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| 17. Dezember 2007
Ergänzungen
zu ›Die elsässische Doppeltragödie‹,
Von Dr. Manfred Kuhn Seite 67: Jeder
Dorfbub
Der Zweite Weltkrieg löste die Identifikation des Elsasses mit seiner Sprache auf, da man dadurch sich von dem Vorwurf der Kollaboration und des damit einhergehenden Vorwurfes einer Antihaltung zu Frankreich lösen konnte. Die radikale Forderung der Jakobiner fand damit eine Antwort: Die Totale von Volk und Sprache. Die Beobachtungen des
Besuchers im Nachkriegselsaß zeigen das abnehmende Zucken einer Gesellschaft,
die sich von ihrer Sprache und damit von ihrer Kultur verabschiedet.
Die in den 90er Jahren des 20.Jhs. gestarteten Versuche der Straßburger Akademie zur Durchführung eines bilingualen Unterrichts werden nach dem Aussterben des elsässischen Dialektes keineswegs den ursprünglichen elsässischen Sprachstand erreichen können. Modell einer europäisch initiierten Gemeinsamkeit in Sprache und politischer Kultur hätte das Doppeldorf Scheibenhardt/Scheibenhard im pfälzisch-elsässischen Lautergebiet sein können. Seit dem Wiener Kongreß durch die Lauter getrennt, entwickelte sich dieses Dörflein auseinander, verlor auch vor einiger Zeit den gemeinsamen Pfarrer, eine der letzten Klammern der Dorfhälften. Das Desinteresse der politischen Kräfte, teilweise auch bewußte französische Abgrenzung, erreichten schließlich, daß dieses gespaltene Dörflein eine triste Ruine der ›deutsch-französischen Freundschaft‹ darstellt. – Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Löschung der historisch-elsässischen Ortsnamen auf pfälzischer Seite. S. 68: Straßburger
Thomaskirche
Diese Art der französisierenden
Geschichtsdarstellung im Elsaß zeigt fast jedes Winzerfest, das seine
Häuser und Straßen mit dem »Sonnenkönig« und
seinen Generälen plakatiert.
Seit 70: Umschriftungszwang
Seite 71: Die elsässische
Neurose
Seite 73
Seite 76
Eugène Philipps, zuvor Hermann Bickler, Friedrich Hünenburg, die Ahnungsvollsten zum Schicksal ihrer Heimat, sind fast vergessen - nur noch antiquarisch erreichbar. Die beiden großen
Tageszeitungen erscheinen französisch. »Allmende«, eine
übergreifende alemannische Zeitschrift, hat keinen Widerhall gefunden.
9. Dezember 2007 Ergänzungstexte zum gleichnamigen WALTHARI-Heft 49 FREIHEIT DES CHRISTENMENSCHEN ZUR SATIRE. Max Ernst hat 1926 ein Bild im glatten Stil der Nazarener gemalt, das aufgeklärte Christen zum Schmunzeln veranlaßt: ›Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: vor André Breton, Paul Elouard und dem Maler selbst‹ (Museum Ludwig). Die Muttergottes im roten Kleid hält mit der Linken den bäuchlings auf ihrem Schoß liegenden nackten Knaben fest und holt mit ihrer kopfüber erhobenen Rechten zum Schlag auf den Hintern aus. Die Szene findet in einem kubisch requisitenlosen Raum statt, in dessen linker Wand ein Rechteck ausgeschnitten ist, wo drei Herrenköpfe erscheinen, mit ihren Nasen aneinanderstoßend. Über dem Kopf der Maria schwebt ein dünn gezogener weißer Kreis, Zeichen der Heiligkeit. Der Heilgenkranz des Knaben ist auf den Boden gefallen. Man muß sich dieses ›Sakrileg‹ im Islam vorstellen, um die Denkfreiheit im Christentum schätzen zu lernen. BISCHOFSSCHELTE. »Alles kann ich glauben, doch dem kann ich keinen Glauben schenken, daß einer der Bischöfe Deutschlands jemals in Ausübung seines Bischofsamtes gerettet werden kann.« Aussage eines Pariser Klerikers, wiedergegeben von Caesarius von Heisterbach (13. Jh.), zitiert im Beitrag ›Die zwei Schwerter des Bischofs. Von Kirchenherren und Seelenhirten im Reichsepiskopat der Stauferzeit‹, Zeitschrift für Kirchengeschichte, Heft 1/2006, S. 7. ›NACH GOTT FRAGEN. ÜBER DAS RELIGIÖSE‹, so lautet der Titel des Sonderhefts ›Merkur‹ aus dem Jahre 1999. Mit den Beiträgen in dieser einflußreichen Kulturzeitschrift setzte im geistigen Klima die Wende zum religiösen Interesse ein, nachdem zuvor über fünf Jahrzehnte der atheistische Marxismus den Ton auch in der Literaturszene beherrscht hatte. Die Wendegeübten unter den ehemaligen Atheisten zogen sich auf agnostische Reservate zurück, die der Philosoph E. Tugendhat für unredlich hält. Die beiden Herausgeber des Sonderheftes halten es für naiv, Gott als Faktum anzunehmen, vielmehr handle es sich um eine konstruktivistische Symbolfigur, die immer nur »in Bezug auf den Menschen zu verstehen« sei. »Hierin ist sich der theologische Atheist mit dem gläubigen Theologen einig«. Ungeklärt bleibe, ob Gott »nur eine psychische Realität ist«. Eine Zeitsignatur: »Es gibt offenbar säkulare Sakralitäten mit mehr oder weniger Göttlichkeit.« »DER GRÖßTE FEHLER DER RELIGIONSTHEORIE DER AUFKLÄRUNG, auf der unsere heutigen Wissenschaften beruhen, besteht darin, in der Religion zuallererst eine intellektuelle Erklärung der Welt zu sehen. So meinte Auguste Comte, daß es drei Stufen der Welterklärung gebe. Die erste sei die Religion, völliger Unsinn. Die zweite, die Philosophie, nicht ganz so unsinnig, und die dritte, im 19. Jahrhundert, sei die Wissenschaft, vollkommenes Wissen. Das ist eine völlig falsche Auffassung von Religion.« So äußerte sich René Girard in ›Sinn und Form‹ (4/2007, S. 455) in einem Gespräch über die Religion. Er stellt Religion über Politik, weil sie tiefer begründen kann, daß ohne Opfer und Verbote »unerläßlich (sind) für das Überleben der Menschheit«. Gemeint ist damit der griechische Ursprungssinn von Askese (Übung, Verzicht, Beherrschung). In dem Gespräch geht es weiterhin um religiöse Gewalt, Apokalypse, Islam und Monotheismus. ›WIE CHRISTLICH IST EUROPA NOCH?‹, fragen die ›Politische Studien‹ in Heft 397. Die Autoren sehen und beschreiben zwar den Schwund des Christlichen, zeichnen aber ein zu optimistisches Bild. Zwar stimmt es, daß sämtliche kulturelle Strukturen (von den Sonn- und Feiertagen bis in das Recht) christlich geprägt sind, aber nicht nur an der Oberfläche, auch die Tiefenschichten brechen Stück für Stück weg. Man denke etwa an die Grundinstitutionen von Ehe und Familie, die faktisch und rechtlich in der Auflösung begriffen sind (Ehescheidungen als Massenphänomen, eherechtlicher Status von Homosexuellen u.v.a.). Ungewollt ironisch: »Europa verlöre ohne die Wahrung seines christlichen Erbes seine Identität...« (S. 54 f.). Das Erbe wahren, d.h. verwalten, nicht lebendig auszufüllen. ›DEMOKRATIE BRAUCHT TUGENDEN‹, lautet der Titel des ›Gemeinsamen Wortes des Rates der EKD und der DBK zur Zukunft unseres demokratischen Gemeinwesens‹ (2006). Nicht genug, werden viele Kritiker beim Lesen dieser Schrift gesagt haben, daß die Kirchen zu Sozialvereinen denaturiert sind, anstatt die christlichen Heilsbotschaften unter die Leute zu bringen, jetzt schlüpfen sie auch noch in die Rolle des politischen Lehrmeisters und vergessen das Bibelwort von den getrennten Sphären (»Gebt dem Kaiser, was...«). Erklärt werden Demokratie, die »Notwendigkeit politischer Tugenden«, Erwartungen der Bürger und Politiker u.a.m. Es wird allzu viel geglättet und harmonisiert: Das jahrhundertelange Kirchengekungel mit dem fürstlichen Gottesgnadentum gerät zur »früheren Zurückhaltung der Kirchen gegenüber der Staatsform Demokratie« usw. Im ganzen sind die Verfasser weder auf der Höhe der politischen Theorie noch der Realität. Der Christ als Bürger mit direktdemokratischen Rechten und Pflichten z.B. kommt nicht vor. Die von den Autoren favorisierte repräsentative Totalität verlängert die unselige Gesinnung des ewigen Untertanentums, mit dem das 20. Jahrhundert weitgehend in Scherben ging. Verpaßt wurde die Möglichkeit, das christliche Subjekt zum Bürgerkönigtum zu ermuntern: mit tiefreichendem kollektivem Gedächtnis und dem notwendigen Mut (statt Duckmäusertum), die Sache des Politischen nicht den Politiksüchtigen zu überlassen. »CHRISTENTUM IN DER KRISE?«, fragte ›Concilium‹ im Augustheft 2005 und legt schonungslos die Realitäten offen: Ob in Europa oder in den USA, in Afrika, Asien oder Lateinamerika – die Krisenbefunde sind erschreckend. Nun bieten Krisen stets auch die Möglichkeit zur Erneuerung, doch in Zeiten der verwirrenden Globalisierung haben die christlichen Botschaften zunehmend nur eine marginale Wahrnehmungschance. In dem wohl wichtigsten Beitrag von José Comblin (›Krisenerfahrungen in der Geschichte des Christentums‹) heißt es: »Das Zweite Vatikanische Konzil kam zu spät. Es gab Antworten auf die Probleme von 1900« (S. 308). ÜBER RELIGION
UND MYTHOS berichtet Heft 16/2007 der Zeitschrift ›Sezession‹.
Am Leben und Werk von Micea Eliade wird exemplarisch aufgezeigt, wie steinig
der Weg zum Heiligen ist, gesäumt von Verleumdung und Bewunderung.
Erst allmählich wird die Damnatio memoriae über ihn aufgehoben.
Eliades Tiefenhermeneutik ist der postmodernen Kontrollvernunft ein Ärgernis,
noch mehr sein existenzialer Freiheitsbegriff, der in der Toleranz- und
Verfahrensfreiheit heutigen Rechts nicht aufgeht.
2. Fortsetzung
2. April 2007 Fritsch, H.: Vollendete
Selbstmitteilung Gottes an seine Schöpfung.
Die Lehre von den letzten Dingen,
die Eschatologie, in einem der mächtigsten Theologiegebäuden
des 20. Jahrhunderts, demjenigen Karl Rahners nämlich, zum Thema einer
Dissertation zu machen, ist ein Wagnis. Der Doktorand Harald Fritsch hat
sich dieser Aufgabe unterzogen und ein fulminantes Ergebnis vorgelegt,
nicht nur dem Umfang nach. Wenn der Echter Verlag anstrebt, sein theologisches
Programm auch für Nichttheologen attraktiv zu machen, dann sollte
er seine Autoren zu Stichwortverzeichnissen und Glossars verpflichten.
Die vorliegende Eschatologie-Interpretation besteht aus acht Kapiteln,
einer ausführlichen Einleitung und aus ›Fazit und Ausblick‹. Der Haupttext
gliedert sich in: 1. Der theologiegeschichtliche Hintergrund als Herausforderung
zu einem eschatologischen Neuentwurf; 2. Desiderate und Neuskizze dogmatischer
Eschatologie nach Karl Rahner; 3. Theologische Grundlagen der Eschatologie
Karl Rahners; 4. Theologie des Todes; 5. Auferstehung der Toten; 6. Offenbarwerden
und Verwandlung begnadeter Freiheitsgeschichte; 7. Die Vollendung der Schöpfung
durch die freie Selbstmitteilung Gottes; 8. Praxis der christlichen Hoffnung.
– Wie daran schon abgelesen werden kann, mündet die theologische Hermeneutik
in religiöse Lebenspraxis: ›Verehrung und Anrufung der Heiligen‹ heißt
ein Unterkapitel, ein anderes ›Der Tod als Mitsterben mit Christus‹. Wer
will, kann die Unterkapitel über das Fegfeuer und der Hölle kriminalistisch
lesen. Noch aufregender sind die Interpretationen der Rahner’schen Auferstehungsvorstellungen.
Mit ›Auferstehung‹ ist keine »Wiederbelebung des physischen Leibes
und der Rückkehr ins raumzeitliche Dasein« (Fritsch) gemeint,
sondern »die endgültige Gerettetheit der konkreten menschlichen
Existenz durch Gott und vor Gott, die bleibend reale Gültigkeit der
menschlichen Geschichte, die weder ins Leere immer weitergeht noch untergeht«
(Rahner). Das Wie bleibt für Menschen unvorstellbar, »denn es
ist gerade die Vollendung in Gott, in das absolute Geheimnis hinein, die
damit als solche gar nicht in den raumzeitlich-irdischen Erfahrungsbereich
eintreten kann« (Fritsch; S. 399 f.). Wie gerne hätte man über
ein Stichwortverzeichnis erfahren, an welchen Textstellen vom Bösen,
vom Heil usw. die Rede ist. Das Buch ist schlechterdings mit einem Durchgang
nicht auszuschöpfen und hätte lexikalische Nachschlagqualitäten,
wenn... (siehe oben).
30. November 2004 Hauser, L.: Kritik
der neomythischen Vernunft,
Der Autor liefert ein Erklärungsmuster
für eine menschliche Anmaßung, die zwar so alt wie die Kulturgeschichte
ist, die aber erst mit dem Siegeszug der wissenschaftlichen Moderne extrem
immunisierende Ausmaße angenommen hat: Menschen begreifen sich als
gottgleiche Selbstschöpfer auf dem Boden der Wissenschaften, die den
genetischen Code entschlüsselt und die Welt auch physikalisch-technologisch
so zu beherrschen gelernt haben, daß sie zum Mond fliegen können.
Die wissenschaftliche Beherrschungsmacht verwandelt sich von der ›Theopoesis‹
in eine ›Autotheosis‹: Dem codeverbergenden Evolutionsgott glaubt man den
Schöpfungs- und Dirigierstab aus den Händen genommen zu haben,
womit alte Mythen entzaubert erscheinen; jetzt ist der Zeitpunkt gekommen,
da die Spezies Mensch autopoetisch sich selber als Gott inthronisiert.
Er klont seine Art und alles Lebende und manipuliert das vorgefunden Geschaffene
nach seinen Vorstellungen, in denen herkömmliche Mythen und Religionen
nur noch als Erinnerungsstücke Platz haben. An ihre Stelle treten
Neumythen bzw. eine selbstbezogene Religiosität, die beide auf
Wissenschaft statt auf Glaube basieren und Rituale durch Methode ersetzen.
Soweit haben wir es also gebracht. Die Erde ist zu einem Experimentierfeld
der Machbarkeit geworden, vom genveränderten Maisfeld über Herztransplantationen
bis zu den Wettermachern, die sich durch anhaltende Mißerfolge nicht
entmutigen lassen. Schließlich hat man seit Francis Bacon gelernt,
mit geschickter Methode selbst die kompliziertesten Sachen unter menschliche
Herrschaft zu bringen.
8. Juli 2006 Gabriel, Mark. W.:
Jesus
und Mohammed
Der Untertitel macht stutzig. Ähnlichkeiten
des friedlichen Revolutionärs aus Nazareth mit dem kriegerischen Missionierer
aus Mekka? Sind die Unterschiede nicht längst bekannt und damit nicht
erstaunlich? In der Widmung schreibt der Autor, ehemaliger Professor für
Islamische Geschichte an der Al-Azhar-Universität in Kairo: »Diese
Buch möge vielen Menschen ein neues Verständnis der Persönlichkeit
von Mohammed und der islamischen Denkweise sowie der Persönlichkeit
von Jesus ermöglichen. Darum bete ich, denn die Wahrheit kann nur
von Gott kommen und durch seinen Geist vermittelt werden. – Ich widme die
deutsche Ausgabe dieses Buches den Deutschen. Sie haben auf dem Bereich
des Glaubens, der Kultur und der Wissenschaft große Erneuerer hervorgebracht,
welche die Welt nachhaltig prägten. So ist es mein inniger Wunsch,
dass aus diesem Volk wieder bedeutende Christen hervorgehen mögen,
um uns einen neuen Zugang zur Botschaft des Evangeliums zu ermöglichen
und damit, wie seinerzeit durch die Reformation, ein neues Kapitel der
Geschichte des Christentums aufgeschlagen wird.« Der Autor konvertierte
vom Islam zum Christentum und vergleicht den Koran und die Hadithen kritisch
mit dem Neuen Testament. Er beabsichtigt nicht, »Muslime in ein schlechtes
Licht zu rücken« (S. 255), obschon er ihnen mißtraut.
»Es spielt keine Rolle, wie viele Terroristen sich Muslime nennen,
und es ist auch ohne Belang, wie viele Nazis oder Kreuzritter sich Christen
nannten«, heißt es in der Einleitung. Allein die Ur-Quellen
seien maßgebend. Diesem »wichtigen Prinzip« kann man
schon wegen seiner vergleichenden Schieflage nicht folgen, ganz abgesehen
von dem theologischen Grundsatz, daß auch die Lehrgeschichte eine
Erkenntnisquelle ist und daß die Frage erlaubt sein muß, warum
der Islam sich in der Moderne partout aufklärungsresistent verhält
und als Folie für massenhafte Haßausbrüche in der islamischen
Welt dient. Das Verhalten von Gläubigen läßt also durchaus
Rückschlüsse auf die Struktur auch von den Urquellen her zu.
Zur
Zähmung des Christentums reichten die friedensfordernden Christenworte
nicht aus, es bedurfte der Wucht der europäischen Aufklärung.
Das läßt sich mit einem Vergleich päpstlicher Lehrschreiben
im Mittelalter mit solchen im 20. Jh. leicht belegen. Trotz behutsamer
Leserführung hat man Mühe, die angekündigten Ähnlichkeiten
und Unterschiede zusammenfassend erläutert zu finden. Am überraschendsten
ist wohl die Widerlegung der gängigen Behauptung, beide Religionen
hätten den gleichen Gott. »Jesus sprach von einem Gott der
Liebe; Mohammed (durch die koranische Offenbarung) von einem Gott der Strafe.
Wenn Sie im Neuen Testament nach den Wörtern Strafe/bestrafen/bestraft
suchen, werden Sie etwa 15 Beispiele finden, die sich auf Ungläubige
beziehen, die in der Hölle bestraft werden (im Alten Testament kommen
diese Worte 159 Mal vor). Wenn Sie dagegen im Koran (der kürzer
ist als das Neue Testament) nach Strafe/bestrafen/bestraft suchen, finden
Sie 379 Beispiele. All diese Verse beschreiben, wie Allah unterschiedliche
Arten von Menschen und Sünden bestraft. – Sie können auch im
Koran nach dem Wort Liebe suchen; Sie werden 82 Stellen finden. Das ist
eine recht ansehnliche Zahl. Doch wenn Sie dann stichprobenartig den Kontext
überprüfen, werden Sie wiederholt Aussagen darüber finden,
was Allah nicht liebt« (S. 132). Erschütternd die Konversionsschilderung
des Autors: Der Vater des Konvertiten sucht den ›Abtrünnigen‹ zu erschießen.
Noch erschütternder die quellengenauen Nachweise der Vorurteile im
Islam gegenüber dem Christentum und die Surenstellen über die
Rechtfertigung von Krieg, Raub usw. Im Stichwortverzeichnis fehlt das Wort
Strafe.
13. September 2007 Wolf, H.: Index.
Der
Vatikan und die verbotenen Bücher
Der im Jahre 2006 erschienene Index-Klassiker
liegt nun auch als Taschenbuch vor und bietet damit einen preiswerten Zugang
zu einem der aufschlußreichsten Konfliktlinien der abendländischen
Kultur. Über Jahrhunderte verbot ausgerechnet eine Buchreligion Bücher,
die die ›reine Lehre‹ infrage stellten und immer noch stellen, denn indizierte
Bücher werden nach wie vor noch angeboten. Die Auswahlliste der verbotenen
Bücher auf den Seiten 258 ff. bietet auch für denjenigen, der
mit dem Thema einigermaßen vertraut ist, manche Überraschung.
Giordano Bruno, Descartes, D’Holbach, Diderot, Flaubert und viele andere:
davon wußte man. Aber Croce, Gentile, Gibbon, Hobbes, Lenau, Mill
und ebenfalls viele weitere: das wußten nur wenige. Hinter der Sache
verbergen sich Tragik, Orthodoxien und Kuriositäten zugleich. Daß
Kant ›Kritik der reinen Vernunft‹ 1827 indiziert wurde, nimmt sich nicht
erst heute kurios aus und hatte für den Autor keine Folgen. Für
die meisten Autoren der Vormoderne hatte die päpstliche Verurteilung
jedoch schlimme Auswirkungen. Heutzutage gieren Autoren danach, öffentlichkeitswirksam
verurteilt zu werden, denn das erhöht den Bekanntheitsgrad und die
Auflagen. An die Stelle des Vatikans sind islamische Autoritäten getreten.
Am 7. Dezember 1965 wurde der Index librorum prohibitorum von Papst Paul
VI. fast unbemerkt abgeschafft, die Inquisitionsbehörde in ›Kongregation
für die Glaubenslehre‹ umbenannt. »Der Papst unterstrich, die
Glaubenslehre könne heutzutage wirksamer durch Förderung der
Wissenschaft, milde Behandlung irrender Menschen und positive Darlegung
der Gründe kirchlicher Entscheidungen geschützt werden als durch
die strengen Maßnahmen vergangener Zeiten. Zwei im damals geltenden
Kirchenrecht, dem Codex Iuris Canonici von 1917, beschriebene Aufgaben
der obersten römischen Glaubensbehörde werden von Paul VI. einfach
nicht mehr erwähnt: die Untersuchung von gefährlichen Schriften
von Amts wegen und die Verpflichtung der Bischöfe, ›schlechte‹ Bücher
beim Heiligen Stuhl zur Anzeige zu bringen. – Allerdings werde die Kongregation
für die Glaubenslehre weiterhin Anzeigen von Büchern entgegennehmen
und die inkriminierten Werke überprüfen. Jedoch ist – und das
ist entscheidend – nicht mehr vom ›Verbieten‹, sondern nur noch vom ›Mißbilligen‹
die Rede.« Bis 1965 hätten Katholiken ihren Bischof ersuchen
müssen (was allerdings nur unter Geistlichen die Regel war), Leopold
Rankes ›Die römischen Päpste‹ von 1841 lesen zu dürfen,
um nicht exkommuniziert zu werden. Die vierhundertjährige Indexgeschichte
ist Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden, mit dem fair umzugehen
ohne historische Bildung nicht möglich ist. Die Inquisition muß
ansonsten »schlechthin für das Böse in Kirche und Welt«
herhalten. Es gibt nichts zu beschönigen, der jetzige Papst hat als
Kardinal 1998 die vatikanischen Archive öffnen lassen, so daß
über Schauergeschichten nicht mehr spekuliert werden muß. Daß
Autoren vatikanintern unter die Lupe genommen wurden, ohne daß sie
davon wußten, darüber sollte man in unserer Zeit nicht vorschnell
die Nase rümpfen: Wer weiß schon heutzutage, welche Überwachungsbehörde
ihn im Visier und ein Dossier angelegt hat, ohne daß er je davon
erfährt? Der Kirchenhistoriker H. Wolf stellt neun Fälle vor,
nachdem er einleitend in die Entstehung und die Praxis der Inquisition
einführt. Mehr als kurios: Eine der Trientiner Indexregeln verbot
die Volksausgabe der Bibel. Unter den Beispielen befinden sich neben bekannten
Namen (Knigge u.a.) die Fälle Drey, Theiner, Seiler und Reusch, die
insofern aufschlußreich sind, als taktische Erwägungen kaum
eine Rolle spielten (wie etwa bei Karl May, den man nach gründlicher
Abwägung nicht verbot).
12. November 2007 Berger, P. L.: Erlösender Glaube?
Dieses ganz ungewöhnliche Buch, zuerst 2004 in den USA erschienen,
besticht durch eine unerbittliche Theologiebefragung, die sich als Selbstbefragung
entpuppt. Der Religionssoziologe Berger stellt alle religiöse Tradition
infrage, um sie, durch Skepsis gereinigt, wieder zugänglich zu machen,
ganz nach dem Hegel’schen Motto, daß Religion die kritische Vernunft
aushalten müsse. Der Inhalt ist nach dem Wortlaut des Vaterunsers
gegliedert, unterbrochen von Einschüben über christliche Moral
u.a. Die postmoderne Sinnsuche bahnt sich einen Weg jenseits von Beliebigkeit
und Fundamentalismus und stellt alles in Rechnung, was das moderne Weltbild
zu bieten hat. Wie kann man noch an einen persönlichen Gott glauben,
wenn einem die Astrophysiker über die unendlichen Weiten des Universums
immer detaillierter darüber aufklären, daß die Erde ein
nebensächlicher Winzling schon in der Milchstraße ist? Berger
läßt sich nicht beirren. Die Wissenschaft, dieser Hauptprüfstein
des Glaubens, kann ebenso hin- wie wegführen. Alles kommt auf den
folgenden Fragesprung an (vgl. ›Literatur und Religion‹, Heft 49 der Literaturzeitschrift
WALTHARI):
vom Was und Wie zum Warum. Wie Naturkonstanten wirken, darüber wissen
Physiker einigermaßen Bescheid, nicht aber darüber, warum sie
überhaupt in die Welt gekommen sind. Berger wagt diesen Sprung nicht
konsequent und glaubt Gott noch beweisen zu können (durch Verdammnis,
S. 46). Das schwächste Kapitel ist wohl der Exkurs über die christliche
Moral; diese ist weder rein kognitiv noch epochenspezifisch zu begründen.
Es gibt ohne Zweifel moralische Universalien, darunter die so schlichte
Tauschgerechtigkeit, über die schon Herodot berichtete.
3. Juli 2007 Pompey, H.: Zur
Neuprofilierung
Zu den Paradoxien der Nachmoderne
gehört die wachsende Kluft zwischen einer Theologie, die hoch entwickelt
und leicht zugänglich vorliegt wie noch nie in ihrer zweitausendjährigen
Geschichte, und dem allgemeinen Desinteresse an Kirche und verfaßtem
Glauben. Papst Benedikt XVI. verkörpert den einen Pol: bejubelt, aber
vermutlich nicht einmal jeder tausendste Jubler hat sich in einen seiner
theologischen Texte vertieft. Für Religion und Kirche steigt das Medien-
und Tagungsinteresse, begleitet von Meldungen über den Verkauf von
Kirchen und der Finanznot von Diözesen. Wer sich ein Bild über
den theologischen Raum des deutschen Papstes verschaffen will, lade sich
aus dem Internet die Enzyklika ›Deus caritas est‹ herunter und lese den
Kommentar des Caritaswissenschaftlers Heinrich Pompey. Der Stoff ist vorzüglich
strukturiert und gut lesbar aufbereitet. Dargestellt werden nicht nur die
Caritas-Theologie und deren Praxis, man kann die ›Auswertung‹ auch als
generelle Einführung in das Christentum lesen, so insbesondere in
den Teilen 2 und 3: Es geht um Eros und Agape, Gerechtigkeit und Dreifaltigkeit,
Philia und Leiturgia. Teil 4 befaßt sich mit der organisierten caritativen
Diakonie, Teil 5 mit der freiwilligen Mitarbeit, Teil 6 mit dem Dienst
der Kirche für Staat und Gesellschaft, Teil 7 mit der Ökumene
und Teil 8 mit dem zukünftigen Handeln. Es kann also ein weiter Horizont
abgeschritten werden. Welche Wünsche bleiben offen? Ohne Sach- und
Personenregister sollte kein Fachbuch, auch kein theologisches, mehr erscheinen.
In der Sache bleibt das Verhältnis zwischen Kirche und Laien verwischt.
Gerade am caritativen Diakoniethema könnte diese hochsensible ›Schnittstelle‹
(vgl. oben) schärfer herausgearbeitet werden. Der Kirche fehlen nicht
allein Theologen, es laufen ihr die Laien scharenweise davon. Weiß
die Enzyklika einen Rat?
3. Juli 2007 Hercsik, D.: Der
Glaube.
Nur eine Abhandlung für Theologen?
Auf den ersten Blick entsteht dieser Eindruck. Unterschieden wird zwischen
Glaubensakt und Glaubensinhalt; jener (fides qua creditur) »bezieht
sich durch das Vertrauen in die Person, die die Wahrheit bezeugt, (dieser)
auf den Glaubensinhalt (›fides quae creditur‹)«. Der Autor beklagt,
daß die deutschsprachige Theologie nach dem Vaticanum II kein einziges
Buch zum Glaubensakt vorgelegt hat. Diese Lücke sucht der Jesuit und
Professor für Fundamentaltheologie zu schließen. Im ersten Teil
wird dazu der biblisch-historische Bezug hergestellt: Bibel, Patristik,
Neuzeit, Vaticanum I und II sowie nachkonziliare Entwicklung. Der zweite
Teil wertet aus: Elemente der Glaubensdefinition und Merkmale des Glaubens.
Spätestens bei der Auswertung wird klar, daß hier auch Laien
an den Lesetisch treten können, um theologisch in gut verständlicher
Weise aufgeklärt zu werden. Der Glaube ist ein Geschenk, ist frei,
vernünftig, erfahrungsbezogen, heilsnotwendig, aber auch zweifelsanfällig
und dunkel – darüber berichten die letzten Unterkapitel. Argumentiert
wird leider gänzlich aus der kirchlichen Binnenperspektive. Damit
entgehen dem Autor wesentliche Aspekte, die Nicht-Theologen bei der Glaubensfrage
bewegen. Die sehr einflussreiche Religionsinterpretation R. Rortys z.B.
wird völlig übergangen. Weil über Glaubens- und Lehrirrtümer
keine Unterkapitel eingerichtet wurden, entsteht ein Eindruck von Apologie.
Über die Problematik des Antimodernisteneides etwa erfährt
der Leser wenig (S. 147 f.). Wie bei anderen Wissenschaften sollte es auch
unter Theologen üblicher werden, die Außenperspektive zu berücksichtigen.
Unter einem gesamtkritischen Dach läsen sich dann die Ausführungen
über den Glaubensbegriff und dessen Elemente überzeugender. Die
Kirchen leiden nicht zuletzt unter mangelnder Anschlussfähigkeit zur
Nachmoderne, weil ihre Problemwahrnehmungen nahezu exklusiv vom Standpunkt
interner Gewissheiten geleitet werden. Man muß diesen Standpunkt
nicht aufgeben, wenn man externe Welt-Anschaungen kritisch ins Spiel bringt.
Dann würden Sätze wie dieser: »Die meisten Christen werden
gläubig, weil sie z.B. die Heilige Schrift gelesen oder gehört
haben oder weil sie überzeugten und überzeugenden Christen begegnet
sind« nicht stehen bleiben können. Die drei genannten Fälle
decken eher die Wendung »bleiben gläubig« ab. Gläubig
»werden« geht doch wohl am häufigsten auf Leiderfahrungen
und Welterschrecken zurück. Der Hinweis ist keineswegs eine Marginalie,
er trifft die brüchige Brücke zwischen Kirche und Leben. Wenn
diese Einwände den Eindruck aufkommen lassen, Donath Hercsik habe
uns wenig zu sagen, so wäre das grundfalsch. Geboten wird eine mustergültig
knappe und klare Glaubensschule, die noch überzeugender ausfiele,
würden dem Leser Einstiegspfade über ein Stichwortverzeichnis
angeboten. Denn Hercsiks Glaubensbuch wird man immer wieder in die
Hand nehmen, um beispielsweise prägnant in die Glaubenstheologie eingeführt
zu werden.
5. Oktober 2006 Wippersberg, W.: Einiges über den lieben Gott.
Der Untertitel wird ahnungslose Leser anlocken, vor allem Religionskritiker
und Atheisten. Aber auch Gläubige macht der Autor neugierig mit der
Wendung »und wohin das (der Glaube an Gott) geführt hat«.
Wippersberg beansprucht, erklären zu können, wie die christliche
und jüdische Religionen entstanden sind. »Mit umfassender Kenntnis«,
heißt es im Buchumschlag, zeige er »religionsgeschichtliche
Zusammenhänge auf«. Der Autor ist Professor an der Wiener
Filmakademie und dort Leiter der Klasse »Drehbuch und Dramaturgie«.
Religionsgeschichte läuft für ihn offenbar nach einem geheimen
Drehbuch ab, das Gläubige nicht nur hinters Licht führt, sondern
katastrophale Folgen zeitigt. Im Klappentext wird das Ergebnis verniedlichend
»eine Provokation« genannt. Das Buch sei »vor allem...
für jene geschrieben, die lieber verstehen wollen, anstatt einfach
(!) zu glauben«. Manche Leser werden über den Klappentext allein
schon wegen solcher Unsäglichkeiten nicht hinauskommen. Der ansonsten
solide Verlag hat dem Autor weder ein Inhalts-, noch ein Namens-, Stichwort-
und Literaturverzeichnis abverlangt. Was als ›Essay‹ daherkommt, zieht
sich unstrukturiert über dreihundert Seiten hin, lediglich markiert
mit sechsundsechzig Ziffern, unter denen jeweils ein Motto platziert ist.
Unter Ziffer 51 heißt es: »Der Christenmensch braucht (!) eine
unsterbliche Seele. Der Beginn der ›Jenseiterei‹.« Daß eine
Religion mit einer zweitausendjährigen Geschichte genug Stoff bietet
für Kritik, wird niemand überraschen. Selbst Spott und Häme
wären noch hinzunehmen, stünden sie methodisch und materiell
auf einem soliden Analysefundament. Aber nicht einmal formal-handwerklich
genügt das Buch den Mindeststandards: Immer wieder beruft sich Wippersberg
auf Quellen, die er nicht ausweist. Wie soll der Leser nachprüfen,
ob die Quellen korrekt zitiert werden? Der Autor folgt einem tausendfach
praktizierten Argumentationsmuster auf biographischem Hintergrund: Weil
Gott auf direktes Bitten kein Zeichen setzt (bei Wippersberg ist es ein
Kerzenlicht, das gefälligst aufflackern sollte, um zu beweisen, daß
Gott wirklich existiert), hält man Religion und Glaube für Hokuspokus.
Um sich die Reste des »Kinderglaubens« von der Seele (ach was:
aus dem Gehirn) reden zu können, schreibt man einen ›Essay‹. Daraus
wurde bei dem Dramaturgielehrer eine Art negative Generalbeichte; um das
Ministrantenniveau (Wippersberg war als Knabe Ministrant in Steyr) zur
übersteigen, ›beichtet‹ er im Modestil des orthodoxen Konstruktivismus,
der bekanntlich nur weniges für nicht erfunden hält. »Judentum
und Christentum sind Offenbarungsreligionen, weil (!) sie als solche erfunden
wurden« (S. 155). Dem Autor muß der Gedanke völlig fremd
sein, daß er sich selber hier eine persönliche Geschichte erfunden
hat, die auf wackeligen Beinen steht. Im Glauben will er nicht die geringsten
Spuren von Vernunft erkennen. Wenn alles fiktionales Drehbuch ist, darf
er autofiktional so etwas behaupten.
11. Juli 2006 Michaels, A. (Hrsg.): Klassiker der Religionswissenschaft.
Die Verhältnisse sind paradox: Während die christlichen Volkskirchen
mehr und mehr Mitglieder verlieren, haben Religionsdebatten und religionswissenschaftliche
Beiträge seit Jahren Hochkonjunktur. Immer wieder wurde eine Renaissance
der Religion vorausgesagt, nachdem die Aufklärung nicht nur Menschenfreundliches
hervorgebracht hat. Man denke nur an die weltweiten Verwüstungen durch
technische Unmäßigkeit. Die religiöse Renaissance verläuft
allerdings einseitig und bedrohlich, wie ein Blick auf die islamische Welt
und das lahmende Christentum zeigt. Wer diese Entwicklung verstehen will,
tut gut daran, sich mit der Geschichte zu beschäftigen und dabei auch
mit ihrer wissenschaftlichen Abteilung, der Religionswissenschaft. Dazu
bietet der angezeigte Sammelband eine vorzügliche Lesevorlage, auch
was die Lücken im Wissenschaftsbetrieb betrifft. Dem Christen- und
Judentum wird die gebührende Aufmerksamkeit zuteil, Buddhismus, Zoroastrismus,
Hinduismus und der Islam bleiben unterbelichtet. Andere Religionen stehen
außerhalb des Blickfeldes (z.B. die Jains, Nestorianer u.a.). Für
das, was die Religionswissenschaft anzubieten hat, legt der Herausgeber
eine hilfreiche Übersicht vor. Es stimmt einfach alles, die konstante
Artikelstruktur, der Anmerkungsapparat, das Personen- und Sachregister.
Dem Leser wird dadurch ein mehrfacher Zugang ermöglichst, so daß
man den Sammelband gleichsam als Lexikon benutzen kann, und zwar sowohl
bei der Suche nach Namen wie auch nach Stichworten. Evolution, Heilige,
Magie, Mythos, Sprache, Symbol usw. können Sachführer sein; Durkheim,
Frazer, Tylor u.a. Namensführer. Paracelsus ist aus Versehen in das
Sachregister gerutscht. Keineswegs wird nur über die Arbeit von Theologen
referiert, es fehlen weder S. Freud, Max Weber noch C.G. Jung. Die Reihe
beginnt mit Schleichermacher und endet mit Mircea Eliade. Axel Michaels
erörtert Vorfragen, die den fachfremden Leser, dem das Buch auch zugänglich
gemacht werden soll, nur am Rande interessieren, z.B. ob man religiös
sein müsse, um religionswissenschaftlich angemessen arbeiten zu können.
Oder ob oberhalb aller Religionen eine ›religio naturalis‹ beabsichtigt
sei. Neben der Soziologie, Psychologie u.a. Wissenschaften steigen nun
bald auch die Kulturwissenschaften in das Thema ein. Die Sache der religio
macht den Wissenschaften jedoch zu schaffen, so sehr, daß »die
Strategie, die Definition von ›Religion‹ weitgehend auszuklammern, gegenwärtig
die beliebteste ist« (Einleitung, S. 11). Der Ansicht der Herausgebers,
Interdisziplinarität als »Grundstein des Faches« zu sehen,
wird nicht jedermann zustimmen. Die mißliche Lage, um etwas Undefiniertes
ein Wissenschaftsensemble zu legen, wird zur Mode, so bei der Kulturwissenschaft.
Meine Einwände seien hier nicht wiederholt.
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