Walthari
 

Literaturbesprechungen



 
11. Juni 2008

Morbach, B.: Die Musikwelt des Barock.
Mit über 50 Werken auf CD-ROM 
Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008, 301 Seiten, 26,95 Euro

Der Autor hat sich mit den Musikbänden zum Mittelalter und zur Renaissance einen Namen gemacht und setzt mit der Musikwelt des Barock seine medienkombinierte Reihe fort. Text, Bilder, Noten und Klänge sind aufeinander abgestimmt, keine leichte Aufgabe, da eine ganze Epoche auf dem Prüfstand steht. ›Gibt es Barockmusik?‹ wird im ersten Kapitel gefragt und mit ›Grundbegriffen‹ geantwortet. Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit Claudio Monteverdi, Johann Mattheson, der Musik an Fürstenresidenzen und in Bürgerstädten, am Hofe Ludwigs XIV., des weiteren mit Musikinstrumenten und mit ›Frauen in einer Männerwelt‹. Den Abschluß bildet Barockmusik in der Neuen Welt. Der Anhang besteht aus Anmerkungen, Literaturangaben, Inhaltsangaben, einer CD, einer Ostinato-Übersicht, einem Namens-, Orts- und Sachregister. Morbach geht dem Leser sehr zur Hand, so etwa wenn er am Textrand auf die Nummern der CD verweist und die Medienkombination erleichtert. Das Buch setzt trotz aller didaktischen Bemühungen nicht wenig Musikkenntnisse voraus, mit Ausnahme z.B. der Beschreibung von Städten, in denen die Barockmusik besonders aufblühte (München, Salzburg, Wien, aber auch Stuttgart, Madrid u.a.). Was erstaunt: Der Großmeister der Barockmusik, Johann Sebastian Bach, erscheint nicht einmal im Inhaltsverzeichnis, es ist dem Autor auch kein eigenes Kapitel gewidmet. Man muß schon im Personenregister nachprüfen, ob er nicht vergessen wurde; erwähnt wird er verstreut über das ganze Buch. Wer zum neuen Morbach greift, den erwartet ein Erlebnis –  mit reichlichem Gewinn. Was hat das ›alte Europa‹ nicht alles zu bieten an grandiosen Kulturleistungen! Daß es solche Musikführer gibt wie der vorliegende, erinnert einem mal mehr an den europäischen Schatzhaushalt.
© Erich  Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate.   Aus: www.walthari.com
 


6. Juni 2008

Gloy, Karen: Von der Weisheit zur Wissenschaft.
Eine Genealogie und Typologie der Wissensformen 
Karl Alber Verlag, Freiburg und München 2007, 348 Seiten, 29,- Euro

Ausgerechnet den Verfasser des Leitmottos ist im Personenregister vergessen worden. In R. M. Rilkes ›Duineser Elegien‹ heißt es: ... und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Hause sind in der gedeuteten Welt.« Dieses kleine Registerversäumnis fällt freilich nicht ins Gewicht und wird vornehmlich von Lesern bemerkt, die sich einen bestimmten Zugangsweg zu einem Buch angewöhnt haben: Um den geistigen Horizont grob abzuklären, schauen sie nach einem kurzen Blick auf das Inhaltsverzeichnis ins Personen- und Stichwortverzeichnis. Dort erfährt man nämlich am raschesten, worauf der Inhalt aufruht. Bei Karen Gloy, Professorin für Philosophie und Geistesgeschichte in Luzern, geben die Stichworte Bewußtsein, Definition, Einheit, Erkenntnis, Gegenstand, Leben, Objekt, Subjekt, System, Wahrheit, Wissen und Zeit die meisten Seitenhinweise. Auf diese Art vororientiert, liest man nun das Inhaltsverzeichnis genauer: Unter Teil 1 ›Historischer Paradigmenwechsel des Wissens‹ geht es um den Weisheitsbegriff und seine Wandlungen. Der Bogen reicht von altägyptischen Weisheitslehren (ohne Bezug auf J. Assmann) bis heute. In Teil 2 wird der morphologische Aufbau des Wissens untersucht, wiederum mit einem Durchgang von der Antike seit Platon bis in die Gegenwart. Unterschieden werden praktisches, theoretisches u.a. Wissen. Mehr als fünfzig Seiten räumt Gloy zum Schuß den modifizierten Wissenszuständen zu: Traumbewußtsein, Weissagung, Hellsehen u.a. Drei zentrale Erkenntnisse schälen sich bei der Lektüre heraus: (1) Was man unter Wissen versteht, hängt vom spezifischen Bewußtsein jeder Epoche ab. (2) Weisheits-Wissen wurde zunehmend verdrängt durch Exaktheits-Wissen. (3) Die neuen Rechner bieten einen Wissenstyp an, dessen Sprache und Logik den Mentalitätsraum verändern werden. Das Internet z.B. stellt einen riesigen Wissenskosmos dar, aber unsystematisch, pointilistisch, also ohne innere Einheit. Das hat schwerwiegende Folgen für alle Lebensbereiche und auch für die Ausformungen der Denkstrukturen. Angesichts der überquellenden Wissensmagazine entsteht eine neue Anwendungshurtigkeit und -vergeßlichkeit, die für Zusammenhänge keinen Blick mehr haben. Dieses Phänomen kann man z.B. in der Wirtschaftspolitik bereits gut beobachten. Die Schelling’sche Wissensskepsis (vgl. die WALTHARI-Hefte 34 ff.), mit deren Hilfe das Problem entschärft werden könnte, wird von Gloy leider nicht ins Spiel gebracht. Mit der Erörterung der Genealogie und Typologie der Wissensformen führt die Verfasserin den Leser mitten hinein in die Bildungs-, Wissenschafts- und Medienpolitik. Wie ist Bildung im heutigen Wissenskosmos noch möglich? Welchen Wissenstyp sollen die Wissenschaften favorisieren? usw. So stellt der Bologna-Prozeß an den Universitäten auf höchst fragwürdige Wissensformen (in separierenden Modulgewändern) ab. Soziale Gerechtigkeit kann nicht dadurch überzeugender legitimiert oder gar praktiziert werden, indem man Berge von Referenzwissen herbeizitiert. Zu berücksichtigen wäre vor allem Kategorialwissen, das auf Tiefenstrukturen und Einheit angelegt ist. Gloy übergeht auch diese Dimension.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


26. März 2008

Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen.
Die Intelligenz des Unbewußten und die Macht der Intuition 
C. Bertelsmann Verlag, München 2007, 284 Seiten, 19,95 Euro

Der habilitierte Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geht mit aufregenden Thesen den rationalen Maximierern an den stolzen Kragen und zwingt sie, nicht nur auf ihren gescheiten Kopf, sondern auch auf den vernachlässigten Bauch zu achten. Die Thesen beunruhigen und beruhigen zugleich. Erstens: Menschen entscheiden beiliebe nicht immer rational, d.h. sie spielen nur selten alle Optionen durch und bedenken selten alle Konsequenzen. 2. Intuitive Entscheidungen sind Rationalentscheidungen häufig überlegen. Der Grund: Es gibt so etwas wie eine Intelligenz des Unbewußten, in welcher Lebenserfahrung gespeichert wird, die sich bewußt nicht abrufen läßt. Sie manifestiert sich aber als intuitiver Richtungssinn, den wir Bauchentscheidung nennen. 3. Zu viel Wissen kann entscheidungshinderlich sein. Der Grund: Es muß ja nicht das richtige Wissen sein, über das wir verfügen, und außerdem kennen wir nicht gut genug dessen Lösungsgewicht. 4. Je komplexer und daher unvorhersehbarer die Lage, um so wichtiger werden vereinfachte Entscheidungsfaktoren. Die Lösungsfähigkeit steigt also nicht automatisch, wenn bei vermehrter Komplexität mehr Wissen angehäuft wird, eher umgekehrt. Faustregeln werden dann wichtiger als durchlogifizierte Entscheidungsbäume. Der Autor hat die Thesen experimentell überprüft und sie tendenziell bestätigt gefunden. Was die Erkenntnisse Gigerenzer alltäglich-lebenspraktisch und auch für sog. Lebensentscheidungen bedeuten, liegt auf der Hand. Ob bei Wohnungs- oder Anlageentscheidungen, ob bei der Wahl von Geschäftspartnern oder Freunden – das in den Thesen enthaltene Regelwerk ist von höchster Bedeutung. Bauchentscheidungen hätten vermutlich den Irakkrieg ebenso verhindert wie das Links-Abenteuer der Sozialdemokraten. Alles raffinierte Kalkülisieren hat dabei nicht geholfen. Gigerenzer lädt mit zwei Teilen (›Unbewußte Intelligenz‹ und ›Bauchentscheidungen in Aktion‹) zum unterhaltsamen Entscheidungstraining ein, mit provokanten Kapitelüberschriften wie: ›Ein einziger guter Grund reicht‹ und ›Soziale Instinkte‹.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


16. März 2008

Glaser, Th. (Hrsg.): Die Weisheit des Martin Luther
Rosenheimer Verlagshaus, Rosenheim 2008, 12,95 Euro 

Der Autor ist evangelischer Theologe und Ständiger Vertreter des Landesbischofs in München. Auf die Auswahl der Sprüche, Gedanken und Gebete des Reformators ist also Verlaß, obschon ein Quellennachweis fehlt: »Die Zitate in diesem Buch wurden in 50 Dienstjahren des Herausgebers gesammelt. Ein systematischer Quellennachweis ist aus diesem Grund nicht möglich«, gesteht er am Ende des Buches. Die reich bebilderte Ausgabe darf bibliophilen Rang beanspruchen. Was einzig stört, ist ein fehlendes Inhaltsverzeichnis. So erfährt man erst beim Lesen nach und nach die thematischen Schwerpunkte. Gott – Engel – Gottvertrauen – Schöpfung – Christus – Heiliger Geist – Glaube –Weisheit –Lebensweisheit – Christsein – Bibel – Gebet – Morgengebet – Abendgebet – Dankbarkeit – Freude – Kirche – Gottesdienst – Wahrheit – Ehe – Kinder – Erziehung – Freundschaft – Reichtum – Arbeit – Essen und Trinken – Mässigkeit - Musik – Regierung – Friede – Nächstenliebe – Gesundheit – Schwermut – Geduld – Sterben und Tod – Auferstehung – Ewiges Leben. Den Verlag und den Autor kann man zu dieser Ausgabe nur beglückwünschen. Herrliche Abbildungen begleiten die Texte, die einumsandre Mal überraschen, auch wenn man ›seinen‹ Luther zu kennen glaubt. »Lasset die Geister aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet still«, heißt es unter dem Stichwort Lebensweisheit. Und unter Gottesdienst: »Man kann Gott nicht nur mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen. Deshalb hat er den Sonntag geschenkt.« Naturgemäß atmen manche Texte den Geist der frühen Neuzeit. »Weltliche Obrigkeit ist von Gott eingesetzt« - daran wagen wir nicht mehr zu glauben, ebensowenig an »Der Friede ist das allerhöchst Gut auf Erden«, wo es doch die Freiheit ist, die wir mittlerweile am höchsten zu schätzen gelernt haben, weil sie dem Frieden vorausgehen muß. Manches stimmt melancholisch, anderes witzig und deftig: »Während ich mein Töpfchen Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium dennoch weiter.« Aus allem atmet ein tiefes Gottvertrauen, jener Anker, der diese Jahrtausendgestalt alle Stürme bestehen ließ. Man wird immer wieder zu dieser wunderbaren Buchausgabe greifen, auch deshalb, um in unserem durchanglifizierten Zeitalter an eine hauseigene Quelle erinnert zu werden.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


25. Februar 2008

Schlieper, A.: Der Traum vom besseren Menschen. 
Ein Streifzug durch die Geschichte unserer Hoffnungen
wjs Verlag, Wolf Jobst Siedler jr., Berlin 2007, 359 Seiten, 24,90 Euro 

Bücher wie das hier anzuzeigende sind eine Wohltat. Hätte sich der Autor, der je eine Geschichte des Teufels und der Engel geschrieben hat, der Mühe unterzogen, ein Sach- und Personenregister zu erstellen und das Literaturverzeichnis nicht fragmentarisch anzubieten, wäre ihm höchstes Lob sicher. Schlieper zitiert die bekannten Entwürfe zur besseren Menschwerdung vor den Richterstuhl der kritischen Vernunft und der Erfahrung. Dazu dienen folgende Kapitel: Verirren – Glauben – Wissen – Regeln – Lernen – Handeln, zuletzt ein nüchternes Nachwort, in dem es heißt: Wer das Labyrinth der Weltverbesserer durchlaufen habe, finde wenig Ermutigendes, sei es, daß die Entwürfe überzogen ausfielen, sei es, daß die menschliche Natur überfordert würde. Zwischen genetischer und gesellschaftlicher Prägung öffnet sich eine kleine realistische Spalte für die wenigen Vernünftigen, die mit sich und dem gewünschten Humanum etwas anzufangen wissen. Das lehrte schon Heraklit, den Schlieper nicht heranzieht. Der Autor irrt, wenn er den Willen zum besseren Menschen als eine bloße Entscheidungssache ansieht. Weder Wissen noch Moral noch Entscheiden noch Aufklärung reichen dazu aus. Darin liegt das menschliche Drama. Es muß noch etwas hinzukommen, das die Griechen Entelechie nannten. Weil diese Umsetzungskraft unter den Menschen erfahrungsgemäß ungleich verteilt ist, resigniert die Mehrheit und zeigt das allzu bekannte Ersatzhandeln. Schlieper empfiehlt den Resignierenden, dann doch wenigstens selbst- und utopiekritisch zu sein, aber dazu bedarf es schon wieder einer Portion Entelechie, zu der nicht allzu viele Menschen fähig sind, worauf die Ruhmneurotiker bekanntlich ihre Macht bauen. Der Autor läßt sie Revue passieren, die Träumer und Verächter, die ihre Ideologien wie Unkraut in der Weltgeschichte hinterließen, aus dem Diktatoren und politische Tugendnöter ihr Süppchen kochten und immer noch kochen. Hobbes ›Leviathan‹ z.B. will mit Grausamkeiten den Menschen das Fürchten lehren, um seine Macht zu sichern – ein Rezept, an dem noch Stalin sein Gefallen gefunden hat, um sozialistische Persönlichkeiten anzustreben. Immer noch wird sozialistisch nachgeträumt, was die Weltverbesserer nicht daran hindert, ihrem Staat bürokratisch-diktatorische Züge angedeihen zu lassen. Es sind weniger die harten klassischen Utopien von Platon über Thomas Morus bis zu den orthodox-ökologischen Rousseauisten unserer Tage, die Schaden anrichten, als die Softyträumereien im Mäntelchen des Gutmenschentums, die alles besser machen wollen, aber meist nur an ihre eigenen Vorteile denken. Schlieper scheut kein Tabu, auch nicht die Eugenik.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com