| 1. März 2011
Thema
Grenzprobleme und Grenzüberschreitungen
des ökonomischen Denkens und Handelns
Beginn: 28. April 2011
Wochentag: jeweils donnerstags nach Anzeige
(vgl. unten)
Zeit: 16.00 – 18.00 Uhr
Ort: Rote Kaserne, Fußgängerzone, Marktstraße
40
Raum: 104
Veranstaltungsart: öffentlich, auch für
Gasthörer, freier Teilnehmerzugang
Veranstaltungshinweise erfolgen vor jedem Termin
in diesem WALTHARI-Portal unter Fenster Wissenschaftsforum,
Unterfenster. ›Veranstaltungsangebote im Rahmen
des Studiums generale‹.
Kommentierung
Die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft ist von 73
Prozent (1994) auf
48 Prozent (2010) gesunken. Die Gründe sind nicht
allein in der jüngsten
Wirtschafts- und Finanzkrise zu suchen, sondern auch
im Versagen der Wirtschaftswissenschaften, deren weitgehend abstrakten
Modelle die ökonomische Realität nicht ausreichend abbilden und
deren didaktische Aufklärungsfähigkeit gegen Null tendiert. Daher
häufen sich die Übergänge von der Marktwirtschaft zur Planwirtschaft,
die sich ihrerseits ein gesteigertes historisches und systemalisches Versagen
vorhalten lassen muß. Diesen innerökonomischen Grenzproblemen
und Grenzüberschreitungen stehen Phänomene an der ökonomischen
Systemgrenze zur Seite: Ökonomie und Biologie; Ökonomie und Philosophie;
Ökonomie und Soziologie (Systemtheorie); Ökonomie und Politik
usw. Mit den disziplinintern noch weitgehend vernachlässigten Wirtschaftskategorien
liegt ein Schlüssel zum Verständnis der vielschichtigen Problemlage
vor.
Literaturangaben (Auswahl)
• Brodbeck, K.-H.: Die fragwürdigen Grundlagen der
Ökonomie, 1998
• Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien. Ein Beitrag
zum Verstehen wirtschaftlicher Grundlagen, 2. Auflage 2011
• Hénaff, M.: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld
und Philosophie, 2009
• Kapitalismus als Schicksal? Zur Politik der Entgrenzung,
Merkur-Sonderheft 1997
• Otto, K. St. / Speck, Th. (Hrsg.): Darwin meets Business,
2011
• Vogl. J.: Das Gespenst des Kapitals, 2011
Ergänzende Hinweise
Weitere Erläuterungen und Literaturhinweise finden
sich fortlaufend in diesem WALTHARI-Portal
http://www.walthari.com/wissenschaftsforum.htm
Geplante Veranstaltungsthemen
1. Die vielen Ökonomien und das eine Ökonomische
Diskussionsthema: Bedingungsloses Grundeinkommen
2. Wirtschaftskategoriale Währungspolitik
Diskussionsthema: Die Eurokrise
3. Wirtschaftskategoriale Gesundheitspolitik
Diskussionsthema: Wie krank ist das deutsche Gesundheitssystem?
4. Wirtschaftskategoriale Bildungspolitik
Diskussionsthema: Kindergarten- und Studiengebühren
– Bildung als meritorisches Wirtschaftsgut?
5. Soziologische Attacken: Marktwirtschaft in der
Krise
Diskussionsthema: Postmoderne Kapitalismuskritik
6. Was können Ökonomen von Biologen lernen?
Diskussionsthema: Funktioniert die Wirtschaft
nach evolutionsbiologischen Mustern?
7. Geld und Gabe – philosophische Reflexionen bei
Marcel Hénaff
Diskussionsthema: Widerstreiten humanitäre
Universalien den Wirtschaftskategorien?
VERANSTALTUNG
Thema:
Evolutionäre Ökonomie?
Was können Ökonomen von Biologen lernen?
Vorweg: Von Ernst Haeckel bis Mao Tse Tung
I. Einige Grundsachverhalte der Evolutionsbiologie
Anpassung - Gendrift - Entwicklung - »Kampf ums
Dasein« - Selektion u.a.
II. Allgemeine Evolutionstheorien
kosmologische – bionische – ethnologische u.a.
III. Evolutionäre Ökonomie?
Die Grundfrage – Beispiele – evolutionäre Faktoren
– deterministisches Chaos u.a.
IV. Ökonomie im Wachstumsdilemma
Grundaxiom – These – Dilemma – dynamisches Gleichgewicht
V. Kritik am parteienstaatlichen Rahmen
Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch
Wirtschaftskategorien
mitzubringen.
Spezielle Literaturhinweise
- Dauenhauer, E.: Aktive Bürgergesellschaft in
einem gebändigten Staat
- Im Quantenkosmos, Heft 56 der Literaturzeitschrift
WALTHARI
.
26. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
VERANSTALTUNG
Thema:
Oikodizee – die achte Kränkung der Menschheit
I. Kränkungen des Homo sapiens im Überblick
II. Oikodizee als metakategoriale Grundstruktur
III. Oikodizee aus anthropologischer Perspektive
IV. Oikodizee aus kapitalismuskritischer Perspektive
Ich bitte die Hörer, das
Grundlagenbuch
Wirtschaftskategorien mitzubringen.
13. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
VERANSTALTUNG
Thema:
Soziologische Attacken: Marktwirtschaft in der Krise
I. Schwindende Marktakzeptanz
II. Der Markt: Begriff und Eigenschaften
1. Marktbegriff
2. Markteigenschaften
III. Falsche Markterwartungen
IV. Staatliche Rahmenplanung
1. Grundaxiome der Marktwirtschaft
2. Moralische Wunschpostulate
3. Staatliche Rahmenfakten
V. Varianten der Marktwirtschaft
1. Die deutsche Nachkriegs-Variante
2. Die Keynes-Variante
3. Die Kohl-Merkel-Variante
4. Die SchariaVariante
Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch
Wirtschaftskategorien
mitzubringen.
Literaturhinweis
Wirtschaftsethische Aspekte der sozialen Marktwirtschaft,
Kapitel 7 in:
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft,
Bd. II, 7. Auflage,
Münchweiler 2002, S. 114 ff.
8. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
VERANSTALTUNG
Thema:
(Berufs-)Bildungspolitik im wirtschaftskategorialen
Test
I. Die Lehrerschaft: Schlüsselfiguren aller Bildungsbemühungen
1. Zur Lage
2. Zur Idealgestalt des Lehrers
II. Bildung als persönliches, gesellschaftliches
und wirtschaftliches Gut
1. Bildungsdimensionen
2. Bildungsverkürzungen
3. Bildung als gesellschaftliches Gut
4. Bildung als wirtschaftliches Gut
III. (Berufs-)Bildungspolitik
1. Bildung als meritorisches Gut
2. Folge der Meritorisierung
3. Grundkonflikt Gesellschaft versus Staat
4. Verpreisung von Bildungsangeboten
IV. Wirtschaftskategorialer Test
V. Aktueller Bericht aus dem Schulalltag (Dr. Weichlein)
Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch
Wirtschaftskategorien
mitzubringen.
Frank Fernandez hat im Nachgang zur letzten Veranstaltung
den nachfolgenden Text eingereicht.
15. Mai 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
GESUND(HEIT) IST (EIN) GUT
Von Frank Fernandez
Das ICH ist relativ gesund.
Dies sagen ihm: sein Geist und Körper
die Seele, seine Beziehung(en) zum Du
und sein spirituelles Ich-Bewusstsein
Der Geist windet sich häufig in Sprach-Verwirrungen
wenn es um Verordnungen und Zwangsabgaben geht,
die ein wichtiges öffentliches Gut bewirtschaften
sollen,
es aber eher bürokratisch verwalten:
Gesundheit
Der Körper regt sich und bekommt Ausschläge,
wenn er bemerkt, dass er selbst
ver-messen wurde:
15 Minuten waschen,
dann ab in die Kiste!
Dem gebeutelten Arzt und dem Pflegepersonal
sitzt er gegenüber
und blickt in ihre getakteten Augen.
Gedemütigte Götter in weiß:
Gerne würde er mit Ihnen einen
persönlichen Behandlungsvertrag abschließen
In der rotierenden Mühle des
planwirtschaftlichen Gesundheitssystems
entkommt auch nicht die Seele,
die Freiheiten braucht,
den Sinn der Einfachheit kennt.
Das Individuum ahnt, dass dieses System weit vom Eid
des Hippokrates entfernt ist:
Wo ist der Mehrwert für den Arzt,
wenn er die zwangsverordnete Praxisgebühr verwaltet?
Die politischen „Akteure“ verstehen
das Gesundheitssystem selbst nur fragmentarisch.
Pinocchio belächelt ihre langen Nasen.
Therapieansatz: Mut zur Verantwortungsethik
Die medial-politischen Kartelle überziehen
die Menschen im Netz,
in das Individuen gerne selbstvergessen fallen
auch wenn Mephistos Wiederkehr kaum zu übersehen
ist:
Gift statt Medizin
Wo ist die Beziehung zum Du,
zum Arzt, der den Kranken
nach seinem hohen Berufsethos
mit ihm gemeinsam zu heilen hat?
In Beziehung zu anderen
spürt das Individuum die spirituelle Unruhe,
die auch sie aufwühlt:
Ratlosigkeit in einem Gesundheitslabyrinth.
VERANSTALTUNG
Thema: Planwirtschaftliche Gesundheitspolitik
- Das Gesundheitswesen im wirtschaftskategorialen
Test -
I. Zum Gesundheitsbegriff
1. Medizinisch
2. Soziologisch
3. Wirtschaftlich
4. Politisch
5. Rechtlich
II. Gesundheit als Gut
1. Subjekt (persönlich)
2. Wirtschaftlich
3. Sozial (psychologisch)
III. Gesundheitspolitik
IV. Ziele der Gesundheitspolitik
V. Wirtschaftliche Daten zum Gesundheitswesen
VI. Systemgestalt des deutschen Gesundheitswesens
VII. Tendenzen und Reformen
VIII. Nachhaltige Reform
IX. Wirtschaftskategoriale Prüfung anhand der
Kategorientafel
Seit dem Jahre 2004 erscheint in diesem WALTHARI-Portal
eine Artikelfolge über die planwirtschaftliche Gesundheitspolitik.
Der folgende Teil 4 erschien am 19. November 2005,
Teil 10 am 20. März 2009.
Aus dem Tollhaus planwirtschaftlicher Gesundheitspolitik
Teil 4
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
»Verdächtig und im höchsten Maße
zur Vorsicht mahnend ist der immer größere Einfluß, den
der Staat auf den Gesundheitsbetrieb zu nehmen beginnt, meist unter sozialen
Vorwänden. Dazu kommt, daß infolge weitgehender Entbindung des
Arztes von der Schweigepflicht bei allen Konsultationen Mißtrauen
zu empfehlen ist. Man weiß doch nie, in welche Statistik man eingetragen
wird, und zwar nicht nur bei den Medizinalstellen. All diese Heilbetriebe
mit angestellten und schlecht bezahlten Ärzten, deren Kuren durch
die Bürokratie überwacht werden, sind verdächtig und können
sich über Nacht beängstigend verwandeln, nicht nur im Kriegsfalle.
Daß dann die musterhaft geführten Kartotheken wieder die Unterlagen
liefern, auf Grund deren man interniert, kastriert oder liquidiert werden
kann, ist zum mindesten nicht unmöglich.«
Diese schwarzen Visionen hatte Ernst Jünger im Jahre
1951 (in: ›Der Waldgang‹, S. 69). Drei seiner vier Befürchtungen sind
mittlerweile eingetreten (planwirtschaftliche Staatsmedizin, Ruin des ärztlichen
Ethos und bürokratische Totalerfassung). Da niemand vor einem halben
Jahrhundert geglaubt hätte, daß auch nur die harmloseste der
schwarzen Visionen irgendwann Wirklichkeit würde (bürokratische
Totalerfassung), lehrt die Schlußprophetie das Fürchten.
Der Hippokratische Eid (modern: das Gelöbnis laut
ärztlicher Berufsordnung) billigt den Ärzten zu, ihren »Beruf
mit Gewissenhaftigkeit und Würde auszuüben«. Von Würde
kann angesichts der eingetretenen Lage keine Rede mehr sein. Immer mehr
Mediziner verlassen ihre innere Emigration, wandern aus oder entschließen
sich zu lauten öffentlichen Protesten – schrille Alarmsignale aus
einem Berufsstand, der zu den angesehensten und ältesten der Menschheit
zählt und der sich staatssozialistisch so niedergeknüppelt fühlt,
als lebte er in diktatorischen Zeiten. Was ist geschehen? Hier nur wenige
Schlaglichter.
- 7.000 (siebentausend) neue (!) Einzelbestimmungen prägen
den Arztalltag. Allein die Fülle und die Veränderungsgeschwindigkeit
überfordern Praxen und Krankenhäuser. Die GOÄ besteht aus
2.500 Einzelbestimmungen.
-
Der Verwaltungsaufwand infolge übertriebener Dokumentierungen,
statistischer Erhebungen usw. hat (1) die Arbeitszeiten in unerträgliche
Höhe getrieben, (2) auf Kosten der eigentlichen medizinischen Tätigkeiten
und (3) der persönliche Fortbildung. Die Bewältigung der fachlichen
Informationsflut (in Fachzeitschriften usw.) muß zurückstehen
gegenüber einer aufgezwungenen Bürokratie. Stationsärzte
sitzen vier bis fünf Stunden täglich am Rechner.
-
Medizinische Praxen sehen sich als Umverteilungsagenten mißbraucht
(Praxisgebühr, Integrierte Versorgung u.v.a.). Als das Sozialgericht
Düsseldorf im März 2005 entschied, daß Mahn-, Port-, Anwalts-
und Gerichtsgebühren, die bei Klagen gegen säumige Zahler der
Praxisgebühr dem Schuldner nicht aufgebürdet werden dürfen
(Az.: S 34 KR 269/2004), schwand das Rechtsvertrauen eines ganzen Berufsstandes.
-
Praktizierende Ärzte empfinden die Kassenärztlichen
Vereinigungen vielfach nicht als ihre Interessenvertretung. Der Vertrauensverlust
geht nicht allein auf die bekannten Skandale um die Funktionärsvergütungen
zurück (vgl. beispielhaft HB Nr. 48/05, S. 5), es liegt auch an der
etatistischen Verfassung der KVen. Man lese dazu § 2, Ziffern 8.1
bis 14 der ›Vorläufigen Satzung der KV BWB‹.
-
Das neu gestaltete Honorierungssystem führt zu dramatischen
Einnahmeneinbrüchen (zwischen 10 und 20 Prozent). Die GOÄ bildet
die Behandlungsrealität so wenig ab wie das komplizierte Punktesystem.
Planwirtschaft pur.
Freiheit und Ethos der Ärzte sind der »Entprofessionalisierung
ärztlicher Berufsausübung« (Deutsches Ärzteblatt Nr.
20/04, S. A 1409 ff.) zum Opfer gefallen. Die Folgen: zunehmender Ärztemangel
infolge von Auswanderungen, Wechsel zur Pharmaindustrie usw. »Wir
wollen keine moderne Sklaven eines maroden und diktatorischen Systems sein.«
Nach einer Umfrage der ›Ärztezeitung‹ würden rund 40 Prozent
der Mediziner diesen Beruf nicht mehr wählen. Verharmlosend sprechen
Gesundheitspolitiker von einer ›Versorgungslücke‹, wo doch in Wahrheit
dramatische Notstände ins Haus stehen: Immer mehr regionale und kommunale
Krankenhäuser werden aus wirtschaftlichen Gründen schließen
(Prognose von ›Ernst & Young‹), wodurch die Risiken bei der Notfallversorgung
steigen werden.
Als ob nicht schon genug Unheil angerichtet worden wäre,
will die alte und neue Gesundheitsministerin die ärztlichen Honorarsätze
planieren: Gesetzliche und private Patienten sollen »gleichgestellt«
werden, ein klassischer Fall sozialistischer Vernebelung mit der Wortkeule
›Gleichstellung‹. Abgesehen von dem massiven Eingriff in die Vertragsfreiheit
Privater, verkennt die SPD-Dame die Kostenausgleichsrealität insbesondere
bei Zahnärzten. Der Verband der privaten Krankenversicherung versteht
die Pläne denn auch als Verstaatlichungsmaßnahme – eine reichlich
späte Einsicht. Und noch ein Keulenschlag gegen den Wettbewerb ist
zu erwarten: Die gesetzlichen Krankenkassen (derzeit etwa 260) sollen auf
»30 bis 50« reduziert werden. Staatliche Kontrollen sind dann
noch leichter möglich. Ursula Lehr meinte einmal: »Der alte
Arzt spricht lateinisch, der junge Arzt englisch. Der gute Arzt spricht
die Sprache des Patienten«. Man könnte ergänzen: der planwirtschaftlich
geknebelte Arzt hat vor Schreck die Sprache verloren.
© WALTARI-Zeitung, Aus: www.walthari.com
Literatur
Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien, 2. Auflage
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft,
7. Auflage
9. Mai 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
VERANSTALTUNG
Thema: Wirtschaftskategoriale Währungspolitik
Diskussionsthema: Die Eurokrise
I. Währung und Währungspolitik: Merkmale,
Aufgaben
1. Währungsmerkmale
2. Aufgaben der Währungspolitik
II. Währung und Währungspolitik im wirtschaftskategorialen
Test
(anhand der Kategorientafel)
III. Der Euro auf dem Prüfstand
1. Das währungsrelevante Regelwerk
2. Der Euro unter wirtschaftskategorialer Perspektive
IV. Euro-Rettungsversuche
Literatur
Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien, 2. Auflage
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft,
7. Auflage
1. Mai 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Geldpolitische Zwickmühle
Nicht nur Fachleute befürchten, daß mit der
Einführung einer einheitlichen EU-Währung die Sparer und Bezieher
fester Einkommen Geldwertverluste hinnehmen müssen. Die staatlich
verordnete Umstellungspraxis im Zuge der Vereinigung Deutschlands (vgl.
Kapitel 11) nährt das Mißtrauen besonders in der deutschen Bevölkerung.
Darüber hinaus bestehen Zweifel am Stabilitätswillen mancher
Regierungen. Eine Währung kann durch übermäßige
Staatsverschuldung, wohlfahrtsstaatliche Überdotierung, grenzenlose
Regionalförderung usw. unter Druck geraten. Hält die europäische
Zentralbank einen strengen Geldmengen- und Zinskurs durch, wird es zu einer
noch höheren Arbeitslosigkeit (1997 EU-weit: 18 Mio.) und zur Zahlungsunfähigkeit
sozialstaatlicher Institutionen kommen. Lockert die EZB ihren Stabilitätskurs,
entwertet sie Sparvermögen in gigantischen Ausmaßen. Die Lage
wird sich durch die Neuaufnahme weiterer subventionshungriger Länder
(Osterweiterung) zwangsläufig verschärfen. Das Maastrichter
Europamodell hat also gute Chancen, von einer Kopfgeburt der politischen
Klasse zu einem europäischen Unruheherd zu mutieren. Konkurrierende
Europamodelle auf konföderativer Basis werden derzeit vollkommen ausgeblendet.
(Aus: Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft, Bd. II,
7. Auflage 2002, S. 250).
VERANSTALTUNG
Thema: Die vielen Ökonomien und das eine Ökonomische
I. Die Ökonomien (als Wissenschaften) im Trend
der Wissensexplosion und Spezialisierung
1. Stationen der Spezialisierung
2. Folgen der Überspezialisierung
II. Auf der Suche nach dem Ökonomischen als Fundament
allen wirtschaftlichen Denkens und Handelns
1. Fehlversuche
2. Wirtschaftskategorien als Fundament alles Ökonomischen
3. Anwendungsfall: Bedingungsloses Grundeinkommen
Veranstaltungshinweise
Allen Veranstaltungen lege ich mein Buch ›Wirtschaftskategorien‹
(2. Auflage 2011) zugrunde. Es ist in der Erstausgabe in der Universitätsbibliothek
verfügbar und kann als 2. Auflage zum Sonderpreis beim Autor erworben
werden. Für alle Hörer bringe ich außerdem eine Textvorlage
zum Grundeinkommen mit.
19. April 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Erkenntniserträge
der Vorlesung im Sommersemester 2007 an der Universität
in Landau
Bürgerlichkeiten in Zeiten der globalisierenden
Ökonomie
-
Globalisierung als Austausch auf wirtschaftlichem, kulturellem
beruflichem religiösem u.a. Gebiet ist ein jahrtausendealtes Begleitphänomen
der Zivilisationsentwicklung. Hauptmotor war und ist stets die Wirtschaft.
In der Moderne kommen vor allem die Wissenschaften als Antriebskraft hinzu.
-
Zu allen Zeiten gab es Gewinner und Verlierer, doch die
Verluste im Schatten des globalen Nutzenüberschusses werden in der
Nachmoderne nicht mehr ohne Widerstand hingenommen. Auch wenn Globalisierungsgegner
in Teilen übers Ziel hinausschießen (ideologisch und gewaltinduzierend),
ihr Widerstand zeugt zumindest von berechtigter Unruhe aus der Verliererperspektive.
-
Globalisierungsgewinne sind – die Umwelt ausgenommen – auf
allen Ebenen zu verzeichnen: bei Haushalten (breiteres und teilweise
auch preiswerteres Konsumangebot, Einkommenszugewinne. globaler Reiseverkehr
usw.); bei Unternehmen (Kostenersparnisse durch Vernetzungsvorteile
vom Einkauf bis zum Absatz), bei Volkswirtschaften (höheres
BIP durch Exportsteigerungen usw.).
-
Zu den Hauptgewinnern zählen entwickelte Länder.
Den Globalisierungsindex der Gewinner führen Singapur, die Schweiz,
die USA, Irland und Dänemark an; Deutschland nimmt die 18. Position
ein. Einen Globalisierungsindex von Verlierern gibt es bisher nicht.
-
Wettbewerb und (Vor-)Machtsstreben sind zentrale Systemmerkmale
der Globalisierung, nicht Solidarität.
-
Globalisierung als machtgeleiteter Wettbewerb überfordert
vielfach die menschliche Natur, nicht allein moralisch und nicht allein
die Schwachen, sondern ganz allgemein auch lebenspraktisch.
-
Allerdings zwingt der sog. Teufels-Test (G. Vico,
I. Kant) die Menschen, auf den heranrollenden Globalisierungswellen zu
›reiten‹. Die rechtsmoralische Regel (Ultra posse nemo obligatur) muß
unter dem Druck einer Einsicht weichen, die Kant als Teufels-Test so ausdrückt
(in: ›Zum ewigen Frieden‹). »... ›Eine Menge von
vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre
Erhaltung verlangen, deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen
geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich
sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander
doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg
eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.‹
Ein
solches Problem muß auflöslich sein. Denn es ist nicht die moralische
Besserung der Menschen, sondern nur der Mechanism der Natur, von dem
die Aufgabe zu wissen verlangt, wie man ihn an Menschen nutzen könne
und den Widerstreit ihrer unfriedlichen Gesinnungen in einem Volk so zu
richten, dass sie sich unter Zwangsgesetze zu begeben einander selbst nötigen,
und so den Friedenszustand, in welchem Gesetze Kraft haben, herbeiführen
müssen« (Hervorhebungen: E.D.): Der ›Teufels‹-Test
mit eigenen Worten: Vorausgesetzt, es gelänge eine Weltordnung,
in der nicht nur ein provisorischer, sondern andauernder (ewiger) Friede
herrschen kann, weil das Recht die Herrschaft angetreten hat, dann wird
dieses Ordnung nicht allein weltweit jedem Menschen rechtliche, sondern
auch wirtschaftliche Vorteile in einem Ausmaß verschaffen, dass selbst
der Teufel zustimmen müsste. Das liegt weniger an der moralischen
Haltung der Menschen als in ihrem Eigennutzstreben begründet, das
sie, um den eigenen Nutzen zu mehren, zur Vorteilsverschaffung bei Mitmenschen
antreibt, d.h. zum Wettbewerb. - Danach ist ein Weltbürgertum
in der Hoffnung auf eine »moralische Besserung des Menschen«
allein nicht zu haben, hinzukommen muß nach Kant die Einsicht,
dass der »wechselseitige Eigennutz...« als »Mechanism
in den menschlichen Neigungen« ins Spiel zu bringen sei. Das
hat Kant von S. Pufendorf gelernt.
-
Berufsqualifikatorisch verlangt diese Einsicht den
Schritt von Fachqualifikationen zu Strukturqualifikationen.
-
Von den Rationalisierungseffekten (aus globalisierenden Austauschprozessen)
profitieren die Vorstände großer Konzerne am meisten. Bei den
Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen lag die Einkommensspanne im Jahre
2006 zwischen 2,245 Mio. und 13,591 Mio. Euro.
-
Gewinnfördernd auf Unternehmensebene sind u.a.
der Zugang zu billigeren Rohstoffen, zu kostengünstigen Standorten,
zu weltweitem Wissen und zu Normierungen.
-
Auf volkswirtschaftlicher Ebene wirken sich insbesondere
der Standort-, Forschung- und Steuerwettbewerb sowie die Terms of Trade
ertragssteigernd aus.
-
Am fortgeschrittensten ist die Globalisierung im Finanz-
und Medienbereich, im Sport, in den Wissenschaften sowie im Kunst- und
Reisebetrieb, am wenigsten im Arbeitsrecht und Sozialwesen.
-
Den Gewinnen stehen erhebliche Globalisierungsverluste
gegenüber.
Sie werden von den großen Nutznießern heruntergespielt.
Politisch
kommt es zu Hoheitsverlusten. Schwerwiegend auch die Verödung von
Regionen, die Traditionsverluste, Umweltschäden (durch gesteigerten
globalen Verkehr), die volkswirtschaftlichen Qualifikationsverluste (durch
Ab- und Auswanderung, besonders negativ in Entwicklungsländern), die
familiären Verluste (u.a. durch dislozierte Berufswahrnehmungen),
das
Branchensterben. ‚Daneben ein extremes Ausfallrisiko bei Energie und
Rohstoffen, ein geringeres Ausbildungsangebot (infolge fehlenden regionalen
Angebots), eine Steigerung des Stadt-Land-Gefälles, eine oligarche
Medien- und Wirtschaftsstruktur (durch Fusionen) u.a.
-
Das Globalisierungstempo wird in den nächsten Jahren
vermutlich nicht weiter zunehmen. Einige Fachleute sagen sogar eine Abschwächung
voraus, allein schon infolge der Klimaschäden und der demographischen
Veränderungen.
-
Dennoch stehen erhebliche weitere Globalisierungsschübe
bevor. So wird sich die Branchenstruktur zugunsten des Dienstleistungssektors
weiter verändern. Fortschritte im technologischen und IT-Bereich werden
die Unternehmen, Privathaushalte, den Verkehr usw. weiterhin global und
damit nivellierend ausrichten.
-
Neben der Finanzwirtschaft und dem Klimaschutz ist die Entwicklungshilfe
das strittigste Feld der Globalisierung. Nach mehrfachem Paradigmenwechsel
gilt sie (nicht die Nothilfe) weitgehend als gescheitert.
-
Hauptakteure der Globalisierung sind nicht Politiker, sondern
Unternehmer. Eine gewisse Zähmung könnte die freiwillige Selbstverpflichtung
mit einem Unternehmer-Eid bewirken (Text in diesem WALTHARI-Portal).
-
Die Moralphilosophie unterzieht die Globalisierung einer
Fundamentalkritik, weil ökonomische Nutzenkalküle alle Lebensbereiche
(auch die Wissenschaft, Bildung, Politik usw.) erfasst haben (Superstruktur)
und andere Rationalitäten (Tradition, Allgemeinbildung usw.) in den
Hintergrund drängen.
-
Die Wirtschaftsethik analysiert die Problemfelder der Ökonomik:
von ihren falschen Versprechungen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung
u.a.) bis zum Do-ut-facias-Mechanismus.
-
Der G8-Gipfel in Heiligendamm (Juni 2007) wird von der Mehrheit
der politischen Klasse und der Medien weltweit überwiegend als Erfolg
gefeiert, obschon nur ein einziges bedeutsames Ergebnis erzielt wurde:
Der globale Klimaschutz steht künftig unter der Kontrolle der UNO...
47,3 Prozent des Ausstoßes von Treibhausgas stammen von den G8-Ländern,
davon die Hälfte allein von den USA, die die Atmosphäre mehr
schädigen als alle Schwellenländer (China, Indien, Brasilien
u.a.) zusammen. Gänzlich ohne Ergebnis blieb der G8-Gipfel bei der
Zähmung der globalen Finanzwirtschaft: Die Hedge-Fonds z.B. können
weiterhin wildern und sogar Dax-Firmen aus dem Gleichgewicht bringen, deren
zumeist breite Aktionärsstreuung keinen Schutz vor dem Räuberspiel
bietet. Beispiel BASF: 100 Prozent Free Float, 45,1 Prozent Inländeranteil,
28 Prozent Privatanleger, 56,9 Prozent Hauptversammlungs-Präsenz (2006).
-
Zu den bürgergesellschaftlichen Schreckreaktionen
gehören
u.a. das Unterlaufen des Euro durch Regionalwährungen (Roland u.a.)
und durch die Epikur-Strategie.
-
Das bürgergesellschaftliche Fundament dazu schuf Samuel
Pufendorf (vgl. Kapitel 13 im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem
gebändigten Staat‹; Näheres in diesem WALTHARI-Portal
unter Sachbücher).
-
Die moralphilosophische Kritik (so in: Philosophische Rundschau,
Jg. 2006, S. 130-153) interpretiert die Ethik der Anreizsysteme falsch
und setzt auf den Hegel’schen starken Staat. Eine Weltregierung
(als Kontrolleur der Globalisierung) würde aber, soweit sie überhaupt
zustande käme, so wenig erfolgreich sein wie alle Friedensbemühungen
im Nahen Osten und auf dem Balkan.
-
Was versteht man unter einer Bürgergesellschaft? Dieser
Frage geht Kapitel 1 des Buches ›Aktive Bürgergesellschaft in einem
gebändigten Staat‹ nach. Vorgestellt werden die Strukturmerkmale und
Elemente des Ordnungsmodells, das die gesellschaftlichen und politischen
Verhältnisse horizontal statt vertikal anlegt.
-
Friedrich Schiller hat in seinen ›Ästhetischen Briefen‹
das bürgergesellschaftliche Ordnungsmodell in wesentlichen Punkten
bereits beschrieben. An der Bruchstelle zur Moderne verwies er auf das
Phänomen der Entfremdung durch »barbarische« Verhältnisse,
aus denen heraus der Verstand (die Aufklärung) allein nicht führen
könne. Hinzu kommen müßten ästhetische Erfahrungen
und aisthetische Charakterbildung. Nicht Verkopfung, sondern Empfindungsfähigkeit
ermögliche den »ästhetischen Staat«, in welchem die
Moral und das Politische, die Freiheit und Bürgerlichkeit gleichsam
emergent sich einstellen.
-
Die Kritik der Moralphilosophie an der Ethik des Marktes
überzeugt nicht in allen Punkten. Berechtigt erscheinen Einwände
gegen den Wachstums- und Konsumfetischismus. Die Vorstellung hingegen,
den Kapitalismus durch »ökonomiefreie Gesellschaftszonen«
zivilisieren zu können, ist so weltfremd und zum Scheitern verurteilt
wie der Versuch Lenins, eine moderne Gesellschaft ohne Geld lebensfähig
zu erhalten. Das Konsenspostulat (J. Habermas u.a.) erweist sich als utopischer
Moralismus, weil es die Normalität von Dissens ethisch unterminiert.
Es ist gerade das moralische Kooperationsziel fairer und transparenter
Märkte, den Dissens in Vertragskonsens zu überführen, und
zwar horizontal, nicht vertikal über staatliche Instanzen (wie im
Gesundheits-, Bildungswesen usw.).
-
Die Glücksforschung der Ökonomen (seit 1974: Happiness
Economics) hat in Umfragen und Laborexperimenten herausgefunden, dass die
Lebenszufriedenheit nicht parallel mit der Wohlstandssteigerung wächst.
Der Zusammenhang beider Faktoren fällt so aus: a) Der Zuwachs an Glück
verläuft unterproportional im Vergleich zum Wohlstandszuwachs. b)
Nicht die absolute Einkommenssteigerung ist für die Lebenszufriedenheit
entscheidend, sondern die relative Einkommensposition; lieber nimmt man
ein niedrigeres Einkommen bei höherer Rangposition inkauf (Easterlin-Paradox).
c) Starke Glückskiller sind Arbeitslosigkeit und betriebliche sowie
soziale Rangverluste. d) Der Tausch Mehreinkommen gegen Familien- und Privatzeitopfer
schlägt schon mittelfristig auf die Lebenszufriedenheit negativ durch
- Folgerung für die Globalisierung: Das Wachstumsargument verliert
an Gewicht.
-
Die Auswirkungen des demografischen Wandels (Wirtschafwachstum
u.a.,) werden unterschätzt, die Auswege (Geburtenförderung u.a.)
überschätzt. Zuwanderung kann allenfalls qualitativ, nicht quantitativ
gut begründet werden. Tabus sind immer noch der Früherbeginn
des Arbeitslebens und die Beschäftigungsmöglichkeiten bis ins
hohe Alter.
-
Behandelt wurde das Kantonalkonzept Kohrs (vgl. Kapitel 22
im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹).
Das Konzept könnte die Globalisierung besser abfedern.
-
Moralphilosophisch kann man die Unterscheidung zwischen ethisch
gut/böse einerseits und ökonomisch effizient/ineffizient andererseits
zwar in der Theorie überzeugend treffen, nicht aber im lebenspraktischen
Kontext und auch nicht nach den Erkenntnissen der praktischen Philosophie.
Jede ökonomische Handlung ist ethisch zumindest grundiert, ob beim
Investieren, Sparen usw. Globalisierung und Moral hängen daher eng
zusammen.
-
Zur Ethik des Wettbewerbs rechnen (unter der Voraussetzung
von Fairneß, Transparenz und verbindlichen Rahmenregeln): Entmachtungs-
und Informationsfunktion (über Preise), Anreiz- und Sanktionsfunktion,
Wohlstands- und Solidarfunktion (über Humankapitalinvestitionen als
Innovationsfolge), Freiheits- und Verantwortungsfunktion (gegenüber
Leistungsschwachen zur Erhaltung des sozialen Friedens als fundamentale
Rahmenbedingung).
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Nachteile des Wettbewerbsprinzips: Innovation auf Kosten
von Tradition; Bestenideologie unter Vernachlässigung des Durchschnitts
(in der Technik u.a.); Abschattung nicht wettbewerbsregelbarer Lebensbereiche
(Erziehung, Familie usw.).
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Ausführlich besprochen wurde das Wettbewerbs- und Freiheitskonzept
Hayeks (vgl. Kapitel 19 im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem
gebändigten Staat‹).
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Der Parteienstaat hat sich in vielen Bereichen planwirtschaftlich
eingerichtet (Gesundheits-, Bildungspolitik u.a.m.) und damit die Wettbewerbsgewinne
zugunsten von Machtgewinnen geopfert.
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35. Ratlose Philosophen flüchten sich angesichts der
Globalisierung in die Arme der Ästhetik und Religion als Globalisierungsbezähmer.
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Poesie des Geldes?
Entwertungseffekte der Monetarisierung:
eine Kritik der narativen Geldtheorie von J. Hörisch
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
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Mit Geld kann die Zeit ausgewechselt werden. Dies geschieht
etwa durch Sparen, womit über Geld der Konsum jetzt zugunsten
eines künftigen Konsums aufgeschoben wird. Auch Kredite sind
Verfahren des Zeittausches zwischen Schuldnern und Gläubigern. Bedeutsamer
noch als solche Verschiebungen innerhalb der Lebenszeit sind andere Effekte
der Geldillusion anzusehen. Mit dem ›ewigen‹ Kreislauf des Geldes geht
nicht nur die Vorstellung einher, mit Geld könne man Zeit kaufen (wenn
gilt: time is money, dann auch: money is time), es tritt die Illusion hinzu,
Zeit
lasse sich unendlich verlängern. Daraus entstehen jene existenzialen
Selbstvergessenheiten, mit denen der Zeitschreck entwertet wird, ohne
den der Mensch einzig verstehen lernen kann, wer er ist. Der Schreck
besteht darin, erschüttert darüber zu sein, daß seine Lebenszeit
knapp und endlich ist. Keine Geldillusion kann diese Einsicht und existenzielle
Erfahrung aufheben. Entscheidend ist nun, daß die Einsicht nicht
nach
der Erfahrung, also am Lebensende, erst eintritt, sondern während
der Erfahrung von Knappheit und Endlichkeit. Dieses Gewahr- und Innewerden
sowie ein Sich-Fügen darin sind, um es in der Sprache Kants zu formulieren,
die Bedingung der Möglichkeit menschlicher Identität und Reife.
Nicht die geldillusionäre Entzeitlichungen, sondern der endzeitliche
Aufprall ermöglicht Humanität und Selbstvergewisserung. Das meinten
die Romantiker, wenn sie versuchten, die Unendlichkeit im Endlichen in
der Kunst ahnen zu lassen.
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Ob Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld: allen Tauschvorgängen
gemeinsam sind Äquivalenzschätzungen, das heißt
Wertfindungsprozesse, um adäquat tauschen zu können. Jeder Tausch
(Kauf) stellt nämlich eine Abstraktionsleistung dar, die mit
dem Geld wesentlich erleichtert wird. Die Wertvorstellungen pendeln sich
mehr auf der Geld- als auf der Warenseite ein. Darin besteht der entscheidende
Vorgang für die Genealogie des Denkens und der Sinnstiftung überhaupt.
Geld-Werte werden am Ende ausschließlich mit Geld-Werten verglichen
(wieviel Geld ist mir die Sache Wert im Vergleich zu...), so daß
Geld zum eigentlichen Abstraktionsmedium aufsteigt, und zwar über
das bloß anlaßbedingte Kaufen und Sparen hinaus. Am Geldausdruck
wird alles gemessen, was im Umkehrschluß bedeutet: Alles steht
unter dem Bewertungszwang des Geldes und gesteht den Sachen nur noch sekundäre
Bedeutung zu. Unter der Geldherrschaft werden die Werte der konkreten
Welt insofern ausgehöhlt, als nicht mehr so sehr (oder überhaupt
nicht) ihre originäre Bedeutung zählt, sondern ihr am Geld gemessener
Wert. Dieses monetäre Spiegelwelt geht an die Substanz der Welt,
wie an den Umweltschäden, an der Kommerzialisierungen, am Gesundheits-
und im Bildungswesen, in der Politik, kurz: in allen Lebensbereichen abzulesen
ist.
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Neben dem evolutionären und dem transzendentalen (Kant)
gibt es den konstruktivistisch-ökonomischen Ansatz, den schon
Novalis vorbrachte und der mit Nietzsche seine philosophische Weihe erhielt.
Novalis sah in den »Waaren« das »Relationsschema der
Wissenschaften überhaupt«, da mit jenen »jedes Ding substituiert
werden kann« (Bd. III seiner Schriften, Stuttgart 1968, S. 378 ff.).
Nietzsche dazu: »Preise machen, Werte abmessen, Ambivalente ausdenken,
tauschen – das hat in einem solchen Maße das allererste (!) Denken
des Menschen präokkupiert, daß es in einem gewissen Sinn das
Denken ist« (›Zur Genealogie der Moral‹, in: Bd. II seiner Werke,
München 1966, S. 811). A. Sohn-Rethel sah durch die Waren- und Geldform
das Transzendentalsubjekt geschaffen (»Zur kritischen Liquidierung
des Apriorismus‹, in: Warenform und Denkform, Frankfurt/M. 1978, S. 35)
und
hielt der Philosophie vor, die profane Monetarisierung ihrer Disziplin
als Kränkung zu empfinden und die Geldfundierung zu mißachten.
Das schnöde Geld präge aber nun mal die Kategorien des Bewußtseins,
weil der Tauschzwang als urmenschlicher Vorgang Abstraktionsleistungen
verlange. Logisch klärt auch dieser Ansatz das Petitio-principii-Problem
nicht, denn wenn sich das Transzendentalsubjekt in den Waren- und Geldformen
versteckt halte, muß es entweder in das menschliche Bewußtsein
über Lernprozesse hineingekommen sein (evolutionär), oder es
liegt eine apriorische Disposition von Anfang an vor (Kant), die von den
Waren- und Geldformen geweckt wird.
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Die Folgen aus dem Anfangsproblem halten sich in den Tauschvorgängen
verborgen. Hörisch stellt zurecht fest, daß Preise »Disparales...
unter einem Einheitsgesichtspunkt apperzipieren, strukturieren, beurteilen
und prädizieren« (S. 225). Mit der Monetarisierung als Äquivalenzakt
geht aber ein Profilverlust der bewerteten und getauschten Sachen notwendig
einher. Die Eigenart des Einheitspunktes (Preis) besteht ja gerade darin,
von Besonderheiten der Sache abzusehen und ihren Tauschwert auf der Geldebene
abstrakt (lateinisch: losgelöst) festzulegen. Dieser abstrakte
Tauschwert unterscheidet sich aber vom konkreten Sachwert, der sich im
Gebrauchs- oder ebenfalls geldfreien, also rein sachorientierten Schätzwert
äußert (z.B. bei einem Gemälde, das man unabhängig
vom Marktwert schätzt).
Was mit der Monetarisierung stattfindet,
ist eine Geltungsverschiebung von der Sach- auf die Geldebene. Mit
der Bepreisung ändern die Dinge zwar nicht ihren Sachcharakter, doch
tritt dieser zurück gegenüber dem abstrakten Äquivalenzwert
im Geldausdruck. Der ontologische Status der Sache verliert an Gewicht
allein schon dadurch, daß i.d.R. nicht alle Sacheigenschaften in
den Äquivalenzwert eingehen und daß die in die Schätzung
aufgenommenen Eigenschaften mit dem Wertprofil des Eigenschaftsensembles
selten identisch ist. Im Maßstab des Geldes spiegelt sich nicht
der ganze originäre Sachstatus wider. Primär zählt der geldwerte
Ausdruck einer Sache (Was hat das Auto gekostet? steht vor der Frage:
Welchen Herstellungswert oder Nutzen hat das Auto?). Geltung verschafft
vorrangig der Geldwert einer Sache, erst danach die Sache selber.
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Tauschzwänge begleiten das Leben vom Einzeller bis zum
Menschen. Kein Lebewesen kann allein aus sich heraus existieren. Beim Prozeß
der Hominidenwerdung entstand, evolutionär betrachtet, irgendwann
das Denken durch strukturierendes Abstrahieren, d.h. durch Vergleiche von
Situationen und Sachen, die einer Risiko- und/oder Äquivalenzvorstellung
auslösten. Bei Hörisch schaffte dies das Geld: Als »Medium
einer Zweitcodierung« verweise es auf Sachen (griechisch: physis)
und auf Entzeitlichung (metaphysis).
Im Geld sei das Transzendentalsubjekt
versteckt
(S. 230). Kant, so Hörisch weiter, werde erst überzeugend,
wenn man ihn monetärisch übersetzt: Geld sei intellektuell und
sinnlich, »es steht mit den Kategorien (der Quantität, Qualität,
Relation, Modalität) wie mit den Erscheinungen (der Waren und Dienstleistungen)
in Gleichartigkeit, ja, es sei das Medium der Herstellung von Homogenität
– von Äquivalenz« (S. 228).
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© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
. Wiedergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors.
Der Volltext kann gegen eine Selbstkostengebühr bezogen werden. Anschrift:
vgl. Willkommenseite.
Literatur:
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Dauenhauer, E.: Erzählendes Sein, in: Walthari-Heft 34/2000, S. 110-117.
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Heidegger, M.: Sein und Zeit, 15. Auflage, Tübingen 1979.
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Hörisch, J.: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, Frankfurt/M.
1996.
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Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe Darmstadt 1970.
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Nietzsche, Fr.: Zur Genealogie der Moral und Jenseits von Gut und Böse,
in: Werke, Bd. II und Bd. III, München 1966.
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Novalis: Schriften, Bd. III, Stuttgart 1968.
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Sohn-Rethel, A.: Warenform und Denkform, Frankfurt/M. 1978.
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