Walthari


Aktuelle Beiträge

 

13. Mai 2012

 Sportkapitalistische Schau- und Täuschungsgeschäfte

16 Teil: Pathologische Euphorie

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Nach Affenart: Die Freudenposen im Fußball steigern sich mittlerweile zu affenartigen Rudelbildungen: mit Geschrei und Purzelbäumen. Ein bekannter Trainer hat Luftsprünge zu seinem Markenzeichen gemacht und fuchtelt nach jedem Tor seiner Mannschaft mit seinen Armen nach gestentreuer Affenart. Siege können Millionen Euro einbringen und rechtfertigen die Regression. Mit Sport im humanen Sinne hat die pathologische Euphorie nichts mehr gemein.

Widerliche Raffinements. Zum Sportkapitalismus der üblen Sorte gehört der falsche Schein: Man erweckt den Eindruck, dem Gemeinwohl zu dienen, wo es in Wahrheit darum geht, den sportindustriellen Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten. ›Wir sind eine große Familie‹, wir: die Spieler, Funktionäre und das Publikum, propagiert man zynisch. Politiker reglementieren Auswüchse im Bankenbereich, in Konzernen usw., an den geschäftstüchtigen Sportzynismus trauen sie sich nicht heran. Man gesellt sich sogar als Ehrengast auf der Tribüne dem Täuschungsbetrieb bei.

Umsätze. Die erste Fußballbundesliga in Deutschland setzt je Saison rund zwei Milliarden Euro um. Die Hälfte entfällt auf Fernseh- und Werbeeinnahmen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen rechnet es zu seinem Grundversorgungsprivileg, Hunderte Millionen Euro je Spielsaison beizusteuern. Spielerkäufe lassen sich manche europäische Spitzenclubs bis zu achtzig Millionen Euro je Kicker kosten. Gleichzeitig sind die Vereine mit rund sechshundert Millionen Euro verschuldet. Und das medial aufgegeilte Publikum ist begeistert.

Sportkriminalität. Gewalt in den Stadien ist alltäglich. Mit illegalen Wetten werden weltweit geschätzte achtzig Milliarden Dollar umgesetzt. »Die türkische Mafia manipuliert Spiele in Deutschland«, konnte man dieser Tage in einer Zeitung lesen. Die Fifa und Uefa waschen ihre Hände in Unschuld, obschon Korruption ihnen selber nicht fremd ist. Für dümmste Ausreden und Verstellungen ist man sich nicht zu blöd. Und die Medien spielen quotengeil mit, als hätten sie über caritative Vereine zu berichten.
© Walthari®. Aus: www.walthari.com

 
Die Teile 1 bis 16 dieser Artikelserie erschienen in diesem
Walthari-Portal  am:

18. Nov. 2000  /  24. Apr. 2001  /  23. Jan. 2002  /  03. Juli 2003 
19. Dez. 2003  /  30. Juni  2004  /  02. Feb. 2005  /  17. Feb. 2006  /  
07. Juli 2006. /  27. Mai 2007  /  30. März 2008 /  13. Aug. 2008 
14. Juni 2009 /  29. Nov. 2009  / 15. Nov. 2010 / 13. Mai 2012

 


 31. März / 4. April 2012



Bundespräsident Gauck auf der parteienstaatlichen

und medialen Schaumkrone

 Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

 Wenn alle jubeln, ist es ratsam, skeptisch zu sein. Wenn alle steinigen, sollte man noch genauer hinschauen. Für Gauck trifft der erste Fall, für Wulff der zweite zu. Aktuell am Laufen ist die erste Causa, nachdem die zweite mit einer erfolgreichen Steinigung abgeschlossen werden konnte. Das Unisono des Gauck-Jubels erinnert an den ehemaligen Obama-Rausch, von dem wenig geblieben ist. Der Jubel übersieht Aussagen Gaucks, die im hierzulande dominanten linken Milieu scharf kritisiert werden müßten: »Auch Einwanderer müssen ihren Beitrag leisten. Das ist eine Zumutung, die wir bestimmten Milieus etwa aus den ländlichen Gegenden im Osten der Türkei abverlangen müssen. Aber wir dürfen die Menschen nicht ruhigstellen durch Versorgung. Das perpetuiert Abhängigkeit. Demokratie ist auf Mitwirkung angelegt. Im Gegensatz zur linken Propaganda muss klar sein, dass wir den Menschen nichts Böses tun, wenn wir ihre Mitwirkung stimulieren und fordern.«  Das geschrumpfte rechte Milieu dagegen müßte erzürnen, wenn es von Gauck darüber belehrt wird, daß der 68er-Bewegung lediglich einige »Irrwege« unterlaufen seien, wo doch auch Morde zu ihrem Programm gehörten. Beide Lager haben dennoch Gauck gewählt, was beweist, daß es ihnen gar nicht so sehr auf die von Gauck vertretenen Inhalte ankommt, sondern auf politisches Kalkül. Der Pfarrer aus der ehemaligen DDR ist für die Traditionsparteien – die Linke ausgenommen – schlicht der angenehmere politische Klimamacher – hofft man. Aber das könnte sich als Trugschluß erweisen, wofür seine Rede nach der Vereidigung im Deutschen Bundestag einige Warnsignale aussendet.

1.     Gauck hat die 68er-Bewegung nicht nur verharmlost, sondern ihnen sogar das »Verdienst« zugerechnet, die Wende in der verdrängten Vergangenheitsbewältigung herbeigeführt zu haben. Das ist historisch falsch und gibt Hinweise auf geprägte DDR-Perspektiven, wie sie auch bei Merkel in Sachen Marktwirtschaft zu beobachten sind. Bereits Konrad Adenauer hat in den 50er Jahren Wiedergutmachung und Mentalarbeit geleistet. Daß eine kulturverachtende Bewegung gut gewesen sein soll, »die fehlende Empathie mit den Opfern des Nazi-Regimes« (Gauck a.a.O.  u. T.) ins kollektive Bewußtsein gebracht zu haben, wo doch die 68er-Ideologie für die mörderischen kommunistischen Systeme gleichzeitig schwärmte und z.B. gegen den Einmarsch der Sowjettruppen in die damalige Tschechoslowakei nicht protestierte. Die historische Sicht Gaucks ist bemerkenswert und läßt noch mehr dergleichen erwarten.

2.     Gauck sprach am 23. März 2012 a.a.O. von einer sozialen Gerechtigkeit, die »nur in intensiver demokratischer Diskussion und Debatte (zu) klären« sei. Den Inhalt des Keulenbegriffs »soziale Gerechtigkeit« einem Findungsprozeß, und sei er noch so demokratisch,  zu überantworten, ist fatal (vgl. Den Beitrag über ›Gerechtigkeit als Tugend und Ordnungsprinzip‹ in diesem Walthari-Portal). Wie dieses Verfahren praktisch ausfallen kann, hat die letzte Verdi-Streikwelle vor Augen geführt. Diese rituelle Kampfpraxis hat mit Gerechtigkeit wenig zu tun, sie demonstriert reine Macht, an der alles Gerechte leicht zerbricht.

3.     Gauck liebt pastorale Sätze wie: »In ›unserem Land‹ sollen auch alle zu Hause sein können, die hier leben.« Wirklich alle? Auch diejenigen, die »unser Land« ablehnen oder es sogar hassen und bekämpfen? Und das sind bekanntlich nicht wenige unter denjenigen, die aus fremden Kulturen kommen und sich partout nicht integrieren, bei häufig gleichzeitiger Inanspruchnahme von Sozialhilfe. Wie weit ist es noch von den gefürchteten Parallelgesellschaften entfernt, wenn der Bundespräsident vor der Bundesversammlung sagt: »Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen, andere Traditionen und Kulturen, in dem der Staat sich immer weniger durch die nationale Zugehörigkeit seiner Bürger definieren lässt, sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft, in dem nicht ausschließlich die über lange Zeit entstandene Schicksalsgemeinschaft das Gemeinwesen bestimmt, sondern zunehmend das Streben der Unterschiedlichen nach dem Gemeinsamen: diesem, unserem Staat in Europa.« Leider streben eben nicht alle nach »diesem, unserem Staat in Europa«. Erstaunlich, daß gegen diese verkappten Multikulti des Bundespräsidenten sich keine Proteststimme erhob.

4.     Gauck plädiert Europa und geißelt »die Neigung, sich auf die Ebene des Nationalstaats zu flüchten«. Ohne auch nur mit einem Wort auf die schlimmen Probleme der EU und des Euro einzugehen, ruft er aus: »Wir wollen mehr Europa wagen.« Davon rücken selbst große Teile der bürgerfernen politischen Klasse ab, geht es doch überhaupt nicht darum, Europa zu wollen, sondern darum, ein Europa ohne Bürgerferne, ohne Brüsselmonster und ohne Euro-Desaster zu schaffen. Auch auf diesem Felde zeigt sich der eben gewählte Bundespräsident als blauäugig und blind gegenüber den Realitäten und der Zukunft.

5.     Am fatalsten ist Gaucks Plädoyer für die »repräsentative Demokratie (als) das einzige (!) System, Gruppeninteressen und Gemeinwohlinteressen auszugleichen«. Wie verträgt sich dieser Solostatus mit seinem Hinweis, Bürgerinitiativen usw. seien «eine zweite Stütze unserer Demokratie«? Der «Stütze« kann im Gauck’schen Verständnis nur eine Ventilfunktion zukommen. Mit der Systemaussperrung direktdemokratischer Elemente erweist sich der Bundespräsident unheilbar als Mann von gestern, des abgewirtschafteten, weil alleinherrschenden Parteiensystems, dem sich die Bürger weitgehend entfremdet haben.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer , ausgenommen Originalzitate.  – Aus: www.walthari.com 

 



21. Februar 2012

 Strafbare Insolvenzverschleppung im Falle Griechenlands?

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

 Wer in Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung es versäumt, rechtzeitig eine Insolvenz anzumelden, begeht eine Straftat wegen Insolvenzverschleppung, soweit es sich bei der Schuldnerin um eine juristische Person handelt (§ 15 a der Insolvenzordnung). Griechenland ist seit langem zahlungsunfähig. Alle bisherigen Rettungsgelder (von über 100 Milliarden Euro) haben die Zahlungsunfähigkeit des Landes nicht beseitigen könne. Daraus ist nach Einschätzung der meisten politikunabhängigen Experten zwingend zu schließen, daß dem Land mit weiteren Rettungsmilliarden nicht zu helfen ist: zu hoch die Staatsverschuldung, zu schwach die Wettbewerbsfähigkeit, zu chaotisch die institutionelle Verfassung. Dennoch beschlossen europäische Regierungen u.a. ein weiteres Hilfspaket in Höhe von mindestens 130 Milliarden Euro.
Ist eine größere und verantwortungslosere Geldverschwendung denkbar? Da Deutschland wieder mal die Hauptlast zu tragen hat, ist es mehr als verwunderlich, daß kaum jemand im Lande vernehmbar protestiert.
Jetzt schon trifft es Deutsch unmittelbar: Die IKB z. B. streicht nach Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden rund zweihundert Stellen, weil die Bank 276 Mio. Euro aus dem Schuldenerlaß tragen muß. Auch andere deutsche Stellen werden erheblich belastet.
 
Wie steht es um die Selbstachtung und um das kollektive Verantwortungsbewußtsein, wenn politikunabhängige Eliten und das aufgeklärte Bürgertum sich von der Politik das Fell über die Ohren ziehen lassen? Griechenland ist erkennbar ein Faß ohne Boden. Politiker haben geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Wird man sie eines Tages wegen Eidbruchs und gigantischer Mittelverschwendung zur Rechenschaft ziehen? Wann endlich…?
© Walthari® Aus: www.walthari.com

 Ich rufe interessierte Walthari-Leser zu Protest-Mails an den Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Lammert auf: praesident@bundestag.de . Wer sich lange Begründungen seines Protestes ersparen möchte, kann in seiner Netzpost ein Springpunkt zu diesem Walthari-Portal setzen: www.walthari.com.  Hier sind zahlreiche scharfe Kritiken zum Euro-Abenteuer zu lesen.  

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9. Februar 2012

 Wann endlich macht sich die sogenannte politische Elite
im Falle Griechenland ehrlich?

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

 Die sogenannte politische Elite in Deutschland und ihre Anführerin, Bundeskanzlerin Merkel,  haben mit ihrer EU- und Europolitik einen Scherbenhaufen angerichtet.  Statt die Völker zu einen und Europa weltpolitisch aufzuwerten, ist genau das Gegenteil eingetreten. Seit 1945 war das Klima nie so vergiftet wie heute, und Merkel muß in China um eine Euro-Unterstützung betteln. Es ist also nicht nur ein finanzieller Schaden zu beklagen, wichtiger noch und langfristig wirksamer sind die immateriellen Schäden, die der politischen Klasse und ihrer Anführerin anzulasten sind.  Die Deutschen sind mittlerweile das verhaßteste Volk Europas, obschon sie für das gescheiterte Europrojekt die höchsten Lasten zu tragen haben.

Wann  gab es das schon: Im Süden Europas wird die deutsche Flagge verbrannt und werden deutsche Touristen angepöbelt. Dieser Niedergang wurde in diesem Walthari-Portal seit vierzehn Jahren immer wieder vorhergesagt, auch dann, als die Presse den Euro hochjubelte und seine Betreiber als große Staatsmänner feierte.  

 Derzeit wird Merkel wieder hochgejubelt: als Führerin Europas, als mächtigste Frau der Welt usw. Doch in Wahrheit macht sie eine miserable öffentliche Figur und zeigt sich blind gegenüber den Fakten und ihren Folgen. Schon optisch als graue Maus tritt sie mit Sarkozy im französischen Fernsehen auf und macht eine gedeihliche Zusammenarbeit mit dem wahrscheinlichen Sieger der französischen Präsidentenwahl (F. Hollande) künftig unmöglich. Sie setzt als Heilmittel einen Fiskalpakt durch, den die Bundesbank kritisiert und der die Griechen, Portugiesen, Italiener und Spanier zu Deutschen machen will – eine Kriegserklärung auf dem Schauplatz der Mentalitäten, die sich kaum verändern lassen.

Seit 1893 kam es in Griechenland viermal zum Staatsbankrott (1893, 1897, 1932 und 2011/12). Von 1976 bis 2008 sind sage und schreiben 133,5 Milliarden Euro nach Griechenland geflossen, ohne daß das Land auf die Beine kam. Es liegt an der Mentalität der PIGS-Staaten, nicht an ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten, wenn sie innerhalb eines gemeinsamen Währungsraumes ewige Sanierungsfälle bleiben. Nach einem Dossier-Bericht der NZZ Nr. 273/2011, S. 18) war das korrupte Phänomen Berlusconi keine »bloße Anomalie«, sondern ein Gewächs der italienischen Mentalität. Auch billionenschwere Rettungsschirme können diese Lage nicht verändern. Das weiß natürlich auch die politische Klasse. Dennoch geht die Bundeskanzlerin mit windigen Sprüchen hausieren: »Scheitert der Euro, scheitert Europa.« Das ist nicht allein falsch, das Schicksal Europas hängt mitnichten am fehlkonzipierten Euro, im Gegenteil. Das Europrojekt ist sogar gefährlich und kostet den Steuerzahler Unsummen.

 Die meisten Deutschen haben noch gar nicht begriffen, was der Scherbenhaufen vor ihren Füßen bewirken wird. Er hat Fehleinschätzungen, Rechtsbrüche, gigantische deutsche Zahlungen à fonds perdu, Entmachtungen (nicht nur der Bundesbank) und schlimme Anfeindungen (Nazi-Vergleiche im Ausland zuhauf) zu seinen Vätern. Ohne um seine Entlassung fürchten zu müssen, kann der holländische Chefvolkswirt der EZB erklären, wettbewerbsschwache Länder aus der Eurozone zu entlassen,  »ist überhaupt (!) keine Option« (FAZ Nr. 21/2012, S. 11). Ohne daß er eine Sanktion fürchten muß, erlaubt sich der italienische EZB-Präsident und die Mehrheit in seinem Kollegium, PIGS-Staatsanleihen zu kaufen, obschon es nach Europarecht verboten ist. Ohne daß die Deutsche Bundesbank die höchste Alarmstufe ausruft, wird sie im Target-II-Verkehr mit fast 500 (fünfhundert) Milliarden Euro belastet, was einer Druckerlaubnis für den Euro in den PIGS-Ländern gleichkommt! Die Sündenfälle der EZB begannen mit dem Franzosen Trichet, der von Journalisten und Politikern hochgejubelt wurde, während die NZZ nüchtern titelte: »Trichet vor Gericht« (Nr. 255/2011, S. 13).

 Was muß denn noch alles geschehen, bis man die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht? Warten, bis in Griechenland und anderswo die Demokratie gänzlich gekippt wird? Ausgehöhlt ist sie ohnehin schon genug, wenn man an die Entmündigung der Bürger oder an die Zonenverwaltung Griechenlands denkt. Ohne demokratischen Skrupel gab der Präsident des Deutschen Bundestags jüngst zu Protokoll:  Die »Schlüsselentscheidung« für Eingriffe in nationale Haushalte und damit für Souveränitätsverzicht sei in den alten EU-Beschlüssen längst gefallen! So ist das also mit der Volkssouveränität. Der Verfassungssouverän, das Volk, wird glatt übergangen und verspätet über die enormen Auswirkungen informiert. Gewohnte Manieren des Parteienstaates, über deren EU-Hybris die NZZ schreibt: »Das Heil Europas liegt nicht in vereinigten Staaten einer Angleichung nach unten, sondern in der Bereitschaft, durch Leistung und Innovation jene Werte zu mobilisieren, die dem globalen Kräftemessen standzuhalten vermögen« (NZZ Nr. 295/2011, S. 19).   © Walthari® Aus: www.walthari.com

Es besteht dringender Anlaß, darauf hinzuweisen, daß ungenehmigte Übernahmen von Walthari-Texten in Presseorganen, Internetportalen u. ä. juristisch verfolgt werden. Private, nichtkommerzielle Textverwendung ist erlaubt.

 

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30. Januar 2012

Es herrscht Krieg in Europa

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 

»Es herrscht Krieg in Europa, freilich kein militärischer, wohl aber ein Währungs- und Mentalitätskrieg.« So stand es jüngst in diesem WALTHARI-Portal. Und weiter: »Die Eurozone versinkt immer mehr ins Chaos, ihre Länder sind nicht einfach zerstritten, vielmehr kämpfen sie teilweise ums Überleben! Da erscheint fast jedes Mittel erlaubt, vom fortlaufenden Rechtsbruch bis  zur ungenierten Ausbeutung und fiskalischer Niederwerfung ganzer Staaten. Die sog. politische Elite zieht einen ganzen Kontinent mit jedem Rettungsgipfel tiefer in den Sumpf, lächelnd, weil systemgeschützt. Wann in der Geschichte konnten sich Herrscher so etwas folgenlos erlauben?«

Mit dem Euro-Abenteuer hat sich Deutschland in Europa viele Länder zu Feinden gemacht. Wer daran zweifelt, lese die z. T. haßerfüllten Presseberichte im Ausland und schaue ins Internet. Aus dem Sumpf, in den die sog. politische Elite Deutschlands geführt hat, steigen übel riechende Vorurteilsblasen buchstäblich aus den letzten Jahrhunderten auf. Das Geschrei der Einsinkenden: Die Deutschen allein seien an dem Schlamassel schuld.

Dabei ist es gerade umgekehrt: Die Euro-Krise hat schonungslos die unverantwortlichen Staatsverschuldungen aufgedeckt und lenkt die Wut der Bürger geschickt auf die bösen Deutschen. Werden wir künftig nicht mehr ohne Risiko nach Griechenland, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal reisen können? Wird man unsere Autos beschädigen und uns überall anmachen?

Als ich 1952 mit zwei Mitschülern von Speyer nach Paris radelte, erwartete uns eine ähnlich ungute Atmosphäre. Der (deutsche) Wirt an der Seine riet uns, daß wir uns als Schweizer ausgeben. Die Concierge konnte aber leicht von unseren Lederhosen (an andere Fahrradkleider war  in diesen Notjahren der Nachkriegszeit nicht zu denken) auf unsere wahre Herkunft schließen und beschimpfte uns täglich ohne Anlaß als boches. Wir huschten jedesmal beklemmt an ihrer Kabine vorbei und erhielten so eine lebenswichtige Lektion: Deutsche, auch wenn ihnen nichts angelastet werden kann, müssen mit schrägen Nachbarblicken und Schlimmerem (wie derzeit in Euro-Raum) leben. Das ist unser Schicksal in der Mitte Europas. Schon bei geringen Anlässen wird die Nazi-Keule geschwungen, in manchen Zeiten genügt schon das bloße Deutschsein. 

Untaten, die von Deutschland ausgingen, haben die Mentalitätsräume ringsum tief geprägt und offenbar dauerhaft vergiftet. Selbst die uns so nahen Österreicher haben es geschafft, Hitler als urdeutschen Teufel erscheinen zu lassen, obschon sie ihrem Landsmann beim ›Anschluß‹ begeistert zujubelten. Die Untaten im deutschen Namen scheinen die Dauerfunktion für Erpressungen einzunehmen, um von eigenem Versagen abzulenken. 

Nach Griechenland führt sich nun auch Italien lauthals so auf. Deutsch-französische Freundschaft? Alfred Großer, ein intimer Kenner der beiden Nachbarn, urteilte dieser Tage: Auch nach sechzig Jahren Freundschaftspflege mögen sich beide Völker immer noch nicht. Wobei hinzuzufügen ist, daß die Vorbehalte in Frankreich weit größer sind als in Deutschland. Zwischen Völkern kann es zwar keine Freundschaft geben, sie bleibt der zwischenmenschlichen Nähe vorbehalten. Wohl aber ist im nationalen Miteinander Toleranz und nachsichtige Wertschätzungen einzufordern, die beide in Europa gegenwärtig abhanden gekommen sind. Stattdessen sind veritable Mentalitäts- und Finanzkriege an mehreren Fronten ausgebrochen, die nicht mehr schönzureden sind. In einer großen italienischen Zeitung war am letzten Wochenende zu lesen: »Die Deutschen sind heute noch (!) immer arrogant und gefährlich (!)… Die Kanonen donnern nicht mehr, aber die Waffe (!) der Währung ist nicht weniger gefährlich.« Das ist purer Mentalitätskrieg, ausgerufen von Ländern, die auf deutsche Kosten ihren Schlendrian fortsetzen wollen. Sollte Bundeskanzlerin Merkel bei der heutigen Konferenz in Brüssel einknicken, könnte es bald auch hierzulande…
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
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26. Oktober  2011

Europa im Krieg mit Euro-Waffen

Diesmal sieht sich Griechenland nicht von der deutschen Wehrmacht besetzt, sondern von den Abgesandten der Euro-Retter. Krieg wird in der hochzivilisatorischen Nachmoderne nicht mehr mit Schußwaffen geführt, man hantiert mit Landbesetzungen mittels Finanz- und Netzwaffen. Wenn Länder mit Finanz- und Netzgewalt ihre Souveränität verlieren, ist das nichts weniger als Krieg mit den Waffen der Nachmoderne. Ob durch militärische Landbesetzung oder Entmachtung der Finanzhoheit durch fremde Mächte: für die Griechen macht das mental nur einen graduellen Unterschied. Sie empfinden in beiden Fällen eine tiefe Schmach, eine Verletzung ihrer Selbstachtung und Landeshoheit. Jeweils finden tiefe Eingriffe in das Leben jedes einzelnen Bürgers statt.

Der Oktroi wird bald auch andere Euro-Länder heimsuchen und, wie in Griechenland, bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen. Der falsch konzipierte Euro erweist sich als Besatzungsinstrument nach Brüsseler Eroberungsmanier. Statt Europa zu vereinen und zu Wohlstand zu führen, entpuppt er sich als Sprengsatz mit unabsehbaren Folgen.

Zu welchen Notmaßnahmen der Euro-Wahn führt, ist an den gigantischen Geldblasen der sog. Rettungsschirme abzulesen. Welch ein absurdes Polit-Spektakel: Haftungslasten für den deutschen Steuerzahler zwischen 211 und 400 Milliarden Euro zugunsten unsolider Schuldner, denen die Transfers schon bisher nicht geholfen haben. Und dies alles für ein unrealistisches Wunschbild der politischen Klasse. Sie erträumt sich das zwangsvereinigte Europa nach dem Vorbild der USA – absurd! Ein föderativ vereintes Europa wäre allerletzt währungspolitisch zu bauen, Schritt für Schritt um Kernländer herum. Doch die Euro-Kriegsherrschaften lieben den großen Wurf und stürzen den ganzen Kontinent in Unruhe und Völkerhaß. Man wird sich einmal erinnern müssen, wer…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com  


15. September 2010 

Europa als Lebensform
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

So lautet die Überschrift eines ganzseitigen Beitrags von Kollegen Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ Nr. 124/2010, Seite 28. Ein brisanter Text. Der Literaturprofessor an der Stanford Universität geht der Frage nach, wie »das Selbstverständnis Europas« in der »krisengeschüttelten Gegenwart« geprägt wurde. Voran stellt er die These, »daß die Europäische Union jener politische, soziale und kulturelle Raum geworden ist, in dem die Sozialdemokratie, so wie sie nach 1950 als Konzept Gestalt angenommen hatte, Wirklichkeit geworden ist.« Sozialdemokratie i.w.S. hat also »langfristig ungeahnte Konsens-Potentiale« entwickelt: mit dem klassisch sozialistischen Ziel der Gerechtigkeit (aus dem revolutionären Gleichheitspostulat), mit der Forderung der Volkssouveränität und Gewaltenteilung sowie einer kontrollierten kapitalistischen Praxis. Diese Sozialdemokratie sei für die EU über alle Länder und Parteien hinweg normativ geworden. Sie bestimmt in der Tat die unseligen Transferströme wie auch die Wertvorstellungen der maßgeblichen Intellektuellen in Politik, Justiz und in den Medien. Daraus ergebe sich, so Gumbrecht, ein »Mehrheitskonsensus zugunsten des paternalistischen Staates«.

Der Literaturprofessor verweist auf die schwerwiegenden Folgen. 

  1. Die EU-Ideologie führe »zu einer Verwechselung ihrer eigenen Normen und Institutionen mit dem anthropologisch ›einzig Richtigen‹«, d.h. alternative Konzepte werden als unwertig ausgeschieden. 
  2. Ein weiterer  Effekt liege im De-facto-Pazifismus als »Mehrheitsposition ihrer Gesellschaften«. 
  3. Der Schutz von Minderheiten habe »einen veritablen Status« erreicht, im Klartext: Minderheiten werden gehätschelt (Beispiel: alleinerziehende Mütter).
  4. Universitäten verlören ihren Elitestatus. 
  5. Individuelle Freiheit und Selbstentfaltung seien zum »höchsten Gut geworden«, woraus sich die Kinderdistanz vieler junger Frauen erklärt. Nur dreiunddreißig Prozent der Westdeutschen bejahen die Frage, ob man »Kinder braucht, um ein erfülltes Leben zu haben. 
  6. Am gravierendsten ist wohl die »Erosion jener Differenzierung auf engstem Raum, welche Europa einmal zum Zentrum der Welt gemacht hat«. Die nationalen Kulturen gleichen sich tatsächlich unter dem Dach des Sozialismus einander an und verlieren ihren produktiven Reiz. Ein Musterfall dafür ist der Bologna-Prozeß, welcher Universitäten auf niedrigem Niveau zu standardisieren sucht. 
Die Schweiz, gibt Gumbrecht zu verstehen, solle sich aus alledem heraushalten. Die EU erscheint ihm offenbar als sozialdemokratische Superinstitution mit kulturen-nivelierendem Ehrgeiz. Was Sarrazin für Deutschland zugespitzt formulierte, wird in der NZZ in weicherem Stil vorgetragen. Im Unterschied zu Sarrazin hat Gumbrecht keine öffentliche Steinigung zu befürchten. Das liegt an der Kulturdifferenz, die…
© WALTHARI®  – Aus: www.walthari.com
 


14. April 2010

Unausrottbare Großillusionen trotz unlösbarer Weltprobleme 
Teil 16

Universalismus: Das Märzheft 2010 der ›Deutschen Zeitschrift für europäisches (!) Denken‹ (Untertitel) wartet mit einer Sensation auf. Egon Flaig stellt im ›Merkur‹ (Haupttitel) die Vorzüge der europäischen Kultur auf eine Weise heraus, die in den vergangenen Jahrzehnten noch als Kulturrassismus gegolten hätte. Heinz Theisen zeigt  die Grenzen des Universalismus und belegt dies mit drastischen Beispielen am Fall Afghanistan. Im Jahre 2008 hatte man den 60. Jahrestag der ›Allgemeinen Menschenrechtserklärung der Vereinigten Nationen‹ gefeiert und damit an die Mission erinnert, daß das westliche Demokratiemuster nach und nach zum globalen Standard werden könne. Wider alle niederschmetternden Erfahrungen halten die politischen ›Eliten‹ an zahlreichen Trugbildern (Beseitigung der Weltarmut u.a.m.) fest und bürden den Bürgern die Lasten auf, zu denen auch Menschenopfer zu rechnen sind. Technik, Wissenschaft und Ökonomie sind universalisierbar, ebenso Terrorismus, Kriminalität generell, nicht aber das Recht, die Kultur, Demokratieprinzipien (im Maßstab des Grundgesetzes) u.a. Religiöse Universalisierungspraktiken zeitigen regelmäßige hohe Verluste, ebenso sprachliche (die Kosten des Weltenglischen werden unterschätzt). Heinz Theisen zeigt Auswege aus dem Dilemma auf, die in diesem WALTHARI-Portal seit Jahren vorgestellt werden 

Kriegsfreie Welt.  Die Geschichte der Zivilisation ist zugleich  eine Geschichte der Kriege. Die Welt kriegsfrei machen zu wollen ist ein hehres Ziel im Reich der Illusionen. Trotz UNO und anderer konfliktbesorgter Organisationen hat die Zahl kriegerischer Auseinandersetzungen nicht ab-, sondern zugenommen. Das Ziel kann daher nicht sein, Kriege gänzlich unterbinden zu wollen (man müßte dazu die menschliche Natur ändern), es wäre schon viel gewonnen, die Konflikte mildern zu können. 

Globale Klimapolitik.  Selbst Abhilfeversuche lebensbedrohlicher Zuspitzungen stoßen auf Grenzen der Universalisierbarkeit. Die mageren Ergebnisse der Klimakonferenzen (zuletzt in Kopenhagen) belegen schlagend, daß ein gemeinsamer ›Weltwille‹ nicht einmal in existenziellen Bedrohungslagen besteht. Das Schicksal der ›Menschheit‹ zählt weniger als taktische Vorteilsnahme. ›Menschheit‹: eine Gattungsillusion in Deklarationen.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


10. Januar 2009

Unausrottbare Großillusionen trotz unlösbarer Weltprobleme
Teil 14:  Morgenländerei, Teil 3
– Anmerkungen zur hochriskanten Merkel-Doktrin –

Es gibt Weltgegenden, die seit Menschengedenken so konfliktgeladen sind, daß sich die Spannungen immer mal wieder in Bürgeraufständen und kriegerischen Auseinandersetzungen entladen. Der Balkan, Kleinasien und der Nahe Osten sind klassische Beispiele. Die Ursachen dafür liegen auf der Hand (darunter vor allem multiethnische, -religiöse, -kulturelle Gemengelagen), sie müssen hier nicht weiter erläutert werden (vgl. dazu: ›Kultur- und Kunstökonomie‹, Teil II, S. 30-50; Näheres unter Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal). Aktueller Beleg für diesen Sachverhalt ist der sog. Gaza-Krieg. Die Konfliktlage im Nahen Osten ist so tief verankert, daß keine der bisher unzähligen Friedensbemühungen erfolgreich war. Eine ungeschönte Analyse muß sich eingestehen: Die historisch und aktuell herbeigeführte Gemengelage ist unentwirrbar. Gäbe es einen Haß-Index mit der Skala von 0 bis 10 (0 = kein Haß, 10 = tötungsbereiter Haß), käme bei objektiver Untersuchung der Wert zehn heraus. Einer solchen Lage stehen alle friedensstiftenden Vermittlungs- und Regulierungsmächte erfahrungsgemäß rat- und machtlos gegenüber: die UNO, westliche Regierungen, der Vatikan u.a. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat daher so nüchtern wie ernüchtert geraten, sich aus solchen Konfliktzonen herauszuhalten. Insgeheim teilen wohl die meisten Politiker und Bürger diese Auffassung. 

Am 17. März 2008 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset (dem israelischen Parlament) eine Rede gehalten, in der sie den Scham ausdrückt, der »uns Deutsche« angesichts des »Zivilisationsbruchs durch die Schoa« erfüllt. Die Erinnerung daran müsse wachgehalten werden. Die Großverbrechen des Hitlerregimes sind Teil unseres  kollektiven Gedächtnisses; niemand in Deutschland mit Moral und Verstand wird sich gegen Merkels Befund und die Aufforderung stellen. 

Doch die Bundeskanzlerin beließ es dabei nicht: »Gerade an dieser Stelle sage ich ausdrücklich: Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit  Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben. Deutschland setzt gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung.« (zitiert nach FAZ Nr. 67 F/2008, S. 2). 

Diese sechs Sätze sind von schwerstem politischem Gewicht. Was genau beinhaltet das Versprechen, daß es »in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben« dürfe, wenn »die Sicherheit Israels« gefährdet ist? Das verbale Beiwerk um die beiden Kernsätze nimmt nichts vom Gewicht des Beistandesversprechens: Alle deutschen Regierungen nach 1945 waren sich der »historische(n) Verantwortung« bewußt, das ist ebenso ein Faktum wie die Tatsache, daß bisher alle diplomatischen Lösungen nicht gehalten haben. Unentwegt kommt es zu kleinen und größeren (wie derzeit) Konfrontationen, vergleichbar periodischen Vulkanausbrüchen, die aus der Tiefe von heißer Magma gespeist werden. Das Magma im Nahen Osten ist der Haß. Bei Konfliktaustragungen herausfinden zu wollen, wen dabei das größere und kleinere Verschulden treffe, ist fruchtlos und mutet angesichts der Opfer zynisch an. 

Wie ist das Beistandsversprechen der Bundeskanzlerin auszulegen? Was bedeutet es, wenn eines Tages Israel kriegerisch überfallen wird? Diese brisante Frage ist mit Blick allein schon auf den Iran keineswegs rein theoretischer Natur. Erzwingt dann die »historische Verantwortung Deutschlands« gegenüber Israel, daß deutsche Truppen entsandt werden müssen? Wenn die Sicherheitsgarantie Merkels »in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben« werden, kann das nur heißen: Deutschland würde in einen Krieg hineingezogen in einer Weltgegend, deren Konfliktpotenzial nach aller Erfahrung auf Dauer nicht zu befrieden ist, auch nicht durch kriegerisches Eingreifen. Wir träten selber in diese Endlosschleife ein.

Warum wurde und wird diese hochriskante Merkel-Doktrin in der deutschen Öffentlichkeit nicht ausführlich diskutiert? Warum veranlaßt der Deutsche Bundestag, als Kontrollorgan der Regierung, die Bundeskanzlerin nicht, ihre Garantieerklärung zu präzisieren?  Was genau bedeuten die Beistandsworte: »die Sicherheit Israel ist für mich (!) als deutsche Bundeskanzlerin (!) niemals verhandelbar«? 

Ist es die in Deutschland zur Kollektivneurose ausgewachsene Furcht vor dem Vorwurf des Antisemistismus, die verhindert, daß diese essentielle Frage überhaupt gestellt, geschweige denn ausdiskutiert wird? Kann man es staatspolitisch gegenüber den Bürgern verantworten, die möglichen Folgen einer hochriskanten Doktrin öffentlich nicht zu debattieren? Warum melden sich keine Historiker kritisch zu Wort, um auf die beiden Zusagen Kaiser Wilhelms II. gegenüber Österreich vor 1914 hinzuweisen? Muß, wer in diesen Tagen an den törichten Wilhelm II. erinnert wird, wieder einmal mit dem reflexartig eingeübten Vergleichsverbotsvorwurf rechnen?
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
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9. April 2007

Verlorene Kohorten: Neonazis, Alt-SEDler u.a.
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 

Noch immer hält die Schockwelle an. Sie nimmt im gegenwärtigen französischen Wahlkampf sogar zu. Eine Studie des ›Institut national de la statistique et des études économique‹ hat im Jahre 2001 skandalöse Befunde vorgelegt. Das Institut hat amtlich verkündet, daß in Frankreich 86.500 Clochards (inzwischen auf etwa 100.000 gestiegen) ihr ärmliches Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Allein in Paris leben (geschätzte) 20.000 Stadtstreiche, deren Biographien fast alle die gleichen Merkmale aufweisen: suchtgeschädigt, fehlende Hygiene, Fehl- und Unterernährung mit der Folge einer stark geschädigten Gesundheit, geringe medizinische Versorgung, soziale ausgestoßen, aus gestörten Familien kommend, aggressive und kriminelle Neigungen. Diese Typenbeschreibung konnte man schon in Patrick Henrys Dissertation aus dem Jahre 1984 nachlesen. Bestätigt wird sie durch die neue Publikation von Patrick Declerck ›Les naufrages‹ (die Gestrandeten), ein 400-seitiger Erfahrungsbericht, in welchem der Autor die Ergebnisse seiner Begegnungen aus 15 Betreuungsjahren festhält. Mit seiner schonungslosen Kampfschrift verstärkte der Autor die Schockwelle: Jede ›Clochardisation‹ sei unumkehrbar. Declerck hält es für eine sozialromantische Utopie und für reine Mittelverschwendung, die Gestrandeten in ein normales Leben zurückführen zu wollen. »Unter den Tausenden von Menschen, die ich sowohl als Psychotherapeut als auch als Arzt empfangen habe, kenne ich kein einziges Beispiel von Wiedereingliederung, wenn man darunter die Entwicklung eines Subjekts versteht, das von einer schweren und chronischen Desozialisierung zu einem dauerhaft autonomen sozioökonomischen Funktionieren fände. Kurz: Subjekte, die vom Clochard zum Menschen wie du und ich werden, gibt es nicht.« 

Das ist ein tödlicher Schlag gegen die geläufige, sich allmächtig wähnende Machbarkeitsideologie des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeistes, der alles für heilbar hält. Der sozialutopische Impetus macht blind in Fällen, wo jede Aufklärung, Hilfe und Erziehung ins Leere läuft.

Das trifft auch für einen großen Teil der Neonazis zu. Wer trotz der eindeutigen Verbrechenslage, die auf das Konto des Nationalsozialismus geht, dieser menschenverachtenden Ideologie auch nur die geringste Sympathie entgegenbringt, darf als unbelehrbar und demokratieverloren gelten. Die Nazi-Verheerungen sind nicht allein historisch leicht zu erkunden, sie wirken bis in unsere Zeit nach (man denke nur an die anhaltenden Entschädigungs- und Restitutionsklagen oder an die unüberwundene Scheu des Grundgesetzes vor direkter Demokratie). Sie sind also leichterhand auch aktuell erkennbar. Das braune Milieu, wie es nicht nur in Deutschland anzutreffen ist, zeigt sich dennoch aufklärungsresistent und gewaltbereit. Das geht aus Verfassungsschutzberichten seit Jahren hervor. Allein in Sachsen sind 3.230 Rechtsextreme registriert, die in Netzwerken gut organisiert sind und sich mit Musik, Lagerromantik usw. bei ideologischer Laune halten. Die demokratische ›Sanierungsquote‹ ist erkennbar gering, wenn nicht gar null, sonst würde die Anhängerschaft schrumpfen. So differenziert auch die rechtsextreme Szene zu betrachten ist (vgl. A. Klärner u. M. Kohlstruck [Hrsg.]: ›Moderner Rechtsextremismus in Deutschland‹, 2006), ihre mentalitätstypisch gleichen Merkmale sind: ideologische Verhärtung und Aufklärungswiderständigkeit, gepaart mit emotionalen Brutalitäten. Kein Gegenargument zählt, mag es auch noch so belegbar sein.

Zu den verlorenen Kohorten zählen auch Alt-SEDler. Auffälligerweise bleibt diese gesellschaftliche Gruppe wissenschaftlich und auch in den Medien unterbelichtet. Das erstaunt wenig, wenn man in Rechnung stellt, daß das linksextreme Milieu generell mit mehr Nachsicht, ja zuweilen mit Verständnis rechnen kann als die rechtsextreme Szene. Einem Stalinpreisträger Bertold Brecht z.B., immerhin der Verfasser hymnischer Stalinverehrungen (»... allen, die für den Weltfrieden kämpfen, muß der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten, Stalin ist tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnungen.«), läßt man die Beweihräucherung eines der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte durchgehen, während man Ernst Jünger stark angebräunt zu sehen beliebt. Die DDR-Altkommunisten trauern ihren ehemaligen Machtpositionen (vom Grenzwächter bis zum Kulturfunktionär) nach und sind für freiheitlich-demokratische Gesinnungen nicht zu gewinnen. Das drückt sich u.a. in den Wahlergebnissen der neuen Länder aus.

Eine besonders auffällige Gruppe der ›Verlorenen‹ stellen islamische Fundamentalisten dar. Dazu rechnen nicht nur Selbstmordattentäter und ihre Hintermänner. Koranische Haßprediger, die ›den Westen‹ verteufeln, haben immer auch dessen freiheitliche Demokratien im Visier, deren Versuchungen sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Denn demokratischen Ordnungen sind mit religiösen Gewaltmonopolen unvereinbar. Nach Angaben deutscher Innenminister leben im islamischen Milieu rd. 30.000 Gewaltbereite, die immun sind gegenüber Aufklärung, Erziehung und demokratischen Spielregeln. 

Verlorene Kohorten werden gesellschaftlich und politisch unentwegt thematisiert, freilich nicht immer im faktengerechten nüchternen Verständnis, sondern häufig in einem paradoxen Doppelsinne: als Störenfriede und Feinde einerseits sowie als Projektion durchaus für resozialisierbar und umerziehbar gehaltene Gesellschaftsgruppen andererseits. Im politischen Spiel ist diese Doppelsicht ein willkommenes Movens (in der Wahlwerbung, Mittelbewilligung usw.). Ein sachgerechter Umgang wird erst möglich sein, wenn...
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Erich Dauenhauer

Zeitmanagement 
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Wege zur persönlichen
Zeitsouveränität
 
 

3. Auflage
1999
 
 
 

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Aus dem Inhalt
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  • Zweiter Zugang zur persönlichen Zeitsouveränität: Zeitfallen erkennen
  • Lebensphilosophischer Zugang zum Zeitwohlstand
  • Das Netzwerk des Zeitmanagements
  • Sortier- und Plazierungsregeln
  • Fokustechniken
  • Planungstechniken
  • Gesprächs-, Besprechungs- und Konferenztechniken
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