| BWH 22 Zeitmanagement...
Auch die besten Techniken laufen ins Leere, wenn sie nicht auf einem
stabilen mentalen Fundament aufruhen. Dazu gehören: keine Ausreden
gelten lassen; Charakterstärke zeigen; im Rahmen der Grundsatzentscheidung
auf Kurs bleiben; Fehlkalkulationen (Rentnerkalkül u.a.) ausmerzen;
ein Mindestmaß an Zeitwohlstand gegenüber dem Streben nach Güter-»Wohlstand«
eisern verteidigen (»Krösus« usw. darf nicht »Seneca«
vertreiben); sich einen lebensweisheitlichen Bildungshintergrund verschaffen,
um gelassen Verzicht üben zu können; situationsklug (phronetisch)
entscheiden und handeln.
Den »Seneca«-Schlüssel (vgl. oben) beherrscht nur,
wer dieses Fundament nicht nur tief begreift, sondern auch tatkräftig
baut. Verstandesentschlüsse allein sind dazu nicht in der Lage. Hinzutreten
muß ein beständiges Üben und eine unerbittliche Selbstkontrolle:
Warum kann ich so wenig »Nein«-sagen? Warum fällt mir
der Verzicht auf »Caesar«-»Wohlstand« so schwer?
usw.
Erst allmählich kann (vielleicht) jenes innere Gespür geweckt
werden oder entstehen, ohne das keine Meisterschaft im Zeitmanagement möglich
ist: es handelt sich um die Sensibilität für Zeit. Man könnte
es als ein persönlichkeitstiefes Organ bezeichnen, in welchem Verstand,
Vernunft, Intuition, Charakter und Wille zusammentreffen. Da offenbar nur
wenige Menschen mit diesem Organ ausgestattet sind, neige ich zur Vermutung,
daß Zeitsensibilität mit dem ebenfalls seltenen absoluten Gehör
vergleichbar ist, mit dem man begabt sein muß, um es zu entwickeln.
Doch wenigstens in Ansätzen muß es möglich sein, ein Grundgespür
für Zeit zu erlernen. Worauf bezieht es sich?
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Auf die Tageszeiten: Zeitsensible Menschen »wissen« auch ohne
Uhr, was die Stunde geschlagen hat.
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Auf das Zeitmaß: Das Organ drängt je nach Lage auf Tempoverschärfung
oder -verlangsamung und empfindet Redundanzen (Leerlauf) unerträglich.
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Auf Zeitqualität: Menschen empfinden Zeiten qualitativ verschieden;
so gibt es ein Feierabend-, Sonntags-, Weihnachtsgefühl, das unser
Leben spezifisch einfärbt. Zeitsensible Menschen erspüren weit
feinere atmosphärische Qualitäten, so etwa beim Gesprächsablauf.
Ein mit Zeitgespür ausgestatteter Mensch hat also eine »Nase«
für Quantität, Qualität und Kairos Es muß nicht lange
erläutert werden, was eine solche Sensibilität für das Zeitmanagement
bedeutet. Wo andere Menschen mühsam »durchkalkülisieren«,
d.h. ständig auf die Uhr schauen, von Organizern erinnert und ermahnt
werden müssen, kann der mit Zeitsensibilität Begabte auf seinen
Grundsinn statt auf Hilfetechniken vertrauen. Auch er kommt ohne Zeitmanagement-Techniken
nicht aus, aber sie übernehmen bei ihm nicht die Funktion von Führern,
sondern von Werkzeugen.
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