Walthari



Literaturbriefe


27. Januar 2012
Sehr geehrter Ingo Schulze,
in einem Feuilletonbeitrag haben Sie, nach drei Jahren der Abstinenz, zu einem Rundumschlag ausgeholt, worin ich Teile meiner Kritik wiederentdecke, die ich in diesem WALTHARI-Portal seit Jahren vorbringe. Das ist zwar nicht originell, dennoch erfreulich, denn es verstärkt die öffentliche Debatte, die in Deutschland längst nicht so heiß und aktuell geführt wird wie in Frankreich.

Sie beklagen die Kluft zwischen Arm und Reich, den »Ruin des Sozialstaates«, »die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche«, »die Blindheit für den Rechtsextremismus«, »das Geschwafel der Medien«, »die offene und verdeckte Zensur« u.a.m. Die Politiker seien gar nicht mehr in der Lage, sprachlich die Wirklichkeit abzubilden, womit Sie sich an die Verhältnisse wie einst in der DDR erinnert fühlen – ein scharfer Hieb, den Sie sich als ehemaliger DDR-Bürger erlauben können. Der Hieb trifft ebenso ins Schwarze wie Ihr Satz: »Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren…« Auch dies kein neuer Befund, doch kann man nicht oft genug darauf hinweisen.

Was mich enttäuscht, sind Fehleinschätzungen und eine konzeptionelle Leere in Ihrem Text. So trifft es nicht zu, daß die Intellektuellen sich weigern – nicht allesamt, darf ich einwenden. Es gibt sie, die freien Geister, die sich vom Parteienstaat nicht einkaufen lassen, darunter leider nur wenige Journalisten und noch weniger Professoren, die unter dem Bologna-System das Kuschen gelernt haben. 

Indes regt sich Widerstand allerorten, freilich diffus und nicht selten mit Altmüll belastet. Häufig geistlos und ohne historische Bildung. Die Netzposteingänge und das »Geschwafel der Medien« belegen es täglich. Man muß sich im Klaren sein: Wer das Fernsehen einschaltet, hat es mit einem kollektiv meinungsprägenden Giganten zu tun, der ohne Abnehmerkontrolle sein Geschäft betreibt. Vermutlich nur wenigen Lesern der überregionalen Presse ist bewußt, daß sie großkalibrige Infogeschütze in Händen halten, deren Feuerkraft soziale Existenzen auslöschen und Firmen ruinieren können. Feuern sie abgestimmt, wie derzeit im Falle des Bundespräsidenten, erschüttern sie, um ihre Macht zu demonstrieren, die halbe Republik und jagen den Bürgern Angst und Schrecken ein. So wenig das Verhalten des Bundespräsidenten Anlaß gibt, ihn zu verteidigen: die Dauerkampagne ekelt vermutlich die meisten Bürger an und zeugt von einer demokratieverachtenden Medienhybris. Quotengeilheit und Wirkungshybris sind die antreibenden MediengötterDie großen Meinungsmacher bestimmen, was kollektiv gedacht werden darf und was nicht.

Sie schreiben: »Der Bürger wird auf den Verbraucher reduziert.«  Genau so schlimm ist, daß er am medialen Gängelband geführt wird, täglich, ja stündlich. Geschickt präsentieren sich die Mediengrafen als schlichte Zeitgenossen, harmlos wie freundliche Nachbarn, wo sie doch über eine gewaltige und gewalttägige Feuerkraft verfügen, der keine wirksame Gegenmacht gegenübersteht. 

Nun aber zu Ihren gravierenden Fehleinschätzungen. Auf der Mentalitätslandkarte der Eliten, zu denen Sie als Schriftstelle rechnen, gibt es einen großen weißen Fleck, gleichsam eine Tabuzone, auf die man in besseren kulturellen Kreisen seit je stolz zu sein scheint. Ich ziele damit auf…

Und genau dafür erweist sich die literarische Musterszene, der Sie angehören, als blind.


Es grüß Sie

Erich Dauenhauer
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