| BWH 30 Kategoriale Wirtschaftsdidaktik,
Bd.III
Das Inselprinzip und der personale Beistand im ökonomischen
Bildungsprozeß
1 - Dem hier vertretenen didaktischen Konzept
liegt die Erfahrung zugrunde, daß auf der überschießenden
Funktionsebene kein Reduktionsfilter zu entdecken und daher ›im ansteigenden
Meer des Wissens und der Fertigkeiten‹ kein bildungsruhiges Fahrwasser
didaktisch zu gewinnen ist. Nur vertikal, nicht horizontal kann eine Herrschaft
über den ›Stoff‹ gewonnen werden. Die curriculare Neugestaltung (Untertitel
des Bandes II) läuft aus diesem Grund auf einen didaktischen Perspektivwechsel
hinaus, dem Struktureinsichten mehr wert sind als gelernte Wissens- und
Fertigkeitsbestände, die rasch veralten und zudem mehr oder weniger
willkürlich erscheinen. Unter der Voraussetzung der vorgestellten
kategorialen und systemischen Transformation plädiere ich für
ein
Lehr-Lern-Gefüge, das sich den Wissensbeschleunigungen weitgehend
entzieht, sich also freimacht von den Stoffberauschungen auf der Funktionsebene.
Kurz gesagt: Ich trete für eine Entschleunigung im Lehren und Lernen
ein.
Eine solche didaktische ›Humanisierung‹ ist angesichts des druckvollen
Funktionslernens unausweichlich, nähert sich doch der eingefahrene
Lehr-Lern-Betrieb seinem Kollaps. Das Mengengeschäft auf der Funktionsebene
hat bildungsstrategisch ohnehin abgewirtschaftet. Es wird gepaukt und mechanisch
reproduziert, ganz im Stil des l’homme maschine (vgl. WALTHARI,
Zeitschrift für Literatur, Heft 27/1997, S. 76 ff.).
2 - Wie können Wirtschaftslehren und
-lernen entschleunigt werden? Ich schlage dafür das Verfahren
der kategorialen Reduktion auf der Basis vernetzter Lerninseln
vor. Ich habe dieses Konzept am Beispiel der Betriebswirtschaftslehre ausführlich
beschrieben (vgl. die Ziffern 7 und 8 in Kapitel 21 des Bandes II) und
gebe hier als Bezugsfolie lediglich das Gerüst wieder.
1. Schritt: Wahl der zu veranschaulichenden Wirtschaftskategorien
2. Schritt: Konkretisierung der weiteren Gestaltungsfaktoren im didaktischen
System
3. Schritt: Kategoriale Transformation nach dem Inselprinzip
4. Schritt: Einbindung von Stoffstrukturen, Qualifikationskategorien
usw.
5. Schritt: Konkrete unterrichtliche Ausgestaltung (Feinplanung) einschließlich
transkategorialer Möglichkeiten
6. Schritt Evaluierung
Dazu bedarf es der in Kapitel 6 dieses Bandes III beschriebenen offenen
Curriculumgestalt (Beschränkung auf stofflogische Funktionsbestände
und Themeninseln, die kategorial vernetzt werden). »Im Ergebnis
laufen kategorialdidaktische Curriculumentwicklung und Unterrichtsgestaltung
auf einen pädagogischen Paradigmenwechsel hinaus: Der funktionalistische,
drängende und uferlose Mengenbetrieb, welcher allfälligen Machbarkeitsideologien
entsprungen ist und der sich regelmäßig im Methoden- und Systemgestrüpp
verfängt, wird ersetzt durch vertikale Verlangsamungen des Lehrens
und Lernens. Unterricht hastet nicht mehr am Gängelband einer klassifikatorischen
Wissensvermehrung von einer Etappe zur nächsten, vielmehr nimmt er
sich Zeit, um Lerninseln gründlich zu besetzen und um sich mithilfe
von Invarianzen in der sich überstürzenden Gemengelage zurechtzufinden.
Für Ordnungen, Transparenzen, Halterungen und auch für reflexives
Innehalten ›sorgen‹ (im ursprünglichen Wortsinne) Kategorien«
(Bd.
II, 21. Kapitel, Ziffer 8).
Die didaktische Verdichtung erfolgt in drei Schüben, wie am Beispiel
der BWL in Band II gezeigt wird (vgl. dort die Ziffern 9 und 10 im Kapitel
21): (1) Auf der Gerüstebene werden solche Kategorien bestimmt, die
im anstehenden Funktionsbereich besonders mündigkeitsbedeutsam sind;
gleichzeitig wird neben Tüchtigkeit und Mündigkeit auch nach
existenzialen Öffnungsmöglichkeiten Ausschau gehalten, die sich
emergent während des Lehr-Lern-Prozesses ergeben (vgl. das Schaubild
21.2 in Band II, S. 160). (2) Um ein vertieftes Lehren und Lernen zu ermöglichen,
wird nicht horizontal entlang von Stoffketten, sondern vertikal nach dem
Inselprinzip
verfahren. Das heißt: Verzichtet wird auf inhaltssystematische Vollständigkeit
zugunsten exemplarischer Einsichten, mit deren Hilfe bereichsübergreifende
Stoffstrukturen und systemfundierende Kategorien erkennbar werden. Auch
dafür wird ein betriebswirtschaftliches Beispiel geboten (vgl. das
Schaubild 21.3 in Band II, S. 162). (3) Es ist Aufgabe der didaktischen
Feinplanung, solche Lerninseln einsatznah auszugestalten (vgl. dazu den
Teil 4 dieses Bandes III).
3 - In gelungener Form führen Wirtschafslehren
aller Stufen und Formen zu Struktureinsichten, die anhand von exemplarischen
Funktionsbeständen ›auf Lerninseln‹ gewonnen werden. Damit schafft
eine sensible Lehr-Lern-Gestaltung jene Selbstermächtigung jenseits
von Wissen und Kategorien, die Bildung im eigentlichen Sinne genannt
werden darf. Diese Gestaltung wurde mehrfach in den beiden Vortexten beschrieben,
besonders in den Kapiteln 7 und 15 des Bandes II. Zu den wesentlichen Voraussetzungen
für Gebildetwerden in diesem Sinne ist ein personaler Beistand
erforderlich,
mit dem insbesondere die Rolle der Lehrenden bedacht ist (auch Mitlernende
können beistehen: in der Gruppe, als Tutoren usw.). In Zeiten der
Medien- und Methodengläubigkeit und der pädagogischen Ich-AG’s
ist das hier favorisierte Strukturmodell trendwidrig und dem äußeren
Anschein nach emanzipationsfeindlich, geht es doch bei der eingefahrenen
Vermittlungspraxis vorzüglich um Selbstlernen, Selbständigkeit
usw. Dem liegt nicht einfach ein Mißverständnis pädagogischen
Arrangierens zugrunde, sondern ein fundamentaler Auffassungsunterschied.
Selbstverständlich
läuft alles gut bedachte Lehren und Lernen auf Selbständigkeit
zu; der Lerner soll letztlich ›die Sache‹ selber in die Hand nehmen können.
Doch das geschieht regelhaft auf der Funktions-, nicht einmal auf der Kategorienebene.
Der
Durchstoß zur existenzialen Ebene ist, als didaktische Möglichkeitsbereitung
auf personalen Beistand angewiesen. Daß tiefe Betroffenheitsmomente
(nach Schelling: der ›Schrecken‹) auch ohne didaktische Anregung möglich
sind, wird damit nicht bestritten; festzustellen ist nur: Wenn schon im
didaktischen Anregungsfeld, dann nicht ohne personalen Beistand, denn bei
gezielten
Vermittlungsstrategien mit existenzialen ›Berührungsabsichten‹ ist
der Anreger nicht auszusparen. Dabei tritt ›die Sache‹ in den Hintergrund,
weil mit Positivierungen allein keine öffnenden Emergenzen zu stiften
sind. Diesen zentralen Punkt aller didaktischen Kunst habe ich unter den
Ziffern 4 bis 6 in Kapitel 7, unter den Ziffern 1 und 2 des Kapitels 8,
den Ziffern 5 und 6 in Kapitel 15 und am ausführlichsten in Kapitel
25 des Bandes II beschrieben. Existenziale Selbstermächtigung
ist nicht gleichzusetzen mit funktionalistischer Selbständigkeit,
auch nicht mit mündigen Struktureinsichten. Die folgenden
Zitatauszüge sollen den Zusammenhang vergegenwärtigen:
»Zu einem verschriftlichten Curriculum muß also noch etwas
hinzutreten, das bildungsmäßig Wichtigste sogar, nämlich
(1) der Blick ins Offene, Unbestimmte, um das Staunen und ›Erschrecken‹
(F.W. Schelling) zu erfahren; (2) der Blick hinter die Wissenskulissen,
um den kategorialen Aufbau der Welt zu erkennen, und (3) der Blick auf
das (genauer: auf die Dienstbereitschaft am) Sein (im Heidegger’schen Sinne),
um vom falschen Humanismus loszukommen.1)
Diese drei curricularen Überschreitungen bedürfen des personalen
Beistandes (vgl. Bd. II, Kapitel 25). Lernstoffe, Methoden und
Medien allein sind dazu nicht in der Lage. Den Glauben an den Positivismus
(methodisch totale Machbarkeit von Bildung, Wissenschaft, Kunst usw.) hat
H.-G. Gadamer fundamental entzaubert«2)
(Bd. II, S. 46 f.).
Werden Curricula aus den dargelegten Gründen überflüssig?
Dazu heißt es in Band II (S. 47 ff.): »Schon Schelling wies
den Wissensbeständen einen festen, wenn auch nur intermediären
Status zu, indem er ihnen einen Bewegungsauftrag erteilte, bei dessen ›Rapport‹
das Selbst seine Identität finden kann: als Selbstermächtigung
jenseits von Wissen und Kategorien.3)
Unter diesem Anspruch ein Curriculum zu entwickeln erscheint zunächst
jenseits aller pädagogischen Möglichkeiten, ja es hat den Anschein,
als wären Curricula überflüssig und sogar schädlich.
Doch dieses pauschale Urteil geht fehl; es lebt von der Schwierigkeit,
den komplexen Sachverhalt überhaupt zu verstehen. Hat man ihn verstanden,
so steht man vor der gewiß neuen Aufgabe, eine Curriculumgestalt
zu finden, die den Ansprüchen des Apeiron, des Kategorialen und Existenzialen
genügt. Ich kann hier den Zusammenhang nur andeuten:
-
Schädlich sind geschlossene Curricula. Sie täuschen
Bildungsmöglichkeiten vor, wo doch allerhöchstens verstandeslogisches
Was-Wissen aufgelistet ist. Entscheidend für selbstermächtigendes
Lernen ist aber ein Daß-Wissen, ein Verstehen des Grundes unserer
Existenz. ›Das Reflexivwerden des Wissens und der sozialen Kommunikationen
ist ein Kennzeichen der modernen Welt. An die Stelle ursprungslogischer
Fundierungs- und Begründungsversuche (Kosmos, Gott, Selbst, Natur
usf.) tritt die Rekursivität der Selbstvalidierungsverfahren von (perspektivisch
bestimmten) Individuen und sozialen Systemen. Die Vermittlung selbst
ist Grund geworden. Anders als bei Platon und der metaphysischen
Tradition wird im Reflexivwerden (des Grundes) des Wissens
nicht das Allergewisseste, sondern Unsicherheit und Nichtwissen kommuniziert.
Die Rückbezüglichkeit selbst ist ständige Quelle der Unsicherheit.
Der Temporalisierungsdruck, dem die Reflexion in der radikalisierten Moderne
unterworfen ist, tut ein übriges: Er verlangt in immer kürzeren
Abständen, das Wissen auf seine Anfangsunterscheidung hin zu überprüfen.‹4)
Nicht also Vermittlungskünste dürfen im Mittelpunkt der
curricularen Arbeit stehen, sondern ›ursprungslogische Findungs- und Begründungsversuche‹.
-
Oberflächlich bleiben Curricula, wenn sie auf der Ebene eines
(prinzipiell uferlosen) Funktionswissen verharren. Transparent und
tief vermittelbar erscheinen Wissenskörper erst durch das Aufdecken
von Kategorien.
-
Der Schritt vom Kategorialen zum Existenzialen kann in einem Curriculum
nur proklamatorisch festgehalten werden...
Das alles bedeutet nicht, daß Wissen und sein Tiefengerüst,
die Kategorien, für den Bildungsakt überflüssig oder untauglich
seien. Ihr Status im Prozeß der Selbstermächtigung
ist entscheidend: Es kommt auf die ›Öffnung, die in jedes System
diskursiven Wissens gesprengt werden muß‹, an, auf die ›nachhaltige
Erschütterung der Reflexionsstruktur (der Subjekt-Objekt-Relation
gegenständlichen Wissens)‹.5) Öffnung
und Erschütterung des diskursiven Weltverständnisses können
über Wissen und Kategorien induziert, nicht aber vollzogen werden.
Dieses Geschehen bedarf des personalen Beistandes, der curricular nur proklamatorisch
gefordert werden kann« (Bd. II, 7. Kapitel, Ziffer 7).
4 - Daß diese didaktische Hochform
nicht ohne personalen Beistand zu leisten ist, bestätigt neuerdings
auch die Hirnforschung. Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung,
Frankfurt/Main, legt dar, daß jeder Akt des Lehrens und Lernens einem
mikrochirurgischen Eingriff im Gehirn gleichkomme. Der Erfolg hänge
aber nicht allein von der didaktischen Strukturierungsfähigkeit ab,
sondern ebenso von einer gelungenen emotionalen Bindung des Lernenden zur
Bezugsperson (Lehrer- oder Erzieherpersönlichkeit). Alle Lern- und
Prägungsprozesse würden durch das Bewertungssystem des Gehirns,
das limbische System, überwacht. Ohne eine emotionale Bindung zum
Erzieher oder Lehrer rauschten die Lerninhalte an den Kindern vorbei, ohne
daß sie auch nur aufgenommen oder gar behalten würden (Vortrag
in der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt/Main am 4. Dez. 2003). Allein
der Grundgedanke (Schellings), daß nicht Wissen, sondern erst die
»Erschütterung der Reflexionsstruktur« (Gamm) als Wissensskepsis
das Tor zum Existenzialen öffnet, liegt ohne sensible Lehrpersonalität
meist außerhalb jeglicher Verwirklichungschance. In biographischen
Berichten taucht stereotyp die Erfahrung auf, daß man Wendepunkte
personalen
Befruchtungen verdanke; in dankbarer Verehrung wird an Lehrer erinnert,
die einem die Augen geöffnet hätten. Wie anders wäre die
Erfahrung des Unbestimmten, Offenen (Apeiron; vgl. Bd. II, 8. Kapitel,
Ziffer 2), der Kontingenz, kurz: der transkategorialen Überschreitungen
einzuleiten
als mit einem klugen personalen Beistand? Die bildungsträchtige Erfahrung
einer »Grundlosigkeit der Freiheit« (Gamm) erzeugt erst jenes
Gefährdungsbewußtsein
(vgl. Bad. II, S. 50 und 103), das eine Depotenzierung des überdrehten
Funktionsbestrebens gewährleistet. Die Kerneinsicht D. Kampers
(vgl. Bd. II, S. 104), daß mit keinem methodischen Überholungswissen
je eine Souveränität über den Funktionsbetrieb zu gewinnen
sei, ist wahrlich eine Erschütterung aller Wissensbemächtigungen
und auch aller methodisch-didaktischen Gewißheiten. Es geht letztlich
um Selbstermächtigung, nicht um Systembemächtigung (Bd. II, S.
55), und dieses Ziel ist ohne personalen Beistand nur schwerlich erreichbar.
Die Frage, ob Kinder und Jugendliche mit diesem Anliegen überfordert
seien, beantworte ich (aus Erfahrung) mit einem deutlichen Nein. Sehr wohl
ist die Konsumvernunft der Jugend zu erschüttern, wenn man sich dafür
die Zeit nimmt und anregende Lerninseln wählt. Die schwererwiegende
weitere Frage, wo die Grenzen einer Didaktik dafür liegen, sollte
kein Grund dafür hergeben, es gar nicht erst zu versuchen. Ich spreche
oben von Erschütterungen didaktischer Gewißheiten und habe auch
an vielen Stellen immer wieder auf die Grenzen didaktischen Beherrschens
hingewiesen. Gewarnt werden soll damit vor übertriebener Planungs-
und Methodengewißheit. Wie ein eingeleiteter Lehr-Lern-Prozeß
im systemischen Verständnis abläuft, ist bei offener, emergenter
usw. Gestaltung im voraus nicht plangenau zu bestimmen. Gefragt sind daher
alternative Entwürfe und eine sensible Personalität.
Copyright by WALTHARI®
1) Vgl. dazu den Diskussionsstrang in
der Nachfolge von M. Heideggers Über den Humanismus; neuerdings Sloterdijk,
P.: Regeln für den Menschenpark, Frankfurt 2000; sowie meine Einlassung
dazu in: Walthari, Heft 34/2000, S. 13-19.
2) Gadamer, H.-G.: Wahrheit und Methode,
2. Auflage, Tübingen 1965.
3) Schelling, Fr. W. J.: Erlanger
Vorlesungen, 1821; erläutert bei Gamm, G.: Der Deutsche Idealismus,
Stuttgart 1997, bes. S. 225 ff.; derselbe: Flucht aus der Kategorie, Frankfurt
a.M. 1994, S. 29.
4) Gamm, G.: Flucht aus der Kategorie,
a.a.O., S. 29 (Hervorhebungen: E.D.).
5) Gamm, G.: a.a.O., S. 245 ff. |