| 31. März 2008
Zu einem neuen, schleichenden
Totalitarismus an deutschen Universitäten
Von Univ.-Prof. Dr. Walter Slaje
Unausgesprochene Prämissen des vor sich gehenden Systemzwangs durch
Vernetzung, Einzelfächern ihre etablierten Identitäten zu rauben,
sind:
1) Geisteswissenschaftliche Erkenntnis sei vorhersehbar, ihre Erzielung
plan- und organisierbar, die beste aller wissenschaftlichen Organisationsformen
sei das Kollektiv.
2) Masse kompensiere Klasse.
3) Eigenverantwortlich selbstbestimmte Einzelforschung sei überholt.
1) Geisteswissenschaftliche Erkenntnis sei vorhersehbar, ihre
Erzielung plan- und organisierbar, die beste aller wissenschaftlichen Organisationsformen
sei das Kollektiv
Fächervielfalt, die sogenannten ‚Kleinen Fächer’ explizit
miteingeschlossen, gilt ökonomiegesteuerten Wissenschafts-Effizienzprogrammen
als widersetzlich.
Hinter solchen Systemzwängen verbirgt sich wissenschaftsfeindlicher
Zeitgeist. Diese Systeme bilden in erster Linie ökonomische Interessen,
aber keine freie und selbstbestimmte Wissenschaft ab. Vernetzungen ohne
innere fachliche Berechtigung werden aufoktroyiert, in der Folge auch neue
und kürzere Studiengänge, einfach, weil man sie „neu“ und „kürzer“,
vor allem aber „billiger“ (im doppelten Sinn des Wortes) haben will. Was
Ecken und Kanten hat, individuell ist oder vorkragt, wird zurechtgestutzt,
bis es in das geplante, vorgegebene Muster paßt. Oder eben weggemacht.
Totalitaristische Ansprüche(1) wurden nach außen
hin immer schon durch verharmlosenden Sprachgebrauch entschärft, um
die Tatsache zu verschleiern, daß Freiheit unterdrückt werden
soll. An die Stelle von autonom ausgestalteter Forschungs und Lehrentwicklung
(in dieser Reihenfolge) sollen jetzt die zentralistische Forschungslenkung:
der ‚neue Studiengang’ als kategorischer Imperativ, der Methodenzwang:
‚interdisziplinäre Modulbildungen’ sowie in Gestalt der ‚erweiterten
Präsenzpflicht’ die behördliche Forschungsaufsicht treten. Dazu
bedient man sich einer a priori Hierarchisierung zweier unterschiedlicher
Kategorien: Die bloße Organisationsform 'Vernetzung’ wird als Kategorie
zu einer völlig anderen, der des geisteswissenschaftlichen 'Fachs’,
in Beziehung gesetzt und über letztere gestellt. Damit werden Organisationsstrukturen
geschaffen, die zwar ohne inneren Bezug zu den einzelnen Wissenschaften
stehen, diese aber dominieren. Die damit verabsolutiert einhergehende,
apodiktisch vorgetragene Superiorität der 'Vernetzung’ ist im Bereich
der Geisteswissenschaften unbewiesen und bleibt unbeweisbar. Ihre Erzwingung
stellt ein unumkehrbares Experiment durch Hochschulfunktionäre dar.
Man kann, sollte es sich nicht bewähren, es nicht mehr rückgängig
machen. Es gibt weder Versuchs- noch Erprobungsphasen, um im Falle des
Scheiterns des theoretischen Modells zu den bewährten Formen zurückzukehren.
Ein Irrtum der Planer ist nicht vorgesehen(2). Vorwärts!
Dieser bundesweite Vorgang ist völlig irrational, denn man beruft
sich auf dogmatisierte Mehrheitsmeinungen, nicht auf Erfahrung, nicht auf
gesichertes Wissen. In der Wissenschaft sind mehrheitsfähige Abstimmungsprinzipien
hinsichtlich der richtigen Richtung aber nicht möglich. Die Geschichte
des Wissens zeigt, daß über wissenschaftlich Richtiges und Falsches
weder demokratisch abgestimmt noch machtpolitisch bestimmt werden kann.
Weder Masse (Mehrheitsmeinung und Kollektiv) noch Macht (Universitätsleitung
und Dienstherr) sind brauchbare Indikatoren für richtig oder falsch.
Freie Wissenschaft verträgt keine Steuerung und kein Dogma. Die gegenwärtig
doktrinär gesteuerte Wissenschaftsorganisation ist ein Rückfall
in die Irrationalität vorwissenschaftlicher Glaubensinhalte. Interdisziplinarität
wurde zum dogmatischen Leitbegriff unserer Tage erhoben. Aus freien Stücken
gesucht, ist sie ein möglicher Weg wie andere Wege auch. Mehr nicht.
Dazu paßt, daß mit „Exzellenz“-Rhetorik angereicherte,
hochschulpolitisch konfektionierte Forschungsprogramme das Wohlgefallen
derer finden, die den Willen und die Macht zur Wissenschaftsregulierung
haben. Von daher das öffentliche Bekenntnis zur Förderung dessen,
was zeitgeistigkonformen Kriterien entspricht – und gefällt. Das Etikett
der beispiellosen Unübertrefflichkeit wird angeheftet, noch ehe die
behauptete Exzellenz überhaupt Gelegenheit hatte, sich zu beweisen.
Mithin wird das Prädikat im Vorfeld verliehen, auf der Grundlage überlegener
Antragsformulierungen. Das öffentlichkeitserprobte Prinzip, Verpackungen
Gütesiegel ungeachtet ihres Inhalts aufzudrücken, da dieser ohnehin
erst später ans Licht kommt, hat man offenbar Strategien der Werbebranche
nachempfunden. In der Wissenschaft ist so etwas einfach grotesk. Man kann
derlei aber doch irgendwie als puren Verzweiflungsakt nachvollziehen: Wenn
nach mehr als 30 Jahren die Ergebnisse der dereinst erzwungen angestoßenen
Hochschulreform nun so zutage treten, daß der deutschen Universität
die ersehnte internationale Anerkennung versagt wird, heftet man sich den
Kleinstaat-Orden der Binnen-Exzellenz eben selbst an die Brust.
Daß mit den angeblich innovativen, kollektiven Organisationsformen
in Wahrheit das kommunistische Wissenschaftskollektiv Wiederauferstehung
feiert, wird dabei überwiegend mit Begriffen verschleiert, die zur
Netz-Semantik gehören. Die verräterische Metapher läßt
sich passend weiterspinnen: Mit Netzen wird gefangen, oder man verfängt
sich darin. Keines von beiden kann im Interesse freier Wissenschaft liegen.
Wissenschaftliche Systeme lassen sich nicht durch einflußnehmende
Steuerung von außen optimieren. Freie Geisteswissenschaft braucht
kein Generalkommando von Führungsfunktionären, die in der Regel
und vorwiegend auf Verdienste in der Wis senschaftsadministration pochen
können. Sie optimiert sich selbst und ganz von allein durch methodisch
unbehinderte Bemühung und freie Entfaltung der geistigen Kräfte
aller Fachvertreter – um nicht den Begriff des Hochschul-Lehrers im Munde
führen zu müssen, der den wesentlichsten Aspekt wissenschaftlichen
Bemühens, nämlich den der Forschung, auf dreiste Weise ausblendet.
Ergebnisse unabhängiger Forschung stellen sich auf nicht planbare
und unvorhersehbare Weise ein, als Summe aller frei wirkenden Kräfte.
2) Masse kompensiere Klasse
Auch die angebliche Superiorität der Vielzahl gegenüber der
Einzahl ist im Kontext qualitativ zu bewertender Forschung nichts anderes
als ein von Gläubigen – mit der für sie charakteristischen Inbrunst
– vertretener Glaubenssatz.
Zwar soll Sport im Verein am schönsten sein, und nicht wenige
sind bekanntlich der Meinung, das verhalte sich genau so auch beim Sparen.
Aber neuerdings flieht sich sogar der deutsche Wissenschaftler zunehmend,
vielleicht, weil ihn die eigene Kreativität geflohen hat, in die Vereinswissenschaft,
sein Heil in geteilter Verantwortung suchend. Eine Gruppe kann nicht besser
sein als ihr schwächstes Glied. Der Minderleistungstransfer auf alle
anderen ist solchen Organisationsformen immanent. Das wiederum widerspricht
dem vielbeschworenen Wettbewerbsprinzip. Eigenverantwortung wird auf diese
Weise verschleiert. Die Universität ist keine Einrichtung zur Förderung
wissenschaftlicher Sozialfälle. Ihre Aufgaben im Bereich der Geisteswissenschaften
definieren sich über Wahrheitsfindung. Wahrheiten sind nicht mehrheitsfähig,
daher auch nicht hierarchisierbar. Sie entziehen sich als Erkenntnisobjekt
dem Einfluß von Macht und Mehrheiten. Wer die prinzipielle Superiorität
von geisteswissenschaftlicher Mehrheitsforschung vertritt, setzt letztlich
auf die Kompensation der Einfallslosigkeit durch Masse.
Hinter dem Glauben an die Organisierbarkeit geisteswissenschaftlicher
Erkenntnisse verbirgt sich ein sehr naiver und vor allem auch sehr realitätsferner
Glaube, wonach es sich hierbei um Quantitäten handle, die sich – additiv
– doch als Qualitäten darstellen lassen müßten. Wenn die
Summe aus „1 schmackhafter Apfel“ + „1 schmackhafter Apfel“ nicht nur „2
schmackhafte Äpfel“ ergibt, sondern das Geschmacksprädikat von
„gut“ zu „sehr gut“ verbessern würde, dann wollen wir doch gleich
noch einen weiteren dazugeben, um auf „sehr, sehr gut“ zu kommen, und durch
Ausweitung dieser Methode schließlich unnachahmlich traumhaften Wohlgeschmack
zu erzielen, etwa durch Verzehr einer Tonne von Äpfeln. Zehn Maler
malten wohl ein zehnfach schöneres Bild als nur einer? Kein Mozart
käme gegen die höhere Qualität einer Komposition an, wenn
nur ausreichend viele Komponisten sich zugleich daran versucht hätten?
Von einer fünfzigköpfigen Forschergruppe wäre dann tatsächlich
zu erwarten, eine qualitativ fünfzigfach höhere geisteswissenschaftliche
Leistung zu erbringen oder eine wahrere Wahrheit zutage zu fördern
als ein Einzelkämpfer alten Stils es je vermocht hätte? Seltsamerweise
stammen die großen Würfe, bahnbrechenden Einsichten und Werke
immer von unabhängigen, freien Köpfen. Was waren denn die universitären
Bedingungen, die die deutsche Geisteswissenschaft so prosperieren ließen,
daß sie sich einen Weltruf sichern konnte, von dem sie heute immer
noch zehrt? Wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, sicher nicht die organisierte
Rudelbildung, und sicher nicht der Pferch geisteswissenschaftlicher Zwangskollektive.
Es waren unabhängige Einzelforscher, die sich Steuerungsmaßnahmen,
wie sie heute zentralistisch vorgedacht und verordnet werden, mit Sicherheit
ganz energisch verbeten hätten. Geisteswissenschaft ist ein schöpferischer,
aber kein im Sinne industrieller Herstellung produktiver Prozeß.
Das ist eben der Unterschied zwischen Schaffen und Produzieren. Die Universität
ist kein produzierendes Gewerbe, ein Professor kein gewinnspannenorientierter
Krämer, seine Wissenschaft nicht Bauchladenware, die er konsumierenden
Studenten feilschend feilhält. Wer Geisteswissenschaft aber mit solcher
verwechselt, teilt sich seine Begabung für Wissenschaft mit der Grazie
des Elefanten, Ballet zu tanzen.
Das nämlich teilt die Geisteswissenschaft sich mit der Kunst,
daß auch sie auf Inspiration und Kreativität angewiesen ist,
auf Muße zum Nachdenken, wie sie durch planwissenschaftliche Maßnahmen
nicht mit Notwendigkeit herbeigeführt werden kann. Neue, noch nicht
gekannte Einsichten, lassen sich schwerlich planvoll herbeiorganisieren,
denn dazu müßte man sie ja bereits vorher kennen. Was außerhalb
der Vorstellungskraft auch des besten Theoretikers liegt und damit seinen
Horizont überschreitet, kann auch er nicht als ein einzuholendes Forschungsergebnis
vorherplanen. Die natürliche Beschränkung aller Planwissenschaft
ist, daß sie immer nur Modi des Bekannten planen kann. Planerisches
ist Vorhersehbares und in erkenntniswissenschaftlichem Sinne daher nie
wirklich 'neu’. Die geplante ?Innovation’ verdient den Namen nicht unbedingt.
Von Theorie und Wirklichkeit als zwei entgegengesetzten Kategorien taugt
die erste vielleicht zur Erklärung der zweiten, aber gewiß nicht
dazu, die Wirklichkeit, und damit eben auch die Wirklichkeit der Forschung,
nach ihren diskursiven Denkstrukturen zu gestalten. Die Wirklichkeit liegt
ihrer Theorie voraus, nicht umgekehrt. Wer unbedingt möchte, daß
es anders wäre, bei dem ist Hybris die Mutter des Gedankens. Und er
könnte gleich fortfahren zu fordern, daß die Meteorologen, da
sie vom Wetter, seinen Gründen und Zusammenhängen theoretisch
wüßten und auch so davon redeten, es doch am besten gleich selbst
machen sollten ...
John Steinbeck hatte bereits 1952 die versuchte Erstickung freier Geister
durch das gesellschaftliche Kollektiv hellsichtig diagnostiziert. Damals
fand er allerdings noch keinen Grund, dies etwa auch auf die Geisteswissenschaft
münzen zu sollen. Heute ist ein solcher Grund längst eingetreten.
Und deshalb, eben weil derselbe Wahn nun auch in diesem Segment sein Unwesen
nicht nur ungehemmt, sondern unter Billigung und Förderung des Staates
treiben darf, sei an Steinbecks ahnungsvolle Worte im Auszug erinnert:
„It is true that two men can lift a bigger stone than one man. A group
can build automobiles quicker and better than one man, and bread from a
huge factory is cheaper and more uniform. When our food and clothing and
housing are all born in the complication of mass production, mass method
is bound to get into our thinking and to eliminate all other thinking.
In our time mass or collective production has entered our economics, our
politics, and even our religion [...]. This in my time is the danger. [...]
Our species is the only creative species, and it has only one creative
instrument, the individual mind and spirit of man. Nothing was ever created
by two men. There are no good collaborations, whether in music, in art,
in poetry, in mathematics, in philosophy. Once the miracle of creation
has taken place, the group can build and extend it, but the group never
invents anything. The preciousness lies in the lonely mind of man. And
now the forces marshaled around the concept of the group have declared
a war of extermination on that preciousness, the mind of man. [...] And
this I believe: that the free, exploring mind of the individual human is
the most valuable thing in the world. And this I would fight for: the freedom
of the mind to take any direction it wishes, undirected. And this I must
fight against: any idea, religion, or government which limits or destroys
the individual.”(3)
3) Eigenverantwortlich selbstbestimmte Einzelforschung sei überholt
Der von handwerklich solider Arbeit begleitete, allmählich heranreifende,
zündende Gedanke, die große Idee – sie widersetzen sich jeder
planerischen Organisation, weil sie derselben Voraussetzungen wie ein künstlerischer
Geist bedürfen: bedingungsloser Freiheit. Die Organisation kann der
Idee nicht befehlen, sich rechtzeitig einzustellen. Die Chancen, daß
ein ergebnisoffen neugierig forschender Empiriker in Zonen des noch nicht
Gesehenen, noch Ungedachten vordringt, sind bei diesem in höherem
Maße gegeben als bei jemandem, den man ins Korsett des Vorverständnisses
seiner Planer geschnürt hat, und von dem man die fristgerechte Erbringung
gemeinschaftlich geplanter und vereinbarter Ziele erwartet.
Die Universität muß für die Pflege der Geisteswissenschaften
daher nicht mehr tun, als ein schöpferisches, geistig entspanntes
Klima zu erzeugen. Sie soll, da sie die entsprechende Bezeichnung trägt,
Weltwissen fördern, die universale Fächervielfalt bejahen und
inspirative Bedingungen für methodologisch unbehindertes Forschen
schaffen. Der Fachvertreter allein verantwortet sein Fach. Dieses Maß
an Vertrauen und Freiheit ist ihm – nach Bewährung auf einem langen
Qualifikationsweg – einzuräumen. Versagensrisiken werden immer bleiben,
aber genau das ist der Preis der Freiheit. Wer kontrolliert, fürchtet
die Freiheit. Wer an Universitäten die Geisteswissenschaften kontrolliert,
fürchtet deren geistige Freiheit. Es ist der Sauerteig an Universitäten,
den man hier, statt ihn aufgehen zu lassen, kollektiv erstickt. Durchaus
bemerkenswert ist dabei allerdings, daß es vor allem Exponenten einer
ihrem eigenen Selbstverständnis nach kritischen Geisteswissenschaft
sind, die sich inzwischen entweder artig wie die Lämmlein lenken lassen,
gelegentlich noch ein schwaches Blöken von sich gebend, oder aber
aus eigenem mit vernehmlich lautem Grunzen über morastige Pfade zu
den pekuniären Forschungsfuttertrögen drängen, die sie locken.
Zum Schluß: Spezialisierungsschelte
'Spezialisierung’ ist ein relativer Begriff und unterschiedlich definierbar.
Eine Professur für ein halbes Buch ist sicher anders spezialisiert
als eine auf Kulturräume von kontinentaler Größe (geographisch,
historisch und systematisch) ausgerichtete. Was 6
dem einen aus der Außenperspektive als verengende Spezialisierung
erscheinen mag, ist dem anderen die notwendige Erweiterung seines gegenständlichen
Gesichtskreises. Die oft bemühten 'Tellerränder’, über die
der engstirnige Forscher angeblich nicht hinausblickt, sind als Vergleich
nur sehr bedingt brauchbar, weil sie mit verallgemeinernden begrifflichen
Abstraktionen arbeiten, die die unterschiedlichen Perspektiven der Wirklichkeit
nicht adäquat abbilden. In einem bloß diskursiven Rahmen erscheint
das Allgemeine in Zusammenhängen stimmig, büßt diese Stimmigkeit
aber dann ein, wenn die Konkreta an ihre Stelle treten. Konkret nun liegt
der Rand einer Mokka-Untertasse seinem Mittelpunkt doch erheblich näher
als der Orbis einer gedachten Weltscheibe. Indien z.B. ist eine Welt für
sich, und ähnlich verhält es sich mit anderen außereuropäischen
Zivilisationen. Zwangsvernetzung führt aber dazu, daß die Fachvertreter
sich in die Randzonen ihrer akademischen Disziplinen begeben müssen,
um Übergänge zu schaffen. Besonders bei Kleinen Fächern
mit sehr wenigen oder nur einem einzigen Fachvertreter müssen dann
die Kernbereiche als eigentliche Aufgabe zugunsten der Peripherie – und
in diesem Sinne oft auch nur peripherer Probleme – vernachlässigt
werden. Die Kernaufgabe solcher Professuren ist es aber gerade, die Erforschung
dieser Felder abzudecken, die an den personell schwach ausgestatteten Randzonen
europäischer Forschung liegen. Ein Beispiel: Ersetzen wir gedanklich
alle Professuren einer Universität, die sich in unterschiedlichen
Systematiken alle auf den europäischen Kulturraum in seiner Geschichte
und Gegenwart beziehen, durch eine einzige. Der Gedanke wäre so schon
absurd genug. Aber nun lassen wir an diesen einzigen Fachvertreter für
Europa, einen ?Europäisten’, die Aufforderung ergehen, doch endlich
seine Spezialisierung sein zu lassen, über den engen Tellerrand zu
blicken, der heute gebotenen Inter-Disziplinarität nachzukommen, die
Zukunft liege nämlich an der Peripherie. Welche Antwort würde
der fiktive Kollege wohl bereithalten? Würden alle nur dem – im übrigen
bereits inflationäre Ermattung zeigenden – Imperativ des „Inter“ in
jedem einzelnen Fall nachgeben, wo blieben dann noch die fachlichen Eckpfeiler,
die überhaupt zueinander in Beziehung gesetzt werden könnten?
Die Konturen verschwimmen. Die Erosion wäre allenfalls hinzunehmen,
wenn Erfordernisse aus innerfachlicher Perspektive von sich aus derlei
Maßnahmen geboten erscheinen lassen. Sie dürfen aber nicht zwangsweise
eingeführt werden durch wissenschaftsfremde und regulierungswütige
Bürokratie. Doch genau das ist der Fall.
***
Das Fach Indologie etwa vertritt den Kulturraum des indischen Subkontinents,
was historisch und systematisch nur mit einer kulturgeschichtlichen ?Gesamteuropäistik’,
und zwar von der Antike bis zum Ende der Neuzeit, vergleichbar wäre.
Insofern ist dieses Fach intrinsisch intradisziplinär angelegt. Wissenschaftlich
haltbare Befunde lassen sich hier überhaupt nur ermitteln auf der
Grundlage des Edierens der Quellen und des Herstellens von Zusammenhängen
von innerindischen Teildisziplinen (Recht, Religion, Theologie, Philosophie,
Literatur, Linguistik, einheimische Wissenschaft, etc. – alles stets im
Plural). Einem fachfern von oben angestoßenen Prozeß zur strukturellen
Steuerung wissenschaftlicher Forschung auf Zuruf nachzukommen, wäre
hier absurd. Kooperationsverordnungen, die weder inneren Fragestellungen
noch der intrinsischen Dynamik der Fächer entspringen, zwingen auch
die indologische Forschung in Randzonen, um in Erfüllung planerischer
Aufträge dort periphere Schnittstellen aufzuspüren. Doch besonders
in Einrichtungen mit leider nur einer einzigen Lehrstuhlvertretung müßten
dann Hauptaufgaben wie die Arbeit an zentralen Fragestellungen und die
Beschäftigung mit den eigentlichen Kernbereichen der indologischen
Disziplin vernachlässigt oder sogar aufgegeben werden. Im Fächerkanon
der Wissenschaften ist die Indologie ein vergleichsweise junges Fach. Aus
diesem Grunde ist es immer noch auf solide Grundlagenforschung angewiesen,
um die Primärquellen sichern und unter Anwendung philologischer Methoden
verläßliches Datenmaterial erheben zu können. Mit Werner
Jäger ist „Philologie [...] das historischgenetische Erkennen der
antiken Kultur durch Interpretation der Überlieferung und Rekonstruktion
der fehlenden Glieder in der Kette des Werdens.“(4).
Neben dem Erkennen vormoderner Kulturen in ihrem geistigen Wandel hat die
Philologie aber auch die wichtige Funktion, aus der Einsicht in die Notwendigkeit,
universalgeschichtlich herausragende Leistungen menschlichen Geistes mit
bleibendem Wert in ihrer ursprünglichen Gestalt zu bewahren und ihr
unmittelbares Verständnis den Menschen immer wieder in der originalen
Ausdrucksform nahezubringen, ganz wie Schöpfungen der bildenden Kunst
oder der Musik.
***
Jedem verantwortungsvollen Fachvertreter sollte daher entschieden daran
gelegen sein, sein Fach auch weiterhin in völlig autonomer Ausgestaltung
allein nach methodischen Grundsätzen und wissenschaftlichen Zielsetzungen
zu vertreten, wie sie sich aus seinen eigenen Reflexionen über dasselbe
ergeben. Offenheit für strukturelle Neuschnitte wird nur bei solchen
Forschungszusammenhängen sinnvoll sein, wo innere Anlage und Profil
anderer beteiligter Fächer eine aus sachlich-systematischen Gründen
fruchtbringende Kooperation verheißen. Die Zufälligkeiten der
an einer Universität eingerichteten Fächerlandschaft allein sind
kein zureichendes Kriterium für die Bildung größerer Verbünde(5).
Man sollte sich nicht freiwillig zu Zusammenschlüssen oder neu zu
konstruierenden Studiengängen verstehen, die den wissenschaftsfernen
Intentionen von Hochschulplanern oder administrativen Vereinfachungsvorlieben
geschuldet sind und die den Fachvertretern ohne jegliche objektivierbare
Plausibilität aufgenötigt werden.
Die planvolle Vermassung der Universitäten war bekanntlich nicht
ohne Vermassung auch des Personals zu haben gewesen. Es war vorhersehbar.
Auch, daß damit alle universitär errichteten Dämme gegen
den Einzug des akademischen Mittelmaßes gebrochen werden mußten
– oder besser: werden sollten. Im Ergebnis nehmen heute Exponenten und
Absolventen genau dieses Maßes nun Maß an sich selbst für
alle anderen. Nach ihrem Bilde, ihrer Norm geformt, teilhaftig der ungebetenen
Segnungen des Kollektivs, soll allein den Angehörigen eines solchen
das Prädikat projektierter 'Exzellenz’ zukommen dürfen, verliehen
von Brigaden wissenschaftlicher Produktionsaufsichtsgemeinschaften. Es
versteht sich, daß, um unter diesen Umständen den papieren konzipierten
Erfolg als gutachterlich bestätigten herbeizuorganisieren, die an
unfreien Universitäten bevormundeten Fachvertreter einem entsprechenden
Steuerungs- und Controlling-Prozeß unterworfen werden müssen,
der nicht anders als ganz fest in den Händen der Hochschulplaner liegen
kann.
„Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar,
Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große,
Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche,
Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt,
Zur Oberfläche eigener Gemeinheit,
Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig.“(6)
(1) Ralf Dahrendorf, „Versuchungen der Unfreiheit. Erasmus-Intellektuelle
im Zeitalter des Totalitaris-mus.“ Rüdiger vom Bruch, „Mit der Fackel
der Erkenntnis voran oder Angeführte des Zeitgeistes?“. In: Glanzlichter
der Wissenschaft 2005 – Ein Almanach. Stuttgart 2005.
(2) „Was mit der Zwangsabschaffung der alten Studiengänge
aber bewirkt wird, ist nichts anderes als die Vernichtung der Kontrollgruppe.
Damit wird es in der Zukunft unmöglich, festzustellen, ob die Beibehaltung
(ausschließlich oder parallel) der alten Abschlüsse nicht doch
besser gewesen wäre. Dies passiert ohne Not. Man darf sich daher fragen,
wieso dieser Weg dennoch mit derartiger Vehemenz eingeschlagen wird. Die
meines Erachtens überzeugendste Erklärung ist in der wirtschaftswissenschaftlichen
Theorie des rationalen Herdenverhaltens zu finden.“ Stefan Winter, „Man
könnte auch irren! Die Elimination von Kontrollgruppen als Gestaltungsprinzip
der Hochschulpolitik.“ Forschung & Lehre 12 (2005): 643.
(3) John Steinbeck, East of Eden. London: Penguin Classics
2002: 133f.
(4) Philologie und Historie, 1914, S. 8.
(5) „... was da zwischen Flensburg und Passau, Dresden
und Aachen unter dem Zwang der lokalen Ressourcen zusammengebastelt wird,
kann extern kaum noch auf allgemeine Disziplinstrukturen und Qualifikationskriterien
bezogen werden.“ Ulrich Herrmann, „Falsche Ziele zur falschen Zeit am falschen
Ort.“ Forschung & Lehre 12 (2005): 646.
(6) Franz Grillparzer: Ein Bruderzwist in Habsburg, III.
Aufzug.
Alle Rechte bei:
© Prof. Dr. Walter Slaje, Professor
Seminar für Indologie
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Emil-Abderhalden-Str. 9
D-06099 Halle (Saale)
Aus: www.walthari.com
7. März 2008
Eine nicht gehaltene Laudatio
anläßlich des 65. Geburtstags
und der Entpflichtung von
Univ.-Prof. Dr. Dr. hc. Hermann Stever,
Universität in Landau
Lieber Herr Kollege Stever,
Ende März 2008, wenige Tage nach Ihrem 65. Geburtstag,
werden Sie der Bolognabetriebsamkeit entkommen sein und können von
draußen voller Staunen auf unsere modul- und bürokratiegeplagte
Alma mater blicken, der wir beide über Jahrzehnte gedient haben. Unzählige
Male trafen wir uns auf Sitzungen und unterhielten uns privat über
die Wunderlichkeiten der Gelehrtenrepublik in der Provinz. Einige Male
agierten wir auch gemeinsam vor Studierenden, Sie als Mathematiker und
ich als Wirtschaftswissenschaftler, um gemeinsam ein Oberseminar zu bestreiten,
in welchem traditionell der Blick über die Fachgrenzen gewagt wird,
unter großer Mitwirkung der Studierenden. Solche modulfreie Veranstaltungen
soll es kaum noch geben, weil ja alles zu evaluieren ist, um die Universität
zur gewünschten effektiven Wissensfabrik umzuformen. Daran werden
Sie wohl gedacht haben, als Sie sich entschieden, nicht bis zur Vollendung
des 68. Lebensjahres im Dienst zu bleiben, wie es Ihnen möglich gewesen
wäre. Wer könnte Ihnen das verdenken!
Als wir uns in den siebziger Jahren zum erstenmal begegneten,
konnte man noch mit gutem Gewissen von der Freiheit der Forschung und Lehre
sprechen. Es gab noch die Möglichkeit zur déformation professionelle,
zu jener freiheitlichen Fachsouveränität mit Kauzigkeitslizenz,
aus der bekanntlich die besten Ideen entspringen. Davon berichten viele
Hilbert-Anektoden, die Sie als Mathematiker wohl allermeist kennen, vielleicht
aber noch nicht die folgende: Als David Hilbert (1862-1943) mal wieder
über den Campus lief, wurde er von einem Studenten angesprochen und
um eine Hilfe für die Lösung eines mathematischen Problems gebeten.
Der große Königsberger Denker ging bereitwillig darauf ein.
Nachdem das Gespräch beendet war, fragte Hilbert: »Aus welcher
Richtung haben Sie mich kommen sehen?« Der Student zeigte auf den
Weg. »Ah«, sagte Hilbert, »dann habe ich noch nicht gegessen«
und lief in Richtung Mensa.
Nein, so vergeßlich habe ich Sie in all den Jahren
nicht erlebt, wohl aber gelegentlich im Training einer geistigen Absence
bei geöffneten Augen, wenn eine Fachbereichsratsitzung langweilig
oder zu lang ausfiel. Selbstschutz nennt man das, wozu Mathematiker offenbar
fähiger sind als andere Wissenschaftler. Denn in mathematischen Köpfen
sollen nach glaubhaften gehirnphysiologischen Untersuchungen stets mindestens
fünf Problemcluster rumoren. Tag und Nacht. Daher die vielen mathematischen
Innenschauen mit Absencefolgen. Als Ökonom bewundere ich diese Kompetenz,
die in Schulen leider noch nicht zum Kompetenztrainingsprogramm gehört,
wie ich mir habe sagen lassen. Was als Selbstschutzmaßnahme sich
an Universitäten bewährt hat, müßte auch gegen verfehlte
Schulreformen tauglich sein.
Einmal, als sich eine kontrollierende Oberbehörte
an der Tür geirrt hatte, erbaten Sie meine kollegiale Hilfe zur Abwehr
eines falschen Begehrens. Sie waren offenbar der Meinung, daß Mathematiker
zwar mit Zahlen am besten vertraut sind, Ökonomen aber besser zählen
können. So unbestritten der erste Teil Ihrer Überzeugung, so
fragwürdig das Zählzutrauen über Ihre Fachgrenze hinweg.
Es ging denn auch gottseidank bei dem irrenden Behördengang nicht
um das Durchnumerieren von Akten, sondern um deren rechtsökonomischen
Status, wozu ich einiges beitragen konnte.
Im nachhinein kommen mir solche Vorfälle geradezu
als erfrischend vor. Denn sie trugen unfreiwillig dazu bei – wie der Student
bei Hilbert –, daß wir uns klar wurden, wo wir uns eigentlich befanden.
Und mit wem wir es auf bürokratischer Ebene zu tun hatten. Im alten
Preußen, das für seine Verwaltungstüchtigkeit berühmt
war, galt der Beamtensatz: Die Akte läuft, wenn sie ruht. Davon wollen
Oberbehörden erklärtermaßen nie etwa gehört haben,
denn sie sind stets darauf bedacht, Akten am Laufen zu halten. Weshalb
nichts ordentlich läuft. Aber das ist ein weites Feld, auf dem man
sich gewaltig verirren kann – wie jene sagenbildenden neuen Bolognesen,
die ihre Universität, eine der ältesten Institutionen Europas,
neu erfinden wollen. Wir beide können die Irrläufe, die sich
mittlerweile bis Landau verlaufen haben, natürlich nicht mehr von
ihrer Umgängerei abhalten. Denn ich selbst bin bereits entpflichtet
und Sie werden es in wenigen Tagen sein. Sie werden hoffentlich Ihrem kollegialen
Nachwuchs einige Tipps für periodische Absencen gegeben haben. Wenn
nicht, wäre das ein bedauerliches Versäumnis. Lebt doch unsere
Alma mater auch davon, daß man an ihrem Busen zwischendurch mal einschlafen
darf. So einen Busenschlaf halte ich für die Bedingung der Möglichkeit
für gute Forschung. Aber das ist schon wieder – naja, Sie wissen schon.
Sie wollen, haben Sie mir jüngst anvertraut, allenfalls
nur noch scheue Blicke von Ihren Bienenständen in Richtung Universität
werfen. Immerhin noch Blicke, wenn auch scheue. Den Honig der Erkenntnis
aus der Natur statt aus Modulen fließen zu lassen ist gewiß
eine löbliche, aber durchaus auch riskante Alternative. Man kommt
nämlich leicht ins Schwärmen, mit unabsehbaren Folgen. Als Imker
wissen Sie, welche unmöglichen Landeplätze die Stockausreißer
zuweilen auswählen. Ich werde mir erlauben, von Zeit zu Zeit bei Ihnen
vorbeizuschauen, um mir ein Bild davon zu machen, wie es sich ohne die
Wissenschaft leben läßt. Eine Art kollegiale Nachsorge, um Ortsdefizite
partiell auszugleichen.
»Apes debemus imitari«, empfiehlt Seneca in
seinen Epistolae morales (84,4). Ein guter Lebensrat.
In diesem Sinne und mit heiteren Grüßen
Ihr
Erich Dauenhauer, Emeritus a.i.p.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
13. Februar 2008
Universitäten im irrwitzigen Bologna-Prozeß
Teil 29 der Rundschau
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Die Veröffentlichungen über den Niedergang der
deutschen Universitäten sind nicht mehr zu überblicken. Allein
in den letzten sechs Monaten habe ich rund einhundert kritische Beiträge
in mein Archiv aufgenommen. Sie bestätigen ausnahmslos, was schon
in den neunziger Jahren des 20. Jh.s abzusehen war, aber kaum jemand auszusprechen
wagte. Worauf ich in Vorartikeln immer wieder hingewiesen habe: Die
überwiegende Mehrheit der Professoren in Deutschland duckt sich weg
und hat protestlos zugesehen, wie ihre Alma mater in den Ruin getrieben
wurde und weiter wird. Niemand unter ihnen kann sich damit herausreden,
den desaströsen Prozeß unterschätzt zu haben. Für
meine Kritiken ab den frühen 90er Jahren habe ich manche Unannehmlichkeiten
hinnehmen müssen. In MittHV, Heft 4/1993 (S. 272 f.) hatte
ich z.B. auf die »bürokratischen Reformmittel« hingewiesen,
aus denen sich »genau jener fremdbestimmte, überverwaltete Professorentyp«
herausschäle, »dem sein Fachbereich vorschreibt, was er zu lehren,
dem das Prüfungsamt vorgibt, was genau er zu prüfen, dem eine
›Controlling-Stelle‹ sagt, wie eine ›sachgerechte Nutzung vorhandener Ressourcen‹
aussieht und dem eine ›Leistungskriterien‹-Abfrage vor Augen hält,
wie seine Lehre zu bewerten ist. Dies alles hält der Minister offenbar
für eine ›Stärkung der Lehre‹, und er nimmt inkauf, daß
die so gewollte ›Stärkung bestimmter Handlungsebenen (sic!) in der
Hochschule‹ mit der ›Freiheit‹ des Professors zur ›Abhaltung von Lehrveranstaltungen
und deren inhaltlichen (!) und methodischen Gestaltung‹ (Rh.Pf.-HochSchG
§ 3 Abs. 3 Satz 1) kaum vereinbar ist.«
Wie sehr sich die Lage inzwischen verschärft
hat, erfährt jeder aktive Kollege im Hochschulalltag, den die
Wissenschaften zum bürokratischen Vollzugs-, Prüfungs- und Evaluationsgeschäft
denaturiert und der die Professorenschaft auf tiefstes Frustrationsniveau
befördert hat. Im Februarheft 2008 des Hochschulverbandes kann man
den verspäteten Aufschrei und die Hilferufe (immer noch anonym) von
Professoren lesen, die bis zum Hals im Regulierungssumpf stecken:
»Wir ersticken!« »Helfen sie uns!«
Dennoch geht die Zerstörung einer der kostbarsten
Traditionseinrichtungen der abendländischen Kultur unverdrossen weiter.
Obschon mittlerweile schlimme Schleifungsergebnisse (Abschaffung bewährter
Studienabschlüsse, massive Eingriffe in die grundgesetzlich garantierte
Lehr- und Forschungsfreiheit u.a.m.) zu besichtigen sind und der Chor der
Kritiker anschwillt, lohnt es sich, der Tragödie weitere Warnsignale
beizumischen. Denn das Versagen der Professoren gegenüber von ›Reformern‹,
denen die Universität ein Schwarzer Kasten ist, mit dem man beliebig
spielen zu können glaubt, wird in späteren Jahren zu ähnlich
schweren Vorwürfen führen wie im Nachgang zu den 68er Wirren.
Auch damals haben nur wenige Kollegen mutig dagegengehalten.
Ist schon alles gesagt? Selbst wenn es so wäre, hätte
schweigendes Zusehen noch schlimmere Folgen.
»Etikettenschwindel«:
Man lese dazu die scharfe Abrechnung der FAZ-Redakteurin Heike Schmoll
in Heft 2/2008 von ›Forschung & Lehre‹ (F & L). Sie spricht von
einem »nahezu totalitären Charakter« bei der sog. Forschungsförderung,
vom Sprachimperialismus des Englischen, von täuschender Antragsexcellenz
statt wirklicher Ergebnisexzellenz, von Verschulung, vom Verlust der Bildung
u.a.m. – mehrheitlich verspätet vorgetragene Kritikpunkte, die
sich weitgehend lesen, als handle es sich um eine Zusammenfassung meiner
Veröffentlichung ›Die Universität als Lebensform und Reformopfer‹
aus dem Jahre 2002 (Näheres unter Sachbücher in diesem
WALTHARI-Portal).
Heike Schmoll tritt auch meinem Vorwurf an die Kollegen bei: »Viele
Hochschulprofessoren haben sich allzu willfährig...« Und beschämend
der Fußtritt von außen: »Die Professoren müssen
selbst dafür kämpfen...«
»Lehrsklaven«:
Jürgen Kaube macht auf »neue Lehrkräfte als universitäre
›Mindestlohnreserve‹« und auf Lehrprofessuren als »Sozialarbeiter
des reformierten Universitätssystems« aufmerksam (FAZ Nr. 276/07,
S. 43). »Denn die Folgen der Bachelor-Reform machen sich jetzt an
den Universitäten mit großer Geschwindigkeit bemerkbar. Und
je mehr sie es tun, desto weniger wird sich der eigentliche Charakter dieser
Reform leugnen lassen: Eine riesige komplizierte Sparmaßnahme zu
sein.«
Studentisches: Stiche
ins Wespennetz auch hier, wenn man darauf hinweist, daß rund ein
Drittel der Studierenden nicht studienreif ist (zeigt sich schlagartig
bei Ganzschriftanforderungen); daß wohl ebenfalls ein Drittel seine
Studienwahl falsch trifft und immense Umweg- und Abbruchkosten verursacht
(fast 30 Prozent verlassen die Hochschule ohne Abschluß, was über
sieben Milliarden Euro jährlich als Verlust zu verbuchen ist);
daß allein in Rheinland-Pfalz 999 staatsanwaltliche Verfahren wegen
Bafög-Betrugs in Arbeit sind; daß Textbetrug keine Randerscheinung
mehr ist, worauf Suchrechner angesetzt werden müssen usw. Juristen
mit beiden Examen werden in manchen Kanzleien auf Hartz IV-Niveau bezahlt.
Frauen meiden trotz bester Berufsaussichten ingenieurwissenschaftliche
Studiengänge. Die Universität als weitgehend anonymer Supermarkt:
mit rd. 900 Studiengangsangeboten, mit einer Prof-Stud-Relation, die zum
Kultushimmel schreit usw.
Jürgen Mittelstraß
(renommierter Philosoph an der Universität Konstanz): »Mit Bologna
wird die Universität weitgehend zur Fachhochschule... An die Stelle
des Paradigmas Universität im Humboldt’schen Sinne tritt das Paradigma
Schule... (Damit) verliert die Universität ihr Wesen« (FAZ Nr.
11/08, S. 7).
Universitätspräsidenten:
Ein Romanist, Jürgen Trabant, FU Berlin, kritisiert: »Für
den Erfolg machen Universitätspräsidenten alles, ihre wissenschaftlichen
Überzeugungen sind nichts wert, wenn sie nur beim nächsten Hype
dabei sind.«
Rankingwahn: Universitäten
unter Ferner-liefen empfinden sich als gefühlte Volkshochschule. »Regionalklitschen«
- ein böses Wort macht die Runde.
14. Februar 2008
Universitäten im irrwitzigen Bologna-Prozeß
Teil 30 der Rundschau
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Falsche Versprechungen: BA
sollte die Studienzeit verkürzen und den Berufseinstieg erleichtern.
Das Controlling der FU Berlin meldet: Nicht einmal ein Drittel schließt
mit der Regelstudienzeit ab (Newsletter 12/07 des DHV).
Politikerprosa: CDU-Fraktionschef
Christian Baldauf im Mainzer Landtag: Die Landesregierung in Mainz »vernachlässigt
seit vielen Jahren schon die Hochschullandschaft auf den Rücken der
Studierenden und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter« (in: ›StaatsZeitung‹
Nr. 18/06, S. 4). Professoren als Mitarbeiter – verräterische Parlamentariersicht.
›Professor Untat‹:
So der Buchtitel eines Pamphlets, das rund die Hälfte aller Hochschullehrer
der Faulheit bezichtigt. Die beiden Autoren leiden unter Wahrnehmungsschwäche.
Nicht
faul, sondern resignativ verbringen Hochschullehrer ihre lange Wochenarbeitszeit
als Lehr- und Prüfungssklaven. Wes Geistes Kind die luftige Reportage
ist, geht aus der Meinung hervor, Vorlesungen seien überflüssig.
Die Universität als Lernfabrik: genau darauf berufen sich Hochschulpolitiker.
»Wer seine Studenten
duzt, gibt ungern schlechte
Zensuren« (Rheinischer Merkur, Nr. 7/07, S. 18).
»Zu viel Einzelforschung.
Das saß. Meine Arbeitsweise hatte ihren Stempel weg...« Unter
der Überschrift ›Lob der Einzelforschung‹ verteidigte der bekannte
Philosoph Martin Seel in der ›Neuen Rundschau‹ (Heft 2/06, S. 41-53) eine
Form wissenschaftlicher Tätigkeit, die mittlerweile geradezu als Sündenfall
gilt. Im postmodernen Wissenschaftsbetrieb zählen nur namensangehäufte
Netzbruderschaften.
»Erhöhter Konformismus«:
»In Deutschland sorgt der ›Bologna-Prozeß‹ vor allem für
erhöhten Konformismus«, schreibt Joachim Güntner in der
NZZ 330/06, S. 25. Eine alles beherrschende Nomenklatura aus Akkrediteuren,
Planern, Bildungsberatern und anderen Räten habe die Universität
unter der Aufsicht der Ministerien fest im Griff.
Trauergesang: In seinem
Erinnerungsbuch ›Mit dem anderen Auge‹ fällt Peter Wapnewski in tiefe
Trauer, wenn er an die Bildungskraft der alten Universität denkt.
Da waren noch Begeisterung und Selbstverantwortung am Werk.
Bachelor-Master-System:
»Bisher waren Medizin und Jura die beiden Wissenschaften, die man
mit gutem Grund von diesem Verdummungsprozeß freihalten wollte.
Aber so die beiden Justizminister: ›Der Bologna-Prozess kann nicht aufgehalten
werden.‹ Das erinnert mich immer an Erich Honeckers goldenen Satz: ›Den
Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.‹...
Die Bachelors des Rechts, mikrowellenartig erhitzte Vierteljuristen, die
man nach sechs Semestern aus der Universität jagt, werden ein pseudo-akademisches
Proletariat darstellen, das mangels jeglicher fundierter Ausbildung, niemand
brauchen kann: ihm steht, wenn es mit dem Job in der Gerichtskantine nichts
wird, nur noch eine Karriere in einer der politischen Parteien offen«
(Prof. Dr. Rainer Zaczyk, Bonn; Hervorhebung: E.D.).
Clemens Albrecht, Uni Koblenz-Landau:
»Ein neuer Typus entsteht in der Wissenschaft: der außengeleitete
Charakter« (in: F&L Nr. 8/07, S. 455).
»Bologna-Irrsinn«:
Unter diesem Stichwort sieht der Soziologe Stefan Kühl (Uni Bielefeld),
auch die »Verregelung der Universität«, welche die Professoren
permanent zu »Regelverletzungen« zwinge. »Der Arbeitstag
eines Professors besteht heutzutage aus einer einzigen Aneinanderreihung
von Regelverletzungen: man läßt Studenten zu Veranstaltungen
zu, die man eigentlich nicht zulassen darf, man gibt eingescannte Blankounterschriften
für Mitarbeiter aus, um nicht einen (Unter-)Schreibkrampf zu bekommen,
datiert Reisekostenanträge zurück, um Fristen zu wahren, manipuliert
an den Verbuchungen von Ausgaben herum, um seinen Haushalt auszugleichen
oder schreibt Zweitgutachten für Arbeiten, die man nicht gelesen hat
und übernimmt dabei blind die Note des Erstgutachters. Die Liste ließe
sich beliebig fortsetzen« (F & L 12/07, ‚S. 720).
Landauer »Schildbürgerstreich«:
Nein, nicht die Karnevaleske vor der Wahl des Oberbürgermeisters dieser
Stadt nahm die FAZ Nr. 219/07 (S. 2 !) ins ironische Visier, sondern den
von der FDP beantragten Armutsbericht. »Untersucht werden sollten
auf Steuerzahlers Kosten unter anderem ›Umfang und Ursachen der Armut,
Entwicklung der Armut in den letzten fünf Jahren und spezifische Angebote
für einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen‹. – Auf Anregung
des am 2. September zum Oberbürgermeister gewählten SPD-Kommunalpolitikers
Hans-Dieter Schlimmer hatte sich der Stadtrat zuvor wissenschaftlichen
Sachverstand zur Klärung der Armutsfrage von zwei Professoren der
Universität Koblenz-Landau geholt. Wie gute deutsche Handwerker machten
die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Thomas Müller-Schneider
und Werner Sesselmeier dem Stadtrat Anfang Juni ein Angebot samt Kostenvoranschlag,
die Armut in Landau statistisch zu erfassen und zu analysieren. Zum ›Selbstkostenpreis‹
von 10.000 Euro sollte der vorhandene Datenbestand über Arbeitslosen-
und Sozialhilfeempfänger gesichtet und aufbereitet werden.«
Der alte OB im FAZ-Zitat: »‹Es sei ... zu bezweifeln, dass grundlegend
neue Erkenntnisse aus dem Bericht gewonnen werden könnten.«
Das Projekt wurde gestoppt.
»In Indien ist das Studium am günstigsten.«
So titelte allen Ernstes die Financial Times Deutschland vom 1. September
2006 auf Seite A 5. Das günstige Angebot werde von »künftigen
Führungskräften erst langsam« entdeckt. Man wohnt »auf
einem abgezäunten Campus wie im Hotel...«.
© WALTHARI® – ausgenommen die Originalzitate.
Aus:www.walthari.com
Wird fortgesetzt
u.a. mit einer Betrachtung über den Schavanismus
1. November 2007
Universitärer Kältetod
Nehmen wir an, jemand schriebe einen Campusroman, in welchem
das folgende Szenario geschildert würde. Eine Universitätspräsidentin,
eingerahmt von ihrem Stellvertreter und dem Kanzler sowie ausgestattet
mit gesetzlichen Weisungs- und Befugnisrechten, wie es sich ein Theodor
Litt nach der letzten Restitution der Humboldtprinzipien nicht mehr hätte
vorstellen können, die Unipräsidentin also hätte die
Lehrenden (Forschende gäbe es in dem Roman nicht mehr) und die Studentenschaft
zu einer Veranstaltung eingeladen, um ihre Entscheidungen zur Behebung
eines Notstandes bekannt zu geben. Der Notstand, so die Präsidentin
mit Zahlen, bestehe darin, daß ihr Haus »strukturell hoffnungslos
unterausgestattet« sei und der studentische Andrang sie daher dazu
zwinge, hiermit anzuordnen...
Der Romanautor ließe Theodor Litt im Grabe sich
umwälzen. Er würde diese gespenstische Unterszene dadurch
abzumildern versuchen, daß er einige mutige Studierende beiderlei
Geschlechts als Zwischenrufer figurierte, wodurch die versammelten Anordnungsempfänger
jeweils zum Beifallklatschen und zu leisen Pfiffen veranlaßt würden
– Professoren ausgenommen.
Denn deutsche Professoren protestieren nicht, auch dann
nicht, wenn man sie studienrätlich herabmodelliert hat.
Der Romanautor würde dann sogar, so nehmen wir an,
die Umdrehgeschwindigkeit im Grabe Theodor Litts erhöhen, was gewiß
geschmacklos wäre, aber diese Geschmacklosigkeit erschiene ihm
der Lage angemessen.
»Reine Planwirtschaft unter dem Oktroi der...«
In »Notfächern«, so von präsidialer
Seite in die Versammlung gesprochen, müsse die Teilnehmerzahl in Seminaren
auf siebzig erhöht werden.
Zwischenfrage von studentischer Seite: Ob denn...
Stürmischer Beifall.
Vom Podium her: Notfalls seien die Module zeitlich zu
strecken.
Protestierender Einwand aus der Versammlung: »Die
Universitäten sind 700 Jahre ohne die Modulei ausgekommen!«
Präsidiale Erwiderung: »Die Universitäten
kamen 700 Jahre lang auch ohne Rechner aus.«
Buhrufe.
Diesem Romanautor müßte man eine schlechte
Phantasie bescheinigen, insbesondere dann, wenn er sich noch zu dem völlig
realitätsfernen Einfall verleiten ließe, im Kanzleistil den
Studierenden bekannt zu geben: Es werde gerade ein standardisierter Fragebogen
entworfen, auf dem jeder Studierende seine Beschwerde...
Ein Gelächter in der ganzen Runde wäre dann
hinzuzufügen.
Kundige Literaturkritiker würden, wenn unser Autor
von seinem unmöglichen, weil schlecht ausgedachten Vorhaben nicht
abließe, zurecht vorhalten, er kenne nicht die ganzen Campusrealitäten.
Sie seien nämlich hinter den Kulissen viel schlimmer, als es in...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
Fortsetzung folgt.
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