Walthari


Rezensionen / Medienschau

Rezensionen
17. April 2008

Baberowski, J. u. Doering-Manteuffel, A.:  Ordnung durch Terror. 
Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen 
und im stalinistischen Imperium, 
Verlag H. W. Dietz Nachf., Bonn 2006, 116 Seiten, 16,80 Euro

Der Mentalitätszustand der Deutschen ist nach wie vor neurotisch grundiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis Intellektuelle und Medien das Selbstverständliche gewagt haben auszusprechen: Daß man nämlich die Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen in ihrer Ungeheuerlichkeit nur begreifen kann, wenn man sie mit anderen Verbrechen vergleicht. Über fünfzig Jahre war Singularität das Schutzschild für Vergleichs- und damit für Denkverbote. Dabei hebt es die Einzigartigkeiten weltkrimineller Monstrositäten nicht auf, wenn man sie nebeneinander bedenkt, ganz im Gegenteil gewinnt durch das jeweils Besondere erst Profil. Es gibt zudem einen weiteren Vergleichsgrund: Wenn Weltverbrechen historisch parallel laufen, wie es beim Nationalsozialismus und Stalinismus der Fall war, drängen sich Vergleiche auf. Die beiden Politmonster Hitler und Stalin sind weltgeschichtlich nicht zu trennen, wie immer auch der innere Zusammenhang gesehen wird. Damit wird nichts relativiert oder gar entschuldigt. Die beiden Autoren betreiben in acht Kapiteln eine Art Mentalitätstherapie, indem sie die Gewaltexzesse beider Diktatoren einander gegenüberstellen und die unterschiedlichen Motive herausarbeiten. In seinem Vorwort verweist Hans Mommsen auf die manichäische Erlösungsideologien, die beide Gewaltsysteme zur unvorstellbarer Radikalität antrieb. »Die prinzipielle Vergleichbarkeit beider Regime liegt in den furchtbaren Auswirkungen unbegrenzter Machtausübung, in der Gewissenlosigkeit, mit der reale und eingebildete Gegner rücksichtslos verfolgt wurden, sowie in der Allmacht von Terrorapparaten, die an keinerlei überlieferte Rechtsnormen gebunden waren.« Die Autoren referieren die historischen Vorfelder, die bereits voller Greueltaten waren. So internierten polnische Truppen 1919 mehr als 100.000 Ukrainer. Der Haß der Völker vergiftete die politische Vernunft und bereitete den Boden für die furchtbaren Vernichtungsaktionen.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


26. März 2008

Hirsch, H.: Entwurzelt
Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug
Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2007, 292 Seiten, 20,- Euro

Ist es schon skandalös genug, daß die Vertreibungsverbrechen an Millionen Deutschen erst in den letzten Jahren, also ein halbes Jahrhundert nach den ethnischen Säuberungen, stärker im öffentlichen Bewußtsein ihren Platz finden, so bleibt es noch unfaßbarer, daß die Vertreiberstaaten, voran Polen und Tschechien, sich bis heute nur halbherzig zu ihren Untaten bekennen und diese nach wie vor zu rechtfertigen versuchen, im Falle Tschechien sogar durch Ehrung des politisch Hauptverantwortlichen. Es kam sogar zur parlamentarischen Bestätigung seiner kriminellen Dekrete. Noch 1968 wurden 13.500 Juden aus Polen vertrieben, als die Kommunisten eine antisemitische Hetzjagd veranstalteten. Bis heute hält der Restitutionsstreit an, weil er ein polnisches Trauma berührt: Millionen von Polen wohnen in Häusern, die Deutsche erbaut haben. Die Autorin greift zehn Schicksalsstränge aus dem Wirrwarr der Vertreibungsgeschichte heraus. Auch Polen, Ukrainer, Balten u.a. wurden zwangsumgesiedelt, auch Deutschbalten und Bessarabiendeutsche, dazu Sudentendeutsche, Schlesier, Ostpreußen u.a. Sie alle, ob Opfer oder Täter, sollen im kollektiven Gedächtnis bleiben, nicht um Haß und Vergeltung zu provozieren, sondern als Schreckensmahnung. Um die Erinnerung wachzuhalten, gibt es zwei Wege: die historische Gesamtschau weiter mit neuem Material anzureichern und die Schilderung von Fallbeispielen. Helga Hirsch wählt dominant den zweiten Weg, verzichtet also nicht ganz auf die Gesamtschau. »Insgesamt sind etwas über 14 Millionen Deutsche zwischen 1944/45 und 1950 aus ihrer Heimat in Mitteleuropa geflüchtet oder vertrieben worden, rund zwei Millionen haben Flucht und Vertreibung nicht überlebt, darunter ein Drittel Kinder«, heißt es im Vorspann zu einer Schilderung der Ereignisse im Peterswaldau. 
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


6. März 2008

Nozick, R.: Anarchie, Staat, Utopia 
Olzog Verlag, München 2006, 460 Seiten, 24,90 Euro

Am Schicksal dieses Buches läßt sich die Mentalitätsgeschichte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ablesen. Der Klassiker der vertragstheoretischen Staatsauffassung, John Rawls (1921-2002) ›Theorie der Gerechtigkeit‹, verband linke Wohlfahrtstaatsvorstellungen mit Gerechtigkeitsparadigmen, die noch heute die politische Szene beherrschen (soziale Gerechtigkeit, Gerechtigkeitslücken usf.). Der gleichzeitige Gegenentwurf von Rawls Kollegen Robert Nozick (1938-2002), erschien bereits 1974 auf Deutsch und blieb hierzulande weitgehend unbeachtet. Das spricht Bände. Es belegt die Denkscheu von alternativen Gesellschafts- und Staatsmodellen, die dem Bürger die originäre Oikosfreiheit zugestehen und von ihm Selbstverantwortung und Respekt vor dem Recht anderer als Bürgerpflicht fordern. Es .besteht im bald ganz durchsozialisierten Deutschland Konsens, daß es allein dem Staat zusteht, Freiheit, Wohlstand usw. zu gewähren. Der Bürger hat sich mit dem zu begnügen, was der Staat ihm zugesteht – eine salonfähig gewordene Entmündigung des Verfassungssouveräns. Man muß sich nur umschauen, um die bürgerliche Schafsherde auf Schritt und Tritt herumkommandiert zu sehen. Beim Stichwort Anarchie bekreuzigen sich nicht nur Verfassungsschützer. Daß Bürgerfreiheiten vom Bürger her zu denken sind, kommt ihnen nicht in den Sinn. Daß staatliche Gewährleistungen systemimmanent auf Entmündigungen zulaufen, weil staatlich-anonyme Macht kein bürgerliches Gewissen und keinen Freiheitsdrang kennt, liegt in der Denktradition John Lockes (1632-1704), die von Nozick aufgegriffen wird. Dem Staat ist das Gewalt-, nicht aber das Freiheitsmonopol zuzuteilen, um Sicherheit zu gewährleisten. Mutet man ihm Wohlstandsgarantien über ein sanktionierbares Minimum hinaus zu, kommt es zu wachsenden Umverteilungen und damit zu sozialistischen Varianten. Genau dieser Zustand herrscht in Deutschland. Nozicks Minimalstaat erscheint auf diesem Hintergrund als Utopia, die mißachtet oder verteufelt wird. Doch an den Tatsachen führt kein Weg vorbei: Der maßlose Umverteilungsstaat wird zum Unrechts- und Frustrationsstaat mit unersättlichem Anspruchdenken. In diesem Spiel machen die Parteien ihr politisches Geschäft. Sie haben den Zustand gesetzlich und programmatisch zementiert. Nur in Ausnahmefällen verschafft die oberste Justiz dem Bürger etwas Luft wie jüngst mit dem Urteil zur Rechnerüberwachung. In zehn Kapiteln kann man bei Nozick nachlesen, was bürgergesellschaftlich versäumt wurde und wird. 
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


Medienschau

10. April 2008

Tibetidylle.  Im ›Weekend-Journal‹ des Handelsblattes vom 7. März 2008 wird den Lesern eine Reise nach Tibet vorgestellt, die an unkritischer Ahnungslosigkeit nicht zu übertreffen ist. Die Lhasa-Bahn wird ebenso bejubelt wie die Umsiedlung. Der Autor spricht doch tatsächlich von »Abbildern dreier großer chinesischer Führer«, als hätte allein ersterer nicht siebzig Millionen Menschenopfer auf seinem Mörderkonto.

Gelbe Gefahr. Erst allmählich begreift der Westen, daß sich die Diktatoren Chinas eine Welteroberungsstrategie zurechtgelegt haben, die sie mit List und Härte durchsetzten. Die imperiale Strategie besteht aus drei Aktionssträngen: westliche Technik ins Land locken und diese zugleich draußen ausspionieren; die Einflußsphäre von Afrika und Innerasien her aufrollen; bei Schwierigkeiten mit Drohungen reagieren. Zusammen ergibt es den China-Code, der gegenwärtig vom Westen unterwürfig bedient wird. Außenminister Steinmeier hat es vorgemacht: Selbstverständlich sei Tibet ein Teil Chinas. Kaum ein Pressekommentar, der den China-Code zur Kenntnis nimmt. Sun Tsi hat man eben nicht gelesen. 

China-Welten. Das WALTHARI-Heft 22 hatte China zum Schwerpunkt (vgl. Fenster Literaturzeitschrift [LZ 1] in diesem Portal). Dort war nachzulesen, was man medial gerade erstaunt zur Kenntnis nimmt: daß für den Schwachen im chinesischen Denken kein Platz ist, weil dieser kein Gesicht hat. Bewundert und anerkannt wird der Erfolgreiche und sei er auch ein Verbrecher (wie Mao Tse Tung, der hochverehrt wird). Empathie oder gar Nächstenliebe ordnet man abendländischen Weichlingen zu. Doch genau darin liegt die große Täuschung im Reich der Mitte (vgl. WALTHARI-Heft 50; im Erscheinen). Weil es in China keine Diskussionskultur gibt, stauen sich Fehlentwicklungen an und führen periodisch zu Eruptionen. Die Geschichte des Landes ist daher voller Unruhen und Aufstände.

Bildverdummung. Über 40 Prozent der Amerikaner unter 44 Jahren haben im letzten Jahr kein einziges Buch gelesen. In Deutschland wird es nicht viel anders sein. Wen wundert’s, wenn schon Kinder mit DVD-Playern ruhiggestellt werden. 

Holland als Mulitkulti-Labor. Was waren unsere Nachbarn stolz auf ihre Fremdentoleranz. Nunmehr ein böses Erwachen. Trotz milliardenschwerer Integrationsangebote ist die Eingliederung gescheitert. Die Regierung plant das bisher Undenkbare: Zwang zur Arbeit und Kursteilnahme für Immigranten. 

Irak-Desaster. In den Medien werden die Zahlen nur zögerlich veröffentlicht: eine Million irakische Zivilopfer, über 4.000 getötete Soldaten der Alliierten, 600 Milliarden Dollar Kriegskosten.

Regierende Volksferne. Auch die Politik erleidet den allmählichen Erstickungstod infolge Infofülle und Intransparenz. Die EU beschäftigt z. Zt. 1.192 Expertengruppen. 15.000 Lobbyisten-Gruppen bearbeiten das Mega-System zwischen Brüssel und Straßburg. Noch volksferner wird die Großapparatur, wenn die Bürokratie von einer anonymen Software mitgesteuert sein wird, wie es die Bundesregierung gerade bei Gesetzesvorlagen ausprobiert. Mit Demokratie hat das alles nichts mehr zu tun. Politische Wagenburgen auf hohem Kostenniveau. 

Mond-Honorare. Den Gipfel des Redehonorar-Unwesens hat der Gutmensch Al Gore bestiegen. Pro Auftritt soll er 175.000 Dollar kassieren. Bill Clinton bringt es auf 150.000 Dollar, ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler auf vermutlich viel weniger. Man redet über die Armen dieser Welt. 

Sprachensterben. Von den rund 6.700 Sprachen in der Welt sind nach einem UNESCO-Bericht über 3.000 vom Aussterben bedroht. Selbst Großsprachen (wie das Deutsche) werden zunehmend ausgehöhlt. Man besuche irgendein Textilgeschäft: Nightwear statt Nachtgewand klingt vornehmer – und ausgesprochen (!) meist auch dumm. 

Kreditkrise. Ihre Kosten werden sich bis Ende 2008 auf eine Billion Dollar belaufen. Selbst die EZB und die Bundesbank klären darüber nicht bürgerfreundlich auf, ein schweres Versäumnis, da viele Bürger um ihre Einlagesicherheit bei den Banken bangen.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com