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| 21. Juni 2008
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30. März 2008 Sportkapitalistische Schau- und Täuschungsgeschäfte
In Teil 10 dieser Artikelserie, die am 18. November 2000 begann, wurde zusammenfassend festgehalten:
Die schneidige Arroganz von Sportfunktionären, die in einer abgehobenen Welt aus Luxus, Ruhm und Scheinmoral leben, zeigt gerade mal wieder ihr Gesicht. Diese Herrschaften verwalten einen geldschweren internationalen Sportkonzern unter dem Firmenschild von gutmenschlicher Völkerversöhnung. Was auf hoher Ebene moralischer Selbstbetrug ist, hat sich in zahlreichen Untergliederungen (so im Radsport) als »systematischer Sportbetrug« installiert (Claus Dieterle). Die Bundesligen im Fußball erzielten 2006/07 einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro und bepreisen Spieler mit Millionen, ohne daß sich, wie bei Managern, öffentlicher Protest regt. Dabei firmieren die Clubs unter Gemeinnützigkeit und kassieren damit Steuervorteile. Jörg Hahn von der FAZ bezeichnete zurecht deutsche Sportjournalisten als »distanzlose Claqueure« und fragt: »Stecken sie mit Betrügern unter einer Decke, verschweigen sie ihr Wissen, zeichnen sie bewusst ein falsches Bild, so wurde vielfach gefragt? Am Ende kann man feststellen, dass dies in der Regel überwiegend nicht zutrifft – nicht mehr.« Also doch, wie in dieser Artikelserie schon lange vermutet. Was auf dem undurchsichtigen Markt aus Spielervermittlern, Sportfunktionären und Medienvertretern insgeheim abläuft, läßt sich nur erahnen. Die aufgedeckten Dopingfälle lassen auf mafiose Strukturen schließen, wie Werner Franke in seinem Buch (›Der verrannte Sport‹) aufzeigt. Ein Fifa-Chef schwärmt dennoch von einem Weltfriedensauftrag des Fußballs und sieht sich und seine Mitstreiter gleichzeitig in Machenschaften verstrickt. Der Bund förderte im Jahre 2006 den Spitzensport mit 127,2 Millionen Euro. Wie sehr sich das sportkapitalistische Schausystem
installiert und zugleich verrannt hat, belegen nicht allein die Umsätze
und Verfehlungen. Vielfach tragisch verlaufen unzählige Lebenskarrieren,
die sich als Leistungssklaven dem Sport berufsmäßig verschrieben
haben und unter dreifachem Druck stehen: 1. Es zählen nur extreme
Spitzenleistungen. 2. Dazu reichen natürliche menschliche Ressourcen
immer weniger aus, also greift man zu Nachhilfen (Doping u.a.). 3. Sponsoren
verlangen unerbittlich einen Imagegewinn durch Sportlerwerbung (Firmenlogos
auf Kleidung und Geräte). Daher laufen Athleten wie lebende Litfaßsäulen
durch die Stadien, daher gibt es für viele aus finanziellen Gründen
kein Zurück mehr von der Olympiateilnahme in Peking, obschon die kommunistischen
Diktatoren den Aufstand in Tibet gewaltsam niedergeschlagen haben und nicht
daran denken, ihr Unterdrückungssystem abzuschaffen. Wer jemals in
China war und das System studiert hat, kann die Hoffnung, die Olympischen
Spiele würden im Reich der Mitte mehr Demokratie bewirken, nur als
Illusion oder Schutzbehauptung bewerten.
Die Teile 1 bis 10 dieser Artikelserie erschienen am:
19. Oktober 2007 ›Ehrgeizmaschine‹ Angela Merkel.
Unter der Überschrift ›Die Ehrgeizmaschine‹ haben Rüdiger Schneider und Donata Riedel im ›Handelsblatt‹ (HB Nr. 181/2005, S. 6) das wohl treffendste Merkelporträt veröffentlicht. Unterbelichtet blieb dabei allerdings das Bild ihrer politischen Weltanschauung. Bevor darauf ergänzend eingegangen wird, soll der HB-Bericht kurz referiert werden, da er nicht der Vergessenheit anheim fallen soll. Neben einem Ganzkörperbild (Hosenanzug in Nadelstreif und poppige Schnallenschuhe) konnte man lesen: »Merkel schaut (in ihrem Büro) oft auf Katharina die Große. Dort, wo andere ein Bild des Ehemanns oder der Kinder auf dem Schreibtisch platzieren, thront das Porträt der deutschstämmigen russischen Zarin aus dem 18. Jahrhundert.« Die HB-Verfasser spielten auf »das männerverschlingende Wesen« der Zarin an (sie vernaschte Offiziere) und werden mit dieser Anspielung bereits geahnt haben, daß Merkel auf parteitaktische Weise CDU-»Parteigranden« ›verschlingen‹ würde, was ja auch in den Fällen Merz und Schäuble alsbald geschah. Statt wie Schröder großsprecherisch sich selber in Szene zu setzen, wählt Merkel gerne den indirekten Weg, um anderen ihre Überlegenheit zu »suggerieren«: Mit der »kalten Lust der Berechnung« habe sie an ihrem 50. Geburtstag einen Gehirnforscher das »kaltes Ständchen« des Geistes halten lassen. »Kalte Lust der Berechnung«: damit ist ein zentrales Denkmuster der Ostdeutschen markiert, das sie nach außen durch ihr Dauerlächeln und ihre kalkulierte Schlichtheit zu überdecken versucht - ein auffälliger Kontrast etwa zum gelackten Klunkerbild, das in der Öffentlichkeit die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes abgibt. Die Fakten, so der HB-Bericht, sprechen bei Merkel für sich: Von Kohl und Schäuble, ihren langjährigen Karriereförderern, distanzierte sie sich im rechten Augenblick eiskalt, von Kohl in einem FAZ-Artikel, von Schäuble im Laufe seiner Spendenaffäre. »Als geschiedene, protestantische, kinderlose Frau aus dem Osten hat sich ... (Merkel) wie im Schlaf durch eine rheinisch-katholisch geprägte Partei an deren Spitze emporgeschraubt – mit Fortüne und Protektion, vor allem aber mit starkem, ihre innere Ehrgeizmaschine ölendem Berechnungsvermögen: Bei der Wahrnehmung ihrer Chancen hat sie nie gepatzt...« Nach dem »Säurebad der Sozialisation« in der DDR und – so muß man hinzufügen – im Parteiapparat beherrscht Merkel mit der »kalten Lust der Berechnung« alle Finessen des Machtgebrauchs. Sie kann meisterhaft lavieren, versteht sich auf das Kohl’sche Aussitzen und kann sich flugs rechtzeitig in Szene setzen. Aber: »Merkels deutlicher Drang nach Höherem verströmt Kälte.« Mit hintergründiger Anspielung schießen die HB-Autoren: »Merkel die Große würde... in die Geschichte eingehen, wenn sie... sich mit thatcherischem Drang zur Unpopularität« bekennen könnte. Doch genau dieser direkte Mut ist ihr völlig fremd, weil ihr die Folgen unkalkulierbar erscheinen. Wer Merkels Reden und Erklärungen, ihre Taktik und politischen Aktivitäten nüchtern analysiert, kommt um den Eindruck nicht herum: Sie ist eine Meisterin des Changierens, sowohl in der Form als auch in der Sache, d.h. bei ihrem politischen Programm. Sie hat sich von konservativen Kernbeständen ihrer Partei, wie sie in deren Programmen seit 1947 formuliert wurden, mit der ihr eigenen leisen Kälte verabschiedet und darf als angesehenste Sozialdemokratin (ohne Parteibuch) gelten, die es je gab. Unter den unzähligen Belegen seien hier nur wenige angeführt. »Ich habe generell keine politischen Vorbilder«, sagte sie in einem Gespräch mit der NZZ (Nr. 112/04, S. 4) – wozu dann das Katharina-Porträt in ihrem Büro? Auf die Frage, was sie als Bundeskanzlerin ändern werde: »Jeder Bundeskanzler (!) hat die Aufgabe, gute Außen- und Innenpolitik zu machen. Das werde auch ich tun« (NZZ Nr. 200/05, S. 3) – ein Mustersatz dafür, sich nicht zu früh festzulegen. »Aber der einzelne hat ein Anrecht darauf, daß der Staat (!) ihn auch in die Lage versetzt, seine eigene (!) Kräfte zu entwickeln« (Regierungserklärung vom 30. Nov. 2005) – diese klassische sozialdemokratische Formel läßt alles hinter sich, wofür die CDU seit Ludwig Erhard stand. »Eine unionsgeführte Bundesregierung wird – im Gegensatz zu Rot-Grün – die Steuern senken und nicht erhöhen. Deshalb werden wir... die von Rot-Grün für den 1.1.2003 geplante weitere Erhöhung der Ökosteuer rückgängig machen. Damit bleiben rund 3 Mrd. Euro Kaufkraft in den Taschen der Bürger«, heißt es im »Startprogramm Deutschland« der CDU/CSU aus dem Jahre 2002 (S. 5 f.) - unter Merkel wurde die Ökosteuer nicht nur nicht abgeschafft, sie wird sogar zweckentfremdet verwendet. »Unser Gemeinwesen braucht alle drei Werte – die Freiheit, die Solidarität, die Gerechtigkeit. Wahr ist aber auch: Unser Gemeinwesen braucht eine Neujustierung dieser drei Werte in ihrem Verhältnis zueinander, und zwar zugunsten der Freiheit«, verkündete Merkel als CDU-Vorsitzende in ihrer Rede zum Tag der deutschen Einheit 2003 – als Kanzlerin unterstützt sie die Pläne zur Ausforschung privater Rechner, womit die Freiheit zugunsten von Sicherheit eingeschränkt wird. Merkel unterstützt auch die Krippenplätze-Politik ihrer Familienministerin, was fatal an DDR-Verhältnisse erinnert. Die planwirtschaftliche Gesundheitspolitik ihrer SPD-Ministerin Schmidt liegt ihr ebenso am kalten Herzen (vgl. die Artikelserie in diesem WALTHARI-Portal zum ›Tollhaus der planwirtschaftlichen Gesundheitspolitik‹) wie die Arbeitsplätze vernichtende Mindestlohnpolitik ihres Vizekanzlers Müntefering. Geradezu entlarvend ist ihr taktierendes Verhalten gegenüber dem ungeheuerlichen Anliegen ihrer Familienministerin, Kinder und Jugendliche gleichsam als Spione oder Hilfssheriffs (beschönigend als »Testkäufer« bezeichnet) einzusetzen, um Verkaufsverbote zu kontrollieren. »So etwas verändert das Klima der Gesellschaft«, wetterte der brandenburgische Innenminister Schönbohm. Der Linksrutsch der CDU veranlaßte die FTD (17.
Nov. 2002, S. 34) zu einer vernichtenden Analyse der Merkel’schen »Angola-Koalition«
(Flagge: rot-schwarz) und zum Vorwurf des »Realitätsverlustes«
im Feuilleton der FAZ (Nr. 143/06, S. 45). Dort schrieb Christian
Geyer: »Politische Rationalität ist in Frau Merkels Lesart
die Rationalität der Tauschbörse. Die muß sie gemeint haben,
als...
Primäres Anliegen im Parteienstaat ist, Macht zu erringen und mit allen Mitteln zu erhalten (vgl. dazu das Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹, Näheres in diesem WALTHARI-Portal). Die kalte Analytikerin Merkel weiß auch ohne ihren Beraterschwarm, daß in einer alternden und sozialstaatlich verwöhnten Gesellschaft mit konservativen Werten (Freiheit, Selbstverantwortung usw.) schwerlich Wahlen zu gewinnen sind. Deshalb wohl läßt sie nach und nach alles hinter sich, was an bürgerlichen Werten seit Jahrzehnten zur Politik der Christdemokraten gehörte, darunter auch Grundüberzeugungen. Dagegen haben einige Jungkonservative (Mappus, Söder, Mißfelder und Wüst) jüngst schüchtern protestiert: zuviel lavierende Pragmatik statt solide Programmatik. Die CDU-Vorsitzende hat den Protest in bewährter Weise auszusitzen verstanden. Es gleicht daher einem politischen Mimikry, wenn der zweite Satz der Präambel des neuen Grundsatzprogramms lautet: »Die CDU ist die Volkspartei der Mitte.« Das Grundsatzprogramm aus dem Jahre 1994 begann noch mit dem schlichten Satz, den man glauben konnte: »Die Christliche Demokratische Union Deutschlands ist eine Volkspartei.« Satz 3 lautete: »Unsere Politik beruht auf dem christlichen Verständnis vom Menschen und seiner Verantwortung vor Gott.« Was ist unter Angela Merkel davon übrig geblieben? Nur scheinbar läßt sich die vorstehende Analyse mit dem Ansehen der Kanzlerin, wie es in Umfragen und in großen Teilen der (Welt-)Presse zum Ausdruck kommt, nicht vereinbaren. Zum einen jedoch weiß sich Merkel »mit meiner freundlichen Art« (O-Ton) nach außen so zu präsentieren, als sei ihr die kalte Ehrgeizmaschine völlig fremd. Nicht wenige Journalisten und das Publikum lassen sich davon beeindrucken. Ihr internationales Ansehen leitet sich außerdem aus dem Wunschbild ab, das man auch sechzig Jahre nach der Nazidiktatur an Deutschland heranträgt: spendabel, meist klein beigebend und im Auftreten verhalten. Davon konnte man sich bei der Konferenz der Staats- und Regierungschefs in Lissabon aktuell ein Bild machen. Merkel hat dem miserablen EU-Vertrag zugestimmt, der das Wettbewerbsprinzip schwächt und »der selbst im Urteil seiner Befürworter unverständlich ist« (Werner Mussler) und der diskussionsverhindernd lange unter Verschluß gehalten wurde. Diese aufgenötigte Wunschrolle füllt Merkel perfekt aus – im Kontrast zu ihrem großspurigen Vorgänger. Doch die Wunschrolle liegt nur teilweise im Interesse Deutschlands, dazu rechnet gewiß die sympathische Dezenz im Auftreten. Mit gefüllten Spendiertaschen und mit verzichtender Wahrnehmung eigener nationaler Interessen sind im Ausland leicht Sympathiepunkte zu sammeln. Dennoch hat auch Merkel keines der internationalen Großprojekte Deutschlands (Mitglied im UN-Sicherheitsrat; angemessene Stellung in der EU, was die Sprache und das Stimmengewicht betrifft usw.) vorangebracht. Im Inland kann sich die Kanzlerin die Abnahme der Arbeitslosenzahl nur zum geringen Teil anrechnen, denn Arbeitsplätze werden von Betrieben, nicht von der Regierung geschaffen. Die bankrottnahe Staatsverschuldung ist geblieben, lediglich die Zuwächse haben sich verringert und dies mehr aufgrund der Härte des SPD-Finanzministers als aufgrund des Drängens von Angela Merkel. Die Armutsquote in Deutschland ist seit 1998 von 12,1 auf 13,5 % gestiegen usw. usw. Die gerühmte Analysefähigkeit Merkels hat
es nicht vermocht, ihre planwirtschaftliche Grundeinstellung (in der Gesundheitspolitik
usw.) aufzugeben zugunsten eines Verständnisses der Marktwirtschaft,
deren komplizierte Mechanismen (vgl. das Buch ›Wirtschaftskategorien‹;
Näheres in diesem WALTHARI-Portal)
ihr
schon biographisch nicht nähergebracht wurden. Bei nüchterner
Betrachtung gibt die Merkelbilanz also keinen Anlaß zum Jubeln. Man
kann nicht einmal sagen, sie habe keine große Fehler gemacht,
wo sie doch gerade wieder in Lissabon den nächsten schweren Fehler
begangen hat: »Er besteht auch darin, daß sich ›Europa‹
endgültig von der Idee verabschiedet, die Bürger könnten
sich an der Diskussion über die europäische Verfassung beteiligen«
(Werner Mussler in der FAZ Nr. 242/07, S. 7). Nach dem Amtseid wäre
es Merkels Aufgabe, »seinen (des deutschen Volkes) Nutzen (zu) mehren«
(Art. 56 GG).
Der Volltext wird an anderer Stelle veröffentlicht.
9. April 2007 Verlorene Kohorten: Neonazis, Alt-SEDler u.a.
Noch immer hält die Schockwelle an. Sie nimmt im gegenwärtigen französischen Wahlkampf sogar zu. Eine Studie des ›Institut national de la statistique et des études économique‹ hat im Jahre 2001 skandalöse Befunde vorgelegt. Das Institut hat amtlich verkündet, daß in Frankreich 86.500 Clochards (inzwischen auf etwa 100.000 gestiegen) ihr ärmliches Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Allein in Paris leben (geschätzte) 20.000 Stadtstreiche, deren Biographien fast alle die gleichen Merkmale aufweisen: suchtgeschädigt, fehlende Hygiene, Fehl- und Unterernährung mit der Folge einer stark geschädigten Gesundheit, geringe medizinische Versorgung, soziale ausgestoßen, aus gestörten Familien kommend, aggressive und kriminelle Neigungen. Diese Typenbeschreibung konnte man schon in Patrick Henrys Dissertation aus dem Jahre 1984 nachlesen. Bestätigt wird sie durch die neue Publikation von Patrick Declerck ›Les naufrages‹ (die Gestrandeten), ein 400-seitiger Erfahrungsbericht, in welchem der Autor die Ergebnisse seiner Begegnungen aus 15 Betreuungsjahren festhält. Mit seiner schonungslosen Kampfschrift verstärkte der Autor die Schockwelle: Jede ›Clochardisation‹ sei unumkehrbar. Declerck hält es für eine sozialromantische Utopie und für reine Mittelverschwendung, die Gestrandeten in ein normales Leben zurückführen zu wollen. »Unter den Tausenden von Menschen, die ich sowohl als Psychotherapeut als auch als Arzt empfangen habe, kenne ich kein einziges Beispiel von Wiedereingliederung, wenn man darunter die Entwicklung eines Subjekts versteht, das von einer schweren und chronischen Desozialisierung zu einem dauerhaft autonomen sozioökonomischen Funktionieren fände. Kurz: Subjekte, die vom Clochard zum Menschen wie du und ich werden, gibt es nicht.« Das ist ein tödlicher Schlag gegen die geläufige, sich allmächtig wähnende Machbarkeitsideologie des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeistes, der alles für heilbar hält. Der sozialutopische Impetus macht blind in Fällen, wo jede Aufklärung, Hilfe und Erziehung ins Leere läuft. Das trifft auch für einen großen Teil der Neonazis zu. Wer trotz der eindeutigen Verbrechenslage, die auf das Konto des Nationalsozialismus geht, dieser menschenverachtenden Ideologie auch nur die geringste Sympathie entgegenbringt, darf als unbelehrbar und demokratieverloren gelten. Die Nazi-Verheerungen sind nicht allein historisch leicht zu erkunden, sie wirken bis in unsere Zeit nach (man denke nur an die anhaltenden Entschädigungs- und Restitutionsklagen oder an die unüberwundene Scheu des Grundgesetzes vor direkter Demokratie). Sie sind also leichterhand auch aktuell erkennbar. Das braune Milieu, wie es nicht nur in Deutschland anzutreffen ist, zeigt sich dennoch aufklärungsresistent und gewaltbereit. Das geht aus Verfassungsschutzberichten seit Jahren hervor. Allein in Sachsen sind 3.230 Rechtsextreme registriert, die in Netzwerken gut organisiert sind und sich mit Musik, Lagerromantik usw. bei ideologischer Laune halten. Die demokratische ›Sanierungsquote‹ ist erkennbar gering, wenn nicht gar null, sonst würde die Anhängerschaft schrumpfen. So differenziert auch die rechtsextreme Szene zu betrachten ist (vgl. A. Klärner u. M. Kohlstruck [Hrsg.]: ›Moderner Rechtsextremismus in Deutschland‹, 2006), ihre mentalitätstypisch gleichen Merkmale sind: ideologische Verhärtung und Aufklärungswiderständigkeit, gepaart mit emotionalen Brutalitäten. Kein Gegenargument zählt, mag es auch noch so belegbar sein. Zu den verlorenen Kohorten zählen auch Alt-SEDler. Auffälligerweise bleibt diese gesellschaftliche Gruppe wissenschaftlich und auch in den Medien unterbelichtet. Das erstaunt wenig, wenn man in Rechnung stellt, daß das linksextreme Milieu generell mit mehr Nachsicht, ja zuweilen mit Verständnis rechnen kann als die rechtsextreme Szene. Einem Stalinpreisträger Bertold Brecht z.B., immerhin der Verfasser hymnischer Stalinverehrungen (»... allen, die für den Weltfrieden kämpfen, muß der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten, Stalin ist tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnungen.«), läßt man die Beweihräucherung eines der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte durchgehen, während man Ernst Jünger stark angebräunt zu sehen beliebt. Die DDR-Altkommunisten trauern ihren ehemaligen Machtpositionen (vom Grenzwächter bis zum Kulturfunktionär) nach und sind für freiheitlich-demokratische Gesinnungen nicht zu gewinnen. Das drückt sich u.a. in den Wahlergebnissen der neuen Länder aus. Eine besonders auffällige Gruppe der ›Verlorenen‹ stellen islamische Fundamentalisten dar. Dazu rechnen nicht nur Selbstmordattentäter und ihre Hintermänner. Koranische Haßprediger, die ›den Westen‹ verteufeln, haben immer auch dessen freiheitliche Demokratien im Visier, deren Versuchungen sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Denn demokratischen Ordnungen sind mit religiösen Gewaltmonopolen unvereinbar. Nach Angaben deutscher Innenminister leben im islamischen Milieu rd. 30.000 Gewaltbereite, die immun sind gegenüber Aufklärung, Erziehung und demokratischen Spielregeln. Verlorene Kohorten werden gesellschaftlich und politisch
unentwegt thematisiert, freilich nicht immer im faktengerechten nüchternen
Verständnis, sondern häufig in einem paradoxen Doppelsinne: als
Störenfriede und Feinde einerseits sowie als Projektion durchaus für
resozialisierbar und umerziehbar gehaltene Gesellschaftsgruppen andererseits.
Im politischen Spiel ist diese Doppelsicht ein willkommenes Movens (in
der Wahlwerbung, Mittelbewilligung usw.). Ein sachgerechter Umgang wird
erst möglich sein, wenn...
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