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| 16. Juni 2008
Horn, Christoph u. Neschke-Hentschke, Ada (Hrsg.)
Es gibt nicht allzu viele Schriften, die durch die Jahrtausende wirken. Dazu rechnet die um 335 v. Chr. entstandene ›Politika‹ des Platonschülers Aristoteles. Die Kerngedanken habe ich in ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (2007) zusammengefaßt. Im Gegensatz zu seinem Lehrer wollte der Alexandererzieher das öffentliche und private Leben getrennt wissen, den Bürger aber verpflichtet sehen, am Gemeinwesen mitbestimmend teilzunehmen. Aristoteles warnte vor der Vorherrschaft des Staates, dessen Wohlfahrtsmaßnahmen er subsidiär einschränkte – lauter durchgehend aktuell gebliebene Gedanken, die in Geschichte und Gegenwart sträflich mißachtet wurden/werden. In dem vorliegenden Sammelband kann man nun den ›Politischen Aristotelismus‹, d.h. die Originalschrift und ihre Wirkungsgeschichte, ausgefaltet interpretiert lesen. Die vierzehn Beiträge leuchten die Epochen vom Peripatos bis ins 19. Jahrhundert aus, beginnend mit zwei Einführungstexten von Christoph Horn. Es folgen ›Spätantike und Byzanz‹, das Hochmittelalter, das Spätmittelalter, ›Frankreich im 14. Jahrhundert‹, die spanische Scholastik, die deutsche Reformation, ›Frankreich im Zeitalter der Religionskriege‹, die protestantische Schulphilosophie in Deutschland, der niederländische Protestantismus, ›England im 17. Jahrhundert‹, der Deutsche Idealismus und Deutschland im 19. Jahrhundert. Für jede Epoche wird ein Denker stellvertretend herangezogen, so Philipp Melanchthon für die deutsche Reformation. Damit erhalten die Epochen ein Gesicht und der Leser gutes Anschauungsmaterial. Wohl wahr: »Das frühneuzeitliche bürgerschaftliche und republikanische Denken wäre ohne die aristotelischen Grundlagen unvorstellbar... Aristoteles’ Theorie der ›Politie‹ und seine Diskussion verschiedener Verfassungsformen übten maßgeblichen Einfluß auf den neuzeitlichen europäischen und amerikanischen Konstitutionalismus aus, insbesondere auf die Vorstellung von Machtkontrolle durch eine Mischverfassung...« Was der Sammelband bietet, ist ein zentrales und aufregendes
Stück der europäischen Geistesgeschichte, das im Überblick
aufbereitet wird. Hervorgegangen ist der Band aus einer Tagung im Juli
2005 in der Villa Vigoni, die der Rezensent als Diskussionsform aus eigener
Erfahrung kennt. Grotius, Hobbes und Hegel, sie kennt man in ihrer Verbundenheit
mit Aristoteles, aber Michael von Ephesos oder Nicole Oresme? Man liest
und liest, droht sich im Netz der unzähligen Verbindungen und Bezüge
zu verlieren. Doch die Herausgeber haben vorgesorgt: mit je einem ausführlichen
Personen- und Sachregister, bereiten sie eine seltene Leserfreundlichkeit
bei Sammelbänden. Behält man Chr. Horns kriteriologische Merkmale
(Einleitung) im Blick, steht man beim Durchlesen auf sicherem Boden. Den
Merkmalskatalog der aristotelischen Politik sollte sich übrigens der
heutige Parteienstaat hinter den Vexierspiegel stecken.
16. Juni 2008 Schmitt, A.: Die Moderne und Platon
Wenn ein Buch von so hohem Anspruch eine zweite Auflage
erreicht, verdient es auch über den engeren Fachkreis hinaus besondere
Aufmerksamkeit. Die Neugier wird durch den Untertitel gesteigert. Der Autor,
Professor für Literatur und Philosophie der griechischen Antike in
Marburg, kritisiert das moderne Rationalitätsparadigma mit zwei revolutionären
Aussagen: (1) Der Anspruch der europäischen Moderne, sie hätte
in Opposition zum Mittelalter die erste Aufklärung geleistet, ist
ein Vorurteil. (2) Die von den Stoikern und Skeptikern angestoßenen
Rationalitätsform der Moderne (mit Kant als Höhepunkt) hat die
ältere Grundform, nämlich die platonisch-aristotelische, die
das Mittelalter prägte, verdrängt. Auf sechshundert Seiten werden
die beiden Aussagen begründet, mit einem geistigen Aufwand, der jeden
Rezensenten verzweifeln läßt, obschon das Buch gut lesbar ist.
Man resigniert vor der Weite und dem Geflecht von Bezügen, die immerhin
zweieinhalb Jahrtausende Geistesgeschichte überspannen. Erst allmählich
wird einem das Vorhaben klar: Zurückgeholt wird die erste, vergessene
Grundform der europäischen Rationalität, die durch das religiös
zu sehr überfärbte Mittelalter in Verruf geraten war. Es hilft
nichts: Das Buch ist hier eher anzuzeigen als zu besprechen. Allein die
Einführung beansprucht 65 Seiten, das gesamte Inhaltsverzeichnis sieben
Seiten. Neben einem strukturierten Literaturverzeichnis wird ein Sach-
und Personenregister sowie ein Stellenregister angeboten. Wo immer man
sich einliest, wird man ungeduldig, weil man spürt, daß der
ganze Textkorpus gelesen werden muß, und das beansprucht Wochen.
Hier geht es um den geistigen Haushalt Europas, worin von Platon, Aristoteles
über Vico, Herder, Kant bis Heisenberg alle vertreten sind, die zum
Welt- und Menschenbild epochenprägend etwas zu sagen haben. Schmitt
nennt die beiden Teile seines Buches: I. »Abstraktes Denken - Konkrete
Sinnlichkeit: Zum Gegensatz von Kultur und Natur in der Moderne«;
II. »Konkretes Denken als Voraussetzung einer Kultur der Ethik, der
Politik und der Ökonomie bei Platon und Aristoteles«. Das 6.
Unterkapitel im 2. Teil lautet: »Die ästhetische, ethische und
politische Bedeutung einer Kultur der Gefühle bei Platon und Aristoteles«.
Im achten Unteerkapitel nimmt sich der Autor die Evolutionstheorie vor.
Das steigert die Leseneugier. Der modernen Rationalität geht es nicht
an den Denkkragen, wohl aber entkleidet sie Schmitt von falschen Gewändern.
4. Juni 2008 Biblisch-theologische Untersuchungen zum Verhältnis von Person und Funktion des sakramental ordinierten Amtsträgers Echter Verlag, Würzburg 2008, 328 Seiten, 25,50 Euro Das Buch des Regens des Erzbischöflichen Priesterseminars
in Freiburg/Br. wendet sich mit seinem provokanten Haupttitel zwar an die
Priester, ist aber ab den Seiten 268 bis zum Schluß auch für
Laien, die es mit ihrem Glauben ernst meinen, von großer Bedeutung.
Leider schreckt der Untertitel diese Leserschaft ab. Was Thomas Ochs darlegt,
ist nicht allein für ordinierte Amtsträger von höchstem
Belang. Es geht um nichts weniger als um ein neues Gottes-, Welt- und Menschenbild,
wie es äußerlich von der Physik her angestoßen wurde (zuerst
durch M. Plancks Quantentheorie), in der Offenbarung und in der Lehrtradition
aber verborgen lag und unverstanden blieb. Um es auf eine Formel zu bringen:
Erläutert wird die personal-relationale Ontologie, die das aristotelische
Substanz-Akzidenz-Schema ablöst und die Trinität in einem verständlicheren
Licht erscheinen läßt. ›Selbstand in Beziehung‹ lautet das Motto,
hinter dem sich eine Revolution der An-Schauung verbirgt. Man staunt über
Joseph Ratzingers Metapher ›Wellenpaket‹, mit der der göttliche Logos
zum Dia-logos wird, zur Bezogenheit (Relation) als konstitives Prinzip
der Trinität und der göttlichen Zuwendung zum Menschen. Danach
hat man sich Gott nicht mehr als statische Substanz vorzustellen, vielmehr
als »Bezogenheit, dessen reine Aktualität (›Wellenpaket‹) die
Einheit des höchsten Wesens... ausmacht« (J. Ratzinger). So
wie die Quantenphysik dem Materienbegriff auf den Leib rückte, so
jetzt auch die Theologie dem statischen Gottesbild. Die berühmte Stelle
im Johannesevangelium (14,20 u. 26) läßt sich modern interpretieren:
»An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid
in mir, und ich bin in euch. ... Der Beistand aber, der Heilige Geist,
den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und
euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.« Um auch die theologische
Revolution unter die Gottessucher zu bringen, sollte Verlag und Autor den
Schlußteil umgearbeitet anbieten, als eigene Publikation. Die Arbeit
würde sich lohnen.
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