Walthari

 

Besprechungen
 
20. September  2017
 
Ostrowicz, Ph. A.: Schreibweisen der Unschärfe.
Zur Ästhetik und Poetik der visuellen Unschärfe bei Robert Musil und W.G. Sebald,

Epistemata Würzburger wissenschaftlichen Schriften, Reihe Literaturwissenschaft, Bd. 875,
ISBN 978-3-8260-6198-1

Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, 333 Seiten,  30,80 Euro
 
Die Monographie ist eine überarbeitete Fassung der gleichlautenden Dissertation an der Universität Würzburg. Als ehemaliger Doktorvater mit 32-jähriger Lehrstuhlerfahrung kann ich mir ein Bild machen über die immense Arbeit, die für den Doktoranden und seinen Betreuern dem vorliegenden Ergebnis vorausgegangen ist. Es scheint in den Geisteswissenschaften Mode geworden zu sein, Dissertationen zu überbordenden Großschriften ausarten zu lassen, die das anvisierte Strukturbild in der Detailfülle untergehen läßt. Der Autor begnügt sich z.B. nicht mit dem geraden Textpfad, der am fünf Stationen (Hauptkapitel) besteht. Er unternimmt dazwischen Exkurse, von Leonardo da Vinci bis Gerhard Richter. Allein schon an den Literaturhinweisen (über zwei Dutzend Seiten) läßt sich ablesen, daß die Thematik uferlos ausgebreitet werden kann, eine Beschränkung also angezeigt ist, was ja mit dem Untertitel vorgesehen war. Der Autor hält sich daran nicht und wählt die drei ersten Hauptkapitel zum Vorlauf, wovon zumindest ›Unscharfe Wahrnehmung und Literatur‹ als allgemeiner Überblick (von Goethe bis zum 20. Jh.) als zwar interessanter, aber thematischer Abweg anzusehen ist. Das geht auf Kosten des wichtigen Unterkapitels ›Zum Stand der Forschung‹, für das lediglich dreieinhalb Seiten reserviert werden, wobei es nicht einmal um den allgemeinen Forschungsstand zur unscharfen Schreibweise geht, sondern um einen kurzen Literaturüberblick in Sachen Musil und Sebald. Ab Seite 103 kommt es zur thematischen Engführung, und man liest den Text mit großem Gewinn. Die Gesalttheorie  und -psychologie prägten die Poetologie Musils, eine noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eigens thematisierte Disziplin, so daß ich noch in München ein Hörer bei Philipp Lersch sein konnte.  Es mag beim ersten Eindruck überraschen, aber Gestaltwahrung ist die Voraussetzung für Unschärfe, die ja keineswegs eine Variante des Chaos ist. Unscharfen Texten und Bildern liegen erkennbare Hintergrundmuster zugrunde, visuell evident erfahrbar beim Betrachten von Werken des Impressionismus.  Die Krise der abstrakten Malerei besteht in ihrer Gestaltferne, sie setzt auf bloße Empfindungen. In der Literatur sind offene Sinnmuster nur in Grenzen möglich, weil schon jeder Satz gestaltformend ist. Die Lyrik kann leichter an ›verschwommene‹ Grenzen gehen als Prosawerke, die ohne geregelte Wortverbände (Syntax!) nicht auskommt. Genau vor dieser Werkaufgabe sah sich Musil gestellt. Dazu Ostrowicz: »Musil wendet die Gestalttheorie poetologisch an, wichtiger erscheint aber – und dies ist mit Bezug auf Musils eigene literarische Texte relevant –, daß die ästhetische Umsetzung eines Sachverhaltes bzw. die Beschreibung einer Situation auf die Erzeugung einer bestimmten Stimmung bezogen wird. Musil versucht, gestalt-theoretisch fundiert, die Erzeugung einer Stimmung beim Rezipienten mit ästhetischen Mitteln zu erklären, bzw. die Wirkungsweise einer literarischen Beschreibung, eines ›Stimmungszustandes‹ zu erläutern« (109).
Kompositorisch gesehen führt Literatur die Sinnstruktur des Autors, diejenige der vorgegebenen Sprache und diejenige des Lesers zusammen, und zwar mit poetischen Mitteln, so daß der profane Dreiklang überstiegen wird (110). Ein Zitat aus der Novelle ›Die Vollendung der Liebe‹: »Ihr Mann  hatte keine Zeit gehabt, Claudine zur Bahn zu belgeiten, sie wartete allein auf den Zug, um sie drängte und stieß sich die Menge und schob sie langsam hin und her wie eine große, schwere Woge aus Spülicht. Die Gefühle, die ringsum auf den morgendlich geöffneten, bleichen Gesichtern lagen, schwammen auf ihnen durch den dunklen Raum wie Laich auf fahlen Wasserflächen. Es ekelte sie« (112).
Bei unscharfer Schreibweise kommt es zum Zusammenspiel von Außen und Innen mit fiktionalem Überschießen.  Wartende Menschen werden zur Woge, Gesichter zu Laich und die Empfindung zum Ekel. Es lohnt sich, das Musil-Kapitel auf dem Hintergrund der aktuellen Konfrontation des Konstruktivismus mit dem Neuen Realismus zu lesen. Wenn Sprache und nicht einmal die Mathematik immer zu Eindeutigkeiten fähig sind, dann war das Tor zur French theory  geöffnet – mit den Folgen bis zur Gendertheorie.
Bei Sebald ›ereignet$ sich die unscharfe Schreibweise mit Bezug auf das Bild (Ikotex) und der Erinnerung. Die erste Referenz ist kein Beiwerk zur Sprache: »Der Leser muß den Bezug zwischen Text und Sprache selbst herstellen…« (216). Die zweite Referenzebene, die Erinnerung generell (das Gedächtnis) und die Vergegenwärtigung des Holocausts, ist die Hintergrundfolie der Literatur-Bildkonstruktion. »Dem Leser wird eine aktive Konstruktionsleistung abverlangt«, wobei es »die Frage nach der Konstruierbarkeit aufwirft« (217). Der Versuchsaufbau ist erkennbar kompliziert und substanz- und kulturphilosophisch fragwürdig. Literatur lebt vom fiktionalen Überschuß, aber wenn ihr Umgang mit der Wirklichkeit zum bloß konstruktivistischen Spiel wird, verkennt sie nicht nur die Seinsstruktur unserer Existenz, sie verengt, indem sie die Vergangenheit (als Bedingung der Möglichkeit von hoffnungsvoller Zukunftsgestaltung) schuldbeladen eindüstert, das Gedächtnis anthropologisch in nihilistische Metaphorisierung. »Verschwimmen«, das Schlüsselwort für Szenarien  der Düsternis (246 u.a.S.).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 





19. März  2017
 
Amrein, U. (Hrsg.):  Gottfried Keller Handbuch.
Leben – Werk – Wirkung, ISBN 978-3-476-02327-8
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, 420 Seiten, 69,95 Euro
 
Er steht im Literaturkanon der Eidgenossen an erster Stelle und auch im generell deutschsprachigen Kanon ganz oben. Unter Bildungsbürgern verengt sich die Wahrnehmung auf zwei Titel, auf den ›Grünen Heinrich‹ und auf ›Die Leute von Seldwyla‹. Geht man das Inhaltsverzeichnis des vorliegenden Handbuchs durch (sechs Seiten!), so darf man vermuten, daß nur wenige Kellerspezialisten das gesamte Werk überblicken. Keller (1819-1890) war Erzähler, Lyriker, Maler und Dramatiker, er verfaßte Lustspiele, hinterließ Autobiographisches und Schriften zur Politik. Sein Lebenskreis war so eng nicht, wie die eingefahrene CH-Verortung vorgibt. Von 1842 bis 1848 lebte er in München, von 1848 bis 1955 in Heidelberg und Berlin. Danach war er Stadtschreiber in Zürich und anschließend, als er es sich leisten konnte, freier Schriftsteller.
Das Handbuch gliedert den umfangreichen Stoff in
 
I  Biographie


II Werk
A  Romane und Novellen
B  Lyrik
C  Dramenfragmente
D  Schriften zur Literatur und Kunst
E  Schriften zur Politik und amtliche Publikationen
F  Autobiographisches
G  Studien-, Notiz- und Gedichtschreibbücher
H  Briefwechsel
I   Bildkünstlerischer Nachlass

III Kontexte

A  Zeitgeschichte
B  Künste
C  Kontakte


IV  Rezeption und Wirkung

A  Editionsgeschichte und Editionen
B  Literaturkritik zu Lebzeiten
C  Nachleben und Deutungskontroversen 1890-1940
D  Künste und Übersetzungen
E  Gottfried Keller als Autor des Realismus

V  Anhang

Das Personenregister verschafft Einblick in den geistigen Horizont. Ein Stichwortregister fehlt – eine verbreitete Scheu vor der kategorialen Ordnung.
 
Schon allein die Auflistung der Hauptkapitel (darunter weit über einhundert Unterkapitel) macht dem Leser deutlich, was ihn erwartet: ein Textozean, der eine historische, politische, kulturelle usw. Verortung bis in die Gegenwart aufrollt. Keller, der literarische Autodidakt, ist eine Art Gegenfigur zu den heutzutage häufig germanistisch hochgelehrten Literaten; er hatte nie ›ordentlich‹ studiert, war über Jahre ein Hungerpoet. Wie konnte einer, der die Armen- und Industrieschule besuchte und von der Schule flog, eine so herausragende Schriftstellerkarriere zuwege bringen? Schreiben war bis ins mittlere Mannesalter eine Nebenbeschäftigung. Dem Handbuch entgeht keine Lebensregung Kellers, weder sein unglückliches Verhältnis zu Frauen (seine Mutter und Schwester ausgenommen), noch sein kompliziertes zivilreligiöses Verhältnis. Bundesdeutsche Leser sollten sich nicht an der Fülle von schweiz-spezifischer Informationen (Kulturkampf usw.) stören, die der Universalisierbarkeit des Keller-Phänomens Grenzen setzen. Was bleibt, ist noch mehr als genug für ein Kellerbild im europäischen Format, d. h. für die allgemeine Zeige-Funktion eines kulturspezifischen Lebenswerks. Das wird einem beim Lesen erst so richtig bewußt, wenn man die globale angelsächsische Schreiberdominanz im digitalen Zeitalter nicht aus den Augen verliert. Beim Handbuch kommt ein wohliges Gefühl beim Lesen des Briefkapitels auf (243 ff.). Sprachmeister Keller war ein typischer »Vertreter der bürgerlichen Briefkultur«, von 2.700 Postnachrichten sind 1.600 erhalten, die eine genaue Innenschau erlauben. In München verschuldete er sich so sehr, daß seine Mutter eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen mußte. 1872 berichtete er von »8 Glas Bier / 2 Schoppen Wein«, die er zusammen mit einem Freund in einem Gasthaus verzechte, drei Jahre später behauptete er, ganz auf Tee umgestiegen zu sein (253). Es sind solche Details, die das Porträt ganz plastisch werden lassen. Das Handbuch wird seinen Platz in Universitäten und Schulen finden, aber auch bei Bildungsbürgern, die sich die Keller’sche Trias (›Der Grüne Heinrich‹, ›Die Leute von Seldwyla‹ und ›Züricher Novellen‹) nochmals vornehmen und Interpretationshilfen erwarten. Sie werden nicht enttäuscht.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



14. Februar 2017
 
Becker, Katrin: Zwischen Norm und Chaos.
Literatur als Stimme des Rechts. Legendre, Kafka, Hoffmann
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016, 314 Seiten, 39,90 Euro
 
Die vorliegende Arbeit lese ich als Autor des Romans ›Gerichtsasche‹ (Walthari-Verlag, 2. Auflage, Münchweiler a.d.Rod.,  2013) und als Wissenschaftler, der sich poetologisch mit dem Zusammenhang von Literatur und Recht beschäftigt. Die Autorin arbeitet auf den Vorlagen des französischen Juristen und Psychoanalytikers Pierre Legendre und benutzt dessen Theorie, um literarische Referenzen bei Kafka und Hoffmann aufzuspüren. Dabei holt sie historisch und systematisch weit aus, wie allein schon die Gliederung aufzeigt:
Kapitel I:    (Recht und Literatur…)
Kapitel II:   (Wort, Bild, Körper…)
Kapitel III:  (Kafka…)
Kapitel IV: (Hoffmann…)

Leser, die mit der äußerst komplexen Materie wenig vertraut sind, sollten bei ›Schlußfolgerungen‹ einsteigen (279 ff.), es wird ihnen schon auf diesen wenigen Seiten allerhand abverlangt, erst recht, wenn sie sich auf die beiden Grundlagenkapitel (I und II) einlassen. Was bei der triadischen Struktur Legendres das Metaphysische ist (3), formiert sich bei Hoffmann (in: Der Sandmann) im »Bereich des Unsprechbaren, Unsichtbaren, den eine Kultur zu umgrenzen hat, um das Leben nach Maßstäben der Vernunft zu ermöglichen – und dessen Umgrenzung zu erkennen in der Erzählung«, damit man »den wahnhaften Abgrund hinter den Bildern« erspüren kann. Den schwierigen Sachverhalt konnte man schon 1997 bei Gerhard Gamm (›Der Deutsche Idealismus‹) nachlesen, dort aber verständlicher und logischer, wenn es um die Überschreitung der Vernunft hin zum Widerspruch und Wahn in der Philosophie Schellings geht (dort besonders 239 f.). Auf Gamms Analyse nimmt Becker keinen Bezug. Die Autorin vertritt  die These, »dass in der Begutachtung der Relation jener zwei zentralen Narrative der Kultur (Literatur und Recht) um mehr geht als um die Frage nach ihrer Quelle bzw. ihrer Wechselwirkung und dass ihre Interaktion von anhaltender Bedeutung sowohl für die Literatur- als auch für die Rechtswissenschaft, vor allem aber für die Kulturanthropologie ist« (4). Die Verifizierung dieser These verkompliziert sich dadurch, daß Kafkas und Hoffmanns Exempla nicht der üblichen Interpretation unterworfen werden, sondern daß sie »ganz im Sinne der legendreschen Hypothese vom ›instinkthaften Erspüren‹ kultureller Wahrheiten durch Künstler und Literaten« geprüft werden (4 f.). Anders ausgedrückt (mit H-J. Schoeps): Nicht begrifflich-systematisch, vielmehr sind die Absichten des Dichters, die »nicht in der Dichtung stehen, sondern hinter ihr intuitiv erspürt werden«, aufzuspüren, kurz: Kulturelle Wahrheiten erschließen sich danach besser mit Schauen und Erspüren als mit begrifflicher Systematik. Wie literarische Texte auf den Leser wirken, ist danach anhand der »dem Text inhärente(n) normative(n) Strukturen im Sinne der Psychoanalyse“ zu entnehmen (7). Ausgespart bei Becker bleiben daher die Diskursanalyse, Systemtheorie u.a. So eingestimmt kann sich der Leser in das Labyrinth von rund vierzig Textabteilungen begeben, wobei er nicht so leicht den Faden verlieren würde, böte die Autorin ein Namens- und Stichwortverzeichnis und vor allem ein Glossar. Kein Leser wird beim ersten Durchgang die Textarchitektur überblicken können. Bei mir reiht sich das Buch unter ›Wiedervorlage‹ ein.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com




9. Dezember 2016
 
 
Walter, M.: Oper. Geschichte einer Institution. Mit 26 Abbildungen.
Gemeinschaftsausgabe der Verlage J. B. Metzler, Stuttgart und
Bärenreiter, Kassel,  2016, 470 Seiten, 49,95 Euro

 
Die Oper ist im Laufe ihrer 400-jährigen Geschichte wahrlich zur kulturellen Institution geworden und teilt mit einer anderen, noch weit älteren Institution, Krisenerfahrungen. Der Kirche sind die Gläubigen vielfach davongelaufen, und über die aktuelle Lage der Oper urteilt M. Walter im Schlußsatz: »Möglicherweise sind die Opernhäuser zusammen mit den Museen die letzten Rückzugsstätten des Bildungsbürgertums der letzten 150 Jahre, gerade weil das Bildungsbürgertum selbst Teil des Museums ist, das es bewundert.«
In der Tat: Das alte, bildungsbeflissene Bildungsbürgertum ist geschrumpft und mit ihm die Lesekultur und eben auch das Umfeld der Oper. Genau darum, um das Umfeld, geht es vornehmlich in diesem Buch. Dazu bietet der Autor sieben Hauptkapitel an:
I.                       Sichtweisen
II.                    Rahmenbedingungen
III.                 Organisationsformen
IV.                Rechtsfragen
V.                   Autoren
VI.                Das Opernpublikum
Zuerst war das Sängerhaus ein Privileg für den Adel, dann für Unternehmer und Stadtbürger, heutzutage  könnte jedermann die spezielle Kunstdarbietungen (aus Musik, Gesang, Schauspielkunst, Ausstattungstechnik und manchmal auch Textkunst) genießen, aber das Interesse und die Aufmerksamkeit werden massenhaft abgelenkt  (auf Fernsehen, Kino, soziale Medien und Freiluftevents). Es knistert gewaltig in der Opernwelt, die in die Deutschland ihre höchste Dichte weltweit erreicht und vermutlich ihre Standortdichte so wenig wird halten können wie bei den Orchestern. Spitzenhäuser müssen sich keine Sorgen machen, wohl aber die vielen Häuser des sog. zweiten Ranges. Während die Sozialhaushalte wachsen, schrumpfen die Kulturhaushalte, und es ist nicht ohne Ironie für die meist linksgrün orientierten Künstler, die zu Opfern ihrer Ideologie werden: Soziales frißt Kultur. Was auf dem Spiel steht, kann man bei Walter facettenreich nachlesen: ein großes Kapitel über die Unternehmeroper (66-132), über die Welt der Sänger und Agenten, über die Autoren und zuletzt über das launische Publikum, das man mit Standardanbietungen bei der Stange halten will. ›Kommerz und Niedergang der Oper‹ heißt ein Unterkapitel. Walter blickt auf Eintrittspreise, Räume, auf Galerie und Parterre und schreibt ein trauriges Kapitel über die skandalösen  Gehälterdifferenzen an den Bühnen. Eine Handvoll Spitzensänger verdienen Millionen, ein Viertel aller festangestellten Sänger muß sich mit etwa 2.500,- Euro zufrieden geben (305). »Sänger sind heute in der Regel vertraglich zur Verschwiegenheit über ihre Gage verpflichtet« - warum wohl? Hier hält sich die Kulturprominenz einen Niedriglohnsektor. Der Autor wartet mit unzähligen Einzelfakten auf, die nur wenigen Kulturpolitiker vertraut sein dürften und dem allgemeinen Publikum schon garnicht. Selbst Journalisten übersehen gerne die tristen Verhältnisse hinter der glanzvollen Außenseite. Im 19. Jahrhundert waren Opernkomponisten noch gesellschaftliche Beweger. Und heute?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



13. Oktober 2016
 
Welsch, W.: Ästhetische Welterfahrung.
 Zeitgenössische Kunst zwischen Natur und Kultur,
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016, 120 Seiten, 17,90 Euro
 
Das schmale Alterswerk enthält sechs Essays, die, mit einer Ausnahme, als Vortragstexte seit 2013 vorliegen. Nur der Vortragstext ›Fluchtpunkt Natur – Zur ästhetischen Situation der Gegenwart‹ ist eine Erstveröffentlichung. Die anderen Beiträge lauten:
  •  Ästhetische Welterfahrung,
  • Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung“ – Schillers Ästhetik als Herausforderung der modernen Denkweise,
  •  Perspektiven einer evolutionären Ästhetik,
  •  Kunst und Wirklichkeit: Opposition oder Konfusion?,
  •  Stille und Erwachen.
Fünf Texte kreisen also um Ästhetik und Kunst. Davon macht nur der Kurzbeitrag ›Stille und Erwachen‹ eine Ausnahme. Hier referiert Welsch den Zen-Buddhismus nach Dōgen (1200-1253) und räumt dabei mit verbreiteten Mißverständnissen auf. Im Unterschied zu westlichen Buddhismus-Vorstellungen mündet das Erwachtsein nach Dōgen nicht im differenzlosen Nichts. Die Erleuchtung zeigt sich im osmotischen Ineinanderfließen des eigenen Leibes und Geistes mit der Umgebung, mit dem All. »Das eigene Erfahren ist dann eine bewußte Vollzugsform des Alls – so wie alles andere auch eine unbewußte (!) Vorzugsform des Alls ist. Dieser Zustand ist nicht eigentlich ein Zustand der Leere, sondern der einer eigentümlichen Erfülltheit. Die Stille ist gefüllt. Ich und Welt schwingen gleichzeitig in ihr. Auf dem Weg dazu geht die meditative Stille in die »alltäglichen Verrichtungen“ über, man ist ›still‹ und zugleich erwacht beim Teetrinken, Arbeiten usw. Ablenkungen werden nicht bekämpft, sondern achtlos gelassen (112). Nach Dōgen soll man die Erleuchtung nicht suchen: »Unser tägliches Tun… ist die Aktivität unseres Wahren Lichts« (114). Beim Erwachtsein erscheint (!) »alles wie vorher – und doch ganz anders«.
Beim Lesen der anderen Texte wird deutlich, daß dieses buddhistische holistische In-der-Welt-sein mit ästhetischen Welterfahrungen zusammenklingt. Mensch und Welt stehen nicht dualistisch einander gegenüber, vielmehr bilden sie eine integrierte Einheit, die in der Kunst deutlich Konturen gewinnt. Der Autor zitiert Gustav Mahler beim Anblick eines Gebirges: »das habe ich schon alles wegkomponiert« (15). Welsch naturalistischer Geistableitung liegt offenbar ein Kategorienfehler zugrunde. Die philosophische Diskussion hat darin die naturwissenschaftliche hinter sich gelassen. Vgl. dazu die Zeitschrift für philosophische Forschung, Heft 1/2016, S. 28 ff., sowie Heft 64 der Literaturzeitschrift Walthari mit dem Beitrag ›Geist und Gehirn‹.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com