Walthari


Literaturbriefe


 
10. März 2008 

Poetische Wissens- und Erfahrungsnot

Lieber Norbert Niemann,

in einer großen Tageszeitung las ich Ihre Antwort auf die Frage: Meidet unsere Literatur die Wirklichkeit? Ein Literaturkritiker hatte diese Frage aufgeworfen und von einer »Kapitulation vor der Wirklichkeit« gesprochen. Zum Beweis führte er exemplarisch eine kleine Schrift von Norbert Gstrein an (›Selbstportrait mit einer Toten‹, Frankfurt/M. 2000). Darin spinnt sich ein Schriftsteller wie in einem Kokon ein und verweigert sich der Welt. Allmählich geschieht, was vorauszusehen war: Der Narziß verliert nicht allein die Welt, sondern auch sich selber, weil er nicht verstanden hat, daß Welt und schreibendes Ich die beiden Seiten der gleichen Literaturmünze sind. 

Daß Literaten an dieser dialektischen Grundhaltung verzweifeln können, hat mehr mit der Welt als mit ihrem poetischen Ich zu tun – so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Die wabernde Nachmoderne überfordert die Wahrnehmung der Menschen, nicht allein mengenmäßig, noch mehr, was die Einordnung und Orientierung betrifft. Täglich rollen gigantische Infowellen über uns hinweg. Allein das Internet hat sich zu einem riesigen Nachrichten- und Speicherplatz entwickelt, den niemand mehr überblicken, geschweige denn ausschöpfen kann. 

Aber die Lage ist noch weit schlimmer. Nimmt sich schon die Überfülle an Wissen als chaotischer Ansturm aus, so steigert sich die Ohnmacht des Wahrnehmens dadurch, daß der Infokern laienimmun geworden ist. Man muß nämlich Wissenschaftler sein, um die informationellen Leitsegmente verstehen zu können. Oberhalb des info-tsunamischen Boulevards regiert der kalte, hochartifizielle Intellekt. Das läßt sich leicht überprüfen: Man besuche eine Universitätsbibliothek und nehme irgendeine Zeitschrift der vielen Fachdisziplinen in die Hand. Verständlich zumeist nur für fachinternes Personal. Obschon in den Wissenschaften die entscheidenden Erkenntnisse für den Zustand und Fortgang der Welt gewonnen werden, sind sie für die Allgemeinheit kaum mehr zugänglich. Eine Provokation für jedes demokratische Gemeinwesen, erst recht für jeden Literaten.

Wer wissen will, warum es mit der Welt so weit gekommen ist, wie sie sich darstellt, muß also heutzutage wissenschaftliche Codes lesen können. Aus ihnen werden die Verhältnisse von morgen geboren. Was diese Preßlage für Schriftsteller bedeutet, liegt auf der Hand. Die Wirklichkeit ist ihnen in der Tat weitgehend entglitten, zutiefst fremd und unheimlich geworden. Die Schlüssel zu ihr liegen auf hoher wissenschaftlicher Kante... 
©WALTHARI® – Aus: www.walthari.com 

Der Volltext dieses Literaturbriefes wird in WALTHARI-Heft 50 erscheinen, das im Mai 2008 herauskommt. 
 
 
 



Fragmentarischer Literaturbrief 
Bellarmin an Hyperion im Jahr des... 

... Dich, Sohn der Gaia und des Uranus, der Erde und des Himmels also. Titan durch alle Zeiten und uns Sterblichen eine Versuchung. Doch Dein Name macht mich unsicher: ein Patronymikon? Dann wärst Du ein Sohn des Hyperos , des Himmels. Oder der Sonnengott selber, wie es Homer im neunzehnten Gesang der ›Ilias‹ vermutet? In Hesiods ›Theogonie‹ bist Du gar der Vater des Helios, der auf Delos, der Insel des Sonnengottes, mit einer Mission beauftragt wird:  »... mir war, als trügen uns die Morgenwinde mit sich fort«, erfüllt mit dem Geist und der Kraft des Gottes. 
Vier Versionen zur Auswahl. Was ich sicher weiß: Du bist ein Grieche, kennst Deinen Hesiod und die sprachlich falsche Herleitung Deines und meines Namens: ienai läßt sich nicht ion überführen, und in Bellarmin darf sich nicht der Urdeutsche Arminius verborgen halten. Bellarmin – schöner Deutscher? Leitkulturell-verächtlich geht das nicht. ... arma (Waffen) und bellum (Krieg). Wortwurzeln, die schon Kardinal Robert Bellarmin, den wortbewaffneten römischen Gegenreformator (1542-1621), schaudern ließen. 
Doch Geburtsnamen erhält man wie das Leben – ungefragt.
»So kam ich unter die Deutschen.« Du beginnst Deinen berühmten Scheltbrief mit diesem Satz, der mich mitten ins Herz trifft: »Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Ödipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten - 
Wie anders ging es mir!«
Du, Hyperion besuchtest die Deutschen – welch eine...
»Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.«
Beim Barte Homers, was hat Dich...
»Es ist ein hartes Wort und dennoch sag’ ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?«
Diese Philippika sollte man, meinst Du, zu Beginn einer jeden... feierlich verkünden. Und im Refrain murmeln lassen:
- »tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls«,
- »dumpf und harmonielos, wie Scherben eines weggeworfenen Gefäßes«,
- »Handwerker..., aber keine Menschen«,
- »ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen«.
Und als wäre soviel schmerzliche Selbsterkenntnis, Trauer also, nicht genug, stichst Du nach: 
»Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. – Die Tugenden der Alten sei’n glänzende Fehler, sagt’ einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! der verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.«

Steht es wirklich so schlimm um Deutschland?
Du nennst mich eine »reine freie Seele«, der man die Wahrheit über sein Volk zumuten kann: »Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.«
Wo Kinder fehlen und Vaterlandsverehrung...
»... tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls«: Ein Berliner Bischof verordnete dieser Tage seiner Luthergemeinde ein Sozialprogramm nach Parteienmaß: (1) Familie sei ein »Beruf (!) der ganzen Gesellschaft« – das wußte schon Aristoteles besser. (2) Mütter seien automatisch rentenberechtigt – »Handwerker siehst du, aber keine Menschen«. (3) »Familie ist überall« und viele andere Scherben mehr dahingeworfen. Noch im Februar war der Gottesmann reuig: »Es stimmt, dass wir Jahrzehnte hinter uns haben, in denen die evangelische Zeitgenossenschaft großgeschrieben wurde. Ich war daran selbst beteiligt und sage mit der nötigen Selbstkritik: Das war verbunden mit einer Selbstsäkularisierung der evangelischen Kirche.« Ach Gott, hätte der Kurzzeitreuige doch Dietrich Bonhoeffer gründlicher studiert! Schon 1939 mokierte sich der wenige Jahre später Gemarterte über die evangelische Säkularisierung in den seichten Wechselbetten der Sozialpolitik. Auch die heute so beliebte Moralbewirtschaftung durch Ethikkommissionen (besetzt auch mit Theologen) wäre nach Bonhoeffer...

Kennst Du den neuen Papst? Er kommt aus Deutschland und würde Dir gefallen. »Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche«, hat er in der Kathedrale von Padua gebetet.

... wird Dir auf ewig verschlossen bleiben. Man hat sie eingekerkert, Deine Diotima, die noch bei Platon über das Geheimnis des Eros erzählte, des Gottes, der alles Getrennte dialektisch zu vereinen versteht und als sublimierende Kraft zum Höchsten befähigt, zur poetischen Schau, heute so gut wie in Deiner Elegie ›Menons Klagen an Diotima‹. Stattdessen klagt die talkshowerprobte Elke Heidenreich tränenrührselig: »Warum verzweifeln gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben, daß sie es nicht mehr aushalten können?« Platons Diotima war Priesterin, Deine Diotima die anregende Muse. Beide schauten vom Himmel herab. Pathetisch laut und ehrfurchtlos verkündet dagegen Diotimas Geschlecht heute: »Unsern Himmel müssen wir uns selbst erschaffen.« Tröste dich, mein Bester, auch ihnen wird alles verschlossen bleiben. 

... ja, Du hast recht gehört: Abertausende, die besten unter den Deutschen, verlassen ein Land, das man nicht mehr Vaterland zu nennen wagt und dessen Sprache von Millionen eingewanderten Müttern kaum beherrscht wird. Dein Bild von Deutschland, dem Du die Wiedergeburt der athenischen Hochblüte zugetraut hattest, wäre es nicht in »toter Ordnung« mit »allberechnenden Barbaren« bevölkert...
... »wie Fremdlinge im eigenen Hause«: Schon im Jahre 2010 wird in deutschen Großstädten die Hälfte der Bevölkerung unter vierzig Jahren aus Einwanderungsfamilien bestehen, berichtet eine Berliner Staatsministerin. Und vierzig Prozent der Einwanderungskinder erreichen keinen Berufsabschluß. Die Mehrheit ihrer Eltern spricht nur gebrochen deutsch. 
... gewiß auch dem familienfeindlichen Hedonismus der Achtundsechziger...
Kannst du sie sehen, wie sie am Subventionseuter hängen, viele auch unter den Sprachkünstlern...?
Laß nicht ab, rätst Du mir vom Standpunkt des Einsamen, zwischen höchster Einfalt, wie sie die Natur organisiert, und höchster Bildung, wie es der Geist gebietet, sich einzurichten. Auf dieser exzentrischen Bahn, wie Du es nennst, findet das wahre Leben statt: eingefaßt von den Vorstellungen der naiven Ursprungsferne und der noch fernen idealen Zukunft der harmonischen Gebildetheit – in zusammenstimmender Ästhetik. Ich weiß: Friedrich Schlegels Transzendentalphilosophie. In der klassischen Griechenzeit war man für Augenblicke dieser Harmonie nahe. Arkadien und Elysium als Gestell – aber wer versteht das schon. Wer, in Zeiten rasender Entmenschlichungen, will sich schon so einrichten? Wer ahnt auch nur dieses ruhige Kreisen um...?

Nächstens mehr.
Dein Bellarmin
©WALTHARI® – Aus: www.walthari.com