| 31. Juli 2011
Geschmacksverirrung.
Das idolatrische Gestöber um Michael Jackson und Amy Winehouse
verdarb bei deren frühem Tod auch bürgerliche Geschmacksnerven.
So schrieb der FAZ-Journalist Edo Reents im politischen
Leitartikel auf Seite 1 (vom 11. Juli 2009): Man »muss die
Logik, die man seiner Karriere zwangsläufig unterstellt, beiseitelassen
und das Genie ins Auge fassen, dass dieser Mann von Anfang an war. Zum
Vorschein kommt dann ein schon in Kindestagen vollendeter Künstler,
dessen unerhörte Beschwingtheit aller Welt eine Ahnung gab von dem
spielerischen Charakter, der menschlichem Leben innewohnen kann«.
Weihrauch auch über Winehouse. Zwei bewunderte Ikonen des Lärmbetriebs,
der pathologischen Maskerade (auch wörtlich zu verstehen) und der
exzentrischen Selbstauflösung. Suchtgenies im Zeitgeschmack.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen
die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
19. August 2008
Altgriechische Bürgergesinnung
– Rückbesinnung auf ein Freiheitsmodell als Maßstabsquelle
–
Mit seiner Schrift ›Politik und Anmut‹ (2000) glaubte
Christian Meier eine ›wenig zeitgemäße Betrachtung‹ (Untertitel)
vorgelegt zu haben, doch sollte er sich täuschen. Nachdem ich seine
Hauptgedanken in der Schrift ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten
Staat‹ aufgegriffen hatte, häuften sich einschlägige Beiträge,
ohne daß freilich auf die beiden Anstoßtexte Bezug genommen
wurde.
Worum geht es? Verkürzt gesagt: um ein bürgerliches
Freiheitsbegehren und um Begründungspflichten. Beide Verhaltensweisen
entwickelten sich in Griechenland ab dem 8. Jahrhundert zu einem gelebten
Gesellschaftsmodell, das den Staat durch direkte Bürgermitsprache
kleinhielt.
»Die Bürger Altgriechenlands kämpften
nicht allein gegen äußere und innere Feinde, sie kämpften
vor allem gegen sich selber, gegen die Versuchungen der Feigheit, Roheit
und Ungerechtigkeit. In demokratischen Zeiten vertrauten sie mehr dem Gewicht
von Argumenten als auf Gewalt und List...«, führte ich aus und
fuhr fort: Die Griechen kannten keine heiligen Bücher und mußten
das gesellschaftliche Kunststück fertigbringen, ihre Identität
ästhetisch und lebensphilosophisch herzustellen und zu bewahren. Es
war die ›ganz außerordentliche Bedeutung des Ästhetischen‹,
das als Klammer wirkte. Charis, die Anmut, konstituierte die Öffentlichkeit
und war ›die Grundlage des Zusammenlebens‹ – eine einmalige Soziogenese,
wie sie sich weltgeschichtlich seither nicht mehr wiederholte. Es gab weder
Oberpriester noch einen zentralen Hof noch unangreifbare Götter. ›Die
Griechen kannten auf Erden nichts über sich.‹ Was sie verband, waren
Lebensgeschmack und gesellschaftliche Prinzipien (Tugenden). Geachtet wurde,
wer in öffentlichen Versammlungen stil- und respektvoll aufzutreten
wußte... Die Orestie ist das beste Beispiel dafür«
(Zitate im Zitat: Christian Meier).
Weiter schrieb ich: »In gelungenen Poliszeiten waren
Gleichheit, Freiheit und Ordnung verwirklicht. Aus alledem entsprang die
oft gepriesene griechische Helle, der leichte Sinn (rhathymia) und die
kluge Weltneugier, kurz: der Glanz (lamprotes) einer Kultur, die so wenig
Nachahmung fand. Meier verschweigt nicht die Schattenseiten dieser glanzvollen
Bürgergesellschaft, zu der auch die Sklaverei gehörte. Doch zu
den Früchten der griechischen Polisdemokratie zählen die Geburt
der europäischen Philosophie, Dichtung und Demokratie. Diese Früchte
waren keine Geschenke von Göttern: ›Die Freiheit, der Glanz, die Anmut
des griechischen Lebens waren keineswegs einfach ein Geschenk‹, sondern
das Ergebnis einer aktiven, freiheitsbewußten Bürgerschaft,
die auf Anmut, Mut und Heiterkeit setzte und der Welt ›eine neue Form des
Politischen‹ vorlebte, nämlich die aktive Bürgergesellschaft.
Teilhabe (an Abstimmungen, Verteidigungsmaßnahmen usw.) war zwingende
Voraussetzung. Ihren Staat führten die Griechen am engen Zügel,
sie verlangten bei Überschüssen sogar Gelder zurück«
(Quelle: ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹,
Münchweiler 2007, S. 71 ff.).
Im Merkur-Heft 10/2007 erinnerte Christian Meier erneut
an das Griechenmodell: »Diesen Griechen lag sehr viel daran,
in kleinen selbständigen Gemeinwesen zu leben. So haben sie auch,
als der Raum für die wachsende Bevölkerung zu eng wurde, kaum
daran gedacht, ihren Nachbarn Land wegzunehmen, sondern weit in der Ferne
neue, wiederum kleine selbständige Gemeinden gegründet. Sie haben
überhaupt vergleichsweise sehr wenig Wert darauf gelegt, Eroberungen
zu machen oder gar andere in ihren Verband aufzunehmen. Das hätte
sich nicht mit dessen Charakter vertragen... Gemeinwesen – das waren
sie alle zusammen, ganz konkret und unvermittelt. Die zentralen Instanzen,
die sie brauchten, sollten möglichst wenig eigene Macht haben. In
voller Körpergröße, so wie sie waren, wollten sie das Ganze
des Gemeinwesens selber ausmachen. Das hieß auch: Jeder sollte sich
möglichst allseitig ausbilden, für alles befähigt sein.
Kein Gedanke an all die Unterordnungen, Spezialisierungen, Abhängigkeiten,
die heute dazu tendieren, alles im Staat kleinzumachen, die Einzelnen auf
Funktionen zu beschränken und zu instrumentalisieren. Vielleicht kann
man sagen: Die Gemeinwesen sollten klein sein, damit die Zugehörigen
möglichst groß sein konnten« (S. 939 f.; Hervorhebung:
E.D.).
Wenn die Polis in Not geriet, beauftragten die Bürger
einen der Ihren, um das »Gemeinwesen wieder ins Lot zu bringen. Wer
damit betraut war, konnte wie ein Monarch wirken, wenn es galt, akute Mißstände
zu beheben. Andererseits mußte er, in Hinblick auf die Zukunft, sich
selbst wegdenken. Die Gemeinwesen – anders gesagt: die verschiedenen Kräfte
in ihnen – sollten ja befähigt werden, sich selber zu halten; in der
richtigen Balance« (S. 943; Hervorhebung: E.D.). Für Solon von
Athen war Maßhalten (mäte lian) der Schlüssel zur rechten
Ordnung. »Die Mahnung, maßvoll zu sein, hatte das Delphische
Orakel mit aller Macht den Griechen eingeschärft. ... Man kann es
kaum anders verstehen denn als Ausdruck der Tatsache, daß, wo kein
Subjekt herrschen soll, die Suche nach einem Objektiven, nach dem Maß,
das Korrelat der Freiheit ist. Gewiß, ohne spezifische Maßverhältnisse
geht es auch anderswo nicht. Aber hier scheinen sie geradezu existentiell
gebraucht worden zu sein. Es scheint, daß in diesem vielfach so maßlosen
Volk geradezu im Übermaß nach dem Maß gestrebt worden
ist – auf der ganzen Skala kultureller Äußerungen« (S.
944).
Davon und von den weiteren Merkmalen der griechischen
Gesellschaft sind die heutigen Wohlfahrtsstaaten mondweit entfernt. Eine
Wende könnte nur »aus der Mitte der Gesellschaft« erhofft
werden, doch der Parteienstaat hält alle Bürgerlichkeit nieder
und verengt Zug um Zug die Freiheitsräume. Kurz gesagt: zu viel Staat,
zu wenig Gesellschaft. Was wir haben, sind systemwendige Politiker in »grauen
Anzügen«, also Mittelmaß. In den Hybridräumen der
modernen Medien ist bürgerliche Agora-Kommunikation unmöglich.
Das »Modell einer in die Zivilgesellschaft eingelassenen Politik«
gehört nach Wieland Elffding »längst zum Gerümpel«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen
die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
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