| 17. April 2008
Krämer, H.: Kritik
der Hermeneutik.
Interpretationsphilosophie und Realismus,
C. H. Beck Verlag, München 2007, 253 Seiten,
24,90 Euro
Als Werner Heisenberg im Alter von 25 Jahren die Unschärfe-
oder Unbestimmtheitsrelation in der Physik entdeckte (vgl. die Rezension
in diesem WALTHARI-Portal), konnte er noch
nicht ahnen, daß er auch zum naturwissenschaftlichen Beschleuniger
der Hermeneutikdominanz werden würde. Was Kant mit seiner These von
der Unzugänglichkeit des ›Ding an sich‹ und Nietzsche mit seiner konstruktivistischen
Geschichtsauffassung in Gang gesetzt hatten, baute Hans-Georg Gadamer zu
einer hermeneutischen Theorie aus (in: ›Wahrheit und Methode‹, 1960), die
zur vorherrschenden Denkrichtung geworden ist. Die darin zur Erkenntnislehre
geschrumpfte Hermeneutik behauptet nicht nur die grundsätzliche Unerkennbarkeit
der wahren Wirklichkeit, sondern geht auch davon aus, daß das, was
wir an der Wirklichkeit erkennen, nur unter subjektiver Perspektive zu
erfahren sei. Daher kann die Interpretationsphilosophie behaupten, daß
es viele Welten und viele Wahrheiten gebe. Immer nur verfügten wir
über Interpretate, woraus das radikale Toleranzgebot (bis hin zum
Multikulturalismus), und die vielen Andersakzeptanzen abgeleitet wurden.
Das ›Andere‹ als akzeptanzpflichtige Fremdsichtige ist ein beliebter Topos
in Wissenschaft und Politik geworden. Die Gefahren lagen von Anfang an
auf der Hand: Beliebigkeit und der Verzicht auf Anstrengungen, der Wirklichkeit
näher zu kommen. Alle Sichtweisen können nach Putnam gleiches
Wahrheitsrecht beanspruchen. Nicht allein andersartige Alltagserfahrungen
mßten stutzig machen, auch harte Tatsachen stehen der Perspektivpluralität
entgegen: Raumstationen um die Erde sind naturwissenschaftlich nicht beliebig
konstruierbar; es gelten harte Naturgesetze. Der Konstruktivismus muß
also Grenzen haben, wie ich es bei der Vorstellung der Interpretationsphilosophie
(in den WALTHARI-Heften 23, 24 und 26) vermutet
habe. Der Tübinger Philosophieprofessor Hans Krämer rollt nun
das hermeneutik-kritische Feld systematisch auf. Der »dogmatische
Interpretationismus« ist nach seiner Überzeugung ein Nachfahre
des idealistischen Erbes, weil er die objektive Erkenntnis von Realitäten
leugne. In der Tat besteht ein Problem der Interpretationsphilosophie darin,
daß sie unterstellt, die Realität sei stets anders als das Interpretat.
Nicht einmal zufällig können beide als deckungsgleich angenommen
werden, denn wir können es erstens nicht wissen und würden zweitens
den abweichenden Sichten die Anerkennung verweigern, was gegen ein Grundgesetz
dieser Philosophie verstieße. Wo kein neutraler Bezugspunkt, kann
nichts mehr objektive Gültigkeit beanspruchen. Auch nach Krämer
ist Wirklichkeitserkenntnis stets mitkonstruiert, aber mit dem Unterschied,
daß der Realitätswille primär bleibt und man sich nicht
mit der subjektiven Sicht zufrieden gibt. Er plädiert für eine
Theorie der Annäherung an das Reale, aber in vertikaler Form, nicht
allein horizontal auf der Ebene der Interpretate. Das beuge Beliebigkeiten
vor und halte die Realitätssuche in Gang. Insofern sei die Wirklichkeit
kein reines Konstrukt, vielmehr ein Substrat aus Wahrnehmung und Erfahrung,
die über das Subjektive hinausreiche (durch objektive Meßergebnisse).
Damit wird zweifellos dem verkappten Idealismus, der sich aus der Suche
nach Letztbegründungen speist, arg zugesetzt. Wirklichkeit existiert
auch ohne unser Verstehen. Daß kein Verstehen ohne Wirklichkeit möglich
ist, geriet zu sehr aus dem Blick. Die wohl zentrale Textstelle ist unter
›skeptischer Realismus‹ zu lesen (S. 206 f.): »Immerhin ist Wahrheit
oder Fallibilität weniger selektiv als die Interpreativität,
die zwischen Realität und Erfahrung trennt und damit eine komplexe,
doppelt gebrochene epistemologische Situation einführt. Fallibilität
beschränkt sich auf Einzelfälle, während Interpretativität
Lückenlosigkeit beansprucht und damit die weitere Diskussion eindeutig
präjudiziert. Im übrigen ist Irrtum in der Regel leicht nachweisbar,
Interpretation im starken Sinn dagegen kaum, soweit sie nicht in realistische
Verhältnisse zurückgenommen wird. Die größere methodische
Breite des Realismus ist damit offenkundig.«
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die
Originalzitate. Aus: www.walthari.com
30. Januar 2008
Marten, R.: Die Möglichkeit des Unmöglichen.
Zur Poesie in Philosophie und Religion
Verlag Karl Alber, Freiburg und München 2005,
203 Seiten, 22,- Euro,
Der Poesiebegriff hat seit Aristoteles erhebliche Wandlungen
erfahren. Verstand man unter dem altgriechischen Poiesis ein zweckgerichtetes
Handeln im Gegensatz zur Praxis als Selbstzweckhandeln, so war sie bei
den Frühromantikern gleichbedeutend mit schöpferischer Urkraft,
die alles menschliche Handeln trägt, insbesondere aber die Kunst und
Literatur. Das Grimm’sche Wörterbuch hebt die beiden Kernbedeutungen
(Dichtungskunst als Handlung und Ergebnis) von der Poesie anderer Künste
und allgemeiner Lebensbereiche ab (poetisch versus prosaisch, alltagsnüchtern).
R. Marten sieht das Gemeinsame dieser Unterscheidungen in der Überschreitung,
die dem praktisch Möglichen verwehrt ist. »Poesie erwirkt,
wider den bons sens, die Möglichkeit des praktisch Unmöglichen«
(S. 11). Beispiel: Ein Haus bauen können gehört zum praktischen
Möglichen und Wirklichen. Dieses Können besitzt nicht die Potenz,
z.B. ein Romanszenario zu entwerfen, weil dies eine Überschreitung
des praktisch Möglichen ins nur Fiktionalmögliche darstellt.
»Zu praktisch Unmöglichem hat ein Handelnder weder das Vermögen
noch bietet es sich ihm jemals in der Handlungswelt als Alternative an«
(S. 12). Um den Rahmen des praktisch Möglichen auszuschöpfen,
bedarf es zwar Phantasie, aber keiner Poesie. Diese kommt ins Spiel, wenn
z.B. in Jesaja (65, 17, 17-25) eine neue Erde versprochen wird. Es handelt
sich um eine »Utopisierung des Selbst«, die seine praktisch
mögliche Potenz überschreitet (S. 14 f.). Die Kernthese Martens
behauptet nun: Freiheit und Aufklärung werden erst erreicht, wenn
das praktisch Mögliche überschritten wird. »Erst die Erfahrung,
ja Praktizierung des Über-sich-hinaus läßt sie (die Freiheit)
gänzlich ihrer selbst sicher sein« (S. 16). Das Mögliche
dieses Unmöglichen zuzulassen ist die Bedingung für Aufklärung,
die sich damit über ihre Ambivalenz selber aufklärt. »Wer
sich gänzlich auf das Mögliche einschränkt, verschattet
nicht allein die Ambivalenz philosophischer Aufklärung, sondern auch...
die Ambivalenz der Freiheit«, die es wagen muß, »sich
ihrem Anderen zu überlassen: der Unfreiheit, das heißt der Alternativlosigkeit«
(S. 16). Dieses »gewagte Spiel mit sich selbst« ist die Bedingung
der Möglichkeit von Unmöglichkeit. Für sich selbst bleibt
die Freiheit unaufgeklärt; erst mit der Erfahrung der Andersheit der
Unfreiheit bleibt diese als Widersacher potenziell präsent und macht
die Freiheit »zur Meisterin der Beschränktheit« (S. 17).
Martens schwierig zu lesende Analysen sind alles andere als nur Wortspiele.
Es geht um die Ganzheit des Lebens, das seinen Sinne erst erschließt,
wenn das lebenspraktisch Wirkliche und Mögliche »durch eine
Welt der Wunder poetisch ergänzt« wird (S. 196). Zwar versuchen
religiös-poetische Existenzen am intensivsten, »sich von der
Lebenswirklichkeit distanziert zu wissen« (S. 197) doch bleibt
das Ziel der »poetischen Selbstaufklärung« (S. 198)
eine allgemeine Lebensmaxime. Sie rät nicht, aus der Wirklichkeit
zu fliehen, teilt aber »‹mit dem Lebenskünstler die Einsicht
in die Vergeblichkeit des eigenen Tuns«. Diese Vergeblichkeit ist
frei gewählt und bejaht die Poesie als Versuch, »gegen alle
gesellschaftliche Widerwärtigkeiten die Kunst der Lebensführung
ins Spiel zu bringen«, d.h. »eine »Leben mit Wundern«
anzustreben. Ohne dieses poetisch Wunderbare wäre das Leben Selbstbetrug.
Wer diesen »Selbstverrat« vermeiden will, hat »dem Unerträglichen
und nicht Hinnehmbaren gezielt die Anpassung zu versagen« (S. 198).
In zehn Kapiteln wird diese Selbstaufklärung bei Vertretern der Philosophie
und Religion untersucht. Vor Martens Tribunal treten Marc Aurel, Gilgamesch,
Platon, Kant, Adorno, Euripides, Anselm, Leibniz, das Alte und Neue Testament
sowie der Gottesglaube. Dabei ergeben sich Ungereimtheiten. Marc Aurels
›eindeutige Aufklärung‹ lehnt Marten nur milde ab, er sucht den Stoiker
mit einer Augenmetapher zu retten, während er mit dem poetisch Religiösen
hart ins Gericht geht. Als ob einem Dante et al. nicht die poetische Überschreitung
in die christliche Transzendenz gelungen wäre.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die
Originalzitate. Aus: www.walthari.com
29. Januar 2008
Neuhaus, V.: Andre
verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papier. Goethes
Leben in seiner Lyrik
DuMont Buchverlag,
Köln 2007, 367 Seiten, 24,90 Euro
Unausschöpflichkeit
ist ein sicheres Zeichen von Größe. Obschon über Goethe
unendlich viel geschrieben wurde, werden immer noch neue Facetten und Zugänge
entdeckt. Auf die Idee, ›Goethes Leben in seiner Lyrik‹ (Untertitel) nachzuzeichnen,
sind im Laufe der Wirkungsgeschichte sicherlich schon viele gekommen, doch
Volker Neuhaus, Literaturwissenschaftler an der Universität zu Köln,
wagt es stringent – und dazu ohne Bezugsnetz: keine Sekundärliteratur,
keine Anmerkungen und Fußnoten, einzig mit einem Personenregister.
Vorgestellt werden direkte Zugänge zum Text, und zwar am biographischen
Seil, das von einer Lebensstation zur nächsten führt. Weil Goethe
sein Lebenslauf auch lyrisch markiert hat, ist ein Rückschluß
von den Gedichten auf sein Leben überhaupt erst möglich. Die
umgekehrte Verfahrensweise ist gängige Interpretationspraxis: Man
fragt nach der Lebenslage, aus der heraus ein Gedicht entstand. Genau besehen,
kombiniert Neuhaus beide Methoden, so etwa in dem Kapitel ›Deutschheit
emergierend‹. Die Interpretation beginnt mit der Schilderung der Situation
im Elsaß, nachdem Straßburg (1681)französisch geworden
war (vgl. dazu: ›Die elsässische Doppeltragödie‹, Sonderdruck
2008 des WALTHARI-Heftes 49; Näheres in
diesem Portal unter dem Fenster Literaturzeitschrift). In »Straßburg
opponiert die deutschstämmige Jugend gegen die bislang nie in Frage
gestellte sprachliche, literarische und kulturelle Hegemonie des Französischen,
wie sie stellvertretend für die Mehrzahl der deutschen Höfe Friedrich
II. von Preußen bedingungslos vertrat. Deutsch erscheint der Jugend
in einer noch deutsch geprägten Stadt in Frankreich nun als geschichtlich
gewachsen, echt, bieder, ehrlich, das Französische hingegen als oktroyiert,
falsch, oberflächlich und verlogen... So nimmt es nicht wunder, daß
eines der Resultate der Straßburger Zeit ebenjene Schrift mit dem
durchaus provokant gemeinten Titel Von deutscher Art und Kunst,
ist, in der Ossian Shakespeare und das Straßburger Münster emphatisch
als ›deutsch‹ reklamiert werden.« Goethe ging später dazu auf
Distanz, was festgestellt wird, ehe Textbelege folgen. Kombiniert verfährt
der Autor auch mit dem ›Heidenröslein‹. Bei alledem werden detaillierte
Lebensfakten meistens ausgespart. Dennoch muß Neuhaus den Leser nicht
enttäuschen, dann nämlich, wenn man seiner kategorialen Suche
folgt. Dann erfährt man einiges über Goethes Liebesflucht, Bindungsscheu,
Sinnstiftungsmanie, dialektische Denkweise, Skepsis, Ominafühligkeit
usw. »Goethe haßte lebenslang Abschiede«, schreibt Neuhaus
und zitiert: »... in jeder großen Trennung liegt ein Keim von
Wahnsinn...«
©Univ.-Prof.
Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
9. Januar 2008
Anz, Th.. (Hrsg.):
Handbuch
Literaturwissenschaft,
Bd. 1: Gegenstände
und Grundbegriffe, 511 Seiten;
Bd. 2: Methoden
und Theorien, 497 Seiten;
Bd. 3: Institutionen
und Praxisfelder, 420 Seiten;
Verlag J. B. Metzler,
Stuttgart und Weimar 2007, zusammen 199,95 Euro
Wer sich als Rezensent
auf dieses dreibändige Handbuch einläßt, muß mehrere
Tage an Lese- und Prüfzeit investieren und wird am Ende von dem Gefühl
befallen, sich dem Großprojekt nur teilweise angenähert zu haben.
Der Herausgeber Thomas Anz und seine sechsundsechzig Mitautoren versuchen
nämlich nichts weniger, als in einem Kraftakt den Stand und Zustand
einer hochentwickelten Wissenschaft, die in den letzten Jahrzehnten sich
verändert hat wie zu keiner Zeit zuvor, in einer Zusammenschau so
zu beschreiben, daß auch Nichtgermanisten (ich verwende absichtlich
diese Bezeichnung) sich zurechtfinden und mit zunehmender Beschäftigung
größeren Leseappetit entwickeln. Das Handbuch ist also nicht
allein für Literaturwissenschaftler als Standardwerk gedacht, sondern
auch als Lehrbuch für Studierende und für die gesamte schreibende
Zunft sowie für alle Liebhaber der anspruchsvollen Literatur.
Man wird, ohne den Überblick zu verlieren, durch ein äußerst
verwinkeltes Gebäude geführt, stets umsichtig und gut verständlich.
Hier der Überblick:
Band 1:
1. Text und Literatur
2. Texttypen und Schreibweisen
3. Stilistische Textmerkmale
4. Textwelten
5. Autor
6. Leser
7. Medialität
8. Institutionen der
Literaturvermittlung
9. Kontexte
10. Normierung und
Reflexivität literarischer Kommunikation
Band 2:
1. Textkritik und
Textbearbeitung
2. Textanalyse und
Textinterpretation
3. Textbewertung
4. Literaturgeschichtsschreibung
5. Theorien und Methoden
der Literaturwissenschaft
6. Literaturwissenschaft
und ihre Nachbarwissenschaften
Band 3:
1. Geschichte der
Literaturwissenschaft
2. Literaturwissenschaft
als Institution in der Gegenwart
3. Berufsfelder
4. Literaturwissenschaftliches
Recherchieren, Schreiben und Publizieren
Jedes dieser Hauptkapitel
ist weiter untergliedert, so z.B. in Band 1:
3. Stilistische Textmerkmale
3.1 Stilarten
3.2 Rhetorische Figuren
3.3 Bilder/Tropen
3.4 Politische Metaphorik
3.5 Metapher-Allegorie-Symbol
3.6 Bild im Text,
Text im Bild.
Die Qualität eines
Handbuches erweist sich nicht zuletzt im Anhang, der für die Wegweisung
bekanntlich wichtiger ist als das Inhaltsverzeichnis. Man will z.B. über
ein Stichwort, sagen wir Intertextualität, rasch den Stand der Forschung
und die dazugehörigen Hauptquellen erfahren. Der große Anhangteil
in Band 3 mit seinem ausführlichen Sach- und Personenregister läßt
den Nutzer nicht im Stich. Wer zu den Quellen vorstoßen will, muß
den Umweg über die Fachkapitel wählen, dem jeweils ein Literaturverzeichnis
angefügt ist. Bei nur wenigen Kapiteln stellt sich der Leseindruck
ein, hier wollen die Literaturwissenschaftler unter sich bleiben – ein
berechtigtes Anliegen. Das trifft vor allem für Band 2 zu und darin
in besonderer Weise für Kapitel 5: ›Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft‹.
Dabei
erstaunt, mit welch geringem Selbstbewußtsein der geisteswissenschaftliche
Disziplinbegriff vertreten wird. Ängstlich schielen Tilmann Köppe
und Simone Winko auf den speziellen Theoriebegriff der Naturwissenschaften,
ehe sie einen bald 90seitigen Beitrag abliefern, der sich teilweise auf
ältere wissenschaftstheoretische Literatur bezieht. Längst
ist doch geklärt, daß von einer Theoriepluralität auszugehen
ist, in welcher axiomatische, analytische, hypothetisch-deduktive, nomologische,
verstehende u.a. Varianten gleichermaßen anerkannt sind. Eine
literaturwissenschaftliche Theorie kann sich nicht, wie in der Mathematik,
axiomatisch herleiten, auch nicht über empirisch falsifizierbare Hypothesen
wie in der Physik, wohl aber über historisch und systemkategorial
legitimierte Postulate, die mit Axiomen nicht identisch sind. Dennoch wollen
die Verfasser bei der Theoriebildung in der Literaturwissenschaft von Axiomen
ausgehen und setzen auf Modelle, die eher in den Sozial- und Naturwissenschaften
zuhause sind. Eine Disziplin, die sich bei ihrer Theoriebildung so wenig
zutraut (vgl. S. 280 und 288), darf sich nicht wundern, wenn sie dazu beträgt,
im wissenschaftspolitischen Kampf mit den favorisierten Naturwissenschaften
den Rang der Geisteswissenschaften insgesamt zu schwächen. Und erstaunlich
auch, welche geringe kritische Aufmerksamkeit einer Disziplinschwächung
durch die interdisziplinäre Mode gewidmet wird, so durch die Kulturwissenschaften
(Band 2; S. 361 ff., Band 3, S. 179 ff.).
Die meisten Leser
werden sich jedoch von solchen Binnenfragen nicht abhalten lassen, dem
Handbuch ganz praktische Seiten abzugewinnen, wie sie besonders in Band
3 geboten werden. Der Rezensent sehnte sich am Ende des Durchgangs nach
einem Schmunzelanlaß, entspannungshalber, wie es nach der Verdauung
schwerer Brocken auch in der Wissenschaft erlaubt sein muß (Philosophen
lachen bekanntlich dann am meisten, sic!). Die Anz-Mannschaft bietet leider
wenig Schmunzelreize: Lachen und Humor fehlen schon im Stichwortverzeichnis;
auf Ironie kommen drei blutleere Stellen zu sprechen. In der Literatur
wird zweifelsohne viel geschmunzelt und noch mehr ironisiert. Es muß
Gründe geben, warum Literaturwissenschaftler so bierernst zur Sache
gehen, wenigsten in diesem Handbuch.
©Univ.-Prof.
Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
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