Walthari


Kritisches Journal zur Polit-Drangsal

 
– Das Parteiensystem liegt in Trümmern –

12. März 2008

Der Beck-Ypsilanti-Skandal bot mehr als nur den Stoff für ein außergewöhnliches Politschauspiel. Er gewährt einen tiefen Einblick in die machiavellistische Denkweise und in den zerfledderten Moralhaushalt im Parteiensystem, dessen zwei wichtigsten Tragsäulen nun endgültig eingestürzt sind: Glaubwürdigkeit und Verfassungstreue.

Der abenteuerliche Handlungsstrang muß hier nicht nachgeschildert werden, er wurde millionenfach in jedes Wohnzimmer getragen und auf dem Boulevard breit ausgewalzt. Die beiden Hauptfiguren des Stücks laufen seither splitternackt durch die Öffentlichkeit und müssen sich an den flackernden Parteiöfen aufwärmen. Sie bestreiten freilich, nackt zu sein und lächeln sich in die Satire.

Zur verlorenen Glaubwürdigkeit

Schlimmer noch als das gebrochene Wahlversprechen war die Verdrängungsleistung Becks am 10. März vor der Bundespressekonferenz. Ein zelebriertes Autodafé, aus dem jeder Psychoanalytiker den Stoff für eine Habilitationsarbeit ziehen könnte. Überrascht wurde allerdings nur, wer das Psychogramm des derzeitigen SPD-Vorsitzenden nicht kennt (vgl. dazu die beiden Beck-Artikel in diesem WALTHARI-Portal). Der Schlingerkurs Ypsilantis (mal wollte sie sich zur Wahl für das Amt der hessischen Ministerpräsidentin stellen, mal nicht, dann doch wieder, danach erneut nicht) tat ein Übriges, um endgültig zu begreifen: Um der Macht willen ist jedes Mittel recht, vom Taktieren über das Changieren bis zum Wortbruch. Man erinnert sich an die Ehrenwort-Erklärung Barschels (CDU).

Zur verletzten Verfassungstreue

Drei Vorgänge demonstrierten, wie wenig die Verfassung geachtet wird. Gegen die aufrechte SPD-Abgeordnete im neu gewählten Landtag Hessens (Dagmar Metzger) wurde parteiintern ein Kesseltreiben veranstaltet, das die Mandatsniederlegung zum Ziele hatte. Mobbingbetreiber haben das lauthals gefordert. Man muß sich verdeutlichen, was das bedeutet: Parteigehorsam wird über den Wählerwillen gestellt. So wenig zählt der Verfassungssouverän, wenn er einem privaten Verein (und das ist die SPD wie auch die anderen Parteien) beim Machtstreben im Wege steht.

Aber damit war es, was die verletzte Verfassungstreue betrifft, noch nicht genug. Artikel 38 Abs. 1 des Grundgesetzes schreibt vor, daß Abgeordnete »nur ihrem Gewissen unterworfen« und »an Aufträge und Weisungen nicht gebunden« sind. Davon kann in deutschen Parlamenten infolge der sanktionsbewaffneten Parteidisziplin und des Fraktionszwangs kaum noch die Rede sein. Frau Metzger verlängerte mit ihrem angekündigten Nein zur Wahl Ypsilantis, falls diese sich mit den Stimmen der Linkspartei wählen ließe, die schmale Liste der Aufrechten, also derjenigen, die das Grundgesetz zum Normalfall und die Parteien zu abtrünnigen Figuren erklären. Was man in der Mobbinghölle, durch die Dagmar Metzger gegangen ist, von ihr verlangt hat, war also nicht allein, daß sie den Willen ihrer Wähler gefälligst zu mißachten habe (sie hatte vor der Wahl versprochen, mit der ›Linken‹ nicht zusammenzuarbeiten), sie sollte auch gegen das Verfassungsgebot verstoßen, »nur ihrem Gewissen« zu gehorchen. In Deutschland sind viele Aussagen strafbar, darunter auch Aufrufe zur Verletzung der Verfassung. Warum wird die Staatsanwaltschaft nicht tätig, wenn im Parteienstaat Parteimitglieder öffentlich von einer gewählten Parlamentarierin verlangen, daß sie die Verfassung brechen soll?

Zum Treppenwitz des Beck-Ypsilanti-Skandals gehört, was die Öffnung zur  extremen Linken vergessen machen will, daß nämlich der Verfassungsschutz dieses politische Spektrum im Visier hat. Warum? Weil man annimmt, daß die verfassungsmäßige Grundordnung gefährdet wird. 

Wie machtbesessene Pirouettendreher mit der Verfassung umspringen, habe ich in ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ ausführlich geschildert. Wer sich programmatisch zum »demokratischen Sozialismus« bekennt, wie Kurt Beck, kann aus der Sache heraus nichts anderes wollen als eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Auf diesem weiten, historisch katastrophisch durchexperimentierten Feld tummeln sich Demokraten und Demokratiefeinde. Öffnungen nach links tragen zur Vermischung und Ununterscheidbarkeit bei. Der sog. ›linken Mehrheit im Lande‹ sind auch die Grünen zuzurechnen, nicht allein, weil ehemalige Marxisten sich bei ihnen untergemischt haben, sondern weil Renate Künast unlängst freimütig bekannte, daß ihr – nein, man glaubt es kaum. Und noch weniger will es einem in den Kopf, daß die Bürger und insbesondere die Intellektuellen nicht heftig dagegen aufbegehren. Denn das Parteiensystem liegt in Trümmern und wird sich systembedingt nicht davon erholen. Auf dem Trümmerfeld sind ›Simonis‹-Naturen zu besichtigen. Frau Simonis bekannte einst, nach schwerer Niederlage: »Ich werde depressiv, wenn mich auf fünf Schritte keiner kennt.« Warum lassen sich die Bürger von solchen Naturen regieren?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com
 

Literatur:
1. Das veruntreute Land. Wohin driftet Deutschland? 2. Auflage
2. Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat.

Beide Titel bei Walthari, Postfach 100019, 66979 Münchweiler oder 
über Netzpost: dauenhauer@walthari.de
 


1. März 2008

Parteienstaat am Ende.  Was in dieser Artikelserie seit Jahren vorausgesagt wurde, kann man aktuell auf der Bühne der Parteien beobachten: Sie zerstören das Politische (zu diesem Begriff vgl. ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹, 2007, S. 115; Näheres unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal) und entziehen dem Staat die Vertrauensgrundlage der Bürger. Es ist nicht allein die Lügenfrechhheit von Spitzenpolitikern, die wie ein politisches Erdbeben das Gemeinwesen erschüttert (›Tausche Glaubwürdigkeit gegen Macht‹ lautete eine Fernsehsendung), es sind auch verbale Ausfälle bis ins Ordinär-Fäkalische, welche einer Umgangs- und Diskussionskultur Hohn sprechen. »Scheiße«, »Die können mich mal...«, »Abschaum‹ u.ä. kommt ungeniert aus dem Munde oberster Parteigrößen. Womit haben die Bürger diese Politiker verdient? Mit ihrer Feigheit, insbesondere unter Eliten, die sich taktisch ducken, wo doch mutiger Protest angesagt wäre. Wo sind sie, die Vorzeigeintellektuellen, die aus der linken Ecke heraus über alles herfallen, was gegen politische Korrektheit verstößt, aber schweigen, wenn in rot-roten Szenerien der politische Karneval gefeiert wird? Ist das Parteiengebaren nach letzten Wahlen in Hessen und Hamburg nicht eine der schlimmsten Respektlosigkeiten gegenüber dem Verfassungssouverän, dem Volk? Was ist aus Deutschland geworden, wenn es hingenommen, ja empfohlen wird, daß man den weltgeschichtlich verheerenden Sozialismus für regierungsfähig erklärt?

Bürgers Antwort: Wahlenhaltung. Angewidert vom Parteiengeschacher gehen immer mehr Bürger nicht mehr wählen. Die Quoten sinken, von Ausnahmen abgesehen, tendenziell von Wahltermin zu Wahltermin und unterschreitet vielfach schon die für jede Demokratie lebensgefährliche Bruchlinie von fünfzig Prozent. Bei den Kommunalwahlen in Sachsen-Anhalt 2007 z.B. war die Quote 36,5 Prozent. Doch die Parteien wollen die Flammenzeichen an der Wand nicht lesen. Ihre Verstocktheit hindert sie daran zu erkennen, wie der Bürger denkt: Warum noch wählen, wenn (1) Wahlversprechungen nicht gehalten werden und (2) wenn nach der Wahl aus Machtgründen nahezu alle Koalitionen möglich sind? Es ist dann nämlich gleichgültig, welche Partei man wählt, oder ob man überhaupt nicht mehr wählt. In Parteiendemokratien, die direktdemokratische Kontrollelemente ausschließen, kursiert bekanntlich der Spottsatz: Der einzige, der stört, ist der Wähler. 

Emotionalisierung. Verstärkt wird die Wahlabstinenz durch die aufgepeitschte Stimmung im Resonanzraum der Medien. Sie leben von Kontroversen und Skandalen und treiben die politischen Machtkämpfe auf die Spitze, um selber Aufmerksamkeit und bessere Quoten zu erzielen. Die Wissenschaft hat es längst bloßgelegt: Angst und Aggression sind der Nährboden der sog. Stimmungsdemokratie, und diese ist weiß Gott jedem nüchternen Abwägen abträglich.

China ist der drittgrößte Empfänger der deutschen Entwicklungshilfe. 2005: 255 Millionen Euro.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

Literatur:
1. Das veruntreute Land. Wohin driftet Deutschland? 2. Auflage
2. Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat.

Beide Titel bei Walthari, Postfach 100019, 66979 Münchweiler oder 
über Netzpost: dauenhauer@walthari.de