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11. Februar 2008 Herkunftsbestattung als starkes Indiz
Für Völkerkundler und Kulturwissenschaftler besteht kein Zweifel: Heimat ist oder entsteht erst dort, wo man seine Toten beerdigt. Die Gräber der Angehörigen und Vorfahren sind ein emotionales und mentales Fundament, auf dem die Existenz der Lebenden aufruht. Das belegen nicht allein die sichtbaren vielfältigen Toten-, Grab- und Gedenkriten (Totensonntag, Allerheiligen usw.), es wird auch durch die unsichtbare lebenslängliche Tiefenbindung, durch das Denken an die Orte der ewigen Ruhe schlagend bewiesen. In einem Land, wo man seine Toten weiß, fühlt man sich zuhause. Bei Zuwanderern sind Bestattungen daher eine untrügliche Heimatprobe. Man kann sie erst dann als volle Bürger des neuen Landes bezeichnen, wenn sie ihre Toten nicht mehr in der alten, sondern in der neuen Heimat beerdigen. Erst dann sind sie existenziell in dem Zuwanderungsland wirklich angekommen. Solange sie ihre Toten ›heimtransportieren‹, beweisen sie ihre anhaltende Fremdheit gegenüber dem Land, in dem sie zwar wohnen, arbeiten usw., aber darin sich nicht heimisch fühlen. Mag man die neue Sprache gelernt und sogar die Staatsbürgerschaft erworben haben, kulturell bleibt man solange ein Fremdling, wie man vor der tiefsten aller Heimatbezeugungen, nämlich die Toten nahe zu wissen, zurückschreckt. Schon gar nicht genügt es, sich zwischen Einkaufszentren, Arbeitsplatz und landsmannschaftlichen Versammlungsorten gettohaft eingerichtet zu haben. Neben örtlichen gibt es eben auch kulturelle Gettos, die ihre Fremdheit nicht zuletzt dadurch beweisen, daß nahe Begräbnisstätte fehlen. Geht man fehl mit der Vermutung, daß die überwiegende Mehrheit der zugewanderten Muslime ihre Toten in der alten Heimat beerdigen, die damit ihre ›richtige‹ geblieben ist? Niemand hat neben dem Schmerz über die Brandtragödie in Ludwigshafen (ein Wohnhaus mit muslimischen Bewohnern brannte aus) das Schmerzliche auszudrücken gewagt, daß man die Opfer nicht in dem Land beerdigt, wo sie wohnten, arbeiteten, Feste feierten usw. Ein Vergleich macht überdeutlich, wie sehr die Integration vieler Muslime auch in der zweiten und dritten Generation hierzulande verweigert wird. In den letzten einhundert Jahren sind zwischen 15 und 20 Millionen Deutsche ausgewandert, meist in die USA, nach Kanada und Australien. Für diese Auswanderer war es selbstverständlich, sich »in der neuen Heimat« (geläufige Wendung der Immigranten) voll zu integrieren: sprachlich, mental, kulturell. Sie wurden Patrioten, die es sogar auf sich nahmen, in den beiden Weltkriegen gegen Soldaten ihres Herkunftslandes zu kämpfen. Ihre Toten nach Deutschland zurückzuführen, und das noch in zweiter und dritter Generation, wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen. Auf den tiefen Zusammenhang zwischen Totennähe und
Aufgeklärtheit hat schon Heraklit hingewiesen: Hades (Symbol der Unterwelt)
und Dionysos (Gott der Daseinsfreude) vereinigen sich im Ritus; man solle
sich aber nicht »wie Verrückte benehmen«, d.h. die Sache
ver-rücken. Das Phänomen der Entgrenzung und Allgegenwart (vgl.
die Rezension vom 20. Juli 2006 in diesem WALTHARI-Portal)
läuft auf Konflikte zu, weil »das Verschwinden von Grenzen eine
ausgesprochene zweifelhafte Qualität (ist), bedeutet es doch das Ende
jeder räumlichen Integrität« (Christoph Asendorf: a.a.O.,
S. 21).
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