Walthari

Besprechungen

18. Mai 2012

  Canis, K.: Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902-1914
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2011, 719 Seiten, 88,- Euro

Diesen dritten Band zur Geschichte der deutschen Außenpolitik sollte der Verlag möglichst bald als Taschenbuch anbieten, damit Schulen, Universitäten und Medien anhand eines preislich verkraftbaren Textes einen Umlernprozeß einleiten können. Denn die Deutschen hat man seit bald einhundert Jahren darin eingeübt, sich als alleinige Schuldige für die Katastrophen im zurückliegenden Jahrhundert zu betrachten. An dieser Alleinschuldthese haben besonders angelsächsische Historiker und Politiker eifrig und mit Erfolg gebastelt und unter deutschen Historikern und Politikern beflissene Helfer gefunden – bis heute. Den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe im 20. Jahrhundert, führt man gemeinhin auf die Tumbheit und imperiale Großmannssucht des Deutschen Reiches zurück, beginnend mit Bismarck und endend mit dem letzten deutschen Kaiser. Diesem adeligen Spitzensproß scheibt K. Canis nicht, wie vielfach unterstellt, die Hauptverantwortung dafür zu, daß Deutschland in die Kriegsfalle tappte. Es waren vielmehr politische und diplomatische Kräfte der führenden Kolonialmächte, mit London an der Spitze, die den deutschen Nachzügler im weltpolitischen Konzert ausgrenzen wollten, auch um den Preis eines Krieges. Dafür liefert die Bündnispolitik Großbritanniens mit Japan, Rußland und Frankreich  vor 1914 (darunter 1904 die Entente Cordiale) den schlagenden Beweis. Insbesondere London suchte die sich ankündigenden weltpolitischen Verschiebungen um jeden Preis zu verhindern und nutzte  jedes deutsche Fehlverhalten und Intervenieren (erste Marokkokrise 1904/1905 u.a.) geschickt aus. Die deutschen Einkreisungsängste waren nicht aus der Luft gegriffen; sie existieren bis heute im Euro-Rahmen, abzulesen u.a. an den Targetforderungen der Bundesbank: was früher militärisch bewerkstelligt wurde, unternimmt man heutzutage währungs- und EU-politisch. Nach Canis unterlag dem Geschehen bis 1914 dennoch keine Zwangsläufigkeit hin zum Krieg. Trotz aller martialischen Sprüche war es kein Kriegsziel Deutschlands, zur europäischen Hegemonialmacht aufzusteigen. Es ging der deutschen Diplomatie um einen Ausgleich mit den alten Kolonialmächten und um eine Rettung Österreich-Ungarns. Alle Mächte schlitterten in die Urkatastrophe, weil sie die historische Erfahrung unterschätzten, daß begonnene Kriege ihre eigene Dynamik entwickeln. Das zweimalige Beistandsversprechen des deutschen Kaisers gegenüber Wien gehört zu den offenbar strukturell unausrottbaren Höllenritten deutscher Spitzenpolitiker, die in unserer Gegenwart gleich mehrfach nachgeahmt werden (so durch Bundeskanzlerin Merkel, die ohne jegliche demokratische Legitimation die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hat) . Unter dem Titel ›Der Weg in den Abgrund‹ kann man aktuell mehrere euro-kritische Artikel und Bücher lesen. Kaum einem Leser ist das historische Katastrophenmuster bekannt, das Canis sehr detailliert und ausführlich beschreibt. Trotz aller Unterschiede im Rahmenbau: Reichskanzler läßt sich vielfach ohne sonderliche Verfremdung durch  Bundeskanzler(in) im Text ersetzen. Das zum Klassiker der Geschichtsschreibung geeignete Buch bietet acht Hauptkapitel:

I.                   Der Mißerfolg der Freihandpolitik (1902-1904)  

II.                Kontinentalbund als Alternative: Die erste Marokkokriese 1905/06

III.             Im Zeichen fortschreitender Isolation (1906-1908)

IV.            Politik der Stärke: Die Bosnische Annexionskrise 1908/09

V.               Ausgleichsversuche: Die europäische und die weltpolitische Dimension (1909-1911)

VI.            Doppelte Offensive: Die zweite Marokkokrise 1911

VII.         Chancen und Illusionen im Verhältnis zu England (1912-1914)

VIII.      Permanente Spannung im Osten (1913/14)

Schmerzlich vermißt wird ein Stichwortverzeichnis. Wer sich nicht auskennt, wird lange suchen müssen, bis er z.B. die Seiten zur Julikrise findet.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com

 



12. Februar 2012

 Bitter, G. und Blasberg-Kuhnke, M. (Hrsg.)

Religion und Bildung in Kirche und Gesellschaft

Echter Verlag, Würzburg 2011, 457 Seiten, 55,90 Euro

 Zu dieser Festschrift anläßlich des 65. Geburtstages des Theologen Nobert Mette fanden sich 45 Schüler, Kollegen und Freunde (ich verwende das grammatikalische Geschlecht)  zusammen. Der voluminöse Sammelband gliedert die Beiträge in
1.    
Religion
2.    
Bildung
3.    
Religion und Bildung sowie
4.    
Felder religiöser Bildung.

Allein schon die Lektüre der Aufsatztitel läßt ahnen, welcher geistige Sprengstoff hier angeboten wird. Dazu einige Beispiele: 
Neurowissenschaftliche Herausforderungen an die Praktische Theologie – nur ein Hirngespinst? (Thobias Kläden) – Dialog – Trialog – oder mehr? Islam in Deutschland und die Zukunft der Theologien in praktisch-theologischer Perspektive (Martina Blasberg-Kuhnke) – Religion und Erfahrungen der Empörung (Hadwig Müller) – Bildung und Aufklärung (Werner Simon) ‒ Bildung und Religion, ein Verhältnis in Kontakt und Distanz (Gottfried Bitter cssp) – „Für eine dienende und arme Kirche“. Der Katakombenpakt als subversives Vermächtnis des II. Vaticanums (Norbert Arntz) ‒ Norbert Mette als Befreiungstheologe (Bert Roebben).  Zum Warmlaufen empfiehlt sich der Eingangstext von Karl Gabriel über den langen Abschied der Sekularisierungsthese, die seit Max Weber die Diskussion beherrscht. Der Autor differenziert wohltuend und bietet erstaunliche Einsichten, darunter: »Die anwachsenden Phänomene einer alternativen Religiosität haben ihren Ort nicht jenseits, sondern primär im Umfeld der Kirchen. Wo die kirchliche Religion geschwächt ist, findet auch die alternative Religiosität keinen Nährboden. Dies ist eine der Schlussfolgerungen, die sich aus der Entwicklung von Religiosität und Kirchlichkeit in den Neuen Bundesländern nach 1989 ziehen lässt. Die von vielen erwartete breite Rückkehr zu den Kirchen fand nach 1989 nicht statt. Es gab aber auch keine nennenswerte Hinwendung zu Formen alternativer Religiosität. In Westdeutschland sind Phänomene alternativer Religiosität in signifikant höherem Maße zu beobachten als in Ostdeutschland« (S. 23).

Als Laie sehe ich allerdings große Realisierungschwierigkeiten seiner These, wonach Religion »nicht jenseits der Moderne zu verorten« ist. Sind die »Spannungen zwischen Religion und Moderne« wirklich nur »typisch moderne Phänomene«? Im Modell der »multiplen Moderne« sind Tradition und Religion zweifellos partielle implementiert, schon rein im Zeitverlauf, doch bleiben beide immer auch nicht integrierbare Fremdlinge, die querstehen und nur so ihre spezifische Wirkung erzielen. Das Fremdsein zeigt sich bei den beiden Bewegungskräften der Moderne, bei der globalisierenden Wirtschaft und Technik, in deren Welten Tradition und Religion nur spurenhaft vorhanden sind. Beide dominierenden Lebensbereiche spart der Sammelband aus, hingegen nicht die Literatur. In den Texten Thomas Hürlimanns glaubt Erich Garhammer »den Versuch einer narrativen Rettung des katholischen Kosmos« (S. 112), allerdings auch hier weitab von der ökonomisch-technischen Lebensrealität. Auf andere Weise verwunderlich ist der Beitrag  von E. Berning über die »Herausforderungen der Literatur an die Theologie« am Beispiel Italo Svevo. Nicht die Romane des Italieners, es sind die Ableitungen des Beiträgers auf den Seiten 361 ff., die erstaunen und kritikbedürftig sind. Ist die Armutszuwendung eine Glaubwürdigkeitsbedingung der Kirche? Wer den Beitrag über den »Katakombenpakt als subversives Vermächtnis des II. Vaticanums« liest, findet ein Ja bestätigt. Doch auch hier wird das Transformationsproblem ausgespart, es sei denn, man hält Armut für geeignet, zur Glaubensanimation beizutragen. Nicht nur die Kirche, auch die Theologie verschließt sich noch zu sehr den »profanen Stimmen« der Gesellschaft und Wirtschaft.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com