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| 16. Januar 2012
Erll, A.: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen,
Im Jahre 2010 ist im gleichen Verlag das interdisziplinäre Handbuch ›Gedächnis und Erinnerung‹ erschienen, das in diesem WALTHARI-Portal ausführlich vorgestellt wurde. Astrid Erll ist Professorin für Anglophone Literaturen und Kulturen in Frankfurt/Main, sie setzt andere Schwerpunkte und beschreibt ihr Vorhaben so: »Dieses Buch bietet einen Überblick über die kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung – ihre Geschichte und aktuellsten Entwicklungen, ihre internationale und interdisziplinäre Dimension. Im Zentrum stehen Gedächtniskonzepte, die in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, den USA und Großbritannien entwickelt wurden… Bei den Disziplinen, die heute am deutlichsten zum Feld der memory studies beitragen und daher in diesem Band in einiger Ausführlichkeit gewürdigt werden, handelt es sich um die Geschichts- und Sozialwissenschaften, Philosophie, Literaturwissenschaft, Psychologie und Medienwissenschaft. – In einem ersten Schritt stellt diese Einführung die historische und in einem zweiten die systematische Dimension der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung dar. Drittens wird das Augenmerk auf die mediale Konstruktion von Gedächtnis gerichtet. Ein viertes und zentrales Anliegen ist es schließlich, Literatur als ein machtvolles Medium des kollektiven Gedächtnisses in den Blick zu rücken« (S. 10). Ihren Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung gliedert die Autorin: I. Warum ›Gedächtnis›?Gelegentlich (also nicht systematisch) bietet die Autorin Zusammenfassungen ihrer sehr gedrängt und verweisdicht dargestellten Überlegungen. Mittlerweile beteiligen sich zahlreiche Disziplinen an der Erforschung und Lehre des (kollektiven) Gedächtnisses und der Erinnerungskulturen, so daß man leicht den Überblick verliert. Erll entwirft ein »integrales Modell« mit dem Schwerpunkt Medialität und Narrativität. Der Literatur und ihrer Wissenschaft wendet sie sich denn auch intensiv zu, so in Kapitel III., 2 und in den beiden Abschlußkapiteln. Aktuellen politischen Anschluß stellt das Handbuch mit dem Referat über Europa als Erinnerungsgemeinschaft her (S. 60 ff.) – viel zu knapp angesichts der überragenden Bedeutung des Themas. Fehlt doch dem EU-Aktivismus ein kulturelles Erinnerungsfundament, das nicht nur an belastenden Themen festzumachen wäre (ethnische Säuberungen größten Ausmaßes nach 1945, Kolonialverbrechen u.a.), sondern auch an hellen Räumen im kulturellen Gedächtnis (Renaissance, Klassik u.a.). Aus US-amerikanischen Wissenschaftskreisen kommt der Vorschlag,
die Veröffentlichungstsunamis dadurch einzuschränken, daß
Wissenschaftler sich quantitativ beschränken und über qualitative
Entdeckungen mehr nachdenken. Das wäre auch der kulturwissenschaftlichen
Gedächtnisforschung anzuraten. Allein die Literaturliste zu einem
Unterkapitel beansprucht neun Seiten.
30. Dezember 2011 Toepfer, G.: Historisches Wörterbuch
der Biologie.
Die Biologie ist neben der Physik, insbesondere der Quantenphysik, die unbestrittene Leitdisziplin im Wissenschaftskosmos. Was sie an Erkenntnissen zu bieten hat, ist für Geistes- und Sozialwissenschaftler so bedeutsam wie für Ingenieure, Architekten, Mediziner u.v.a. Aber auch jenseits der Wissenschaften ist die Biologie in unser alltägliches Bewußtsein und Verhalten vorgedrungen, von der Ernährung (Bio) bis zur Müllentsorgung und zum Biokraftstoff. In Feuilletons und auf Symposien wird über Bionik, Gentechnik, Robotik und Nanotechnologie gestritten, wobei biologisches Hintergrundwissen stets eine Rolle spielt. Kein (Moral-)Philosoph kann es sich mehr leisten, biologische Fragestellungen zu übergehen. Selbst Erkenntnistheoretiker und Theologen kommen ohne den Blick auf die rasanten Fortschritte in der Biologie nicht mehr aus. Ob die Natur neben dem Sein auch zum Sollen etwas zu sagen hat, wird auf biologischen Erkenntnisrastern zu beantworten versucht. Die Zeit war reif für ein umfassendes Wörterbuch der Biologie, das die Grundlagen dieser Leitwissenschaft auch für Nichtbiologen darbietet. Nach dem Vorbild des ›Historischen Wörterbuch der Philosophie‹ holt Georg Toepfer nicht nur systematisch, sondern auch historisch weit aus, und dies mit gutem Grund. Denn der Sinngehalt von Theorien und Fakten ist interpretationsphilosophisch nur in geschichtlicher Herleitung angemessen zu fassen. Man staunt: G. Toepfer hat es gewagt, als Einzelautor sich dieser gewaltigen Aufgabe zu stellen. Nicht weniger als 112 Haupteinträge und 1.760 Nebeneinträge werden anhand von Leitvokabeln geboten. Im ersten Band vorangestellt wird eine 36seitige Einleitung, die sich bei dem Vorhaben begriffsgeschichtlich und -systematisch vergewissert, eine überblickartige Sachordnung herstellt und die Hauptquellen aufführt. Dieser Text ist Pflichtlektüre für jeden Benutzer. Schon diese Ausführungen sind eine wahre Fundgrube für strukturelles Denken, so etwa, wenn die Unterschiede zwischen Organisation, Funktion, Form, Typus, Entwicklung, Verhalten, Fortpflanzung, Evolution, Ökosystem und Kultur auch visuell veranschaulicht und die Grundbegriffe anschließend zugeordnet werden. Der Einleitung folgen ein Wortverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis und ein Tabellenverzeichnis. Erst beim stichwortartigen Probelesen begreift man den stupenden Aufwand und die Sorgfalt des Autors, der philosophisch geschult ist und in Berlin lehrt. Ohne einen fachübergreifenden Wissenshintergrund sind die häufig interdisziplinär verschränkten Sachverhalte sachgerecht gar nicht darstellbar. Beispiel: Bewußtsein. Auf den 35 Seiten geht es zunächst um Definition, Begriffsgeschichte und Bewußtseinstypen, ehe das Phänomen systematisch angegangen wird: anhand der Nebeneintragungen Selbstbewußtsein, Bewußtsein als Evolutionsprodukt, weiter und enger Bewußtseinsbegriff, Vor- und Unterbewußtsein, kognitive Ethologie, systemtheoretische Bewußtseinstheorien, Bewußtsein/Besonnenheit, Bewußtsein/Freiheit, Ontologie des Bewußtseins u.a. Das Libet-Experiment kommt ebenso zur Sprache wie sozialpsychologische und weitere Interpretationen. Stets wird kritisch und orientierungsweit abgewogen. Nicht weniger als 285 Anmerkungen stützen allein diesen Text und lassen den Leser mit dem Schlußeintrag Metakognition so ambivalent zurück, wie man es bei Bewußtseinsphilosophen gewohnt ist. Naturalistische Herleitungen des Bewußtseins befriedigen ebensowenig wie systemlogische Zuschreibungen. Wann, wie und warum der Geist zum Menschen kam, läßt sich biologisch nicht beantworten. Zu lesen, welcher enorme wissenschaftliche Aufwand dazu betrieben wurde und wird, ist dennoch lohnend. Von jedem der 112 Hauptbegriffe geht ein unwiderstehlicher Lesereiz aus. G. Toepfer gelingt es, auch komplexe fachspezifische Zusammenhänge allgemeinverständlich und wohltuend kritisch zu präsentieren. Das will was heißen in einer Zeit, da die Wissenschaften sich immer weiter vom Laiendenken entfernen, indem sie sich schon sprachlich einmauern. Insofern ist der ›Toepfer‹ ein Geschenk auch an ein breites Publikum. Man erfährt über die Natur, aber auch über ihre gesellschaftliche Relevanz, was derzeit Stand der Forschung ist. Die Artikelreihe beginnt mit Analogie und endet mit Zweckmäßigkeit. Dazwischen öffnet sich ein Wissenskosmos weit über biologisches Spezialwissen hinaus. Dafür sorgen auch für Nichtbiologen so anziehende Einträge wie Bedürfnis, Bioethik, Empfindung, Ernährung, Gefühl, Gleichgewicht, Individuum, Information, Intelligenz, Koexistenz, Konkurrenz, Krankheit, Kultur, Kulturwissenschaft, künstliches Leben, Lernen, Organisation, Schlaf, Spiel, Verhalten, Wachstum u.a. Der Artikel ›Räuber‹ ist einer der kurzen Einträge. Ich lese den Text im Zusammenhang von Konkurrenz und Wachstum und bin verwundert, daß Kooperation nur kurz erwähnt wird (Bd. II, S. 284) und die ökonomisch stark entfaltete Wettbewerbs- und Wachstumstheorie übersehen wurde. Hier hätte mal die Biologie von der Ökonomie und Soziologie lernen können. Konkurrenz wird keineswegs immer durch eine »Maximierung« der Fortpflanzung (Bd. II, S. 277) angetrieben; es geht auch um Macht (Status), nicht nur unter Menschen. Eine bedauerliche Lücke ist bei Wachstum zu verzeichnen. Es fehlt jeglicher Hinweis auf die Endoreduplikation, d.h. auf das Wachstum jenseits der Zellteilung, das bis zu fünfzig Prozent des Biomassewachstums ausmacht. Bei Endoreduplikation verdoppelt die Zelle ihr Erbgut nicht durch Tochterzellen, sondern durch eine zyklische interne Vermehrung der Chromosomenzahl (vgl. ›Nature‹; doi: 10.1038/nature 10579). Beim Reifen einer Tomate laufen beide Prozesse parallel. Eine Rolle spielt dabei das Eiweiß E2F1. Da der Endoreduplikation nicht nur in der Landwirtschaft eine große Zukunft vorhergesagt wird, wäre eine Ergänzung im Internetsupplement angezeigt. Was das Historische Wörterbuch der Biologie auszeichnet,
ist nicht allein die Bewältigung des immensen Stoffes und dessen interdisziplinären
Verschränkungshinweise. Der Autor bindet den halben Kanon der Allgemeinbildung
mit ein. Einbezogen werden Literaten, Philosophen, Historiker, Ökonomen
u.a. Die Ausführungen über Kommunikation (Bd. II, S. 244
- 276, mit 294 Stellenverweisen) fallen mustergültig aus. Biosemiotisch
und biosynthetisch steht uns allerhand bevor.
20. November 2011 Luh, Jürgen: Der Große Friedrich
II. von Preußen
An der Gestalt dieses Preußenkönigs (1712–1786) rieben sich Generationen von Historikern wund und tun es immer noch. Ob dieser König wirklich ein großer Regent war, entscheiden weniger die Fakten als die Bewertung der Fakten und die flottierenden Meinungen. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen nimmt er bei weitem nicht den Rang des Bayernkönigs Ludwig II. ein. Das hat zahlreiche Gründe, nationale und internationale, vor allem aber siegerpropagandistische. Friedrichs Charakter und Genie war äußerst komplex und ist bis heute nicht ganz erschlossen. Er stilisierte sich als Greis, als er noch tatkräftig regierte. Er gab sich stur und uneinsichtig und liebte den Spott, mit dem er die besten Geister an seinem Hof vertrieb (u.a. Voltaire). Als kinderloser Monarch ging es ihm mehr um seine Ruhmpflege schon zu Lebzeiten als um die Herrschaftserhaltung seiner Dynastie. Zu seinem Unglück hielt er sich an das zweifelhafte Vorbild Ludwigs XIV., den er nicht nur baulich nachahmte. Im Unterschied zu dem Franzosenkönig hielt er Mätressen und Theologen von sich fern. Damit ist eines der traumatischen Zentren Friedrichs berührt, die seine Spottlust, Ruhmsucht und seinen Starrsinn plausibel erscheinen lassen: Er war erkennbar homophil veranlagt (mätressenabstinent, pagenfreundlich, Schwansymbol in Briefen als Codewort u.a.), ohne dass sexistische Praktiken, wie bei seinem heterosexuellen Ludwig-Vorbild, seinen Herrschafts- und Lebensstil beherrschten. Dennoch trieb ihn diese Veranlagung zu Kompensationen (Ruhmsucht usw.). Das andere Trauma rührt von seinem völlig missglückten Vaterverhältnis her. Um es verdrängt zu halten, stilisierte er sich zum erhabenen Herrschermythos: blauer Uniformrock, Dreispitz, übergroßer Ordensstern und Stock. Dieses Bild herrscht auch in der Nachwelt vor. Im Vergleich zum europäischen Adel war Friedrich ein Revolutionär: Er setzte eine agrarische Umstellung durch, schuf 1777 das ›Ritterschaftliche Kreditwerk‹, um zahlungsunfähige Junker vor dem Bankrott zu retten; er vertrat strenge Haushaltsregeln, betrieb eine dynastische Heiratspolitik (seine Schwester gelangte auf den schwedischen Thron) zur Herrschaftssicherung u.a.m. Der Monarch des aufgeklärten Absolutismus ist als philosophierender, musizierender, komponierender und dichtender Herrscher in Erinnerung geblieben. Jürgen Luh zeichnet ein kritisches Porträt und
setzt erhebliche ›Friedrichkenntnisse‹ voraus. So findet man in dem Buch
weder eine Übersicht der Lebensdaten noch der historischen Ereignisse.
Er begnügt sich mit Anmerkungen und mit einem Literatur- und Personenverzeichnis.
In vier Kapiteln (Ruhmsucht, Hartnäckigkeit, Eigensinn und Einsicht)
rückt er einer falschen Heldenverehrung zu Leibe und führt in
den persönlichen und kollektiven Mentalitätsraum ein. Der aufgeklärte
Adel dachte in welthistorischen Kategorien und fühlte sich zu Großem
berufen. So auch Friedrich von Jugend an. Er wollte Alexander und Cicero
in einem sein und kulturell an der Spitze stehen, was ihn deutsche Literaten
verachten und die französische Sprache verehren ließ. Daß
ihm Kriegsruhm in den Kopf stieg, passt in den politischen Geist seiner
Zeit. In seinen schlechtesten Tagträumen hätte er sich niemals
ausgemalt, welches Schicksal Preußen einmal treffen würde. Die
komplette Auslöschung dieser ehemaligen europäischen Großmacht
durch eigenes Verschulden, aber such im strategischen Kalkül der anderen
Großmächte – dieses Trauma bleibt in Deutschland noch weitgehend
verdrängt. Während des Friedrichsjahres 2012 wird die Wunde wieder
aufbrechen.
Literaturergänzung: Clark, Chr.: Preußen. Aufstieg
und Niedergang 1600 – 1947, 2007, besprochen in diesem WALTHARI-Portal
am 5. Mai 2007.
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