Walthari

 

Besprechungen
 
16. Mai  2018
 
Taylor, Ch.: Das sprachbegabte Tier,
Grundzüge  des menschlichen Sprachvermögens.
Aus dem Englischen von Joachim Schulte,
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 656 Seiten, 38,- Euro
ISBN 978-3-518-58702-7
 
Das Original erschien 2016 mit einem Untertitel (›The Full Shape of Human Linguistic Capacity‹), der in der deutschen Vorlage nicht nur unkorrekt übersetzt wurde; übergangen wird dadurch auch das Hauptanliegen Taylors: die vollständige (!) Gestalt des menschlichen Sprachvermögens. Diese nämlich erschöpft sich nicht im Codieren und Vermitteln von Informationen, wie es die ältere Sprachtheorie von Hobbes, Locke und Condillac behauptet hatte. Darüber ist die Bewußtseinsphilosophie und Kognitionswissenschaft hinweggegangen. Die Gegenposition vertraten allerdings schon früh deutsche Aufklärer (Hamann zuerst), Romantiker und Klassiker, die Taylor ausführlich zitiert und die er für die argumentationsstärkeren hält. Um diese holistische Version zu verdeutlichen, holt der Autor weit aus, zieht neben Philosophen, Naturwissenschaftlern, Dichter, Komponisten und sogar Religionsstifter heran. Sprache ist nicht allein ein Instrument der Benennungen und Vermittlung von Dingen außerhalb ihrer, sie selber erschafft Bedeutungen im (!) Sprachgehäuse, darunter moralische, ästhetische und rechtliche Konstituenten. Auf diesem Erkenntnisstand angekommen, sieht man sich, über Taylor hinaus, zwei besonderen Problematiken gegenüber, erstens dem Verhältnis von unbestreitbaren Phänomenen (mit Aristoteles) und Konstituenten, zweitens dem Verhältnis von Konstituenten und dem Konstruktivismus, der mehrere Welten hervorbringt und Sprache als originäre Erschafferin von Welten betrachtet, während Phänomenologen von einer Welt ausgehen. Der Sachverhalt verkompliziert sich noch einmal um eine Stufe, bedenkt man, daß das Sprachvermögen trotz aller evolutionärer Entwicklungsschübe von Voraussetzungen (Apriori) ausgehen muß, die auch bei Kontingenzannahme nicht allein naturalistisch herleitbar sind. Taylor tippt diese Problematik, die der holistischen (!) Konstitutionstheorie der Sprache immanent ist, nur an, wenn er fragt, warum wir trotz der behaupteten Vielzahl von Welten, auf einen universalistische Moral- und Rechtsrahmen setzen, um human zu bleiben. Gänzlich übersieht Taylor den Neuen Realismus (Markus Gabriel), der die deutsche Philosophenszene seit Jahren befeuert. Und nicht erst »in den 1790er Jahren in Deutschland« entwickelte sich die holistische Sprachtheorie, sondern mit Herder schon 1772 (›Über den Ursprung der Sprache‹).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com




16. Mai  2018
 
Baldwin, James:   Von dieser Welt, Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von  Miriam Mandelkow, Mit einem Vorwort von Verena Lueken
dtv Verlagsgesellschaft, München 2018, 318 Seiten, 22,- Euro,  ISBN 978-3-423-28153-9
 
Der Roman erschien zuerst 1953 in New York und gilt als Klassiker amerikanischer Gesellschaftsverhältnisse bis in die Gegenwart. Darauf verweist das Vorwort (über 11 Seiten!) von Verena Lueken, um Leser, die das nicht wissen, auf die Lektüre einzustimmen. Sind schon die Platzierung und Länge des Vorworts ungewöhnlich, so erst recht die sonstige Besorgtheit des Verlages: der Leser wird auf Hintergrundmaterial verwiesen und mit allerhand Empfehlungstexten auf dem Umschlag bedacht.
Baldwin gewährt Einblicke in die Tiefenschichten der US-Gesellschaft aus der Perspektive der Afroamerikaner, nur eine der zahlreichen Minderheiten im Lande, die sich mit Identitätsproblemen plagen und sich häufig in Parallelgesellschaften abschotten. Unter den tiefsitzenden Kränkungen sind die Sklavenvergangenheit und die Niederwerfung der Urbevölkerung (Indianer) die nachwirkendsten. Beide nationale Verletzungen sind bis heute nicht ausgeheilt, zum einen, weil das Sklavenbewußtsein als mentales Erinnerungsmuster nicht heilbar ist, zum anderen, weil die Nachkommen der weißen Eroberer sich nur halbherzig der Vergangenheit stellen. Hinzu kommt die asiatische Kränkung (pazifische Einwanderer zeigen sich den Schwarzen karrieristisch meist überlegen). Verstärkt wird das Identitätsproblem durch andere Minderheiten (aus Mittel und Südamerika) und dem anhaltenden Einwanderungsdruck. Die Ungleichheiten und die daraus sich ergebenden Spannungen erzeugen eine explosive Dauerstimmung im Lande, die sich sichtbar im Waffengebrauch und in Trumps Politik äußert. Das alles sollte man vor Augen haben, wenn man Baldwin (1924-1987) zu lesen beginnt.
Schon nach wenigen Seiten spürt man hinter den Alltagsschilderungen das Vibrieren der nervösen Seelenlage. Die Handlung fällt schlicht aus: John, ein schwarzer Junge, lebt in einer bigottischen Familie und Umgebung, die seine Selbstfindung erschweren. Da er seinem Verstand mehr vertraut als den üblichen Aggressionsmustern, plagen ihn Zweifel über sich, über die Kirche und sein Milieu. Er wird »von Visionen überschwemmt« (118) und bricht schließlich aus – wie Baldwin selber, der nach Europa umsiedelte, nachdem sein Versuch, die negride Kultur umzugestalten, gescheitert war. Auch die Hauptfigur (John) versteht man besser, wenn man weiß, daß Baldwins Vater Prediger und sein Sohn jugendlicher Laienprediger waren.  Daraus speist sich das Romanmilieu, das durch die einseitige Opferneigung an Spannung verliert. In diese Kerbe schlägt auch Lueken, die der »weißen Kultur« alle Schuld zuschiebt, wo doch die Sache komplex ist und sich seit 1953 gewandelt hat.
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com








15. Mai  2018
 
Kaube, Jürgen:   Die Anfänge von allem,
Rowohlt Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 448 Seiten, 24,95 Euro,
ISBN 978-3-87134-800-6
 
Da hat sich der Feuilleton-Chef und Mitherausgeber der FAZ ein gewaltiges Vorhaben aufgeladen. Es liegt nichts weniger vor als der Versuch einer Universalgeschichte, an die sich neuere Historiker nicht mehr wagen.
Die weite Bogenerzählung (sie beginnt mit 3,6 Millionen Jahren vor unserer Zeit) muß sich auf archäologische Befunde und zugleich auf Hypothesenkonkurrenzen berufen, d. h. unzählige Wissenslücken spekulativ schließen oder sich an nicht wenigen Stellen schlicht zu einem Nichtwissen bekennen. Die Befunde sind häufig deutungs- und zeitoffen, lassen also erhebliche Spielräume. Kaube entschied sich für eine narrative Geschichtsschreibung, welche die Lesbarkeit und die Publikumserreichbarkeit erhöht, sich aber gleichzeitig auf das unsichere Feld der spekulativen Geschichtsphilosophie begeben muß, denn Narrative ohne Verlaufs- und Zielspekulationen verlören ihre ›Seele‹.
Wie Kaube mit dieser komplexen Konstellation zurechtkommt, kann man in den sechzehn Buchkapiteln anschaulich erfahren. Lockere Überschriften locken den Leser: ›röhrende Hirsche‹, ›Bordell vor dem Jenseits‹, ›Die Königsmafia‹ u.a. Der immense Stoff soll auf diese Weise attraktiver gemacht werden. Dazu macht es sich der Autor nicht leicht: fünfzig Seiten Anmerkungen, vierzig Seiten Literaturangaben. Wie ein beruflich ausgelasteter Feuilletonchef dafür allein die Lesezeit aufbringen kann, von der Textgestaltung ganz abgesehen, läßt sich kaum ausdenken. Damit unterstelle ich nicht, daß Kaube insgeheim den Text sich hat schreiben lassen, vielmehr bewundere ich die rätselhafte Zeithandhabe. Für die Gesamtperspektive entscheidend ist die Grundeinstellung des Autors: Referiert er als naturalistischer Positivist oder als geistbewegter Evolutionist? Im ersten Fall sollen Sprache, Bewußtsein usw. aus der Materie hervorgegangen sein, im zweiten Fall ist der Geist der primäre Entwicklungsbeweger, wie es z.B. Thomas Nagel zum Schrecken aller Biologisten vermutet (in: ›Geist und Kosmos‹, Berlin 2013; vgl. meine Rezension in diesem Walthari-Portal vom 10.12.2013). Kaube übergeht dieses ›Wendebuch‹. Das Testkapitel dafür lautet bei ihm ›Der Anfang der Sprache‹ (81 ff.). Gleich der erste Satz beantwortet die obige Frage: »Am (!, also nicht ›Im‹) Anfang war es vielleicht (?) wüst und leer, aber am (!) Anfang war nicht das Wort«, also nicht der Logos, kein Schöpfergeist, sondern in logischer Ableitung ex nihilo das pure Materiewunder (wobei Wunder schon geistaffin ist). Damit übergeht Kaube den kontingenten dialektischen Entwicklungsprozeß, wie er sich aus der Quantentheorie schöpfungsnotwendig ergibt. So liest sich das Schlüsselkapitel als Unsinns-Spiel geistloser Materie (Sinn hat nur der Geist). Bei Nagel wird der »universellen Intelligenz« noch etwas zugemutet, bei Kaube hängt das Materie-Spiel im naturgesetzlichen Nichts, dazu im Selbstwiderspruch, denn universelle Naturgesetze setzen eine universelle Schöpfungsintelligenz voraus. Liest man das Sprachkapitel (und andere) mit einem Metablick, stößt man auf Fallen wie in dem Satz, daß Sprache »über Bilder und Zeichen hinaus aus Zeichen« besteht, die sich von den Sachverhalten (darunter auch die  Materie, E.D.) ablösen, die sie bezeichnen« (82 f.). Eine klassische Geistbewegung. Die Sprachgewalt des Autors bietet beim Lesen dennoch gute Unterhalteng.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



27. März 2018
 
Schrott, Raoul:   Erste Erde Epos.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 844 Seiten, 30,- Euro
ISBN 978-3-423-14627-2
 
Um dieses großformatige und voluminöse Buch durchzulesen, muß man drei Wochen ansetzen. Beim Lesen erfährt man eine weitere Leserbeschränkung: Ohne außerordentlich gehobene Allgemeinbildung sind weite Textteile nicht zugänglich. Nimmt man, drittens, die vom Verlag übernommene Wendung »Eine Bibel für Atheisten« hinzu, läßt sich der beschränkte Leserkreis unschwer ausdenken. Dieser aber wird für einen außerordentlichen Leseaufwand belohnt, auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein kann. Schrott hat die halbe Welt bereist und versucht nichts weniger, als das »Wissen über die Welt« vom Urknall bis in die Gegenwart nachzuerzählen, und zwar naturwissenschaftlich und zugleich literarisch. Die Bücher sind zeitlich gegliedert, vom Urknall vor 13,82 Jahrmilliarden bis zum Anthropozän. Danach folgt ein Anhang von Seite 687 bis 844. Die thematische Vielfalt ist gigantisch und wird von endlosen naturwissenschaftlichen Datenreihen unterfüttert. Darin liegt das große Risiko der Überholbarkeit, denn die Wissenschaften lassen auch scheinbar unverrückbare Erkenntnisse hinter sich: man denke an das Schicksal der Newton-Physik durch die Quantenphysik und die Relativitätstheorie. Das mag Schrott nicht stören, weil er das Werk literarisch immunisiert und hoffen kann, daß ›Erste Erde‹ als Epos den Sachstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts notiert und später so als historisches Inventar gelesen werden kann wie Vieles in der Wissenschaftsgeschichte. Trotz der ausladenden Gliederung (S. 5-15) ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten, zumal der Textband verschachtelt ist und Fakten und Fiktionen häufig verschränkt werden, so etwa wenn es heißt: »Die unterschiedlichen Definitionen von Leben lassen sich… mit der Form des Gedichtes abgleichen – Zellen von Worten, die dem Rohmaterial der Aussenwelt mittels ihres Stoffwechsels zu einem Innenleben verhelfen« (als Kommentar von S. 8 in den Seiten 201 bis 209). Mancher Text hat die Form eines tagebuchartigen Reiseberichts, andere Texte erscheinen stichwortartig hingeworfen, häufig verziert mit Randnotizen: »Fussspuren am Strand von Formby, 5.000 Jahre alt« (S. 618). Der Leser wird ordentlich durchgeschüttelt, er kann sich zwischendurch erholen, wenn Schrott im Anhang aus dem Eposlabyrinth heraustritt und zur Alltagssprache zurückfindet. Dort entfaltet er auf mehr als 150 Seiten einen lehrbuchartigen Unterricht über das Werden der Welt und des Lebens. Viel Biologie und Chemie. Der Autor will sich nichts entgehen lassen und dem Leser nichts schenken.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



25. März 2018

 
Morsbach, Petra:   Justizpalast. Roman
Knaus Verlag München 4. September 2017, 480 Seiten,
Fadenbindung, 25. Euro,  SBN 978-3-8135-0373-9
 
Die deutsche Justiz ist gewiß eine der angesehensten der Welt, aber zugleich auch mit allen System- und Mentalmängeln befallen, die einem durch Gesetz geschützten Unabhängigkeitssektor eigen sind. Fehlurteile, selbst existenzvernichtende und ganz offensichtliche, werden nur widerwillig eingestanden, häufig auch beschwiegen (parochial silence). Ich habe selbst erlebt, wie ein Obergericht einem unsäglich falschen Sachverständigengutachten blind glaubte und sich in ökonomische Begründungen verstieg, die keinem Ökonomikstudenten im ersten Semester unterlaufen dürften. Mit Überlastung der Justiz ist das so wenig zu rechtfertigen wie die immanente spezifische Gesinnung. Richter haben bei ihrer Rechtfindung  bekanntlich keine Vorgesetzte, und oberhalb des Bundesverfassungsgerichts gibt es nur den freien Himmel. Das prägt. Auch der Justiz gegenüber  ist daher ein skeptisches Vertrauen angebracht, und sogenannte Justizromane sollten sich daher eher der negativen Ästhetik als einer noch so versteckten Akklamation verpflichtet fühlen. Zwischen beiden Erzählhaltungen liegen Welten. Die Autorin hat zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und hospitierte an einem Gericht, um eine Binnensicht zu erfahren. Das verlangt Entgegenkommen in der Grundhaltung, auch wenn ein realistisches Bild vermittelt. Realistisch – soll das überhaupt ein Roman? Eine gerechtigkeitsfanatische Richterin wird desillusioniert. In wechselnder Perspektive läuft die Handlung nicht chronologisch ab. Es werden Fälle aus dem Zivil- und Verwaltungsrecht geschildert, wobei es sehr menschlich zugeht. Die Richterin identifiziert sich stark mit dem Recht, verzichtet also auf Distanz, die im Rechtsberuf durchaus erforderlich ist. Denn die konstruierte Rechtswelt der Gesetze deckt die weit komplexere Lebenswelt nicht ab. Die Richterin leidet unter den Verhältnissen, findet aber aus der Gerechtigkeitsmaschine selbst mental, auch nicht rechtsphilosophisch heraus (spurenhaft auf S. 201). Besonders die Justizszene in München wird weiterhin den Roman goutieren.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com