Walthari
 
 

Historisches und Aktuelles
aus der Welt der Wissenschaften


Epochengestalten
 


Jacques Lacan
geb.  am 13. April 1901 in Paris
gest. am 9. September 1981 in Neuilly

Arzt und Psychiater, als Guru bewundert und auch zum Harlekin erklärt. Wollte die Psychoanalyse nicht mehr nur als Therapie verstehen, sondern auch als neue Philosophie. die um Hegel kreist. Auf vielen anderen Wissenschaftsgebieten aktiv: Soziologie, Ethnologie, Linguistik, Literaturwissenschaft u.a. Großen Einfluß auf den Poststrukturalismus. Zeitlebens ein unruhiger Geist, den man aus Fachvereinigungen ausschloß, der aber eine herrschende Denkströmung in Frankreich (Lacanismus) auslöste, obschon seine Schriften schwer lesbar sind. Meister der Selbstinszenierung. Jesuitenschüler, Freundschaft mit Künstlern und aneren Zeitgrößen. Erfinder der Theorie des Spiegel-Ichs (vgl. WALTHARI-Heft 50). Wollte tatsächlich eine »psychoanalyse à la française« begründen, gestützt auf die These, daß das Unbewußte ein Produkt der Sprache sei und ausschließlich über diese erfahrbar. Lacan wird in Deutschland oft zitiert, aber wenig gelesen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com
 



Arnold Gehlen
geb.  am 29. Januar 1904 in Leipzig
 gest. am 30. Januar 1976 in Hamburg

Seine Verwicklungen im Nationalsozialismus erschweren bis heute eine objektive Rezeption. 1933: Mitglied im NS-Dozentenbund, 1940: sein Hauptwerk ›Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt‹, worin die NS-Ideologie legitimiert wurde (ab der 4. Auflage umgearbeitet). Dennoch, so das mehrheitliche Philosophenurteil heute, bleibt Gehlen in der Sache eine bedeutende Epochengestalt, weil er auf existenzielle Fragen bedenkenswerte Antworten gibt. Seine philosophische Anthropologie kreist um drei Fragen: Wie kann man Philosophie ohne Metaphysik betreiben? Wie lassen sich Philosophie und empirische Wissenschaften verbinden? Womit schafft man Lebensorientierungen? Gehlen bereichert wirkungsmächtig die Ethik, Ästhetik, Soziologie und Sozialpsychologie und gilt als einer der Väter der Kulturwissenschaften. Er veränderte die Sicht auf das menschliche Bewußtsein, das nach dem cartesianischen Dualismus dem Körper gegenübergestellt war. Nach Gehlen ist es jedoch ein aus dem Handeln abgeleitetes Phänomen, also ein Prozeßergebnis. Bewegungen und Überlegungen fallen in eins. Handlung, nicht Bewußtsein ist dabei erkenntnisprimär: »Der Mensch ist das handelnde Wesen.« Damit wird eine Brücke von den empirischen Wissenschaften zur Philosophie hergestellt, die mit der aktuellen Hirnforschung neue Aktualität gewinnt. Zusammen mit der biologischen Verhaltensforschung seiner Zeit (Adolf Portmann u.a.) arbeitet Gehlen spezifisch menschliche Entwicklungen und Eigenschaften heraus, so mit dem Begriff des Mängelwesens, der Instinktreduktion, der Unspezifität und der Retardierung. Damit greift Gehlen auf Herder und Nietzsche (der Mensch als »nicht festgelegtes Tier«) zurück. Zum Ausgleich besitzt der Mensch das Wunderorgan Gehirn, das ihn überleben laßt durch Lernfähigkeit und intelligente Anpassung. Die Menschen streben Entlastung an, indem sie Institutionen bilden und sich die Natur dienstbar machen. Daraus resultiert der Dauerkonflikt zwischen Kultur und Naturbewahrung, ebenfalls ein hochaktuelles Thema. Für Gehlen sind Triebüberschuß und Plastizität (Weltoffenheit) stets auch kulturelle Gefährdungsmomente. Mit seinem Reduktionsbild sieht er den Wohlfahrtsstaat voraus. Seine Kritik an der Hypermoral (›Moral und Hypermoral‹, 1969) prognostiziert das Scheitern des ethischen Universalismus’, weil dieser die familiäre Sympathie ins diffuse Globale überdehnt. Hellsichtig auch der sozialdarwinistische Hinweis im Verhältnis von Staat (Institutionen) und Gesellschaft. Gehlens Institutionenlehre favorisiert den Staat als Ordnungshüter und wirkt in Luhmanns Systemtheorie nach, zum Ärger der sog. Frankfurter Schule. Institutionen bieten Entlastung und Orientierung, neigen aber zur bürgerlichen Entmündigung, was Gehlen nicht deutlich wahrnimmt, im Gegenteil: Der Mensch erscheint ihm als »das Wesen der Zucht«, das von außen zu ›züchtigen‹ sei statt von innen durch Lern- und Reifeprozesse. Da offen ist, ob die Mehrheit der Menschen zur Binnenleitung überhaupt fähig ist, richtet die Reizüberflutung und technische Versuchung gesellschaftlichen Schaden an, der durch die erweiterten Möglichkeiten noch gesteigert wird und zur »Übersteigerung der Subjektivität« führt, woraus die bekannte »Primitivisierung« (Boulevard) entsteht. Der Mangel an Binnenhalt zwinge zum harten institutionellen »Außenhalt«. Gehlen liefert eine Reihe weiterer Analysen, die von starker Wirkung sind, so im Rahmen seiner Kunstkritik (›Zeit-Bilder‹, 1960) und Kristallisationsthese, nach der es einen historischen Zeitpunkt gibt, ab dem alle kulturellen Möglichkeiten durchgespielt sind und ein Untergang unausweichlich ist. Insgesamt ist das Gehlen’sche Anregungspotenzial enorm und allermeist aktuell geblieben, aber infolge des NS-Schattens unausgeschöpft, weil unter Dauerverdacht. Überreichlich ausgebeutet hat ihn die modische Handlungstheorie, die, zeitkorrekt imprägniert, ihn kaum zitiert. In der Sache widerspricht seine Subjektivitätskritik der methodisch-biologistischen Handlungsauslegung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


Auguste Comte 
geb. am 19. Januar 1798 in Montpellier
gest. am 5. September 1857 in Paris.

19. Januar 2008

Mitarbeiter des Grafen Saint-Simon, Vertreter des Dreistadiengesetzes (zur Entwicklung des Individuums und der Menschheit) und des Enzyklopädischen Gesetzes (beide längst widerlegt). Erfand die soziale Physik, die von nun an Soziologie hieß. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Die geistige Entwicklung des Menschen eilt seiner moralischen voraus, woraus sich Instabilitäten ergeben. Aufgabe der Zivilisation sei es, Ordnung und Fortschritt zugleich zu befördern. »In der positiven Philosophie sind Ordnung und Fortschritt die beiden untrennbaren Seiten desselben Prinzips.« Der Atheist Comte ließ sich katholisch trauen, glaubte an Naturgesetze auch im Sozialen. Chaotisches Privatleben, mit phasenweisem Aufenthalt in einer Irrenanstalt. Der Spezialist für Soziales vergriff sich bei der Wahl seiner Frau.1854 : ›Système de politique positive‹ (4 Bde.). Wagte Prophezeiungen, die sämtlich nicht eintraten, ihm aber unter seinen Anhängern dennoch den Status eines Hohenpriesters der Menschheit einbrachten. Auch im heutigen sozialwissenschaftlichen Betrieb eine gängige Referenzautorität. 
 
 

Rudolf Fr. A. Clebsch
geb. am 19. Januar 1833 in Königsberg
gest. am 7. November 1872 in Göttingen

Einer der großen Unbekannten: Begründer der algebraischen Geometrie, die er mit der Funktionstheorie verknüpfte. Zuerst Realschullehrer, ab 1858 Professor in Karlsruhe, später in Gießen und Göttingen. Früher Tod durch Diphtherie. Mitbegründer der heute bestehenden ›Mathematischen Annalen‹ (seit 1868). 
 
 

Johann E. Bode
geb. am 19. Januar 1747 in Hamburg
gest. am 23. November 1826 in Berlin

Bedeutender Astronom, Herausgeber eines Himmelsatlas’, führte die Abstandsregel der Planetenbahnen ein. Ab 1787 Direktor der Berliner Sternwarte. Der von W. Herschel 1781 entdeckte Uranus erhielt diesen Namen auf Bodes Vorschlag. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. – Aus: www.walthari.com
 
 


Heraklit 
um 500 v. Chr.

3. Januar 2008

Über das Leben dieses Philosophen weiß man wenig, von seinen Schriften sind nur Fragmente erhalten. Schon in der Antike waren die Nachrichten über ihn spekulativ.: Sprößling einer aristokratischen Familie, er wurde vermutlich sechzig Jahre alt (ergibt sich aus Hinweisen auf Olympiaden). Er soll auf die Königswürde zugunsten seines Bruders verzichtet haben.

Bis heute ist Heraklit auf den Panta-Rhei-Spruch festgelegt, beginnend mit Platon. Doch der einfache Gedanke des Alles-Vergeht überdeckt andere Einsichten, so diese, daß eine Polis (Gemeinwesen) nur überleben kann, wenn seine Gesetze (nomoi) es erlauben, daß der Fähigste regiert. Als einsamer Mahner kritisierte der Philosoph Homer, Hesiod und Pythagoras, weil sie über Götter und Menschen zuviel Falsches berichteten. Über Homer: Man sollte ihn »von den Wettkämpfen ausschließen und ihn mit Ruten züchtigen«. Darin kann eine frühe Religionskritik gesehen werden.

Am nachhaltigsten wirkte im Altertum seine Naturlehre, deren Anhänger eine Schule bildeten (Herakliteer). Seine Schrift über die Natur soll er im Tempel der Artemis hinterlegt und dieser Göttin geweiht haben. Aus den überlieferten Fragmenten rekonstruiert man eine Natur- und Logoslehre, eine Kosmologie, Theologie, Politik und Ethik, die er sämtlich im Spruchstil (Gnomen) formulierte und ihm den Vorwurf der Dunkelheit eintrug. Beispiel: Das Fragment Nr. 53 spricht vom Krieg als »Vater Aller«, fälschlicherweise übersetzt als: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

Heraklit unterschied zwischen Streit (eris) und Krieg (polemos); solange ersterer als Wettbewerb angenommen wird, bereichert er die Polis – ein urdemokratischer Gedanke, den Heraklit auch in der Logoslehre aktiv sieht: der Widerstreit als Grundfigur der Vernunft, worauf sich später Schelling und Heidegger beziehen. Nietzsche war von der antiidealistischen Perspektive Heraklits beeindruckt. Insofern kann Heraklit als Vater der nüchternen Weltsicht gelten, die es gleichzeitig nicht versäumt, auf die verborgenen Strukturen der Welt zu achten. Dazu seien aber nur Wenige fähig. 
Aus dem Widerstreitcharakter von Natur und Kultur leitet Heraklit den zentralen Gedanken des Ausgleichs ab, der sich ergibt, weil Gegensätze ein Gemeinsames haben. Nikolaus von Kues nahm später den Gedanken als Coincidentia oppositorum auf. 

Identität entsteht aus geheilten Differenzen, so in der Natur und unter den Menschen. Gerechtigkeit ist demnach ein Prozeßergebnis, kein festes Maß. Darauf verweist die berühmte Flußmetapher: »Denen, die in die selben (!) Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu« (Fragment 12).

Gott ist nach Heraklit das »ewige Feuer«, an dem die menschliche Seele Anteil hat und deshalb unsterblich ist. Weil aber das Höchste unbestimmt (unerkannt) bleibt (apeiron), ist es für die Menschen nicht ratsam, sich spekulativ daran zu binden. Diesen Abstand forderten die Epikureer später noch deutlicher. Zu dieser Haltung sind nach Heraklit nur wenige Menschen fähig, geben sich doch die »Vielen vollgefressen wie das Vieh« (Fragment 29).

»Esel mögen Spreu lieber als Gold.« 
»Vermessenheit ist zu löschen mehr als Feuersbrunst.« 
»Mehr als sichtbare gilt unsichtbare Harmonie.« 
»Das Wesen der Dinge versteckt sich gern.« 
»Der schönste Affe ist scheußlich im Vergleich zum Menschen.« 
»Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder.« 
»Denn Hunde kläffen sogar an, wen sie nicht kennen.« 
»Ich habe mir selbst nachgeforscht.« 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. – Aus:www.walthari.com
 
 


Christian Thomasius 
geb. am 1. Januar 1655 in Leipzig
gest.  am 23. September 1728 in Halle

1. Januar 2008

Das historische Gewicht dieses Voraufklärers steht in krassem Gegensatz zu seiner allgemeinen Bekanntheit. 1691 veröffentlichte er seine ›Vernunftlehre‹, dessen erstes Hauptstück überschrieben ist: ›Von der Geschicklichkeit, die Wahrheit durch eigenes Nachdenken zu erlangen.‹ Das war rund einhundert Jahre vor Kants berühmter Antwort auf die Frage ›Was ist Aufklärung‹. Thomasius kämpfte gegen die »selbst verschuldete Unmündigkeit« (Kant) vor allem an der eigenen Universität, wo er provozierend als ›homme galant‹ und nicht im Talar auftrat und über Samuel Pufendorf Vorlesungen hielt – 1687 als erster in deutscher Sprache. Das war eine Kampfansage an das Monopol des Lateinischen. 1688 wehrte sich Thomasius gegen das Kesseltreiben der Kollegen, indem er eine Monatsschrift herausgab: ›Schertz- und Ernsthafter… Gedanken…‹ war die erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache und die Vorgängerin des späteren Feuilletons. Akademische »Pendanterie und Heuchelei, die den Titel der Gelehrsamkeit und Tugend mißbrauchen«, widerten ihn an, ebenso die französische Zeitmode, die an den Höfen und Universitäten herrschte. Seinen berechtigten Spott mußte er mit einer Flucht nach Berlin (1690) bezahlen. Der preußische Friedrich III. richtete ihm eine Professur in Halle ein. Er wandte sich gegen die Herrschaft der Theologie über die Philosophie, forderte die Trennung von Kirche und Staat und wollte christliche Moral und profanes Recht getrennt wissen. Was Thomasius weiterhin so außergewöhnlich erscheinen läßt: Eigene Fehler gestand er öffentlich ein. Im Unterschied zu dem französisierenden Leipniz sah Thomasius in der deutschen Sprache und im Bürgertum seine geistige Heimat.
In der heutigen Welt des Denglischen, der Modul-Pedanterie an den Hochschulen und der Bildungsheuchelei mangelt es an Gelehrten vom mutigen Schlag eines Thomasius. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 
 


Giovanni Boccaccio
geb. im Juni/Luli 1313 in Paris oder Certaldo
gest. am 21. Dezember 1375 in Florenz

21. Dezember 2007

Heute vor 632 Jahren starb in Florenz eine der größten Dichtergestalten des Abendlandes. Unehelich geboren, Banklehre in Neapel, Studium des kanonischen Rechts, des klassischen Lateins und der Literatur. Schon mit der ersten literarischen Arbeit (›Der Filostrato‹, 1337-1339) erweist sich Boccaccio als Vorbote des Humanismus. Wechselnde Aufenthalte in Florenz, Ravenna, Padua und Avignon, wohin der Papst von der französischen Krone gezwungen worden war. Auf der Flucht vor der Pest (ab 1348) schrieb er zwischen 1349 und 1351 die Novellensammlung ›Das Dekameron‹ (hundert Geschichten), die erst 1470 veröffentlicht wurden. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest aufs Land geflohen und erzählen sich im Laufe von zehn Tagen aufregende Geschichten. Jede Person hat einen Erzähltag zu einem vorgegebenen Thema. So entstehen Abenteuer-, Liebes- und Ehegeschichten usw. Berichtet wird realistisch-ironisch für »edle Frauen und Jungfrauen«, die kein Latein beherrschen. 

»So wie die Torheit oft manchen um sein Glück bringt und ihn in tiefes Elend stürzt, so zieht den Weisen sein Verstand aus den augenscheinlichsten Gefahren und gewährt ihm vollkommene Ruhe und Sicherheit«.

Giovanni Boccaccio, aus: ›Das Dekameron‹
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 
 

Schleiermacher, Fr. D. E.
geb. 21. November 1768 in Breslau, 
gest. 12. Februar 1834 in Berlin

Voltaire, d.i. Arouet, Fr. M.,
geb. 21. November 1694 in Paris, 
gest. 30. Mai 1778 in Paris

21. November 2007

Der Gegensatz zwischen den beiden Epochengestalten könnte nicht größer sein.

Der Deutsche: Theologe, Philosoph, Prediger, einer der Referenzväter des Protestantismus. Zwei Ansprüche machten ihn populär: »Universalisierung der Humanität« und »Alle Menschen sind Künstler« (womit er J. Beuys um fast 200 Jahre vorwegnahm). Erzogen von der Herrnhuter Brüdergemeinde bei Görlitz, nach dem Studium zunächst Hauslehrer, danach Prediger an der Charité in Berlin, fleißiger Besucher von Salons, Bekanntschaft mit den Romantikern, Übersetzer der Dialoge Platons (ab 1804), Verfasser der berühmten ›Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern‹, die ihm den Vorwurf des Pantheismus einbrachte, weil er eine anthropologische Konstante beschrieb, die heute unbestritten ist (vgl. WALTHARI-Heft 49): Glauben können aus dem »Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit« von einem unendlichen Absoluten. Aus dieser Selbstevidenz ergeben sich Freiheit und Sozietät. Nach Tätigkeiten in Stolp (Pommern) und Halle wieder in Berlin, wo er mit W. v. Humboldt die Universität begründete und ab 1810  als Professor tätig war. Gilt als einer der Väter der Hermeneutik.

Der Franzose: scharfer Religionskritiker, forderte eine natürliche Moral, die an der sozialen Relevanz zu messen sei; einer der geistigen Väter der Französischen Revolution (1789). Reisender in Sachen Vernunftreligion, die das Bürgerglück forderte, sich gegen den Adel und die kirchliche Dogmatik richtete, Zögling eines liberalen Jesuitenkollegs. Seine Spottlust brachte ihn mehrfach ins Gefängnis, wo er u.a. Theaterstücke schrieb. Einfluß Newtons. Mit seiner ›Abhandlung über die Metaphysik‹ prägte er entscheidend das Aufklärungsdenken im 18. Jh.: Gott müsse aus Vernunftgründen und aus der Erkenntnis der kosmischen Vorgänge angenommen werden, aber ohne Zusatzspekulationen (unsterbliche Seele u.a.). Seit 1750 am preußischen Hof, wo er die Freiheit des Redens genoß, die ihm am französischen Hof verweigert worden war. In seinem ›Dictionnaire philosophique‹ faßte er die Summe seines antichristlichen Denkens zusammen, das ihn als Deisten, nicht als Atheisten ausweist. Nach dem Tod des Preußenkönigs verspottete Voltaire auch seinen Gönner als ›Salomon des Nordens‹. Der Spötter nahm sich Gott und die Welt vor: Descartes, Rousseau, La Mettrie u.v.a. Er glaubte in der menschlichen Natur unveränderliche Gesetzmäßigkeiten gefunden zu haben, welche die Geschichte dirigieren wie die Naturgesetze die physikalische Welt. Unerklärlich, warum der Vernunftprediger die Existenz von Vernunftwahrheiten bestritt und die ›philosophie de l’histoire‹ dazu berufen sah, das Bürgertum aus den Fesseln der Theologie und des Absolutismus zu befreien. Neigung zum Determinismus. Rückzug nach Genf und Mitarbeit an der ›Encyclopaidie‹. Streit mit den Genfer Calvinisten. Durch Finanzspekulationen reich geworden, erwarb er auf der französischen Seite des Genfer Sees ein Schloß samt dazugehörigem Dorf und führte ein luxuriöses Leben. Zuletzt militanter Antiklerikalismus mit Ausrottungsaufrufen: ›Ecrasez l’inf?me!‹
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com
 
 


Albertus Magnus 

15. November 2007

Am 15. November 1280 starb Albertus Magnus in Köln. Seine Bedeutung für die kulturelle und geistige Entwicklung des Abendlandes ist kaum zu überschätzen und wurde schon zu seinen Lebzeiten erkannt. Den Beinamen ›der Große‹ vergab man lediglich an weltliche und geistliche Herrscher, und dabei häufig zu Unrecht. Daß man einen Wissenschaftler ›den Großen‹ nannte und heute noch so nennt, hat bei Albert seine Berechtigung. 

Zur Vita: Vor 1200 im schwäbischen Lauingen/Donau geboren, als Sprößling einer ritterbürgerlichen Ministerialfamilie, die ihn zunächst zu weltlichen Studien nach Oberitalien schickte. Angetan von der religiösen Armutsbewegung, trat er 1223 dem jungen Dominikanerorden bei. Wirkungsstationen: Hildesheim, Regensburg (wo er als Bischof wirkte), Straßburg, Paris und Köln. 1245 Lehrstuhl in Paris, wo er mit seinem aristotelischen Programm begann, das er bis zu seinem Tod konsequent fortsetzte. Die Grundlinie dieses epochalen Vorhabens bestand darin, Philosophie und Naturwissenschaften nicht mehr der Offenbarungstheologie zu unterstellen, sondern der Vernunft, wie es Aristoteles gefordert hatte. Das war mutig und riskant, denn es widersprach der Weltschöpfungs- und Gotteslehre der Amtskirche. In dem Werk ›Summa de creaturis‹ werden Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften von einander getrennt und einer je spezifischen Sichtweise unterstellt. Das war revolutionär, ebenso die Erkenntnis, daß Wissen und Glauben zwei verschiedene Weisen zur Erschließung (Erfahrung) der Welt sind. Damit nahm er die Lehre von Francis Bacon (1561-1626) um Jahrhunderte vorweg, auch Lehrstücke von Kant, Hegel u.a., ohne daß die epochalen Vorarbeiten angemessen gewürdigt wurden und bis heute werden. Obschon die Werke Aristoteles’ kirchenamtlich verboten waren, begann Albert mit einem Aristoteleskommentar. Sein Einfluß auf Meister Eckhart wurde an anderer Stelle in diesem WALTHARI-Portal geschildert. Ulrich von Straßburg: »Mein Lehrmeister, der Herr Albert, ehemals Bischof von Regensburg, war ein in jeglicher Wissenschaft geradezu göttlicher Mann, so sehr, daß er mit Recht als Staunen erregendes Wunder unserer Zeit bezeichnet werden kann.«
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 


Epochentext

2. Januar 2008

Rechtfertigung der Emser Depesche

»Schon in der Tatsche, daß das französische Kabinett sich erlaubte, die preußische Politik über die Annahme der Wahl zu Rede zu stellen, und zwar in einer Form, welche durch die Interpretation der französischen Blätter zu einer öffentlichen Bedrohung wurde, schon in dieser Tatsache lag eine internationale Unverschämtheit, welche für uns nach meiner Ansicht die Unmöglichkeit involvierte, auch nur um einen Zoll breit zurückzuweichen. Der beleidigende Charakter der französischen Zumutung wurde verschärft durch die drohenden Herausforderungen nicht nur der französischen Presse, sondern auch durch die Parlamentsverhandlungen und die Stellungnahme des Gramont-Ollivierschen Ministeriums zu diesen Manifestationen. Die Äußerungen Gramonts in der Sitzung des gesetzgebenden Körpers vom 5. Juli:
›Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes uns verpflichtet zu dulden, daß eine fremde Macht einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setze... Dieser Fall wird nicht eintreten, dessen sind wir ganz gewiß... Sollte es anders kommen, so würden wir... unsre Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen wissen.‹
Schon diese Äußerung war eine amtliche internationale Bedrohung mit der Hand am Degengriff. Die Phrase: ›La Prusse cane‹ (Preußen kneift) bildete in der Presse eine Erläuterung zu der Tragweite der Parlamentsverhandlungen vom 6. und 7. Juli, die für unser nationales Ehrgefühl nach meiner Empfindung jede Nachgiebigkeit unmöglich machte.«

Aus: Otto von Bismarck: ›Gedanken und Erinnerungen‹, 
Kapitel ›Die Emser Depesche‹, Münchener Ausgabe 1962, S. 338 f.
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14. November 2007

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. 
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben...« 

I. Kant am 5. Dezember 1783, in: ›Berlinische Monatsschrift, S. 516.
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