Walthari
 
 

Wissenschafts- und Wissenschaftler-Profile



 
 23. November 2007

Wirkungsmächtige Wissenschaftler und Philosophen
Baruch de Spinoza
geb. 24. November 1632 in Amsterdam
gest. 21. Februar 1677 im Haag

Vor 375 Jahren wurde ›der Gesegnete‹ (hebr. Baruch) geboren, dessen Leben alles andere als gesegnet verlief und dessen Philosophie bis heute die Gemüter bewegt. Seine anhaltende Bedeutung ist schon rein äußerlich daran zu erkennen, daß seine Werke  unentwegt nachgedruckt werden und heute preiswert erworben werden können (z.B. beim Meiner Verlag). Seine jüdischen Vorfahren waren Ende des 16. Jh. von Portugal in die tolerantere Niederlande eingewandert, wo dem jungen Spinoza von seinen Glaubensgenossen alsbald schlimm zugesetzt wurde: »Nach dem Urteil der Engel und der Aussage der Heiligen verbannen, verfluchen, verwünschen und verdammen wir Baruch d’Espionosa... Er sei verflucht bei Tag und verflucht bei Nacht, verflucht sein Hinlegen und verflucht sein Aufstehen, verflucht sein Gehen und verflucht sein Kommen... Hütet euch: daß niemand mündlich noch schriftlich mit ihm verkehre, niemand ihm die geringste Gunst erweise, niemand unter einem Dach mit ihm wohnt, niemand sich ihm auf vier Ellen nähere, niemand eine von ihm gemachte oder geschriebene Schrift lese.« Was hat zu diesem schlimmen Bannfluch vom 27. Juli 1656 geführt? Der junge Kaufmann hatte sich für die Erkenntnisse von Kopernikus, Kepler und Campanella interessiert und sich vom orthodoxen Judentum abgewandt. Er muß Amsterdam verlassen und lebt von den Einnahmen als Linsenschleifer. Zur Tragik gehört, daß sein Hauptwerk (›Ethica‹) zu seinen Lebzeiten nicht wahrgenommen und erst im 19. Jh. wiederentdeckt wurde. Ab 1663 lebt er bei, ab 1673 im Haag, wo er die Arbeit an der ›Ethik‹ beginnt und anonym seinen ›Tractatus‹ veröffentlicht. Ein späteres Lehrstuhlangebot der Universität Heidelberg lehnt er ab.
Was sind die Hauptlinien seiner Philosophie? 

  1. Zunächst sein Gottesbild, das man bis heute mit seinem Namen verbindet: Das »ens absolute infinitum« als allumfassende Substanz, die zugleich allgegenwärtig ist. Der Mensch ist darin mit Leib und Seele ein göttlicher Modus, der aber nicht alle göttlichen Botschaften erkennen kann. Gott bleibt deshalb unerkennbar. 
  2. Das menschliche Glück ist für Spinoza nicht durch Reichtum, Ruhm usw. erreichbar, sondern durch Naturerkenntnis und Beschäftigung mit der Philosophie. Mit Blick auf die Antike ist diese Lebensphilosophie nicht originell. 
  3. Originell dagegen ist der formale Aufbau der ›Ethik‹: sie folgt der ›geometrischen Methode‹ mit Definition, Axiom, Lehrsatz, Beweis und Folgesatz. Beispiel Lehrsatz 31: »Wir können von der Dauer der Einzeldinge, die außer uns sind, nur eine höchst inadäquate Erkenntnis haben.«
  4. Von Beträchtlicher Wirkung ist seine Naturauffassung. Gott selber ist schaffende Natur »natura naturans«); was daraus entsteht, ist geschaffene Natur (»natura naturata«). Daraus ergeben sich beträchtliche Probleme: Wenn Gott vollkommen ist, müßte es die Allnatur ebenso sein wie die geschaffene Natur.
  5. Interpretationsphilosophisch versucht sich Spinoza wie folgt aus dem Dilemma zu retten: Der Mensch könne die Natur nur gemäß seiner Einbildungskraft erkennen. »Dies alles zeigt zur Genüge, daß ein jeder nach der Beschaffenheit seines Gehirns über die Dinge urteilt.« Für Spinoza bleiben die Naturgesetze letztlich unerkennbar. 
  6. Neben der pantheistischen Gotteslehre ist seine ganzheitliche Leib-Geist-Auffassung bemerkenswert. Zwar bestehe zwischen beiden keine Kausal-, wohl aber ein Wirkungszusammenhang. Höchste Erkenntnisstufe sei intuitives Wissen, womit die Seele das Göttliche in den Dingen erkenne. Das haben vier Jahrhundert vor ihm deutsche Mystiker bereits erkannt. 
  7. Nicht originell ist auch seine Affektlehre in den Büchern III, IV und V der ›Ethik‹. Eine Befreiung von den Leidenschaften soll dadurch gelingen, daß man die Vernunft selber als Leidenschaft betrachtet.
  8. Was bisher unterschätzt wurde: daß Spinoza das gemeinwohlnützliche Egoismustheorem, wie es Adam Smith 1776 beschrieb, vorweggenommen hat. Tugendhaft sei, den Verstand der Eigenliebe zu unterstellen. In Gemeinschaft mit Gleichgesinnten entstehe daraus ein größeres Gemeinwohl. »Für die Menschen ist nichts nützlicher als der Mensch.«
»Caude!« Sei vorsichtig, lautete sein Lebensmotto, wozu er allen Grund hatte. Unter seinen Zeitgenossen galt er als Atheist, weil er »die Vorurteile der Theologen« aufdeckte und eine Bibelkritik einleitete. Die Hl. Schrift sei im historischen Kontext zu verstehen und nach dem Urtext auszulegen. Häretisch wirkte seine Auffassung, wonach nicht die Bibel, sondern die Philosophie zur wahren Gotteserkenntnis führe. Frömmigkeit hätte sich als Gerechtigkeit und Liebe zu beweisen. 
Unterbelichtet geblieben ist auch, daß Spinoza auf Gewaltenteilung im Staat und auf naturrechtliche Unberührbarkeit des Einzelnen plädierte. »Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit«, heißt es im ›Theologisch-politischen Traktat‹ (20. Kapitel, Ziff. 29), also nicht die Macht und eine überzogene Ordnung. Das 18. Jh. kam mit den Lehren Spinozas meist nicht zurecht. Erst mit Lessing begann eine Spinoza-Renaissance, die auch Goethe, Schelling und Fichte erfaßte und bis heute nachwirkt. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com
 

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