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Baberowski, J. u. Doering-Manteuffel, A.:
Ordnung durch Terror.
Der Mentalitätszustand der Deutschen ist nach wie
vor neurotisch grundiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert,
bis Intellektuelle und Medien das Selbstverständliche gewagt haben
auszusprechen: Daß man nämlich die Singularität der nationalsozialistischen
Verbrechen in ihrer Ungeheuerlichkeit nur begreifen kann, wenn man sie
mit anderen Verbrechen vergleicht. Über fünfzig Jahre war Singularität
das Schutzschild für Vergleichs- und damit für Denkverbote. Dabei
hebt es die Einzigartigkeiten weltkrimineller Monstrositäten nicht
auf, wenn man sie nebeneinander bedenkt, ganz im Gegenteil gewinnt durch
das jeweils Besondere erst Profil. Es gibt zudem einen weiteren Vergleichsgrund:
Wenn Weltverbrechen historisch parallel laufen, wie es beim Nationalsozialismus
und Stalinismus der Fall war, drängen sich Vergleiche auf. Die beiden
Politmonster Hitler und Stalin sind weltgeschichtlich nicht zu trennen,
wie immer auch der innere Zusammenhang gesehen wird. Damit wird nichts
relativiert oder gar entschuldigt. Die beiden Autoren betreiben in acht
Kapiteln eine Art Mentalitätstherapie, indem sie die Gewaltexzesse
beider Diktatoren einander gegenüberstellen und die unterschiedlichen
Motive herausarbeiten. In seinem Vorwort verweist Hans Mommsen auf die
manichäische Erlösungsideologien, die beide Gewaltsysteme zur
unvorstellbarer Radikalität antrieb. »Die prinzipielle Vergleichbarkeit
beider Regime liegt in den furchtbaren Auswirkungen unbegrenzter Machtausübung,
in der Gewissenlosigkeit, mit der reale und eingebildete Gegner rücksichtslos
verfolgt wurden, sowie in der Allmacht von Terrorapparaten, die an keinerlei
überlieferte Rechtsnormen gebunden waren.« Die Autoren referieren
die historischen Vorfelder, die bereits voller Greueltaten waren. So internierten
polnische Truppen 1919 mehr als 100.000 Ukrainer. Der Haß der Völker
vergiftete die politische Vernunft und bereitete den Boden für die
furchtbaren Vernichtungsaktionen.
26. März 2008 Vom Verlust der Heimat zwischen Oder und Bug Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2007, 292 Seiten, 20,- Euro Ist es schon skandalös genug, daß die Vertreibungsverbrechen
an Millionen Deutschen erst in den letzten Jahren, also ein halbes Jahrhundert
nach den ethnischen Säuberungen, stärker im öffentlichen
Bewußtsein ihren Platz finden, so bleibt es noch unfaßbarer,
daß die Vertreiberstaaten, voran Polen und Tschechien, sich bis heute
nur halbherzig zu ihren Untaten bekennen und diese nach wie vor zu rechtfertigen
versuchen, im Falle Tschechien sogar durch Ehrung des politisch Hauptverantwortlichen.
Es kam sogar zur parlamentarischen Bestätigung seiner kriminellen
Dekrete. Noch 1968 wurden 13.500 Juden aus Polen vertrieben, als die Kommunisten
eine antisemitische Hetzjagd veranstalteten. Bis heute hält der Restitutionsstreit
an, weil er ein polnisches Trauma berührt: Millionen von Polen wohnen
in Häusern, die Deutsche erbaut haben. Die Autorin greift zehn Schicksalsstränge
aus dem Wirrwarr der Vertreibungsgeschichte heraus. Auch Polen, Ukrainer,
Balten u.a. wurden zwangsumgesiedelt, auch Deutschbalten und Bessarabiendeutsche,
dazu Sudentendeutsche, Schlesier, Ostpreußen u.a. Sie alle, ob Opfer
oder Täter, sollen im kollektiven Gedächtnis bleiben, nicht um
Haß und Vergeltung zu provozieren, sondern als Schreckensmahnung.
Um die Erinnerung wachzuhalten, gibt es zwei Wege: die historische Gesamtschau
weiter mit neuem Material anzureichern und die Schilderung von Fallbeispielen.
Helga Hirsch wählt dominant den zweiten Weg, verzichtet also nicht
ganz auf die Gesamtschau. »Insgesamt sind etwas über 14 Millionen
Deutsche zwischen 1944/45 und 1950 aus ihrer Heimat in Mitteleuropa geflüchtet
oder vertrieben worden, rund zwei Millionen haben Flucht und Vertreibung
nicht überlebt, darunter ein Drittel Kinder«, heißt
es im Vorspann zu einer Schilderung der Ereignisse im Peterswaldau.
6. März 2008 Nozick, R.: Anarchie, Staat, Utopia
Am Schicksal dieses Buches läßt sich die Mentalitätsgeschichte
im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ablesen. Der Klassiker der vertragstheoretischen
Staatsauffassung, John Rawls (1921-2002) ›Theorie der Gerechtigkeit‹, verband
linke Wohlfahrtstaatsvorstellungen mit Gerechtigkeitsparadigmen, die noch
heute die politische Szene beherrschen (soziale Gerechtigkeit, Gerechtigkeitslücken
usf.). Der gleichzeitige Gegenentwurf von Rawls Kollegen Robert Nozick
(1938-2002), erschien bereits 1974 auf Deutsch und blieb hierzulande weitgehend
unbeachtet. Das spricht Bände. Es belegt die Denkscheu von alternativen
Gesellschafts- und Staatsmodellen, die dem Bürger die originäre
Oikosfreiheit zugestehen und von ihm Selbstverantwortung und Respekt vor
dem Recht anderer als Bürgerpflicht fordern. Es .besteht im bald
ganz durchsozialisierten Deutschland Konsens, daß es allein dem Staat
zusteht, Freiheit, Wohlstand usw. zu gewähren. Der Bürger hat
sich mit dem zu begnügen, was der Staat ihm zugesteht – eine salonfähig
gewordene Entmündigung des Verfassungssouveräns. Man muß
sich nur umschauen, um die bürgerliche Schafsherde auf Schritt und
Tritt herumkommandiert zu sehen. Beim Stichwort Anarchie bekreuzigen
sich nicht nur Verfassungsschützer. Daß Bürgerfreiheiten
vom Bürger her zu denken sind, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Daß
staatliche Gewährleistungen systemimmanent auf Entmündigungen
zulaufen, weil staatlich-anonyme Macht kein bürgerliches Gewissen
und keinen Freiheitsdrang kennt, liegt in der Denktradition John Lockes
(1632-1704), die von Nozick aufgegriffen wird. Dem Staat ist das Gewalt-,
nicht aber das Freiheitsmonopol zuzuteilen, um Sicherheit zu gewährleisten.
Mutet man ihm Wohlstandsgarantien über ein sanktionierbares Minimum
hinaus zu, kommt es zu wachsenden Umverteilungen und damit zu sozialistischen
Varianten. Genau dieser Zustand herrscht in Deutschland. Nozicks
Minimalstaat erscheint auf diesem Hintergrund als Utopia, die mißachtet
oder verteufelt wird. Doch an den Tatsachen führt kein Weg vorbei:
Der
maßlose Umverteilungsstaat wird zum Unrechts- und Frustrationsstaat
mit unersättlichem Anspruchdenken. In diesem Spiel machen die
Parteien ihr politisches Geschäft. Sie haben den Zustand gesetzlich
und programmatisch zementiert. Nur in Ausnahmefällen verschafft die
oberste Justiz dem Bürger etwas Luft wie jüngst mit dem Urteil
zur Rechnerüberwachung. In zehn Kapiteln kann man bei Nozick nachlesen,
was bürgergesellschaftlich versäumt wurde und wird.
Tibetidylle. Im ›Weekend-Journal‹ des Handelsblattes vom 7. März 2008 wird den Lesern eine Reise nach Tibet vorgestellt, die an unkritischer Ahnungslosigkeit nicht zu übertreffen ist. Die Lhasa-Bahn wird ebenso bejubelt wie die Umsiedlung. Der Autor spricht doch tatsächlich von »Abbildern dreier großer chinesischer Führer«, als hätte allein ersterer nicht siebzig Millionen Menschenopfer auf seinem Mörderkonto. Gelbe Gefahr. Erst allmählich begreift der Westen, daß sich die Diktatoren Chinas eine Welteroberungsstrategie zurechtgelegt haben, die sie mit List und Härte durchsetzten. Die imperiale Strategie besteht aus drei Aktionssträngen: westliche Technik ins Land locken und diese zugleich draußen ausspionieren; die Einflußsphäre von Afrika und Innerasien her aufrollen; bei Schwierigkeiten mit Drohungen reagieren. Zusammen ergibt es den China-Code, der gegenwärtig vom Westen unterwürfig bedient wird. Außenminister Steinmeier hat es vorgemacht: Selbstverständlich sei Tibet ein Teil Chinas. Kaum ein Pressekommentar, der den China-Code zur Kenntnis nimmt. Sun Tsi hat man eben nicht gelesen. China-Welten. Das WALTHARI-Heft 22 hatte China zum Schwerpunkt (vgl. Fenster Literaturzeitschrift [LZ 1] in diesem Portal). Dort war nachzulesen, was man medial gerade erstaunt zur Kenntnis nimmt: daß für den Schwachen im chinesischen Denken kein Platz ist, weil dieser kein Gesicht hat. Bewundert und anerkannt wird der Erfolgreiche und sei er auch ein Verbrecher (wie Mao Tse Tung, der hochverehrt wird). Empathie oder gar Nächstenliebe ordnet man abendländischen Weichlingen zu. Doch genau darin liegt die große Täuschung im Reich der Mitte (vgl. WALTHARI-Heft 50; im Erscheinen). Weil es in China keine Diskussionskultur gibt, stauen sich Fehlentwicklungen an und führen periodisch zu Eruptionen. Die Geschichte des Landes ist daher voller Unruhen und Aufstände. Bildverdummung. Über 40 Prozent der Amerikaner unter 44 Jahren haben im letzten Jahr kein einziges Buch gelesen. In Deutschland wird es nicht viel anders sein. Wen wundert’s, wenn schon Kinder mit DVD-Playern ruhiggestellt werden. Holland als Mulitkulti-Labor. Was waren unsere Nachbarn stolz auf ihre Fremdentoleranz. Nunmehr ein böses Erwachen. Trotz milliardenschwerer Integrationsangebote ist die Eingliederung gescheitert. Die Regierung plant das bisher Undenkbare: Zwang zur Arbeit und Kursteilnahme für Immigranten. Irak-Desaster. In den Medien werden die Zahlen nur zögerlich veröffentlicht: eine Million irakische Zivilopfer, über 4.000 getötete Soldaten der Alliierten, 600 Milliarden Dollar Kriegskosten. Regierende Volksferne. Auch die Politik erleidet den allmählichen Erstickungstod infolge Infofülle und Intransparenz. Die EU beschäftigt z. Zt. 1.192 Expertengruppen. 15.000 Lobbyisten-Gruppen bearbeiten das Mega-System zwischen Brüssel und Straßburg. Noch volksferner wird die Großapparatur, wenn die Bürokratie von einer anonymen Software mitgesteuert sein wird, wie es die Bundesregierung gerade bei Gesetzesvorlagen ausprobiert. Mit Demokratie hat das alles nichts mehr zu tun. Politische Wagenburgen auf hohem Kostenniveau. Mond-Honorare. Den Gipfel des Redehonorar-Unwesens hat der Gutmensch Al Gore bestiegen. Pro Auftritt soll er 175.000 Dollar kassieren. Bill Clinton bringt es auf 150.000 Dollar, ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler auf vermutlich viel weniger. Man redet über die Armen dieser Welt. Sprachensterben. Von den rund 6.700 Sprachen in der Welt sind nach einem UNESCO-Bericht über 3.000 vom Aussterben bedroht. Selbst Großsprachen (wie das Deutsche) werden zunehmend ausgehöhlt. Man besuche irgendein Textilgeschäft: Nightwear statt Nachtgewand klingt vornehmer – und ausgesprochen (!) meist auch dumm. Kreditkrise. Ihre Kosten
werden sich bis Ende 2008 auf eine Billion Dollar belaufen. Selbst die
EZB
und die Bundesbank klären darüber nicht bürgerfreundlich
auf, ein schweres Versäumnis, da viele Bürger um ihre Einlagesicherheit
bei den Banken bangen.
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