Walthari
 

Virtuelles Magazin
von Univ.-Prof. Dr. Erich Dauenhauer


In memoriam

12. Dezember 2019

 

 

Eine Weihnachtsgeschichte

im digitalen Festkalender

Von Erich Dauenhauer

 

Er konnte mit der Jahresabschlußsitzung mehr als zufrieden sein. Alle Positionen der Tagesordnung waren ganz unsentimental abgehandelt worden, wie es dem Stil des Hauses entsprach. Der Chef verabscheute Weihnachtsfeiern und das übliche Brimborium, brennende Kerzen bereiteten ihm Unbehagen, ja Widerwillen. Schon vor Jahren ließ er es alle Mitarbeiter wissen und stieß dabei auf wenig Unverständnis. Was zähle, antwortete er, wenn er nebenbei auf das Thema zu sprechen kam, sei doch allein der Unternehmenserfolg, der sich am Jahresende auszahle, in Boni für die Führungskräfte und als Zugabe für die anderen Betriebsangehörigen. Von Weihnachtsfeier oder gar von war im Jahresabschlußbrief an die ›lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter‹ nicht die Rede, weil, wie jedermann im Haus wußte, auf die religiösen Gefühle der mitbeschäftigten Muslimen Rücksicht zu nehmen war. Auch daran nahm niemand im Hause vernehmbar Anstoß.

Als er sich von seinem Chef verabschiedete, mußte er unwillkürlich an dieses seltsame Schweigen denken, ließ sich aber nichts anmerken. Im Zug auf dem Weg nach Hause überkam ihn plötzlich ein leeres Gefühl, das er nicht deuten konnte. Er hätte allen Grund gehabt, die Freude über den hohen Bonusbetrag dagegenzusetzen, immerhin war der zugedachte Geldbetrag höher als sonst, er hätte fast ausgereicht, sich ein neues Auto zu kaufen. Führungskräfte wurden in seinem Unternehmen fürstlich belohnt, wenn sie die hohen Vorgaben erfüllten. Er war im besten Manageralter und hielt den starken Arbeitsbelastungen mit einem ausgetüftelten Lebensstil bisher einigermaßen stand. Doch diese Gedanken wurden von dem leeren Gefühl wie von einem Schwarzen Loch aufgesogen und aufgelöst.

Um sich abzulenken, aktivierte er sein elektronisches Taschengerät und begann zu spielen, er sprang wie ein unreifer Junge von App zu App, weil ihn alles langweilte, was ihm entgegenflimmerte. Unversehens, es war ein automatisierter Zugriff, täglich dutzendmal eintrainiert, rutschte er in seinen abgelaufenen Terminkalender, es war ihm, als wolle sein verdecktes Selbst sich narzißtisch belohnen. Oder wolle es die hohe Bonuszahlung rechtfertigen? Alle Termine hatten den gewünschten Erfolg, worauf er stolz sein konnte.

Nach einem Halt nahm ein älterer Herr ihm gegenüber Platz, über sechzig gewiß, seine Hände verrieten es deutlicher als sein Gesicht, das etwas Zeitloses ausstrahlte. Als er mit seinem elektronischen Taschengerät weiter spielen wollte, regte sich in ihm ein Widerstand, lächerlich diese fingrige Hüpferei. Er schloß die Augen, um abzuschalten, aber es gelang ihm nicht. Ein Gedanken- und Bilderschwarm überfiel ihn, eine wahre mentale Heuschreckenplage. Diese Ohnmachtserfahrung stellte sich immer dann ein, wenn kein Arbeitsdruck mehr bestand und er tief durchatmete, um gedanklichen Ballast abzuwerfen.

Als er, um der Kopfplage zu entkommen, wieder die Augen öffnete, erschrak er. Das Gesicht seines Gegenübers hatte buddha-ähnliche Züge angenommen: geschlossene Augen, ebenmäßige Gesichtszüge, er kannte dieses Bild aus seinen geschäftlichen Aufenthalten in fernöstlichen Ländern, wo es ihm zur Gewohnheit geworden war, vor seinem Rückflug mit den Verhandlungspartnern einen Buddha-Tempel aufzusuchen, nicht allein zur kulturellen Aufhellung, es wirkte sich auch auf die Geschäftsbeziehungen atmosphärisch positiv aus.

Nun dieses ebenmäßige Gesicht vor ihm während einer Bahnfahrt, dazu diese meditativ geschlossenen Augen. Da ließ es sich, ohne unhöflich zu sein, anhaltend hinschauen und staunend wahrnehmen, was der Gesichtsausdruck bewirkte: ein Gefühl friedlichen Da-Seins, eine vollkommene Gegenwärtigkeit in einem dahinrasenden Zug. Die Zeit war stehengeblieben und schluckte alsbald sein Staunen und seine Wachheit.

Das Vibrieren seines elektronischen Taschengerätes weckte ihn auf. Aufgeregt zog er das Gerät aus seiner Jackentasche, tastete prüfend seinen Oberkörper ab, nein, nicht ausgeraubt, auch sein Aktenkoffer geriet nicht in fremde Hände. Als er auf das Gerät schaute, konnte er lesen: »Lieber Herr, Sie waren eingeschlafen. Mich hat der Himmel geschickt, um Sie zu bewachen. Nein, kein Zufall, ich glaube an Fügungen und ich nahm die Gelegenheit wahr, Sie genau zu studieren. Alles deutet darauf hin, daß Sie sich in einem großen Laufrad ›fortbewegen‹, das sich immer schneller dreht und am Ende Ihre Seele fressen wird. Ihr Zucken im Gesicht, noch im Schlaf. Ich habe mir erlaubt, in Ihr Gerät diese Zeilen und einen Weckruf einzutippen. Kurz vor dem Vibrieren werde ich Sie verlassen haben, Sie waren also die ganze Zeit gut beschützt. Gleich wird der Zug anhalten, und ich werde aussteigen, um zu den Aussätzigen unserer Zeit zu gehen, sie müssen ebenfalls behütet und beschenkt werden. Ich habe in Ihr Gerät meine Rufnummer eingegeben, versteckt, damit Sie nicht gleich fündig werden und mich aufhalten. Anstatt mir zu danken, können Sie meine Zuwendung einfach weiterreichen. Genießen Sie die stille Einkehr am heutigen Heiligenabend«.                         Egestas 
© Walthari® Aus: www.walthari.com

(24. Dezember 2016)

 

 


Sehr verehrte Walthari-Leser,

in tiefer Trauer teile ich Ihnen mit, dass

am 13. September 2018 mein geliebter Ehegatte verstorben ist.

 
Trotz schwerer Krankheit ist es ihm gelungen, das Walthari-Heft 66 noch zu vollenden. Das Walthari -Projekt war seine große Leidenschaft. Er hat mit viel Hingabe daran gearbeitet und seine Veröffentlichungen weltweit zugänglich gemacht. Mit Leib und Seele war er der Literatur und Wissenschaft verschrieben. Es schmerzt mich sehr, dass hiermit sein Lebenswerk ein abruptes Ende nahm. Er hatte noch so viele Pläne.

Ich möchte mich bei Ihnen für Ihr langjähriges Interesse und den regen Austausch bedanken. Meinem Gatten und mir bereitete es immer große Freude, mit diesem virtuellen Magazin kritische und fruchtbare Diskussionen ins Leben zu rufen. Das Internetportal hätte in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum gefeiert (1998 – 2018). Mir bleibt nur zu hoffen, dass viele seiner Denkanstöße in Ihnen weiterleben.

 
Mit besten Wünschen
Bärbel Dauenhauer

PS: Ich behalte mir vor, den einen oder anderen Beitrag aus der Vergangenheit nochmals einzustellen oder aus dem Nachlass Texte zu veröffentlichen.
  


 


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Aktuelle Lesetipps
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Walthari-Heft 66 erschienen

Die religionsgeschichtlichen Grundlagen des Dialoges Timaios

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Das größte Abenteuer der Menschheit


 
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Auskunft über den Herausgeber gibt in Kurzform Wikipedia, ausführlich die Monographie "Mein sonderbares Leben" (2018, Walthari-Verlag, 66981 Münchweiler).
 



Bücher
von Erich Dauenhauer
 
 
Weisheitliche Lebensführung, Ein Breviar für Eliten
3. Auflage


Aktive Bürgergesellschaft
in einem gebändigten Staat

Wege und Irrwege ins 3. Jahrtausend

Ein Breviar für anspruchsvolle Entscheider,

7. Auflage


Das veruntreute Land

Wohin driftet Deutschland?

2. Auflage

Der Euro
Eine kritische Zwischenbilanz

Ganzheitliche Selbstermächtigung im Beruf und Privaten
Ein Stabilisierungskonzept auf wissenschaftlicher Grundlage

Wozu noch Tugenden?
Ein fälliges Erinnern

  Alterswege

Mein sonderbares Leben
Ein autobiographischer Rückblick

 

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