Walthari


Fortsetzungstexte gedruckter WALTHARI-Ausgaben


 
 17. Dezember 2007

Ergänzungen zu ›Die elsässische Doppeltragödie‹, 
in: WALTHARI-Heft 49/2008, S. 67 ff.

Von Dr. Manfred Kuhn

Seite 67: Jeder Dorfbub
Selbstverständlich war im Elsaß nach dem Westfälischen Frieden der Gebrauch der deutschen Sprache, zumal in den vielen kleinen Territorien, die nicht zur ehemaligen Habsburger Herrschaft gehört hatten. Für Goethe war Straßburg eine deutsche Reichsstadt, die königlichen Truppen waren deutsche Soldaten (royals allemands) mit einem deutschen Fürsten als Befehlshaber, die Ortsnamen wurden weiterhin deutsch benannt, und eine Art nationale ›Wirtschaftsgrenze‹ auf dem Vogesenkamm trennte das Elsaß vom royalistischen Frankreich. Dorfschulen waren nicht selbstverständlich, und nur in den städtischen oder geistlichen Schulen gab es Unterricht in den alten Sprachen, aber auch in Französisch.
In Lothringen gab es die ersten Beschwerden der französischen Verwaltung über den deutschsprachigen Schulunterricht in der nun zur französischen Krone gehörenden Provinz.
Doch erst die ideologische Ausrichtung der französischen Republik auf das einheitsstiftende Französisch in der Zeit der Revolution war der Beginn der Französisierung der Schulsprache, der Umbenennung der Ortsnamen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war das Selbstbewußtsein der Elsässer nicht ausreichend, die erstrebte geistige und kulturelle wie auch politische Autonomie zu bewahren. Lediglich in der mündlichen Kommunikation behauptete sich das Elsässische, während die schriftliche Sprache das Französische übernahm und damit die schrittweise Loslösung aus dem deutschen Kulturraum anstieß.

Der Zweite Weltkrieg löste die Identifikation des Elsasses mit seiner Sprache auf, da man dadurch sich von dem Vorwurf der Kollaboration und des damit einhergehenden Vorwurfes einer Antihaltung zu Frankreich lösen konnte.  Die radikale Forderung der Jakobiner fand damit eine Antwort: Die Totale von Volk und Sprache.

Die Beobachtungen des Besuchers im Nachkriegselsaß zeigen das abnehmende Zucken einer Gesellschaft, die sich von ihrer Sprache und damit von ihrer Kultur verabschiedet. 
Dies zeigte sich in Momentaufnahmen. So der Dorfbub, der sich dem Fremden gegenüber beschwert, daß er auf Geheiß der Lehrerin nicht »elsassisch redde derf«; oder des Hohkönigburgverwalters Bub, der sich in der Volksschule zunächst hartnäckig weigert, Französisch als Unterrichtssprache zu gebrauchen. Die Eltern, bereits angepaßter, reden beim Besuch der Hohkönigsburg mundartlich, dem Fremden gegenüber schriftdeutsch – und mit dem Kind französisch.
Das Gleiche läuft ab beim Skiurlaub auf dem Schnepfenried: Die elsässische Gesellschaft »babbelt« ihre Mundart – und mit den Kindern französisch. Die bedrückende Sprachsituation zeigt sich besonders in der wachsenden Schwierigkeit, den protestantischen Religionsunterricht in der bis dahin üblichen Sprache Luthers zu halten. Aber auch in der Resignation der Franziskaner von Weiler, den Religionsunterricht weiterhin in deutscher Sprache abzuhalten.

Die in den 90er Jahren des 20.Jhs. gestarteten Versuche der Straßburger Akademie zur Durchführung eines bilingualen Unterrichts werden nach dem Aussterben des elsässischen Dialektes keineswegs den ursprünglichen elsässischen Sprachstand erreichen können.

Modell einer europäisch initiierten Gemeinsamkeit in Sprache und politischer Kultur hätte das Doppeldorf Scheibenhardt/Scheibenhard im pfälzisch-elsässischen Lautergebiet sein können. Seit dem Wiener Kongreß durch die Lauter getrennt, entwickelte sich dieses Dörflein auseinander, verlor auch vor einiger Zeit den gemeinsamen Pfarrer, eine der letzten Klammern der Dorfhälften. Das Desinteresse der politischen Kräfte, teilweise auch bewußte französische Abgrenzung, erreichten schließlich, daß dieses gespaltene Dörflein eine triste Ruine der ›deutsch-französischen Freundschaft‹ darstellt. – Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Löschung der historisch-elsässischen Ortsnamen auf pfälzischer Seite. 

S. 68: Straßburger Thomaskirche
So zeigt diese protestantische Hauptkirche die Einbettung eines Teils dieses Landes im lutherischen Glauben mit seinen auch in Europa führenden Vertretern (Martin Bucer / Butzer, Capito, Hedio, Jakob Sturm) – doch diese Aussage wird beeinträchtigt durch fehlende schriftliche Hinweise oder versteckter Ausstellung der Epitaphe und Grabsteine. Beherrscht wird die Kirche vom Hauptaltar, der das Denkmal eines französischen Marschalls Ludwigs XIV. trägt. 

Diese Art der französisierenden Geschichtsdarstellung im Elsaß zeigt fast jedes Winzerfest, das seine Häuser und Straßen mit dem »Sonnenkönig« und seinen Generälen plakatiert.
Das alte Merowingerstädtchen Ruffach feierte so sein Ortsfest mit elsässisch getrachteten Schauspielern, spanischer Musik und französisierenden Darbietungen. Das Hotel, das für seinen elsässisch-sprachigen Stammtisch »Mer redde elsassisch« warb, hatte für seine deutschen Gäste kein elsässisch/deutschsprachiges Personal.

Seit 70: Umschriftungszwang
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde auf den Grabsteinen die bereits deutschen Vornamen französisiert. – Die Ortsnamen werden unterschiedlich behandelt: so die Weiterführung des historischen Namens (mit französischer Aussprache), die Französisierung auf der Basis des elsässischen Dialektes (Obernheim(Obernai; Großer Belchen/Grand Ballon) oder die Übersetzung (Drei-Ähren / Trois Epis; Altweier / Aubure) wie auch die Neubenennung bei national wichtigen Orten (Hartmannsweilerkopf / Vieil Armand: wichtigster Elsässer Kampfort im Ersten Weltkrieg / und in diesem Sinne auch Diedolshausen / Le Bonhomme). Kurios wirkt die Umbenennung von Schweixingen (Lothringen) in Xouaxange. Eine »Umschriftung« bildhafter Art zeigen die Krigerdenkmäler für elsässische Soldaten des Weltkrieges: statt martialische Krieger – werden Engelsgestalten figürlich dargestellt. 

Seite 71: Die elsässische Neurose
Uns Deutschen gegenüber oftmals recht spürbar: Fragt man nach den inzwischen angebrachten historischen Straßennamen in Straßburg, begegnet einem ungläubiges Staunen oder man antwortet französisch.
Auch der große Sohn Straßburgs, Tomi Ungerer, mußte sich sein Museum erkämpfen. Die Stadt lagerte sein mehrtausendbändiges Geschenk im Depot: der früheren Bürgermeisterin Cathérine Trautmann war er schließlich »un peu trop allemand«. Es muß auch die massive Revanche-Propagierung der französischen Regierung und Öffentlichkeit nach 1871 gesehen werden. Hansi, der elsässische Karikaturist – heute als Postkartenidyliker bekannt – war ein wirkungsvoller »Schwowefresser«.
Die nach der Französischen Revolution mit Napoléon beginnende gallische Nationalisierung von Sprache und Kultur war mit Ausnahme mancher bürgerlicher Schichten in Straßburg und Colmar in der weitgehend bäuerlichen und handwerklichen Bevölkerung erst nach den beiden Weltkriegen spürbar. – Die Wiedereingliederung des Elsaß nach 1871 brachte eine neue Anknüpfung an die historisch-kulturellen Wurzeln des Elsaß.
Doch wie die Territorialisierung des Elsaß’ (Straßburg mit der ersten vordemokratischen Verfassung in Europa) bis zur Französischen Revolution dem französischen Zentralstaat keine Gegenkraft bieten konnte, so entstand nach dem 1. Weltkrieg auch keine elsässische Gemeinsamkeit für ihre Sprache und Kultur gegenüber dem französischen Kulturchauvinismus. – Auch die letzten Schriftsteller wie Conrad, Ungerer, Weckmann verstummen. 

Seite 73
Die dem Elsaß gegebene Autonomie wurde von Frankreich nach 1918 nicht beibehalten. Der eingeführte jakobinische Einheitsstaat löschte Sprache und Kultur der Elsässer Schritt für Schritt aus, und erst danach entstand eine das öffentliche wie private Leben durchdringende französische Lebensart, die zunächst die städtische Bevölkerung und erst nach 1945 die dörfliche Bevölkerung durchdrang.
Die Aktivitäten des René Schickele-Kreises oder der jetzt von der Straßburger Akademie versuchten Einführung eines bilingualen Unterrichts werden, wie erwähnt, das inzwischen erreichte Ziel der Französisierung der Sprache des Elsaß nicht mehr ändern.

Seite 76
Die sprachlich-kulturellen Veränderungen im Elsaß spiegeln sich auch bei den Reiseführern der deutschen Verlage. Noch bis in die siebziger Jahres des vergangenen Jahrhunderts haben die »Führer« wie Merian, Reclam, Grieben, Goldstadt, Schwann, Dumont u.a. die historischen Namen genannt, die historische Entwicklung dargestellt und die kunstgeschichtlichen Daten in den alemannischen Raum eingebunden. Inzwischen werden die Reiseführer zum Elsaß weniger. Diese, wie z.B. ›HB‹ oder Polyglott, beschränken sich immer mehr auf das Folkloristische (Störche, Sauerkraut, Trachten), auf touristische Anziehungspunkte wie den Affenfelsen von Schlettstadt oder das Straßburger Gerberviertel. Demnach haben sich auch die Besucher verändert: Bustouristen ersetzen den kultur- und kunstsuchenden Einzelreisenden; Skandinavier fahren auf der elsässischen Schlemmerroute gen Süden. Doch die jungen Menschen bleiben aus, abgestoßen von der getünchten Dorfidyllik, die immer mehr zur touristischen Hülse wird.

Eugène Philipps, zuvor Hermann Bickler, Friedrich Hünenburg, die Ahnungsvollsten zum Schicksal ihrer Heimat, sind fast vergessen - nur noch antiquarisch erreichbar.

Die beiden großen Tageszeitungen erscheinen französisch. »Allmende«, eine übergreifende alemannische Zeitschrift, hat keinen Widerhall gefunden.
Die Schriftsteller, Poeten, haben mit dem Ende ihrer Publikationsreihe »Neueste elsässische Literatur« keine gemeinsame elsässische Stimme mehr, sie ist verloschen – die Seele ausgehaucht. 
Aus: www.walthari.com
© Dr. M. Kuhn, Grünenbäumchen 10, 51429 Bensberg-Herkenrath


9. Dezember 2007

Literatur und Religion
Ergänzungstexte zum gleichnamigen WALTHARI-Heft 49

FREIHEIT DES CHRISTENMENSCHEN ZUR SATIRE. Max Ernst hat 1926 ein Bild im glatten Stil der Nazarener gemalt, das aufgeklärte Christen zum Schmunzeln veranlaßt: ›Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: vor André Breton, Paul Elouard und dem Maler selbst‹ (Museum Ludwig). Die Muttergottes im roten Kleid hält mit der Linken den bäuchlings auf ihrem Schoß liegenden nackten Knaben fest und holt mit ihrer kopfüber erhobenen Rechten zum Schlag auf den Hintern aus. Die Szene findet in einem kubisch requisitenlosen Raum statt, in dessen linker Wand ein Rechteck ausgeschnitten ist, wo drei Herrenköpfe erscheinen, mit ihren Nasen aneinanderstoßend. Über dem Kopf der Maria schwebt ein dünn gezogener weißer Kreis, Zeichen der Heiligkeit. Der Heilgenkranz des Knaben ist auf den Boden gefallen. Man muß sich dieses ›Sakrileg‹ im Islam vorstellen, um die Denkfreiheit im Christentum schätzen zu lernen. 

BISCHOFSSCHELTE. »Alles kann ich glauben, doch dem kann ich keinen Glauben schenken, daß einer der Bischöfe Deutschlands jemals in Ausübung seines Bischofsamtes gerettet werden kann.« Aussage eines Pariser Klerikers, wiedergegeben von Caesarius von Heisterbach (13. Jh.), zitiert im Beitrag ›Die zwei Schwerter des Bischofs. Von Kirchenherren und Seelenhirten im Reichsepiskopat der Stauferzeit‹, Zeitschrift für Kirchengeschichte, Heft 1/2006, S. 7.

›NACH GOTT FRAGEN. ÜBER DAS RELIGIÖSE‹, so lautet der Titel des Sonderhefts ›Merkur‹ aus dem Jahre 1999. Mit den Beiträgen in dieser einflußreichen Kulturzeitschrift setzte im geistigen Klima die Wende zum religiösen Interesse ein, nachdem zuvor über fünf Jahrzehnte der atheistische Marxismus den Ton auch in der Literaturszene beherrscht hatte. Die Wendegeübten unter den ehemaligen Atheisten zogen sich auf agnostische Reservate zurück, die der Philosoph E. Tugendhat für unredlich hält. Die beiden Herausgeber des Sonderheftes halten es für naiv, Gott als Faktum anzunehmen, vielmehr handle es sich um eine konstruktivistische Symbolfigur, die immer nur »in Bezug auf den Menschen zu verstehen« sei. »Hierin ist sich der theologische Atheist mit dem gläubigen Theologen einig«. Ungeklärt bleibe, ob Gott »nur eine psychische Realität ist«. Eine Zeitsignatur: »Es gibt offenbar säkulare Sakralitäten mit mehr oder weniger Göttlichkeit.« 

»DER GRÖßTE FEHLER DER RELIGIONSTHEORIE DER AUFKLÄRUNG, auf der unsere heutigen Wissenschaften beruhen, besteht darin, in der Religion zuallererst eine intellektuelle Erklärung der Welt zu sehen. So meinte Auguste Comte, daß es drei Stufen der Welterklärung gebe. Die erste sei die Religion, völliger Unsinn. Die zweite, die Philosophie, nicht ganz so unsinnig, und die dritte, im 19. Jahrhundert, sei die Wissenschaft, vollkommenes Wissen. Das ist eine völlig falsche Auffassung von Religion.« So äußerte sich René Girard in ›Sinn und Form‹ (4/2007, S. 455) in einem Gespräch über die Religion. Er stellt Religion über Politik, weil sie tiefer begründen kann, daß ohne Opfer und Verbote »unerläßlich (sind) für das Überleben der Menschheit«. Gemeint ist damit der griechische Ursprungssinn von Askese (Übung, Verzicht, Beherrschung). In dem Gespräch geht es weiterhin um religiöse Gewalt, Apokalypse, Islam und Monotheismus. 

›WIE CHRISTLICH IST EUROPA NOCH?‹, fragen die ›Politische Studien‹ in Heft 397. Die Autoren sehen und beschreiben zwar den Schwund des Christlichen, zeichnen aber ein zu optimistisches Bild. Zwar stimmt es, daß sämtliche kulturelle Strukturen (von den Sonn- und Feiertagen bis in das Recht) christlich geprägt sind, aber nicht nur an der Oberfläche, auch die Tiefenschichten brechen Stück für Stück weg. Man denke etwa an die Grundinstitutionen von Ehe und Familie, die faktisch und rechtlich in der Auflösung begriffen sind (Ehescheidungen als Massenphänomen, eherechtlicher Status von Homosexuellen u.v.a.). Ungewollt ironisch: »Europa verlöre ohne die Wahrung seines christlichen Erbes seine Identität...« (S. 54 f.). Das Erbe wahren, d.h. verwalten, nicht lebendig auszufüllen.

›DEMOKRATIE BRAUCHT TUGENDEN‹, lautet der Titel des ›Gemeinsamen Wortes des Rates der EKD und der DBK zur Zukunft unseres demokratischen Gemeinwesens‹ (2006). Nicht genug, werden viele Kritiker beim Lesen dieser Schrift gesagt haben, daß die Kirchen zu Sozialvereinen denaturiert sind, anstatt die christlichen Heilsbotschaften unter die Leute zu bringen, jetzt schlüpfen sie auch noch in die Rolle des politischen Lehrmeisters und vergessen das Bibelwort von den getrennten Sphären (»Gebt dem Kaiser, was...«). Erklärt werden Demokratie, die »Notwendigkeit politischer Tugenden«, Erwartungen der Bürger und Politiker u.a.m. Es wird allzu viel geglättet und harmonisiert: Das jahrhundertelange Kirchengekungel mit dem fürstlichen Gottesgnadentum gerät zur »früheren Zurückhaltung der Kirchen gegenüber der Staatsform Demokratie« usw. Im ganzen sind die Verfasser weder auf der Höhe der politischen Theorie noch der Realität. Der Christ als Bürger mit direktdemokratischen Rechten und Pflichten z.B. kommt nicht vor. Die von den Autoren favorisierte repräsentative  Totalität verlängert die unselige Gesinnung des ewigen Untertanentums, mit dem das 20. Jahrhundert weitgehend in Scherben ging. Verpaßt wurde die Möglichkeit, das christliche Subjekt zum Bürgerkönigtum zu ermuntern: mit tiefreichendem kollektivem Gedächtnis und dem notwendigen Mut (statt Duckmäusertum), die Sache des Politischen nicht den Politiksüchtigen zu überlassen.

»CHRISTENTUM IN DER KRISE?«, fragte ›Concilium‹ im Augustheft 2005 und legt schonungslos die Realitäten offen: Ob in Europa oder in den USA, in Afrika, Asien oder Lateinamerika – die Krisenbefunde sind erschreckend. Nun bieten Krisen stets auch die Möglichkeit zur Erneuerung, doch in Zeiten der verwirrenden Globalisierung haben die christlichen Botschaften zunehmend nur eine marginale Wahrnehmungschance. In dem wohl wichtigsten Beitrag von José Comblin (›Krisenerfahrungen in der Geschichte des Christentums‹) heißt es: »Das Zweite Vatikanische Konzil kam zu spät. Es gab Antworten auf die Probleme von 1900« (S. 308). 

ÜBER RELIGION UND MYTHOS berichtet Heft 16/2007 der Zeitschrift ›Sezession‹. Am Leben und Werk von Micea Eliade wird exemplarisch aufgezeigt, wie steinig der Weg zum Heiligen ist, gesäumt von Verleumdung und Bewunderung. Erst allmählich wird die Damnatio memoriae über ihn aufgehoben. Eliades Tiefenhermeneutik ist der postmodernen Kontrollvernunft ein Ärgernis, noch mehr sein existenzialer Freiheitsbegriff, der in der Toleranz- und Verfahrensfreiheit heutigen Rechts nicht aufgeht. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com
 
 
 


2. Fortsetzung
Im WALTHARI-Portal erschienene Buchbesprechungen

2. April  2007

Fritsch, H.: Vollendete Selbstmitteilung Gottes an seine Schöpfung. 
Die Eschatologie Karl Rahners
Echter Verlag, Würzburg 2006, 581 Seiten, 40,- Euro 

Die Lehre von den letzten Dingen, die Eschatologie, in einem der mächtigsten Theologiegebäuden des 20. Jahrhunderts, demjenigen Karl Rahners nämlich, zum Thema einer Dissertation zu machen, ist ein Wagnis. Der Doktorand Harald Fritsch hat sich dieser Aufgabe unterzogen und ein fulminantes Ergebnis vorgelegt, nicht nur dem Umfang nach. Wenn der Echter Verlag anstrebt, sein theologisches Programm auch für Nichttheologen attraktiv zu machen, dann sollte er seine Autoren zu Stichwortverzeichnissen und Glossars verpflichten. Die vorliegende Eschatologie-Interpretation besteht aus acht Kapiteln, einer ausführlichen Einleitung und aus ›Fazit und Ausblick‹. Der Haupttext gliedert sich in: 1. Der theologiegeschichtliche Hintergrund als Herausforderung zu einem eschatologischen Neuentwurf; 2. Desiderate und Neuskizze dogmatischer Eschatologie nach Karl Rahner; 3. Theologische Grundlagen der Eschatologie Karl Rahners; 4. Theologie des Todes; 5. Auferstehung der Toten; 6. Offenbarwerden und Verwandlung begnadeter Freiheitsgeschichte; 7. Die Vollendung der Schöpfung durch die freie Selbstmitteilung Gottes; 8. Praxis der christlichen Hoffnung. – Wie daran schon abgelesen werden kann, mündet die theologische Hermeneutik in religiöse Lebenspraxis: ›Verehrung und Anrufung der Heiligen‹ heißt ein Unterkapitel, ein anderes ›Der Tod als Mitsterben mit Christus‹. Wer will, kann die Unterkapitel über das Fegfeuer und der Hölle kriminalistisch lesen. Noch aufregender sind die Interpretationen der Rahner’schen Auferstehungsvorstellungen. Mit ›Auferstehung‹ ist keine »Wiederbelebung des physischen Leibes und der Rückkehr ins raumzeitliche Dasein« (Fritsch) gemeint, sondern »die endgültige Gerettetheit der konkreten menschlichen Existenz durch Gott und vor Gott, die bleibend reale Gültigkeit der menschlichen Geschichte, die weder ins Leere immer weitergeht noch untergeht« (Rahner). Das Wie bleibt für Menschen unvorstellbar, »denn es ist gerade die Vollendung in Gott, in das absolute Geheimnis hinein, die damit als solche gar nicht in den raumzeitlich-irdischen Erfahrungsbereich eintreten kann« (Fritsch; S. 399 f.). Wie gerne hätte man über ein Stichwortverzeichnis erfahren, an welchen Textstellen vom Bösen, vom Heil usw. die Rede ist. Das Buch ist schlechterdings mit einem Durchgang nicht auszuschöpfen und hätte lexikalische Nachschlagqualitäten, wenn... (siehe oben). 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com



30. November  2004

Hauser, L.: Kritik der neomythischen Vernunft, 
Bd. I: Menschen als Götter der Erde. 1800-1945 
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2004, 513 Seiten, 98,- Euro 

Der Autor liefert ein Erklärungsmuster für eine menschliche Anmaßung, die zwar so alt wie die Kulturgeschichte ist, die aber erst mit dem Siegeszug der wissenschaftlichen Moderne extrem immunisierende Ausmaße angenommen hat: Menschen begreifen sich als gottgleiche Selbstschöpfer auf dem Boden der Wissenschaften, die den genetischen Code entschlüsselt und die Welt auch physikalisch-technologisch so zu beherrschen gelernt haben, daß sie zum Mond fliegen können. Die wissenschaftliche Beherrschungsmacht verwandelt sich von der ›Theopoesis‹ in eine ›Autotheosis‹: Dem codeverbergenden Evolutionsgott glaubt man den Schöpfungs- und Dirigierstab aus den Händen genommen zu haben, womit alte Mythen entzaubert erscheinen; jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, da die Spezies Mensch autopoetisch sich selber als Gott inthronisiert. Er klont seine Art und alles Lebende und manipuliert das vorgefunden Geschaffene nach seinen Vorstellungen, in denen herkömmliche Mythen und Religionen nur noch als Erinnerungsstücke Platz haben. An ihre Stelle treten Neumythen bzw. eine selbstbezogene Religiosität, die beide auf Wissenschaft statt auf Glaube basieren und Rituale durch Methode ersetzen. Soweit haben wir es also gebracht. Die Erde ist zu einem Experimentierfeld der Machbarkeit geworden, vom genveränderten Maisfeld über Herztransplantationen bis zu den Wettermachern, die sich durch anhaltende Mißerfolge nicht entmutigen lassen. Schließlich hat man seit Francis Bacon gelernt, mit geschickter Methode selbst die kompliziertesten Sachen unter menschliche Herrschaft zu bringen. 
Im ersten der geplanten drei Bände zeichnet Linus Hauser die Entwicklung von 1800 bis 1945 in atemberaubender Weise nach. Plötzlich erscheinen die vielen modernen Religions- und Mythenverkünder in einem neuen Licht. Nobelpreisträger und andere angesehene Naturwissenschaftler gebärden sich spiritistisch aus ›empirischer‹, d.h. wissenschaftlicher Religiosität. Auch der braune und andersfarbige Rassenmythos suchte sich wissenschaftlich zu legitimieren, nicht weniger der Sozialismus, der geschichtsphilosophisch die Weltgesetze entschlüsselt zu haben glaubt, in Wahrheit aber nur einen Neomythos in die Welt setzt (schon der sozialistische Säulenheilige Robert Owen glaubte, mit den Toten reden zu können). Die lange Reihe ›religionsförmiger‹ Gründungsakte und gottgleicher Selbstmythisierungen reicht vom frühen 19. Jh. bis zu heutigen Scientology, von Napoleon bis Hitler (und darüber hinaus). Stets hält man sich für aufgeklärter als der gesunde Menschenverstand und ergeht sich in Allmachtsphantasien. Linus Hauser widmet diesem Menschenwahn drei Hauptteile mit vierzehn Paragraphen: § 1 Verständigung über den Begriff „Weltanschauung“; § 2 Religiosität und Religion; § 3 Mythen und religionsförmige Neomythen, § 4 Die wissenschaftsfundierte Technik und ihre Religionsförmigkeit; § 5 Die metaphysischen Orientierungsaufgaben der Moderne; § 6 Epochale Erlebnisformen und die neomythische Vernunft; § 7 Theopoiesis. Das Verfertigen Gottes und der Religion in der nachkantischen Denkbewegung; § 8 Genie in der „2ten Potenz“: Fichte und die Romantik; § 9 Der unbewußte Evolutionsgott: Wissenschaftsglaube und Evolutionismus;  § 10 Empiristische Religiosität: Mesmerismus und Spiritismus; § 11 Helena Petrovna Blavatskys paradigmatischer Entwurf für heutige Neomythen; § 12 Astrologie, Nordismus und Katastrophismus; § 13 Ariosophie, Führersehnsucht und Sciencefiction: Neomythen im Vorfeld von Adolf Hitler religionsförmiger Weltanschauung; § 14 Adolf Hitlers heroischer kosmischer Indifferentismus.
Schon diese Kapitelüberschriften, die in Dutzende von Abschnitten untergliedert werden, vermitteln einen Eindruck vom Rundgang durch anderthalb Jahrhunderte. Religion (wörtlich Rückbindung [an Gott]) verlangt vom Menschen ein Bewußtsein seiner Endlichkeit und Unvollkommenheit. Ausgerechnet die Wissenschaften, die der Menschheit soviel Macht verliehen und ihre Leiden verringert haben, führen in die teuflische Versuchung, sich als Götter zu wähnen. Dagegen hilft wenig der logische Bruch, der nüchternem Nachdenken auffallen müßte. In einer Welt, die der Mensch vorfindet als selber nicht geschaffen, in die man evolutionär und kontingent also hineingeraten ist, kann man sich schwerlich zum Schöpfer aufschwingen, auch wenn man der Evolution einige Geheimnisse abgeluchst hat. Wer es dennoch versucht oder behauptet, begeht (um es milde zu sagen) einen Kategorienfehler oder gebärdet sich in pathologischer Selbstüberschätzung. 
Hauser geht schonungslos die langen Reihen der Hypertrophen durch, welche Erlösungs- und sogar himmlische Glückswelten verkünden. Denkbar verschieden sind die Fraktionen der religionsförmigen Neomythologie, mal dogmatisch verhärtet, mal heuristisch ›fortschrittlich‹, immer aber monomythisch überwölbt. Den Evolutionssprung ins Reich der Geister verspricht der Spiritismus und sein Vorfahre, der Nordismus. Ariosophie und andere Lehren wissen sich im Besitz transzendentaler Perspektiven. Ob kosmischer oder ariosophischer Rassismus, ob Reinkarnationsglaube oder Katastrophismus: jeweils beruft man sich auf bessere und das heißt wissenschaftliche und altmeisterlich autorisierte Einsichten. Kulturgeschichtlicher Hintergrund ist die Entzauberung der alten Mythen durch Wissenschaft und Philosophie, wofür Namen wie Darwin, Feuerbach, Sartre u.a. stehen. Nicht allein Gottesbilder, der Weltenschöpfer selber erscheint als gemacht und damit manipulierbar, auch deshalb, weil er sich verborgen gibt und methodisch-wissenschaftlich enträtselbar erscheint. Wenn spätestens seit Kant Gottesbeweise als unmöglich erkannt werden, tritt an die Stelle der herkömmlichen metaphysischen Wegweiser eine neomythische Vernunft, die sich theophysikalisch legimitiert. Die deutsche Romantik hat diesen Bruch weltgeschichtlich zuerst erkannt, indem sie die Krise des Abendlandes mithilfe einer ›Neuen Mythologie‹ zu überwinden suchte. Das alles kann man bei Hauser nachlesen. 
Bleiben keine Wünsche offen? Doch: Den gegenwärtig weltdominierenden Neomythos übergeht er, weil er von der heilsversprechenden Globalisierung verdeckt wird; es ist der Marktmythos in entfesselter Gestalt, dem nahezu alle heutigen Weltverwalter erliegen. Aus einer ökonomisch vernünftigen Wohlstandslehre (vgl. dazu meine Veröffentlichungen, angezeigt in diesem WALTHARI-Portal) ist längst ein spiritistisch anmutender Erlösungsglaube geworden, eine wirkmächtige Form der neomythischen Vernunft der Gegenwart. Darauf hinzuweisen wäre ebenso wünschenswert wie ein Kapitel über die moderne Schöpfergestalt der menschlichen Selbstkonstitution: über den kreativen Wissenschaftler nämlich als den eigentlichen Wegbereiter, der so wenig Aufhebens von sich macht, daß der Schwarm neomythischer Profiteure in Politik usw. schamlos Kapital daraus schlagen kann: Der bindungslose Homo postnovus mäandert scheidungsstilistisch so legitimiert wie sexuell neigungsbeliebig unter Chaosflaggen: »vagabundierende Religiosität und eine zunehmende Rollenunsicherheit bis hin zur Vorstellung einer Selbstgestaltung über den Tod hinaus im ›vortodlich‹ konsumierenden und sich ›nachtodlich‹ reinkarnierenden Subjekt« (181).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com



8. Juli 2006

Gabriel, Mark. W.: Jesus und Mohammed 
Erstaunliche Unterschiede und überraschende Ähnlichkeiten
Ingo Resch Verlag, Gräfelfing 2006, 301 Seiten, 13,90 Euro

Der Untertitel macht stutzig. Ähnlichkeiten des friedlichen Revolutionärs aus Nazareth mit dem kriegerischen Missionierer aus Mekka? Sind die Unterschiede nicht längst bekannt und damit nicht erstaunlich? In der Widmung schreibt der Autor, ehemaliger Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar-Universität in Kairo: »Diese Buch möge vielen Menschen ein neues Verständnis der Persönlichkeit von Mohammed und der islamischen Denkweise sowie der Persönlichkeit von Jesus ermöglichen. Darum bete ich, denn die Wahrheit kann nur von Gott kommen und durch seinen Geist vermittelt werden. – Ich widme die deutsche Ausgabe dieses Buches den Deutschen. Sie haben auf dem Bereich des Glaubens, der Kultur und der Wissenschaft große Erneuerer hervorgebracht, welche die Welt nachhaltig prägten. So ist es mein inniger Wunsch, dass aus diesem Volk wieder bedeutende Christen hervorgehen mögen, um uns einen neuen Zugang zur Botschaft des Evangeliums zu ermöglichen und damit, wie seinerzeit durch die Reformation, ein neues Kapitel der Geschichte des Christentums aufgeschlagen wird.« Der Autor konvertierte vom Islam zum Christentum und vergleicht den Koran und die Hadithen kritisch mit dem Neuen Testament. Er beabsichtigt nicht, »Muslime in ein schlechtes Licht zu rücken« (S. 255), obschon er ihnen mißtraut. »Es spielt keine Rolle, wie viele Terroristen sich Muslime nennen, und es ist auch ohne Belang, wie viele Nazis oder Kreuzritter sich Christen nannten«, heißt es in der Einleitung. Allein die Ur-Quellen seien maßgebend. Diesem »wichtigen Prinzip« kann man schon wegen seiner vergleichenden Schieflage nicht folgen, ganz abgesehen von dem theologischen Grundsatz, daß auch die Lehrgeschichte eine Erkenntnisquelle ist und daß die Frage erlaubt sein muß, warum der Islam sich in der Moderne partout aufklärungsresistent verhält und als Folie für massenhafte Haßausbrüche in der islamischen Welt dient. Das Verhalten von Gläubigen läßt also durchaus Rückschlüsse auf die Struktur auch von den Urquellen her zu. Zur Zähmung des Christentums reichten die friedensfordernden Christenworte nicht aus, es bedurfte der Wucht der europäischen Aufklärung. Das läßt sich mit einem Vergleich päpstlicher Lehrschreiben im Mittelalter mit solchen im 20. Jh. leicht belegen. Trotz behutsamer Leserführung hat man Mühe, die angekündigten Ähnlichkeiten und Unterschiede zusammenfassend erläutert zu finden. Am überraschendsten ist wohl die Widerlegung der gängigen Behauptung, beide Religionen hätten den gleichen Gott. »Jesus sprach von einem Gott der Liebe; Mohammed (durch die koranische Offenbarung) von einem Gott der Strafe. Wenn Sie im Neuen Testament nach den Wörtern Strafe/bestrafen/bestraft suchen, werden Sie etwa 15 Beispiele finden, die sich auf Ungläubige beziehen, die in der Hölle bestraft werden (im Alten Testament kommen diese Worte 159 Mal vor).  Wenn Sie dagegen im Koran (der kürzer ist als das Neue Testament) nach Strafe/bestrafen/bestraft suchen, finden Sie 379 Beispiele. All diese Verse beschreiben, wie Allah unterschiedliche Arten von Menschen und Sünden bestraft. – Sie können auch im Koran nach dem Wort Liebe suchen; Sie werden 82 Stellen finden. Das ist eine recht ansehnliche Zahl. Doch wenn Sie dann stichprobenartig den Kontext überprüfen, werden Sie wiederholt Aussagen darüber finden, was Allah nicht liebt« (S. 132). Erschütternd die Konversionsschilderung des Autors: Der Vater des Konvertiten sucht den ›Abtrünnigen‹ zu erschießen. Noch erschütternder die quellengenauen Nachweise der Vorurteile im Islam gegenüber dem Christentum und die Surenstellen über die Rechtfertigung von Krieg, Raub usw. Im Stichwortverzeichnis fehlt das Wort Strafe.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com



13. September 2007

Wolf, H.: Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher
Beck-Verlag, München 2007, 303 Seiten, 12,95 Euro

Der im Jahre 2006 erschienene Index-Klassiker liegt nun auch als Taschenbuch vor und bietet damit einen preiswerten Zugang zu einem der aufschlußreichsten Konfliktlinien der abendländischen Kultur. Über Jahrhunderte verbot ausgerechnet eine Buchreligion Bücher, die die ›reine Lehre‹ infrage stellten und immer noch stellen, denn indizierte Bücher werden nach wie vor noch angeboten. Die Auswahlliste der verbotenen Bücher auf den Seiten 258 ff. bietet auch für denjenigen, der mit dem Thema einigermaßen vertraut ist, manche Überraschung. Giordano Bruno, Descartes, D’Holbach, Diderot, Flaubert und viele andere: davon wußte man. Aber Croce, Gentile, Gibbon, Hobbes, Lenau, Mill und ebenfalls viele weitere: das wußten nur wenige. Hinter der Sache verbergen sich Tragik, Orthodoxien und Kuriositäten zugleich. Daß Kant ›Kritik der reinen Vernunft‹ 1827 indiziert wurde, nimmt sich nicht erst heute kurios aus und hatte für den Autor keine Folgen. Für die meisten Autoren der Vormoderne hatte die päpstliche Verurteilung jedoch schlimme Auswirkungen. Heutzutage gieren Autoren danach, öffentlichkeitswirksam verurteilt zu werden, denn das erhöht den Bekanntheitsgrad und die Auflagen. An die Stelle des Vatikans sind islamische Autoritäten getreten. Am 7. Dezember 1965 wurde der Index librorum prohibitorum von Papst Paul VI. fast unbemerkt abgeschafft, die Inquisitionsbehörde in ›Kongregation für die Glaubenslehre‹ umbenannt. »Der Papst unterstrich, die Glaubenslehre könne heutzutage wirksamer durch Förderung der Wissenschaft, milde Behandlung irrender Menschen und positive Darlegung der Gründe kirchlicher Entscheidungen geschützt werden als durch die strengen Maßnahmen vergangener Zeiten. Zwei im damals geltenden Kirchenrecht, dem Codex Iuris Canonici von 1917, beschriebene Aufgaben der obersten römischen Glaubensbehörde werden von Paul VI. einfach nicht mehr erwähnt: die Untersuchung von gefährlichen Schriften von Amts wegen und die Verpflichtung der Bischöfe, ›schlechte‹ Bücher beim Heiligen Stuhl zur Anzeige zu bringen. – Allerdings werde die Kongregation für die Glaubenslehre weiterhin Anzeigen von Büchern entgegennehmen und die inkriminierten Werke überprüfen. Jedoch ist – und das ist entscheidend – nicht mehr vom ›Verbieten‹, sondern nur noch vom ›Mißbilligen‹ die Rede.« Bis 1965 hätten Katholiken ihren Bischof ersuchen müssen (was allerdings nur unter Geistlichen die Regel war), Leopold Rankes ›Die römischen Päpste‹ von 1841 lesen zu dürfen, um nicht exkommuniziert zu werden. Die vierhundertjährige Indexgeschichte ist Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden, mit dem fair umzugehen ohne historische Bildung nicht möglich ist. Die Inquisition muß ansonsten »schlechthin für das Böse in Kirche und Welt« herhalten. Es gibt nichts zu beschönigen, der jetzige Papst hat als Kardinal 1998 die vatikanischen Archive öffnen lassen, so daß über Schauergeschichten nicht mehr spekuliert werden muß. Daß Autoren vatikanintern unter die Lupe genommen wurden, ohne daß sie davon wußten, darüber sollte man in unserer Zeit nicht vorschnell die Nase rümpfen: Wer weiß schon heutzutage, welche Überwachungsbehörde ihn im Visier und ein Dossier angelegt hat, ohne daß er je davon erfährt? Der Kirchenhistoriker H. Wolf stellt neun Fälle vor, nachdem er einleitend in die Entstehung und die Praxis der Inquisition einführt. Mehr als kurios: Eine der Trientiner Indexregeln verbot die Volksausgabe der Bibel. Unter den Beispielen befinden sich neben bekannten Namen (Knigge u.a.) die Fälle Drey, Theiner, Seiler und Reusch, die insofern aufschlußreich sind, als taktische Erwägungen kaum eine Rolle spielten (wie etwa bei Karl May, den man nach gründlicher Abwägung nicht verbot). 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


12. November 2007

Berger, P. L.: Erlösender Glaube? 
Fragen an das Christentum
de Gruyter Verlag, Berlin 2006, 220 Seiten, 19,95 Euro

Dieses ganz ungewöhnliche Buch, zuerst 2004 in den USA erschienen, besticht durch eine unerbittliche Theologiebefragung, die sich als Selbstbefragung entpuppt. Der Religionssoziologe Berger stellt alle religiöse Tradition infrage, um sie, durch Skepsis gereinigt, wieder zugänglich zu machen, ganz nach dem Hegel’schen Motto, daß Religion die kritische Vernunft aushalten müsse. Der Inhalt ist nach dem Wortlaut des Vaterunsers gegliedert, unterbrochen von Einschüben über christliche Moral u.a. Die postmoderne Sinnsuche bahnt sich einen Weg jenseits von Beliebigkeit und Fundamentalismus und stellt alles in Rechnung, was das moderne Weltbild zu bieten hat. Wie kann man noch an einen persönlichen Gott glauben, wenn einem die Astrophysiker über die unendlichen Weiten des Universums immer detaillierter darüber aufklären, daß die Erde ein nebensächlicher Winzling schon in der Milchstraße ist? Berger läßt sich nicht beirren. Die Wissenschaft, dieser Hauptprüfstein des Glaubens, kann ebenso hin- wie wegführen. Alles kommt auf den folgenden Fragesprung an (vgl. ›Literatur und Religion‹, Heft 49 der Literaturzeitschrift WALTHARI): vom Was und Wie zum Warum. Wie Naturkonstanten wirken, darüber wissen Physiker einigermaßen Bescheid, nicht aber darüber, warum sie überhaupt in die Welt gekommen sind. Berger wagt diesen Sprung nicht konsequent und glaubt Gott noch beweisen zu können (durch Verdammnis, S. 46). Das schwächste Kapitel ist wohl der Exkurs über die christliche Moral; diese ist weder rein kognitiv noch epochenspezifisch zu begründen. Es gibt ohne Zweifel moralische Universalien, darunter die so schlichte Tauschgerechtigkeit, über die schon Herodot berichtete. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com



3. Juli 2007

Pompey, H.: Zur Neuprofilierung 
der caritativen Diakonie der Kirche.
Die Enzyklika »Deus caritas est«. Kommentar und Auswertung
Echter Verlag, Würzburg 12007, 186 Seiten, 14,80 Euro

Zu den Paradoxien der Nachmoderne gehört die wachsende Kluft zwischen einer Theologie, die hoch entwickelt und leicht zugänglich vorliegt wie noch nie in ihrer zweitausendjährigen Geschichte, und dem allgemeinen Desinteresse an Kirche und verfaßtem Glauben. Papst Benedikt XVI. verkörpert den einen Pol: bejubelt, aber vermutlich nicht einmal jeder tausendste Jubler hat sich in einen seiner theologischen Texte vertieft. Für Religion und Kirche steigt das Medien- und Tagungsinteresse, begleitet von Meldungen über den Verkauf von Kirchen und der Finanznot von Diözesen. Wer sich ein Bild über den theologischen Raum des deutschen Papstes verschaffen will, lade sich aus dem Internet die Enzyklika ›Deus caritas est‹ herunter und lese den Kommentar des Caritaswissenschaftlers Heinrich Pompey. Der Stoff ist vorzüglich strukturiert und gut lesbar aufbereitet. Dargestellt werden nicht nur die Caritas-Theologie und deren Praxis, man kann die ›Auswertung‹ auch als generelle Einführung in das Christentum lesen, so insbesondere in den Teilen 2 und 3: Es geht um Eros und Agape, Gerechtigkeit und Dreifaltigkeit, Philia und Leiturgia. Teil 4 befaßt sich mit der organisierten caritativen Diakonie, Teil 5 mit der freiwilligen Mitarbeit, Teil 6 mit dem Dienst der Kirche für Staat und Gesellschaft, Teil 7 mit der Ökumene und Teil 8 mit dem zukünftigen Handeln. Es kann also ein weiter Horizont abgeschritten werden. Welche Wünsche bleiben offen? Ohne Sach- und Personenregister sollte kein Fachbuch, auch kein theologisches, mehr erscheinen. In der Sache bleibt das Verhältnis zwischen Kirche und Laien verwischt. Gerade am caritativen Diakoniethema könnte diese hochsensible ›Schnittstelle‹ (vgl. oben) schärfer herausgearbeitet werden. Der Kirche fehlen nicht allein Theologen, es laufen ihr die Laien scharenweise davon. Weiß die Enzyklika einen Rat?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com



3. Juli 2007

Hercsik, D.: Der Glaube. 
Eine katholische Theologie des Glaubensaktes.
Echter Verlag, Würzburg 2007, 360 Seiten, 24,80 Euro

Nur eine Abhandlung für Theologen? Auf den ersten Blick entsteht dieser Eindruck. Unterschieden wird zwischen Glaubensakt und Glaubensinhalt; jener (fides qua creditur) »bezieht sich durch das Vertrauen in die Person, die die Wahrheit bezeugt, (dieser) auf den Glaubensinhalt (›fides quae creditur‹)«. Der Autor beklagt, daß die deutschsprachige Theologie nach dem Vaticanum II kein einziges Buch zum Glaubensakt vorgelegt hat. Diese Lücke sucht der Jesuit und Professor für Fundamentaltheologie zu schließen. Im ersten Teil wird dazu der biblisch-historische Bezug hergestellt: Bibel, Patristik, Neuzeit, Vaticanum I und II sowie nachkonziliare Entwicklung. Der zweite Teil wertet aus: Elemente der Glaubensdefinition und Merkmale des Glaubens. Spätestens bei der Auswertung wird klar, daß hier auch Laien an den Lesetisch treten können, um theologisch in gut verständlicher Weise aufgeklärt zu werden. Der Glaube ist ein Geschenk, ist frei, vernünftig, erfahrungsbezogen, heilsnotwendig, aber auch zweifelsanfällig und dunkel – darüber berichten die letzten Unterkapitel. Argumentiert wird leider gänzlich aus der kirchlichen Binnenperspektive. Damit entgehen dem Autor wesentliche Aspekte, die Nicht-Theologen bei der Glaubensfrage bewegen. Die sehr einflussreiche Religionsinterpretation R. Rortys z.B. wird völlig übergangen. Weil über Glaubens- und Lehrirrtümer keine Unterkapitel eingerichtet wurden, entsteht ein Eindruck von Apologie. Über die Problematik des Antimodernisteneides etwa  erfährt der Leser wenig (S. 147 f.). Wie bei anderen Wissenschaften sollte es auch unter Theologen üblicher werden, die Außenperspektive zu berücksichtigen. Unter einem gesamtkritischen Dach läsen sich dann die Ausführungen über den Glaubensbegriff und dessen Elemente überzeugender. Die Kirchen leiden nicht zuletzt unter mangelnder Anschlussfähigkeit zur Nachmoderne, weil ihre Problemwahrnehmungen nahezu exklusiv vom Standpunkt interner Gewissheiten geleitet werden. Man muß diesen Standpunkt nicht aufgeben, wenn man externe Welt-Anschaungen kritisch ins Spiel bringt. Dann würden Sätze wie dieser: »Die meisten Christen werden gläubig, weil sie z.B. die Heilige Schrift gelesen oder gehört haben oder weil sie überzeugten und überzeugenden Christen begegnet sind« nicht stehen bleiben können. Die drei genannten Fälle decken eher die Wendung »bleiben gläubig« ab. Gläubig »werden« geht doch wohl am häufigsten auf Leiderfahrungen und Welterschrecken zurück. Der Hinweis ist keineswegs eine Marginalie, er trifft die brüchige Brücke zwischen Kirche und Leben. Wenn diese Einwände den Eindruck aufkommen lassen, Donath Hercsik habe uns wenig zu sagen, so wäre das grundfalsch. Geboten wird eine mustergültig knappe und klare Glaubensschule, die noch überzeugender ausfiele, würden dem Leser Einstiegspfade über ein Stichwortverzeichnis angeboten. Denn Hercsiks Glaubensbuch  wird man immer wieder in die Hand nehmen, um beispielsweise prägnant in die Glaubenstheologie eingeführt zu werden. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


5. Oktober 2006

Wippersberg, W.: Einiges über den lieben Gott. 
Wie er erfunden wurde – und wohin das geführt hat 
Otto Müller Verlag, Salzburg und Wien 2006, 328 Seiten, 22,- Euro 

Der Untertitel wird ahnungslose Leser anlocken, vor allem Religionskritiker und Atheisten. Aber auch Gläubige macht der Autor neugierig mit der Wendung »und wohin das (der Glaube an Gott) geführt hat«. Wippersberg beansprucht, erklären zu können, wie die christliche und jüdische Religionen entstanden sind. »Mit umfassender Kenntnis«, heißt es im Buchumschlag, zeige er »religionsgeschichtliche Zusammenhänge auf«. Der Autor ist Professor an der  Wiener Filmakademie und dort Leiter der Klasse »Drehbuch und Dramaturgie«. Religionsgeschichte läuft für ihn offenbar nach einem geheimen Drehbuch ab, das Gläubige nicht nur hinters Licht führt, sondern katastrophale Folgen zeitigt. Im Klappentext wird das Ergebnis verniedlichend »eine Provokation« genannt. Das Buch sei »vor allem... für jene geschrieben, die lieber verstehen wollen, anstatt einfach (!) zu glauben«. Manche Leser werden über den Klappentext allein schon wegen solcher Unsäglichkeiten nicht hinauskommen. Der ansonsten solide Verlag hat dem Autor weder ein Inhalts-, noch ein Namens-, Stichwort- und Literaturverzeichnis abverlangt. Was als ›Essay‹ daherkommt, zieht sich unstrukturiert über dreihundert Seiten hin, lediglich markiert mit sechsundsechzig Ziffern, unter denen jeweils ein Motto platziert ist. Unter Ziffer 51 heißt es: »Der Christenmensch braucht (!) eine unsterbliche Seele. Der Beginn der ›Jenseiterei‹.« Daß eine Religion mit einer zweitausendjährigen Geschichte genug Stoff bietet für Kritik, wird niemand überraschen. Selbst Spott und Häme wären noch hinzunehmen, stünden sie methodisch und materiell auf einem soliden Analysefundament. Aber nicht einmal formal-handwerklich genügt das Buch den Mindeststandards: Immer wieder beruft sich Wippersberg auf Quellen, die er nicht ausweist. Wie soll der Leser nachprüfen, ob die Quellen korrekt zitiert werden? Der Autor folgt einem tausendfach praktizierten Argumentationsmuster auf biographischem Hintergrund: Weil Gott auf direktes Bitten kein Zeichen setzt (bei Wippersberg ist es ein Kerzenlicht, das gefälligst aufflackern sollte, um zu beweisen, daß Gott wirklich existiert), hält man Religion und Glaube für Hokuspokus. Um sich die Reste des »Kinderglaubens« von der Seele (ach was: aus dem Gehirn) reden zu können, schreibt man einen ›Essay‹. Daraus wurde bei dem Dramaturgielehrer eine Art negative Generalbeichte; um das Ministrantenniveau (Wippersberg war als Knabe Ministrant in Steyr) zur übersteigen, ›beichtet‹ er im Modestil des orthodoxen Konstruktivismus, der bekanntlich nur weniges für nicht erfunden hält. »Judentum und Christentum sind Offenbarungsreligionen, weil (!) sie als solche erfunden wurden« (S. 155). Dem Autor muß der Gedanke völlig fremd sein, daß er sich selber hier eine persönliche Geschichte erfunden hat, die auf wackeligen Beinen steht. Im Glauben will er nicht die geringsten Spuren von Vernunft erkennen. Wenn alles fiktionales Drehbuch ist, darf er autofiktional so etwas behaupten.
© E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



11. Juli 2006

Michaels, A. (Hrsg.): Klassiker der Religionswissenschaft. 
Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade
C.H. Beck Verlag, 2. Auflage, München 2004, 427 Seiten, 24,90 Euro

Die Verhältnisse sind paradox: Während die christlichen Volkskirchen mehr und mehr Mitglieder verlieren, haben Religionsdebatten und religionswissenschaftliche Beiträge seit Jahren Hochkonjunktur. Immer wieder wurde eine Renaissance der Religion vorausgesagt, nachdem die Aufklärung nicht nur Menschenfreundliches hervorgebracht hat. Man denke nur an die weltweiten Verwüstungen durch technische Unmäßigkeit. Die religiöse Renaissance verläuft allerdings einseitig und bedrohlich, wie ein Blick auf die islamische Welt und das lahmende Christentum zeigt. Wer diese Entwicklung verstehen will, tut gut daran, sich mit der Geschichte zu beschäftigen und dabei auch mit ihrer wissenschaftlichen Abteilung, der Religionswissenschaft. Dazu bietet der angezeigte Sammelband eine vorzügliche Lesevorlage, auch was die Lücken im Wissenschaftsbetrieb betrifft. Dem Christen- und Judentum wird die gebührende Aufmerksamkeit zuteil, Buddhismus, Zoroastrismus, Hinduismus und der Islam bleiben unterbelichtet. Andere Religionen stehen außerhalb des Blickfeldes (z.B. die Jains, Nestorianer u.a.). Für das, was die Religionswissenschaft anzubieten hat, legt der Herausgeber eine hilfreiche Übersicht vor. Es stimmt einfach alles, die konstante Artikelstruktur, der Anmerkungsapparat, das Personen- und Sachregister. Dem Leser wird dadurch ein mehrfacher Zugang ermöglichst, so daß man den Sammelband gleichsam als Lexikon benutzen kann, und zwar sowohl bei der Suche nach Namen wie auch nach Stichworten. Evolution, Heilige, Magie, Mythos, Sprache, Symbol usw. können Sachführer sein; Durkheim, Frazer, Tylor u.a. Namensführer. Paracelsus ist aus Versehen in das Sachregister gerutscht. Keineswegs wird nur über die Arbeit von Theologen referiert, es fehlen weder S. Freud, Max Weber noch C.G. Jung. Die Reihe beginnt mit Schleichermacher und endet mit Mircea Eliade. Axel Michaels erörtert Vorfragen, die den fachfremden Leser, dem das Buch auch zugänglich gemacht werden soll, nur am Rande interessieren, z.B. ob man religiös sein müsse, um religionswissenschaftlich angemessen arbeiten zu können. Oder ob oberhalb aller Religionen eine ›religio naturalis‹ beabsichtigt sei. Neben der Soziologie, Psychologie u.a. Wissenschaften steigen nun bald auch die Kulturwissenschaften in das Thema ein. Die Sache der religio macht den Wissenschaften jedoch zu schaffen, so sehr, daß »die Strategie, die Definition von ›Religion‹ weitgehend auszuklammern, gegenwärtig die beliebteste ist« (Einleitung, S. 11). Der Ansicht der Herausgebers, Interdisziplinarität als »Grundstein des Faches« zu sehen, wird nicht jedermann zustimmen. Die mißliche Lage, um etwas Undefiniertes ein Wissenschaftsensemble zu legen, wird zur Mode, so bei der Kulturwissenschaft. Meine Einwände seien hier nicht wiederholt. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com