Wackere Waltharianer
Vorgestellt werden Persönlichkeiten, die dem
Ideal einer ›Bürgergesinnung für eine zukünftige Zivilgesellschaft‹
(vgl. das Fenster ›Persönlichkeitsmanagement‹) in Geschichte und Gegenwart
nahegekommen sind bzw. nahekommen. So bewundernswert ihre Kühnheit
in Wort und Tat, so groß ihre Bescheidenheit im persönlichen
Auftreten. Diese scheinbare Paradoxie bleibt den meisten so sehr ein Rätsel
wie die Namen der Ausgezeichneten meist unbekannt.
3. Juli 2005
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Enttäuschter Widerständler. Gegen den Machtmißbrauch
rief er zum Widerstand auf (obviam eundum est) und gegen den Verfall der
Werteordnung stemmte er sich mit scharfer Zunge. Sulla (138 – 78 v.Chr.)
war für ihn der Inbegriff des Bösen, und von Caesars spätem
Diktatorgehabe wandte er sich enttäuscht ab, nachdem er ihm in zwei
Briefen vergeblich seinen Rat angeboten hatte. Mit Sulla begann im alten
Rom der Bürgerkrieg, etwa 16.000 Marianer (Anhänger des Marius)
ließ Sulla umbringen und schaffte alle demokratischen Einrichtungen
ab. Als Sulla im Jahr 79 v. Chr. sich ins Privatleben zurückzog, begann
Caesars (100 – 44 v.Chr.) politische Laufbahn, die er sich militärisch
und populistisch ebnete (Spiele und Spenden, um die Gunst des Volkes zu
gewinnen). Unser wackerer ›Waltharianer‹ (86 – 35 v.Chr.) setzte zunächst
auf Caesar, weil er sich von ihm eine Neuordnung der politischen Verhältnisse
versprach. Im Bürgerkrieg kämpfte er daher an Caesars Seite (gegen
Cicero). Unter Caesar machte er schließlich Karriere und wurde im
Jahre 46 v.Chr. als Prokur der neuen Provinz Afrika eingesetzt, wo er sich
Reichtum erwarb, wie es seinerzeit bei romfernen Verwaltungsbeamten die
Regel war. Schon nach zwei Jahren war sein Reichtum so groß, daß
er sich, nachdem sein Schutzherr am 15. März 44 v.Chr. ermordet worden
war, von der Politik verabschiedete und auf dem Monte Pincio in Rom eine
allseits bewunderte Gartenanlage bauen ließ. Als Privatier schrieb
er u.a. ›Die Verschwörung des Catilina im Jahre 63‹ und die ›Historiae‹,
die ihm als Historiker und politischen Mahner Ruhm eintrugen. Mit ungewöhnlichem
Mut und Scharfsinn beschrieb er den beginnenden Niedergang der gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse. Nach seiner Überzeugung begann
Roms Unglück mit der Zerstörung Karthagos, wodurch Rom zwar zur
Weltmacht aufstieg, dessen Nobilität aber nicht zur moralischen und
demokratischen Reife fand, um das Weltimperium im Innern zu stabilisieren.
Man verzehrte und verzettelte sich statt dessen in Bürgerkriegen,
im Luxusleben, Wehrverfall u.a. Diesen Verfall veranschaulicht unser Gartenprivatier
mittels historischer Ereignisse und Figuren, so vor allem am Beispiel Catilinas,
der zwar hochbegabt war, aber dennoch zum Staatsverbrecher wurde. Glaubte
unser ›Waltharianer‹ anfangs noch an die guten Seiten des Menschen, so
kam er infolge des katastrophalen Versagens der Eliten zunehmend zu einem
pessimistischen Menschen- und Weltbild. Seiner an innerer Schwäche
und Verderbtheit zugrunde gehenden Gesellschaft hielt er den Spiegel vor
– in einem knappen, kunstvollen Stil nach den Vorbildern Thukydides und
Catos d.Ä. Noch bewundernswerter als seine Sprache sind seine Weitsicht
und sein mutiges Eintreten für Demokratie. Ohne Verabscheuung des
Lasters und Bewunderung von Tugenden könne sich keine Gesellschaft
und kein Staat dauerhaft halten, so eine seiner zentralen Botschaften.
Wer heute sich einen Lesegeschmack über diesen zurückgezogenen
Zeitbeobachter verschaffen möchte, kann auf einen (sogar zweisprachigen)
Text bei Reclam zurückgreifen. Scharf geißelt er die abgrundtiefe
Begierde (cupido profunda) der Römer nach Ruhm und Herrschaft über
andere Völker. Freiheit und Friede gelte es zu verteidigen. Gute
Herrschaft sei am Fehlen von Furcht und Not erkennbar. Ruhm erwerbe man
sich über Tugenden (virtus) und bürgerlichte Tapferkeit, nicht
durch feiges Versagen und Verantwortungslosigkeit. Den Herrschenden
rief er zu: »Vos mussantes et retractantes verbis et vatum carminibus
pacem optatis magis quam defenditis, neque intellegitis mollitia decretorum
vobis dignitatem ... detrahi«.Trifft dieser Bannstrahl nicht auch
auf den heutigen Parteienstaat zu?
© Waltharius, Aus: www.walthari.com
13. Juni 2005
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Verhinderter Rhetor. Am 9. Februar 2004 fand ein Festakt
zu Ehren eines Kreditinstituts statt. Sein langjähriger ehemaliger
Chef bereitete eine Festrede vor, zu deren Vortrag es aus Gründen,
die erst nachträglich nachvollziehbaren waren, nicht kam. Der hochbetagte
Bankier veröffentlichte in der Woche danach seine ungehaltene Rede,
die zu den Perlen der deutschen Wirtschaftsethik gerechnet werden kann.
›Bank und Ethik‹ hatte sich der damals Vierundachtzigjährige zum Thema
gewählt und damit auf die schwächste Stelle eines Gewerbes deuten
wollen, in welchem Recht und Moral besonders schnell zu zwei unverträglichen
Handlungsprinzipien werden. Der verhinderte Laudator bekennt gleich eingangs,
daß er selber gefehlt habe und zurecht bestraft worden sei. Gerade
deshalb fühle er sich aber »frei genug, die gegenwärtige
Szene kritisch zu beurteilen«. Besonders das Kreditgewerbe habe einen
öffentlichen Auftrag, der über Recht und Rendite hinausreiche,
nämlich in den Bereich der Moral. Mit Kant sei zumindest Redlichkeit
zu verlangen, die gleichermaßen Ehrlichkeit, Offenheit, Beflissenheit
und Bereitwilligkeit beinhalte. Im Unterschied zu hochmoralischen und daher
schwer erfüllbaren Tugenden ist es in der Tat den Menschen nicht erlaubt,
fehlende Redlichkeit mit einer »Schwäche der menschlichen Natur«
entschuldigen zu wollen. Wer nicht redlich handle, sei es durch Zinswucher,
Ausnutzung von Unwissen, Mißbrauch von Macht usw., handle vorsätzlich,
also aus freien Stücken unmoralisch. Vor allem Banken verfügten
über bestes Wirtschaftswissen und damit über Macht, so »über
Kreditlenkung auf Industrie und Wirtschaft«. Um in dieser Stellung
redlich zu bleiben, bedürfe es der Zivilcourage, um öffentlichen
Druck auszuhalten, wie dieser beispielsweise von der Politik in Richtung
Kreditgewerbe ausgehe. Der Laudator spricht aus Erfahrung und weist süffisant
auf den Tatbestand hin, daß Bankvorstände kaum noch öffentlich
zur Wirtschaftspolitik Stellung nehmen; das überließen sie »ersatzweise«
ihren Chefvolkswirten »zum unverbindlichen Talk im Fernsehen«.
Während Bankvorstände alten Schlages nach ethischen Maximen handelten,
»das Bankgeheimnis wie ein Beichtgeheimnis zu wahren« wußten,
agierten heutzutage Typen in »windschlüpfriger Form«,
»deren Motivation sich im schnellen Geldmachen erschöpft«.
Das mache den »Unterschied zwischen einem Bankier und einem Banker«
aus. Die alten ungeschriebenen Gesetze »unseres Gewerbes... sind
... Makulatur«. Was der Bankier weiterhin zu Papier gebracht hat,
liest sich wie eine ungewollte Regieanweisung für sattsam bekannte
Vorstandshandeln nach dem »Motto: ›Bereichert Euch!‹« Denn
es dürfe alles erlaubt sein, was nicht verboten sei. Demgegenüber
nimmt sich die Treuhänderauffassung des Laudators wie ein Abgesang
aus: »Uns in der Wirtschaft täte Demut zu empfinden ... gut.«
Demut? Ein Fremdwort im Wortschatz der großen Value-Betreiber.
© Waltharius, Aus:
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