Walthari


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Ahmet Hamdi Tanpinars Istanbul. Oder: Ist Schönheit objektivierbar?

Von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang. E. Scharlipp, Universität Kopenhagen

Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen
Erst weht nur ein sanfter Wind
Leicht schaukeln
Die Blätter in den Bäumen
In der Ferne, weit in der Ferne
Unaufhörlich die Glocken der Wasserverkäufer
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen
                     Orhan Veli Kanik

Zum Thema

Orhan Pamuk schreibt in seinen Buch “Istanbul, Memoiren und die Stadt”, besonders in der ersten Hälfte viel über die Veränderungen, die er als dauerhaft in Istanbul lebender Bewohner miterlebt hat. Eine bedeutende Rolle kommt dabei der Westernisierung, bzw.  batilalasma  (bis jetzt wollen wir es so nennen) zu, die zwar vor der Geburt Pamuks (1952) schon mehr als hundert Jahre ihre Wirkung im Osmanischen Reich und ab 1923 in der türkischen Republik entfaltet hatte, in Istanbul aber auf besondere Weise sichtbar war. 

Die Westernisierung, die auf Kosten der alten osmanischen Kultur verlief, beschreibt Pamuk an verschiedenen Stellen in seinem Buch. Er faßt seinen Eindruck von dieser ”Modernisierung”, was eine andere Begeichnung für dasselbe Phänomen war, an einer Stelle besonders beeindruckend zusammen: ”So war die Melancholie dieser sterbenden Kultur überall um uns herum. So groß der Wunsch nach Westernisierung und Modernisierung gewesen sein mag, so groß war anscheinend auch der Wunsch, die bitteren Erinnerungen an das zerfallene Reich zu vergessen: etwa so wie ein verlassener Liebender Kleidung, Besitztümer und Fotos der Geliebten wegwirft. Aber als sich nichts, weder Westliches noch Lokales, einstellte, die Leere wieder aufzufüllen, entwickelte sich die große Westernisierungsbewegung hauptsächlich zu einer Auslöschung der Vergangenheit. Die Wirkung auf die Kultur war niederschmetternd, was dazu führte, das die alten hölzernen Villen verfallen oder abgebrannt sind, und die Menschen dazu brachte, ihre Häuser wir Museen einzurichten. Das, was ich später als gefühlsmäßige Leerheit und als Melancholie kennen sollte, empfand ich in meiner Kindheit als Langeweile und Trübsinn, eine tödliche Öde, die ich mit der ”alaturca” – Musik identifizierte, zu der meine Großmutter ihre alten Füße im Rhythmus bewegte. Diesem Stadium entkam ich dadurch, das ich mich in andere Welten träumte” (S.34).

Man muss nicht in Allem mit Pamuk übereinstimmen. Daß sich “weder Westliches noch Lokales einstellte, die Leere wieder aufzufüllen”, ist eine Übertreibung, die nicht erstaunt, wenn man berücksichtigt, das sich das Werk des Autors auf den Verlust der vorrepublikanischen Kultur konzentriert.

In Wirklichkeit hat es zu jeder Zeit der Republik Schriftsteller und Dichter gegeben, die Kunstwerke hervorgebracht haben, die der Notwendigkeit ihrer Zeit entsprangen, ob man an Aziz Nesin mit seinen teilweise derben Satiren denkt, an Schriftsteller und Dichter, die direkt das Thema der Verwestlichung aufgriffen, wie – schon sehr früh Ahmet Midhat oder etwas später - Halit Ziya, an die Vertreter der sogenannnten Nationalistischen Literatur, wie Yakub Kadri, Vertreter der sog. Dorfliteratur, wie Fakir Bay Kurt, der feministischen Literatur, wie Nezihe Meriç usw. Sie alle haben zur literarischen Kultur wichtige Beiträge geleistet, die im Rahmen der Erfordernisse ihrer Zeit gesehen werden müssen und nicht an Wert verlieren, weil sie Orhan Pamuks Verlangen u.a. nach der Reflexion über die vorrepublikanische türkische Kultur nicht befriedigt haben. Die Zeit für diese literarische Richtung ist eben erst später gekommen, weil frühere Schriftsteller sich von anderen Themen herausgefordert sahen.

Wenn wir uns einmal von der Literatur abwenden und uns die Architektur ansehen, stellen wir fest, das der Kern Istanbuls, wie ich die Stadtteile Sultan Ahmet und die angrenzenden Bezirke, sowie auch Beyoglu ein Aussehen beibehalten haben, das in höchsten Grad an die osmanische Zeit und ihre Kultur erinnert. Der westliche Einfluss ist an Istanbul nicht vorbeigegangen, sondern hat der Stadt eine ganz besondere Prägung verliehen, die Dauerhaftigkeit und Veränderung zugleich widerspiegeln, was letztendlich an die Vergänglichkeit erinnert, deren eine Zeit lang überlebende Elemente eine Melancholie erzeugen, die gerade von Pamuk so deutlich beschrieben wird.

In einem Kapitel über die alten Schwarz-und Weiß- Filme und Fotos führte er die oben zitierten Gedanken weiter aus: ”Die Stadt in schwarz und Weis zu sehen (im Original:…siyah-beyaz duygusu…), hat zur Folge, daß die Armut der Stadt ihre Geschichte und Schönheit nicht sichtbar wird und hebt hervor, was alt und verwittert ist und anscheinend  keine Rolle mehr für den Rest der Welt spielt. Selbst die großartigste osmanische Architektur ist von bescheidener Einfachheit und führt die Melancholie des toten Reiches vor Augen”. (S. 46 f).

Das „Schwarz-Weiß -Gefühl ist eine gelungene Metapher für die Trübung des Visuellen, die eine Trübung der Stimmung erzeugt. Pamuk nähert sich damit dem emotionalen Bereich, der Stimmung, eher besser Geistesverfassung, die im Türkischen als ”hüzün bezeichnet wird. Diesem Begrifft widmet er etwas später ein ganzes Kapitel, um die semantische Komplexität zu verdeutlichen.

Zusammenfassend lässt sich zunächst sagen, dass er zwischen zwei Arten von ”hüzün” unterscheidet: die erste ist diejenige, die der Wörterbuchbedeutung entspricht: die Melancholie, die sich nach einem Verlust einstellt, das bei ihm zu einem ”tiefen spirituellem Verlust” wird. Es sind darin dementsprechend Trauer und das Sichsehnen nach etwas Verlorengegangenem enthalten. Die Zweite Art von hüzün ist eine eher philosophische Auslegung, die auf dem Sehnen nach Allah der Sufis beruht. Das Interessante hieran ist, das sich “hüzün”, also das Trauern darüber, das man sich Allah nicht genügend nähern kann, als positive Qualität des Gläubigen gesehen wird. Diesem Bedauern aber wird also eher eine allgemeine Wertschätzung entgegengebracht, da diese Art von „hüzün“ einen hehren Beweggrund hat. Das “hüzün” betreffend Istanbul sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten aus diesen zwei Komponenten zusammengesetzt hat, zeigt sich darin, wie die Istanbuler das Leben sehen. Er sagt ausdrücklich, dass diese “schwarze Stimmung von Millionen Menschen” geteilt wird, den Bewohnern ganz Istanbuls.

Pamuk assoziiert diese positive Auffassung von “hüzün” mit der positiven Qualität, die die Melancholie bei Baudelaire hat, dessen Freund Théophile Gautier Istanbul besucht hatte, der in seinen Schilderungen der Stadt deren extreme Melancholie betonte, und zwar auch in positivem Sinne. Pamuk ist der Meinung, daß Gautier mit seiner Sicht Istanbuls Yahya Kemal wie Tanpinar beeinflusst habe, die beide seine Werke gut kannten.

Im folgenden soll untersucht werden, in wie weit Tanpinars Werk dieser Ansicht entspricht. Finden wir z. B. bei Tanpinar eine Schilderung wie das folgende Zitat von Pamuk: “ Dadurch, das wir hüzün sehen, seine Manifestationen in den Straßen der Stadt, den Eindrücken, den Menschen es schließlich überall empfinden, am kalten Wintermorgen, wenn die Sonne plötzlich auf den Bosporus fällt und dieser feine Dampf beginnt, von seiner Oberfläche aufzusteigen, dann ist hüzün so dicht, das du es fast greifen kannst, fast siehst, wie es sich ausbreitet und sich wie ein Film über Menschen und Landschaft legt” (S. 99).

Mit einer solch romantischen Darstellung von hüzün steht Pamuk als Schriftsteller nicht allein. Auch wenn dieser Begriff selbst nicht vorkommt, verbreitet ein Gedicht wie das oben zitierte doch dieselbe Stimmung. Die Assoziationen, die durch die Bilder ausgedrückt werden, das Hören mit geschlossenen Augen, sanfter Wind, leicht schaukelnde Blätter, Glockenläuten aus der Ferne drücken alle eine Stimmung aus, für die die Bezeichnung “Wehmut” sicher nicht falsch ist.

Ein mehr weniger klar definierter Geisteszustand wie hüzün erlaubt wohl die Assoziation mit einem anderen Geisteszustand, der für das osmanische Lebensgefühl eine wichtige Rolle spielte: “huzur”, die Seelenruhe. Huzur ist in der Literatur als Bestandteil der osmanischen Mentalität angesehen worden. Das fordert die Frage heraus, ob wir es bei hüzün auch mit türkischer Mentalitätsgeschichte zu tun haben. Ein Blick in Tanpinars Werk, mit einem Seitenblick auf Yahya Kemal kann uns vielleicht Aufschluß geben.
 

Die wichtigsten Beobachtungen Tanpinars an Istanbul

“Huzur” ist der Titel eines Romans von Tanpinar (1949), der allerdings eher die Abwesenheit von “huzur” zum Gegenstand hat, da sich seine Handlungen in der Hauptsache um Krankheit, Tod und unglückliche Liebe drehen. Der Roman spielt  in Istanbul, und auch in ihm finden sich Gedanken zu Einflüssen des Westens und der zwischen Ost und West gespaltenen Kultur. Die Kritik setze sich erst fast ein Jahrzehnt nach dem Escheinen mit diesem Roman auseinander, wobei die Stellungnahmen sehr unterschiedlich, teilweise kraß widersprüchlich waren. Aber im Prinzip sind sich die Kritiker Tanpinars einig, das seine Literatur von der Wirklichkeit des täglichen Daseins zu abgehoben ist und er selbst in der Vergangenheit verfangen ist.

Es ist auch nicht dieser Roman, der uns deutlich machen soll, wie Tanpinar Istanbul gesehen hat, sondern ein langes Essay mit dem Titel ”Istanbul”, das 1969 in dem Band ”Bes sehir (Fünf Städte)” erschienen ist und sich ausschließlich mit der Stadt beschäftigt, ohne eine Handlung mitfließen zu lassen. Tanpinar hat seinen langen Essay (139 Sn) in 15 Kapitel aufgeteilt. Die verschieden Kapitel behandeln unterschiedliche Wahrnehmungen in der Stadt Istanbul und der nächsten Umgebung. Nicht in der Weise, daß jedes Kapitel eine genau abgesteckte Thematik behandelt, sondern so, daß sich auch mehrere Kapitel auf dieselbe Thematik beziehen bzw. einen zum nächsten Kapitel überleitenden Charakter haben. Eine exakte Systematik des Aufbaus zu erstellen ist deshalb nicht möglich, was allerdings nicht nur an dem assoziativen Vorgehen des Autors liegt, sondern auch in der Natur des Gegenstandes.

In der Hauptsache werden folgende Aspekte, die sich auf Istanbul beziehen, behandelt:

1. Phasen der historischen Entwicklung:
2. Ästhetische, teilweise romantische Empfindungen;
3. Bauwerke, die das Stadtbild und die Stimmung prägen;
4. Veränderungen der Stadt, die erstens dem Autor durch seine historischen Kenntnisse bekannt sind, und viele mehr, die er selbst zu seinen Lebzeiten wahrgenommen hat.

Im folgenden wollen wir der Reihe nach Beispiele für die Kategorien aufführen, die größtenteils auch belegen, wie sich die oben aufgeführten Aspekte überschneiden.

Der Autor leitet seinen Essay mit zwei Personen ein, für die Istanbul das Zentrum der Welt war und von denen die eine Person - sein Vater -, sich nichts Schrecklicheres vorstellen konnte, als fern von Istanbul sterben zu müssen.

Diese emphatische Vorstellung von Istanbul veranlasst Tanpinar zu einer allgemeinen theoretischen Überlegung zur Geschichte. Seine Theorie ist in drei historische Abschnitte gegliedert: Im ersten versetzt er sich in die Zeit vor der Eroberung Istanbuls durch die Türken, nachdem er feststellt, dass diese Art von Aspekten der Betrachtung, wie sein Vater sie vorbrachte, zu bedenken geben sollte, daß eine Stadt sich von Generation zu Generation verändert. 

Natürlich, so sagt er, haben seine Vorfahren, die im 15. Jahrhundert in Üsküdar und AnadoluhisarÏ lebten, das abendliche Istanbul auf der anderen Seite des Bosporus mit all den Schätzen des „Kaisers des Ostens“ als Kriegsbeute betrachtet. Demgegenüber war dann Istanbul nach der Eroberung der Stolz des Reiches und der gesamten islamischen Welt. Sie priesen es, lobpreisten alle seine Schönheiten und schmückten es jeden Tag mit einem neuen Monument. „Und während es immer schöner wurde, fanden sie es immer schmucker und edler, so als ob sie es durch einen geheimnisvollen Spiegel betrachteten (S. 141).“

„Aber die Tanzimat betrachtete Istanbul mit ganz anderen Augen“ (S. 141). Den Grund dafür sieht Tanpinar darin, daß die Tanzimat-Zeit zwei verschiedene Kulturen vereinigte und daß sie einen Schmelztiegel einer neuen Zusammensetzung sah (S. 141). Danach kommt er auf seine eigene Generation zu sprechen, von der er sagt, daß Istanbul für sie etwas sehr Unterschiedliches sei, als es für die Vorfahren, ja sogar die Väter gewesen war. In einer recht poetischen Ausdrucksweise gibt er den Grund damit an, daß die Stadt weder, unserer Vorstellung nach, in den bestickten Ruhmesmantel gehüllt daherkommt, noch daß man sie durch den Rahmen der Religion sehe.

Nach dem Autor ist das Licht (aydinlik), das damals aus der Religion kam, für uns heute eher das Licht, das aus der Sehnsucht (hasret), den Erinnerungen an die Vergangenheit kommt, so wie wir sie, unserem seelischen Zustand entsprechend, selbst ausgewählt haben. So erwecke und nähre Istanbul in uns mit seinen einfachen Besonderheiten Nostalgie.

An dieser Stelle kommt er auf die Architektur Istanbuls zu sprechen und sagt, dass das eigentliche (asil) Istanbul „hinter den Mauern“, sowie mit seinen Moscheen und Minaretts mit seinen jeweiligen geographischen Gegebenheiten und eigenen Schönheiten aus unterschiedlichen Landschaften (peyzajlar), in unserer Phantasie unterschiedliche Inspirationen erzeuge. In diesem Zusammenhang fällt dann zum ersten mal das Wort „hüzün“: „Jeder Istanbuler weiß, dass die verschiedenen Viertel morgens am Bosporus gänzliche unterschiedliche Genüsse bieten, das von den Hügeln Camlicas in den abendlichen Stunden die Lichter Istanbuls den Betrachter mit einer Sehnsucht/Melancholie unterschiedlicher Art erfüllt. 

Nur eine Seite weiter wird „hüzün“ wieder erwähnt. Hier sagt er, dass sich folgende zwei Sachen sehr voneinander unterscheiden: die Dinge, die einem durch den Kopf gehen, wenn man an die Mauern der Moscheen von Bayezid oder Beylerbey steht und auf der anderen Seite die Dinge, die einem durch den Kopf gehen, wenn man an die Lichter von Tarabya denkt, die ein sinnliches Fest hervorrufen. Im ersten Falle fliesse in uns alles zusammen und materialisiere sich in einer bereichernden Melancholie (hüzün), S. 144).

Zum dritten mal fällt das Wort „hüzün“ wiederum nur eine Seite weiter, zum Beginn eines neuen Kapitels: „Jede große Stadt ändert sich von Generation zu Generation, aber Istanbul hat sich auf besondere Art geändert.“ heißt es (S. 145). Und anschließend stellt der Autor fest, daß sich jeder Bewohner von Paris oder London, Sehnsucht (hüzün) empfindend, an die Atmosphäre der Stadt denkt, in der er vor dreißig oder vierzig Jahren geboren wurde und sich über die vielen neuen Sachen wundert, über Vergnügungsmöglichkeiten, wie über den architektonischen Stil.

Wie hat sich also Istanbul verändert? Dieser Frage folgt eine Antwort über mehrere Seiten. Zwischen 1908 und 1923 war es zunächst der Aufstand gegen den Sultan, dann die Kriege, in deren Folge jeweils kleine und größere Feuer materiellen Schaden anrichteten und schließlich die Annahme einer Kultur, Zivilisation (medeniyet), die schon über hundert Jahre auf der Schwelle gewartet hatte. Das alles vernichtete vollständig den früheren Charakter der Stadt. 

Tanpinar schildert dann das bunte Treiben in der Stadt vor diesen Ereignissen, das das Ergebnis der Tatsache war, dass sich Menschen aus allen Teilen des Osmanischen Reiches in Istanbul angesiedelt hatten. Er nennt die vielen verschienen Bekleidungen, die man z.B. auf dem Markt sah, die verschiedenen Religionen, Sprachen, Rassen usw., denen man in den Straßen begegnete.

Wir sollten an dieser Stelle daran erinnern, dass Orhan Pamuks Nicht-Türken nur die Griechen Istanbuls sind, die – insbesondere nach dem Versuch Griechenlands, Zypern zu annektieren – ein konflikthaftes Zusammenleben mit den Türken führen.

Für Tanpinar ist dagegen die ethnische Vielfalt nicht nur ein pittoresker Aspekt der Stadt, sondern auch Ausdruck ihrer wirtschaftlichen Stärke (S.159). Es ist nicht nur der Generationsunterschied zu Pamuk, der hier zum Ausdruck kommt, sondern Tanpinar lässt offenbar auch seiner Phantasie mehr freien Lauf, da die Vielfalt, die er beschreibt, sich über seine Kindheit zurück erstreckt.

Die Voraussetzung für diese ethnische und religiöse Vielfalt sieht Tanpinar in der Toleranz des Osmanischen Reiches und dem ihm zu Grunde liegenden Islam. Diese Voraussetzungen machten es möglich, daß Dinge in der Bevölkerung Fuß fassten, die vorher unbekannt waren. „Alles, was den Zoll passierte, wurde islamisch, drückt er es aus und fügt Beispiele hinzu: das englische Kammgarn auf dem Rücken der Heeresrichter, Kopftücher aus Lyon-Stoff auf dem Rücken der Frauen, gestern eingetroffene Rokkoko-Uhren aus England….alles das war islamisch.

Hier spricht der Autor einen wichtigen, aber kaum beachteten oder beschriebenen Aspekt der „Verwestlichung“ an. Hier sollten wir wirklich von „Verwestlichung“ sprechen, statt von „Westernisierung“, die sich eher auf die geplante Übernahme westlicher Güter und Eigenschaften bezieht. Die institutionalisierte Verwestlichung  ist in der wissenschaftlichen Literatur in vielen Publikationen – wenigstens in wesentlichen Teilbereichen – beschrieben worden. Mehrere Seiten später spricht Tanpinar von einer Europa-Sehnsucht (S. 209) die die Gesellschaft ergriffen hatte. Diese Stelle erinnert an die Beschreibung Orhan Pamuks, die er Jahre später von der Wohnung gibt, in der er teilweise seine Kindheit verbrachte, und in der sich viele aus Europa importierte Sachen fanden, die den westlich orientierten Geist seiner Bewohner demonstrierten, wie z.B. ein Klavier oder sogar Flügel.

Kurzer theoretischer Exkurs

Die Frage, inwieweit die „Verwestlichung von innen“ ein Faktor der Globalisierung war, ist sicher eine berechtigte Frage; insbesondere, da gegenwärtig die Diskussion darum, welche Entwicklungen der Begriff „Globalisierung“ eigentlich umfaßt, in vieler Hinsicht diskutiert wird. Von den zahlreichen Definitionen wollen wir hier eine der meist rezenten zitieren, insbesondere weil sie die Widersprüche aufzeigt, die in diesem Terminus liegen. Margit Warburg schreibt (2007): „There is an abundance of empirical evidence suggesting that the modern world undergoes a historical process characterised by an unprecedented global interdependency among peoples and nations. This process can be tracked back several hundred years and it began to accelerate starting around 1870. It is true that earlier historical periods have some structural similarity to globalisation; for example, the integration of the cultures around the Mediterranean during the Roman Empire is such a parallel (S.79).” Ähnliches könnte man über andere geographisch weitreichende Bewegungen von Völkern, Kulturen und Handelsaktivitäten sagen, wie über das Reich Dschingiz Khans, die Seidenstrasse und schließlich die globale Herrschaft der Kolonialreiche der Neuzeit. Aber unter Bezugnahme auf die andauernde Diskussion des Begriffs, beschränkt sich Warburg dann auf die Eigenschaft der weltumspannenden, schnellen Kommunikation wie durch Telefon und Fax:“All this indicates a historically unique compression of space-time into a single world-space, a process that Roland Robertson has allegorically described as the world becoming a „single place“ (S. 80). Für manche Theoretiker ist diese Art Globalisierung eine Konsequenz der Modernität, für andere nichts als ein Fortschreiten der Westernisierung.

Auf welchen Standpunkt man sich bezieht, man ist nie weit voneinander entfernt. Es ist jedoch eine Tatsache, dass dieses Substantiv einen nicht abgeschlossenen Prozess ausdrückt, und die Überschrift der Autorin über diesem Kapitel „The Historical Uniquness of Globalisation“ so nicht stehen bleiben kann, weil jeder Schritt auf dem Wege zur Globalisierung „einzigartig“ war und ist. Darüber hinaus geht das Theoretisieren um ein „single-world-space“ in so abstrakte Denkbereiche, dass sie für unsere Diskussion unfruchtbar ist. Solange die Welt individuell erfahren wird, werden auch Zeit und Raum von Individuen unterschiedlich verarbeitet.

Diese ganze Diskussion hindert uns nicht daran, die Verwestlichung/Westernisierung als Teilprozess der Globalisierung zu verstehen, der von vornherein als Modernisierung verstanden wurde.

Verlorengegangenes und Neues

Tanpinars Beschreibung Istanbuls bewegt sich von nun an zwischen Verlorengegangenem, dem was überlebt hat und schließlich, dem, was neu hinzugekommen ist, also dem Zustand Istanbuls zur Zeit seines Schreibens.
Er beklagt zunächst den Verlust des „mahalle“, des Viertels, womit er das „Typische“ in einem jeden Viertel meint. Er drückt es mehrfach wörtlich aus: „Das Mahalle selbst ist verschwunden (S. 156), „Es gibt heute kein Mahalle mehr (S. 156). „Die alten Viertel Istanbuls sind nur noch eine Erinnerung  (S. 157).  An ihrer Stelle haben sich die „Wohngegenden“ (übergangslos ?) verknotet. Letztere werden von ihm als „semt“ bezeichnet (eine mögliche Übersetzung wäre hier wohl auch „Bezirk“), die – im Gegensatz zum mahalle – das persönliche, nicht nur typische Element vermissen lassen. Was er nicht wörtlich so benennt, aber mit Beispielen zum Ausdruck bringt, ist die zunehmende Anonymisierung der „mahalleliler“, der Viertelbewohner, sowie der Verlust ihrer Bezugspunkte, seien es Örtlichkeiten, wie des Stammcafé oder Gemeinsamkeiten, die aus dem persönlichen Kennen resultieren. So schreibt er in einem der zahlreichen Absätze, die mit den Worten „Eski Istanbul’da…“ beginnen, daß sich in seiner Kindheit Arm und Reich zusammen vergnügt hätten. Wichtig zu erwähnen findet er auch, daß Feste und Feiertage (wie z.B. das Ramadanfest) tagelang gemeinsam vorbreitet wurden (S. 159). Schon die Sonne sei an solchen Tagen anders aufgegangen, da „der Kalender eine himmlische Angelegenheit“. Kurz nach diesen romantisierenden Erinnerungen kommt er auf die Moscheen zu sprechen, mit der Begründung, dass die verschiedenen Moscheen  Istanbuls, von denen er bis jetzt sprach, Istanbul auch aus architektonischer Perspektive in unterschiedliche Bezirke einzuteilen erlauben
.
Es schließen sich dem lange Ausführungen über mehrere Moscheen an, einschließlich von Berichten über ihre Erbauer und ihre Geschichte. Er beginnt mit der Bayezid Moschee, die wie ein Kern sei, der auf Istanbuls Boden geworfen wurde. Mit der ihr angeschlossenen Armenküche, der gegenüberliegenden Medrese und dem Hamam bilde sie eine geschlossene Einheit.

Auch Murat Belge nennt sie „Bayezid Külliyesi“ und beschreibt die dazu gehörenden Gebäude (S. 68). A. Faroqhi erwähnt dies als alte Eigenschaft osmanischer Stadtplanung: „Als Kern der neugegründeten Stadtviertel waren Moscheen vorgesehen, die meist von einer am Hof einflußreichen Persönlichkeit gegründet wurden. Falls der Stifter die entsprechenden Mittel besaß, konnten Schulen, Bibliotheken, Armenküchen oder Trinkwasserbrunnen angeschlossen sein.“ (S. 45) 

Nach den – wie gesagt – langen Ausführungen über die großen Bauwerke bzw. Komplexe, widmet er ein Kapitel den kleineren architektonischen Bauwerken, von den kleineren Moscheen bis hin zu den zahlreichen Brunnen, die in Nischen eingelassen sind. Istanbul sei mit seinen kleinen Ecken ebenso wie mit den großen Bauwerken die Stadt der überraschenden Landschaftsbilder (S. 178) In Bezug auf diese kleineren architektonischen Komplexe fallen zwei Sätze, die – ohne das Wort „hüzün“ zu erwähnen -, uns einen deutlichen Eindruck davon geben, was Tanpinar hierunter versteht: „Ein Teil von ihnen lebt weiter in einer Atmosphäre edlen Alters, wie ein Stück aus der Zeit der Eroberung. In allem sprechen Bäume, Wasser, Stein mit dem Menschen wie eine tief inspirierte Seele (S. 179).

Die Bedeutung des Baumes in der Architektur und damit der Schaffung des Stadtbildes wird einige Seiten weiter noch detaillierter ausgeführt. Er war – im alten Istanbul – bei der Schaffung eines architektonischen Werkes unerlässlich. Die bedeutenden Architekten vergaßen nie, ihren Werken einige Platanen und Zypressen an die Seite zu stellen. Bestätigt wird das in den Beschreibungen Istanbuls von Reisenden wie Lamartine, Gautier, Lady Craven und ebenfalls den Gravuren, die so zahlreich von der Stadt angefertigt wurden. Nicht nur bezeichnet er dieses Zusammengehören innerhalb architektonischer Komplexe als „Zusammenarbeit“ von Architektur und Baum, sondern erwähnt anschließend die wichtige Rolle, die Zypresse, Platane und Pappel in der osmanischen Dichtung spielen. Nachdem er die Gegenwart verschiedener Baumarten in verschiedenen Vierteln Istanbuls aufgezählt hat, stellt er fest, dass auf sie die eigentliche „Melancholie, Sehnsucht (?)“ (hüzün) im Landschaftsbild (peyzaj) Istanbuls zurückzuführen ist. „Sie haben einen großen Anteil an unserer gefühlmäßigen Erziehung  (S. 191). Hier kann man „hüzün“ in zweierlei Bedeutung verstehen: 1. als Melancholie, die durch die Bäume hervorgerufen wird, die Assoziationen die sie hervorrufen und ihre Kombination im architektonischen Komplex und 2. als „Sehnsucht“, wenn man an ihr Verschwinden aus dem Stadtbild denkt. Ein paar Zeilen weiter heißt es, dass Istanbul allmählich „baumlos werde (S. 191). „Der Tod eines Baumes“, schreibt er, „ist wie der Verlust eines bedeutenden architektonischen Werkes.“ (S. 193)

In seiner Klage über den Verlust des früheren Stadtbildes wendet er sich dann den zahlreichen Bränden zu. Wegen der Brände, die die vielen alten Holzhäuser zerstörten, aus denen die Stadt zum größten Teil bestand, seinen auch deren Kunstgegenstände und andere Schätze der Vergangenheit vernichtet worden. Im Gegensatz zu Orhan Pamuk, der den Bränden mehrere Seiten widmet und vor allem dem Abbrennen der „Yalis”, der hölzernes Sommervillen am Bosporus, sogar einen ästhetischen Aspekt abgewinnt, schildert Tanpinar diese Vorgänge nüchtern und emotionslos.

Auch in der Darstellung weiterer Einflüsse aus dem Westen schlägt er keinen klagenden Ton an. Auch das Verschwinden der meddahs (schauspielernder Erzähler) oder der Straßen-Sänger, die sich auf der Saz begleiteten, stellt er einfach fest und in manchen aus dem Westen eingeführten Neuigkeiten scheint er eher eine positive Entwicklung zu sehen.

Er gibt dem Leser einen Eindruck vom typisch osmanischen Kaffeehaus, das ein Treffpunkt für jede Art von Mensch war. Kaufleute trafen sich dort, um Verträge abzuschließen, Reisende, die aus fernen Gegenden zurückkehrten, gaben ihre Erlebnisse zum besten, aber manche dieser Kaffeehäuser waren auch Treffpunkte der Haschischraucher und Opiumsüchtigen. Darauf beschreibt er, wie die Kaffee –Leidenschaft (kahve zevki) nach der Tanzimat zusammen mit den Menschen verändert hat. Die Kaffeehäuser wurden im Stile Wiens und Paris’ mit Spiegeln, richtigen Tischen und Stühlen versehen.

Es sei hier nur ein letztes Beispiel von westlichem Einfluss genannt: Tanpinar erwähnt, daß die zunächst in Beyo?lu zur Zeit Selim III., besonders in der Zeit Mahmud II. aufkommenden „Spaziergänge“, nach dem italienischen Ursprung „piyasa“ genannt, in der Oberschicht sehr populär wurden. Mit der Zeit nahmen diese nicht nur unter der türkischen Bevölkerung zu, sondern bemerkenswerter Weise nahmen auch Frauen an ihnen Teil, was sich auf die Stellung der Frau auswirkte.

Anstatt hüzün im allgemeinen zu behandeln wie Pamuk es tut, erwähnt er gegen Ende des Buches (S. 247) die Melancholie der Vorfahren, die weder mit der Zeit, in der sie lebten, noch mit den Schwierigkeiten (ariza) ihres Lebens und auch nicht mit dem Mewlewitum erklärt werden könne. Vielleicht komme es von all dem, was in unsere Gemütsverfassung eingehe. So empfindet er auch eine gewisse Melancholie im Charakter des Istanbulers, scheint sie aber mehr in den Generationen vor ihm zu sehen. 

Ein paar Bemerkungen zu Yahya Kemals Istanbul

Yahya Kemals 1964 erschienenes Buch „Aziz Istanbul“ besteht aus Artikeln, die er in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit Byzanz, also der vortürkischen Zeit, wobei Kemal aber auch auf die Seldschuken eingeht. Im gleichen Stile, d.h. mit dem rein historischen Ablauf geht es in den Aufsätzen, die sich mit der Eroberung und der Zeit danach beschäftigen, weiter. Sodann wendet auch er sich der Architektur und dem öffentlichen Leben zu, wobei er die gleiche Gelehrsamkeit auf jeder Seite in erstaunlichen Details ausbreitet. Auffallend ist der nationalistische und häufiger noch islamistische Ton. So fragt er sich am Anfang des Kapitels „Viertel ohne Gebetsruf“ (Ezansiz semtler), wie sich die dort aufwachsenden Kinder in die Nation eingliedern können.

Für Yahya Kemal beginnt der westliche Einfluss in der Mitte des 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen westlicher Architektur. Das andere Istanbul beginnt nach dieser Zeit. „Zu jener Zeit wurde unsere Köpfe europäisiert“, schreibt er (S. 163) „Aber man sollte nicht sagen, sie wurden europäisiert. Denn es war unumgänglich und unaufschiebbar. Der Sultan ging zu jener Zeit dagegen an. Die Wasser Istanbuls zogen sich zurück, seine Kunst starb; natürlich gab es für den Tod der Künste auch andere Gründe.“ Er gibt verschiedenen Faktoren die Schuld, wie dem, dass der Herrscher das „alte“ Istanbul verließ, dass das Volk auf die andere Seite (karsi tarafa = Pera?) zog, dass die Finanzkraft nach Beyoglu abwanderte. Mit all diesem tötete Istanbul Istanbul (Tamamiyle Istanbul Istanbul’u öldürdü S.164).

Eine kurzer Vergleich

Im Mittelpunkt unserer Betrachtung stand das Bild, das Tanpinar von Istanbul zeichnet, insbesondere ein Werk, das ganz dieser Stadt gewidmet ist. Seine Betrachtung mit Orhan Pamuks Ausführungen und ein paar Worten Yahya Kemals einzurahmen wurde durch die Tatsache nahe gelegt, dass sich Pamuk von beiden, insbesondere aber von Tanpinar inspiriert fühlte, dessen Lehren und teilweise Vorbild Kemal war.Nichtsdestoweniger unterschieden sich die drei Werke wesentlich voneinander. Orhan Pamuks Werk ist trotz des Titels, der eine Focusierung auf Istanbul ankündigt, eine Autobiographie, in der nur in der ersten Hälfte Istanbul im Vordergrund steht. Es hat eher romanhafte Züge und der Ton ist teilweise melodramatisch, so z.B. wenn es um „hüzün“ geht, dessen wahre Eigenschaft man nur erahnen kann und das nicht mit wissenschaftlichen Mitteln, sondern nur durch literarisches Gespür erfühlt werden kann.

Tanpinars Essay ist wesentlich nüchterner. Persönliche Empfindungen, Ausschauungen spielen eine untergeordnete Rolle, auch wenn ein Bedauern des Verlustes osmanischer Traditionen zur Sprache kommt. Aber dies hat eher die Qualität einer Bestandsaufnahme. Tanpinars Bedauern des Verlorengegangenem gilt mehr Persönlichkeiten, die die osmanische Kultur prägten, begleitet von der Gewissheit, dass diese Kultur keine Zukunft hat. Seine detailreichen Kenntnisse lassen eine emotionsgeladene Anteilnahme anscheinend nicht zu.

Letzteres gilt in noch größeren Masse für Yahya Kemal, der in seinen Artikeln eine enorm kenntnisreiche Geschichte der Stadt schreibt, ohne seine Liebe zu Istanbul zu vernachlässigen.

Weder bei Tanpinar noch bei Yahya Kemal kommt dem Begriff „hüzün“ die gleiche Bedeutung zu wie bei Pamuk. Weder der eine noch der andere lassen sich theoretisch über die Semantik aus und es ist auch keine Rede davon, dass es sich um ein Gefühl aller Istanbuler handelt, wie es Pamuk behauptet. Eine Erklärung kann darin liegen, dass sowohl Tanpinar und Yahya Kemal mit nüchternem Auge die Entwicklung beobachten, während Pamuk vor allem Trauerarbeit leistet. Die eher nüchtern gehaltene Stimmungsbeschreibung mit dem Wort „hüzün“ bei Tanpinar und Yahya Kemal, die keine Konnotation zeigt wie der Gebrauch dieses Wortes bei Pamuk, erlaubt uns auch nicht, „hüzün“ als Bestandtail Istanbuler Mentalität aufzufassen.

Zuletzt sei noch auf rein rethorische Frage in der Überschrift dieses Artikels nach der Objektivierbarkeit eingegangen. Sie ist provozierend und wahrscheinlich wissenschaftlich nicht zu beantworten. Sie zwang sich auf, da die hier zu Worte gekommenen Schriftsteller bestätigen, was den meisten Besuchern Istanbuls widerfährt: dass man sich dem einmaligen Zauber dieser Stadt nicht entziehen kann. Die geographischen Gegebenheiten in der Verbindung mit der Architektur machen diese Stadt zu etwas ganz Besonderem. Aber das endgültige Urteil müssen wir dem Empfinden des Besuchers und den Künstlern überlassen. Yahya Kemal hat dafür folgende Worte gefunden: Jenes alte Istanbul, jenes große, schöne, farbenfrohe Istanbul, das die Europäer, die es einmal gesehen hatten, ohne Ende, erzählen, beschreiben, malen mußten…“

Vielleicht könnte ein Kunstwissenschaftler, der sich Istanbul als „peyzaj“ aus verschiedenen Blickwinkeln vorstellen würde, aus deren waagerechten, senkrechten und diagonalen Linien und den Farben je nach Wetter zu einem gewissen wissenschaftlichen Resultat kommen. Aber das könnte nicht endgültig sein, da die Stimmung fehlen würde, die durch das Zusammenspiel durch die Kulisse und ihre Bewohner hervorgerufen wird. 

Die Meinung einer Ankararerin

Nazli Eray hat auf ihre eigene Art die Entwicklung Istanbuls in einer Nachdichtung des eingangs zitierten Gedichtes von Orhan Veli bearbeitet. Ein Vers ganz ohne „hüzün“ sei hier aus dem Gedicht mit dem Titel „Istanbul’u dinliyorum –yil 1990“ zitiert:

 Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen
 Die Rauschgifthändler an der Straßenecke in Tahtakale 
 Die Mafia-Bosse, die sich das Lokal am Bosporus unter den Nagel gerissen haben
 Schnapsgelächter mischt sich mit der verschmutzen Luft
 Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen

Nichtsdestoweniger sind die „peyzajlar“ und deren Buntheit geblieben.
© Wolfgang E. Scharlipp

(Die türkischen Passagen sind im Internet nicht originalgenau wiedergegeben oder entfielen. Gestrichen wurden die Anmerkungen, die beim Autor zu erfahren sind: Netzpost: schar@hum.ku.dk)
 

Literatur
  • Agaoglu, Adalet: Hadi gidelim. Istanbul 1982. S. 41-48.
  • Caner, Beatrix: Türkische Literatur. Klassiker der Moderne. Hildesheim, Zürich, New York 1998.
  • Eray, Nazli: Dü? isleri bülteni. ?stanbul 1999.
  • Faroqhi, Sureiya: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. München 1996.
  • Karlsson, Ingmar: Europa och Turken. Betraktelser kring en komplicerad relation. Stockholm 2007. 
  • Naci, Fethi: Yüz y?l?n 100 Türk Roman?. Ele?tiri. Istanbul 1999.
  • Pamuk Orhan: Istanbul. Hat?ralar ve sehir. Istanbul 2003.
  • Sagaster, Börte: “Fremde Hieroglyphen” Zum Weltbild des frührepublikanischen Autors Yakup Kadri Karaosmanoglu. Understanding Near Eastern Literatures (V. Klem, B. Gruendler. , Hrsgs.). Wiesbaden 2000.
  • Schlyter, Birgit N.: En turkisk symbolist. Ahmet Hamdi Tanpinar (1901 – 1962). In: Naqd. Tidsskrift for Mellemøstens litteratur Nr.5 (2003), Ss. 3-23.
  • Tanpinar, Ahmet Hamdi: Bes ?ehir. Istanbul 1969.
  • Warburg, Margit: Citizens of the World. A history and sociology of the Baha’is from a Globalisation Perspective. Leiden, Boston 2006.
  • Yahya Kemal: Aziz Istanbul. Istanbul 1964.



22. März 2008

Bagdad: einst das ›Haus der Weisheit‹
– Melancholische Geschichtssplitter nach fünf Jahren Irakkrieg – 

›Fruchtbarer Halbmond‹ - einst. Heute eine Wüste schon im Wortgebrauch: ›Desert Fox‹ usw. Uruk – die Geburtsstadt Abrahams. Nach Desertgeschmack eine bloße Lautmalerei. 
Unter Haruns Herrschaft (786-809) war Bagdad ein ›Haus der Weisheit‹. Mamun (813-833) ließ griechische Texte übersetzen.

Averroes (1126 – 1198) berief sich auf arabische Aristoteles-Kommentare.
Hoch entwickelte Musik am Hofe Bagdads schon im 10. Jahrhundert. Der Philosoph al-Farabi (gest. 950) verfaßte »Das große Buch der Musik‹ und berief sich auf den Aristoteles-Schüler Aristoxenos. Die arabische Rhythmus- und Harmonielehre kam über europäische Kaufleute an die Höfe im Reich der Ottonen. Noch der Minnesang profitierte davon.

Angelsächsische Verwerfungen haben die ›Ex oriente lux‹ früh eingetrübt. Zuerst die Kolonialherrschaft der Engländer, danach die Bombardements der USA. Dazwischen die noch verheerendere authochtone Diktatorenzeit. Intellektuelle flohen scharenweise aus dem Irak. Auf einem Friedhof in Damaskus liegen nur Iraker, darunter der Dichter Mohammed Mahdi al-Djawahiri. 

Die schlimme Kolonialzeit und die Ausräucherung des ›Hauses der Weisheit‹: für Abendländer  unbekannte Welten. Sie vergnügen sich lieber mit endlosen Littelleien. 

Sprengstoffanschläge statt Dichterlesungen. Theokratische Weißkittelherrschaft statt Roben der Gelehrsamkeit.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com
 


8. November  2007

Über Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede

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23. Mai  2007

Preisverleihungen: einige Sanierungsfälle

In den Nachrufen eines jüngst Verstorbenen konnte man fast gleichlautend und mit kritischem Unterton lesen: ›überhäuft mit Preisen und anderen Ehrungen‹. Es handelte sich um eine jener öffentlich umworbenen Persönlichkeiten, die den Überblick über ihre Auszeichnungen verloren haben und bei denen der Grenzwert jeder neuen Ehrung gegen Null tendiert. Hat man erst einmal den Status eines Ehrungslieblings erreicht, häufen sich weitere Anfragen, unter denen der Kandidat die interessantesten Belobigungen auswählen kann. Er muß freilich mit viel Geschick abwehren. Da in den unterschiedlichen Preisgremien häufig die gleichen Juroren sitzen, darf man sie nicht verprellen. 

Ehrungslieblinge sind keineswegs seltene Fälle im Auszeichnungsbetrieb, im Gegenteil. Der Grund liegt weniger bei ihren unaufhörlich steigenden Verdienste, die neu auszuzeichnen wären, vielmehr sind sie zumeist das Opfer eines Jurorenkalküls: Wer schon mal und immer öfter öffentlich geehrt wurde, ohne dass dem Geehrten irgendetwas Nachteiliges angehängt werden konnte, ist für die Juroren ein Nullrisikokandidat bei gleichzeitigem Selbstgewinn. Denn er vermehrt das Ansehen des Preisgremiums so sehr wie dasjenige des Preisgekrönten. Man kann sich mit einem bekannten Namen medial besser in Szene setzen als mit einem unbekannten Gesicht, das sich zudem als Risiko entpuppen könnte. Besser also, auf eine sichere Namensbank setzen als auf eine Potenzialwette, zumal dann, wenn man sich mit Potenzialschätzungen nur halbwegs auskennt. 

Spätzeiten von Gesellschaften sind seit der Antike nicht allein an ihren kriminell zu nennenden Staatsverschuldungen und anderen Dekadenzen zu erkennen (vgl. WALTHARI-Heft 48/07 mit dem Schwerpunktthema ›De-Kadenzen‹), sondern auch an der Ehrungsinflation. Für Künstler und Literaten, Wissenschaftler und Journalisten, Politiker und Unternehmer werden postmodern ungezählte Auszeichnungen bereitgehalten, allein in Deutschland über fünfhundert Literaturpreise. Wenn die Wahlgremien so häufig den bequemen Weg (zu den Ehrungslieblingen) gehen, suchen sie ihre Risikoscheu auch mit dem Flüsterargument zu kaschieren, so viele Preiswürdige wie Preise gebe es leider nicht. Lieber häufele man die Preise auf Preisgekrönte, als unsichere Kantonisten auszuzeichnen. Unsicher ist freilich schon dann ein Literat in Deutschland, wenn er sich als kritischer Patriot zeigt, also nicht im Trend des postnationalen Globalismus mitschwimmt. Dieser Makel hat selbst einen Martin Walser, auch er ein Vielfachpreisträger, beschädigt, als er in seiner Friedenspreisrede sich zur Rolle des kritischen Patrioten unvorsichtigerweise bekannte. Es gibt auch im Verleihungsbetrieb Netzwerke und trendige Bewertungsmuster, in die man passen muß. Dazu gehört offenbar auch der Fall Annemarie Schimmel. Am 15. Oktober 1995 verlieh ihr der Börsenverein des deutschen Buchhandels den Friedenspreis, obschon »längst Informationen auf dem Tisch« lagen, die diese Würdigung in Zweifel zogen, wie Alice Schwarzer berichtet (in: ›Die Antwort‹, 2007). Frau Schimmel hätte »Verständnis für die Fatwa gegen Salman Rushdie‹ gezeigt – ein ungeheuerlicher Vorwurf. »Ausgerechnet dieser militanten Antidemokratin überreichte Bundespräsident Herzog ... 1995 in der Paulskirche den Friedenspreis.« 

Solche Fehlgriffe mögen einst Jean Paul Sartre veranlasst haben, den Literaturnobelpreis abzulehnen, eine bis heute nachhallende unerhörte Provokation. Denn selbst das Nobelkomitee entscheidet häufig trendig, nicht nach verdienstvollen Kategorien. Das gilt insbesondere für den Friedensnobelpreis, der vielfach politisch erst was bewegen soll, anstatt bereits Bewegtes zu belobigen. Dann scheut das Komitee nicht einmal davor zurück, selbst mordbelastete Politiker auszuzeichnen. Es ist auch schon vorgekommen, dass das Nobelkomitee einen Autor für ein Romanwerk auszeichnete, das er selber gar nicht geschrieben hat. Mit der Preisverleihung 1965 an den Sowjetschriftsteller Michail Scholochow (1905-1984) saßen die Juroren einem Betrug von säkularen Ausmaßen. Sein Romanwerk ›Der stille Don‹ erschien zwischen 1928  bis 1940 auf der Grundlage eines Textes des kosakischen Militärschriftstellers Fjodor Krjukow, dessen Originalversion bis heute verschollen ist. Der sowjetische Geheimdienst GPU hatte das Krjukow-Manuskript aus dessen Nachlaß entwendet und es Scholochow zugeführt, den der GPU systematisch-propagandistisch als sowjetischen Großschriftsteller aufbaute, um ein Vorbild für die gesamte stalinistische Literatur vorweisen zu können. In den Stille-Don-Roman wurden auch andere Fremdtexte eingebaut, so von Michail Bulgakow und Andrej Platonow. Der stalinistische Falschmünzer  Scholochow wurde von den Sowjets mit Ehrungen und Preisen überhäuft (Stalin-, Leninpreisträger usw.) und als Galionsfigur jahrzehntelang ins ideologische Rennen geschickt. Er war zeitweise Abgeordneter des Obersten Sowjets und Mitglied des Zentralkomitees der UdSSR und hielt auf Kongressen parteistramme Reden. Nicht nur zu Sowjetzeiten wurde er als Held gefeiert, auch anlässlich seines 100. Geburtstages 2005 überschlugen sich in Rußland die Preisungen. Daß 1965 das Nobelkomitee in die Betrugs- und Propagandafalle tappte, ist unverzeihlich, denn Gerüchte über die Popanzerei gab es schon lange vorher, und der privilegierte Status unter dem persönlichen Schutz Stalins hätte die Juroren mehr als stutzig machen müssen. 

Ein anderes Spezialfeld für zuweilen sanierungsbedürftige Auszeichnungen stellen die Universitäten dar. Sie verleihen Ehrendoktorate, Honorarprofessuren und Ehrensenaturen. Obschon die Verleihungsordnungen strenge Kriterien auflisten, gibt es auch hier das Phänomen der Ehrungslieblinge. Wer kräftig gestiftet hat, kann sich Kandidatenhoffnungen machen. Funktioniert dazu das interne Netzwerk, ist der Weg zum Mult, Hono und Sena frei.
Der Verleihungsmarkt (es ist ein Markt, wenn auch ein spezieller) zeichnet sich ökonomisch dadurch aus, dass er i.d.R. völlig intransparent ist und sich jeder Evaluation entzieht. Gemessen an dem sozialkapitalistischen Gewicht dieses Marktes ist diese Praxis erstaunlich. Es gibt keine Untersuchung, die den Auszeichnungsmarkt insgesamt erfasst und nach Kriterien (nicht allein ökonomischen) analysiert. Noch bemerkenswerter ist das zumeist völlige Fehlen späterer Entscheidungsüberprüfungen. Was anhand fester Maßstäbe entschieden werden kann, müsste auch maßstabsgerecht überprüfbar sein, wenn auch erst nach Jahren und Jahrzehnten wie im Falle Scholoschow. Was ist z.B. geblieben von einem Dramatiker, der vier Preise für seine Modestücke einkassiert hat?
Der Verleihungsbetrieb agiert bekanntermaßen auf einem Feld versteckter Eitelkeiten und  janusköpfiger Ruhmproduktion. Man darf wohl zurecht vermuten, dass keine geringe Heerschar von Künstlern, Wissenschaftlern u.a. sich für höchst preiswürdig hält und insgeheim Anfragen sehnlichst erwartet. Eine Art Sättigungsgilde stellen jene eingangs erwähnten Belobigungssammler dar, unter denen gewiß einige ihre Sammlungen nicht mehr überblicken. Es gibt sie, diese Preisinflation, von der die Verleiher häufig mehr profitieren als die Belobigten. Aus dem Sanierungsfall des Geistes wird dann leicht einer des Charakters. 
WALTHARIUS
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