Sportkapitalistische Schau- und Täuschungsgeschäfte16 Teil: Pathologische Euphorie
Von Univ.-Prof. Dr. E.
Dauenhauer
Nach Affenart: Die
Freudenposen im Fußball steigern sich mittlerweile zu affenartigen
Rudelbildungen: mit Geschrei und Purzelbäumen. Ein bekannter Trainer hat
Luftsprünge zu seinem Markenzeichen gemacht und fuchtelt nach jedem Tor seiner
Mannschaft mit seinen Armen nach gestentreuer Affenart. Siege können Millionen
Euro einbringen und rechtfertigen die Regression. Mit Sport im humanen Sinne
hat die pathologische Euphorie nichts mehr gemein.
Widerliche Raffinements.
Zum Sportkapitalismus der üblen Sorte gehört der falsche Schein: Man erweckt
den Eindruck, dem Gemeinwohl zu dienen, wo es in Wahrheit darum geht, den sportindustriellen
Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten. ›Wir sind eine große Familie‹, wir:
die Spieler, Funktionäre und das Publikum, propagiert man zynisch. Politiker reglementieren
Auswüchse im Bankenbereich, in Konzernen usw., an den geschäftstüchtigen Sportzynismus
trauen sie sich nicht heran. Man gesellt sich sogar als Ehrengast auf der
Tribüne dem Täuschungsbetrieb bei.
Umsätze.
Die erste Fußballbundesliga in Deutschland setzt je Saison rund zwei Milliarden
Euro um. Die Hälfte entfällt auf Fernseh- und Werbeeinnahmen. Das
öffentlich-rechtliche Fernsehen rechnet es zu seinem Grundversorgungsprivileg,
Hunderte Millionen Euro je Spielsaison beizusteuern. Spielerkäufe lassen sich
manche europäische Spitzenclubs bis zu achtzig Millionen Euro je Kicker kosten.
Gleichzeitig sind die Vereine mit rund sechshundert Millionen Euro verschuldet.
Und das medial aufgegeilte Publikum ist begeistert.
Sportkriminalität.
Gewalt in den Stadien ist alltäglich. Mit illegalen Wetten werden weltweit
geschätzte achtzig Milliarden Dollar umgesetzt. »Die türkische Mafia
manipuliert Spiele in Deutschland«, konnte man dieser Tage in einer Zeitung
lesen. Die Fifa und Uefa waschen ihre Hände in Unschuld, obschon Korruption
ihnen selber nicht fremd ist. Für dümmste Ausreden und Verstellungen ist man
sich nicht zu blöd. Und die Medien spielen quotengeil mit, als hätten sie über
caritative Vereine zu berichten. © Walthari®. Aus: www.walthari.com
Die
Teile 1 bis 16 dieser Artikelserie erschienen in diesem Walthari-Portal am:
18.
Nov. 2000 / 24. Apr. 2001
/ 23. Jan. 2002 / 03. Juli
2003 / 19.
Dez. 2003 / 30. Juni
2004 / 02. Feb. 2005
/ 17. Feb. 2006 / 07.
Juli 2006. / 27. Mai 2007 / 30.
März 2008 / 13. Aug. 2008 / 14.
Juni 2009 / 29. Nov. 2009 / 15. Nov. 2010 / 13. Mai 2012
31. März / 4. April 2012
Bundespräsident
Gauck auf der parteienstaatlichen
und
medialen Schaumkrone
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Wenn alle jubeln, ist es
ratsam, skeptisch zu sein. Wenn alle steinigen, sollte man noch genauer
hinschauen. Für Gauck trifft der erste Fall, für Wulff der zweite zu. Aktuell
am Laufen ist die erste Causa, nachdem die zweite mit einer erfolgreichen
Steinigung abgeschlossen werden konnte. Das Unisono des Gauck-Jubels erinnert
an den ehemaligen Obama-Rausch, von dem wenig geblieben ist. Der Jubel
übersieht Aussagen Gaucks, die im hierzulande dominanten linken Milieu scharf
kritisiert werden müßten: »Auch
Einwanderer müssen ihren Beitrag leisten. Das ist eine Zumutung, die wir
bestimmten Milieus etwa aus den ländlichen Gegenden im Osten der Türkei
abverlangen müssen. Aber wir dürfen die Menschen nicht ruhigstellen durch
Versorgung. Das perpetuiert Abhängigkeit. Demokratie ist auf Mitwirkung
angelegt. Im Gegensatz zur linken Propaganda muss klar sein, dass wir den
Menschen nichts Böses tun, wenn wir ihre Mitwirkung stimulieren und fordern.« Das geschrumpfte rechte Milieu dagegen müßte
erzürnen, wenn es von Gauck darüber belehrt wird, daß der 68er-Bewegung
lediglich einige »Irrwege« unterlaufen seien, wo doch auch Morde zu ihrem
Programm gehörten. Beide Lager haben dennoch Gauck gewählt, was beweist, daß es
ihnen gar nicht so sehr auf die von Gauck vertretenen Inhalte ankommt, sondern
auf politisches Kalkül. Der Pfarrer aus der ehemaligen DDR ist für die
Traditionsparteien – die Linke ausgenommen – schlicht der angenehmere
politische Klimamacher – hofft man. Aber das könnte sich als Trugschluß
erweisen, wofür seine Rede nach der
Vereidigung im Deutschen Bundestag einige Warnsignale aussendet.
1. Gauck hat die 68er-Bewegung nicht nur verharmlost,
sondern ihnen sogar das »Verdienst« zugerechnet, die Wende in der verdrängten
Vergangenheitsbewältigung herbeigeführt zu haben. Das ist historisch falsch und gibt Hinweise auf geprägte
DDR-Perspektiven, wie sie auch bei Merkel in Sachen Marktwirtschaft zu
beobachten sind. Bereits Konrad Adenauer hat in den 50er Jahren
Wiedergutmachung und Mentalarbeit geleistet. Daß eine kulturverachtende
Bewegung gut gewesen sein soll, »die fehlende Empathie mit den Opfern des
Nazi-Regimes« (Gauck a.a.O. u. T.) ins
kollektive Bewußtsein gebracht zu haben, wo doch die 68er-Ideologie für die
mörderischen kommunistischen Systeme gleichzeitig schwärmte und z.B. gegen den
Einmarsch der Sowjettruppen in die damalige Tschechoslowakei nicht protestierte.
Die historische Sicht Gaucks ist bemerkenswert und läßt noch mehr dergleichen
erwarten.
2. Gauck sprach am 23. März 2012 a.a.O. von einer
sozialen Gerechtigkeit, die »nur in intensiver demokratischer Diskussion und
Debatte (zu) klären« sei. Den Inhalt des Keulenbegriffs
»soziale Gerechtigkeit« einem Findungsprozeß, und sei er noch so
demokratisch, zu überantworten, ist
fatal (vgl. Den Beitrag über ›Gerechtigkeit als Tugend und Ordnungsprinzip‹ in
diesem Walthari-Portal).
Wie dieses Verfahren praktisch ausfallen kann, hat die letzte Verdi-Streikwelle
vor Augen geführt. Diese rituelle
Kampfpraxis hat mit Gerechtigkeit wenig zu tun, sie demonstriert reine
Macht, an der alles Gerechte leicht zerbricht.
3. Gauck liebt pastorale Sätze wie: »In ›unserem Land‹
sollen auch alle zu Hause sein können, die hier leben.« Wirklich alle? Auch
diejenigen, die »unser Land« ablehnen oder es sogar hassen und bekämpfen? Und
das sind bekanntlich nicht wenige unter denjenigen, die aus fremden Kulturen
kommen und sich partout nicht integrieren, bei häufig gleichzeitiger Inanspruchnahme
von Sozialhilfe. Wie weit ist es noch von den gefürchteten
Parallelgesellschaften entfernt, wenn der Bundespräsident vor der Bundesversammlung
sagt: »Wir leben inzwischen in einem
Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und
christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen,
andere Traditionen und Kulturen, in dem der Staat sich immer weniger durch die
nationale Zugehörigkeit seiner Bürger definieren lässt, sondern durch ihre
Zugehörigkeit zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft, in dem
nicht ausschließlich die über lange Zeit entstandene Schicksalsgemeinschaft das
Gemeinwesen bestimmt, sondern zunehmend das Streben der Unterschiedlichen nach
dem Gemeinsamen: diesem, unserem Staat in Europa.« Leider streben eben
nicht alle nach »diesem, unserem Staat in Europa«. Erstaunlich, daß gegen diese
verkappten Multikulti des Bundespräsidenten sich keine Proteststimme erhob.
4. Gauck plädiert Europa und geißelt »die Neigung, sich
auf die Ebene des Nationalstaats zu flüchten«. Ohne auch nur mit einem Wort auf
die schlimmen Probleme der EU und des Euro einzugehen, ruft er aus: »Wir wollen
mehr Europa wagen.« Davon rücken selbst große Teile der bürgerfernen
politischen Klasse ab, geht es doch überhaupt nicht darum, Europa zu wollen,
sondern darum, ein Europa ohne Bürgerferne, ohne Brüsselmonster und ohne
Euro-Desaster zu schaffen. Auch auf
diesem Felde zeigt sich der eben gewählte Bundespräsident als blauäugig und
blind gegenüber den Realitäten und der Zukunft.
5. Am fatalsten ist Gaucks Plädoyer für die »repräsentative
Demokratie (als) das einzige (!) System, Gruppeninteressen und
Gemeinwohlinteressen auszugleichen«. Wie verträgt sich dieser Solostatus mit
seinem Hinweis, Bürgerinitiativen usw. seien «eine zweite Stütze unserer Demokratie«?
Der «Stütze« kann im Gauck’schen Verständnis nur eine Ventilfunktion zukommen. Mit der Systemaussperrung
direktdemokratischer Elemente erweist sich der Bundespräsident unheilbar als
Mann von gestern, des abgewirtschafteten, weil alleinherrschenden
Parteiensystems, dem sich die Bürger weitgehend entfremdet haben.
©
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer , ausgenommen Originalzitate. – Aus: www.walthari.com
21. Februar 2012
Strafbare
Insolvenzverschleppung im Falle Griechenlands?
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Wer in Kenntnis der
Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung es versäumt, rechtzeitig eine Insolvenz
anzumelden, begeht eine Straftat wegen Insolvenzverschleppung, soweit es sich
bei der Schuldnerin um eine juristische Person handelt (§ 15 a der
Insolvenzordnung). Griechenland ist seit
langem zahlungsunfähig. Alle bisherigen Rettungsgelder (von über 100
Milliarden Euro) haben die Zahlungsunfähigkeit des Landes nicht beseitigen
könne. Daraus ist nach Einschätzung der meisten politikunabhängigen Experten zwingend zu schließen, daß dem Land mit
weiteren Rettungsmilliarden nicht zu helfen ist: zu hoch die Staatsverschuldung,
zu schwach die Wettbewerbsfähigkeit, zu chaotisch die institutionelle
Verfassung. Dennoch beschlossen europäische Regierungen u.a. ein weiteres
Hilfspaket in Höhe von mindestens 130 Milliarden Euro. Ist eine größere und
verantwortungslosere Geldverschwendung denkbar? Da Deutschland wieder mal die
Hauptlast zu tragen hat, ist es mehr als
verwunderlich, daß kaum jemand im Lande vernehmbar protestiert. Jetzt schon trifft es Deutsch
unmittelbar: Die IKB z. B. streicht nach Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden
rund zweihundert Stellen, weil die Bank 276 Mio. Euro aus dem Schuldenerlaß
tragen muß. Auch andere deutsche Stellen werden erheblich belastet. Wie steht es um die Selbstachtung und um das
kollektive Verantwortungsbewußtsein, wenn politikunabhängige Eliten und das aufgeklärte
Bürgertum sich von der Politik das Fell über die Ohren ziehen lassen? Griechenland
ist erkennbar ein Faß ohne Boden.
Politiker haben geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Wird man sie
eines Tages wegen Eidbruchs und gigantischer Mittelverschwendung zur
Rechenschaft ziehen? Wann endlich…? © Walthari® – Aus: www.walthari.com
Ich rufe interessierte Walthari-Leser zu Protest-Mails an den Bundestagspräsidenten
Prof. Dr. Lammert auf: praesident@bundestag.de
. Wer sich lange Begründungen seines Protestes ersparen möchte, kann in seiner
Netzpost ein Springpunkt zu diesem Walthari-Portal setzen: www.walthari.com. Hier sind zahlreiche scharfe Kritiken zum
Euro-Abenteuer zu lesen.
-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-. 9. Februar 2012
Wann
endlich macht sich die sogenannte politische Elite im Falle Griechenland
ehrlich?
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Die sogenannte politische Elite
in Deutschland und ihre Anführerin, Bundeskanzlerin Merkel, haben mit ihrer EU- und Europolitik einen
Scherbenhaufen angerichtet. Statt die
Völker zu einen und Europa weltpolitisch aufzuwerten, ist genau das Gegenteil
eingetreten. Seit 1945 war das Klima nie so vergiftet wie heute, und Merkel muß
in China um eine Euro-Unterstützung betteln. Es ist also nicht nur ein finanzieller Schaden zu beklagen, wichtiger
noch und langfristig wirksamer sind die immateriellen Schäden, die der
politischen Klasse und ihrer Anführerin anzulasten sind. Die Deutschen sind mittlerweile das verhaßteste
Volk Europas, obschon sie für das gescheiterte Europrojekt die höchsten Lasten
zu tragen haben.
Wann gab es das schon: Im Süden Europas wird die
deutsche Flagge verbrannt und werden deutsche Touristen angepöbelt. Dieser
Niedergang wurde in diesem Walthari-Portal seit vierzehn Jahren
immer wieder vorhergesagt, auch dann, als die Presse den Euro hochjubelte und
seine Betreiber als große Staatsmänner feierte.
Derzeit wird Merkel wieder
hochgejubelt: als Führerin Europas, als mächtigste Frau der Welt usw. Doch in
Wahrheit macht sie eine miserable öffentliche Figur und zeigt sich blind
gegenüber den Fakten und ihren Folgen. Schon optisch als graue Maus tritt sie
mit Sarkozy im französischen Fernsehen auf und macht eine gedeihliche
Zusammenarbeit mit dem wahrscheinlichen Sieger der französischen
Präsidentenwahl (F. Hollande) künftig unmöglich. Sie setzt als Heilmittel einen
Fiskalpakt durch, den die Bundesbank kritisiert und der die Griechen,
Portugiesen, Italiener und Spanier zu Deutschen machen will – eine Kriegserklärung
auf dem Schauplatz der Mentalitäten, die sich kaum verändern lassen.
Seit 1893 kam es in Griechenland viermal zum
Staatsbankrott (1893, 1897, 1932 und 2011/12). Von 1976 bis 2008 sind sage und
schreiben 133,5 Milliarden Euro nach Griechenland geflossen, ohne daß das Land auf
die Beine kam. Es liegt an der Mentalität
der PIGS-Staaten, nicht an ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten, wenn sie
innerhalb eines gemeinsamen Währungsraumes ewige Sanierungsfälle bleiben. Nach
einem Dossier-Bericht der NZZ Nr. 273/2011, S. 18) war das korrupte Phänomen
Berlusconi keine »bloße Anomalie«, sondern ein Gewächs der italienischen
Mentalität. Auch billionenschwere Rettungsschirme können diese Lage nicht verändern.
Das weiß natürlich auch die politische Klasse. Dennoch geht die Bundeskanzlerin
mit windigen Sprüchen hausieren: »Scheitert der Euro, scheitert Europa.« Das ist
nicht allein falsch, das Schicksal Europas hängt mitnichten am fehlkonzipierten
Euro, im Gegenteil. Das Europrojekt ist sogar gefährlich und kostet den
Steuerzahler Unsummen.
Die meisten Deutschen haben noch gar nicht begriffen,
was der Scherbenhaufen vor ihren Füßen bewirken wird. Er hat Fehleinschätzungen, Rechtsbrüche, gigantische
deutsche Zahlungen à fonds perdu, Entmachtungen (nicht nur der Bundesbank) und
schlimme Anfeindungen (Nazi-Vergleiche im Ausland zuhauf) zu seinen Vätern. Ohne
um seine Entlassung fürchten zu müssen, kann der holländische Chefvolkswirt der
EZB erklären, wettbewerbsschwache Länder aus der Eurozone zu entlassen, »ist überhaupt (!) keine Option« (FAZ Nr.
21/2012, S. 11). Ohne daß er eine Sanktion fürchten muß, erlaubt sich der
italienische EZB-Präsident und die Mehrheit in seinem Kollegium,
PIGS-Staatsanleihen zu kaufen, obschon es nach Europarecht verboten ist. Ohne daß
die Deutsche Bundesbank die höchste Alarmstufe ausruft, wird sie im Target-II-Verkehr
mit fast 500 (fünfhundert) Milliarden Euro belastet, was einer Druckerlaubnis
für den Euro in den PIGS-Ländern gleichkommt! Die Sündenfälle der EZB begannen
mit dem Franzosen Trichet, der von Journalisten und Politikern hochgejubelt
wurde, während die NZZ nüchtern titelte: »Trichet vor Gericht« (Nr. 255/2011,
S. 13).
Was muß denn noch alles geschehen, bis man die
Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht?
Warten, bis in Griechenland und anderswo die Demokratie gänzlich gekippt wird?
Ausgehöhlt ist sie ohnehin schon genug, wenn man an die Entmündigung der Bürger
oder an die Zonenverwaltung Griechenlands denkt. Ohne demokratischen Skrupel gab
der Präsident des Deutschen Bundestags jüngst zu Protokoll: Die
»Schlüsselentscheidung« für Eingriffe in nationale Haushalte und damit für
Souveränitätsverzicht sei in den alten EU-Beschlüssen längst gefallen! So
ist das also mit der Volkssouveränität. Der Verfassungssouverän, das Volk, wird
glatt übergangen und verspätet über die enormen Auswirkungen informiert.
Gewohnte Manieren des Parteienstaates, über deren EU-Hybris die NZZ schreibt: »Das Heil Europas liegt nicht in vereinigten
Staaten einer Angleichung nach unten, sondern in der Bereitschaft, durch
Leistung und Innovation jene Werte zu mobilisieren, die dem globalen Kräftemessen
standzuhalten vermögen« (NZZ Nr. 295/2011, S. 19). © Walthari® – Aus:
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Es besteht dringender
Anlaß, darauf hinzuweisen, daß ungenehmigte Übernahmen von Walthari-Texten in Presseorganen,
Internetportalen u. ä. juristisch verfolgt werden. Private, nichtkommerzielle Textverwendung
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-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-
30. Januar 2012
Es herrscht Krieg in Europa
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
»Es herrscht Krieg in Europa, freilich kein militärischer,
wohl aber ein Währungs- und Mentalitätskrieg.« So stand
es jüngst in diesem WALTHARI-Portal. Und
weiter: »Die Eurozone versinkt immer mehr ins Chaos, ihre Länder
sind nicht einfach zerstritten, vielmehr kämpfen sie teilweise ums
Überleben! Da erscheint fast jedes Mittel erlaubt, vom fortlaufenden
Rechtsbruch bis zur ungenierten Ausbeutung und fiskalischer Niederwerfung
ganzer Staaten. Die sog. politische Elite zieht einen ganzen Kontinent
mit jedem Rettungsgipfel tiefer in den Sumpf, lächelnd, weil systemgeschützt.
Wann in der Geschichte konnten sich Herrscher so etwas folgenlos erlauben?«
Mit dem Euro-Abenteuer hat sich Deutschland in Europa
viele Länder zu Feinden gemacht. Wer daran zweifelt, lese die z. T.
haßerfüllten Presseberichte im Ausland und schaue ins Internet.
Aus dem Sumpf, in den die sog. politische Elite Deutschlands geführt
hat, steigen übel riechende Vorurteilsblasen buchstäblich aus
den letzten Jahrhunderten auf. Das Geschrei der Einsinkenden: Die Deutschen
allein seien an dem Schlamassel schuld.
Dabei ist es gerade umgekehrt: Die Euro-Krise hat schonungslos
die unverantwortlichen Staatsverschuldungen aufgedeckt und lenkt die Wut
der Bürger geschickt auf die bösen Deutschen. Werden wir künftig
nicht mehr ohne Risiko nach Griechenland, Frankreich, Italien, Spanien
und Portugal reisen können? Wird man unsere Autos beschädigen
und uns überall anmachen?
Als ich 1952 mit zwei Mitschülern von Speyer nach
Paris radelte, erwartete uns eine ähnlich ungute Atmosphäre.
Der (deutsche) Wirt an der Seine riet uns, daß wir uns als Schweizer
ausgeben. Die Concierge konnte aber leicht von unseren Lederhosen (an andere
Fahrradkleider war in diesen Notjahren der Nachkriegszeit nicht zu
denken) auf unsere wahre Herkunft schließen und beschimpfte uns täglich
ohne Anlaß als boches. Wir huschten jedesmal beklemmt an ihrer Kabine
vorbei und erhielten so eine lebenswichtige Lektion: Deutsche, auch
wenn ihnen nichts angelastet werden kann, müssen mit schrägen
Nachbarblicken und Schlimmerem (wie derzeit in Euro-Raum) leben. Das ist
unser Schicksal in der Mitte Europas. Schon bei geringen Anlässen
wird die Nazi-Keule geschwungen, in manchen Zeiten genügt schon das
bloße Deutschsein.
Untaten, die von Deutschland ausgingen, haben die Mentalitätsräume
ringsum tief geprägt und offenbar dauerhaft vergiftet. Selbst die
uns so nahen Österreicher haben es geschafft, Hitler als urdeutschen
Teufel erscheinen zu lassen, obschon sie ihrem Landsmann beim ›Anschluß‹
begeistert zujubelten. Die Untaten im deutschen Namen scheinen die Dauerfunktion
für Erpressungen einzunehmen, um von eigenem Versagen abzulenken.
Nach Griechenland führt sich nun auch Italien lauthals
so auf. Deutsch-französische Freundschaft? Alfred Großer, ein
intimer Kenner der beiden Nachbarn, urteilte dieser Tage: Auch nach sechzig
Jahren Freundschaftspflege mögen sich beide Völker immer noch
nicht. Wobei hinzuzufügen ist, daß die Vorbehalte in Frankreich
weit größer sind als in Deutschland. Zwischen Völkern kann
es zwar keine Freundschaft geben, sie bleibt der zwischenmenschlichen Nähe
vorbehalten. Wohl aber ist im nationalen Miteinander Toleranz und nachsichtige
Wertschätzungen einzufordern, die beide in Europa gegenwärtig
abhanden gekommen sind. Stattdessen sind veritable Mentalitäts-
und Finanzkriege an mehreren Fronten ausgebrochen, die nicht mehr schönzureden
sind. In einer großen italienischen Zeitung war am letzten Wochenende
zu lesen: »Die Deutschen sind heute noch (!) immer arrogant und gefährlich
(!)… Die Kanonen donnern nicht mehr, aber die Waffe (!) der Währung
ist nicht weniger gefährlich.« Das ist purer Mentalitätskrieg,
ausgerufen von Ländern, die auf deutsche Kosten ihren Schlendrian
fortsetzen wollen. Sollte Bundeskanzlerin Merkel bei der heutigen Konferenz
in Brüssel einknicken, könnte es bald auch hierzulande…
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
Es besteht dringender Anlaß, darauf
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26. Oktober 2011
Europa im Krieg mit Euro-Waffen
Diesmal sieht sich Griechenland nicht von der deutschen
Wehrmacht besetzt, sondern von den Abgesandten der Euro-Retter. Krieg
wird in der hochzivilisatorischen Nachmoderne nicht mehr mit Schußwaffen
geführt, man hantiert mit Landbesetzungen mittels Finanz- und Netzwaffen.
Wenn Länder mit Finanz- und Netzgewalt ihre Souveränität
verlieren, ist das nichts weniger als Krieg mit den Waffen der Nachmoderne.
Ob durch militärische Landbesetzung oder Entmachtung der Finanzhoheit
durch fremde Mächte: für die Griechen macht das mental nur einen
graduellen Unterschied. Sie empfinden in beiden Fällen eine tiefe
Schmach, eine Verletzung ihrer Selbstachtung und Landeshoheit. Jeweils
finden tiefe Eingriffe in das Leben jedes einzelnen Bürgers statt.
Der Oktroi wird bald auch andere Euro-Länder heimsuchen
und, wie in Griechenland, bürgerkriegsähnliche Zustände
auslösen. Der falsch konzipierte Euro erweist sich als Besatzungsinstrument
nach Brüsseler Eroberungsmanier. Statt Europa zu vereinen und
zu Wohlstand zu führen, entpuppt er sich als Sprengsatz mit unabsehbaren
Folgen.
Zu welchen Notmaßnahmen der Euro-Wahn führt,
ist an den gigantischen Geldblasen der sog. Rettungsschirme abzulesen.
Welch
ein absurdes Polit-Spektakel: Haftungslasten für den deutschen
Steuerzahler zwischen 211 und 400 Milliarden Euro zugunsten unsolider Schuldner,
denen die Transfers schon bisher nicht geholfen haben. Und dies alles für
ein unrealistisches Wunschbild der politischen Klasse. Sie erträumt
sich das zwangsvereinigte Europa nach dem Vorbild der USA – absurd! Ein
föderativ vereintes Europa wäre allerletzt währungspolitisch
zu bauen, Schritt für Schritt um Kernländer herum. Doch die
Euro-Kriegsherrschaften lieben den großen Wurf und stürzen den
ganzen Kontinent in Unruhe und Völkerhaß. Man wird sich einmal
erinnern müssen, wer…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
15. September 2010
Europa als Lebensform
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
So lautet die Überschrift eines ganzseitigen Beitrags
von Kollegen Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ Nr. 124/2010, Seite 28. Ein
brisanter Text. Der Literaturprofessor an der Stanford Universität
geht der Frage nach, wie »das Selbstverständnis Europas«
in der »krisengeschüttelten Gegenwart« geprägt wurde.
Voran stellt er die These, »daß die Europäische Union
jener politische, soziale und kulturelle Raum geworden ist, in dem die
Sozialdemokratie, so wie sie nach 1950 als Konzept Gestalt angenommen hatte,
Wirklichkeit geworden ist.« Sozialdemokratie i.w.S. hat also »langfristig
ungeahnte Konsens-Potentiale« entwickelt: mit dem klassisch sozialistischen
Ziel der Gerechtigkeit (aus dem revolutionären Gleichheitspostulat),
mit der Forderung der Volkssouveränität und Gewaltenteilung sowie
einer kontrollierten kapitalistischen Praxis. Diese Sozialdemokratie
sei für die EU über alle Länder und Parteien hinweg normativ
geworden. Sie bestimmt in der Tat die unseligen Transferströme
wie auch die Wertvorstellungen der maßgeblichen Intellektuellen in
Politik, Justiz und in den Medien. Daraus ergebe sich, so Gumbrecht, ein
»Mehrheitskonsensus zugunsten des paternalistischen Staates«.
Der Literaturprofessor verweist auf die schwerwiegenden
Folgen.
-
Die EU-Ideologie führe »zu einer Verwechselung
ihrer eigenen Normen und Institutionen mit dem anthropologisch ›einzig
Richtigen‹«, d.h. alternative Konzepte werden als unwertig ausgeschieden.
-
Ein weiterer Effekt liege im De-facto-Pazifismus als
»Mehrheitsposition ihrer Gesellschaften«.
-
Der Schutz von Minderheiten habe »einen veritablen
Status« erreicht, im Klartext: Minderheiten werden gehätschelt
(Beispiel: alleinerziehende Mütter).
-
Universitäten verlören ihren Elitestatus.
-
Individuelle Freiheit und Selbstentfaltung seien zum »höchsten
Gut geworden«, woraus sich die Kinderdistanz vieler junger Frauen
erklärt. Nur dreiunddreißig Prozent der Westdeutschen bejahen
die Frage, ob man »Kinder braucht, um ein erfülltes Leben zu
haben.
-
Am gravierendsten ist wohl die »Erosion jener Differenzierung
auf engstem Raum, welche Europa einmal zum Zentrum der Welt gemacht hat«.
Die nationalen Kulturen gleichen sich tatsächlich unter dem Dach des
Sozialismus einander an und verlieren ihren produktiven Reiz. Ein Musterfall
dafür ist der Bologna-Prozeß, welcher Universitäten auf
niedrigem Niveau zu standardisieren sucht.
Die Schweiz, gibt Gumbrecht zu verstehen, solle sich aus
alledem heraushalten. Die EU erscheint ihm offenbar als sozialdemokratische
Superinstitution mit kulturen-nivelierendem Ehrgeiz. Was Sarrazin für
Deutschland zugespitzt formulierte, wird in der NZZ in weicherem Stil vorgetragen.
Im Unterschied zu Sarrazin hat Gumbrecht keine öffentliche Steinigung
zu befürchten. Das liegt an der Kulturdifferenz, die…
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com
14. April 2010
Unausrottbare Großillusionen trotz unlösbarer
Weltprobleme
Teil 16
Universalismus: Das Märzheft
2010 der ›Deutschen Zeitschrift für europäisches (!) Denken‹
(Untertitel) wartet mit einer Sensation auf. Egon Flaig stellt im ›Merkur‹
(Haupttitel) die Vorzüge der europäischen Kultur auf eine Weise
heraus, die in den vergangenen Jahrzehnten noch als Kulturrassismus gegolten
hätte. Heinz Theisen zeigt die Grenzen des Universalismus und
belegt dies mit drastischen Beispielen am Fall Afghanistan. Im Jahre 2008
hatte man den 60. Jahrestag der ›Allgemeinen Menschenrechtserklärung
der Vereinigten Nationen‹ gefeiert und damit an die Mission erinnert, daß
das westliche Demokratiemuster nach und nach zum globalen Standard werden
könne. Wider alle niederschmetternden Erfahrungen halten die politischen
›Eliten‹ an zahlreichen Trugbildern (Beseitigung der Weltarmut u.a.m.)
fest und bürden den Bürgern die Lasten auf, zu denen auch Menschenopfer
zu rechnen sind. Technik, Wissenschaft und Ökonomie sind universalisierbar,
ebenso Terrorismus, Kriminalität generell, nicht aber das Recht, die
Kultur, Demokratieprinzipien (im Maßstab des Grundgesetzes) u.a.
Religiöse Universalisierungspraktiken zeitigen regelmäßige
hohe Verluste, ebenso sprachliche (die Kosten des Weltenglischen werden
unterschätzt). Heinz Theisen zeigt Auswege aus dem Dilemma auf, die
in diesem WALTHARI-Portal seit Jahren vorgestellt
werden
Kriegsfreie Welt. Die Geschichte
der Zivilisation ist zugleich eine Geschichte der Kriege. Die Welt
kriegsfrei machen zu wollen ist ein hehres Ziel im Reich der Illusionen.
Trotz UNO und anderer konfliktbesorgter Organisationen hat die Zahl kriegerischer
Auseinandersetzungen nicht ab-, sondern zugenommen. Das Ziel kann daher
nicht sein, Kriege gänzlich unterbinden zu wollen (man müßte
dazu die menschliche Natur ändern), es wäre schon viel gewonnen,
die Konflikte mildern zu können.
Globale Klimapolitik. Selbst
Abhilfeversuche lebensbedrohlicher Zuspitzungen stoßen auf Grenzen
der Universalisierbarkeit. Die mageren Ergebnisse der Klimakonferenzen
(zuletzt in Kopenhagen) belegen schlagend, daß ein gemeinsamer ›Weltwille‹
nicht einmal in existenziellen Bedrohungslagen besteht. Das Schicksal der
›Menschheit‹ zählt weniger als taktische Vorteilsnahme. ›Menschheit‹:
eine Gattungsillusion in Deklarationen.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,
ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
10. Januar 2009
Unausrottbare Großillusionen trotz unlösbarer
Weltprobleme
Teil 14: Morgenländerei, Teil 3
– Anmerkungen zur hochriskanten Merkel-Doktrin
–
Es gibt Weltgegenden, die seit Menschengedenken so konfliktgeladen
sind, daß sich die Spannungen immer mal wieder in Bürgeraufständen
und kriegerischen Auseinandersetzungen entladen. Der Balkan, Kleinasien
und der Nahe Osten sind klassische Beispiele. Die Ursachen dafür liegen
auf der Hand (darunter vor allem multiethnische, -religiöse, -kulturelle
Gemengelagen), sie müssen hier nicht weiter erläutert werden
(vgl. dazu: ›Kultur- und Kunstökonomie‹, Teil II, S. 30-50; Näheres
unter Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal).
Aktueller Beleg für diesen Sachverhalt ist der sog. Gaza-Krieg. Die
Konfliktlage im Nahen Osten ist so tief verankert, daß keine der
bisher unzähligen Friedensbemühungen erfolgreich war. Eine
ungeschönte Analyse muß sich eingestehen: Die historisch
und aktuell herbeigeführte Gemengelage ist unentwirrbar. Gäbe
es einen Haß-Index mit der Skala von 0 bis 10 (0 = kein Haß,
10 = tötungsbereiter Haß), käme bei objektiver Untersuchung
der Wert zehn heraus. Einer solchen Lage stehen alle friedensstiftenden
Vermittlungs- und Regulierungsmächte erfahrungsgemäß rat-
und machtlos gegenüber: die UNO, westliche Regierungen, der Vatikan
u.a. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat daher so nüchtern wie ernüchtert
geraten, sich aus solchen Konfliktzonen herauszuhalten. Insgeheim teilen
wohl die meisten Politiker und Bürger diese Auffassung.
Am 17. März 2008 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel
vor der Knesset (dem israelischen Parlament) eine Rede gehalten, in der
sie den Scham ausdrückt, der »uns Deutsche« angesichts
des »Zivilisationsbruchs durch die Schoa« erfüllt. Die
Erinnerung daran müsse wachgehalten werden. Die Großverbrechen
des Hitlerregimes sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses;
niemand in Deutschland mit Moral und Verstand wird sich gegen Merkels Befund
und die Aufforderung stellen.
Doch die Bundeskanzlerin beließ es dabei nicht:
»Gerade
an dieser Stelle sage ich ausdrücklich: Jede Bundesregierung und jeder
Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands
für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung
Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt,
die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin
niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der
Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben. Deutschland setzt
gemeinsam mit seinen Partnern auf eine diplomatische Lösung.«
(zitiert
nach FAZ Nr. 67 F/2008, S. 2).
Diese sechs Sätze sind von schwerstem politischem
Gewicht. Was genau beinhaltet das Versprechen, daß es »in
der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben« dürfe,
wenn »die Sicherheit Israels« gefährdet ist? Das verbale
Beiwerk um die beiden Kernsätze nimmt nichts vom Gewicht des Beistandesversprechens:
Alle deutschen Regierungen nach 1945 waren sich der »historische(n)
Verantwortung« bewußt, das ist ebenso ein Faktum wie die Tatsache,
daß bisher alle diplomatischen Lösungen nicht gehalten haben.
Unentwegt kommt es zu kleinen und größeren (wie derzeit) Konfrontationen,
vergleichbar periodischen Vulkanausbrüchen, die aus der Tiefe von
heißer Magma gespeist werden. Das Magma im Nahen Osten ist der
Haß. Bei Konfliktaustragungen herausfinden zu wollen, wen dabei
das größere und kleinere Verschulden treffe, ist fruchtlos und
mutet angesichts der Opfer zynisch an.
Wie ist das Beistandsversprechen der Bundeskanzlerin
auszulegen? Was bedeutet es, wenn eines Tages Israel kriegerisch überfallen
wird? Diese brisante Frage ist mit Blick allein schon auf den Iran keineswegs
rein theoretischer Natur. Erzwingt dann die »historische Verantwortung
Deutschlands« gegenüber Israel, daß deutsche Truppen entsandt
werden müssen? Wenn die Sicherheitsgarantie Merkels »in der
Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben« werden, kann
das nur heißen: Deutschland würde in einen Krieg hineingezogen
in einer Weltgegend, deren Konfliktpotenzial nach aller Erfahrung auf Dauer
nicht zu befrieden ist, auch nicht durch kriegerisches Eingreifen. Wir
träten selber in diese Endlosschleife ein.
Warum wurde und wird diese hochriskante Merkel-Doktrin
in der deutschen Öffentlichkeit nicht ausführlich diskutiert?
Warum veranlaßt der Deutsche Bundestag, als Kontrollorgan der Regierung,
die Bundeskanzlerin nicht, ihre Garantieerklärung zu präzisieren?
Was genau bedeuten die Beistandsworte: »die Sicherheit Israel ist
für mich (!) als deutsche Bundeskanzlerin (!) niemals verhandelbar«?
Ist es die in Deutschland zur Kollektivneurose ausgewachsene
Furcht vor dem Vorwurf des Antisemistismus, die verhindert, daß diese
essentielle Frage überhaupt gestellt, geschweige denn ausdiskutiert
wird? Kann man es staatspolitisch gegenüber den Bürgern verantworten,
die möglichen Folgen einer hochriskanten Doktrin öffentlich nicht
zu debattieren? Warum melden sich keine Historiker kritisch zu Wort,
um auf die beiden Zusagen Kaiser Wilhelms II. gegenüber Österreich
vor 1914 hinzuweisen? Muß, wer in diesen Tagen an den törichten
Wilhelm II. erinnert wird, wieder einmal mit dem reflexartig eingeübten
Vergleichsverbotsvorwurf rechnen?
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die
Originalzitate. Aus: www.walthari.com
Copyleft nur unter Angabe der Quelle: www.walthari.com
9. April 2007
Verlorene Kohorten: Neonazis, Alt-SEDler u.a.
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
Noch immer hält die Schockwelle an. Sie nimmt im
gegenwärtigen französischen Wahlkampf sogar zu. Eine Studie des
›Institut national de la statistique et des études économique‹
hat im Jahre 2001 skandalöse Befunde vorgelegt. Das Institut hat amtlich
verkündet, daß in Frankreich 86.500 Clochards (inzwischen auf
etwa 100.000 gestiegen) ihr ärmliches Dasein am Rande der Gesellschaft
fristen. Allein in Paris leben (geschätzte) 20.000 Stadtstreiche,
deren Biographien fast alle die gleichen Merkmale aufweisen: suchtgeschädigt,
fehlende Hygiene, Fehl- und Unterernährung mit der Folge einer stark
geschädigten Gesundheit, geringe medizinische Versorgung, soziale
ausgestoßen, aus gestörten Familien kommend, aggressive und
kriminelle Neigungen. Diese Typenbeschreibung konnte man schon in Patrick
Henrys Dissertation aus dem Jahre 1984 nachlesen. Bestätigt wird sie
durch die neue Publikation von Patrick Declerck ›Les naufrages‹ (die Gestrandeten),
ein 400-seitiger Erfahrungsbericht, in welchem der Autor die Ergebnisse
seiner Begegnungen aus 15 Betreuungsjahren festhält. Mit seiner schonungslosen
Kampfschrift verstärkte der Autor die Schockwelle: Jede ›Clochardisation‹
sei unumkehrbar. Declerck hält es für eine sozialromantische
Utopie und für reine Mittelverschwendung, die Gestrandeten in ein
normales Leben zurückführen zu wollen. »Unter den Tausenden
von Menschen, die ich sowohl als Psychotherapeut als auch als Arzt empfangen
habe, kenne ich kein einziges Beispiel von Wiedereingliederung, wenn man
darunter die Entwicklung eines Subjekts versteht, das von einer schweren
und chronischen Desozialisierung zu einem dauerhaft autonomen sozioökonomischen
Funktionieren fände. Kurz: Subjekte, die vom Clochard zum Menschen
wie du und ich werden, gibt es nicht.«
Das ist ein tödlicher Schlag gegen die geläufige,
sich allmächtig wähnende Machbarkeitsideologie des politischen
und gesellschaftlichen Zeitgeistes, der alles für heilbar hält.
Der sozialutopische Impetus macht blind in Fällen, wo jede Aufklärung,
Hilfe und Erziehung ins Leere läuft.
Das trifft auch für einen großen Teil der Neonazis
zu. Wer trotz der eindeutigen Verbrechenslage, die auf das Konto des Nationalsozialismus
geht, dieser menschenverachtenden Ideologie auch nur die geringste Sympathie
entgegenbringt, darf als unbelehrbar und demokratieverloren gelten.
Die Nazi-Verheerungen sind nicht allein historisch leicht zu erkunden,
sie wirken bis in unsere Zeit nach (man denke nur an die anhaltenden Entschädigungs-
und Restitutionsklagen oder an die unüberwundene Scheu des Grundgesetzes
vor direkter Demokratie). Sie sind also leichterhand auch aktuell erkennbar.
Das
braune Milieu, wie es nicht nur in Deutschland anzutreffen ist, zeigt sich
dennoch aufklärungsresistent und gewaltbereit. Das geht aus Verfassungsschutzberichten
seit Jahren hervor. Allein in Sachsen sind 3.230 Rechtsextreme registriert,
die in Netzwerken gut organisiert sind und sich mit Musik, Lagerromantik
usw. bei ideologischer Laune halten. Die demokratische ›Sanierungsquote‹
ist erkennbar gering, wenn nicht gar null, sonst würde die Anhängerschaft
schrumpfen. So differenziert auch die rechtsextreme Szene zu betrachten
ist (vgl. A. Klärner u. M. Kohlstruck [Hrsg.]: ›Moderner Rechtsextremismus
in Deutschland‹, 2006), ihre mentalitätstypisch gleichen Merkmale
sind: ideologische Verhärtung und Aufklärungswiderständigkeit,
gepaart mit emotionalen Brutalitäten. Kein Gegenargument zählt,
mag es auch noch so belegbar sein.
Zu den verlorenen Kohorten zählen auch Alt-SEDler.
Auffälligerweise bleibt diese gesellschaftliche Gruppe wissenschaftlich
und auch in den Medien unterbelichtet. Das erstaunt wenig, wenn man in
Rechnung stellt, daß das linksextreme Milieu generell mit mehr Nachsicht,
ja zuweilen mit Verständnis rechnen kann als die rechtsextreme Szene.
Einem Stalinpreisträger Bertold Brecht z.B., immerhin der Verfasser
hymnischer Stalinverehrungen (»... allen, die für den Weltfrieden
kämpfen, muß der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten,
Stalin ist tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnungen.«),
läßt man die Beweihräucherung eines der größten
Verbrecher der Menschheitsgeschichte durchgehen, während man Ernst
Jünger stark angebräunt zu sehen beliebt. Die DDR-Altkommunisten
trauern ihren ehemaligen Machtpositionen (vom Grenzwächter bis zum
Kulturfunktionär) nach und sind für freiheitlich-demokratische
Gesinnungen nicht zu gewinnen. Das drückt sich u.a. in den Wahlergebnissen
der neuen Länder aus.
Eine besonders auffällige Gruppe der ›Verlorenen‹
stellen islamische Fundamentalisten dar. Dazu rechnen nicht nur Selbstmordattentäter
und ihre Hintermänner. Koranische Haßprediger, die ›den Westen‹
verteufeln, haben immer auch dessen freiheitliche Demokratien im Visier,
deren Versuchungen sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Denn
demokratischen Ordnungen sind mit religiösen Gewaltmonopolen unvereinbar.
Nach Angaben deutscher Innenminister leben im islamischen Milieu rd. 30.000
Gewaltbereite, die immun sind gegenüber Aufklärung, Erziehung
und demokratischen Spielregeln.
Verlorene Kohorten werden gesellschaftlich und politisch
unentwegt thematisiert, freilich nicht immer im faktengerechten nüchternen
Verständnis, sondern häufig in einem paradoxen Doppelsinne: als
Störenfriede und Feinde einerseits sowie als Projektion durchaus für
resozialisierbar und umerziehbar gehaltene Gesellschaftsgruppen andererseits.
Im politischen Spiel ist diese Doppelsicht ein willkommenes Movens (in
der Wahlwerbung, Mittelbewilligung usw.). Ein sachgerechter Umgang wird
erst möglich sein, wenn...
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