Walthari


Glossen / Interpretationen / Tagebuchnotizen


 
Glossen

10. Oktober 2017

 Grande Nation trickst

Das Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Frankreich. Nach den Regeln soll die Literatur des jeweiligen Landes vorgestellt werden. Paris hat sich herausgenommen, nicht Frankreich, sondern gleich die gesamte Frankophonie vorzustellen, also alle Länder und Regionen auf der Welt, die ganz oder teilweise französisch geprägt sind. Das reicht von Afrika über Europa bis nach Kanada. Bekanntlich fühlen sich die gallischen Oberen als kulturelle Missionare, weshalb die Frankophonie zur Staatsräson rechnet. Kultureller Rassismus. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels läßt sich diese Hybris gefallen.
Gewiß: Die Literatur Frankreichs ist ein kultureller Schatz, ihre politische Instrumentalisierung eine Aufnötigung.
Waltharius
© walthari. Aus: https://www.walthari.com  




28. Juni 2017
 
Gefälle Stadt – Dorf. Die Mehrheit der Menschen in ›entwickelten‹ Staaten wohnt in Städten. Die Gründe wurden in diesem Walthari-Portal schon öfter genannt: Nähe der Berufs- und Versorgungsstätten, kulturelles Angebot, Anonymität u.a.m. Die Nachteile: erhöhte Kriminalität, wenig Natur, geringes Nahklima, verödete Innenstädte, erhöhte Lebenshaltungskosten usw. Immer stärker treten urbane Kosmopoliten gegen sog. dörfliche Banausen an und umgekehrt, vor allem politisch bei Wahlen. Die Abgehängten rächen sich und befördern so den Trennungsprozeß. In den lange gerühmten kosmopolitischen Stadträumen ist es ungemütlich geworden, die Toleranz gegenüber den prägenderen Minderheiten schrumpft, und die Terrorgefahr ist in Städten viele Male höher als auf dem Lande.
 
Sprachmanipulierer. Aus Migranten wurden Flüchtlinge, aus diesen Geflüchtete und aus diesen Schutzsuchende. Dahinter steckt eine gendergeprägte Ideologie, die auch ansonsten unsägliche sprachliche Tricksereien feilbietet. Die evangelische Kirche und die Universitäten sind bevorzugte Exerzierfelder.
 
Genetische Narrative. Unter jüdischen Wissenschaftlern wird über die Bestimmung der jüdischen Identität heftig diskutiert. Da jeweils die jüdische Mutter maßgebend ist, fühlen sich die Biologisten im Vorteil. DNA-Tests sollen die Einwanderungsaussichten nach Israel erleichtern. Man stelle sich eine ähnliche Debatte in Deutschland vor. Das Schwingen der Rassismuskeulen schwärzten den Himmel ein.
 
Exzentrischer Literaturbetrieb. Es scheint, daß alle Motive und Stoffe literarisch durchgespielt sind und daß die Wiederholungen langweilen. Wer das so sieht, sucht Zuflucht zur Exzentrik, als Person und in seinen Werken. Der Kampf um Aufmerksamkeit überwuchert die stille Arbeit an der Textqualität.
© Walthari®  Aus: www.walthari.com
 


 


Interpretationen



 


Tagebuchnotizen

31. März 2018
 
Seitenlicht
  
Der agile Schweizer Literat Thomas Hürlimann hat der NZZ ein Interview gegeben (8. Februar 2018, S. 19, ganzseitig), das die Thematik meiner Autobiographie (›Mein sonderbares Leben‹, 2018) berührt. Er wie ich in einem katholischen Internat. Hürlimann lehnte sich exzessiv auf: Fluchtversuch, Fremdlektüre während des Gottesdienstes, subversive Oppositionsgesinnung (Mitbegründer eines Atheisten-Clubs), Pauschalurteile (»…der Katholik  ist nicht, wie der Protestant, seinem Gewissen verpflichtet…«) usw. Bei aller Distanz: auf all das wäre ich nicht gekommen, war ich doch froh, den beschwerlichen Bildungsgang für das Abitur nehmen zu dürfen. Bei Hürlimann keine Spuren von Dank oder  Neugier auf theologisch-philosophische Schätze. Zudem widerspruchsvoll: einerseits empfand er die tägliche Messe als »Gehirnwäsche«, andererseits preist  er die abgeschaffte Tridentinische Messe als »großes Kunstwerk“. 
© E. Dauenhauer.  Aus: www.walthari.com
 





26. Mai 2014
 
Bildbetrachtung der antiken Dichterin Sappho
 
Man weiß sehr wenig Verläßliches über diese Lyrikerin: geboren im späten 7. Jahrhundert vor Christus auf der Insel Lesbos, wo sie, unterbrochen von einem kurzen Sizilienaufenthalt, einen Kreis von Mädchen und Frauen um sich scharte, um ein Leben in Verehrung der Musen und der Göttin Aphrodite zu führen. Von ihren neun Büchern sind nur wenige Gedichte erhalten. Die Dichterin widmete der Göttin ein Kultlied, worin sie bat, sie von einer unerwiderten Liebe zu erlösen. Daraus entstand die Legende, daß sie sich in einen Jüngling verliebt hatte und sich aus unglücklicher Liebe von einem Felsen stürzte.
 
Ein klassischer Fall für die Fruchtbarkeit von Nichtwissen, wie ich es in Heft 59/2013 der Literaturzeitschrift Walthari beschrieben habe. Wissenslücken regen zur Legendenbildung und spekulativen Interpretationen an. Seit mehr als zweieinhalb tausend Jahren zieht Sappho einen Schweif aus beiden Elementen hinter sich her. Herodot spekulierte über sie, und der Dichter Anakreon (geboren um 570 v. Chr.) interpretierte Sapphos Liebeszeilen für Mädchen als homoerotisch. Doch die Verse geben das nicht her. Auf griechischen Vasenbildern ist die rezitierende und singende Dichterin abgebildet. Besonders anrührend das Duo Alkaios (geboren um 630 v. Chr.), die Lyra zupfend, und die singende Sappho auf einem Weinkübel des Brygos-Malers (um 470 v. Chr.). Auf einem pompejanischen Fresco (um 50 v. Chr.) ist eine sinnende Frau mit einem Schreibstift in der einen Hand und mit mehreren Schreibtäfelchen in der Linken abgebildet, die man als Bildnis der Sappho deutet – ein hochatmosphärisches Porträt, das die NZZ mitten in ihren Bericht über einen jüngst entdeckten Papyrusfund stellt (Nr. 43/2014, S. 24). Der Papyrus diente als Mumienkartonage und wurde radiometrisch auf die Zeit 100 – 300 n. Chr. datiert. Der Schreiber orientierte sich an einer Originalvorlage, in der Sapphos Brüder Charaxos und Larichos erwähnt werden. Angerufen werden die Götter, um »aus unserer Schwermut erlöst« zu werden, sobald Charaxos von einer langen Reise (vermutlich Ägypten) heil heimkehrt. Statt Liebeslyrik die Sehnsucht nach einer schützenden Familie.
© E. Dauenhauer.  Aus: www.walthari.com