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Sehr
geehrter Ingo Schulze,
in
einem Feuilletonbeitrag haben Sie, nach drei Jahren der Abstinenz, zu einem
Rundumschlag ausgeholt, worin ich Teile meiner Kritik wiederentdecke, die
ich in diesem
WALTHARI-Portal
seit Jahren vorbringe. Das ist zwar nicht originell, dennoch erfreulich,
denn es verstärkt die öffentliche Debatte, die in Deutschland
längst nicht so heiß und aktuell geführt wird wie in Frankreich.
Sie
beklagen die Kluft zwischen Arm und Reich, den »Ruin des Sozialstaates«,
»die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche«,
»die Blindheit für den Rechtsextremismus«, »das
Geschwafel der Medien«, »die offene und verdeckte Zensur«
u.a.m. Die Politiker seien gar nicht mehr in der Lage, sprachlich die Wirklichkeit
abzubilden, womit Sie sich an die Verhältnisse wie einst in der DDR
erinnert fühlen – ein scharfer Hieb, den Sie sich als ehemaliger DDR-Bürger
erlauben können. Der Hieb trifft ebenso ins Schwarze wie Ihr Satz:
»Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten
Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren…« Auch
dies kein neuer Befund, doch kann man nicht oft genug darauf hinweisen.
Was
mich enttäuscht, sind Fehleinschätzungen und eine konzeptionelle
Leere in Ihrem Text. So trifft es nicht zu, daß die Intellektuellen
sich weigern – nicht allesamt, darf ich einwenden. Es gibt sie, die
freien Geister, die sich vom Parteienstaat nicht einkaufen lassen, darunter
leider nur wenige Journalisten und noch weniger Professoren, die unter
dem Bologna-System das Kuschen gelernt haben.
Indes
regt sich Widerstand allerorten, freilich diffus und nicht selten mit Altmüll
belastet. Häufig geistlos und ohne historische Bildung. Die Netzposteingänge
und das »Geschwafel der Medien« belegen es täglich. Man
muß sich im Klaren sein:
Wer das Fernsehen einschaltet, hat es
mit einem kollektiv meinungsprägenden Giganten zu tun, der ohne Abnehmerkontrolle
sein Geschäft betreibt. Vermutlich nur wenigen Lesern der überregionalen
Presse ist bewußt, daß sie großkalibrige Infogeschütze
in Händen halten, deren Feuerkraft soziale Existenzen auslöschen
und Firmen ruinieren können. Feuern sie abgestimmt, wie derzeit
im Falle des Bundespräsidenten, erschüttern sie, um ihre Macht
zu demonstrieren, die halbe Republik und jagen den Bürgern Angst und
Schrecken ein. So wenig das Verhalten des Bundespräsidenten Anlaß gibt,
ihn zu verteidigen: die Dauerkampagne ekelt vermutlich die meisten Bürger
an und zeugt von einer demokratieverachtenden Medienhybris. Quotengeilheit
und Wirkungshybris sind die antreibenden Mediengötter. Die
großen Meinungsmacher bestimmen, was kollektiv gedacht werden darf
und was nicht.
Sie
schreiben: »Der Bürger wird auf den Verbraucher reduziert.«
Genau so schlimm ist, daß er am medialen Gängelband geführt
wird, täglich, ja stündlich. Geschickt präsentieren sich
die Mediengrafen als schlichte Zeitgenossen, harmlos wie freundliche Nachbarn,
wo sie doch über eine gewaltige und gewalttägige Feuerkraft verfügen,
der keine wirksame Gegenmacht gegenübersteht.
Nun
aber zu Ihren gravierenden Fehleinschätzungen. Auf der Mentalitätslandkarte
der Eliten, zu denen Sie als Schriftstelle rechnen, gibt es einen großen
weißen Fleck, gleichsam eine Tabuzone, auf die man in besseren
kulturellen Kreisen seit je stolz zu sein scheint. Ich ziele damit
auf…
Und
genau dafür erweist sich die literarische Musterszene, der Sie angehören,
als blind.
Es grüß Sie
Erich Dauenhauer
©WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
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