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Rezensionen
25. April 2012
Braml, J.: Der amerikanische Patient.
Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet
Siedler Verlag, München 2012, 222 Seiten, 19,99 Euro
Auf der Titelseite dieses Buches hängt die
US-Nationalflagge als schlaffes, ausgefranstes Tuch am Mast. Schon seit
Jahrzehnten werden die USA als Patient gehandelt. Epochendenker
vergeben das 18. Jahrhundert an England und Frankreich, das 19.
Jahrhundert an England, das 20. Jahrhundert an die USA und das 21.
Jahrhundert an China. Was immer man dagegen einwenden kann, mit Blick
auf den amerikanischen Schuldenstand und die gesellschaftlichen
Fliehkräfte muß die Lage als dramatisch eingeschätzt werden. Braml
liefert dafür Belege in Fülle: die Politik wird zunehmend ohnmächtiger,
die Wirtschaft verliert strukturell (also nicht nur konjunkturell) an
Dynamik, die Energiepolitik stößt an Grenzen und die Militär- und
Außenpolitik spielt auf zu vielen Feldern. Zu jedem dieser Bereich
schreibt der Autor ein Kapitel. »Was sollten Deutschland und Europa
tun?«, fragt Braml am Schluß und schlägt u.a. eine transatlantische
Energie- und Umweltpartnerschaft vor. Da denkt man unwillkürlich an das
sperrige Verhalten der USA auf den Weltklimagipfeln. Warum der Autor
das Hauptrisiko der USA, die Krisenregion Israel/Palästina, ausspart,
bleibt sein Geheimnis und schmälert erheblich den Aussagewert insgesamt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer . Ausgenommen die Originalzitate.. Aus: www.walthari.com
6. April 2012
Snyder, T.: Bloodlands.
Europa zwischen Hitler und Stalin. Aus dem Englischen von Martin Richter
C. H. Beck Verlag, 2. Auflage 2010, 523
Seiten, 36 Karten, 29,95 Euro
Es dauert nun schon fast
sieben Jahrzehnte, bis in Deutschland eine Beschreibung der Geschichte zwischen
1914 und 1945 entlang unverstellter Fakten möglich geworden ist. Das wirft kein gutes Licht auf die
Geschichtswissenschaft und auf die meinungsbildenden Kräfte in diesem Lande.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war ausgemacht, daß den Deutschen die Alleinschuld
an dem zweiten ›dreißigjährigen Krieg‹ trifft. Als Stefan Scheil als
Außenseiter unter den Historikern in drei faktenreichen Veröffentlichungen diese These in Zweifel zog, verursachte der
Tabubruch das übliche Keulenschwingen. Der Historiker Ernst Nolde wurde in
seiner Zunft für seine These geächtet, »daß die von Furcht und Haß erfüllte
Beziehung zum Kommunismus tatsächlich die bewegende Mitte von Hitlers
Empfindung und von Hitlers Ideologie war…« (in: Der europäische Bürgerkrieg
1917 – 1945, Frankfurt/Main 1987, S. 16). Inzwischen ist der
Geschichtsmut gestiegen, allerdings auch die verzweifelten wie böswilligen
Versuche, die schlimmen Geschehnisse dem deutschen Volkscharakter
unterzuschieben und damit die absurde Kollketivschuld-These ins Diabolische zu
steigern. Zur Blamage deutscher Historiker rechnet, daß ihre angelsächsischen
Kollegen für Korrekturen sorgen, so auch T. Snyder mit dem angezeigten Buch,
das in zwanzig Sprachen erschien. Der Rezensent einer deutschen überregionalen
Zeitung stellte dazu erstaunt fest: »Noch vor zehn oder zwanzig Jahren wäre es
dem akademischen Selbstmord gleichgekommen, einen solchen Ansatz (wie bei Snyder)
zu wählen.« Selbstmörderischer für die
einheimische Disziplin kann kaum geurteilt werden. Was über Jahrzehnte hierzulande unter einem Siegeroktroi nacherzählt wurde, steht also zur Disposition.
Was ist nun das Besondere an
Snyders Ansatz? Er vollzieht nach, was Scheil und Nolde vorgemacht haben, indem
er die weitgehend bekannte Datenlage mehrperspektivisch interpretiert, also
nicht allein aus der Sicht einer Kriegspartei. Auf diese Weise kommt das komplizierte Motiv-Täter-Opfer-Geflecht
zum Vorschein. Dafür wählt der Autor die Zeit zwischen 1933 und 1945 und das
Gebiet zwischen Zentralpolen und Weißrußland, wo fast die Hälfte aller Soldaten
im Zweiten Weltkrieg und vierzehn Millionen Zivilisten ums Leben kamen. An
dieser entsetzlichen Greuelbilanz waren nicht nur deutsche Soldaten wesentlich
beteiligt, sie selber wurden Opfer blindwütiger Massaker von Partisanen. Die Verbrechenszenerie begann mit Stalins
Hungerpolitik 1933, steigerte sich mit seinem Großen Terror 1937/38 und
fand ihre Höhenpunkte in den Kriegsjahren. Snyder
besteht zurecht darauf, daß die kommunistischen und nationalsozialistischen
Massenverbrechen nicht isoliert zu betrachten sind, sie bilden ein
schreckliches Gemisch aus ideologischer und ethnischer Verblendung und militärischer
Dynamik aus der Situation. Nicht alles war Plan, auch ethnischer Haß
spielte bei der polnischen Heimatarmee, den ukrainischen Nationalisten und den
Sowjetpartisanen, die sich auch gegenseitig bekämpften, eine Rolle. Die
Sowjetherrscher entließen eine Million Gulag-Häftlinge, um sie an die Front zu
schicken. Snyder beschreibt die Ereignisse auf politischer, militärischer,
ideologischer und menschlicher Ebene (es kam selbst in diesem Grauen zu
Liebesbeziehungen). ›Bloodlands‹ (ein deutscher Titel wäre schwer zu finden
gewesen) zu schreiben hätte sich ein
deutscher Historiker kaum getraut. Snyder selber traut sich nicht, die
dritte Epochengestalt, die den Krieg gegen die Deutschen kompromißlos wollte
und den Terror mitzuverantworten hat (nicht nur den Bombenterror über Deutschland),
ausführlich in die Verantwortung zu nehmen. Die Grenzverschiebung der UdSSR
nach Westen auf Kosten Polens paßte auch in das Kalkül Churchills. Die Polen
fühlten sich nicht nur von den Westmächten verraten, ebenso schlimm war der
sowjetische Verrat. Stalin forderte zum Aufstand in Warschau auf und versprach
Hilfe. Als es soweit war, sah er dem Gemetzel zu und bestrafte später jene
Polen, die gegen Hitler Widerstand geleistet hatten! Die Briten rieten sogar
den Polen zu akzeptieren, daß das Katyn-Massaker von Deutschen begangen worden
sei – nur eines der teuflischen Manöver, die von westlichen Demokratien zu verantworten
sind und heute gerne verschwiegen werden. ©
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer . Ausgenommen die Originalzitate.. Aus: www.walthari.com
21. Februar 2012
Jeier, Th.: Die Ersten Amerikaner
Eine Geschichte der Indianer
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012,
347 Seiten, 22,99 Euro
Während die Deutschen ihre
historischen Verstöße gegen die Menschlichkeit, vom Genozid bis zu Einzeltaten,
ins helle Licht gehoben haben und sie auch staatsrituell betrauern, blicken sie
erstaunt auf die im Schatten liegenden historischen Leichenberge in anderen
Ländern. Auf dem Mordkonto Mao Tse Tung
sind bis zu 80 (achtzig) Millionen Menschenleben zu verbuchen, auf demjenigen
Stalins über 30 (dreißig) Millionen und auf demjenigen der westlichen
Kolonialmächte etwa ebensoviele. Allein
während der Indianerkriege im Nordamerika mußten zwischen zwei und zehn
Millionen Menschen ihr Leben lassen, ganz überwiegend verursacht von Franzosen
und Engländern. Nicht nur die
Erinnerungskultur dieser und anderer Länder mutet im Vergleich zu Deutschland
barbarisch an: kaum Denkmäler und Museen, wenige Hinweise in den
Schulbüchern, von staatlichen Gedenktagen gar nicht zu reden. Gegenüber China
und Russland drückt man kommerzhalber die Augen zu, aber auch gegenüber den
Westmächten USA, England, Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal und den
Niederlanden. Kolonialgreuel auf Genozidebene
gab es bis Mitte des 20. Jahrhunderts, begangen von Frankreich in Nordafrika
und den Niederländern in Indonesien.
Am 9. Dezember 1947 leiteten die Niederlanden das Ende ihrer
dreihundertjährigen, menschenverachtenden Kolonialzeit (erst 1949 wurde
Indonesien unabhängig) mit einer Oradour-Tat in Rawagde ein, indem sie 431
Dorfbewohner, darunter zahlreiche Minderjährige, erschossen, weil sie das
Versteck eines Widerstandkämpfers nicht preisgaben. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen, wie vielfach auch
nicht in Frankreich für ähnliche Untaten. Die ach so demokratischen
Niederlanden hielten die Verbrechen für verjährt und fanden sich erst 2009 zu
einer lauen Entschuldigung und Entschädigung bereit.
Frankreich und England denken
im Traum nicht daran, sich ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit in
Nordamerika zu stellen, ebensowenig die Spanier für ihre Untaten in Mittel- und
Nordamerika. Thomas Jeier hält diesen Ländern den Spiegel vor, indem er das »Genozid
gigantischen Ausmasses« mit zahlreichen
Beispielen belegt und Zeilen aus einem kanadisch-indianischen Song (1999)
voranstellt: »Wenn ein Krieg zwischen zwei Nationen verlorengeht, / der
Verlierer, alle wissen es, zahlt die Kosten / aber selbst Deutschland in den
Händen (der Gewinner) / läßt man ihm den Stolz und sein Land.« Daß Deutschland
zum Vergleich für historische Verbrechen aus fünf (!) Jahrhunderten herhalten
muß, zeigt, welchen Stellvertreterplatz es im globalen kollektiven Gedächtnis
einnimmt. Es hat den Anschein, als
hätten die Deutschen die Trauerarbeit aller mißachteten Genozidopfer weltweit
zu übernehmen. Die Kolonialmächte in Nordamerika begnügten sich nicht mit Landraub
nach offener Schlacht. Zu ihrem Kriegshandwerk gehörten auch Heimtücke und
Rechtsbrüche in Serie. Am 26. Mai 1637 verbrannten Engländer hunderte
Dorfbewohner im heutigen Connecticut bei lebendigem Leibe und töteten die
Überlebenden, insgesamt 600 (sechshundert) Indianer. Am 14. Dezember 1763 kam
es zur Massentötung von Indianer in Pennsylvania, was den Segen eines
Geistlichen der Episkopalkirche fand und in den Zeitungen als Heldentat
gefeiert wurde. Noch im 19. Jahrhundert machte das US-amerikanische Recht einen
Statusunterschied zwischen Weißen, Schwarzen und Indianern. Ein Mord an
letzteren blieb gerichtlich ungesühnt, galten doch Indianer und Schwarze als
minderwertige Menschen. Noch 1924 verweigerten manche US-Staaten
den Indianern das Wahlrecht. Man
reibt sich über die schiefe Schuldaufarbeiten bzw. -verweigerung die Augen:
Erst 2009 entschuldigte sich die US-Regierung »im Namen des amerikanischen
Volkes bei allen Eingeborenen«. Für
Frankreich, England und Spanien steht ein solcher Schritt noch aus. ©
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer . Ausgenommen die Originalzitate.. Aus: www.walthari.com
Medienschau 17. April 2012Epochenzitat
»Die
Politik fürchtet das Volk, sie hat Angst vor einer Diskussion, in der
unliebsame Positionen breitere Unterstützung finden könnten. Das betrifft nicht
nur Israel, sondern auch die europäische Einigung, den Afghanistan-Krieg und
die Euro-Rettung. Die Politik traut dem Volk nicht über den Weg, denn es könnte
ja Ansichten vertreten, die ihr als falsch, dumm, unmoralisch und peinlich gelten. Dem
Volk gegenüber versteht sich die Politik als moralische Elite. Sie gebärdet
sich als Gralshüterin der Staatsmoral. Und Staatsmoral ist die historische
Verantwortung. Sie gilt absolut und unterliegt nicht demokratischen
Entscheidungen. Das führt in ein Dilemma, weil Deutschland eigentlich ja beides
sein will: Musterschüler der Vergangenheitsbewältigung und Musterschüler der
Demokratie« (Kommentar aus: FAS Nr. 15/2012, S. 12).
20. Februar 2012
Es ist geschafft: mediale Wullf-Jagd ist erfolgreich beendet
Das war und ist immer noch
eine aufschreckende Selbstentblößung der Medienherrschaft in einem
verängstigten Land. Über Wochen bliesen die Medien mit vereinten Kräften zur Jagd auf den
Bundespräsidenten: boulevardesk bellend, hämisch kommentierend, jedes Schmutzsteinchen
skandalisierend. Auch sogenannte Qualitätszeitungen offenbarten einen
professionellen Hatztrieb, den sie sonst staatstragend zu überdecken pflegten. Die bewährte Taktik: Täglich,
buchstäblich jeden Tag posaunten die Medienherrscher eine belastende
Neuentdeckung übers Land, die sie meist seit Jahr und Tag als Munition in ihren
Dossiers aufbewahrt hatten. Damit befeuerten sie das Publikum solange, bis die
Umfragewerte das gewünschte Ergebnis brachten. Am Freitag vor dem Fastnachtswochenende
war es dann geschafft. Ausgelassene
Faschingsfreude im Medienreich.
Ich
habe während der Jagdwochen niemanden gesprochen, der nicht Ekel vor der
Medienkampagne empfand und sich vor der Medienmacht ängstigte.
Am
widerlichsten waren die Kommentare am Wochenende nach der Wulff-Kapitulation.
›Bild‹ triumphierte mit einem einzigen ›Aus!‹ auf dem ganzseitigen Porträt des
Bundespräsidenten. Andere Springerblätter widmeten ihrem Jagderfolg mehrere
Zeitungsseiten. Stolz rechnete ›Die Welt‹ ihresgleichen die vernichtende
Preßwirkung zu und war selbstgerecht genug, um zu behaupten, Christian Wulff
«wurde behandelt wie jeder Bürger, der einem Verdacht ausgesetzt ist« (auf
Seite 1 vom 18. 02. 2012). Dreister kann man die Medienkampagne nicht
verharmlosen. ›Die Welt‹ weiß auch, was
ein Nachfolger zu tun und zu lassen hat und offenbart ganz ungeniert ihre
medialen Allmachtsphantasien. Gleichzeitig macht sich die Zeitung ernste
Sorgen: »Es gilt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.« Mich erinnert das an
Till Eulenspiegel, der seine Großmutter die Treppe hinunterstieß und ihr
zynisch nachrief: »Warum läufst du denn so schnell?« So viel Scheinheiligkeit trauen sich gewöhnlich nur Narren und
Diktatoren zu. Die
Bürger ducken sich vor so viel… ©
Waltharius, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
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