Walthari



 

Veranstaltung im Sommersemester 2011
im Rahmen des Studiums generale
an der Universität in Landau

von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer


 
 
1. März 2011

Thema
Grenzprobleme und Grenzüberschreitungen 
des ökonomischen Denkens und Handelns




Beginn: 28. April 2011
Wochentag:  jeweils donnerstags nach Anzeige (vgl. unten)
Zeit: 16.00 – 18.00 Uhr
Ort: Rote Kaserne, Fußgängerzone, Marktstraße 40
Raum: 104

Veranstaltungsart: öffentlich, auch für Gasthörer, freier Teilnehmerzugang
Veranstaltungshinweise erfolgen vor jedem Termin in diesem WALTHARI-Portal unter Fenster Wissenschaftsforum
Unterfenster.  ›Veranstaltungsangebote im Rahmen des Studiums generale‹.

Kommentierung
Die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft ist von 73 Prozent (1994) auf
48 Prozent (2010) gesunken. Die Gründe sind nicht allein in der jüngsten
Wirtschafts- und Finanzkrise zu suchen, sondern auch im Versagen der Wirtschaftswissenschaften, deren weitgehend abstrakten Modelle die ökonomische Realität nicht ausreichend abbilden und deren didaktische Aufklärungsfähigkeit gegen Null tendiert. Daher häufen sich die Übergänge von der Marktwirtschaft zur Planwirtschaft, die sich ihrerseits ein gesteigertes historisches und systemalisches Versagen vorhalten lassen muß. Diesen innerökonomischen Grenzproblemen und Grenzüberschreitungen stehen Phänomene an der ökonomischen Systemgrenze zur Seite: Ökonomie und Biologie; Ökonomie und Philosophie; Ökonomie und Soziologie (Systemtheorie); Ökonomie und Politik usw. Mit den disziplinintern noch weitgehend vernachlässigten Wirtschaftskategorien liegt ein Schlüssel zum Verständnis der vielschichtigen Problemlage vor.

Literaturangaben (Auswahl)
• Brodbeck, K.-H.: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, 1998
• Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien. Ein Beitrag zum Verstehen wirtschaftlicher Grundlagen, 2. Auflage 2011
• Hénaff, M.: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie, 2009
• Kapitalismus als Schicksal? Zur Politik der Entgrenzung, Merkur-Sonderheft 1997
• Otto, K. St. / Speck, Th. (Hrsg.): Darwin meets Business, 2011
• Vogl. J.: Das Gespenst des Kapitals, 2011

Ergänzende Hinweise
Weitere Erläuterungen und Literaturhinweise finden sich fortlaufend in  diesem WALTHARI-Portal    http://www.walthari.com/wissenschaftsforum.htm 
 
 


Geplante Veranstaltungsthemen

1. Die vielen Ökonomien und das eine Ökonomische
Diskussionsthema: Bedingungsloses Grundeinkommen

2. Wirtschaftskategoriale Währungspolitik
Diskussionsthema: Die Eurokrise

3. Wirtschaftskategoriale Gesundheitspolitik
Diskussionsthema: Wie krank ist das deutsche Gesundheitssystem?

4. Wirtschaftskategoriale Bildungspolitik
Diskussionsthema: Kindergarten- und Studiengebühren 
– Bildung als meritorisches Wirtschaftsgut?

5. Soziologische Attacken: Marktwirtschaft in der Krise
Diskussionsthema: Postmoderne Kapitalismuskritik

6. Was können Ökonomen von Biologen lernen? 
Diskussionsthema: Funktioniert die Wirtschaft nach evolutionsbiologischen Mustern?

7. Geld und Gabe – philosophische Reflexionen bei Marcel Hénaff
Diskussionsthema: Widerstreiten humanitäre Universalien den Wirtschaftskategorien?


VERANSTALTUNG 

Thema: 
Evolutionäre Ökonomie? 
Was können Ökonomen von Biologen lernen?

Vorweg: Von Ernst Haeckel bis Mao Tse Tung

I. Einige Grundsachverhalte der Evolutionsbiologie
Anpassung - Gendrift - Entwicklung - »Kampf ums Dasein« - Selektion  u.a.

II. Allgemeine Evolutionstheorien
kosmologische – bionische – ethnologische u.a.

III. Evolutionäre Ökonomie?
Die Grundfrage – Beispiele – evolutionäre Faktoren – deterministisches Chaos u.a.

IV. Ökonomie im Wachstumsdilemma
Grundaxiom – These – Dilemma – dynamisches Gleichgewicht

V. Kritik am parteienstaatlichen Rahmen
 



Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch Wirtschaftskategorien mitzubringen.

Spezielle Literaturhinweise
- Dauenhauer, E.: Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat
- Im Quantenkosmos, Heft 56 der Literaturzeitschrift WALTHARI .

26. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 
 


 VERANSTALTUNG

Thema: 
Oikodizee – die achte Kränkung der Menschheit

I. Kränkungen des Homo sapiens im Überblick

II. Oikodizee als metakategoriale Grundstruktur

III. Oikodizee aus anthropologischer Perspektive 

IV. Oikodizee aus kapitalismuskritischer Perspektive


Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch Wirtschaftskategorien mitzubringen.

13. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 


VERANSTALTUNG

Thema: 
Soziologische Attacken: Marktwirtschaft in der Krise

I. Schwindende Marktakzeptanz

II. Der Markt: Begriff und Eigenschaften
1. Marktbegriff
2. Markteigenschaften

III. Falsche Markterwartungen 

IV. Staatliche Rahmenplanung
1. Grundaxiome der Marktwirtschaft 
2. Moralische Wunschpostulate
3. Staatliche Rahmenfakten

V. Varianten der Marktwirtschaft
1. Die deutsche Nachkriegs-Variante
2. Die Keynes-Variante
3. Die Kohl-Merkel-Variante
4. Die SchariaVariante



Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch Wirtschaftskategorien mitzubringen.

Literaturhinweis
Wirtschaftsethische Aspekte der sozialen Marktwirtschaft, Kapitel 7 in: 
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft, Bd. II, 7. Auflage, 
Münchweiler 2002, S. 114 ff.

8. Juni 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 


VERANSTALTUNG

Thema: 
(Berufs-)Bildungspolitik im wirtschaftskategorialen Test

I. Die Lehrerschaft: Schlüsselfiguren aller Bildungsbemühungen
1. Zur Lage
2. Zur Idealgestalt des Lehrers 

II. Bildung als persönliches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Gut
1. Bildungsdimensionen
2. Bildungsverkürzungen
3. Bildung als gesellschaftliches Gut
4. Bildung als wirtschaftliches Gut

III. (Berufs-)Bildungspolitik 
1. Bildung als meritorisches Gut
2. Folge der Meritorisierung
3. Grundkonflikt Gesellschaft versus Staat
4. Verpreisung von Bildungsangeboten

IV. Wirtschaftskategorialer Test

V. Aktueller Bericht aus dem Schulalltag (Dr. Weichlein)


Ich bitte die Hörer, das Grundlagenbuch Wirtschaftskategorien mitzubringen.

Frank Fernandez hat im Nachgang zur letzten Veranstaltung den nachfolgenden Text eingereicht. 

15. Mai 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 


GESUND(HEIT) IST (EIN) GUT
Von Frank Fernandez

Das ICH ist relativ gesund.
Dies sagen ihm: sein Geist und Körper
die Seele, seine Beziehung(en) zum Du
und sein spirituelles Ich-Bewusstsein

Der Geist windet sich häufig in Sprach-Verwirrungen
wenn es um Verordnungen und Zwangsabgaben geht,
die ein wichtiges öffentliches Gut bewirtschaften sollen,
es aber eher bürokratisch verwalten:

Gesundheit

Der Körper regt sich und bekommt Ausschläge,
wenn er bemerkt, dass er selbst
ver-messen wurde:
15 Minuten waschen,
dann ab in die Kiste!
Dem gebeutelten Arzt und dem Pflegepersonal
sitzt er gegenüber
und blickt in ihre getakteten Augen.
Gedemütigte Götter in weiß:
Gerne würde er mit Ihnen einen
persönlichen Behandlungsvertrag abschließen

In der rotierenden Mühle des
planwirtschaftlichen Gesundheitssystems

entkommt auch nicht die Seele,
die Freiheiten braucht,
den Sinn der Einfachheit kennt.
Das Individuum ahnt, dass dieses System weit vom Eid
des Hippokrates entfernt ist:
Wo ist der Mehrwert für den Arzt,
wenn er die zwangsverordnete Praxisgebühr verwaltet?
Die politischen „Akteure“ verstehen
das Gesundheitssystem selbst nur fragmentarisch.
Pinocchio belächelt ihre langen Nasen.

Therapieansatz: Mut zur Verantwortungsethik

Die medial-politischen Kartelle überziehen
die Menschen im Netz,
in das Individuen gerne selbstvergessen fallen
auch wenn Mephistos Wiederkehr kaum zu übersehen ist:
Gift statt Medizin

Wo ist die Beziehung zum Du,
zum Arzt, der den Kranken
nach seinem hohen Berufsethos
mit ihm gemeinsam zu heilen hat?

In Beziehung zu anderen
spürt das Individuum die spirituelle Unruhe,
die auch sie aufwühlt:

Ratlosigkeit in einem Gesundheitslabyrinth.
 


VERANSTALTUNG


 


Thema: Planwirtschaftliche Gesundheitspolitik
- Das Gesundheitswesen im wirtschaftskategorialen Test

I. Zum Gesundheitsbegriff
1. Medizinisch
2. Soziologisch
3. Wirtschaftlich
4. Politisch
5. Rechtlich

II. Gesundheit als Gut
1. Subjekt (persönlich)
2. Wirtschaftlich
3. Sozial (psychologisch)

III. Gesundheitspolitik 

IV. Ziele der Gesundheitspolitik

V. Wirtschaftliche Daten zum Gesundheitswesen

VI. Systemgestalt des deutschen Gesundheitswesens

VII. Tendenzen und Reformen

VIII. Nachhaltige Reform

IX. Wirtschaftskategoriale Prüfung anhand der Kategorientafel


Seit dem Jahre 2004 erscheint in diesem WALTHARI-Portal eine Artikelfolge über die planwirtschaftliche Gesundheitspolitik.

Der folgende Teil 4 erschien am 19. November 2005, Teil 10 am 20. März 2009.

Aus dem Tollhaus planwirtschaftlicher Gesundheitspolitik
Teil 4 
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

»Verdächtig und im höchsten Maße zur Vorsicht mahnend ist der immer größere Einfluß, den der Staat auf den Gesundheitsbetrieb zu nehmen beginnt, meist unter sozialen Vorwänden. Dazu kommt, daß infolge weitgehender Entbindung des Arztes von der Schweigepflicht bei allen Konsultationen Mißtrauen zu empfehlen ist. Man weiß doch nie, in welche Statistik man eingetragen wird, und zwar nicht nur bei den Medizinalstellen. All diese Heilbetriebe mit angestellten und schlecht bezahlten Ärzten, deren Kuren durch die Bürokratie überwacht werden, sind verdächtig und können sich über Nacht beängstigend verwandeln, nicht nur im Kriegsfalle. Daß dann die musterhaft geführten Kartotheken wieder die Unterlagen liefern, auf Grund deren man interniert, kastriert oder liquidiert werden kann, ist zum mindesten nicht unmöglich.« 

Diese schwarzen Visionen hatte Ernst Jünger im Jahre 1951 (in: ›Der Waldgang‹, S. 69). Drei seiner vier Befürchtungen sind mittlerweile eingetreten (planwirtschaftliche Staatsmedizin, Ruin des ärztlichen Ethos und bürokratische Totalerfassung). Da niemand vor einem halben Jahrhundert geglaubt hätte, daß auch nur die harmloseste der schwarzen Visionen irgendwann Wirklichkeit würde (bürokratische Totalerfassung), lehrt die Schlußprophetie das Fürchten.

Der Hippokratische Eid (modern: das Gelöbnis laut ärztlicher Berufsordnung) billigt den Ärzten zu, ihren »Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde auszuüben«. Von Würde kann angesichts der eingetretenen Lage keine Rede mehr sein. Immer mehr Mediziner verlassen ihre innere Emigration, wandern aus oder entschließen sich zu lauten öffentlichen Protesten – schrille Alarmsignale aus einem Berufsstand, der zu den angesehensten und ältesten der Menschheit zählt und der sich staatssozialistisch so niedergeknüppelt fühlt, als lebte er in diktatorischen Zeiten. Was ist geschehen? Hier nur wenige Schlaglichter. 
- 7.000 (siebentausend) neue (!) Einzelbestimmungen prägen den Arztalltag. Allein die Fülle und die Veränderungsgeschwindigkeit überfordern Praxen und Krankenhäuser. Die GOÄ besteht aus 2.500 Einzelbestimmungen. 

  • Der Verwaltungsaufwand infolge übertriebener Dokumentierungen, statistischer Erhebungen usw. hat (1) die Arbeitszeiten in unerträgliche Höhe getrieben, (2) auf Kosten der eigentlichen medizinischen Tätigkeiten und (3) der persönliche Fortbildung. Die Bewältigung der fachlichen Informationsflut (in Fachzeitschriften usw.) muß zurückstehen gegenüber einer aufgezwungenen Bürokratie. Stationsärzte sitzen vier bis fünf Stunden täglich am Rechner.
  • Medizinische Praxen sehen sich als Umverteilungsagenten mißbraucht (Praxisgebühr, Integrierte Versorgung u.v.a.). Als das Sozialgericht Düsseldorf im März 2005 entschied, daß Mahn-, Port-, Anwalts- und Gerichtsgebühren, die bei Klagen gegen säumige Zahler der Praxisgebühr dem Schuldner nicht aufgebürdet werden dürfen (Az.: S 34 KR 269/2004), schwand das Rechtsvertrauen eines ganzen Berufsstandes.
  • Praktizierende Ärzte empfinden die Kassenärztlichen Vereinigungen vielfach nicht als ihre Interessenvertretung. Der Vertrauensverlust geht nicht allein auf die bekannten Skandale um die Funktionärsvergütungen zurück (vgl. beispielhaft HB Nr. 48/05, S. 5), es liegt auch an der etatistischen Verfassung der KVen. Man lese dazu § 2, Ziffern 8.1 bis 14 der ›Vorläufigen Satzung der KV BWB‹. 
  • Das neu gestaltete Honorierungssystem führt zu dramatischen Einnahmeneinbrüchen (zwischen 10 und 20 Prozent). Die GOÄ bildet die Behandlungsrealität so wenig ab wie das komplizierte Punktesystem. Planwirtschaft pur. 
Freiheit und Ethos der Ärzte sind der »Entprofessionalisierung ärztlicher Berufsausübung« (Deutsches Ärzteblatt Nr. 20/04, S. A 1409 ff.) zum Opfer gefallen. Die Folgen: zunehmender Ärztemangel infolge von Auswanderungen, Wechsel zur Pharmaindustrie usw. »Wir wollen keine moderne Sklaven eines maroden und diktatorischen Systems sein.« Nach einer Umfrage der ›Ärztezeitung‹ würden rund 40 Prozent der Mediziner diesen Beruf nicht mehr wählen. Verharmlosend sprechen Gesundheitspolitiker von einer ›Versorgungslücke‹, wo doch in Wahrheit dramatische Notstände ins Haus stehen: Immer mehr regionale und kommunale Krankenhäuser werden aus wirtschaftlichen Gründen schließen (Prognose von ›Ernst & Young‹), wodurch die Risiken bei der Notfallversorgung steigen werden.

Als ob nicht schon genug Unheil angerichtet worden wäre, will die alte und neue Gesundheitsministerin die ärztlichen Honorarsätze planieren: Gesetzliche und private Patienten sollen »gleichgestellt« werden, ein klassischer Fall sozialistischer Vernebelung mit der Wortkeule ›Gleichstellung‹. Abgesehen von dem massiven Eingriff in die Vertragsfreiheit Privater, verkennt die SPD-Dame die Kostenausgleichsrealität insbesondere bei Zahnärzten. Der Verband der privaten Krankenversicherung versteht die Pläne denn auch als Verstaatlichungsmaßnahme – eine reichlich späte Einsicht. Und noch ein Keulenschlag gegen den Wettbewerb ist zu erwarten: Die gesetzlichen Krankenkassen (derzeit etwa 260) sollen auf »30 bis 50« reduziert werden. Staatliche Kontrollen sind dann noch leichter möglich. Ursula Lehr meinte einmal: »Der alte Arzt spricht lateinisch, der junge Arzt englisch. Der gute Arzt spricht die Sprache des Patienten«. Man könnte ergänzen: der planwirtschaftlich geknebelte Arzt hat vor Schreck die Sprache verloren.
© WALTARI-Zeitung, Aus: www.walthari.com



Literatur
Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien, 2. Auflage
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft, 7. Auflage

9. Mai  2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 


VERANSTALTUNG


 


Thema: Wirtschaftskategoriale Währungspolitik
Diskussionsthema: Die Eurokrise

I. Währung und Währungspolitik: Merkmale, Aufgaben
1. Währungsmerkmale 
2. Aufgaben der Währungspolitik

II. Währung und Währungspolitik im wirtschaftskategorialen Test 
(anhand der Kategorientafel)

III. Der Euro auf dem Prüfstand 
1. Das währungsrelevante Regelwerk
2. Der Euro unter wirtschaftskategorialer Perspektive

IV. Euro-Rettungsversuche

Literatur
Dauenhauer, E.: Wirtschaftskategorien, 2. Auflage
Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft, 7. Auflage

1. Mai  2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 


Geldpolitische Zwickmühle

Nicht nur Fachleute befürchten, daß mit der Einführung einer einheitlichen EU-Währung die Sparer und Bezieher fester Einkommen Geldwertverluste hinnehmen müssen. Die staatlich verordnete Umstellungspraxis im Zuge der Vereinigung Deutschlands (vgl. Kapitel 11) nährt das Mißtrauen besonders in der deutschen Bevölkerung. Darüber hinaus bestehen Zweifel am Stabilitätswillen mancher Regierungen. Eine Währung kann durch übermäßige Staatsverschuldung, wohlfahrtsstaatliche Überdotierung, grenzenlose Regionalförderung usw. unter Druck geraten. Hält die europäische Zentralbank einen strengen Geldmengen- und Zinskurs durch, wird es zu einer noch höheren Arbeitslosigkeit (1997 EU-weit: 18 Mio.) und zur Zahlungsunfähigkeit sozialstaatlicher Institutionen kommen. Lockert die EZB ihren Stabilitätskurs, entwertet sie Sparvermögen in gigantischen Ausmaßen. Die Lage wird sich durch die Neuaufnahme weiterer subventionshungriger Länder (Osterweiterung) zwangsläufig verschärfen. Das Maastrichter Europamodell hat also gute Chancen, von einer Kopfgeburt der politischen Klasse zu einem europäischen Unruheherd zu mutieren. Konkurrierende Europamodelle auf konföderativer Basis werden derzeit vollkommen ausgeblendet. 
(Aus: Dauenhauer, E.: Kategoriale Wirtschaftswissenschaft, Bd. II, 7. Auflage 2002, S. 250).


VERANSTALTUNG

Thema: Die vielen Ökonomien und das eine Ökonomische

I. Die Ökonomien (als Wissenschaften) im Trend der Wissensexplosion und Spezialisierung
1. Stationen der Spezialisierung
2. Folgen der Überspezialisierung

II. Auf der Suche nach dem Ökonomischen als Fundament allen wirtschaftlichen Denkens und Handelns 
1. Fehlversuche
2. Wirtschaftskategorien als Fundament alles Ökonomischen
3. Anwendungsfall: Bedingungsloses Grundeinkommen

Veranstaltungshinweise
Allen Veranstaltungen lege ich mein Buch ›Wirtschaftskategorien‹ (2. Auflage 2011) zugrunde. Es ist in der Erstausgabe in der Universitätsbibliothek verfügbar und kann als 2. Auflage zum Sonderpreis beim Autor erworben werden. Für alle Hörer bringe ich außerdem eine Textvorlage zum Grundeinkommen mit.

19. April 2011
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 
 
 



Erkenntniserträge
der Vorlesung im Sommersemester 2007 an der Universität in Landau 
Bürgerlichkeiten in Zeiten der globalisierenden Ökonomie
  1. Globalisierung als Austausch auf wirtschaftlichem, kulturellem beruflichem religiösem u.a. Gebiet ist ein jahrtausendealtes Begleitphänomen der Zivilisationsentwicklung. Hauptmotor war und ist stets die Wirtschaft. In der Moderne kommen vor allem die Wissenschaften als Antriebskraft hinzu. 
  2. Zu allen Zeiten gab es Gewinner und Verlierer, doch die Verluste im Schatten des globalen Nutzenüberschusses werden in der Nachmoderne nicht mehr ohne Widerstand hingenommen. Auch wenn Globalisierungsgegner in Teilen übers Ziel hinausschießen (ideologisch und gewaltinduzierend), ihr Widerstand zeugt zumindest von berechtigter Unruhe aus der Verliererperspektive.
  3. Globalisierungsgewinne sind – die Umwelt ausgenommen – auf allen Ebenen zu verzeichnen: bei Haushalten (breiteres und teilweise auch preiswerteres Konsumangebot, Einkommenszugewinne. globaler Reiseverkehr usw.); bei Unternehmen (Kostenersparnisse durch Vernetzungsvorteile vom Einkauf bis zum Absatz), bei Volkswirtschaften (höheres BIP durch Exportsteigerungen usw.).
  4. Zu den Hauptgewinnern zählen entwickelte Länder. Den Globalisierungsindex der Gewinner führen Singapur, die Schweiz, die USA, Irland und Dänemark an; Deutschland nimmt die 18. Position ein. Einen Globalisierungsindex von Verlierern gibt es bisher nicht. 
  5. Wettbewerb und (Vor-)Machtsstreben sind zentrale Systemmerkmale der Globalisierung, nicht Solidarität.
  6. Globalisierung als machtgeleiteter Wettbewerb überfordert vielfach die menschliche Natur, nicht allein moralisch und nicht allein die Schwachen, sondern ganz allgemein auch lebenspraktisch.
  7. Allerdings zwingt der sog. Teufels-Test (G. Vico, I. Kant) die Menschen, auf den heranrollenden Globalisierungswellen zu ›reiten‹. Die rechtsmoralische Regel (Ultra posse nemo obligatur) muß unter dem Druck einer Einsicht weichen, die Kant als Teufels-Test so ausdrückt (in: ›Zum ewigen Frieden‹).   »... ›Eine Menge von vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen, deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.‹ Ein solches Problem muß auflöslich sein. Denn es ist nicht die moralische Besserung der Menschen, sondern nur der Mechanism der Natur, von dem die Aufgabe zu wissen verlangt, wie man ihn an Menschen nutzen könne und den Widerstreit ihrer unfriedlichen Gesinnungen in einem Volk so zu richten, dass sie sich unter Zwangsgesetze zu begeben einander selbst nötigen, und so den Friedenszustand, in welchem Gesetze Kraft haben, herbeiführen müssen« (Hervorhebungen: E.D.): Der ›Teufels‹-Test mit eigenen Worten: Vorausgesetzt, es gelänge eine Weltordnung, in der nicht nur ein provisorischer, sondern andauernder (ewiger) Friede herrschen kann, weil das Recht die Herrschaft angetreten hat, dann wird dieses Ordnung nicht allein weltweit jedem Menschen rechtliche, sondern auch wirtschaftliche Vorteile in einem Ausmaß verschaffen, dass selbst der Teufel zustimmen müsste. Das liegt weniger an der moralischen Haltung der Menschen als in ihrem Eigennutzstreben begründet, das sie, um den eigenen Nutzen zu mehren, zur Vorteilsverschaffung bei Mitmenschen antreibt, d.h. zum Wettbewerb. - Danach ist ein Weltbürgertum in der Hoffnung auf eine »moralische Besserung des Menschen« allein nicht zu haben, hinzukommen muß nach Kant die Einsicht, dass der »wechselseitige Eigennutz...« als »Mechanism in den menschlichen Neigungen« ins Spiel zu bringen sei. Das hat Kant von S. Pufendorf gelernt. 
  8. Berufsqualifikatorisch verlangt diese Einsicht  den Schritt von Fachqualifikationen zu Strukturqualifikationen.
  9. Von den Rationalisierungseffekten (aus globalisierenden Austauschprozessen) profitieren die Vorstände großer Konzerne am meisten. Bei den Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen lag die Einkommensspanne im Jahre 2006 zwischen 2,245 Mio. und 13,591 Mio. Euro.
  10. Gewinnfördernd auf Unternehmensebene sind u.a. der Zugang zu billigeren Rohstoffen, zu kostengünstigen Standorten, zu weltweitem Wissen und zu Normierungen. 
  11. Auf volkswirtschaftlicher Ebene wirken sich insbesondere der Standort-, Forschung- und Steuerwettbewerb sowie die Terms of Trade ertragssteigernd aus.
  12. Am fortgeschrittensten ist die Globalisierung im Finanz- und Medienbereich, im Sport, in den Wissenschaften sowie im Kunst- und Reisebetrieb, am wenigsten im Arbeitsrecht und Sozialwesen.
  13. Den Gewinnen stehen erhebliche Globalisierungsverluste gegenüber. Sie werden von den großen Nutznießern heruntergespielt. Politisch kommt es zu Hoheitsverlusten. Schwerwiegend auch die Verödung von Regionen, die Traditionsverluste, Umweltschäden (durch gesteigerten globalen Verkehr), die volkswirtschaftlichen Qualifikationsverluste (durch Ab- und Auswanderung, besonders negativ in Entwicklungsländern), die familiären Verluste (u.a. durch dislozierte Berufswahrnehmungen), das Branchensterben. ‚Daneben ein extremes Ausfallrisiko bei Energie und Rohstoffen, ein geringeres Ausbildungsangebot (infolge fehlenden regionalen Angebots), eine Steigerung des Stadt-Land-Gefälles, eine oligarche Medien- und Wirtschaftsstruktur (durch Fusionen) u.a.
  14. Das Globalisierungstempo wird in den nächsten Jahren vermutlich nicht weiter zunehmen. Einige Fachleute sagen sogar eine Abschwächung voraus, allein schon infolge der Klimaschäden und der demographischen Veränderungen. 
  15. Dennoch stehen erhebliche weitere Globalisierungsschübe bevor. So wird sich die Branchenstruktur zugunsten des Dienstleistungssektors weiter verändern. Fortschritte im technologischen und IT-Bereich werden die Unternehmen, Privathaushalte, den Verkehr usw. weiterhin global und damit nivellierend ausrichten. 
  16. Neben der Finanzwirtschaft und dem Klimaschutz ist die Entwicklungshilfe das strittigste Feld der Globalisierung. Nach mehrfachem Paradigmenwechsel gilt sie (nicht die Nothilfe) weitgehend als gescheitert. 
  17. Hauptakteure der Globalisierung sind nicht Politiker, sondern Unternehmer. Eine gewisse Zähmung könnte die freiwillige Selbstverpflichtung mit einem Unternehmer-Eid bewirken (Text in diesem WALTHARI-Portal).
  18. Die Moralphilosophie unterzieht die Globalisierung einer Fundamentalkritik, weil ökonomische Nutzenkalküle alle Lebensbereiche (auch die Wissenschaft, Bildung, Politik usw.) erfasst haben (Superstruktur) und andere Rationalitäten (Tradition, Allgemeinbildung usw.) in den Hintergrund drängen. 
  19. Die Wirtschaftsethik analysiert die Problemfelder der Ökonomik: von ihren falschen Versprechungen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung u.a.) bis zum Do-ut-facias-Mechanismus. 
  20. Der G8-Gipfel in Heiligendamm (Juni 2007) wird von der Mehrheit der politischen Klasse und der Medien weltweit überwiegend als Erfolg gefeiert, obschon nur ein einziges bedeutsames Ergebnis erzielt wurde: Der globale Klimaschutz steht künftig unter der Kontrolle der UNO...  47,3 Prozent des Ausstoßes von Treibhausgas stammen von den G8-Ländern, davon die Hälfte allein von den USA, die die Atmosphäre mehr schädigen als alle Schwellenländer (China, Indien, Brasilien u.a.) zusammen. Gänzlich ohne Ergebnis blieb der G8-Gipfel bei der Zähmung der globalen Finanzwirtschaft: Die Hedge-Fonds z.B. können weiterhin wildern und sogar Dax-Firmen aus dem Gleichgewicht bringen, deren zumeist breite Aktionärsstreuung keinen Schutz vor dem Räuberspiel bietet. Beispiel BASF: 100 Prozent Free Float, 45,1 Prozent Inländeranteil, 28 Prozent Privatanleger, 56,9 Prozent Hauptversammlungs-Präsenz (2006).
  21. Zu den bürgergesellschaftlichen Schreckreaktionen gehören u.a. das Unterlaufen des Euro durch Regionalwährungen (Roland u.a.) und durch die Epikur-Strategie. 
  22. Das bürgergesellschaftliche Fundament dazu schuf Samuel Pufendorf (vgl. Kapitel 13 im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹; Näheres in diesem WALTHARI-Portal unter Sachbücher). 
  23. Die moralphilosophische Kritik (so in: Philosophische Rundschau, Jg. 2006, S. 130-153) interpretiert die Ethik der Anreizsysteme falsch und setzt auf den Hegel’schen starken Staat. Eine Weltregierung (als Kontrolleur der Globalisierung) würde aber, soweit sie überhaupt zustande käme, so wenig erfolgreich sein wie alle Friedensbemühungen im Nahen Osten und auf dem Balkan. 
  24. Was versteht man unter einer Bürgergesellschaft? Dieser Frage geht Kapitel 1 des Buches ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ nach. Vorgestellt werden die Strukturmerkmale und Elemente des Ordnungsmodells, das die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse horizontal statt vertikal anlegt.
  25. Friedrich Schiller hat in seinen ›Ästhetischen Briefen‹ das bürgergesellschaftliche Ordnungsmodell in wesentlichen Punkten bereits beschrieben. An der Bruchstelle zur Moderne verwies er auf das Phänomen der Entfremdung durch »barbarische« Verhältnisse, aus denen heraus der Verstand (die Aufklärung) allein nicht führen könne. Hinzu kommen müßten ästhetische Erfahrungen und aisthetische Charakterbildung. Nicht Verkopfung, sondern Empfindungsfähigkeit ermögliche den »ästhetischen Staat«, in welchem die Moral und das Politische, die Freiheit und Bürgerlichkeit gleichsam emergent sich einstellen.
  26. Die Kritik der Moralphilosophie an der Ethik des Marktes überzeugt nicht in allen Punkten. Berechtigt erscheinen Einwände gegen den Wachstums- und Konsumfetischismus. Die Vorstellung hingegen, den Kapitalismus durch »ökonomiefreie Gesellschaftszonen« zivilisieren zu können, ist so weltfremd und zum Scheitern verurteilt wie der Versuch Lenins, eine moderne Gesellschaft ohne Geld lebensfähig zu erhalten. Das Konsenspostulat (J. Habermas u.a.) erweist sich als utopischer Moralismus, weil es die Normalität von Dissens ethisch unterminiert. Es ist gerade das moralische Kooperationsziel fairer und transparenter Märkte, den Dissens in Vertragskonsens zu überführen, und zwar horizontal, nicht vertikal über staatliche Instanzen (wie im Gesundheits-, Bildungswesen usw.).
  27. Die Glücksforschung der Ökonomen (seit 1974: Happiness Economics) hat in Umfragen und Laborexperimenten herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit nicht parallel mit der Wohlstandssteigerung wächst. Der Zusammenhang beider Faktoren fällt so aus: a) Der Zuwachs an Glück verläuft unterproportional im Vergleich zum Wohlstandszuwachs. b) Nicht die absolute Einkommenssteigerung ist für die Lebenszufriedenheit entscheidend, sondern die relative Einkommensposition; lieber nimmt man ein niedrigeres Einkommen bei höherer Rangposition inkauf (Easterlin-Paradox). c) Starke Glückskiller sind Arbeitslosigkeit und betriebliche sowie soziale Rangverluste. d) Der Tausch Mehreinkommen gegen Familien- und Privatzeitopfer schlägt schon mittelfristig auf die Lebenszufriedenheit negativ durch - Folgerung für die Globalisierung: Das Wachstumsargument verliert an Gewicht. 
  28. Die Auswirkungen des demografischen Wandels (Wirtschafwachstum u.a.,) werden unterschätzt, die Auswege (Geburtenförderung u.a.) überschätzt. Zuwanderung kann allenfalls qualitativ, nicht quantitativ gut begründet werden. Tabus sind immer noch der Früherbeginn des Arbeitslebens und die Beschäftigungsmöglichkeiten bis ins hohe Alter. 
  29. Behandelt wurde das Kantonalkonzept Kohrs (vgl. Kapitel 22 im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹). Das Konzept könnte die Globalisierung besser abfedern.
  30. Moralphilosophisch kann man die Unterscheidung zwischen ethisch gut/böse einerseits und ökonomisch effizient/ineffizient andererseits zwar in der Theorie überzeugend treffen, nicht aber im lebenspraktischen Kontext und auch nicht nach den Erkenntnissen der praktischen Philosophie. Jede ökonomische Handlung ist ethisch zumindest grundiert, ob beim Investieren, Sparen usw. Globalisierung und Moral hängen daher eng zusammen.
  31. Zur Ethik des Wettbewerbs rechnen (unter der Voraussetzung von Fairneß, Transparenz und verbindlichen Rahmenregeln): Entmachtungs- und Informationsfunktion (über Preise), Anreiz- und Sanktionsfunktion, Wohlstands- und Solidarfunktion (über Humankapitalinvestitionen als Innovationsfolge), Freiheits- und Verantwortungsfunktion (gegenüber Leistungsschwachen zur Erhaltung des sozialen Friedens als fundamentale Rahmenbedingung).
  32. Nachteile des Wettbewerbsprinzips: Innovation auf Kosten von Tradition; Bestenideologie unter Vernachlässigung des Durchschnitts (in der Technik u.a.); Abschattung nicht wettbewerbsregelbarer Lebensbereiche (Erziehung, Familie usw.).
  33. Ausführlich besprochen wurde das Wettbewerbs- und Freiheitskonzept Hayeks (vgl. Kapitel 19 im Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹).
  34. Der Parteienstaat hat sich in vielen Bereichen planwirtschaftlich eingerichtet (Gesundheits-, Bildungspolitik u.a.m.) und damit die Wettbewerbsgewinne zugunsten von Machtgewinnen geopfert.
  35. 35. Ratlose Philosophen flüchten sich angesichts der Globalisierung in die Arme der Ästhetik und Religion als Globalisierungsbezähmer. 

  36. © WALTHARI® – Aus: www.walthari.com




Poesie des Geldes?
Entwertungseffekte der Monetarisierung: 
eine Kritik der narativen Geldtheorie von J. Hörisch
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 
  1. Mit Geld kann die Zeit ausgewechselt werden. Dies geschieht etwa durch Sparen, womit über Geld der Konsum jetzt zugunsten eines künftigen Konsums aufgeschoben wird. Auch Kredite sind Verfahren des Zeittausches zwischen Schuldnern und Gläubigern. Bedeutsamer noch als solche Verschiebungen innerhalb der Lebenszeit sind andere Effekte der Geldillusion anzusehen. Mit dem ›ewigen‹ Kreislauf des Geldes geht nicht nur die Vorstellung einher, mit Geld könne man Zeit kaufen (wenn gilt: time is money, dann auch: money is time), es tritt die Illusion hinzu, Zeit lasse sich unendlich verlängern. Daraus entstehen jene existenzialen Selbstvergessenheiten, mit denen der Zeitschreck entwertet wird, ohne den der Mensch einzig verstehen lernen kann, wer er ist. Der Schreck besteht darin, erschüttert darüber zu sein, daß seine Lebenszeit knapp und endlich ist. Keine Geldillusion kann diese Einsicht und existenzielle Erfahrung aufheben. Entscheidend ist nun, daß die Einsicht nicht nach der Erfahrung, also am Lebensende, erst eintritt, sondern während der Erfahrung von Knappheit und Endlichkeit. Dieses Gewahr- und Innewerden sowie ein Sich-Fügen darin sind, um es in der Sprache Kants zu formulieren, die Bedingung der Möglichkeit menschlicher Identität und Reife. Nicht die geldillusionäre Entzeitlichungen, sondern der endzeitliche Aufprall ermöglicht Humanität und Selbstvergewisserung. Das meinten die Romantiker, wenn sie versuchten, die Unendlichkeit im Endlichen in der Kunst ahnen zu lassen. 
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  3. Ob Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld: allen Tauschvorgängen gemeinsam sind Äquivalenzschätzungen, das heißt Wertfindungsprozesse, um adäquat tauschen zu können. Jeder Tausch (Kauf) stellt nämlich eine Abstraktionsleistung dar, die mit dem Geld wesentlich erleichtert wird. Die Wertvorstellungen pendeln sich mehr auf der Geld- als auf der Warenseite ein. Darin besteht der entscheidende Vorgang für die Genealogie des Denkens und der Sinnstiftung überhaupt. Geld-Werte werden am Ende ausschließlich mit Geld-Werten verglichen (wieviel Geld ist mir die Sache Wert im Vergleich zu...), so daß Geld zum eigentlichen Abstraktionsmedium aufsteigt, und zwar über das bloß anlaßbedingte Kaufen und Sparen hinaus. Am Geldausdruck wird alles gemessen, was im Umkehrschluß bedeutet: Alles steht unter dem Bewertungszwang des Geldes und gesteht den Sachen nur noch sekundäre Bedeutung zu. Unter der Geldherrschaft werden die Werte der konkreten Welt insofern ausgehöhlt, als nicht mehr so sehr (oder überhaupt nicht) ihre originäre Bedeutung zählt, sondern ihr am Geld gemessener Wert. Dieses monetäre Spiegelwelt geht an die Substanz der Welt, wie an den Umweltschäden, an der Kommerzialisierungen, am Gesundheits- und im Bildungswesen, in der Politik, kurz: in allen Lebensbereichen abzulesen ist.
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  5. Neben dem evolutionären und dem transzendentalen (Kant) gibt es den konstruktivistisch-ökonomischen Ansatz, den schon Novalis vorbrachte und der mit Nietzsche seine philosophische Weihe erhielt. Novalis sah in den »Waaren« das »Relationsschema der Wissenschaften überhaupt«, da mit jenen »jedes Ding substituiert werden kann« (Bd. III seiner Schriften, Stuttgart 1968, S. 378 ff.). Nietzsche dazu: »Preise machen, Werte abmessen, Ambivalente ausdenken, tauschen – das hat in einem solchen Maße das allererste (!) Denken des Menschen präokkupiert, daß es in einem gewissen Sinn das Denken ist« (›Zur Genealogie der Moral‹, in: Bd. II seiner Werke, München 1966, S. 811). A. Sohn-Rethel sah durch die Waren- und Geldform das Transzendentalsubjekt geschaffen (»Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus‹, in: Warenform und Denkform, Frankfurt/M. 1978, S. 35) und hielt der Philosophie vor, die profane Monetarisierung ihrer Disziplin als Kränkung zu empfinden und die Geldfundierung zu mißachten. Das schnöde Geld präge aber nun mal die Kategorien des Bewußtseins, weil der Tauschzwang als urmenschlicher Vorgang Abstraktionsleistungen verlange. Logisch klärt auch dieser Ansatz das Petitio-principii-Problem nicht, denn wenn sich das Transzendentalsubjekt in den Waren- und Geldformen versteckt halte, muß es entweder in das menschliche Bewußtsein über Lernprozesse hineingekommen sein (evolutionär), oder es liegt eine apriorische Disposition von Anfang an vor (Kant), die von den Waren- und Geldformen geweckt wird.
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  7. Die Folgen aus dem Anfangsproblem halten sich in den Tauschvorgängen verborgen. Hörisch stellt zurecht fest, daß Preise »Disparales... unter einem Einheitsgesichtspunkt apperzipieren, strukturieren, beurteilen und prädizieren« (S. 225). Mit der Monetarisierung als Äquivalenzakt geht aber ein Profilverlust der bewerteten und getauschten Sachen notwendig einher. Die Eigenart des Einheitspunktes (Preis) besteht ja gerade darin, von Besonderheiten der Sache abzusehen und ihren Tauschwert auf der Geldebene abstrakt (lateinisch: losgelöst) festzulegen. Dieser abstrakte Tauschwert unterscheidet sich aber vom konkreten Sachwert, der sich im Gebrauchs- oder ebenfalls geldfreien, also rein sachorientierten Schätzwert äußert (z.B. bei einem Gemälde, das man unabhängig vom Marktwert schätzt). Was mit der Monetarisierung stattfindet, ist eine Geltungsverschiebung von der Sach- auf die Geldebene. Mit der Bepreisung ändern die Dinge zwar nicht ihren Sachcharakter, doch tritt dieser zurück gegenüber dem abstrakten Äquivalenzwert im Geldausdruck. Der ontologische Status der Sache verliert an Gewicht allein schon dadurch, daß i.d.R. nicht alle Sacheigenschaften in den  Äquivalenzwert eingehen und daß die in die Schätzung aufgenommenen Eigenschaften mit dem Wertprofil des Eigenschaftsensembles selten identisch ist. Im Maßstab des Geldes spiegelt sich nicht der ganze originäre Sachstatus wider. Primär zählt der geldwerte Ausdruck einer Sache (Was hat das Auto gekostet? steht vor der Frage: Welchen Herstellungswert oder Nutzen hat das Auto?). Geltung verschafft vorrangig der Geldwert einer Sache, erst danach die Sache selber. 
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  9. Tauschzwänge begleiten das Leben vom Einzeller bis zum Menschen. Kein Lebewesen kann allein aus sich heraus existieren. Beim Prozeß der Hominidenwerdung entstand, evolutionär betrachtet, irgendwann das Denken durch strukturierendes Abstrahieren, d.h. durch Vergleiche von Situationen und Sachen, die einer Risiko- und/oder Äquivalenzvorstellung auslösten. Bei Hörisch schaffte dies das Geld: Als »Medium einer Zweitcodierung« verweise es auf Sachen (griechisch: physis) und auf Entzeitlichung (metaphysis). Im Geld sei das Transzendentalsubjekt versteckt (S. 230). Kant, so Hörisch weiter, werde erst überzeugend, wenn man ihn monetärisch übersetzt: Geld sei intellektuell und sinnlich, »es steht mit den Kategorien (der Quantität, Qualität, Relation, Modalität) wie mit den Erscheinungen (der Waren und Dienstleistungen) in Gleichartigkeit, ja, es sei das Medium der Herstellung von Homogenität – von Äquivalenz« (S. 228).
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© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com . Wiedergabe nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors. Der Volltext kann gegen eine Selbstkostengebühr bezogen werden. Anschrift: vgl. Willkommenseite.
Literatur:
  • Dauenhauer, E.: Erzählendes Sein, in: Walthari-Heft 34/2000, S. 110-117.
  • Heidegger, M.: Sein und Zeit, 15. Auflage, Tübingen 1979.
  • Hörisch, J.:  Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes, Frankfurt/M. 1996.
  • Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft, Ausgabe Darmstadt 1970.
  • Nietzsche, Fr.: Zur Genealogie der Moral und Jenseits von Gut und Böse, 

  • in: Werke, Bd. II und Bd. III, München 1966.
  • Novalis: Schriften, Bd. III, Stuttgart 1968.
  • Sohn-Rethel, A.: Warenform und Denkform, Frankfurt/M. 1978.


 

AKTIVE BÜRGERGESELLSCHAFT
IN EINEM GEBÄNDIGTEN STAAT
233 Seiten – flexibler Einband
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 

Der Bürger: Mal in guter, mal in schlechter Gesellschaft, immer aber in parteienstaatlichen Händen?
Sieben Weisen: Welches ist der beste Staat?

I. Vor-Orientierungen
  1. Kapitel: Was versteht man unter einer Bürgergesellschaft?
  2. Kapitel: Aktive Bürgergesellschaft – eine Utopie in Zeiten des Individualismus  und der globalisierenden Spätmoderne?
  3. Kapitel:  Lassen sich nationale und supranationale Staatsgebilde bürgergesellschaftlich bändigen?
  4. Kapitel:  Was bedeutet aktives Da-Sein in einer Bürgergesellschaft? 

II. Grundlagen
  5. Kapitel: Repräsentanz und direkte Demokratie 
  6. Kapitel: Unabhängige Eliten: die dritte Säule einer bürgergesellschaftlichen Demokratie
  7. Kapitel: Die Rolle von Schulen, Medien, Verbände und Nichtregierungsorganisationen in einer aktiven Bürgergesellschaft
  8. Kapitel: Strukturen, Auswüchse und Begrenzung der Parteiendemokratie
  9. Kapitel: Vom Grundgesetz zu einer bürgergesellschaftlichen Verfassung

III. Einige ideengeschichtliche Herleitungen
10. Kapitel: Antike Bürgerlichkeit 1: Politik und Anmut in der griechischen Polis
11. Kapitel: Antike Bürgerlichkeit 2: Der römische Bürger bei Cicero und Seneca
12. Kapitel: Christlicher Bürgersinn bei Augustinus, Nikolaus von Kues und Erasmus von Rotterdam
13. Kapitel: Samuel Pufendorf: verkannter Begründer von Bürgerrechten
14. Kapitel: Bürgerlichkeitsvorstellungen in im 18. Jahrhundert: Montesquieu, Rousseau, Kant
15. Kapitel: Bürgerlichkeitsvorstellungen im 19. Jahrhundert: von Stein, Hegel, J. St. Mill
16. Kapitel: Bürgerlichkeitsvorstellungen im 20. Jh.: Max Weber, Kelsen, Carl Schmitt, Luhmann

IV. Grundweisende Bürgerlichkeitskonzepte
17. Kapitel: Friedrich Schillers ästhetischer Staat
18. Kapitel: Ernst Jüngers widerständiger Waldgänger
19. Kapitel: Friedrich A. v. Hayeks Freiheitskonzept
20. Kapitel: Dietmar Kampers ›unmögliche Gegenwart‹
21. Kapitel: Richard Rortys kontingente Bürgerwelten
22. Kapitel: Leopold Kohrs Kantonskonzept
23. Kapitel: Hans-Hermann Hoppes Demokratiefundamentalismus

V. Bürgerliches und staatliches Mißlingen
24. Kapitel: Warum Gesellschaften und Staaten untergehen
25. Kapitel: Konkrete Gefährdungen der Bürgerlichkeit
26. Kapitel: Parteienstaatliches Mißlingen

VI. Bürgerliches und staatliches Gelingen
27. Kapitel: Ideengeschichtliche Erkenntniserträge
28. Kapitel: Systemelemente einer gelingenden Bürgerlichkeit in einem gebändigten Staat

VII. Anhang: Schlüsselbegriffe / Buchbesprechungen /Literaturverzeichnis / Namensverzeichnis / Stichwortverzeichnis

Bibliografische Angaben zu diesem Buch (Preis und Bezugsmöglichkeiten) 
unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal.





Sommersemester 2004
Wirtschaftskategorien und Wirtschaftsdidaktik

Sommersemester 2006
Virtuelle Oikos-Strategien in Zeiten der Lehr-Lern-Krise

Sommersemester 2007
Bürgerlichkeit in Zeiten der globalisierenden Ökonomie

Sommersemester 2008
Ökonomische Denk- und Handlungsmuster in Theologie und Kirche. 
Entfremdet sich die Religion im Oikos von ihrem Auftrag?

Sommersemester 2009
Bürgerlichkeiten in Zeiten der globalisierenden Ökonomie

Sommersemester 2010
Universalistische Labyrinthe 
inmitten des ökonomischen Universalismus

Sommersemester 2011
Grenzprobleme und Grenzüberschreitungen 
des ökonomischen Denkens und Handelns