalien Ungeheuerlich! Mit solchen Einwänden gefährdest du die deutsch-französische Freundschaft! Aufrechnen bringt uns übrigens nicht weiter. DM Euer Dominanzstreben aber auch nicht. Fast sämtliche EU-Institutionen liegen in der französischen Einflußzone. Erst bestandet ihr auf der Abschaffung unserer guten Währung, jetzt sollen wir uns ökonomisch weiter unterwerfen. Haben Sie mal überlegt, wohin das letztlich führt? Was lehrt dazu die Geschichte? Attalien Ich sehe schon, du magst Frankreich nicht. Du haßt es. DM Im Gegenteil, ich liebe es, allerdings nicht eure präpotenten Eliten. Ich bin frankophil erzogen und bewundere eure Kultur, besonders die Literatur. Monsieur Dupont ist mein lieber Nachbar im europäischen Geiste, nicht aber die ENA-Arroganzler. Attalien Auf sie sind wir aber mächtig stolz. DM Ich weiß, ich weiß, wir erleben es ja jeden Tag. Machen wir Schluß. Monsieur, ich überlasse Ihnen das letzte Wort – um des lieben Friedens willen. Attalien …
8. März 2010 Falsche Propheten 4: Blender Der größte private Konkursfall in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands wurde von einem Blender herbeigeführt. Dem Immobilienhändler aus Frankfurt sollen, nach übereinstimmenden Berichten, alle wichtigen Instrumente einer gut sortierten Hochstapelei zur Verfügung gestanden haben: schneidiges Auftreten, gutes Aussehen, gewinnende Leutseligkeit, Weltläufigkeit, Pokertechniken, Wohltäterimage, Vernetzungswissen, Bonitätsfacing u.v.a. Der Konkurs ist nur in seiner Größenordnung (mehrere Mrd. Mark) ein Sonderfall. Als Skandaltyp hingegen ist er symptomatisch für ein durchaus verbreitetes Phänomen in der Nachmoderne. Blender haben nämlich Konjunktur, nicht nur in bestimmten Wirtschaftszweigen, sondern in allen. Was in der Politik, beim Militär sowie im Mode-, Werbe- und Schaugeschäft seit je gang und gäbe ist, hat alle gesellschaftlichen Bereiche erfaßt, die Wissenschaft und besonders die Medien. Nach Carl von Clausewitz sind Geistesgegenwart, List,
Überraschung und Täuschung des Gegners wichtige Mittel der Kriegskunst(1);
er hat damit nur festgehalten, was seit der griechischen Antike zum festen,
vielfach bewunderten Charakterinventar vieler Feldherren, Politiker und
Wirtschaftsführer gehört. Nicht nur beim Publikum und in den
Medien, auch in Entscheiderkreisen finden Blender bereitwillig Gnade, ja
nicht selten Bewunderung, wenn sie zweierlei vorweisen können: überdurchschnittlichen
Erfolg und interessante Eigenschaften.(2) Wer
an dieser Feststellung zweifelt, braucht sich nur in Wirtschaft und Politik
genauer umzusehen: Blendtechniken sind geläufig und werden in nicht
wenigen Rhetorik-, Dialektik- und Persönlichkeitsseminaren ausgiebig
trainiert. Sophistische Wortkünste haben seit der Antike Tradition
und leben in Verkäuferschulungen ebenso weiter wie in ausgetüftelten
Argumentationsanleitungen politischer Parteien für ihre Mitglieder.
Das alles gehört zum alltäglichen Blenderwerk.
Die Blendkultur ist in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft kein Randphänomen. Zur geschickten Selbstdarstellung bei Binnen- und Außenpräsentationen rechnet die frisierte Fassade; sie ist geradezu zur zweiten Natur geworden. Es gehört zum Überlebensgesetz der überdrehten Kommunikations- und Wettbewerbsgesellschaft, aufzufallen um jeden Preis, um Erfolg zu haben. Um jeden Preis, d.h. notfalls auch unter Preisgabe verantwortbarer Identität und Wahrheit. Dem auf Wirkung bedachten Personen-, Betriebs- und Verbandsimage wohnen daher aufgesetzte »Schönungen« ganz selbstverständlich inne. Verhaltene Solidität steht vielfach im Ruf von Biederkeit. Gestylte Ego-Darbietungen haben allgemein einen höheren Kurswert als bedächtiges Wirken. Nur so wird verständlich, warum professionelle Bonitätsprüfer den Blendkünstlern so leicht auf den Leim gehen; warum auf wissenschaftlichen Kongressen und betrieblichen Weiterbildungstagungen die Schau-Rhetoriker mehr Beifall finden als die soliden Bohrer dicker Bretter. Blend-Werke schmeicheln eben dem Zeitgeist und wickeln ihn ein; deshalb kommen Blender immer wieder blendend an. (1) Clausewitz, C.v.: Vom Kriege, Stuttgart 1980, S. 69 ff.
Aus: Wege und Irrwege, 7. Auflage, Münchweiler
1999.
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