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| BWH 25 Das veruntreute Land
INTERESSENSVERLEUGNUNG Die Fälle deutschen Nachgebens und Opferns eigener Interessen begleiten das offizielle Auftreten seit mehr als fünfzig Jahren. Als 1997 die Bundesregierung endlich den Mut fand, die eigenen, weit überhöhten EU-Beiträge infrage zu stellen, fiel ihr die deutsche Kommissarin in Brüssel in den Rücken. Während französische, englische, dänische u.a. Vertreter bei internationalen Organisationen immer auch (wenn nicht gar nur) die Anliegen ihres Herkunftslandes im Auge behalten, wandeln sich Deutsche flugs in Internationalisten um, die sich als Musterknaben des sozialen Weltgewissens gebärden. Man schaue sich die Bilanz des »ewigen« Nachgebers Deutschland an: Obschon er meist der Hauptzahler ist, hat er am wenigsten zu sagen, denn er verzichtet aus gelernter Selbstverleugnung auf eine angemessene Personalbeteiligung (so bei der UN und der EU) und auf eine nationale Ortspräsenz (Beispiel: Arte). Im westlichen Ausland kursiert eine seltsame Verschwörungstheorie. Weil sichtlich nicht zu begreifen ist, warum deutsche Vertreter so wenig für die Interessen ihres eigenen Landes eintreten, vermutet man allen Ernstes eine große, wenn auch noch unbekannte Falle, in die Deutschland seine Partner locken will. Jüngstes Indiz: Die Bundesregierung betreibt eine deutsch-französische Hochschule mit Sitz in Weimar, deren Errichtung die Franzosen auch dann nur widerstrebend und ganz allgemein (also nicht für Weimar) zustimmten, als die Deutschen ihren Geldbeutel weit öffneten. Unsere ausländischen Partner dürfen wir trösten: Nicht irgendwelche Verschwörungsgedanken treiben unsere offiziellen Außenvertreter an, sie werden vielmehr von einem ewig schlechten Nationalgewissen und von einem untadelig reinen Welt(verbesserungs)gewissen begleitet. Deutschen Vertretern im Ausland hat man zuhause offenbar eingehämmert, bei allen Entscheidungen zuerst an die Hitlergreuel, dann an den guten Zahlerruf und erst an dritter Stelle an berechtigte Landesinteressen zu denken. Der ehemalige britische Außenminister Hurt dachte halt noch zu kolonialistisch, als er 1993 sagte: »Die britische Außenpolitik hat die Aufgabe, britische Interessen zu schützen und zu fördern. Trotz des Wandels in der Welt hat sich an dieser grundlegenden Wahrheit nichts geändert. Die Frage, was das britische Interesse ist, muß in jeder Generation neu beantwortet werden.« MULTIKULTIS Als ich im Frühjahr 1998 in Südostasien weilte, fand gerade eine Hexenjagd auf die chinesischen Minderheiten statt, die in zahlreichen Ländern der Region das wirtschaftliche Rückrad bilden. Die Asienkrise hat meine These vom Doppelgesicht des Multikulturalismus1) erneut bestätigt. Radikale Moslemführer riefen die chinesisch-stämmigen Geschäftsleute zu Sündenböcken aus, woraufhin Plünderungen stattfanden, so daß allen Ernstes eine rotchinesische Militäraktion angedroht wurde, um den in Not geratenen »Landsleuten« beizustehen. Aus der europäischen Geschichte kennen wir das Schicksal von Minderheiten in Krisenzeiten nur allzu gut. Wenn Hungersnöte oder Seuchen ausbrachen, machte man kurzerhand die Juden dafür verantwortlich. Allein schon deren Schicksal über zwei Jahrtausende sollte vor aller multikulturellen Euphorie warnen. Da die Epochen der Prosperität in der Geschichte meist kürzer waren als die Mangelphasen, hatten Idyllen der allseitigen Toleranz selten langen Bestand. Das gilt nicht weniger für die gerne angeführten Musterfälle Cordoba (während der arabischen Herrschaft) und Balkan (während der osmanischen Herrschaft). Selbst die Schweiz macht davon keine Ausnahme: zwar schlagen die vier Volksgruppen nicht aufeinander ein, aber seit der Wohlstandsanstieg abgebremst wurde, nehmen die innerschweizerischen Spannungen spürbar zu. Auch andere Rechtfertigungsversuche können die Gefahren, die von einem ungebremsten Multikulturalismus ausgehen, nicht aus der Welt schaffen. Darauf verwies ich schon vor Jahren:2) »Das häufige, ja fast regelmäßige Mißlingen multikultureller Lebensformen ist ein Skandal, den die Geschichte und das ausgehende 20. Jahrhundert drastisch inszenieren.3) Unter der Wucht dieser weltweit blutigen Dauer-Realität drohen moralische und ästhetische Fundamente zu bersten, auf denen unser abendländisches Humanitätsgebäude errichtet wurde. Den Verteidigern des positivistischen aufklärerischen Glaubenssatzes, wonach die Konfliktträchtigkeit einer Gesellschaft mit fortschreitender Multikulturalität an Boden verlöre, schlägt die schlechte Wirklichkeit jedes ihrer Argumente gnadenlos aus der Hand. Internationale Besetzungen von Wissenschaftsgremien, Sportmannschaften, Orchestern usw., die gerne als gelungene Gegenbeispiele angeführt werden, können aus zwei Gründen nicht als Vorbilder für multikulturelle Alltagsmuster gelten: Jeweils handelt es sich um Elitegemeinschaften, bei denen die fachliche Kompetenz den sozialen Umgang bestimmt; und zweitens stehen sie unter höchstem Regeldruck, der zwischenmenschliche Spannungen im Zaume hält. Der Taktstock des Dirigenten und die strengen Regelvorgaben einer Partitur ebnen alle herkunftskulturellen Unterschiede von Orchestermitgliedern ein, es zählt allein die formstrenge Leistung, nicht die ethnische Herkunft (man denke an japanische Geiger oder englische Posaunisten in deutschen Orchestern). Auch die Sportwelt gaukelt Problemlosigkeit in dieser Frage vor: Das zeitlich begrenzte Zusammenwirken (etwa beim Eishockey) von Spielern aus aller Welt steht unter einem strengen Regelwerk und unter Erfolgszwang. Leistungen auf hohem und höchstem Niveau lassen Kultur, Religion, Hautfarbe usw. völlig in den Hintergrund treten. Was in den Leistungsgemeinschaften von Eliten gelingt, taugt nicht zum alltäglichen Lebensmuster in Indien, auf Sri Lanka, in Los Angeles, Berlin oder in Rio de Janeiro. Die blutige, menschenverachtende Wirklichkeit beweist es täglich.« 1) Ausführlich begründe ich sie in meinem Beitrag: Wirtschaftlicher Universalismus und literarische Toleranzutopien. Kultur-ökonomische Aspekte der Multi- und Interkulturalität, in: Dauenhauer, E. (Hrsg.): Kultur- und Kunstökonomie, Heft II, Landau 1993, S. 43 ff. |