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| 11. Juni 2008
Morbach, B.: Die Musikwelt des Barock.
Der Autor hat sich mit den Musikbänden zum Mittelalter
und zur Renaissance einen Namen gemacht und setzt mit der Musikwelt des
Barock seine medienkombinierte Reihe fort. Text, Bilder, Noten und Klänge
sind aufeinander abgestimmt, keine leichte Aufgabe, da eine ganze Epoche
auf dem Prüfstand steht. ›Gibt es Barockmusik?‹ wird im ersten Kapitel
gefragt und mit ›Grundbegriffen‹ geantwortet. Die folgenden Kapitel beschäftigen
sich mit Claudio Monteverdi, Johann Mattheson, der Musik an Fürstenresidenzen
und in Bürgerstädten, am Hofe Ludwigs XIV., des weiteren mit
Musikinstrumenten und mit ›Frauen in einer Männerwelt‹. Den Abschluß
bildet Barockmusik in der Neuen Welt. Der Anhang besteht aus Anmerkungen,
Literaturangaben, Inhaltsangaben, einer CD, einer Ostinato-Übersicht,
einem Namens-, Orts- und Sachregister. Morbach geht dem Leser sehr zur
Hand, so etwa wenn er am Textrand auf die Nummern der CD verweist und die
Medienkombination erleichtert. Das Buch setzt trotz aller didaktischen
Bemühungen nicht wenig Musikkenntnisse voraus, mit Ausnahme z.B. der
Beschreibung von Städten, in denen die Barockmusik besonders aufblühte
(München, Salzburg, Wien, aber auch Stuttgart, Madrid u.a.). Was erstaunt:
Der Großmeister der Barockmusik, Johann Sebastian Bach, erscheint
nicht einmal im Inhaltsverzeichnis, es ist dem Autor auch kein eigenes
Kapitel gewidmet. Man muß schon im Personenregister nachprüfen,
ob er nicht vergessen wurde; erwähnt wird er verstreut über das
ganze Buch. Wer zum neuen Morbach greift, den erwartet ein Erlebnis –
mit reichlichem Gewinn. Was hat das ›alte Europa‹ nicht alles zu bieten
an grandiosen Kulturleistungen! Daß es solche Musikführer gibt
wie der vorliegende, erinnert einem mal mehr an den europäischen Schatzhaushalt.
6. Juni 2008 Gloy, Karen: Von der Weisheit zur Wissenschaft.
Ausgerechnet den Verfasser des Leitmottos ist im Personenregister
vergessen worden. In R. M. Rilkes ›Duineser Elegien‹ heißt es: ...
und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich
zu Hause sind in der gedeuteten Welt.« Dieses kleine Registerversäumnis
fällt freilich nicht ins Gewicht und wird vornehmlich von Lesern bemerkt,
die sich einen bestimmten Zugangsweg zu einem Buch angewöhnt haben:
Um den geistigen Horizont grob abzuklären, schauen sie nach einem
kurzen Blick auf das Inhaltsverzeichnis ins Personen- und Stichwortverzeichnis.
Dort erfährt man nämlich am raschesten, worauf der Inhalt aufruht.
Bei Karen Gloy, Professorin für Philosophie und Geistesgeschichte
in Luzern, geben die Stichworte Bewußtsein, Definition, Einheit,
Erkenntnis, Gegenstand, Leben, Objekt, Subjekt, System, Wahrheit, Wissen
und Zeit die meisten Seitenhinweise. Auf diese Art vororientiert, liest
man nun das Inhaltsverzeichnis genauer: Unter Teil 1 ›Historischer Paradigmenwechsel
des Wissens‹ geht es um den Weisheitsbegriff und seine Wandlungen. Der
Bogen reicht von altägyptischen Weisheitslehren (ohne Bezug auf J.
Assmann) bis heute. In Teil 2 wird der morphologische Aufbau des Wissens
untersucht, wiederum mit einem Durchgang von der Antike seit Platon bis
in die Gegenwart. Unterschieden werden praktisches, theoretisches u.a.
Wissen. Mehr als fünfzig Seiten räumt Gloy zum Schuß den
modifizierten Wissenszuständen zu: Traumbewußtsein, Weissagung,
Hellsehen u.a. Drei zentrale Erkenntnisse schälen sich bei der Lektüre
heraus: (1) Was man unter Wissen versteht, hängt vom spezifischen
Bewußtsein jeder Epoche ab. (2) Weisheits-Wissen wurde zunehmend
verdrängt durch Exaktheits-Wissen. (3) Die neuen Rechner bieten einen
Wissenstyp an, dessen Sprache und Logik den Mentalitätsraum verändern
werden. Das Internet z.B. stellt einen riesigen Wissenskosmos dar, aber
unsystematisch, pointilistisch, also ohne innere Einheit. Das hat schwerwiegende
Folgen für alle Lebensbereiche und auch für die Ausformungen
der Denkstrukturen. Angesichts der überquellenden Wissensmagazine
entsteht eine neue Anwendungshurtigkeit und -vergeßlichkeit, die
für Zusammenhänge keinen Blick mehr haben. Dieses Phänomen
kann man z.B. in der Wirtschaftspolitik bereits gut beobachten. Die Schelling’sche
Wissensskepsis (vgl. die WALTHARI-Hefte 34
ff.), mit deren Hilfe das Problem entschärft werden könnte, wird
von Gloy leider nicht ins Spiel gebracht. Mit der Erörterung der Genealogie
und Typologie der Wissensformen führt die Verfasserin den Leser mitten
hinein in die Bildungs-, Wissenschafts- und Medienpolitik. Wie ist Bildung
im heutigen Wissenskosmos noch möglich? Welchen Wissenstyp sollen
die Wissenschaften favorisieren? usw. So stellt der Bologna-Prozeß
an den Universitäten auf höchst fragwürdige Wissensformen
(in separierenden Modulgewändern) ab. Soziale Gerechtigkeit kann nicht
dadurch überzeugender legitimiert oder gar praktiziert werden, indem
man Berge von Referenzwissen herbeizitiert. Zu berücksichtigen wäre
vor allem Kategorialwissen, das auf Tiefenstrukturen und Einheit angelegt
ist. Gloy übergeht auch diese Dimension.
26. März 2008 Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen.
Der habilitierte Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut
für Bildungsforschung in Berlin geht mit aufregenden Thesen den rationalen
Maximierern an den stolzen Kragen und zwingt sie, nicht nur auf ihren gescheiten
Kopf, sondern auch auf den vernachlässigten Bauch zu achten. Die Thesen
beunruhigen und beruhigen zugleich. Erstens: Menschen entscheiden beiliebe
nicht immer rational, d.h. sie spielen nur selten alle Optionen durch und
bedenken selten alle Konsequenzen. 2. Intuitive Entscheidungen sind Rationalentscheidungen
häufig überlegen. Der Grund: Es gibt so etwas wie eine Intelligenz
des Unbewußten, in welcher Lebenserfahrung gespeichert wird, die
sich bewußt nicht abrufen läßt. Sie manifestiert sich
aber als intuitiver Richtungssinn, den wir Bauchentscheidung nennen. 3.
Zu viel Wissen kann entscheidungshinderlich sein. Der Grund: Es muß
ja nicht das richtige Wissen sein, über das wir verfügen, und
außerdem kennen wir nicht gut genug dessen Lösungsgewicht. 4.
Je komplexer und daher unvorhersehbarer die Lage, um so wichtiger werden
vereinfachte Entscheidungsfaktoren. Die Lösungsfähigkeit steigt
also nicht automatisch, wenn bei vermehrter Komplexität mehr Wissen
angehäuft wird, eher umgekehrt. Faustregeln werden dann wichtiger
als durchlogifizierte Entscheidungsbäume. Der Autor hat die Thesen
experimentell überprüft und sie tendenziell bestätigt gefunden.
Was die Erkenntnisse Gigerenzer alltäglich-lebenspraktisch und auch
für sog. Lebensentscheidungen bedeuten, liegt auf der Hand. Ob bei
Wohnungs- oder Anlageentscheidungen, ob bei der Wahl von Geschäftspartnern
oder Freunden – das in den Thesen enthaltene Regelwerk ist von höchster
Bedeutung. Bauchentscheidungen hätten vermutlich den Irakkrieg ebenso
verhindert wie das Links-Abenteuer der Sozialdemokraten. Alles raffinierte
Kalkülisieren hat dabei nicht geholfen. Gigerenzer lädt mit zwei
Teilen (›Unbewußte Intelligenz‹ und ›Bauchentscheidungen in Aktion‹)
zum unterhaltsamen Entscheidungstraining ein, mit provokanten Kapitelüberschriften
wie: ›Ein einziger guter Grund reicht‹ und ›Soziale Instinkte‹.
16. März 2008 Glaser, Th. (Hrsg.): Die Weisheit des Martin Luther
Der Autor ist evangelischer Theologe und Ständiger
Vertreter des Landesbischofs in München. Auf die Auswahl der Sprüche,
Gedanken und Gebete des Reformators ist also Verlaß, obschon ein
Quellennachweis fehlt: »Die Zitate in diesem Buch wurden in 50
Dienstjahren des Herausgebers gesammelt. Ein systematischer Quellennachweis
ist aus diesem Grund nicht möglich«, gesteht er am Ende
des Buches. Die reich bebilderte Ausgabe darf bibliophilen Rang beanspruchen.
Was einzig stört, ist ein fehlendes Inhaltsverzeichnis. So erfährt
man erst beim Lesen nach und nach die thematischen Schwerpunkte. Gott
– Engel – Gottvertrauen – Schöpfung – Christus – Heiliger Geist –
Glaube –Weisheit –Lebensweisheit – Christsein – Bibel – Gebet – Morgengebet
– Abendgebet – Dankbarkeit – Freude – Kirche – Gottesdienst – Wahrheit
– Ehe – Kinder – Erziehung – Freundschaft – Reichtum – Arbeit – Essen und
Trinken – Mässigkeit - Musik – Regierung – Friede – Nächstenliebe
– Gesundheit – Schwermut – Geduld – Sterben und Tod – Auferstehung – Ewiges
Leben. Den Verlag und den Autor kann man zu dieser Ausgabe nur beglückwünschen.
Herrliche Abbildungen begleiten die Texte, die einumsandre Mal überraschen,
auch wenn man ›seinen‹ Luther zu kennen glaubt. »Lasset die Geister
aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet still«, heißt
es unter dem Stichwort Lebensweisheit. Und unter Gottesdienst: »Man
kann Gott nicht nur mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen.
Deshalb hat er den Sonntag geschenkt.« Naturgemäß
atmen manche Texte den Geist der frühen Neuzeit. »Weltliche
Obrigkeit ist von Gott eingesetzt« - daran wagen wir nicht mehr
zu glauben, ebensowenig an »Der Friede ist das allerhöchst
Gut auf Erden«, wo es doch die Freiheit ist, die wir mittlerweile
am höchsten zu schätzen gelernt haben, weil sie dem Frieden vorausgehen
muß. Manches stimmt melancholisch, anderes witzig und deftig: »Während
ich mein Töpfchen Wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium
dennoch weiter.« Aus allem atmet ein tiefes Gottvertrauen, jener
Anker, der diese Jahrtausendgestalt alle Stürme bestehen ließ.
Man wird immer wieder zu dieser wunderbaren Buchausgabe greifen, auch deshalb,
um in unserem durchanglifizierten Zeitalter an eine hauseigene Quelle erinnert
zu werden.
25. Februar 2008 Schlieper, A.: Der Traum vom besseren Menschen.
Bücher wie das hier anzuzeigende sind eine Wohltat.
Hätte sich der Autor, der je eine Geschichte des Teufels und der Engel
geschrieben hat, der Mühe unterzogen, ein Sach- und Personenregister
zu erstellen und das Literaturverzeichnis nicht fragmentarisch anzubieten,
wäre ihm höchstes Lob sicher. Schlieper zitiert die bekannten
Entwürfe zur besseren Menschwerdung vor den Richterstuhl der kritischen
Vernunft und der Erfahrung. Dazu dienen folgende Kapitel: Verirren –
Glauben – Wissen – Regeln – Lernen – Handeln, zuletzt ein nüchternes
Nachwort, in dem es heißt: Wer das Labyrinth der Weltverbesserer
durchlaufen habe, finde wenig Ermutigendes, sei es, daß die Entwürfe
überzogen ausfielen, sei es, daß die menschliche Natur überfordert
würde. Zwischen genetischer und gesellschaftlicher Prägung öffnet
sich eine kleine realistische Spalte für die wenigen Vernünftigen,
die mit sich und dem gewünschten Humanum etwas anzufangen wissen.
Das lehrte schon Heraklit, den Schlieper nicht heranzieht. Der Autor irrt,
wenn er den Willen zum besseren Menschen als eine bloße Entscheidungssache
ansieht. Weder Wissen noch Moral noch Entscheiden noch Aufklärung
reichen dazu aus. Darin liegt das menschliche Drama. Es muß noch
etwas hinzukommen, das die Griechen Entelechie nannten. Weil diese Umsetzungskraft
unter den Menschen erfahrungsgemäß ungleich verteilt ist, resigniert
die Mehrheit und zeigt das allzu bekannte Ersatzhandeln. Schlieper empfiehlt
den Resignierenden, dann doch wenigstens selbst- und utopiekritisch zu
sein, aber dazu bedarf es schon wieder einer Portion Entelechie, zu der
nicht allzu viele Menschen fähig sind, worauf die Ruhmneurotiker bekanntlich
ihre Macht bauen. Der Autor läßt sie Revue passieren, die Träumer
und Verächter, die ihre Ideologien wie Unkraut in der Weltgeschichte
hinterließen, aus dem Diktatoren und politische Tugendnöter
ihr Süppchen kochten und immer noch kochen. Hobbes ›Leviathan‹ z.B.
will mit Grausamkeiten den Menschen das Fürchten lehren, um seine
Macht zu sichern – ein Rezept, an dem noch Stalin sein Gefallen gefunden
hat, um sozialistische Persönlichkeiten anzustreben. Immer noch wird
sozialistisch nachgeträumt, was die Weltverbesserer nicht daran hindert,
ihrem Staat bürokratisch-diktatorische Züge angedeihen zu lassen.
Es sind weniger die harten klassischen Utopien von Platon über Thomas
Morus bis zu den orthodox-ökologischen Rousseauisten unserer Tage,
die Schaden anrichten, als die Softyträumereien im Mäntelchen
des Gutmenschentums, die alles besser machen wollen, aber meist nur an
ihre eigenen Vorteile denken. Schlieper scheut kein Tabu, auch nicht die
Eugenik.
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