Sonderdruck 2008
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Leseprobe
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| 20. Oktober 2007
EINE RELIGIONSPHILOSOPHISCHE ANFRAGE Sehr geehrter Robert Spaemann, die gewiß zu grobe Skizze, die Sie als Anlage zu diesem Schreiben
finden, könnte man zunächst, ganz im Sinne Hegels, religionsphilosophisch
so verstehen, dass es genügt, »die Vernunft der Religion zu
zeigen«. Kant hatte bekanntlich gefordert, daß es in aufgeklärten
Zeiten der Philosophie erlaubt sein müsse, den »Ursprüngen
(der Religion) mit kritischer Bedenklichkeit nachzuspüren«,
da nur dasjenige »unverstellte Achtung« beanspruchen könne,
was »ihre (der Vernunft) freie und öffentliche Prüfung...
aushalten« kann (KrV, XI, Anmerkung). Doch fehlt es nicht mehr, so
scheint es mir nach über zweihundert Jahren scharfer Religionskritik,
an harten Prüfungen. Religionskritische Schriften füllen ganze
Bibliotheken und halten übergekippte Spätaufklärer mit historischen
Zitaten bei kritischer Laune: Religion sei nichts weiter als »Schwärmerei«
(d’Holbach) oder eine entlastende »universelle Zwangsneurose«
(Freud). Die intellektuelle Gegenwehr war schwach und kam mit der psychoanalytischen
Deutungshoheit über Dichtung und Religion, sogar das Strafrecht nicht
ausgenommen, ins klägliche Hintertreffen. Die kirchlich-dogmatische
und auch die theologische Gegenrede bot kein angemessenes Argumentenarsenal,
um im intellektuellen Meinungsbetrieb für Gegenunruhe zu sorgen. Die
Probe ist handkehrum anzustellen: Jeder halbwegs Gebildete hat mehrere
religionskritische Zitate bei der Hand, aber kaum eines aus dem Widerlager.
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