Walthari
 
 

Lebensphilosophie



 
24. März 2008 

Weisheitsexistenziale: Indirektheit

»Die Wissenschaft kann nun an Tausenden von Fällen nachweisen: Nicht allein im geistig-sozialen Bereich, auch in der naturwissenschaftlichen Erfahrungswelt sind uns Tat-Sachen immer nur indirekt, d.h. über die Mittler Apriori und Interpretation gegeben. Nur durch die kontingente ›Tat‹ dieser Mittler erscheinen uns die Sachen, und sie er-scheinen uns sofort anders, wenn neue Mittler ins Spiel gebracht werden. Tatsachen werden also nicht einfürallemal objektiv erkannt; was als Tatsache gelten kann, darüber entscheiden bestimmte Voraussetzungen und Übersetzungsmechanismen. 

Welche weltumgängliche Lehren sind aus dem Erkenntnisschock zu ziehen? Wie können wir uns die Frei-Räume zunutze machen? Hier sollen nicht die Konsequenzen für die Wissenschaft dargestellt werden, sondern allein die Folgen für die Lebenspraxis. 

  • Umsicht-Vorsicht-Nachsicht: Wenn schon nichts objektiv gegeben ist und das Gegebene stets kontingent ausfällt, dann rät uns die Lebensklugheit, nicht absolut oder fundamentalistisch zu urteilen, sondern mit Umsicht und Vorsicht, d.h. skeptisch in die Welt zu schauen und gegenüber Menschen eher milde-nachsichtig zu sein als rigoros-urteilend. Diese skeptisch-gelassene Geisteshaltung öffnet Spiel-Räume und sieht das Anders-Möglich-Sein von Zuständen. Nichts ist einzig so, wie es uns vor die Augen tritt, weder die Menschen noch die Sachen. Ein verschlossener Mitarbeiter im Betrieb kann als Hobbytrainer sehr mitteilsam sein; wir können ihn über veränderte Mittler auch im Betrieb in die gewünschte Rolle locken.
  • Höflichkeit-Distanz-Bescheidenheit: Wer einmal den Erkenntnisschock gründlich erlebt und verarbeitet hat, aus dem ist ein anderer Mensch geworden, einer, der anderen ihren Hof (Freiraum) läßt, also höflich ist; der freundlich auf Distanz hält und nicht unnötig dreinredet; der von bestimmender Bescheidenheit ist, weil er weiß, daß Angeberei die möglichen Freiräume zuschüttet.
  • Zeichen-Andeutungen-Winke: Indirekt erkennen und kommunizieren zu müssen ist nicht allein unser Schicksal im Umgang mit uns selber, es ist auch, wie oben dargelegt, der einzige Weg zur Welterkenntnis und Welterfahrung, darunter auch unsere Begegnungen mit Menschen. Da Mitarbeiter in der gleichen Lage sind wie wir, treffen bei allen Gesprächen symbolische Ichs aufeinander und müssen sich verständigen. D.h. das indirekte Umgangsspiel verdoppelt sich, was natürlich zu Mißverständnisse führt, aber auch die Möglichkeit eröffnet für die hohe Kunst der gesetzten Zeichen, der Andeutungen und Winke. Im gleichen Maße, wie sich Menschen kommunikativ verfehlen und sich nicht verstehen können, sind ihnen auch die Frei-Räume für andeutendes Verstehen und indirektes Zeichengeben geschenkt. Leider verwenden wir viel zu wenig Aufmerksamkeit auf diese hochkulturellen Lebensakte. Ihre Wirkung beruht auf intelligente Erfindung, gute Lagekenntnis, manchmal auch auf Witz, in jedem Fall aber auf sympathischer Untertreibung. Ich will ein Beispiel geben: Ein französischer Diplomat hatte eine Oper besucht; nach der Vorstellung wollte er der berühmten deutschen Sängerin, die die Hauptpartie gesungen hatte, seine Bewunderung ausdrücken; Wendungen wie ›wunderbar gesungen‹, ›göttliche Stimme‹ usw. hätte die Diva freundlich, aber ungerührt quittiert, denn solche Allerweltskomplimente hatte sie schon unzählige Male gehört; der Diplomat verstand die Kunst der indirekten Mitteilung: ›Gnädige Frau, jetzt weiß ich, warum es im Deutschen die Nachtigall heißt.‹ Das war intelligent erfunden und außerdem voller Hintergrund, denn das Nicht-Gesagte verlangte auch von der Sängerin Intelligenz und Sprachbildung (im Französischen ist le rossignol [die Nachtigall] männlichen Geschlechts).
Das Verstehen und lebensphilosophische Praktizieren von Indirektheit ist nichts weniger als eine Weisheitsexistentiale, ein tief verwurzelter Lebensstil, getragen von dem Einblick in die Verfassung von Welt und Selbst. Große Persönlichkeiten...«
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com 
[Aus: Dauenhauer, E.: Wege und Irrwege ins 3. Jahrtausend. Ein Breviar für anspruchsvolle Entscheider, 7. Auflage, Münchweiler 1999]
 


22. Februar 2008

Epochengestalten

Arthur Schopenhauer
geb. am 22. Februar 1788 in Danzig,
gest. am 21. September 1860 in Frankfurt/Main

Vertreter der pessimistisch gestimmten Willensmetaphysik. Leben heißt für den Danziger vornehmlich Leiden. 1818 erschien ›Die Welt als Wille und Vorstellung‹. Zentraler Satz: »Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen wie im Tier ist der Egoismus, das heißt der Drang zum Dasein und Wohlsein.« Damit werden Verstand und Vernunft sekundär. Der unruhige Egoismus neigt zur Selbstzerstörung infolge seiner Gier nach ständig Neuem. Um den destruktiven Willenstrieb zu entlasten, gibt es drei Abhelfer: die Kunst, das Mitleiden und die Resignation. Mitleid wird nicht moralisch gesehen, sondern als eine Form der Selbstfindung. Hinter dem »Schleier der Maja« wird der »Schmerz der ganzen Welt« sichtbar. Der Mitleidende erkennt, daß alles Streben nichtig ist. 
Am wirkungsmächtigsten war Schopenhauers Resignationsempfehlung, womit der Wille gebrochen werden soll, um frei zu sein. Das wirkliche Dasein verlangt, »daß wir die Welt abschütteln«. Schopenhauer will sich an der Berliner Universität mit Hegel messen, der großen Zulauf hat, während Schopenhauer sich  mit fünf Studenten zufrieden geben muß und die Universitätslaufbahn aufgibt (1831). Aus Berlin flieht er vor der Cholera zunächst nach Mannheim, dann nach Frankuft/Main, wo er ab 1833 bis zu seinem Lebensende bleibt. Im Gegensatz zu Hegel sieht er in der Geschichte keine Vernünftigkeit wirken, wofür er später bei Nietzsche begeisterte Zustimmung findet. Auch an Kants Kategorischem Imperativ, welcher Ethik mit Vernunft begründet, findet der Danziger kein Gefallen. Allein im Mitleid, d.h. mit Blick auf das Wohl des Anderen, erwächst eine moralische Triebfeder, mit der zugleich eine Selbstfindung erreicht wird. Diese Sicht steht in der Nähe der indischen Philosophie (mystische All-Einheitslehre). Schopenhauer war ein glänzender Stilist und Aphoristiker. Im Unterschied zu hochmoralischen Pflichtentwürfen begünstigt er asketische Lebenspragmatik.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

»So ist die wahre Lebensweisheit, daß man überlege, wieviel man unumgänglich wollen müsse, 
wenn man nicht zur höchsten Asketik, die der Hungertod ist, greifen mag: 
je enger man die Grenze steckt, desto wahrer und freier ist man.«
Arthur Schopenhauer


24. Mai 2007

Unternehmer-Eid und Bürgergesellschaft

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Das Ansehen ›der‹ Wirtschaft ist trotz der guten Konjunktur schlecht, in Teilen sogar sehr schlecht. Es wäre allzu einfach, dafür nur das wilde Treiben mancher Hedge- und Geier-Fonds verantwortlich zu machen, die mit renditebesessener Strategie ganze Unternehmen und zahlungsunfähige Entwicklungsländer ausschlachten. So hat nach Zeitungsberichten der New Yorker Milliardär Paul Singer einen hohen peruanischen Schuldentitel zum Minderpreis von 20 Mio. Dollar gekauft und danach auf dem Klagewege 58 Mio. Dollar eingetrieben. Das Bild der Wirtschaft wird auch von Konzernen verschmutzt, die mit überhöhten Managergehältern, Optionszuteilungen und Abfindungen den Eindruck ausbeuterischen Verhaltens ›der Bosse‹ verstärken. Während eines Gesprächs zwischen Kardinal Lehmann und dem BASF-Vorsitzenden Hambrecht ergab sich jüngst ein peinlicher Vergleich: Der Kardinal gab seine Monatsvergütung mit 3.800 Euro Netto an, der Chemie-Manager mit vier Millionen als Jahreseinnahmen. Obschon die Welle der Standortverlagerung deutscher Firmen ins Ausland abnimmt und eine Repatriierung zu beobachten ist, bleibt bei Arbeitnehmern das Trauma massenhafter Arbeitsplatzverluste bestehen. 

Gewiß sind die komplizierten Vorgänge der Globalisierung (vgl. meine Vorlesung in diesem Sommersemester) nicht auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Es muß auch anerkannt werden, dass die positiven Globalisierungseffekte die negativen übertreffen, doch im ›Freifeld‹ der rasenden Finanz-, Fusionswelt usw. sind nicht allein massenhaft Verlierer zu beobachten, denen der ganzheitliche Nutzenüberschuß wenig bringt (nicht nur in Entwicklungsländern), es sind auch Abläufe zu beobachten, die das Wirtschaftsbild einschwärzen und ethisch unterminieren. Daneben existiert eine Grauzone von Ineffektivitäten, die von Großinstitutionen wie der Weltbank und dem IWF zu vertreten sind. Die wenigen Erfolge in Afrika z.B. können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hilfsmilliarden mehrheitlich in den Sand gesetzt wurden und sogar Schaden anrichteten. »Wer Afrika helfen will, darf den Afrikanern nicht sagen, wie man an (Entwicklungs-) Geld kommt«, kommentierte unlängst der hochrangige Kenianer James Shikwati (in FAZ Nr. 80/07, S. 13). Die Weltbank beschäftigt 10.000 Mitarbeiter, und nicht nur bei ihr kann der Eindruck einer selbstreferenziellen Entwicklungsindustrie aufkommen. Generell gilt, was ich in dem soeben erschienenen Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ geschrieben habe: je größer und damit anonymer die politischen und wirtschaftlichen Abläufe, umso ineffizienter und korruptionsanfälliger werden sie. 

Ein Mittel der Gegensteuerung ist die Selbstverpflichtung von Wirtschaftsführern. Am 29. Mai 2004 wurde zu diesem Zweck in diesem WALTHARI-Portal ein Managerei vorgeschlagen, der eine gesellschaftliche Verantwortung zum Ausdruck bringt und damit eine Brücke zur Bürgergesellschaft schlägt. 5.000 Unternehmen gehören der CSR (Corporate Social Responsibility) an, wobei sich herausgestellt hat, dass es die profitabelsten sind. Sie haben erkannt, dass eine bürgergesellschaftliche Verankerung ihres Unternehmens nicht allein den immateriellen, sondern auch den Materiellen Firmenwert erhöht. »So erwarten 50 Prozent der Manager von gesellschaftlich aktiven Unternehmen steigende Gewinne und Stellenzuwächse. Unter den passiven Firmen waren es dagegen nur 42 Prozent«, schreibt der Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Arend Oetker (HB Nr. 48/07, S. 8). Der Eintrag im WALTHARI-Portal am 29. Mai 2004 lautete: 

Wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte 

Was der hippokratische Eid für Ärzte (niedergeschrieben etwa 400 v. Chr., in aktualisierter Fassung: vgl. Deutsches Ärzteblatt 1/2/94, S. B 39), das sollte eine wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte sein. Beiden Eliten ist ein jeweils hohes Gut anvertraut: den Ärzten die Gesundheit und den Managern die Wohlstandsbereitung. Führungskräfte sollten sich stets bewußt bleiben, daß es bei ihrer Aufgabenerfüllung nicht allein auf materielle Leistungen, sondern auch auf moralische und kulturelle Standards ankommt, die zu mißachten schwere Schäden beim Einzelnen, bei der Betriebsgemeinschaft und auch in der Gesellschaft verursacht. Ein Managereid käme zudem einem persönlichen Qualitätssiegel gleich und besäße eine Ansporn- und Zähmungsfunktion zugleich. Angesichts des anhaltenden Ansehensverlustes von Managern wäre ein Verhaltenskodex, wie er im folgenden Eidestext zum Ausdruck kommt, für alle Seiten von unschätzbarem Wert: Er trägt letztlich zum sozialen Frieden bei und regt zum Vorbildverhalten an, so daß Unternehmenswohl und Gemeinwohl sich nicht fremd bleiben. Wenn Selbstverpflichtungen einmal zur Ehrensache geworden sind, erhält die Fortentwicklung von der reinen Leistungsgesellschaft zur solidarischen Kulturgemeinschaft eine wirkliche Chance. Bekanntlich sind Vertrauen, Motivation und Solidarität die wichtigsten Aktivposten in der betrieblichen Sozialkapital-Bilanz, die auf die Qualität der Arbeit einwirkt. In Zeiten zunehmender parteien- und staatsdirigistischer Eingriffe können moralisch integre Führungskräfte die bedrohten unternehmerischen Freiheiten besser verteidigen als ›Profitbosse‹, denen es an Glaubwürdigkeit gebricht. Ein hohes betriebliches und gesellschaftliches Ansehen der Führungskräfte läge schließlich in ihrem eigenen Interesse, mindert es doch nachweislich die körperlichen und  psychischen Belastungen, steigert die Arbeitsfreude u.v.m. 

Managereid
WALTHARI-FASSUNG 

§ 1 Generalklausel

Ich gelobe, mich für das Wohl des Unternehmens nach bestem Wissen und Gewissen sowie mit dem ganzen Einsatz meiner Kräfte einzusetzen, Schaden von ihm abzuwenden und im Falle divergierender Interessen (Eigentümer versus Arbeitnehmer) einen fairen Ausgleich anzustreben. Ich bin mir stets bewußt, daß Führen vorrangig Dienen bedeutet und zum Vorbild verpflichtet.

§ 2 Oberste Handlungsziele

Die Sicherung und Mehrung der Kapitalwerte, die Sicherheit der Arbeitsplätze und die Schaffung bzw. Wahrung einer Unternehmenskultur sind meine obersten Handlungsziele, denen  ich mich bei allen meinen Entscheidungen verpflichtet fühle. Unabwendbaren Zielkonflikten begegne ich mit Offenheit und Solidarität und strebe Lösungen im Sinne des Wohls aller an.

§ 3 Fordern und fördern

Leistungsstarke, motivierte und solidarische Mitarbeiter sind ein hohes innerbetriebliches Gut. Leistungen zu fordern und Mitarbeiter zu fördern gehören untrennbar zusammen und sind daher fester Bestandteil meiner Führungsaufgabe.

§ 4 Leistungs- und Unternehmenskultur

Kunden- bzw. marktgerechte Leistungen haben oberste Priorität, weil nur so andere Betriebsziele (Substanzerhaltung bzw. -mehrung, Sicherheit der Arbeitsplätze, Erhaltung der Unternehmensbonität u.a.) erreichbar bleiben. Bei dieser Aufgabenerfüllung nehmen Mitarbeiter einen hohen Stellenwert ein. Sie haben ein Anrecht auf einen humanen Arbeitsrahmen einschließlich eines solidarischen Betriebsklimas. Die betriebliche Leistungskultur in eine humane Unternehmenskultur zu überführen sehe ich als stehende Verpflichtung an. 

§ 5 Unternehmens- und Gemeinwohl

Ich bin mir stets bewußt, daß alles unternehmerische Handeln in einen gesellschaftlichen Rahmen eingebunden ist. Auf die Verschränktheit von Umwelt und Unternehmen wirke ich unermüdlich positiv ein, um so das Unternehmens- und Gemeinwohl in ein gegenseitig förderliches Verhältnis zu setzen.

§ 6 Schonender Ressourcenverbrauch

Die wachsende Knappheit natürlicher Ressourcen gebietet eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Engpaßsektor, den schonend zu behandeln ich als ständige Pflicht ansehe.

§ 7 Ehrlicher Makler

Bei einschneidenden betrieblichen Veränderungen lasse ich die Prinzipien der Offenheit, Solidarität, Angemessenheit und Mitgestaltung aller Betroffenen zu keinem Zeitpunkt außer Betracht. Ich sehe mich dabei in der Rolle eines ehrlichen Maklers zwischen widerstreitenden Interessen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com