Walthari

 

Besprechungen
 
11. April 2018
 
Fernandez, Frank und Mühlberger, Holger (Hrsg.):
Zwischen Dur und Moll. Gedichte und Gedanken,
Selbstverlag, August-Becker-Weg 6, 76829 Landau, 46 Seiten.
 
Der Haupttitel trifft exakt den Ton aller Einträge, und der Untertitel benennt die lyrische Art: Reflexives (Gedanken) in poetische Formen gegossen. Es geht zart zu (›Tau auf meiner Haut‹, 23) und grob (›kotze dann den Gedanken-Müll‹, 38), hell (›Dur‹) und düster (›Moll‹). Das Reflexive und Mitleiden überwiegen: ›Leiden aus liebevoller (!) Leidenschaft‹ ist ein Gedicht überschrieben, das die Ohnmacht beschreibt: »Tausende Kinder sterben täglich / Unbeschreiblich / Undenkbar/…« Und dann die Schlüsselverse zu allem: »Lieben und Leiden / zwei Geschwister / in unserem Leben / aus Liebe zu ihm / dem König des Kosmos« (32). Im lyrischen Haupttrend unserer Zeit bleiben Moral und Religion im Giftschrank, nicht so in diesem schönen Band. ›Gottesnähe ahnen‹ steht über einem der eindrücklichsten Einträge (37). An ›einen Mächtigen‹ gerichtet: »Machtvolles Streben im moralischen Mantel« (35). Der Leser findet auch ein veritables Liebesgedicht (›Liebestraum‹, 30) und einen gebetsförmigen Eintrag (›Scheinen und Glauben‹, 16). Die Autoren sehen sich »in einem Land, / in dem kulturelle Identität seit langem ist verbannt‹ (›Entsorgen‹, 10). Auch damit werden nicht wenige Leser übereinstimmen.
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 






27. März 2018
 
Schrott, Raoul:   Erste Erde Epos.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 844 Seiten, 30,- Euro
ISBN 978-3-423-14627-2
 
Um dieses großformatige und voluminöse Buch durchzulesen, muß man drei Wochen ansetzen. Beim Lesen erfährt man eine weitere Leserbeschränkung: Ohne außerordentlich gehobene Allgemeinbildung sind weite Textteile nicht zugänglich. Nimmt man, drittens, die vom Verlag übernommene Wendung »Eine Bibel für Atheisten« hinzu, läßt sich der beschränkte Leserkreis unschwer ausdenken. Dieser aber wird für einen außerordentlichen Leseaufwand belohnt, auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein kann. Schrott hat die halbe Welt bereist und versucht nichts weniger, als das »Wissen über die Welt« vom Urknall bis in die Gegenwart nachzuerzählen, und zwar naturwissenschaftlich und zugleich literarisch. Die Bücher sind zeitlich gegliedert, vom Urknall vor 13,82 Jahrmilliarden bis zum Anthropozän. Danach folgt ein Anhang von Seite 687 bis 844. Die thematische Vielfalt ist gigantisch und wird von endlosen naturwissenschaftlichen Datenreihen unterfüttert. Darin liegt das große Risiko der Überholbarkeit, denn die Wissenschaften lassen auch scheinbar unverrückbare Erkenntnisse hinter sich: man denke an das Schicksal der Newton-Physik durch die Quantenphysik und die Relativitätstheorie. Das mag Schrott nicht stören, weil er das Werk literarisch immunisiert und hoffen kann, daß ›Erste Erde‹ als Epos den Sachstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts notiert und später so als historisches Inventar gelesen werden kann wie Vieles in der Wissenschaftsgeschichte. Trotz der ausladenden Gliederung (S. 5-15) ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten, zumal der Textband verschachtelt ist und Fakten und Fiktionen häufig verschränkt werden, so etwa wenn es heißt: »Die unterschiedlichen Definitionen von Leben lassen sich… mit der Form des Gedichtes abgleichen – Zellen von Worten, die dem Rohmaterial der Aussenwelt mittels ihres Stoffwechsels zu einem Innenleben verhelfen« (als Kommentar von S. 8 in den Seiten 201 bis 209). Mancher Text hat die Form eines tagebuchartigen Reiseberichts, andere Texte erscheinen stichwortartig hingeworfen, häufig verziert mit Randnotizen: »Fussspuren am Strand von Formby, 5.000 Jahre alt« (S. 618). Der Leser wird ordentlich durchgeschüttelt, er kann sich zwischendurch erholen, wenn Schrott im Anhang aus dem Eposlabyrinth heraustritt und zur Alltagssprache zurückfindet. Dort entfaltet er auf mehr als 150 Seiten einen lehrbuchartigen Unterricht über das Werden der Welt und des Lebens. Viel Biologie und Chemie. Der Autor will sich nichts entgehen lassen und dem Leser nichts schenken.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 








25. März 2018

 
Morsbach, Petra:   Justizpalast. Roman
Knaus Verlag München 4. September 2017, 480 Seiten,
Fadenbindung, 25. Euro,  SBN 978-3-8135-0373-9
 
Die deutsche Justiz ist gewiß eine der angesehensten der Welt, aber zugleich auch mit allen System- und Mentalmängeln befallen, die einem durch Gesetz geschützten Unabhängigkeitssektor eigen sind. Fehlurteile, selbst existenzvernichtende und ganz offensichtliche, werden nur widerwillig eingestanden, häufig auch beschwiegen (parochial silence). Ich habe selbst erlebt, wie ein Obergericht einem unsäglich falschen Sachverständigengutachten blind glaubte und sich in ökonomische Begründungen verstieg, die keinem Ökonomikstudenten im ersten Semester unterlaufen dürften. Mit Überlastung der Justiz ist das so wenig zu rechtfertigen wie die immanente spezifische Gesinnung. Richter haben bei ihrer Rechtfindung  bekanntlich keine Vorgesetzte, und oberhalb des Bundesverfassungsgerichts gibt es nur den freien Himmel. Das prägt. Auch der Justiz gegenüber  ist daher ein skeptisches Vertrauen angebracht, und sogenannte Justizromane sollten sich daher eher der negativen Ästhetik als einer noch so versteckten Akklamation verpflichtet fühlen. Zwischen beiden Erzählhaltungen liegen Welten. Die Autorin hat zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und hospitierte an einem Gericht, um eine Binnensicht zu erfahren. Das verlangt Entgegenkommen in der Grundhaltung, auch wenn ein realistisches Bild vermittelt. Realistisch – soll das überhaupt ein Roman? Eine gerechtigkeitsfanatische Richterin wird desillusioniert. In wechselnder Perspektive läuft die Handlung nicht chronologisch ab. Es werden Fälle aus dem Zivil- und Verwaltungsrecht geschildert, wobei es sehr menschlich zugeht. Die Richterin identifiziert sich stark mit dem Recht, verzichtet also auf Distanz, die im Rechtsberuf durchaus erforderlich ist. Denn die konstruierte Rechtswelt der Gesetze deckt die weit komplexere Lebenswelt nicht ab. Die Richterin leidet unter den Verhältnissen, findet aber aus der Gerechtigkeitsmaschine selbst mental, auch nicht rechtsphilosophisch heraus (spurenhaft auf S. 201). Besonders die Justizszene in München wird weiterhin den Roman goutieren.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com