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| 6. November 2007
Ein Schlüsseltext zum Menschen- und Weltbild bis heute Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer Im Jahre 1195 veröffentlichte Papst Innozenz III. ein Traktat unter dem Titel ›De miseria humanae conditionis‹, in dem es hieß: »Wer gibt nun meinen Augen Tränen, damit ich das Elend beweine, das den Menschen umfängt, der in die Welt tritt, damit ich die nicht minder elende Existenz des Menschen in diesem Leben und seine schwächliche Auflösung am Ende beklage? So will ich denn mit Tränen betrachten, aus welchem Stoff der Mensch gemacht ist, was seine Taten und sein künftiges Geschick sind. Aus Erde geformt ist der Mensch, empfangen in Schuld und geboren zur Pein. Er handelt schlecht, gleichwohl es ihm verboten ist, er verübt Schändliches, das sich nicht geziemt, und setzt seine Hoffnung auf eitle Dinge, deren Ende zudem noch ungewiß ist. Er endet als Raub der Flammen, als Speise der Würmer, oder er vermodert. Um es aber noch deutlicher zu sagen: Der Mensch ist gemacht aus Staub, Kot und Asche – und, noch gemeiner, aus unflätigem Samen. Anlaßt zu seiner Empfängnis war der Reiz des Fleisches und das Glühen der Begierde: in der Fülle der Ausschweifung und unter dem Makel der Sünde. Geboren wird der Mensch, damit er arbeitet, sich ängstet und leidet – und das ist elender als zu sterben. Er tut Böses und beleidigt damit Gott, seinen Nächsten und auch sich selber. Er handelt schändlich und setzt seinen guten Ruf aufs Spiel, befleckt seine Person und sein Gewissen. Er hängt sich an Nichtigkeiten und verachtet alles Ernsthafte, Nützliche und Notwendige. Schließlich fällt er jenem Feuer anheim, das ewig brennt und unauslöschlich ist. Er wird jenem Wurm ausgeliefert, der immer nagt und zehrt und nicht vergeht. Sein Leib schließlich verwandelt sich in stinkenden und schmutzigen Moder« (dt.: C.-F. Geyer: ›Vom Elend des menschlichen Daseins‹, Hildesheim 1990, S. 42 f.). Dieser Text prägte wie kein zweiter das Menschen- und Weltbild des Hoch- und Spätmittelalters und verstärkte die seit der Antike zu beobachtende Weltverachtung und Weltfluchtbewegung. Was die Kyniker im Hellenismus, waren die Einsiedler und Mönche im ganzen Mittelalter: Der Welt als Hort der Gefahr und Finsternis war zu entsagen und das menschliche Fleisch als Versuchung zum Bösen zu kasteien. Bis zur Renaissance herrschte daher unter Klerikern die Meinung, daß Erlösung nur monastisch zu erreichen sei. Innozenz III. (1160/61 – 1216) war einer der mächtigsten Päpste im gesamten Mittelalter. Als Stellvertreter Christi glaubte er sich »in die Mitte gestellt zwischen Gott und den Menschen, geringer als Gott, aber größer als der Mensch«. Sein düsteres Weltbild hinderte ihn freilich nicht daran, den Kirchenstaat zu vergrößern und auch ansonsten die Welt nach seinem irdischen Geschmack einzurichten: Unbotmäßige Herrscher setzte er ab oder exkommunizierte sie (so Otto IV. und den englischen König Johann), er organisierte Kreuzzüge, darunter auch den besonders blutreichen gegen die Albingenser in Südfrankreich; für Juden und Mohammedaner erließ er eine besondere Kleiderordnung und ließt auf dem 4. Lateranum eine Reihe von Irrlehren verurteilen. Es bedurfte erheblicher intellektueller Anstrengungen (etwa durch G. Manettis Schrift ›De dignitate et excellentia hominis‹, 1454), das eingeschwärzte anthropologische Blatt in Helleres umzufärben, was erst mit der Lebens- und Weltbejahung durch die Renaissance gelang. Auch danach durchwirkte die ideologische Schwarzgalligkeit variantenreich die Jahrhunderte und sie hat bis heute ihre Wirkung nicht verloren. Was anders als abgrundtiefe Menschenverachtung lag den millionenfachen Abschlächtereien zugrunde, die auch nach dem Mittelalter stattfanden? Napoleon beschimpfte eigene Soldaten, die überlebten, als Feiglinge und opferte noch am letzten Tag seiner letzten Schlacht (in Waterloo) Zehntausende Männer, als die Schlacht auch für ihn erkennbar schon verloren war. Seine Menschenopferbilanz belief sich insgesamt auf zwei Millionen, die in den beiden Weltkriegen bei weitem noch überboten wurde und danach mit Mao Tse Tung ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte (rd. siebzig Millionen Menschenopfer im Lauf seiner Herrschaft). Und heute? Sind die Zeiten vorbei, menschliches Leben
verächtlich zu behandeln? Die religiöse Legitimation, die Innozenz
III. für die Opfer der Kreuzzüge lieferte, lebt im Islam koranisch
fort. Es kann auch nicht übersehen werden, daß im Laufe der
Geschichte die religiöse Legitimation um allgemein ideologische Varianten
erweitert wurde (Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus),
die in gleicher Weise die Geschichte (in Begleitung menschenverachtender
Denkweisen) antrieben und immer noch antreiben, wenn auch im Westen...
Man muß sich dazu nur fragen, welches ›innozenzische‹ Menschenbild
den verbreiteten politischen Antrieben zugrunde liegt, den Bürgern...
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