Walthari
 

Diskussionsbeiträge


19. Oktober 2013
   
Ein aktueller Kommentar aus der Mitte der Gesellschaft
Von Kumba Dattelbrum
 
Während der drei Tage der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 verloren mehr als 90.000 (neunzigtausend) Männer ihr Leben. Napoleon war aber noch nicht endgültig geschlagen, in Waterloo opferte er, militärisch völlig sinnlos, allein am letzten Tag der Schlacht rund 100.000 (einhunderttausend) Menschenleben, als die Sache für ihn erkennbar bereits verloren war. Den Massenmörder und Kriegsverbrecher verehren viele Franzosen nicht nur im Pariser Pantheon; sie wundern sich dieser Tage, daß in Deutschland der Leipziger Völkerschlacht so wenig gedacht wird. Stattdessen titelte die Bildzeitung vom18. Oktober dieses Jahres großformatig mit ›Schlacht im TV!‹ zwischen zwei windigen Gernegroßen. Für den deutschen Philosophen Hegel war der korsische Menschenverächter der »Weltgeist zu Pferd«, für Goethe…
Doch lassen wirs! Sind die alle diese vielen Männer umsonst gefallen?
© Walthari®  Aus: www.walthari.com





5. Juli  2012

Erste Publikationsforen:
Technische Universität Dortmund und
Frankfurter Allgemeine Zeitung
 
Offener Brief von Ökonomieprofessoren

Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch. Wir, Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge. Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen in den fünf Krisenländern im Bereich von mehreren Billionen Euro. Die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas dürfen für die Absicherung dieser Schulden nicht in Haftung genommen werden, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind. Banken müssen scheitern dürfen. Wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen sollte und auch kann: die Gläubiger selber, denn sie sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen und nur sie verfügen über das notwendige Vermögen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können. Das wird ihnen aber kaum gelingen, solange die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder Pressionen ausgesetzt sein, die Haftungssummen zu vergrößern oder die Voraussetzungen für den Haftungsfall aufzuweichen. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird statt dessen der Wall Street, der City of London – auch einigen Investoren in Deutschland - und einer Reihe maroder in- und ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte betreiben dürfen.

Die Sozialisierung der Schulden löst nicht dauerhaft die aktuellen Probleme; sie führt dazu, dass unter dem Deckmantel der Solidarität einzelne Gläubigergruppen bezuschußt und volkswirtschaftlich zentrale Investitionsentscheidungen verzerrt werden.

Bitte tragen Sie diese Sorgen den Abgeordneten Ihres Wahlkreises vor; unsere Volksvertreter sollen wissen, welche Gefahren unserer Wirtschaft drohen.

Hanns Abele (Wien), Werner Abelshauser (Bielefeld), Klaus Adam (Mannheim), Niels Angermüller (Göttingen), Thomas Apolte (Münster), Gerhard Arminger (Wuppertal), Lutz G. Arnold (Regensburg), Ludwig von Auer (Trier), Phillip Bagus (Madrid), Ulrich Baßeler (Berlin), Sascha Becker (Warwick), Tilman Becker (Hohenheim), Gerard J. van den Berg (Mannheim), Annette Bergemann (Mannheim), Peter Bernholz (Basel), Norbert Berthold (Würzburg), Thomas Beißinger (Hohenheim), Martin Biewen (Tübingen), Charles B. Blankart (Berlin), Eckhart Bomsdorf (Köln), Michael Braulke (Osnabrück), Friedrich Breyer (Konstanz), Jeanette Brosig-Koch (Duisburg-Essen), Walter Buhr (Siegen), Carsten Burhop (Köln), Volker Caspari (Darmstadt), Dieter Cassel (Duisburg/Essen), Norbert Christopeit (Bonn), Erich Dauenhauer (Landau), Manfred Deistler (Wien), Alexander Dilger (Münster), Klaus Diller (Koblenz), Jürgen B. Donges (Köln), Axel Dreher (Heidelberg), Hilmar Drygas (Kassel), Jürgen Eichberger (Heidelberg), Patrick Eichenberger (Zug), Winand Emons (Bern), Peter Egger (Zürich), Wolfgang Eggert (Freiburg), Mathias Erlei (Clausthal-Zellerfeld), Hans Fehr (Würzburg), Stefan Felder (Basel), Cay Folkers (Bochum), Reto Föllmi (St. Gallen), Andreas Freytag (Jena), Jan Franke-Viebach (Siegen), Michael Fritsch (Jena), Markus Frölich (Mannheim), Wilfried Fuhrmann (Potsdam), Michael Funke (Hamburg), Werner Gaab (Bochum), Gerhard Gehrig (Frankfurt), Norbert Göötz (Nürtingen-Geislingen), Egon Görgens (Bayreuth), Volker Grossmann (Freiburg/Schweiz), Joachim Grammig (Tübingen), Wolf-Heimo Grieben (Würzburg), Thomas Gries (Paderborn), Josef Gruber (Hagen), Erich Gundlach (Hamburg), Hendrik Hakenes (Bonn), Gerd Hansen (Kiel), Hans Hartwig (Münster), Andreas Haufler (München), Harry Haupt (Bielefeld), Nikolaus Hautsch (Berlin), Burkard Heer (Augsburg), Maik Heinemann (Potsdam), Arne Heise (Hamburg), Christoph Helberger (Berlin), Florian Heiss (Mainz), Olaf Henkel (München), Thomas Hering (Hagen), Carsten Herrmann-Pillath (Frankfurt), Matthias Hertweck (Konstanz), Helmut Herwartz (Kiel), Hans Hirth (Berlin), Stefan Hoderlein (Boston), Stefan Homburg (Hannover), Jürgen Jerger (Regensburg), Uwe Jirjahn (Trier), Martin Junkernheinrich (Kaiserslautern), Leo Kaas (Konstanz), Peter Kappelhoff (Wuppertal), Alexander Karmann (Dresden), Gebhard Kirchgässner (St. Gallen), Oliver Kirchkamp (Jena), Guy Kirsch (Freiburg/Schweiz), Roland Kirstein (Magdeburg), Martin Kloyer (Greifswald), Kai Konrad (Berlin), Dietmar Kraft (Münster), Walter Krämer (Dortmund), Tim Krieger (Paderborn), Hans-Martin Krolzig (Canterbury), Jens Krüger (Darmstadt), Jörn Kruse (Hamburg), Rainer Künzel (Osnabrück), Franz Peter Lang (Braunschweig), Roman Liesenfeld (Kiel), Otto Loistl (Wien), Bernd Lucke (Hamburg), Helga Luckenbach (Gießen), Helmut Lütkepohl (Berlin), Ernst Maug (Mannheim), Georg Meran (Berlin), Peter Mertens (Nürnberg), Matthias Messner (Mailand), Dirk Meyer (Hamburg), Georg Milbradt (Dresden), Gertrud Moosmüller (Passau), Karl Mosler (Köln), Georg Müller-Fürstenberger (Trier), Marc-Andreas Muendler (San Diego), Renate Neubäumer (Koblenz-Landau), Günter Neubauer (München), Bernhard Neumärker (Freiburg), Werner Neus (Tübingen), Dirk Niepelt (Gerzensee), Volker Nitsch (Darmstadt), Peter Oberender (Bayreuth), Walter Oberhofer (Regensburg), Ingrid Ott (Karlsruhe), Wolfgang Pfaffenberger (Bremen), Hans-Georg Petersen (Potsdam), Dietmar Petzina (Bochum), Wilhelm Pfähler (Hamburg), Eva Pichler (Wien), Michael Pickhardt (Cottbus), Winfried Pohlmeier (Konstanz), Mattias Polborn (Urbana-Champain), Olaf Posch (Aarhus), Birger P. Priddat (Witten-Herdecke), Bernd Raffelhüschen (Freiburg), Olaf Rank (Freiburg), Hans-Eggert Reimers (Wismar), Franko Reither (Hamburg), Til Requate (Kiel), Rudolf Richter (Saarbrücken), Wolfram Richter (Dortmund), Paul Ridder (Konstanz), Klaus Ritzberger (Wien), Roland Rollberg (Greifswald), Gerhard Rübel (Göttingen), Ralf Runde (Siegen), Dirk Sauerland (Witten-Herdecke), Wolf Schäfer (Hamburg), Malcolm Schauf (Essen), Horst Schellhaas (Köln), Bernhard Scherer (London), Jörg Schimmelpfennig (Bochum), Burkhard C. Schipper (University of California), Ulrich Schittko (Augsburg und Friedrichshafen), Karl Schmedders (Zürich), André Schmidt (Witten-Herdecke), Dieter Schmidtchen (Saarbrücken), Gunther Schnabl (Leipzig), Hans Schneeweiß (München), Ronnie Schöb (Berlin), Klaus Schöler (Potsdam), Siegfried G. Schoppe (Hamburg), Matthias Graf von der Schulenburg (Hannover), Christian Seidl (Kiel), Franz Seitz (Weiden), Friedrich L. Sell (Neubiberg), Gernot Sieg (Braunschweig), Hans-Werner Sinn (München), Peter Spahn (Hohenheim), Georg Stadtmann (Frankfurt/Oder), Joachim Starbatty (Tübingen), Thomas Steger (Leipzig), Martin Steinrücke (Greifswald), Erich Streißler (Wien), Wolfgang Ströbele (Münster), Hans Gerhard Strohe (Oppeln), Tymon Tatur (Bonn), Theresia Theurl (Münster), Stephan Thomsen (Hannover), Karl-Heinz Tödter (Frankfurt), Stefan Traub (Bremen), Siegfried Trautmann (Mainz), Harald Uhlig (Chicago), Stefan Voigt (Hamburg), Andreas Wagener (Hannover), Gerhard Wagenhals (Hohenheim), Adolf Wagner (Tübingen/Leipzig), Martin Wagner (Graz), Klaus Wälde (Mainz), Martin Wallmeier (Freiburg/Schweiz), Gerhard Wegner (Erfurt), Joachim Weimann (Magdeburg), Thomas Wein (Lüneburg), Rafael Weißbach (Rostock), Heinz-Dieter Wenzel (Bamberg), Robert K. von Weizsäcker (München), Frank Westermann (Osnabrück), Hans Wielens (Münster), Michael Wolf (Zürich), Elmar Wolfstetter (Berlin), Klaus F. Zimmermann (Bonn), Achim Zink (Karlsruhe/Wien)

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11. Juli 2012
Eine Antwort an die Kritiker
 
Am 10. Juli 2012 erwiderten in der FAZ die beiden Initiatoren des Offenen Briefes, die Kollegen Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut München) und Walter Krämer (TU Dortmund) auf die Kritik der Bundesregierung, der Parteienvertreter und von Kollegen. Die Bundesregierung wird dabei zitatengenau beschuldigt, die Öffentlichkeit irrezuführen – peinlich für die Euroschirmbetreiber. Der Volltext der Erwiderung ist bei der FAZ abrufbar.
  Univ.-Prof. Dr. Erich Dauenhauer, Universität in Landau/Pfalz
 
»Bundeskanzlerin Merkel wirft den mittlerweile über 200 Professoren, die den Aufruf gegen die Vergemeinschaftung der Bankenschulden unterschrieben haben, vor, die Erklärung zu den Beschlüssen vom letzten EU-Gipfel nicht richtig gelesen zu haben. Es gehe nicht um die Übernahme einer zusätzlichen Haftung für Banken, und es habe sich nichts geändert. Eine Haftung für Banken sei genauso verboten wie eine Haftung für Staaten. Und Bundesfinanzminister Schäuble ergänzt, aus dem ESM sei kein Rettungsschirm für Banken geworden.
Wir weisen die Anschuldigung, die Öffentlichkeit sei in unserem Aufruf falsch informiert worden, entschieden zurück. Im Text des Gipfelbeschlusses heißt es wörtlich: „Sobald unter Einbeziehung der EZB ein wirksamer einheitlicher Aufsichtsmechanismus für Banken des Euro-Währungsgebiets eingerichtet worden ist, hätte der ESM nach einem ordentlichen Beschluss die Möglichkeit, Banken direkt zu rekapitalisieren.“ Dieser Beschluss wurde von den Kapitalmärkten euphorisch aufgenommen, weil damit, abweichend vom bisherigen Wortlaut des ESM-Vertrages, die Möglichkeit eröffnet wird, die Mittel des ESM direkt für die Rekapitalisierung der Banken zu verwenden. Damit werden die betroffenen Staaten von der Haftung für Mittel befreit, die vom ESM zur Bankenrettung zur Verfügung gestellt werden, und vor allem wird den Gläubigern der Banken die Chance eröffnet, selbst nicht für die Fehler der eigenen Investitionsentscheidung einstehen zu müssen. Überall auf der Welt wird der Gipfelbeschluss genau so interpretiert. Dass nun gerade die Bundesregierung den Sachverhalt anders sieht, können wir uns nur mit dem Bestreben erklären, die deutsche Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen…
Die vorläufige Begrenzung des ESM-Volumens ist kein Schutz gegenüber zusätzlichen Lasten, denn der Mechanismus zur Ausweitung der Haftungssummen ist im ESM-Vertrag bereits eingebaut. Die strukturelle Mehrheit der Schuldenländer in den Eurogremien wird sich sämtlicher Töpfe des ESM bedienen, die aufgestellt werden, und bei einer drohenden Leerung so lange drängeln, bis sie wieder aufgefüllt werden. Da nützen die schönsten Regeln nicht. Die Geschichte des Euro ist eine Geschichte fortwährender Vertragsverletzungen und selbst gesetzter Regeln, vom Bruch der No-bail-out-Klausel bis hin zum Verzicht auf die Konditionalität bei den Hilfskrediten des ESM. Der Ablauf ist immer der gleiche: Erst werden wir mit dem Placebo der politischen Schranken und Verhaltensmaßregeln bewogen, das Portemonnaie zu zücken, und wenn das Portemonnaie erst einmal auf dem Tisch liegt, werden wir bedrängt, auf die politischen Schranken zu verzichten. Das Spiel hat sich mittlerweile so häufig wiederholt, dass wir nicht verstehen, woher die deutsche Regierung und einige unserer Kollegen die Hoffnung nehmen, dieses Mal könnte alles anders sein.«

 


 19. August 2008

Altgriechische Bürgergesinnung 
– Rückbesinnung auf ein Freiheitsmodell als Maßstabsquelle –

Mit seiner Schrift ›Politik und Anmut‹ (2000) glaubte Christian Meier eine ›wenig zeitgemäße Betrachtung‹ (Untertitel) vorgelegt zu haben, doch sollte er sich täuschen. Nachdem ich seine Hauptgedanken in der Schrift ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ aufgegriffen hatte, häuften sich einschlägige Beiträge, ohne daß freilich auf die beiden Anstoßtexte Bezug genommen wurde.
Worum geht es? Verkürzt gesagt: um ein bürgerliches Freiheitsbegehren und um Begründungspflichten. Beide Verhaltensweisen entwickelten sich in Griechenland ab dem 8. Jahrhundert zu einem gelebten Gesellschaftsmodell, das den Staat durch direkte Bürgermitsprache kleinhielt.

»Die Bürger Altgriechenlands kämpften nicht allein gegen äußere und innere Feinde, sie kämpften vor allem gegen sich selber, gegen die Versuchungen der Feigheit, Roheit und Ungerechtigkeit. In demokratischen Zeiten vertrauten sie mehr dem Gewicht von Argumenten als auf Gewalt und List...«, führte ich aus und fuhr fort: Die Griechen kannten keine heiligen Bücher und mußten das gesellschaftliche Kunststück fertigbringen, ihre Identität ästhetisch und lebensphilosophisch herzustellen und zu bewahren. Es war die ›ganz außerordentliche Bedeutung des Ästhetischen‹, das als Klammer wirkte. Charis, die Anmut, konstituierte die Öffentlichkeit und war ›die Grundlage des Zusammenlebens‹ – eine einmalige Soziogenese, wie sie sich weltgeschichtlich seither nicht mehr wiederholte. Es gab weder Oberpriester noch einen zentralen Hof noch unangreifbare Götter. ›Die Griechen kannten auf Erden nichts über sich.‹ Was sie verband, waren Lebensgeschmack und gesellschaftliche Prinzipien (Tugenden). Geachtet wurde, wer in öffentlichen Versammlungen stil- und respektvoll aufzutreten wußte...  Die Orestie ist das beste Beispiel dafür« (Zitate im Zitat: Christian Meier).

Weiter schrieb ich: »In gelungenen Poliszeiten waren Gleichheit, Freiheit und Ordnung verwirklicht. Aus alledem entsprang die oft gepriesene griechische Helle, der leichte Sinn (rhathymia) und die kluge Weltneugier, kurz: der Glanz (lamprotes) einer Kultur, die so wenig Nachahmung fand. Meier verschweigt nicht die Schattenseiten dieser glanzvollen  Bürgergesellschaft, zu der auch die Sklaverei gehörte. Doch zu den Früchten der griechischen Polisdemokratie zählen die Geburt der europäischen Philosophie, Dichtung und Demokratie. Diese Früchte waren keine Geschenke von Göttern: ›Die Freiheit, der Glanz, die Anmut des griechischen Lebens waren keineswegs einfach ein Geschenk‹, sondern das Ergebnis einer aktiven, freiheitsbewußten Bürgerschaft, die auf Anmut, Mut und Heiterkeit setzte und der Welt ›eine neue Form des Politischen‹ vorlebte, nämlich die aktive Bürgergesellschaft. Teilhabe (an Abstimmungen, Verteidigungsmaßnahmen usw.) war zwingende Voraussetzung. Ihren Staat führten die Griechen am engen Zügel, sie verlangten bei Überschüssen sogar Gelder zurück« (Quelle: ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹, Münchweiler 2007, S. 71 ff.).

Im Merkur-Heft 10/2007 erinnerte Christian Meier erneut an das Griechenmodell: »Diesen Griechen lag sehr  viel daran, in kleinen selbständigen Gemeinwesen zu leben. So haben sie auch, als der Raum für die wachsende Bevölkerung zu eng wurde, kaum daran gedacht, ihren Nachbarn Land wegzunehmen, sondern weit in der Ferne neue, wiederum kleine selbständige Gemeinden gegründet. Sie haben überhaupt vergleichsweise sehr wenig Wert darauf gelegt, Eroberungen zu machen oder gar andere in ihren Verband aufzunehmen. Das hätte sich nicht mit dessen Charakter vertragen...  Gemeinwesen – das waren sie alle zusammen, ganz konkret und unvermittelt. Die zentralen Instanzen, die sie brauchten, sollten möglichst wenig eigene Macht haben. In voller Körpergröße, so wie sie waren, wollten sie das Ganze des Gemeinwesens selber ausmachen. Das hieß auch: Jeder sollte sich möglichst allseitig ausbilden, für alles befähigt sein. Kein Gedanke an all die Unterordnungen, Spezialisierungen, Abhängigkeiten, die heute dazu tendieren, alles im Staat kleinzumachen, die Einzelnen auf Funktionen zu beschränken und zu instrumentalisieren. Vielleicht kann man sagen: Die Gemeinwesen sollten klein sein, damit die Zugehörigen möglichst groß sein konnten« (S. 939 f.; Hervorhebung: E.D.).

Wenn die Polis in Not geriet, beauftragten die Bürger einen der Ihren, um das »Gemeinwesen wieder ins Lot zu bringen. Wer damit betraut war, konnte wie ein Monarch wirken, wenn es galt, akute Mißstände zu beheben. Andererseits mußte er, in Hinblick auf die Zukunft, sich selbst wegdenken. Die Gemeinwesen – anders gesagt: die verschiedenen Kräfte in ihnen – sollten ja befähigt werden, sich selber zu halten; in der richtigen Balance« (S. 943; Hervorhebung: E.D.). Für Solon von Athen war Maßhalten (mäte lian) der Schlüssel zur rechten Ordnung. »Die Mahnung, maßvoll zu sein, hatte das Delphische Orakel mit aller Macht den Griechen eingeschärft. ... Man kann es kaum anders verstehen denn als Ausdruck der Tatsache, daß, wo kein Subjekt herrschen soll, die Suche nach einem Objektiven, nach dem Maß, das Korrelat der Freiheit ist. Gewiß, ohne spezifische Maßverhältnisse geht es auch anderswo nicht. Aber hier scheinen sie geradezu existentiell gebraucht worden zu sein. Es scheint, daß in diesem vielfach so maßlosen Volk geradezu im Übermaß nach dem Maß gestrebt worden ist – auf der ganzen Skala kultureller Äußerungen« (S. 944). 

Davon und von den weiteren Merkmalen der griechischen Gesellschaft sind die heutigen Wohlfahrtsstaaten mondweit entfernt. Eine Wende könnte nur »aus der Mitte der Gesellschaft« erhofft werden, doch der Parteienstaat hält alle Bürgerlichkeit nieder und verengt Zug um Zug die Freiheitsräume. Kurz gesagt: zu viel Staat, zu wenig Gesellschaft. Was wir haben, sind systemwendige Politiker in »grauen Anzügen«, also Mittelmaß. In den Hybridräumen der modernen Medien ist bürgerliche Agora-Kommunikation unmöglich. Das »Modell einer in die Zivilgesellschaft eingelassenen Politik« gehört nach Wieland Elffding »längst zum Gerümpel«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com