Walthari


Glossen / Interpretationen / Tagebuchnotizen


 
Glossen
10. Oktober 2007
Walter Kempowski

1989
Walter Kempowski zur Eingliederung des VS in die Einheitsgewerkschaft 
›IG-Medien-Druck und Papier, Publizistik und Kunst‹

»Und wenn schon mal Autoren beisammensitzen, dann ist das eine Schauangelegenheit, und das Fernsehen ist dabei. Die Massengesellschaft neigt dazu, nicht nur Zahnärzte und Lehrer, sondern auch Autoren in Kongreßsälen zu formieren. Das letzte Mal, daß ich eine PEN-Veranstaltung besucht habe, ist wohl fünfzehn Jahre her, war es in Kiel? Es wurde kein einziges Wort  über Literatur gesprochen. Zum Ost-West-Schriftstellertreffen in Berlin wurde ich zum Glück gar nicht erst gebeten. Und vom VS habe ich mich nicht vereinnahmen lassen, weil mir schon klar war, daß dort nichts zu sagen gewesen wäre. Die allgemeine Euphorie, die sich verbreitete, hat sich bei mir angesichts des Gewerkschaftsfunktionärs, der damals auftrat, nicht einstellen wollen« (Hervorhebung nicht im Original)

2007
WalterKempowski überLiteraturkritiker und Kollegen

Auf die Frage (in der FAS Nr. 40/07, S. 41), warum er »von den Medien, von den Kritikern« lange Zeit mißachtet wurde: »Ich bin konservativ. Ich bin kein Sozi.« Als er nach Ausplünderung und Haft im kommunistischen Osten nach Westdeutschland kam und »mit dem Vorwurf« bedacht wurde, »ich sei zu konservativ, dachte ich, ich spinne«. Die (linksgeneigte) ›Zeit‹ lese er nicht (vermutlich u.a. weil ihr ehemaliger Chefredakteur gegen die Wiedervereinigung war). Auf die Frage, ob er »nachvollziehen« könne, weil Günter Grass und Martin Walser »mangelnden Respekt ihren Leistungen gegenüber« vermißten: »Überhaupt nicht. Das sind doch die letzten Nieten. Was hat denn Walser geschrieben? Illustriertenromane. Und haben Sie von Grass schon mal was gelesen?« Bei Stichwort ›Krebsgang‹: »Das Buch, das er von mir abgeschrieben hat? Sogar den Titel hat er von mir. Unglaublich ist das.« Warum? »Ich hatte vorher ein tausendseitiges Buch über den Untergang der Wilhelm Gustloff geschrieben, und Grass erwähnt mich in seinem Buch mit keinem Wort. Was ist das für eine Ungehörigkeit? Und die Presse hat es auch nicht getan. Der Ausdruck ›Krebsgang‹ kommt im Vorwort vom ersten ›Echolot‹ groß und deutlich vor. Ja, woher hat er das denn? Ist doch kein gebräuchliches Wort, oder? Grass und Walser – das sind jedenfalls dieselben Leute, die mich damals nicht zur ›Gruppe 47 eingeladen haben.« 
© WALTHARI® (ausgenommen die Originalzitate). Aus: www.walthari.com
 


Interpretationen
23. Februar 2008

Reuige Einsicht?

In einer Lageanalyse über den Zustand der Literatur war jüngst zu lesen: Die Entsinnlichung unseres Alltags sei soweit fortgeschritten, daß wir die Wirklichkeit verloren hätten. Bewußtsein und Software wären beinahe eins. Daraus erwachse ein Bedürfnis nach der Materialität der Welt. Bis hierher wird D. Kamper wiederholt, also nichts Neues geboten. Dann aber der Überschlag: »Hinzu kommt, dass wir heute nicht mehr wie noch vor einem Jahrzehnt von der selbstauferlegten Verpflichtung besessen sind, jeder Erfahrung und Handlung einen sozialen oder politischen Bezugsrahmen zuzumuten. Positiv formuliert: Seit einiger Zeit – Foucaults Spätwerk über die ›Selbstsorge‹ dürfte ein früher Indikator gewesen sein – halten wir es wieder für akzeptabel, individuelle Wünsche und Ziele in den Vordergrund unseres Lebens und sogar der Philosophie zu stellen« (Hans Heinrich Gumbrecht). Haben B. Brecht und Programmgenossen wirklich nur »einen sozialen oder politischen Bezugsrahmen« herstellen wollen? Sozialismusphantasien (samt Stalin-Verehrung) als bloßer »Bezugsrahmen«? Das Heer der sozialkritischen Schreiber, die auf kunstgewerblicher Höhenlage eine neue Gesellschaft mittels Literatur anstrebten – darf man diesen Kunstmißbrauch – mit erheblichen gesellschaftspolitischen Verwirrungsfolgen (s. K. Becks ›demokratischer Sozialismus‹) – so verharmlosen, als wäre es der Sonntagsausflug eines Mädchenpensionats gewesen?
©Erich Dauenhauer ( ausgenommen die Originalzitate). Aus: www.walthari.com

Tagebuchnotizen

20. April 2008

Literarisches Geburtstagsduo

Aretino, Pietro: geb. am 20. April 1492 in Arezzo, gest. am 21. Oktober 1556 in Venedig, von Ariost der »Göttliche« und »Monarchengeißel« genannt, weil er mit den Mächtigen seiner Zeit scharf ins Gericht ging, was ihm eine zweijährige Verbannung aus Rom einbrachte. In seiner Komödie »Die Kurtisane« (La cortigiana, 1525) geißelte er die Zustände am Hofe in Rom, was ihm einen Mordanschlag einbrachte. Ab 1527 lebte er im freieren Venedig, wo er zahlreiche weitere Komödien verfaßte. Am berühmtesten wurde sein pornographisches Werk ›Ragionamenti‹ (in Anlehnung an Petronius), das auf den Index gesetzt wurde. Aretino nahm die schriftstellerische Freiheit in ganzer Breite wahr: von Polemik über Erotik bis zu frommen Texten.

Bang, Herman: geb. 20.April 1857 in Adserballe (Dänemark), gest. am 29. Januar 1912 in Ogden (Utah), impressionistischer Erzähler. Verurteilte die Neigung von Literaten (Zola, Aretino u.a.), sich in die aktuelle Politik einzumischen. Literarische Figuren sollten indirekt die Verhältnisse kritisch sehen lassen. Sein Roman ›Hoffnungslose Geschlechter‹1880, dt. 1900) gilt als Vorläufer der ›Buddenbrooks‹. Der Roman ›Stuk‹ (1887; dt. 1913 und 2005) hat die Gründerzeit zum Hintergrund. Bang bezeichnete sich selber als ›vaterlandslos‹ und starb auf einer Vortragsreise. Dem Gesamtwerk (in drei Bänden, München 1982) liegt ein Ton der Fremdheit zugrunde.

Aretino und Bang: der Zufall des gleichen monatlichen Geburtstagsdatums läßt sie nebeneinander erscheinen: mit unterschiedlicher literarischer Auffassung, jeweils stark angefeindet. Wer liest noch Aretino? Er hat das zeitlose Phänomen der öffentlichen Heuchelei aufgespießt und ist dennoch nicht mehr Teil des kollektiven Gedächtnisses. Bang wird es bald ähnlich ergehen. Neben ›Harry Potter‹ hat Qualität keinen Platz.
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com