Walthari


Besprechungen

 
17. Januar 2012

Martinez, M. (Hrsg.): 
Handbuch Erzählliteratur., Theorie, Analyse, Geschichte
Verlag  J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2011, 308 Seiten, 69,95 Euro

Zusammen mit dreiunddreißig Mitautoren präsentiert der Herausgeber drei Hauptkapitel: 
A. Theorie der erzählenden Literatur
B. Grundbegriffe der Erzählanalyse und
C. Geschichte der erzählenden Literatur.

Kapitel A wird unterteilt in:
I. Grundbestimmungen
II. Medialität des Erzählens
III. Psychologie des Erzählens
IV. Funktionen des Erzählens 
V. Hauptströmungen der modernen Erzähltheorie. 

Die Grundbegriffe werden unterteilt in:
1. Erzählstimme
2. Perspektive
3. Figur
4. Zeit 
5. Raum

Der historische Bogen besteht aus den Bausteinen Antike, Mittelalter, 17. und 18. Jahrhundert, Klassik und Romantik (1780-1830), Klassische Moderne (1890-1930) und Erzählliteratur der Gegenwart (ab 1930). Vier Verzeichnisse beschließen das Handbuch: Autoren, Literatur, Sach-, Namens- und Titelregister. Soweit der formale Aufbau.

Die überbordende Erzähltradition und -systematik bzw. -theorie überschaubar zusammenzufügen verlangt den Mut zum Weglassen, zu Verkürzungen und Vergröberungen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, den ausgeuferten Erzählbegriff auf die hier gemeinte sprachlich-literarische Form zu reduzieren, ohne das Anregungspotential der nicht-literarischen Formen (auch Gerichte, Parlamente, Gutachter u.a. sprechen von Erzählungen) zu übersehen. Obschon der Herausgeber im Vorwort nicht angibt, für welchen Leserkreis das Handbuch vornehmlich gedacht ist, ergibt sich aus der Gesamtanlage und aus den einzelnen Kapiteln, daß eine universitäre und schulische Verwendung die erste Absicht ist. Das Kompaktwissen will Studierenden und Deutschlehrern zur Hand gehen und literarischen Laien eine Orientierung bieten. Literaturwissenschaftlern und -redakteuren wird ein Anschluß an den aktuellen Forschungsstand zugesagt. Literaten (als weiter denkbare Adressatengruppe) werden wohl nicht viele Anregungen finden, geht es doch um stoffverdichtete Aufklärung, nicht um schreibpragmatische Analysen. Der umfangreiche literaturhistorische Teil (rund vierzig Prozent Textanteil) spricht ebenfalls für diese Einschränkung. 

Ich lese einzelne Kapitel aus der Perspektive des Literaten und Herausgebers einer Literaturzeitschrift, die gerade ihr 57. Heft mit dem Thema: ›Literatur des Unsagbaren und Ungesagten‹ erschienen ist. Man muß lange suchen, bis man Spuren dieses doch zentralen Themas (Methapherologie u.a.) im Handbuch entdecken kann. Das liegt wohl an der verbreiteten Neigung im modernen wissenschaftlichen Denken generell, den Formalisierungen mehr Beachtung zu schenken als den Substanzen. Der Beitrag ›Kontextorientierte Theorien‹ (S. 115-125) von Andreas Mahler liefert dafür ein beredtes Beispiel. Es wird mit wissenschaftlicher Stopfsprache kräftig schematisiert. »Genderorientierte Text-Kontext-Ansätze lesen textuelle Modellierungen des Domestikationssujets oftmals wie kontextgerechte Dokumente lebensweltlicher weiblicher Emanzipation bzw. ihrer Unterdrückung« (S. 122). »Kontextorientierte Theorien präsupponieren ›Realität‹« (S. 123) – wem schmecken solche Sätze? Vielleicht einer unter zehn Studierenden der Literaturwissenschaft beißt sich durch diese Prosa. Und Leser außerhalb der Germanistengemeinde werden sich abwenden. Gottseidank sind solche hohen Verständnishürden im Handbuch selten. So lesen sich ›Erzählen mit Bildern‹ und ›Erzählen mit Musik‹ flott. Zum Beitrag ›Computergestütztes Erzählen‹ von H.-J. Backe hätte man sich gewünscht, daß tiefer erörtert worden wäre, inwieweit Digitalisieren das Schreiben und die Lesegewohnheit verändert.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com