Walthari


Fortsetzungstexte gedruckter WALTHARI-Ausgaben


 
15. November 2010

Ich und Subjekt
- Ergänzungstext zum Beitrag ›Existentialer Exkurs: Noetische Einsichten‹
in  WALTHARI-Heft 55

Über das Ich als integrales Fließphänomen haben sich Philosophen und Wissenschaftler aller Zeiten ›den Kopf zerbrochen‹ - schon sprachlich eine rätselhafte Metapher. Das Ich oder Subjekt kann über sich selber nachdenken und zur zweifelhaften Selbstgewißheit gelangen. Schon Aristoteles zeigte sich verwundert über die Tatsache, daß in der Selbstanschauung die Vernunft zugleich Subjekt und Objekt ist, d.h. denkt im Gedachten (›De anima‹ III, 4, 430 a 2). Augustinus erkannte dabei den entscheidenden Schritt, nämlich das Abstrahieren. Der Geist übersteigt als »intellectus agens« das Sein (essentia«) und wird zum intelligiblen Betrachter seiner selbst, bemekrt Thomas von Aquin (›Summa theologiaca‹, I, 87, 1, 3). Nikolaus von Kues präzisiert: Die Seele erkennt sich nur als Handelnde, nicht aus sich heraus (›De venatione sapientiae‹, XXIX, § 87). Descartes leitete einen entscheidenden Bruch ein: Das »res cogitans« (Ich) ist scharf zu trennen vom »res extensa« (den Dingen). Auf der Ich-Seite lautete seine einfache Formel: »ergo sum ego existo« (da ich bin, existiere ich auch). Bei Dieter Henrich wird diese Dualität wieder zurückgenommen (vgl. den gedruckten Walthari-Beitrag): Alle Welterkenntnis ist zugleich Selbsterkenntnis. Eingeleitet wurde diese Wende mit den »intellectus agens« von Thomas und durch Kants Unterscheidung zwischen empirischem und transzendentalem Ich. Letzteres erfährt sich als Handelndes, das reine oder transzendentale Ich steht für die Einheit des Bewußtseins, aus dem heraus die formalen Prinzipien für die Dingerkenntnis geschaffen werden. Dieser Konstruktivismus scheitert gegenüber den ›Dingen an sich‹ und dem eigenen Ich. Das denkende Subjekt kann nicht hinter sich selbst schauen und auch nicht hinter das Wesen der Dinge (Welt). Das reflektierende Ich erfährt sich als Objekt des Nachdenkens und als Subjekt, das nachdenkt. In der Ich-Philosophie Fichtes wird ein »absolutes Subjekt« gesetzt. »Sowie es sich setzt, ist es; und so, wie es ist, setzt es sich; und das Ich ist demnach für das Ich schlechthin und notwendig. Was für sich selbst nicht ist, ist kein Ich« (›Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre‹, I, § 1, 7). Nach Jaspers ist das Ich das »Urphänomen unserer Reflexion«, das sechsfach auftritt: 1. »Ich ist als Dasein… der blinde Eigenwille. 2. Ich ist »Bewußtsein überhaupt«. 3. Ich ist Stätte der Idee, als Teil des Ganzen. 4. Ich als Existenz. 5. Ich als Vernunft, als »Ganzwerdenwollen des Menschseins schlechthin« (›Von der Wahrheit‹, 1947, 254). Unter dieser Sicht ist das Ich mehr als bloßes Bewußtsein (Geist), sondern auch Einstellung, Wille, Gefühl und leibliches Dasein. Die Gestaltpsychologen sahen daher das Ich changieren zwischen Gefühlsich, Körperich usw. (W. Köhler). Obschon allen Ichformen eine gemeinsames Meta-Ich zugrunde liegen muß (nach Ph. Lersch der »archimedische Punkt«), weil sonst keine Lebenskontinuität gegeben wäre, kann die Selbsterfahrung als fließend betrachtet werden. Die Spannweite reicht horizontal vom Traum-Ich bis zum hochreflexiven Selbstdeutungs-Ich. Vertikal wird im Referenztext (im WALTHARI-Heft 55) die Verbindung zur All-Einheit hergestellt. 
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com 
 


 29. September 2010

Vielgesichtige Natur
Ein Streitgespräch über ihre rätselhafte Schönheit und Brutalität

Naturlyrikerin  »Wie herrlich leuchtet mir die Natur...«
Evolutionsforscher  Eine glatte Täuschung, Verehrteste. Nichts ist zerstörerischer als Naturkräfte.
Waltharius  Hat der Dichter dieses Verses längst gewußt. An seinen Freund Schiller schrieb er am 6. Januar 1798: »Ich gebe gern zu, daß es nicht die Natur ist, die wir erkennen, sondern sie nur nach gewissen Formen und Fähigkeiten unseres Geistes von uns aufgenommen wird.«
Philosoph  Wie man sieht, war Goethe auch ein glänzender Erkenntnistheoretiker. Natur wird uns jeweils zu dem, was wir an ihr erkennen. Aber ganz wird sie sich nie zu erkennen geben. 
Naturlyrikerin  Das schon, aber letztlich hält sie uns wohlig in ihren Armen: »Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat.«
Evolutionsforscher  Vermutlich wieder so ein Goethezitat und diesmal ein ganz unerträglich falsches. Wohltat? Ist sie wohltätig, wenn Menschen von unheilbaren Krankheiten zerfressen werden? Nein, nein, die Natur ist keine Idylle, sie schafft und vernichtet in einem Zug, ohne Herz, ohne Moral, nur nach ihren Gesetzen. Und eines ihrer Evolutionsgesetze lautet: Ich muß dich fressen, damit ich überlebe und meine Spezies sich weiterentwickeln kann. So verhalten sich Tiere in freier Wildbahn, und wir Menschen benehmen uns nicht viel anders.
Philosoph  Halt, halt, mein Freund, nicht so streng! Im Menschen lernt die Natur sich zu zähmen.
Waltharius  Aber nur in den besten Fällen. 
Evolutionsforscher  Jaja, die Moral als Bremse, als Notbremse, wenn die Triebe den Geist überwältigen.
Waltharius  Selbst hochmoralische Zivilisationen und sogar Religionen benehmen sich wie Tiere in freier Wildbahn – die Römer vernichteten die Phönizier, das Christentum zertrat die griechische und germanische Mythologie, und zur Zeit will der Islam, nicht zum ersten Mal, alles...
Evolutionsforscher  Sehen Sie! Ob in der Natur oder Kultur – letztlich herrscht das gnadenlose Gesetz der Entwicklung, der schaffenden Vernichtung oder wie immer man es nennen will. Die Evolution gehorcht einem inneren Bewegungsgesetz, das wir niemals ganz verstehen werden.
Naturlyrikerin  Wenn wir sie auch nicht ganz verstehen, so können wir sie doch empfinden.
Evolutionsforscher  Sie mit Ihren schwärmerischen Empfindungen! Gift für naturwissenschaftliches Denken.
Naturlyrikerin  Als ob nicht auch die genialsten Naturforscher von den Wundern der Natur geschwärmt hätten! Max Planck war fasziniert von ihrer Schönheit und von ihren mathematischen Bauplänen. Auch andere Genies priesen die Natur als Manifestation der Mathematik. Wollen Sie das bestreiten?
Waltharius  Kann er gar nicht, aber die Sache erscheint mir komplizierter, und ich erlaube mir dazu auf das WALTHARI-Heft 24 hinzuweisen. 
Naturlyrikerin  ›Erdichtete Natur‹? Ich habe alles verschlungen, sogar die ›Honigsenfsoße‹ im Tagebuchteil. Wenn man dazu in Heft 35 die vier Kritiken über die ›Postmodernen Göttergespräche‹ hinzunimmt, dann sollten wir auf anderem Niveau diskutieren. 
Philosoph  Es darf also wieder geschwärmt werden.
Waltharius  Es muß! Gerade am Beginn dieser dritten Zivilisation, die unsäglich rast und rast...
Astronom  Dann schwärmt mal schön. Es lenkt vom Schauder ab, der mich überkommt, wenn ich ins Weltall blicke. 
Evolutionsforscher  Auch das ist Natur, Herr Kollege.
Astronom  Und was für eine! Abgründe.
Naturlyrikerin  Ja, Abgründe, die ebenso faszinieren und ängstigen wie ein Blick auf die Erde.
Astronom  Ein Winzling, den wir gerade ruinieren.
Waltharius  Eine kosmische Perle – vor die Säue geworfen. …
Auszug aus WALTHARI-Heft 42/2004
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com